Artur Landsberger
Raffke & Cie.
Artur Landsberger

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Vierzehntes Kapitel

Aber auch Frida richtete mit ihren Bitten nichts bei Günther aus. Alles was sie erreichte, war eine Bedenkzeit bis zum nächsten Morgen.

»Dazwischen also liegt eine lange Nacht!« dachte sie. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf! Sie erwog alle Möglichkeiten. Bis zur letzten dachte sie alle durch. Diese letzte verwarf sie. – Und beschloß endlich, aufzubleiben und zu warten, bis er abends nach Haus kam.

Sie wußte, er war bei Röhrens. Zwar: wenn er von Röhrens kam, war er zu ihr nicht gerade am nettesten, sagte kaum: gute Nacht, schützte Müdigkeit oder Arbeit vor, eilte hinauf in sein Zimmer, wo dann meist noch stundenlang Licht brannte – während er sonst gern noch ein Weilchen mit ihr im Garten saß, plauderte, lachte, sich von ihr erzählen, wohl auch die Hand drücken und über die Stirn fahren ließ. Ein paarmal hatte er ihre Hand sogar festgehalten, den Arm um sie gelegt und sie herzhaft auf den Mund geküßt. Aber, war das geschehen, dann ging er ihr die nächsten Tage, wo er konnte, aus dem Wege und sah, wenn sie ihm doch über den Weg lief, scheu zur Erde, als wenn er sich etwas vorzuwerfen hätte.

Frida legte das falsch aus: Sie hielt es für Schamhaftigkeit und Scheu und dachte wohl auch, daß in seinem Unterbewußtsein ein wenig Zuneigung dabei im Spiele sei. –

Günther wurde heute bei Röhrens laut gefeiert. Alle beglückwünschten ihn zum Examen. Vor allem fragten sie voller Interesse nach der Operette, wollten von dem Verlauf der Proben, von der Besetzung, von dem Leben hinter der Bühne und den Aussichten des Stückes hören. So lernte er zum ersten Male das Glück kennen, Mittelpunkt eines Kreises zu sein, der ihn bisher kaum beachtet und nie für voll genommen hatte.

Es war gegen Ende des Abends, als er mit Suse Röhren ins Gespräch kam.

»Ich freu' mich auch,« sagte sie. »Aber ich wünschte, es wäre erst vorüber.«

»Meinen Sie die Operette?« fragte Günther.

Sie sah ihn an und staunte.

»Was wohl sonst? Meine Eltern gehen auch hin. Überhaupt, wo man hinhört, wird davon gesprochen. Wenn Sie nur nicht durchfallen, Günther.«

»Es würde mir schaden, nicht wahr?«

Sie sah ihn an.

»Es täte mir leid. Aber Sie dürften es sich nicht zu Herzen nehmen. Es braucht ja nicht gleich beim ersten Male der große Erfolg zu sein.«

»Und wenn ich überhaupt darauf verzichten würde, wenigstens diesmal, mit meinem Namen hervorzutreten?«

»Aber nein! – Und dann, wo es doch jetzt jeder weiß.«

»Ich könnte sagen, daß die Hauptarbeit nicht ich gemacht habe.«

»Erstens würde man es nicht glauben. Und dann würde es dem Stück und vor allem Ihnen persönlich schaden.«

»Glauben Sie?«

»Ich bin überzeugt.«

»Was würde man davon halten?«

»Darf ich es sagen?«

»Bitte!«

»Aber Sie dürfen nicht böse sein.«

»Gewiß nicht.«

»Ich glaube, Sie würden sich damit lächerlich machen.«

Günther fuhr zusammen.

»Und Sie, Fräulein Suse, was wäre mit Ihnen?«

»Es würde mir weh tun.«

Andere kamen hinzu, und sie sprachen wieder von gleichgültigen Dingen.

Als sich Günther verabschiedete, sagte Suse:

»Das war doch vorhin nur so ein Gedanke von Ihnen?«

Günther schüttelte den Kopf.

»Dann versprechen Sie mir, daß Sie es nicht tun.«

Und Günther, der wußte, daß er für diese Welt, die sich ihm eben erschloß, für immer erledigt war, wenn er den Weg ging, den ihn das Gewissen wies, gab Suse die Hand und versprach's.

Es war Mitternacht, als er nach Hause kam. Frida stand am Fenster und erwartete ihn. Als er die Gartentür aufschloß, kam sie ihm entgegen.

»Du noch auf?« fragte er. »Es ist ja Nacht.«

»Und wenn du bis zum Morgen fortgeblieben wärst, schlafen kann ich doch nicht, ich hatte gewartet.«

Er sah sie an.

»Nun?« fragte sie lebhaft.

Er nickte.

»Ich hab' es mir überlegt,« sagte er, »mein Name bleibt«

»Günther!« jubelte Frida laut und fiel ihm um den Hals.

Er faßte sie um die Knöchel und machte sich frei.

»Laß das!« sagte er scharf, ließ sie stehen und lief ins Haus.

Frida stand verblüfft und sah ihm nach.

»Mir zuliebe tut er es nicht!« sagte sie laut und ballte die Fäuste.

 


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