Artur Landsberger
Raffke & Cie.
Artur Landsberger

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Fünfzehntes Kapitel.

Die Operette hatte den üblichen Erfolg, und die Jugend des Textdichters, die durch kostspielige Propaganda geschickt genutzt wurde, verhalf ihr zu jener Sensation, ohne die sich keine Operette heute mehr auf dem Spielplan hält. Cäcilie ließ sich den Ruhm ihres Sohnes etwas kosten.

Fast alle illustrierten Zeitungen brachten Günthers Bild. In der »Neuen Gesellschaft« bekannte sich der Maestro als Entdecker des jungen Dichters, dem er eine große Zukunft prophezeite. Schon war die Rede von weiteren Werken. Komponisten rissen sich um die Vertonung, Theaterdirektoren um die Erstaufführung.

Günther zog sich von allem zurück und ging auf ein paar Wochen in die Berge. Er hatte nur einen Wunsch, sich vor sich selbst zu rehabilitieren. Das war nur dadurch möglich, daß er ein Werk schrieb, das ausschließlich von ihm war. Er saß jeden Tag zehn Stunden in seinem Hotelzimmer und schrieb. Statt einer Operette wurde es ein soziales Drama. Er las es Frida vor. Die meinte:

»Keine Rolle für mich! Und außerdem langweilig.«

Er gab's dem Maestro zu lesen.

Der raufte sich sein Künstlerhaar, gab ihm das Manuskript zurück und sagte:

»Um Gotteswillen; das ist ja schrecklich! Leute Ihrer Sphäre mit sozialen Anwandlungen gehören ins Sanatorium, aber nicht auf die Bühne. Das sind Kinderkrankheiten, die in Ihren Kreisen neuerdings epidemisch auftreten. Wenn Sie – was ich nicht einsehen kann – durchaus den Wunsch haben, an Ihrem nächsten Stücke mitzuarbeiten – in Gottes Namen, ich will mit Viktor Grün sprechen. Aber ich sage Ihnen gleich: er wird nicht entzückt sein.«

Und Viktor Grün war es in der Tat nicht.

»Denken Sie, ich hab' meine Zeit gestohlen?« rief er, als der Maestro ihm Günthers Wunsch unterbreitete. »Das hält nur auf! Lassen Sie den jungen Mann seinen Ehrgeiz wo anders austoben als ausgerechnet in der Operette. Reden Sie ihm das aus! Er denkt sich am Ende, das sei eine anregende Arbeit oder gar Kunst. Sagen Sie ihm, das ist ein Handwerk wie jedes andere. Nun ja, ein gutes Gedächtnis gehört dazu, aber die Hauptsache sind doch Uhr und Schere.«

Der Maestro berichtete Günther wortgetreu. Der aber bestand darauf. Und am nächsten Tage machte er sich zu Viktor Grün auf den Weg.

»Also,« empfing er Günther, »statt die schöne Studentenzeit zu genießen, haben Sie sich in den Kopf gesetzt, mich hier bei der Arbeit zu stören! Nett ist das nicht von Ihnen!«

Günther widersprach sehr lebhaft. Und Viktor Grün erkannte, daß dagegen nicht anzukämpfen war.

»Gut!« sagte er. »Gehen wir an die Arbeit! Bitte!« und er bat ihn, ihm gegenüber Platz zu nehmen.

Auf dem Tische lagen illustrierte Zeitungen, eine Unmenge Textbücher, eine Uhr, eine Papierschere, eine Tube Klebstoff, leeres Papier und zahllose Bleistifte.

Viktor Grün schob ihm die Schere hin.

»Also fangen wir an!« sagte er.

Günther nahm die Schere auf und fragte erstaunt:

»Was soll ich denn damit?«

»Wir müssen zunächst doch 'mal die drei Paare haben.«

»Was für Paare?«

»Na, die üblichen Operettenpaare, die die Handlung machen, Couplets singen und sich im dritten Akte kriegen. Sie haben aber wirklich keine Ahnung.«

»Ja . . . aber?« fragte Günther ganz ängstlich.

»Wenn wir sie vor uns liegen haben und sie je nach Bedarf und Zeit auftreten und abtreten lassen können, so vereinfacht das enorm. Also los! Schneiden Sie irgend eine Frauensperson da aus! – So! – Nun schreiben Sie 'rauf: Erste Soubrette! – Gut! Geben Sie her! – Nu ihr Partner. Da haben Sie ja so'n Onkel.«

Günther sah ihn hilflos an.

»Na, worauf warten Sie denn? Der paßt doch bildschön! – So! – Schreiben Sie 'rauf: Tenor. Na, also, Sie sind ja gar nicht so unbegabt! – Und nun das zweite Paar– die zweite Soubrette. – So, und jetzt kommt ihr Bariton. Nun schnell noch die komische Alte und ihren Partner! – Famos!« –

Viktor Grün legte alle sechs Figuren ausgebreitet auf den Tisch. – Dann blätterte er in den Textbüchern. – »Hier! Das wäre zum Beispiel was! ›Die schöne Galathee‹. Das kennt zwar jeder, aber umso besser: Wiedersehn macht Freude. Wir ändern natürlich den Trick. Die Mühe muß man sich schon machen. Eine Büste, wie hier, kann's nicht sein, die zum Leben erwacht. Also, was kann außer einer Büste noch erwachen? Strengen Sie Ihre Phantasie 'mal an.«

Dann stand er auf.

Günther saß noch immer, die Schere in der Hand, vor dem Tisch. Nicht fähig, einen Gedanken zu fassen, sah er bald auf die Puppen, die da ausgebreitet lagen und darauf warteten, daß sie, von Viktor Grüns Gnaden zum Leben erweckt, tanzen und singen und alle möglichen anderen Allotria treiben durften. Dann wieder sah er zu Viktor Grün auf, der jetzt, mit aufeinander gebissenen Lippen und hochgezogener Stirn, mit großen, schweren Schritten durch das Zimmer stampfte und laut dachte:

»Also, 'was kann noch erwachen? Ein Scheintoter. Natürlich! – das läge am nächsten. Aber, wo ist da der Witz? Und Witz muß sein. Ohne den geht's nicht. – Ein Bild! – Nicht übel! Was meinen Sie? Hm. Die Ähnlichkeit ist zu groß. Büste – Bild, da hakt die Kritik ein. Die Brüder kommen auf alles. – Also – 'mal anders 'rum!«

Er trat an den Tisch heran und sah sich die Puppen an.

»Hm. Am besten natürlich, die erste Soubrette.« Er legte das Bild in die Mitte des Tisches, beugte sich darüber und starrte es an. »Bild – Büste – Mm . . . – Prachtvoll!« rief er plötzlich. – »Natürlich! Eine Mumie! Was sagen Sie dazu? Ist die Idee nicht grandios? Eine Mumie, die zu gesund tausend Jahre geschlafen hat und nun erwacht – für einen Abend! Na, wenn das kein Schlager wird! So 'ne olle Ramsestochter, die plötzlich in die moderne Welt versetzt wird. – Also das Stück ist fertig! Nu noch ein paar Couplets. Die kramen wir heraus!« – Dabei wies er wieder auf den Berg von Textbüchern. – »Und dann den Text. Aber nur nicht zu viel. Je weniger, umso besser. Und dann immer nur als Verbindung von einem Couplet zum andern.« – Er setzte sich wieder an den Tisch, nahm Bleistift und Papier und schob die Uhr heran.

»Also zehn nach acht bis viertel, halb elf, das sind hundertfünfundzwanzig Minuten, davon gehen ab: erste Pause fünf, zweite Pause fünfzehn, also zwanzig Minuten, bleiben hundertfünf. Durch drei Akte, macht pro Nase . . . ich meine pro Akt: fünfunddreißig Minuten. Pro Akt zwei Couplets, macht zwanzig, Auftrittslied, Finale, bleiben für den Text pro Akt fünfzehn Minuten. Also geschehen darf nicht viel, da wir viel Witze hineinnehmen« – er zog ein dickes, vollgeschriebenes Heft aus der Tasche und blätterte darin – »ich denke mir so acht bis zehn auf den Akt, lauter gute erprobte Sachen, – so muß man pro Akt mindestens sieben bis acht Minuten auf die Lachpausen rechnen. Hm! na, schön! – Wo soll se also nu erwachen, die Mumie? – Im Museum! Während irgend so'n verrückter Engländer in ihre Betrachtung versunken ist, weil se zwei Sterne im Bädeker hat? Was meinen Sie? Der ist so begeistert, daß er sie für schweres Geld erwirbt. Am Ende während der Fahrt über den Kanal? Was meinen Sie, wenn man so tausend Jahre eingepökelt gelegen hat, und plötzlich kitzelt einem die frische Seebrise um die Nase. Die Luftveränderung! Ich sage Ihnen, das ist noch nicht mal 'n Wunder, wenn da selbst 'ne Mumie wieder zu sich kommt. Und dann das Leben da auf so'm Ozeanschiff! Ich sage Ihnen, das ist eine Idee, das gibt Stoff für ein Dutzend Operetten. Von der Idee, da mausen die Operettendichter noch nach hundert Jahren bei uns!«

Er ging ans Telephon, nahm den Hörer ab und ließ sich mit dem Direktor der Residenzbühne verbinden.

»Also, Direktor, ich gratuliere! Die Operette ist so gut wie fertig! – Ich sage Ihnen, das wird ein Weltschlager. – Sie können die Proben für übermorgen ansetzen. Was noch fehlt, das bißchen Dialog, das mach' ich am besten auf den Proben. – Auf Wiedersehen abends! Prost! äh . . . Adieu wollt' ich sagen.«

Dann ging er an den Tisch zurück.

»So! Das wäre die Operette! Das heißt, wegen der Gesangstexte, da müssen wir schon noch eine halbe Stunde drauf verwenden. Wie ist's, paßt es Ihnen morgen?«

»Nein!« sagte Günther, obschon er nichts vorhatte.

»Na, das tut nix,« erwiderte Viktor Grün. »Ihr Gewissen ist nun hoffentlich beruhigt und Sie überlassen das mir.«

Günther stand auf, reichte Viktor Grün flüchtig die Hand und ging.

In der nächsten Nummer brachte die »Neue Gesellschaft« in Sperrschrift die Notiz:

»Günther Raffke, dessen Operette ›Die fesche Samoanerin‹ nach ihrem Berliner Erfolg von über vierzig Bühnen zur Aufführung erworben wurde, ist mit einer neuen Bühnenarbeit beschäftigt, die ihrer Vollendung entgegengeht.«

 


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