Artur Landsberger
Raffke & Cie.
Artur Landsberger

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Sechstes Kapitel.

Trotz dieses Beschlusses des Familienrats blieb das Verhältnis zwischen Günther und seiner Violine ein gespanntes. Günther fühlte – und zwar um so deutlicher, je mehr er übte – daß an eine Verständigung nicht zu denken war. Er mochte es anstellen, wie er wollte – das Instrument blieb widerspenstig, ging seine eigenen Wege und gab Töne von sich, die zum Entsetzen des Maestro stets die falschen waren.

Eines Tages riß ihm die Geduld. Er quälte sich wieder einmal mit seiner Violine, während seine Mitschüler den freien Nachmittag zu einer Ruderpartie benutzten. Cäcilie saß dabei, mit geschlossenen Augen, und träumte in die Zukunft. Drüben im Leutehaus schloß irgendwer lärmend die Fenster. Cäcilie fuhr aus ihren Träumen auf, hob den Kopf, öffnete die Augen und rief:

»Unerhört!«

Günther benutzte, wie jede, so auch diese Gelegenheit, um das Spiel zu unterbrechen. Er trat auf den Balkon und sah, wie drüben hinter dem Fenster seine Milchschwester Frida Linke höhnisch zu ihm hinauflachte.

»Von wo kommt der Lärm?« fragte Cäcilie.

»Drüben von Linkes! Ich glaube, es gilt mir.«

»Skandalös!« sagte Cäcilie. »Diese Leute werden nachgerade unerträglich und vergessen immer mehr, daß sie Domestiken sind!«

Frida griente immer höhnischer zu Günther hinauf.

»Da werde ich doch einmal selbst . . .« rief Günther zornig, legte die Violine fort, behielt den Bogen in der Hand und stürmte in den Garten.

Frida war, als sie Günther kommen sah, vom Fenster weggetreten. Sie griff nach dem ersten besten Knüppel, der ihr in die Hände fiel, lief ihm über den Korridor entgegen und stieß in dem schmalen Hausflur mit ihm zusammen.

Für ihre vierzehn Jahre waren sie beide gut entwickelt. Günther durchaus noch jungenhaft, unbekümmert, mit dem offenen Blick in den blauen Augen. Frida, wenn auch noch mädchenhaft, so doch bewußt im Blick und in der Bewegung, und nahe der Schwelle, die von dem unbewußten Glück der Kindheit mitten in die Unnatur des großen Welttheaters führt.

»Ergib dich oder ich schieße!« rief sie ihm entgegen und legte den Stock ihres Vaters wie ein Gewehr an die Schulter.

Aber Günther war nicht zum Scherzen zumute.

»Warum lachst du mich aus?« fragte er bitter.

»Erst liefere den Degen ab!« gebot Frida und setzte ihm zuliebe eine ernste Miene auf.

Günther betrachtete seinen Violinbogen und empfand nun selbst die Komik der Situation.

»Sagst du es darum?« fragte er beschämt.

»Ja!« erwiderte Frida.

Günther reichte ihr den Bogen.

»Was soll der Unsinn?« fragte er. »Warum hast du die Fenster zugeschmissen und mich ausgelacht?«

»Soll ich etwa weinen, weil du mit deinem miserablen Spiel die Luft verpestet?«

Günther fuhr entsetzt zurück.

»Glaubst du, das hält ein Mensch auf die Dauer aus? – Vater wird fuchswild von deiner Musik, und wir haben nachher unter seiner Wut zu leiden.«

»Also so furchtbar findet Ihr mein Spiel?« fragte Günther verlegen.

»Noch furchtbarer! Vater sagt, du machtest von Tag zu Tag Fortschritte im Falschspielen.«

»Und . . .« fragte Günther zögernd, »woher weiß denn das dein Papa?«

»Weil er Gehör hat und nicht so verboten unmusikalisch ist wie die gnädige Frau Cäcilie und ihr Herr Sohn, namens Günther!«

»So? – und weißt du, was jetzt geschieht?«

»Nun?«

»Jetzt kommst du mit mir hinauf zu meiner Mama und sagst ihr wörtlich das, was du mir da eben gesagt hast«

»Ich werd' mich schwer hüten.«

»Du wirst es!« sagte er bestimmt.

»Damit sie uns alle an die Luft setzt! – Ich denke nicht daran. Erst müssen wir wissen, ob Vater bei Röhrens wieder ankommt«

»Ich will aber, daß du es tust!« verlangte Günther.

Frida schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein!«

»Feig bist du! Weißt du das?«

»Schlau bin ich!« erwiderte Frida, »das ist alles!«

»Also dann sag' mir, wie ich es anstelle, daß du es tust!«

Frida dachte nach.

»Ach so, du meinst, daß du mir etwas schenkst.«

»Auch das.«

»Hm! Nun, das Geeignetste wäre wohl, du schenktest mir deine Violine.«

»Gut!« – Er reichte ihr die Hand hin und sagte: »Abgemacht!«

Frida schüttelte den Kopf.

»Bei eurem Geld, was nützt das? – Morgen kauft deine Mutter dir eine neue.«

Günther machte ein ernstes Gesicht und meinte:

»Da hast du recht. Das glaub' ich auch. Also wünsch' dir was andres.«

»Hast du Geld?«

»Etwas.«

»Kauf' mir so einen Spitzenschal, wie deine Mutter hat.«

»Gut! – Aber nun komm!«

»Erst den Schal!«

»Nein! Im voraus zahlt man nicht.«

»Gib mir dein Wort!«

Günther gab's, und beide gingen schnellen Schrittes über den Hof in die Villa.

Er öffnete die Tür, die in den Salon führte.

»Bitte!« sagte er und ließ Frida eintreten. Dann trat er selbst ein und schloß hinter sich die Tür.

»Nanu?« fragte Cäcilie erstaunt und sah hoheitsvoll Frida an, die mit dem Stock ihres Vaters vor ihr stand. »Du hast dich wohl verlaufen?«

»Nein!« erwiderte Günther. »Ich habe sie gebeten.«

»War sie widerspenstig?« fragte Cäcilie.

»Sie hat mir die Augen geöffnet. Das heißt: ich wußte es längst.«

»Was hat sie? Was wußtest du?«

»So sag's!« wandte sich Günther an Frida.

»Also?«

Frida trat einen Schritt vor. Dann nahm sie keck den Kopf zurück und sagte:

»Es ist von wegen dem Violinspiel.«

»Was ist damit?«

»Es ist unerträglich.«

Cäcilie sah sie groß an.

»Wa . . .?« rief sie.

»Es wird alle Tage ärger.«

»Wa . . .?« wiederholte Cäcilie.

»Es ist schon nicht mehr zu ertragen, so falsch spielt er.«

»Wer?« fragte Cäcilie ganz entsetzt.

»Na, Günther!«

»Du bist wohl toll?«

Und auf die drohende Haltung hin, die Cäcilie jetzt einnahm, fuhr Frida fort:

»Nein! Aber Vater sagt, man kann's dabei werden. Das heißt« – lenkte sie ein – »wenn die Fenster geschlossen sind, ist es nicht halb so schlimm.«

»Du bist eine dumme Jöhre, die ihre vorlaute Nase in Dinge steckt, die ihr nicht zukommen! Ich werde deinem Vater sagen, daß er dich bestraft. Und nun hinaus mit dir! Vorwärts!«

»Vater denkt genau wie ich!«

»Da hörst du's!« sagte Günther.

»Ich bitt' dich, was verstehen denn die Leute davon!«

»O bitte sehr,« widersprach Frida, »wir sind eine sehr musikalische Familie. Mein Bruder Paul spielt die erste Geige im Orchester des Kaufmännischen Vereins, und Pauline und ich haben seit unserem achten Jahre Klavierunterricht bei Fräulein Stremme.«

»Für unser Geld!« rief Cäcilie. »So zieht man sich die Opposition groß. Aber ich werde deinem Papa den Brotkorb höher hängen. Ihr solltet lieber etwas Praktisches lernen, statt solchen Luxus zu treiben, der euch nicht zukommt.«

»Vater sagt, Musik ist für alle da, die Talent haben. Die andern sollen die Finger davon lassen.«

»Soll sich das etwa auf ihn beziehen?« fragte Cäcilie und wies auf Günther.

»Ich glaub' schon, denn Vater sagt immer, wer's sich anzieht, den geht's an.«

»Eine nette Erziehung scheinst du zu genießen.«

»Ja, das ist wahr,« erwiderte Frida, »damit hapert's. Vater sagt immer, wenn ich nur Zeit hätte, euch zu erziehen.«

»In deinem Alter sollte man überhaupt wissen, was sich schickt.«

»Das weiß ich auch!«

»So? Du meinst also, daß es für die Tochter eines Domestiken paßt, sich in herrschaftliche Angelegenheiten zu mischen?«

»Wenn ich gefragt werde, ja!«

»Wer hat dich denn gefragt?«

»Ich!« rief Günther. »Und ich bin froh, daß ich's getan habe. Denn nun hat die Quälerei endlich ein Ende.«

»Was soll das heißen?« fragte Cäcilie.

»Daß ich nie wieder die Violine in die Hand nehmen werde.«

»Günther!« schrie Cäcilie entsetzt.

»Schade um die schöne Zeit, die ich damit vergeudet habe.«

»Was für eine Sprache!« rief Cäcilie.

»Ich habe mich lange genug lächerlich gemacht . . .«

»Du weißt ja nicht, was du sprichst.«

»Doch! Mir ist ordentlich leicht in dem Gefühl, davon befreit zu sein.«

»Das ist ja furchtbar! Was soll denn aus dir werden?«

»Das weiß ich nicht. Das wissen von uns Unter-Sekundanern die meisten noch nicht. Jedenfalls nichts, was mit Musik zu tun hat.«

»Du lehnst dich auf!«

»Was ich sage, richtet sich doch nicht gegen dich.«

»So! Nun, dann will ich dir sagen, daß es sich nicht nur gegen mich und deinen Vater richtet, sondern gegen alle, die es gut mit dir meinen.«

»Und was wollen die?«

»Daß du dank dem Reichtum deines Vaters, statt sich in seinem Büro abzurackern, einmal auf den Höhen der Menschheit wandelst und Künstler wirst.«

»Allmächtiger!« pruschte Frida heraus.

»Was hast du schon wieder hineinzureden?« schalt Cäcilie.

»Um Künstler zu werden, dazu gehört doch eine Begabung.«

»Was weißt denn du?«

»Sie hat ganz recht!« trat ihr Günther bei.

»Gewiß!« sagte Cäcilie, »für gewöhnliche Menschen trifft das zu, aber nicht für dich. Da geht's auch so! Verlaß' dich auf uns! Wir haben für alles gesorgt. Und statt dich von Domestikenkindern beschwatzen zu lassen, folge uns: Wir wissen, was wir tun!«

»Ich will mich nicht auf andre verlassen. Und wenn ich einen Beruf ergreife, will ich auch etwas leisten. Und in der Musik, das weiß ich, da wird nie etwas Gescheites aus mir.«

»Also nun hab' ich genug!« sagte Cäcilie schroff. »Das ist der Dank dafür, daß man von früh bis spät an nichts anderes als an dich und deine Zukunft denkt. Sechs Jahre lang geht's, und plötzlich, weil eine hergelaufene Jöhre dich aufhetzt . . .«

»Nein! nein!« unterbrach sie Günther. »Das ist nicht seit heute erst. Das weiß ich seit Jahren und merke es von Tag zu Tag deutlicher.«

»Unsinn! Das redest du dir ein. Das weiß man selbst nicht. Das können nur andre beurteilen.«

»Da haben Sie recht!« entfuhr es Frida.

»Hinaus mit dir!« schrie Cäcilie. »Das wirst du teuer bezahlen! Den Sohn gegen die Mutter zu hetzen! Warte! – Und du« – wandte sie sich an Günther – »gehst hinauf und übst, nach der Uhr bis sechs, nicht eine Minute früher hörst du auf.«

»Bleib!« rief Günther und hielt Frida, die eben zur Tür hinaus wollte, fest.

»I was!« erwiderte die und suchte sich loszumachen. »Du läßt dich ja doch beschwatzen.«

»Nein! – Hier« – und er brach den Violinbogen mitten durch und warf ihn Cäcilie vor die Füße – »nicht eine Note mehr! Und wenn du mich aus dem Hause jagst!«

»Bravo!« rief Frida und zog Günther mit sich aus der Tür hinaus. »Du hast ja Courage!«

Cäcilie sank auf den Sessel und schloß die Augen. Erst war ihr Ausdruck ernst; dann aber lächelte sie und sagte laut:

»Eine Herrennatur!«

 


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