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13

Die Länder am Rhein lagen in Krankheitsschauern. Ihr dumpfes Stöhnen rang verzweifelt zum Himmel, blieb in der lastenden Luftschicht hängen, sank schwer wie ein Alb auf die Stöhnenden zurück. Eine Pest lief vom Niederrhein bis zur Pfalz, breitete sich links und rechts in den Städten und Landgemeinden der Flußtäler aus, überzog grinsend vor gemeiner Lust Eifelberge und Hunsrück, die Taunushänge und den Westerwald. Und keinem Arzt war es gestattet, den Bedrohten beizuspringen in ihrer Not, die Seuchenträger zu vernichten, die Seuchenherde auszubrennen bis auf den Grund.

Die Menschen des Rheins, verarmt und verelendet an Leib und Leben, sollten in ihrer tiefen Ohnmacht noch ihres Letzten, ihrer deutschen Ehre, entkleidet werden. Durch die Nächte heulte es wie langgezogene Hyänenrufe.

»Frei-Rhein! Frei-Rhein!« heulte und höhnte es an beiden Ufern, und im Namen der Freiheit sprang es in Rudeln dem freien Selbstbestimmungsrecht des Volkes an die Gurgel und biß ihm die Schlagader durch.

Da wollte kein Gegenruf mehr aus der verblutenden Kehle.

Eine Woge von Kot wälzte sich über das entsetzensstarre Rheinland und erstickte bald das letzte Aufbegehren, den letzten Hilfeschrei. In stumpfer Willenlosigkeit starrten die zermürbten Menschen auf die einbrechenden Scharen der Hundertschaften, die zu Tausendschaften anschwollen, und keiner hatte sie je zuvor gesehen. »Frei-Rhein! Frei-Rhein!« wieherte und wogte der Losungsruf der Zerlumpten und der Buntgekleideten, der Barfüßigen und derer in Reiterstiefeln, er wieherte und wogte in allen Zungen, in rheinischen und berlinischen Sprachlauten, in breitgefügtem Bayerisch und im Singsang der Schlesier und Polen. Aus Ost und West waren sie zusammengelaufen, die Niegesehenen und Immervorhandenen, und als sie eine Strecke gelaufen waren, gab es keine Zerlumpten mehr unter ihnen und keine Barfüßigen, wenn auch ihre Schleppsäbel an Bindfäden hingen und die gestohlenen Jagdgewehre und Vogelflinten an Schnüren und Lederwerk aller Art. Einen Revolver aber trug ein jeder in der Hand, und manche, die des Schießens nicht kundig waren, hielten ihn, den gekrümmten Finger am Drücker, weit von sich ab, und es waren die gefährlichsten.

Wieder lastete der Friedensvertrag von Versailles mit Zentnerschwere auf Deutschland und billigte ihm nicht zu, eine bewaffnete Truppe in die abgeschnürten deutschen Lande zu senden und den immer wilder und wüster sich gebärdenden Spuk wie eine winselnde Masse im Rhein zu ersäufen.

Und die Woge von Kot wälzte sich über die großen und ruhmreichen Städte des Rheins, und als sie brodelnd verharrte, war sie rot vermischt mit Bruderblut. Und sie wälzte sich auf die Dörfer und langte nach Kornspeichern und Viehställen, und der Bauer sah sein Hab und Tut hinweggeschwemmt zur Ernährung landfremder Sonderbündlerhaufen.

Frei-Rhein! Frei-Rhein! Freien Zutritt hatte die Pest am Rhein, und die Arzte standen gelähmt bei den ohnmächtigen Kranken. Es lebe der freie Rheinstaat! Es lebe der Sold! Dreimal lebe der fremde Soldgeber!

Durch die Nächte heulten die langgezogenen Hyänenrufe.

Friedrich Thorsberg durchschritt die geschändete Kaiserstadt Aachen und das hilflos zu Boden getretene Düsseldorf. Er durchschritt die stummgewordene Musenstadt Bonn und kehrte vom zähneknirschenden Trier nach dem von allen Sprachen durchwirrten Koblenz zurück. Er hatte die Städte der Pfalz durchforscht und das einst goldene Mainz, dem man das Gold gegen Truggold tauschte. Als der Seuchenforscher von Fach war Friedrich Thorsberg seinen Weg gegangen. Durch die dumpfe Zurückhaltung der Bürger und durch die gröhlenden Abenteurerhaufen hindurch. Der Arzt war da, der das Mittel verschrieb, aber die Apotheker fehlten, die es zubereiteten und verabfolgten.

Von zwei Dingen galt es eins zu beschaffen: Geld – oder Mannesmut.

Geld, um eine Freischar zu bilden, zu bewaffnen und zu unterhalten. Es fehlte gänzlich. Mannesmut, um sich jäh wie ein Wetter Gottes zu erheben und den blutschänderischen Gespenstern den Garaus zu machen. Er mußte gesucht und gefunden, er mußte entfacht werden.

Der Bürger in den engen Gassen lag zusammengeschnürt. Der Bauer auf dem weiten Lande hatte größere Bewegungsfreiheit. Zu ihm suchte Friedrich Thorsberg seinen Weg.

Er hatte an Gert geschrieben, daß er ihn benötige, und ihm die Thorsburg als Zusammenkunftsort bezeichnet.

Er kam vom Walde und sah unter sich das Rheintal liegen, mit dem geschieferten Kirchturm des Ortes, in dem jetzt Arnold Wilde und seine Schwester lebten, mit den vielen lugenden Kirchtürmen ringsumher und den herbstroten Weingärten, den buntgefärbten Wäldern hüben und drüben, wie es Frau Minne gesehen hatte mit ihrem letzten Erdenblick. Und unter sich erspähte er das Turingemäuer, in dem sie so selig gelebt, so ergebungsvoll gelitten, so überselig dem Tag der Freiheit entgegengehofft hatte. Die Freiheit war ihr im Grabe geworden, aber die Erde, die ihr Grab barg, war noch unfreier geworden als zuvor.

Drei Jahre ruhte sie schon in dieser Erde. Es war Zeit, daß der Mann ihres Glaubens kam, um dem Boden die Weihe wiederzugeben.

Mit schnellen, lautlosen Schritten kam er quer durchs Gehölz. Er wußte die Sonderbündlertrupps in den Rheinortschaften und mußte sicher gehen, ob er den Auslugeturm nicht besetzt fand. Er vernahm keinen Laut.

Jetzt bog er die letzten Zweige auseinander, um hervorzutreten. Wie ein afrikanischer Urwaldjäger kam er sich vor, und drunten zog die Jahrtausende alte Kulturstraße des Rheins! Ein grimmiges Lachen wollte ihm kommen und erstarb. Wie angewurzelt stand er und spähte mit glühenden Augen durch die Zweige.

An Minnes Grab graue Gestalten. Er zählte zwei. Er wartete mit angespanntem Atem. Es wurden nicht mehr.

Sie beugten sich nieder. War das Geheimnis offenbar? Wollten sie einen Grabfrevel begehen?

Er riß die Zweige auseinander, brach hindurch und war mit wenigen Sprüngen neben den auffahrenden Gestalten.

»Vater!!«

»Mein Gott – Gert – Gertrude –? Ihr kommt zu zweit?«

»Vater ...« stammelte das Mädchen und hing an seinem Hals. »Vater!« lachte Gert und umspannte mit beiden Händen des Vaters Hand.

»Ihr kommt zu zweit?« wiederholte Friedrich Thorsberg. »Ist etwas geschehen?«

»Die Gertrude hat mit den beiden Waldheimsmännern Walter Lenbach aus dem Gefängnis befreit. Sie hatten ihn in Leipzig festgesetzt.«

»Die Gertrude? – Ah, die Gertrude.«

»Vater,« sagte das Mädchen leise und hastig aus der Umarmung heraus, »das ist es nicht allein, weshalb wir selber kommen, weshalb der Gert mich mitnehmen mußte auf die Wanderschaft zu dir. Ja, ich habe unter dem Lodenmantel wieder ein Jagdhemd an und Beinlinge, wie auf unseren früheren Wanderfahrten durch dies Waldgebiet. Der Gert hat mir von seinen Sachen borgen müssen, und ich hab' sie angelegt, als wir nach der Eisenbahnfahrt den Fußmarsch antreten mußten. Um besser Schritt halten zu können, Vater. Aber das ist ja alles nur Nebensache.«

»Ist es bis zur Hauptsache so schwer, meine kleine, große Gertrude?«

»Bei dir ist mir nichts schwer. Aber ich habe dich gestört, Vater.«

Und Friedrich Thorsberg zog tief den Hut und stand barhäuptig an Minne Thorsbergs Gruft.

Unbeweglich stand er und blickte durch die lastende Platte hindurch und durch den eichenen Sargdeckel gerade hinein in das verklärte Angesicht der Dulderin. Unbeweglich stand er und hielt mit der Toten lange Zwiesprache.

Als er sich aufreckte und die Augen hob, sah er sich allein. Er wandte langsam den Kopf und gewahrte Gert und Gertrude im Walde. Der Junge schnitt Zweige von einer Edeltanne und reichte sie dem Mädchen, das sie zu einem Kranz zusammenflocht. Jetzt trugen sie das immer grüne Gewinde heran und schmückten, die Grabstätte, wie sie einst mit dem Gewinde aus Frau Minnes Burggärtlein ihren Sarg geschmückt hatten, den Sarg mit der schwarzweißroten Fahne. Zur Linken und zur Rechten faßten sie des Vaters Hand; und alle drei nickten sie der Schläferin zu, als sähen sie sie leibhaftig.

»Ist unsere Frau Minne ein wenig zufrieden mit ihren Wielandsleuten? Wir haben das Schwert oft zu Pulver zerrieben und neugeschmiedet – und es schneidet immer noch nicht scharf genug. Aber wir bleiben schwerttreu, Frau Minne.«

Und wieder nickten die drei der Schläferin zu, als sähen sie sie leibhaftig. »Schlaf wohl!« Und verließen die geschmückte Grabstätte und erschlossen mit des Vaters Schlüssel das in den Angeln kreischende Turmtor.

Sie traten ein. Als letzter drehte Friedrich Thorsberg zweimal den Schlüssel herum. Er wollte vor Überraschungen sicher sein.

Und in einer Feierstimmung durchschritten sie alle Räume und ließen bald auf diesem, bald auf jenem Gegenstand die Hand ruhen, von dem sie wußten, daß Frau Minnes Hand darauf gelegen hatte. Das war wie eine Stärkung ihres innersten Wesens.

Es war dunkel geworden, als sie das oberste Turmzimmer erreicht hatten, Frau Minne Thorsbergs Sterbezimmer, und sie zündeten eine Kerze an und setzten sich schweigend um den Tisch.

Die Kerze knisterte, als wollte sie locken, ins Licht zu schauen.

Und Friedrich Thorsberg schaute ins Licht hinein und sagte: »Jetzt kannst du dein Herz ausschütten, Gertrude. Jetzt hört dich der Vater und auch die Mutter.«

Da begann das Mädchen mit klarer Stimme zu erzählen. Und es erzählte von Walter Lenbachs Gefangenennot und ihrer aller Sorge. Und es erzählte von der lähmenden Geldnot und Ferdinand Waldheims Hilfsbereitschaft – für eine Tochter. Und es erzählte von seiner eigenen Herzensnot und seiner Flucht an das Vaterherz.

Es schwieg und schlug langsam die Augen auf und suchte in des Vaters Augen.

»Die Kinder Friedrich und Minne Thorsbergs betrügen nicht, Gertrude.«

»Nein. Vater.«

»Ferdinand Waldheim hatte recht. Seine Freiheit hat denselben Preis wie Walter Lenbachs Freiheit.«

»Ja. Vater.«

Und das »Nein« und das »Ja« kamen so ruhig und ergebungsvoll, das; Friedlich Thorsberg die Nägel in die Handflächen drücken muhte, um sein tapferes Mädchen nicht in die Arme zu pressen.

»Ich aber, Gertrude, bin von Gott dazu da, um dir zu raten und zu helfen, soweit ich raten und helfen kann.«

»Ich wußte es, Vater.«

Friedrich Thorsberg sann lang vor sich hin. Da saß sein Mädchen in seiner ersten großen Herzensnot und wartete doch vertrauensvoll auf seinen Spruch. Und wieder sann er und überdachte jedes Wort, das Waldheim zu seinem Kinde gesprochen hatte.

»Er ist ein Ehrenmann, Gertrude. Trotz seines seltsamen Handels. Ein deutscher Ehrenmann. Was er wünscht und will, ist von Liebe und Sehnsucht zu seinem Volkstum getragen, dessen Wesen er in seinen Nachkommen nicht mit einem Schlage verlöschen sehen möchte. Deshalb will er reines deutsches Blut, deshalb wünscht er Thorsbergsches Blut mit dem seiner Kinder zu mischen. Thorsbergsches Blut. Und er hat einen Sohn und eine Tochter.«

Plötzlich wandte er sich dem Sohne zu.

»War es nicht so, Gert, daß du niemals deine Schwester im Stiche lassen wolltest? Niemals?«

»Niemals, Vater.«

»Dein Blut ist Thorsbergsches Blut wie das der Gertrude. Du bist noch jung, aber du reifst schnell heran. Sag mir, Gert, wie du deinem Vater alles sagen kannst: Hat sich dein junges Herz schon einem Mädchen zugewandt?«

»Nein, Vater,« erwiderte mit schwerem Atem der Sohn. »Ich liebe kein anderes Mädchen als die Schwester.«

»Gert, in dieser Stunde wird der Knabe zum Mann, und ein Mann spricht zum anderen. Und der ältere Mann spricht zum jüngeren: Die Liebe eines Weibes ist des Weibes einziges großes Erleben. Die Liebe des Mannes greift über die Liebe der Frau an seiner Seite hinaus nach hundert harrenden Aufgaben seiner Erdensendung. Ist die Liebe einer Frau gestört, so klingt ihr Weiterleben nur noch wie eine gesprungene Glocke. Die zerstörte Liebe eines Mannes stählt ihn, läutert ihn, veredelt den Klang seines Metalls. So spricht der ältere Mann zum jüngeren, Gert.«

»Ich bin bereit, Vater.«

Friedrich Thorsberg drückte hart seines Jungen Hand. Und hart gab der Sohn den Druck zurück.

»Kein Wort mehr darüber, Vater. Jedes Wort würde ja auf das Mädchen zurückfallen, das ich auffordern will, in ein paar Jahren meine Frau zu werden. Wer will wissen, ob ich nicht meinem guten Geschicke entgegengehe.«

»Gert! Gert!« Die Hände der Schwester griffen nach seiner Schulter. »Nein, das nicht, Gert.«

»Närrchen, ich wüßte außer dir kein schöneres Mädchen als Ellen Waldheim. Und wenn ich ihr offen den Handel belichte und sie sagt ›ja‹, so hat sie auch Seele.«

»Glaubst du denn, Gert, daß Ferdinand Waldheim – in den Wechsel – willigen wird?«

»Ich bin nicht so hübsch wie du, Gertruds, und er kann mich nicht so zärtlich in die Arme nehmen. Nein, keine zornigen Augen machen. Ich glaube, daß er ein Ehrenmann ist und, da William noch gar nicht angehalten hat, einwilligen wird, wenn ich ihm die Einwilligung seiner Tochter überbringe.«

Noch immer kämpfte das Mädchen.

»Hör noch eins, Gert, und es soll das Letzte sein. Wenn du ein anderes Mädchen geliebt hättest – wie wäre mir dann zu helfen gewesen?«

»Das«, sagte der Bruder ernst, »mußt du den Vater fragen.«

Und Friedrich Thorsberg erwiderte mit demselben schweren Ernst:

»Es wäre das gleiche geblieben. Denn dann hätte ich Ellen Waldheim zum Weibe genommen, und wenn ich sie mir hätte stehlen müssen. Glaubst du, Kind, wenn der Bruder dich nicht im Stiche läßt, der Vater ließe dich im Stich?« –

»He – hallo! Was hockt dort oben im Turm? Frei-Rhein! Frei-Rhein! Aufgemacht! He – hört ihr nicht? Im Namen der Polizeigewalt des freien Rheinstaates – sperrt das Tor auf!«

Friedrich Thorsberg hatte die Hand um die Kerze gelegt und das Licht erdrückt.

»Licht anzünden! Licht an! Oder wir stecken euch ein anderes auf! Hier Frei-Rhein! Befehl: Tor auf!«

Friedrich Thorsberg nahm seinen Revolver aus der Hemdenbrust. Er sah, daß der Sohn ein gleiches tat. Und er ging zum dunklen Fenster, öffnete es und forschte hinunter. Da war ein Gewimmel von Schatten.

»Was geht dort unten auf meinem Grundstück vor?« erklang seine Stimme durch die Dunkelheit. »Wer ein Geschäft bei mir sucht, soll bei Tageslicht wiederkommen!«

Für einen Augenblick war Stille eingetreten. Dann schrie eine Stimme hinauf:

»Was fällt Ihnen ein, uns Vorschriften zu machen? Wer hält sich dort oben auf?«

»Wer hält sich dort unten auf?«

»Zum letztenmal: Im Namen der Polizeigewalt des freien Rheinstaates – aufgemacht!«

»Zum ersten und zum letzten Male: Mir ist weder ein freier Rheinstaat bekannt, noch wird in der Dunkelheit unbekannten Besuchern geöffnet. Es treibt sich viel Diebespack im Rheinland herum.«

»Schickt dem unverschämten Kerl eine blaue Bohne 'rauf!«

Ein Schuß krachte. Eine Kugel schlug ins Mauerwerk und splitterte Mörtel herunter.

»Ein netter friedlicher Abendbesuch. Kommt noch so eine Besuchskarte, so schicken wir die unsere herunter.«

»Schlagt das Tor ein! Schlagt das Tor zusammen!« Aber die Flintenkolben donnerten vergeblich gegen die Eichenplanken.

»Steckt einen Schuhdietrich ins Schloß! Sprengt das Ding auseinander!«

»Wie sie mit dem neuesten Einbrecherverfahren vertraut sind,« sagte Friedrich Thorsberg finster. »Wir ziehen uns auf die Plattform zurück und schließen die schwere Luke. Entweder man hört im Ort die Schießerei und kommt uns zu Hilfe, oder wir verteidigen uns, solange uns der Herrgott hilft.«

Durch den Turm dröhnte ein dumpfer Schlag. Die Sprengung des Torschlosses war geglückt. Die Angreifer tasteten ein paar vorsichtige Schritte vorwärts.

»Wollt ihr nun freiwillig herunterkommen, oder sollen wir euch holen?« brüllte eine wutheisere Stimme die Wendeltreppe hinauf.

Friedrich Thorsberg drängte schweigend Sohn und Tochter zum Turmzimmer hinaus. Sie erstiegen die wenigen Stufen bis zur Plattform und stemmten sich gegen die Falltür, bis sich die Luke kreischend öffnete.

»Gertrude zuerst. Leg dich nieder. Gert, du ebenso. Sobald ich hineinschlüpfe, werfen wir die Falltür zu. Es könnte nur immer einer hindurch, und den putzten wir weg.«

In wirrem Durcheinander knatterten Schüsse durch das Treppenhaus des Turmes. Die Angreifer versuchten, durch den Schrecken zu wirken, und jeder Schuß wurde von ohrenbetäubendem Geschrei begleitet.

Es ist wie in Afrika während des Aufstandes der Wilden, dachte Friedrich Thorsberg und wartete.

Das Geschrei machte einer Ruhe Platz. Nur ein leises Stimmengewirr blieb. Keiner der Angreifer schien sich in das dunkle Turminnere hineinzutrauen, keiner auf der finsteren Treppe vorangehen zu wollen. Der Gruppenführer mußte erst unter Flüchen ein paar Befehle herauszischen. Dann wurde eine Laterne angezündet und in das Turminnere hineingeleuchtet. Katzenartig schlichen die Einbrecher, einer dem andern nach, die enge Treppe hinauf. Ihr Schlagschatten huschte ihnen gespenstisch voran.

Jetzt hatten sie die ersten Zimmer erreicht. Sie stießen die Tür auf und sprangen hinein. Mit geschärftem Ohr vernahm Friedrich Thorsberg, wie sie Schränke und Truhen öffneten und den Inhalt nach brauchbarer Beute durchwühlten.

In zehn Jahren, dachte der Harrende, wird es kein Mensch mehr glauben wollen, daß im zwanzigsten Jahrhundert ein solcher Bandenkrieg am Rhein auch nur einen Tag lang möglich war.

Wieder schlich es katzenartig über die Treppe. In seltsamen Verzerrungen sprangen die Schlagschatten die Wände hinauf. Friedrich Thorsberg faßte seine Nerven zusammen. Er hob den Revolver. Der Erste lugte am oberen Turmzimmer um die Treppenwindung herum.

»Wer einen Zoll breit weiterkriecht, setzt sein Leben aufs Spiel. Ich zähle bis drei, und ihr seid wieder unten. Eins – zwei –«

Kugeln pfiffen ins Dunkle hinein, in dem er stand. –

»Drei.«

Der Vorderste, der aufgesprungen war, schlug hintenüber. Friedrich Thorsbergs Kugel warf ihn die Treppe hinab unter seine aufbrüllenden Kameraden. Jetzt stürzte der Zweite. Die Kerle, die von den eigenen nachdrängenden Leuten die Treppe versperrt fanden, retteten sich in wilden Angstsprüngen in das obere Turmgelaß.

Friedrich Thorsberg schwang sich durch die Luke auf die Plattform. Die Falltür schloß sich hinter ihm.

»Nun gilt es den längsten Atem behalten, Kinder. Patronen sparen, Gert. Was haben wir an Vorrat?«

»Ich habe zwei Rahmen mit zusammen sechzehn Schuß. Aber für den Notfall hab' ich Besseres.«

»Besseres? Gottlob, Gert. Ich verfüge nur noch über sechs Schuß. Zeig das Bessere vor.«

Gert nestelte an seinem Hemd. An einem Gurt trug er unter den Achseln auf bloßer Haut zwei kugelartige Behälter.

»Sie haben die Wirkung der Handgranaten, Vater, sind aber einfacher zu handhaben und sofort bei hartem Anprall wirksam. Walter Lenbach hat sie nach Vorschrift des Obersten hergestellt.«

Friedrich Thorsberg nahm sie und legte sie in einem Winkel beiseite.

»Gert – das gab dir ein guter Gott ein, sie mit herzubringen.«

Drunten vor dem Turm wurde es wieder lebhaft. Die Burschen, die nicht im Turmzimmer unter der Plattform lauerten – Friedrich Thorsberg hatte deren sechs gezählt – sammelten sich im Burggärtlein zur Beratung. Einer brachte die brennende Laterne. Ein Hut wurde darübergestülpt, aber der Augenblick hatte dem über die Brüstung lugenden Verteidiger genügt, um die Bande an vierzig Mann zu schätzen. Sie lag an der dem Turmfenster entgegengesetzten Seite, vor dem Turmtor.

Eine Viertelstunde verstrich, die sich endlos dehnte. Die Belagerer hatten den Verkehr mit ihren Leuten im oberen Turmzimmer aufgenommen. Friedrich Thorsberg bemerkte es an dem Hin- und Hergepolter auf der Treppe.

Wieder verstrich eine endlose Viertelstunde.

»Auf Hilfe aus dem Ort ist nicht mehr zu rechnen, Kinder. Sicherlich nicht während der Nacht.«

Sie sahen schweigend und schauten in das dunkle Rheintal.

»Weißt du noch, Gert, wie du mir vor drei Jahren von unserem unbesetzt und deutsch gebliebenen und kraft des Versailler Vertrags so friedlich scheinenden Strich am Rheine sprachst? Ich antwortete dir: Der Starke hat die Macht, über Eid und Unterschrift hinaus. Also kommt es darauf an – der Stärkere zu werden.«

»Ich habe es nicht vergessen, Vater. Aber es ist wie ein Hohn, daß die eidbrüchigen Sonderbündler als die Stärksten im Vaterlande gelten sollen.«

»Gib Achtung! Achtung auch du, Gertrude! Sie beschießen uns von innen und außen!«

Die Rotte vor dem Turmeingang gab Massenfeuer ab. Gleichzeitig versuchte die Gruppe im obersten Turmgemach durch die Decke zu feuern und den Aufenthalt auf der Plattform unmöglich zu machen. Nur ein paar Kugeln drangen abgemattet hindurch. Den Jagdbüchsen fehlte die Durchschlagskraft. Aber es konnte ein Gewehr aus Heeresbeständen heraufgeschafft werden.

Friedlich Thorsberg blickte auf seine Kinder. Sie saßen und regten sich nicht. Sein Gehirn begann mit rasender Schnelle zu arbeiten.

»Wir dürfen nicht abwarten, bis das Unvorhergesehene geschieht. Jetzt haben wir noch die Handlungsfreiheit. Gebt acht und verliert kein Wort. Nicht ein einziges. Der Leichteste von uns – das bist du, Gertrude – muß über die Brüstung kriechen. Wir packen dich an den Fußgelenken und halten dich. In wenigen Sekunden hast du den Rand des oberen Turmfensters und schleuderst die Granate durch die Scheiben. Wir reißen dich zurück, und ich springe nach drüben und schmettere die zweite Granate unter die Rotte vor dem Turmtor. Gert reißt die Luke auf. Wir eilen die Treppe hinab, feuern unsere Revolver unter die Fliehenden und werfen uns in die Finsternis. Ihr, Gert und Gertrude, kriecht in den Wald und schlagt euch zu einer Haltestelle der Eisenbahn. Ich selbst lenke die Verfolger ab und renne dem Rhein zu. Bitte, keine Widerworte! Auf dem Postamt in Frankfurt findet ihr eine Drahtnachricht vor. Alles verstanden? Also wortwörtlich danach handeln.«

Er umarmte sie hastig.

»Nie sind dir die Beinlinge so gut zustatten gekommen, Gertrude. Fertig, Kind?«

»Fertig, Vater.«

Den kugelförmigen Behälter in den Zähnen, kroch das Mädchen über die Brüstung, an den Fußgelenken mit eisernen Griffen gehalten, mit den Händen die vorgekragten Hausteine packend. »Meine Eidechse,« murmelte Friedrich Thorsberg. Das Mädchen griff nach dem First über dem Fenster. Es streckte den Kopf vor, bewegte im Schwung den Arm – Thorsberg Vater und Sohn rissen das Mädchen zurück –

Zerklirrende Scheiben. Prasselnder Donnerschlag. Schreiende Menschen.

Schon lehnte sich Friedrich Thorsberg mit hochgeschwungenem Arm über die gegenüberliegende Brüstung. Wieder ein prasselnder Donnerschlag. Aus der Tiefe herauf. Und Wehgeschrei durch die Nacht. Von dannen tobende Menschen.

Durch die geöffnete Luke sprang Friedrich Thorsberg ins Treppenhaus. Gertrude folgte ihm auf den Fersen. Gert dicht hinter ihr. Die Hand am Geländer ging es in mächtigen Sprüngen nach unten, durch die gesprengte Turmtür ins Freie. Aus des Vaters und des Sohnes Revolvern krachten die Schüsse. Dann schwanden Friedrich Thorsbergs Kinder bäuchlings im Gehölz. Wie vor Jahren, als sie noch des Vaters Jagdhunde hießen.

Hinter Friedlich Thorsberg her aber ging mit Hallo die Jagd.

Er kannte sein Gelände. Er bedurfte keines Weges, auch in der Finsternis nicht. Er warf sich blindlings in einen Weinberg und rutschte zwischen den Stöcken den steilen Hang hinab, während die Verfolger den Bogen des Weges liefen. Das brachte ihm einen minutenweiten Vorsprung bis in den Ort hinein.

Das Blut pochte ihm bis in die Schläfen. Wohin? Zum Vorsteher Gotthold? Das Vorsteherhaus war von den Sonderbündlern sicher als erstes mit Beschlag belegt. Aber das Arzthaus! Das Haus Arnold Wildes! Er behandelte die Kranken der Truppe, er würde sogleich die Verwundeten zu verbinden haben. Das Arzthaus war dem Gelichter heiliger als die Kirche. Er wußte aus Martha Wildes Brief, welches der Häuser es war. Drüben lag es, nahe dem Rhein, von einem Garten umgeben. Er horchte und spähte. Das Geschrei aus der Höhe kam näher, rief nach den Kameraden. Schon wurde Lärm auf den Gassen. Friedrich Thorsberg schlüpfte wie ein Schatten in den Garten hinein, erreichte die Rückseite des Hauses und erblickte am Fenster des ersten Stockwerks eine weibliche Gestalt. »Martha!« rief er gedämpft. »Hier Thorsberg! Sie sind hinter mir.« Und er schwang sich am Obstgeländer des Hauses hoch und ins Zimmer.

Hinter ihm schloß sie das Fenster. Über das Fenster zog sie den Rollvorhang nieder.

»Ganz still,« flüsterte sie. »Der Bruder verbindet zwei Leute unten im Sprechzimmer. Vor einer halben Stunde wurden sie angebracht, bevor das furchtbare Geschieße auf der Thorsburg anhob. Daher wußte ich schon, daß Sie im Lande waren.«

»Es waren die zwei Burschen, die ich von der Treppe räumte,« sagte Friedrich Thorsberg schnell. »Haben Sie ein Versteck für mich? Nur so lange, bis sich der Verfolgungswahn dort unten gelegt hat.«

»Sie werden alle Häuser absuchen. Es ist nicht das erste Mal.« Sie schaute hastig rundum, und der nächtliche Gast folgte ihren Blicken. Das also war ihr Schlafgemach. Neben dem altertümlich vorspringenden Kamin stand ihr weißes Bett, neben ihrem Bett ein weißes Körbchen. In den Kissen des Körbchens schlief friedlich der Säugling der toten Flüchtlingsfrau.

Martha Wildes Brust tat ein paar rasche Atemzüge.

»Verstecken Sie sich in meinem Bett. Arnold wird keinem gestatten, durch die Tür in die Kammer zu treten.«

»In Ihrem Bett, Martha? Weshalb nicht unter Ihrem Unterrock?«

»Herr Professor Thorsberg, Ihre Ehre wird nicht dadurch verletzt, wenn Sie sich in einem Bett verstecken.«

»Und wenn sie mich fänden? Nein, das Hohngelächter gönnte ich ihnen nicht. Ich habe noch eine Patrone im Lauf. Dort hinter dem Kamin drück' ich mich in die Ecke. Zur Not erreiche ich das Fenster. Der Sprung hinunter ist nicht lebensgefährlich.«

Sie fuhren auf und horchten. Die wilde Jagd ging durch den Ort. Aus den Häusern wurden die Bewohner gerufen. Schimpfworte regneten nieder, Beteuerungen folgten. Jetzt schleppte man auf Mänteln und Gezweig Verwundete vor das Arzthaus. Jetzt dröhnten die Schritte im Flur.

»Hinter den Kamin!« flüsterte Martha Wilde.

Friedrich Thorsberg stand in seinem Versteck und hielt die Schußwaffe bereit.

»Und Sie?« flüsterte er zurück.

»Arnold hat mir befohlen, auf mein Zimmer zu gehen und mich nicht blicken zu lassen. Ich ziehe nur das Oberkleid ab und das Mieder und leg' mich zu Bett. Die Tür bleibt besser unverschlossen. Es ist unverdächtiger.«

»Wozu das alles, Martha?«

Sie warf Kleid und Mieder ab und huschte unter die Decke.

»Ich spiele die junge Mutter. Vor einer Mutter, die ihr Kind an der Brust hält, werden die Rohesten wohl noch Scheu besitzen.«

Er sprach kein Wort mehr. Aber in seinem Herzen lachte die Freude über das mutig zugreifende Mädchen. Er sah sie nicht und sah nichts von dem Zimmer als vor sich das Fenster. Aber seine scharfen Sinne nahmen jede ihrer Bewegungen, jeden ihrer Atemzüge auf. Jetzt beugte sie sich über das knisternde Körbchen und holte den Säugling heraus. Jetzt schob sie das Hemdleinen zurück und kuschelte den Säugling an ihre Mädchenbrust. Und das erwachte Flaschenkindlein wußte nicht, wie ihm geschah, patschte auf ihrem Halse und krähte vor Vergnügen. Über den Hausflur polterten die schweren Stiefel ein und aus. Die notdürftig Geflickten und Verbundenen wurden auf der Straße in eilig vorgefahrene, strohbelegte Lastkraftwagen gebettet und zum Krankenhause der nahen Kreisstadt geschafft. Gerade fuhr der zweite Wagen vor. Friedrich Thorsbergs Augen funkelten vor Genugtuung.

Jetzt aber polterten die schweren Stiefel auch auf der Treppe.

Friedrich Thorsberg hielt den Atem an. Und Martha Wilde drückte das Gesicht des Kindes fest auf die bloße Brust.

Die Tür flog auf. Licht wurde. Ein halbes Dutzend Kerle drängten vor, erblickten die säugende Mutter und stutzten.

»Arnold!! Arnold!!« gellte Martha Wildes Stimme durch das Haus.

»Aber man ruhig, junge Frau. Wir tun Ihr und dem Krott doch beileibe nix.«

»Arnold!! Arnold!! Zu Hilfe, Arnold!!«

In Sprüngen kam es die Treppe hinauf. Im weißen, blutbefleckten Arztkittel drängte sich Arnold Wilde durch die Schar. Er sah die Schwester. Er sah das Kind an ihrer Brust. Er begriff, ohne zu wissen.

»Viechkerls! Aus dem Wöchnerinnenzimmer raus! Raus auf der Stelle, oder ich lasse eure Verwundeten verrecken!«

»War ja nich bös gemeint. Stand auch nix an der Tür geschrieben, Doktor. Nix für ungut, schöne junge Frau.«

Der Arzt brachte sie selber die Treppe hinunter. Er schalt, daß seine zornige Stimme bis auf die Straße hallte. Da schlichen die Burschen mit hängenden Ohren.

»Was war denn da los, da oben?« donnerte sie ein Gruppenführer an.

»Eine Frau hat 'n Kind gekriegt,« maulten die Leute.

»Das kommt alle Tage vor. Aber benehmet euch anständig, ihr Schweine!«

Noch immer verharrte Friedrich Thorsberg, ohne sich zu regen. Wurde sein Aufenthalt jetzt noch entdeckt, so stand das Leben der Gastfreunde auf dem Spiel. Nur einmal sagte er ganz leise und weich: »Liebe Martha.«

Sie erwiderte nichts. Selbst ihre erregten Atemzüge brachen ab. Wie ein Aufhorchen war es in der ganzen Kammer.

Und dann krähte das Kindlein erneut vor Vergnügen auf. Martha Wilde wiegte es still in ihrem Arm.

Der zweite Lastwagen wurde angekurbelt, rollte schütternd von dannen. Noch einmal wurde es im Hausflur lebendig. Die Anführer sprachen dem Arzt ihren Dank aus.

Arnold Wilde begleitete sie bis auf die Straße, kehrte zurück und verschloß das Haus. Mitternacht war vorüber. Und er ging vom Keller bis zum Söller und erforschte, ob auch keine Seele zurückgeblieben sei. Das Haus war leer. Und nun leerten sich auch die Straßen.

Er trat in das Zimmer der Schwester und riegelte hinter sich ab. »Nun kannst du das Kind wieder in sein Körbchen legen, Martha. Und wer sich hier verborgen hält, kann vortreten.«

Friedrich Thorsberg trat vor.

»Professor Thorsberg,« sagte der Arzt in freudiger Hast. »Ich hatte es mir so gedacht.«

Friedrich Thorsberg preßte ihm die Hände. Und sein Blick schweifte weiter und suchte das unerschrockene Mädchen, das zu Bette lag und über der Brust das Hemdleinen schloß.

Wie in einem jähen Schmerze zog sich seine Stirn zusammen. Dann aber trat er näher heran und strich ihr mit der Hand über das Gesicht. Und ein zweites Mal.

»Ja,« sagte der Bruder, »sie hat es wohl verdient. Und nun können wir beraten.«

»Martha soll zugegen sein,« bat der Gast. »Hier ist wohl noch ein Nebenzimmer.«

»Ich bitte um Entschuldigung,« stammelte Arnold Wilde und errötete. »Ich sehe in Martha immer nur die Schwester. Aber jetzt räumen wir dir das Feld, Martha, damit du dich zurechtmachen kannst.«

Nun war sie bei den Männern, und Friedrich Thorsberg stand vor ihr und drückte ihr die Hand.

»Das vergesse ich Ihnen nicht.«

»Ich vergesse Ihnen so vieles nicht, und die Rechnung geht noch lange nicht auf.«

»Sie wird nie und nimmer im Leben aufgehen können,« kam ihr der Bruder zu Hilfe.

»Schwärmer ihr! Schwärmer!« Und Friedrich Thorsberg berichtete in kurzen Zügen von seinem Zusammentreffen mit Gert und Gertrude, von ihrer Überrumpelung, von ihrem wilden, aber geglückten Ausfall aus der Thorsburg.

»Die Kinder sind in Sicherheit. Sie kennen ihren Wald in der Nacht und fürchten die Finsternis nicht wie die Feiglinge, die nur in Heiden ihren Mut hinauslärmen. Mich selbst hielt noch eine eilige Aufgabe in der Nähe. Haben Sie aus den Gesprächen herausgehört, Arnold, was die Kerle für morgen vorhaben?«

»Die Hauptschar sollte morgen nach dem großen Waldort jenseits der Berge abrücken. Es fehlt in unserer Gemeinde nachgerade an Vieh und Getreide. Da wollen sie sich eine Weile bei den Bauern gütlich tun. Aber da sie heute das nächtliche Treffen bei der Thorsburg hatten und die zahlreichen Verwundeten – die Bomben haben prachtvoll gewirkt, Herr Professor Thorsberg –, so werden sie einen Ruhetag einlegen und erst übermorgen marschieren.«

»Um so besser, Arnold. Und nun muß ich weiter. Können Sie mir ein paar Rahmen Patronen überlassen?«

Arnold Wilde hob hinter dem Kamin eine Fußbodendiele auf und griff unter das Brett. Martha war hinausgehuscht.

Dankend schob Friedrich Thorsberg die Patronen in die Tasche.

»So weit sind wir vorwärts gekommen, daß es schwärzer und schlimmer zugeht als im vielberufenen Dreißigjährigen Krieg. Und wir gesitteten Menschen müssen wie die Abenteurer umherziehen. Aber für Deutschland, Arnold. Wo ist Martha?«

Sie kam zurück und brachte eingepackt Brot, Fleisch und Wein.

»Sie haben noch nichts gegessen und werden wohl lange nichts zu essen bekommen. Dies aber müssen Sie zu sich nehmen. Versprechen Sie es mir. Ich will Sie auch nicht eine Minute von Ihren Aufgaben zurückhalten.«

Da legte er den Arm um sie und küßte sie vor dem Bruder. »Dank, Mädchen!«

Arnold Wilde führte ihn ins Unterhaus, lauschte aus dem rückwärtigen Fenster in den nächtlichen Garten und nickte.

»Glückliche Verrichtung.«

»Dank auch Ihnen, Arnold.«

Er schwang sich hinaus und war im Dunkel verschwunden. –

Noch dämmerte kein Lichtstreif, als ein paar Meilen hinaus im Forsthaus der Waldberge die Hunde anschlugen und einen Wanderer verbellten. Da die Hunde nicht Ruhe geben wollten, erhob sich der Förster, zog die Beinkleider über und öffnete das Fenster.

»Guten Morgen, Herr Förster. Ihre Hunde sind ausgezeichnet.«

»Um mir das zu sagen, braucht man mich nicht aus den Federn zu holen. Wenn Sie weiter nichts wissen, gehen Sie Ihrer Wege.«

»Wir waren früher gute Jagdkameraden, Herr Förster. Ich möchte, daß wir es wieder würden.«

»Aber doch wohl bei Tageslicht,« murrte der Mann. »Für Dämmerungsgäste hab' ich wenig Meinung.«

»Wir sind im deutschen Vaterland heute alle Dämmerungsgäste, Herr Förster, und wenn das Licht nicht kommen will, so kann uns doch die Erleuchtung kommen. Nun? Bin ich Ihrem Jägerauge wirklich so unbekannt geworden?«

Der Förster sprang vom Fenster zurück. Er hatte den frühen Waldläufer erkannt. Er schob den Riegel von der Tür und öffnete.

»Schnell herein. Damit Sie niemand erspäht. Am späten Abend wußten wir schon, was für einen Tanz es auf der Thorsburg gesetzt hat. Das läuft wie ein Lauffeuer über Land. Und alle Dörfer im Wald sind unruhig.«

»Sie werden noch unruhiger werden, wenn wir nicht vor Tage aufstehen. Danke, Herr Förster, für ein paar Atemzüge nehme ich Platz. Ich komme zu Ihnen als dem entschlossenen Mann. Wir müssen, was eine Mistgabel schwingen kann oder eine Holzaxt, in den Dörfern auf die Beine bringen. Diesmal soll es den Bauern gründlich zu Leibe. Morgen wird eine Schar von zweihundert bewaffneten Sonderbündlern in den Wald aufbrechen, um sich die fettesten Ortschaften als Unterkunftsplätze auszusuchen.« Und jedes Wort langsam betonend, fügte Friedrich Thorsberg hinzu: »Meinen Sie nicht, daß man den Leuten auf halbem Wege entgegenkommen und ihnen eine passendere Unterkunft besorgen sollte?«

Der Förster schob die kalte Jagdpfeife zwischen die Zähne. Ein Knack, und er hatte das Mundstück durchgebissen.

»Gott soll mich verdammen, wenn ich es nicht meine, Herr Professor Thorsberg.«

»Es muß morgen geschehen. Sind die Verbrecher erst aus der Waldschlucht heraus, so wird jedes Haus nach Waffen abgesucht, und auch die Förster behalten nur noch den Spazierstock.«

»Weiter, Herr Professor Thorsberg. Vom Spazierstock ist noch nicht die Rede. Wenn wir in den Zorn der Bauern hineinblasen – gnade Gott allem Lumpenpack.«

Sein Atem stieß durch die Nase. Seine Hand fuhr über den Gewehrkolben an der Wand.

»Herr Förster, ich bin beim rechten Mann. Nur ein abschreckendes Beispiel kann uns von dieser jämmerlichsten aller Landplagen befreien. Wir wollen es schaffen, daß jeden Verräter am Rhein das Grauen und Entsetzen von dannen jagen soll. Und nun wollen wir die Dörfer benachrichtigen. Kommen Sie mit.«

Der Förster legte Rock und Stiefel an. Er hing Gewehr und Patronentasche um und griff zum Hut.

»Vor Tag noch rufe ich die Ortsvorsteher zusammen. Auf die Jagdhütte unter der Höhe. Es braucht kein Aufsehens gemacht zu werden. Die Vorsteher gehen dann bis Mittag von Haus zu Haus, sie und ihre Vertrauensleute. Gnade Gott.«

Sie gingen schweigend in den Wald hinein.

In der Morgenfrühe fand die Beratung der Ortsvorsteher statt. Sie war kurz. Die Wut verzerrte die kantigen Gesichter der Männer, als sie Friedrich Thorsbergs Bericht vernahmen. »Uns in den Pelz setzen wollen sich die Landstreicher? Unser Vieh wollen sie fressen? Und plündern und morden, wie anderwärts, die Landesverräter? Nicht einer soll lebendig aus dem Wald. Nicht einer.«

»Morgen rücken sie an,« sagte Friedrich Thorsberg und mahnte zur Ruhe. »Wir haben als erstes eine Postenkette herzustellen, die von dem jetzigen Standort der Bande am Rhein bis hinauf zu euren Ortschaften führt. Der Herr Förster wird die Plätze anweisen. Eine unsichtbare Postenkette, die jede Bewegung des Feindes wie durch Funkspruch weitergibt, sich ihm anschmiegt und mit ihm zieht. Bis Mittag müssen hundert Mann hier vor der Jagdhütte zur Stelle sein.«

»Werden die paar Jagdflinten reichen, die aufgebracht werden können? Was sonst?«

»Wer eine Schußwaffe besitzt, soll sie mitbringen. Aber auch jede Mistgabel und jede Holzaxt.«

»Hat ein jeder.«

»Alle anderen Männer versammeln sich bei Dunkelwerden hier auf der Höhe. Die Lumpen könnten schon in der Frühe marschieren, um die Ortschaften noch im Schlaf zu überrumpeln.«

»Oho! Wir schlafen nicht bei Tag. Und wir halten auch bei Nacht die Augen auf.«

»Wer von Ihnen wird die Führung übernehmen? Dem Befehlshaber muß auf Wort und Wink gehorcht werden. Oder die Dörfer könnten es mit Frauen und Kindern entgelten müssen.«

Die Ortsvorsteher riefen sich nur ein paar Worte zu.

»Wenn der Förster die Postenkette befehligt, so mög' der Herr Professor die Hauptführung übernehmen. Und jeder Vorsteher steht für seine Leute.«

»Denkt daran, daß keiner vorzeitig entkommt,« sagte Friedrich Thorsberg.

Am Mittag stellte der Förster die Postenkette aus. Holzfäller, die mit ihren Ästen hinter den Bäumen lehnten. Der Vorletzte gewahrte den Letzten am Waldrand über dem Rheinort. »Hopp,« rief er ihn an. Und »Hopp« antwortete der andere.

Am Abend sammelte sich der Haupttrupp auf der Höhe vor dem Jagdhaus. Die Spitzen ihrer Mistgabeln blinkten wie die Schneiden ihrer Äxte.

Friedrich Thorsberg ging von Gruppe zu Gruppe, sprach sie an, ordnete sie, gab jeder Gruppe ein paar Männer mit Schußwaffen bei. »Es muß wirken, als ob ihr alle Flinten trügt.« Die Leute nickten ihm zu.

Die Nacht ging hin. Die Männer aßen und tranken. Kein überflüssiges Wort fiel.

Am Morgen meldete die Postenkette, daß die Bande im Rheinort zum Marsch angetreten sei. Ein zweiter Anruf meldete den Weg, den sie nähme. Ein dritter, ein vierter bestätigte die Richtung. Der Marsch ging durch das Waldtal zur Schlucht.

Friedrich Thorsberg zog seine schwer atmenden Bauern näher an die Schlucht heran. Im Halbkreis ließ er sie nahe dem Rande Aufstellung nehmen und sich niederlegen. Der Förster hatte Befehl erhalten, mit der Postenkette den Eingang zu sperren.

»Wenn ich mich erhebe und ›Vaterland! Vaterland!‹ rufe, so schreit es nach! Und heraus mit den Kugeln, die im Laufe sind, und die Mistgabeln wie Lanzen in die lebendige Masse geschleudert und mit Äxten und Dreschflegeln nach!«

»Verlassen Sie sich auf uns!« knirschten die Waldbauern.

Und der Marsch der Sonderbündler ging das Waldtal entlang, und links und rechts von ihrem Wege lösten sich von den Bäumen schattenhafte Gestalten und begleiteten sie unhörbar, wie der Jäger dem Wilde folgt.

Stunden schon ging der Marsch der Sichtbaren und der Unsichtbaren dahin. Da hielt die Truppe vor der Schlucht.

Was war? Hatten die Burschen Gefahr gewittert? Wollten sie das Gelände absuchen?

Die Burschen verlangten eine Rast. Sie verlangten eine Essenspause. Sie drangen in die Schlucht ein und machten es sich bequem. Und über ihnen lauerte der Tod und der Teufel.

In der Schlucht aber zankten sie sich um die Futternäpfe.

Friedrich Thorsberg lag auf den Knieen. Seine Augen funkelten durch das Gebüsch. Dort lagerte der Abschaum der Zeit.

» Vaterland! Vaterland!« gellte sein Ruf. Wie ein Freudenschrei gellte er auf.

» Vaterland! Vaterland!« gellte es links, gellte es rechts, brauste es wie ein Wetter über die Schlucht. Schüsse krachten hinein, doppelzinkige Spieße sausten durch die Luft. Den Revolver erhoben, sprang Friedrich Thorsberg als Erster. Da sprangen die Waldbauern ihm nach wie auf einem Kirmeßtanz. » Vaterland! Vaterland!«

Nur ein einziger Aufschrei hatte geantwortet. Ein Aufbrüllen tierischer Angst aus mehr als zweihundert Kehlen. Und ein wildes Flüchten setzte ein. Hinaus, hinaus aus der Schlucht! Und wieder ein einziges Aufbrüllen. Der Ausweg war verrammelt. Die Unsichtbaren waren sichtbar geworden und hatten ihn abgeriegelt. Die vordersten der Fliehenden überschlugen sich mit der Kugel des Försters im Leibe. Die Nachdrängenden stürzten über sie hin. Die Dreschflegel klapperten auf Schädelknochen. Die Axt kam den Dreschflegeln zu Hilfe. Die Zinken der Gabeln stachen die Kletternden von den Bäumen herunter. Eine Gruppe sammelte sich, setzte sich zur Wehr. Mit einer Schar Waldbauern sprang Friedrich Thorsberg sie an. Mit einem Handbeil schlug er den Führer über den Kopf. » Vaterland! Vaterland!« rief er, schrieen heiser vor Wut die Bauern. Dann wurde es still.

Nur das Schnauben der Waldbauern ging in Stößen über den Kampfplatz.

Friedlich Thorsberg hieß sie zurücktreten. Seine Brust arbeitete, daß er kaum den Herzschlag bändigen konnte. Mit aller Willenskraft bezwang er ihn. Der Führer hatte ein Vorbild zu sein.

In der Schlucht zählte der Förster die Toten. Fast zweihundert der Landesverräter lagen erschlagen. Mit geringen Ausnahmen die gesamte Schar. Mehr als dreißig Verräter lagen, die Stirn von der Axt gespalten. – – –

Und schon nahm die Postenkette neue Aufstellung, von den Waldbergen bis ins Rheintal hinab. Holzfäller, die mit der Axt hinter den Bäumen lehnten. »Hopp,« rief der Vorletzte den Letzten an und erhielt Antwort.

Aber sie warteten umsonst. Den ganzen Tag und die ganze Nacht.

Am andern Morgen meldete ein Bote, daß die Sonderbündlertruppen aus allen Rheinorten verschwänden. Ein Befehl der fremden Besatzungsmächte, sofort abzuziehen, hatte ihnen die Wege geebnet.

Vom Postamt des großen Waldortes aus drahtete Friedrich Thorsberg an Gert und Gertrude.

»Es freut sich auf ein Wiedersehen mit Euch in München Euer Vater.«

Die Kinder lasen die Zeilen in Frankfurt. Sie preßten sich die Hände und fuhren heim. Am Abend aber überbrachte ein Bauernbursche Martha Wilde einen Brief, der in Bleistiftzügen Friedrich Thorsbergs Handschrift wies.

Sie ging auf ihre Kammer und öffnete ihn.

Über den wenigen Zeilen saß sie, als ob sie viele enggeschriebene Seiten zu lesen hätte.

»Du sollst nur wissen, daß keiner mehr sagen kann, er habe Deine Mädchenbrust gesehen,« hatte Friedrich Thorsberg geschrieben. Kein Name stand darunter.

*

 


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