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8

Der Frühling wuchs zu seltener Schönheit. So milde, weich und warm streichelte er die Stirnen der Menschen, daß die Gedanken ermatteten und sehnsüchtig ihr Recht auf Frieden und Freude verlangten. Die Häupter des bayerischen Hochgebirges blauten in endlosem Reigen aus der Ferne, und die Ferne schien näher zu rücken bis dicht vor die Sehnsucht der Menschen. Sie zogen hinaus, ertränkten alles Schwere in den lachenden Seen, kletterten mit erleichtertem Gepäck der Frühlingsfreude nach, als läge in den Klüften und Schrüften der Berge kein schlingender Schnee mehr und kein trügerisch Gletschereis.

Auch der Tiermaler Gustav Adolf Brandt war hinausgezogen, um im erwachenden Hochgebirge ein paar Studien zu malen. Umsonst hatte er als junger, ehrlich verliebter Ehemann versucht, Frau Amely mit sich zu locken in die gewaltige Größe der Natur, die die Zweieinsamkeit von Mann und Weib nur noch tiefer und wärmer gestaltet. Die Hausfrau hatte lachend die ihr zugemuteten Anstrengungen abgelehnt und sich leicht hinter ihren Pflichten verschanzen können, die sie als Hausfrau und Sorgerin Friedrich Thorsbergs und seiner Kinder übernommen habe.

»Auch muß ich mich ein wenig von dir erholen, Gustav Adolf. Ich kann nicht tagaus, tagein auf deinem Schoße sitzen.« Der Maler rieb sich mit stillem Schmunzeln die Hände.

»Ich bedaure ja auch nur ein einziges, Amely. Daß ich nicht ein bildschöner Bildnismaler geworden bin statt eines saudummen Tiermalers. Von allen Seiten könnt' ich dich malen und braucht' nicht bei Wind und Wetter auf die Suche nach meinen Viechern. Denk dir das mal aus, du Liebste.«

Die Liebste aber schüttelte sich in den Schultern und streckte abwehrend die Hände aus.

»Vierundzwanzig Stunden am Tag Gustav Adolf Brandt? O du eingebildeter Mensch!«

Der Maler schmunzelte noch stärker und rieb noch vergnügter seine Hände.

»Ich ertrag' ja auch vierundzwanzig Stunden am Tag die Frau Amely Brandt. Ist das auch Einbildung?«

»Ach, mein Lieber,« sagte sie heftig und wies mit ärgerlicher Handbewegung eine Umarmung ab, »du hast wirklich recht wenig Verständnis für Frauennaturen.«

Der Tiermaler horchte verwundert auf.

»Wo fehlt's denn?« fragte er gutlaunig.

»Wo's fehlt?« wiederholte sie und legte die Hände an die Schläfen. »Dort fehlt's, wo's eigentlich beginnen sollt', damit man das Leben als ein gerütteltes und geschütteltes verspürt. Als flög' man von einem Abenteuer ins andere. Aber du bist so erschrecklich brav.«

»Brav?« verwunderte sich der Maler aufs neue. »Ja, was ist denn das? Muß man denn in der Ehe nicht kreuzbrav sein? Ich hab' mir mein Leben lang gedacht, dazu wären die Ehen recht eigentlich auf der Welt, und mein alter Herr wäre wohl auch brav geblieben, wenn ihn meine selige Mutter nicht so früh verlassen hätt'.«

»Dein alter Herr hat trotz seiner Unbravheit mehr Lebenskunst im Blut als sein Sohn mit seinem ganzen Künstlertum.«

»Gefällt dir das Blut, Amely? Fastnacht, meine ich, ist vorbei für die Deutschen, und du solltest den alten Herrn in seinen Hanswurstereien nicht bestärken.«

»Er lebt doch wenigstens und lacht die ganze Welt aus,« beharrte sie, »und ich schlafe in deinem Arm ein und bin eine alte Frau, wenn ich aufwach' und in den Spiegel schau'.«

»Aber meine Frau, Amely. Da schlaf du nur ruhig ein und werde alt in meinem Arm.«

Sie schüttelte zornig den Kopf.

»Ach – dein Vater ist mir ja nur so ein Beispiel. Was sollt' mir der alte Herr. Aber daß er sich kein Sonnenstrählchen und keine Musik und kein gar nichts entgehen läßt, das neid' ich ihm. Und auch meinem Jungen neid' ich's, der das Leben nur so über sich herstürmen läßt, und ich sitz' inzwischen still auf deinem Schoß und schau' über deine Schulter hinweg zum Fenster hinaus.«

Er legte ihr begütigend die großen Hände um die Wangen.

»Wart's ab. Wenn eine bessere Deutschlandzeit kommt, nehm' ich dich mit bis ins Herz von Afrika, und die Abenteuer sollen nur so schockweise um dich herumschwirren, Nashörner, Elefanten, Negerfürsten.«

»Ach, mein Lieber,« sagte sie und streifte seine Hände ab, »ich schenke dir alle deine Dickhäuter und alle die schwarzen Menschenscheusäler für ein bißchen mehr Feschheit in München. Und nun buckle dir deinen Rucksack auf und kraxel auf deinen frisch Genagelten ins Gebirg. Der alte Gamsbock hat's schon der ganzen Herd' verpfiffen: der Gustav Adolf Brandt, der Tierbildnismaler, kommt heuer zu uns zu Besuch.«

Schon lachte er wieder herzlich.

»Na, alsdann. Schatz. Zur Eifersucht ist kein Grund. Bleib gesund und behüt' dich Gott.« Eine halbe Stunde darauf brachte sie ihrem Mieter in frischem Anzug und munter summend das Frühstück.

Friedrich Thorsberg saß schon seit der Morgenfrühe am Schreibtisch. Er schlief in diesem Frühjahr nur wenige Nachtstunden, so stark fühlte er sich von der Arbeit umbraust. Eine neue Schmach war Deutschland erstanden. Im Osten jetzt. Das durch Deutschlands Gnaden wiedergewordene Polen fiel wie ein Wegelagerer über seinen ermatteten Wohltäter her. Die Geier witterten Aas. Und die Geierjäger waren selten. Freiwillige – Freiwillige vor!

Der Briefschreiber legte die Feder hin, als er die fröhlich summende Frau vernahm. Das Rundschreiben an die vaterlandliebende Studentenschaft der deutschen Hochschulen lag fertig vor ihm. Er durfte eine Pause machen.

»Guten Morgen, Herr Professor. Jetzt hätt' ich Ihnen aber die Feder aus der Hand genommen, wenn Sie nicht selber das Einsehen gehabt hätten. Die jungen Herrschaften haben schon in der Küche gefrühstückt, um den Herrn Vater nicht zu stören. Ich fürcht' mich aber weniger.«

»Ah, Sie haben Sommer gemacht. Wie hübsch Sie ausschauen in dem weißen Kleid. Ja, dann braucht man sich nicht zu fürchten.«

»Ich mein', dann ganz besonders?«

»Verehrte Hausfrau,« sagte Friedrich Thorsberg, und in seinen Augen zuckte die Laune, »es lohnt nicht bei mir Grauhaarigem.«

Sie hatte das Teebrett hingestellt, mit zierlichen Griffen den Tisch geordnet und wandte sich um.

»Erstens sind Sie nicht ein Grauhaariger, sondern ein Eisengrauer. Das klingt schon anders in den Ohren. Und zweitens – aber Sie müssen mich nicht dabei anschauen, sonst werd' ich noch röter vor Verlegenheit – sind alle anderen Männer gegen Sie gehalten wie Knaben in kurzen Hosen. Ich brauch' nur Ihre Augen anzusehen, die so klar und blank hinausblicken und doch die ganze Welt belügen. Oh, ich habe sie studiert, Ihre Augen. Darin steht ein Gewitter hinter dem anderen und wird nur durch den starken Manneswillen gebändigt.«

Kein Zug veränderte sich in seinen heiteren Mienen.

»Was für eine haarscharfe Beobachtern diese schöne Frau ist. Hat gleich in der Eselshaut den Löwen entdeckt.«

»Und mit dem Löwen, so sagt man, lohnt es sich, zu jagen.«

»Was wollen wir denn zusammen erjagen, schöne Hausfrau?«

»Der Löwe ist großmütig. Das steht schon in der Kinderfibel. Ich nehme meinen Anteil auf Gnade und Ungnade.«

»Und die Gegenleistung?« Friedrich Thorsberg erhob sich. Er überragte die Hausfrau Gustav Adolf Brandts um Haupteslänge. »Wollen Sie für mich morden? Brand stiften? Gift mischen? Sie schütteln sich vor Schreck? Ja, wer mit dem Löwen jagen will, muß Blut sehen können. Walzer tanzt er nicht.«

»Mir wird ganz wirr,« klagte sie leise, schloß die Augen und ließ den Kopf an seine breite Brust sinken.

»Hallo, hübsche Schauspielerin,« rief er lachend und rüttelte sie kräftig, »wollen wir schleunigst erwachen?«

Sie tat, als spräche sie aus einer Ohnmacht heraus.

»Er – hat – die Pranken – in mich geschlagen ...«

»Leider nein, schöne Träumerin. Denn er hat gar keine. Diesmal haben Ihre scharfen Augen Sie im Stich gelassen. Es ist kein Löwe in der Eselshaut. Sie wären sonst schon zerrissen, damit Sie ihn nicht zu verraten vermöchten. Verstanden? Es ist wirklich nur ein Esel in der Löwenhaut, der Ihnen für Ihre gute Meinung herzlich verbunden ist.« Sie kam zu sich. Sie erwachte. Sie lächelte ihn verwirrt an, als sie sich an seiner Brust fand.

»Was ist mit mir geschehen?«

»Ich kann es nicht sagen. Ich wurde ohnmächtig vor Schreck.«

»Sie! Ich glaube Ihnen nichts, nichts! Ich fange an, mich vor Ihnen zu fürchten!«

»Fürchten brauchen sich vor mir nur die, die ich nicht liebe,« sagte er langsam und hart.

Da trat sie mit starren Augen ein paar Schritte rückwärts. Als müßte sie seinem Blick entweichen.

»Lieben Sie mich denn ein wenig?« fragte sie klagend.

»Ein wenig? Sehr, sehr! So sehr es Gustav Adolf gestattet.«

»Guten Morgen, Herr Professor Thorsberg. Sie haben mich sehr froh gemacht.«

»Guten Morgen, gnädigste Hausfrau. Wie kann man zu einem Graukopf so gütig sein!«

»Welch eine Törin,« murmelte er, als er sich zum Frühstück niederließ. Eine Wolke lief über seine Stirn. Er dachte an den reinen Toren, der zu der Törin gehörte und ihr Bild auf Goldgrund malte, wie das der sehnsüchtig erträumten Mutter. »Und immer wieder sind es diese wackeren, wundergläubigen Gustav Adolf Brandts, die solchen Frauen Leben und Ehre in die Hände legen. Frauen? Sagte ich Frauen? Es sind nur winzige Geschlechtswesen.«

Er schob den Teller zurück und griff nach seinen Arbeitsheften.

»Große Ehre für mich, zur Teilhaberschaft eingeladen zu sein. Eine gefährliche Beobachtern trotzdem. Nein, doch nicht. Ihr Verstand reicht nicht weiter als bis zum eigenen Nutzen. Das kann nur für ihresgleichen gefährlich werden. Und – für reine Toren. Armer, allzugläubiger Gustav Adolf – –«

Er war in seine Arbeit versunken. Jeder andere Gedanke glitt von ihm ab. Er ging den Seuchen der Welt nach und ergründete sie, um ihr Herr und Gebieter zu werden. Seine Augen waren zusammengezogen.

Das Ticken seiner Uhr, die vor ihm lag, ließ ihn aufblicken. Halb elf Uhr. Auf die Minute pünktlich stellte sich sein Geist auf die neuen Anforderungen ein. Er nahm seine Hefte und ging zur Vorlesung.

Als er zur Tischzeit zurückkehrte, fand er neben Gert und Gertrude den jungen Lenbach vor. In soldatischer Haltung überbrachte der Student eine Mitteilung seines Vaters, als erstattete er eine dienstliche Meldung.

»Vater läßt bei Herrn Professor anfragen, ob er Herrn Professor um vier Uhr genehm käme?«

Friedrich Thorsberg schüttelte ihm die Hand und verspürte den kräftigen Gegendruck.

»Sagen Sie Ihrem Vater, Walter, daß ich mich freue, ihn um vier Uhr zu sehen.«

»Ergebensten Dank, Herr Professor. Ich mache mich sofort wieder auf den Weg.«

»Guten Tag, Gert. Guten Tag, Gertrude. Ihr möchtet bei dieser Wärme wohl auch lieber auf dem Starnberger See liegen als in der Stube hocken? Nicht so stürmisch, ihr drei. Hat denn der Walter Zeit für euch? Aber erst die Aufgaben erledigen. Hört – noch eins.«

Er betrachtete sie lächelnd der Reihe nach.

»Weshalb lauft ihr denn bei dieser Hitze nicht mit bloßer Brust, Ihr Jünglinge?«

»Wir würden das für eine Unanständigkeit halten.«

»So, so. Aber ich sehe doch viele junge Mädchen und Frauen jeden Alters, die es nicht für eine Unanständigkeit halten.«

»Die Gertrude tut es nicht,« sagte Walter Lenbach knapp. »Das genügt uns.«

»Bist du denn frostiger veranlagt, Gertrude, als deine Mitschwestern?«

Da lachte das schlanke Mädchen und zeigte im gebräunten Gesicht die weißen Zähne.

»Vater, das weißt du am besten, ob ich Frost oder Hitze fürchte. Du warst ja mein Lehrmeister.«

»Gefällt dir denn die Mode nicht, Mädchen?«

»Jedenfalls gefallen mir die Mädchen oder Frauen nicht, die sie mitmachen.«

»Ah – sieh einmal einer meine großgewordene Gertrude. Und weshalb gefallen sie dir nicht?«

»Laß es mich sagen, Vater,« bat Gert. »Ein Mädchen kann das schlecht beantworten.«

»Ich lerne selbst von meinem Sohne. Also sprich für deine Schwester.«

»Weil diese Damen, Vater, sich nicht der Wärme wegen so – so – bloßstellen, sondern um in Wettbewerb zu treten.«

Da lachte Friedrich Thorsberg so fröhlich und schallend, daß die jungen Menschen mitgerissen einstimmten.

»Gebt dieses Gelächter weiter,« sagte Friedrich Thorsberg, »mischt ruhig ein wenig Verachtung hinein. Alle Rang- und Klassenunterschiede sollen fallen, bis auf den einen, dessen Grenzen Frauenstolz und echtes Herrentum zieht. Geht hin, ihr drei, und ruft euren ersten Geheimbund ins Leben. Vornehmheit verpflichtet. Gebt das Losungswort an die Jugend.«

Noch einmal stand der junge Lenbach soldatisch straff und mit leuchtenden Augen vor Friedrich Thorsberg, der ihm abschiederteilend die Hand reichte. Die drei Jungen lachten sich an. Dann war der Freund auf dem Weg. Mit dem Glockenschlag vier betrat der Oberst das Zimmer. Die Männer waren allein und saßen sich gegenüber.

»Was haben Sie beschlossen, Thorsberg?«

»Man will Deutschland wieder demütigen. Man will seine Ohnmacht benützen, um sich im Osten ganze Fetzen aus dem krankgewordenen Körper herauszureißen. Man will das stumpf und dumpf zuschauende deutsche Volk in seiner Tatenlosigkeit der Verachtung der ganzen Welt preisgeben, die nur für ringende Männer Zuneigung hat. Man will die deutsche Menschheit so mürbe machen, daß sie sich zu gar keiner Aufwallung mehr durchringt, wenn die größeren Zugriffe im Westen erfolgen sollen, am Rhein und an der Ruhr. Das will man. Und die Frage steht: was können wir wollen?«

»Sagen Sie es, Thorsberg.«

»Zunächst die Frage dahin wandeln: was müssen wir wollen? Wir müssen den Feindmächten zeigen, daß unsere Männer noch nicht allesamt ohnmächtig geworden sind, und daß sie bei Rechtsbrüchen mit blutigen Tänzen zu rechnen haben. Wir müssen der Welt zeigen, daß es noch Scharen von todesmutigen Männern in Deutschland gibt, die das Vaterland über das Leben stellen und ihrer wärmeren Anteilnahme würdig sind. Und damit müssen wir den überheblichen Gegner in eine gesteigerte Unruhe versetzen, wie weit er in seiner Rücksichtslosigkeit gehen darf, ohne die Rache zu rufen.«

»Gut. Und wo steht der Sieg?«

»Der Sieg steht noch in den Sternen, aber es ist schon viel erreicht, wenn wir ihn einstweilen so hoch gehängt haben, daß er der dreisten Überrumpelung entzogen ist. Heere stehen uns zu diesem Zwecke nicht zur Verfügung. Der Vertrag von Versailles hat sie wie unter einem Felsstein platt auf den Boden gedrückt. Also muß der Einzelmensch heran. Und wenn er nur bluten und doch nicht obsiegen sollte, so hat er doch durch die Hergabe seines Blutes und seines heiligen Ernstes den Glauben an ein verjüngtes deutsches Männervolk gewährleistet.«

»Ich erkenne den ersten Teil der Wielandsage, Thorsberg, und bin einverstanden.«

Friedrich Thorsberg reichte dein Oberst den Aufruf an die vaterlandliebende Studentenschaft der deutschen Hochschulen. »In ähnlichein Wortlaut muß er in die bürgerlichen Vereine hinein, in die Arbeiterschaft, unter die Bauern. Sendboten müssen hinaus und Redner. Es muh am Wielandschwert geschmiedet werden.«

Der Oberst prüfte lange. Sein mächtiger Schädel wurde blaß vor Gedankenarbeit.

»Die Unterschrift muß fort, Thorsberg. Der Kopf muß unsichtbar bleiben, damit man ihn nicht mit Bequemlichkeit abschlagen kann. Wir müssen Aufbau und Ausbau des starken und unbedingt zuverlässig arbeitenden Bundes, den wir schaffen wollen, mit einer besonderen Planmäßigkeit gliedern. Kein Unberufener darf mit Nutzen in das Uhrwerk hineinschauen, kein Dritter aus einem Befehl die Geheimschrift herauslesen können. Zieht eine Gefahr herauf, so darf sie nur einen abgegrenzten Teil, ein Zwischenglied treffen, das nur seine allernächsten Verbindungsglieder kennt und nichts weiter nach oben hin. Ein Schlag, der uns treffen soll, muß wie ein Schlag ins Wasser wirken: ein Ring zieht wohl weitere Ringe, aber die weitesten verlaufen sich ohne Spur.«

»Ich verstehe,« sagte Friedrich Thorsberg. »Bringen Sie es in eine Formel.«

Der Oberst sann vor sich hin. Einen Augenblick nur.

»Der Kopf. Das sind Sie. Die Arme. Das bin ich für die Ausführungen und noch ein zweiter, dem die Speisung der Adern, das Geschäftliche und Geldliche zufällt. Die Finger. Das sind die Unterführer. Sie unterhalten Verbindung mit uns nur durch unsere Adjutanten, nie mit den ihnen unbekannten Führern persönlich. Die Adjutanten entnehmen wir unseren Vertrautesten, deren Mund nicht zu öffnen ist. Ich denke an meinen Sohn. Ich denke an den Ihren, sobald er zur Hochschule übergegangen ist. Und einen dritten werden wir finden.«

›Gustav Adolf Brandt,‹ ging es mit jäher Eindringlichkeit durch Friedrich Thorsbergs Sinn. Es war ein Treuer.

Der Oberst fuhr fort:

»Der Körper. Das sind die Mannschaften. Die ausgewählten Einzelmenschen wie die bereits bestehenden Verbände, die wir insgeheim Zusammengreifen müssen. Was heute nur das Krummachen eines Fingers ist, wird unter einer obersten Leitung das Zusammenballen einer Faust sein. Ich bin am Ende.«

Tiefaufatmend reichte ihm Friedrich Thorsberg die Hand. Der Oberst nahm sie mit eisernem Druck. Und sie begannen sofort die gemeinsame Arbeit.

»Der dritte. Der dritte, der die Adern speist. Es muß der ehrgeizigste von uns dreien sein, Oberst, weil er als Geldmann an eine Verzinsung denken wird. Im höheren Sinne. Ich sehe meinen Bruder, den Münchener Großbankherrn Karl Thorsberg vor mir.«

»Ich werde mich zu ihm begeben. Ich lernte ihn bereits in Starnberg im Hause Seiner Exzellenz Ihres Herrn Vaters kennen. Die brüderlichen Bande scheinen mir gleichzeitig die sichersten Bande gegen irgendwelche persönliche Ausdehnung eines Ehrgeizes.«

»Den dritten Adjutanten und Verbindungsoffizier hoffe ich Ihnen auch zu bringen. Überlassen Sie ihn, bitte, mir.« Bis zum Abend arbeiteten sie schweigend und mit gesteigerten Kräften. Dann erhob sich der Oberst.

»Die Polengefahr drängt am meisten, Thorsberg. Lassen Sie Ihren Aufruf an die Studenten heraus. Ich will heute abend noch die Führer der Münchener Vaterländischen Verbände aufsuchen, die den Stutzen nicht nur zum Staat tragen.«

Noch einmal standen die beiden Männer Hand in Hand. Einen Atemzug lang.

»Einen Leitspruch, Thorsberg, für jeden, der sich zu uns schwören will.«

»Das Bibelwort, Lenbach: ›Ich will die Lauen ausspeien aus meinem Munde‹«

Der Oberst sog tief den Atem ein. »Es ist gut.« Und dann schieden sie.

Friedrich Thorsberg stand noch lange am weitgeöffneten Fenster und schaute über die grünen Wipfel und Rasenflächen des Englischen Gartens hinaus, über die der leise Abendwind strich. Er glaubte ein Raunen zu vernehmen. Ein Raunen von anderen Wipfeln, die sich fernhin am Rhein über einem Waldgrab wölbten. Und er hörte Worte heraus. Worte mit dem Klang seiner eigenen Stimme. »Es soll nichts vergessen werden. Nicht das Tüpfelchen auf dem i. Ich will es mir hersagen, als spräche ich der Frau dort die Sterbegebete.«

»Minne,« sagte er, »es wird nichts vergessen. Nur daß die Toten zeitlos zu warten vermögen und das kranke Vaterland nicht. Wenn ich den anderen den Bogen gespannt habe, spanne ich den meinen.«

Es zog ihn ins Freie, und er fuhr nach Starnberg hinaus, die Kinder zu holen.

Als er das Seeufer entlang schritt und das Landhaus des alten Künstlerpaares erreicht hatte, sah er die Alten im letzten Abendlicht mit einem Gaste zusammensitzen. Er rief einen »Guten Abend« über den Zaun und wurde angehalten. »Eintreten, Verehrtester. Eintreten, Herr Professor.« Der einstige Hoftheaterleiter schien in großer und freudiger Aufregung. »Sie müssen mir gestatten, Sie mit meinem Sohne Robert Heß, Vereinigte Staaten von Nordamerika, bekanntzumachen. Vor einer Stunde finden wir ihn am See.«

»Sie wußten garnicht, daß Ihr Herr Vater hier wohnte?« fragte Friedrich Thorsberg freundlich.

Der Befragte lachte. Sein Körper war schwer und wohlgenährt, und das Doppelkinn seines geröteten Gesichtes zeigte nicht weniger den Genießer an. Das Lachen aber klang plump und obenhin und war das Lachen eines Leichtlebigen. »Mein Herr Vater«, lachte der Mann aus den Vereinigten Staaten, »hatte mir bei unserem letzten Abschied ausdrücklich untersagt, mich noch einmal um seine Hausnummer zu kümmern. Und der brave Bob Heß ist ein gehorsamer Sohn.«

Der Greis hob beschwörend die Hände. Sein kleingewordenes Schauspielergesicht glühte vor Glück.

»Oh, Freunde, nicht diese Töne! Sondern laßt uns angenehmere anstimmen und freudenvollere!«

Beethovens Neunte war ihm auf die Zunge gekommen, und er stand bereit, mit erregter Leidenschaft das Lied an die Freude zu sprechen: »Freude, schöner Götterfunken,« aber Robert Heß, der sich den Bob Heß nannte, schnitt ihm die Schwingen.

»Vater, ich ziehe immer noch das kleinste Glas Whisky dem größten Gedichte vor.«

Da schwieg der Greis, blickte ernüchtert um sich und sagte kleinlaut:

»Whisky? Nein, Whisky führen wir nicht. Nicht wahr, Franziska? Whisky nicht?« Die gealterte Schauspielerin kam dem Freunde kräftig zu Hilfe.

»Merkst du denn nicht, Waldemar, daß dein Sohn nur aus Bescheidenheit von Whisky spricht. Er hätte ja auch Champagner verlangen können. Champagner führen wir, solange wir beide noch das Zauberwörtlein wissen. Soll ich Champagner besorgen, Herr Bob Heß?«

Herr Bob Heß aber setzte der Frage noch einmal sein polterndes Lachen entgegen.

»Champagner? Mein Vater Parzifal – ich wollte sagen, mein Vater Waldemar Heß hat in seinem ganzen Leben noch keinen Champagner getrunken, den er selbst bezahlt hat. Warum sollte er am heutigen Abend eine Ausnahme von der Regel machen wollen? Aber Bob Heß ist drüben in den Staaten durchaus nicht taub auf den Ohren geworden und versteht auch einen feinen Wink. Für einen Dollar gibt's ja in diesem glücklichen Lande mehrere Flaschen zu kaufen.«

Friedrich Thorsberg hörte geduldig zu, als säße er irgendwo im Welttheater. Fräulein Franziska Großmann aber, die selber so viele Jahre auf den Brettern gestanden hatte, war das schlechte Theater satt.

»Gestatten Sie mir die Bemerkung, Herr Heß, daß Sie sich nicht in einer Hafenwirtschaft befinden, sondern im Hause einer Dame.«

»Wie? Was?« entgegnete der Zurechtgewiesene und rundete die Augen. »Diese friedliche Hütte gehört nicht meinem Vater? Er verbringt nur seinen Lebensabend hier und pflegt seine Erinnerungen? Oh, jetzt versteh' ich immer besser. Jetzt versteh' ich wunderbar zart, wieso der verlorene Sohn mit dem inbrünstigsten Jubel am Seegestade aufgelesen und als der wiedergefundene Sohn aus Dollaria im Triumph hierhergeleitet wurde. Ach nein, den grauen Star hat sich der Bob Heß drüben nicht auf die Augen geholt, aber goldene Vögelchen die Hülle und Fülle in alle Taschen. Und die besitzen einen Gesang, der etwas Anziehendes hat.«

»Meine Herren,« sagte die einstige Bühnenheldin mit einer Neigung des Hauptes gegen Friedrich Thorsberg und ihren weißhaarigen Freund, »ich bitte um die Erlaubnis, mich zurückziehen zu dürfen.«

Der alte Herr griff sich an die Stirn. Es wurde ihm wirblig. Er schüttelte abwehrend die Hand gegen die Freundin.

»Nein, nein, nein, Fränzchen. Wir irren uns. So war er schon als Knabe und hat es beibehalten. Wenn er verlegen wurde, wurde er dreist. Er spürt unsere Dankbarkeit und will ihr durch sein Benehmen zuvorkommen.«

»Ich wüßte nicht,« meinte Franziska Großmann achselzuckend, »wofür ich diesem amerikanischen Herrn Bob Heß Dankbarkeit schuldig wäre. Nie und nimmer.«

»Ich bitte um Entschuldigung, Fränzchen. Ich bin es so gewöhnt, ›wir‹ zu sagen, wenn ich von einem von uns beiden spreche. Du selbst hast mich durch deine vornehme Herzensgute daran gewöhnt. And als ich an Roberts reiches Geschenk dachte, das damals auch dich von ganzem Herzen erfreute –«

Der Mann aus den Staaten horchte auf. Er zog ein bis zur Torheit verwundertes Gesicht.

»Von welchem meiner reichen Geschenke spricht mein verehrter Vater?«

»Siehst du es nun, Fränzchen? Wie er sich verstellt? Es kann kein Mensch gegen seine Natur, und die seine ist massig. Jetzt übertreibt sein Übermut wieder und spricht in der Mehrzahl, um meine Rührung ins Lächerliche zu ziehen. Aber das tut nichts. Das schlage ich gar nicht schwer an. Daß er in meiner höchsten Not des Vaters gedachte und seiner Sohnespflicht und mir im Herbst des letzten Jahres hundert Dollars übersandte, das bleibt ein Ehrenpunkt in seinem sonst wohl etwas unausgeglichenen Leben.«

Friedrich Thorsberg blickte mit freundlichem Lächeln auf den geliebten Sohn.

»Hundert Dollars?« fragte Robert Heß, drückte die Augen ein und preßte das Doppelkinn auf den Kragen. »Einhundert Dollars? Wie sind sie an dich gelangt, da du nun doch einmal die Sprache darauf gebracht hast?« Und er lauschte, ohne sich zu regen.

»Du hast sie mir doch durch einen amerikanischen Freund übersandt, Robert, der mich in Frankfurt aufsuchte.«

»Dann wird sich dein vorzügliches Gedächtnis auch noch des Namens dieses Mannes entsinnen.«

Der alte Herr zergrübelte sein Hirn. Er wiegte den Kopf, sah Thorsberg an und blickte freudig auf.

»Aber hier, der Herr Professor, war ja in seiner Begleitung!«

»Der Mann hieß Waldheim,« sagte Friedrich Thorsberg trocken. »Er brachte Liebesgaben von drüben. Mehr weiß ich nicht.«

Robert Heß streckte blitzschnell das Kinn aus dem Kragen vor.

»Waldheim? In der Tat Ferdinand Waldheim? Der Maschinenkönig? Er hat sich persönlich zu dir bemüht?«

»Wenn er doch dein Geschenk in meine Hände legen wollte?«

Robert Heß hielt seine Züge ruhig. Nur die aufmerksamen Äuglein liefen zwischen den Fettpolstern hin und her. Und Friedlich Thorsberg dachte: So muß der ehrenwerte Mister Bob Heß ausschauen, wenn er den Golfstrom rauschen hört und seine amerikanischen Geschäfte macht.

»Mein lieber Vater,« sagte der Mann aus den Staaten und ließ gemächlich die goldene Uhrkette durch die gepolsterten Finger gleiten, »es freut mich von Herzen, daß dir die hundert Dollars gerade recht kamen. Aber du sprichst von einem Geschenk. Wie würde ich als wohlerzogener und verehrungsvoller Sohn mir erlauben dürfen, meinem so feinfühligen Vater ein Geschenk von hundert Dollars anzubieten? Ich pflege im Geschäftsverkehr wahrhaftig nicht die allerfeinsten Rücksichten zu nehmen, aber einem Vater gegenüber? Man schickt einem Vater doch kein Trinkgeld. Für so taktlos wirst du deinen Sohn trotz seines etwas unausgeglichenen Lebens denn doch wohl nicht halten.«

Der alte Herr hatte sich erhoben. Die Scham färbte sein Gesicht.

»Verzeih, Robert. Es war in der Notzeit. Ich hatte es in der Tat geglaubt. Aber das Wort ›Trinkgeld‹ muß mich empören.«

Die linde Nacht war hereingebrochen, und das alte Fräulein zündete mit ruhiger Hand ein buntes Windlicht an. Dieser Sohn hatte jetzt auch ihre Teilnahme. Sie mußte ihm in die Augen sehen.

»Siehst du wohl, Vater, wie richtig dein Sohn dich eingeschätzt hat? Das muß mich ungehobelten Burschen doch geradezu freuen, daß die mir anerzogene Lebensart auch heute noch nicht versagt. Natürlich handelt es sich um ein Darlehen. Aber es hat Zeit. Es hat lange Zeit. Bis ich selbst einmal in Verlegenheit geraten sollte.«

Und er klopfte scherzhaft auf die gespannte Weste.

Nun gedachte Fräulein Franziska Großmann für den fassungslosen Freund zu antworten. Doch Friedrich Thorsberg winkte ihr mit hochgezogenen Augenbrauen zu. Und sie gähnte nur und schloß den schon geöffneten Mund.

»Die Dame des Hauses ist übermüdet,« sagte Friedrich Thorsberg und erhob sich rasch. »Wohnen Sie in einem Münchener Gasthof oder in Starnberg, Herr Heß? In München? Dann eilt's, daß wir den Zug erreichen.«

Er dankte den alten Herrschaften mit besonderer Herzlichkeit für den genußreichen Abend, und der ehemalige Hoftheaterleiter wußte zuletzt selber nicht mehr, was gerade und was ungerade sei.

»Sie scheinen viel Geld drüben gemacht zu haben, Mister Heß,« begann Friedrich Thorsberg gemütlich, als er mit dem schnaufenden Gefährten das Seeufer entlang wanderte. »Ich möchte schon bei Ihnen in die Schule gehen.«

Der protzige Mann lachte geschmeichelt auf.

»Nicht nur drüben, Professor. Nicht nur drüben. Drüben mußte man nur den Grundstock zu legen wissen, ein paar Jährchen im Lande sein, um der verdammten deutschen Kriegsdienstzeit zu entgehen und noch knapp vor Onkel Sams eigenhändigem Eingreifen in den Dollar bringenden Weltkrieg das Bürgerrecht zu erwischen, und für die kommende Ernte ein kleines Betriebskapital sammeln. Die Ernte aber wuchs im lieben deutschen Vaterland uns weitblickenden Geschäftsleuten ganz von alleine nur so unter die Sichel, als der deutsche Michel in Umsturz machte, die republikanischen Fahnen hißte, sich in der Welt um seinen guten Namen brachte und sein noch besseres Geld entwertete. Da war der große Ausverkauf da. Als amerikanischer Bürger komme ich überall durch. Glatt durch. Sie sollten nur die Verbeugungen sehen, die man meinem Sternenbanner an der Mütze und im Knopfloch macht. Und ich lasse mir einen Dollar wechseln und kaufe mir dafür die hundertfachen Werte in Waren oder Wertpapieren. Und ich lasse mir einen Dollar wechseln und bezahle dafür den feinsten Gasthof samt Essen, Trinken und Bahnfahrten erster Klasse. Für eine ganz kleine Handvoll Dollars werde ich mir nächstens ein schönes Gut erstehen. Man wird seiner Stellung nachgerade etwas schuldig und tut gern dafür etwas Besonderes. Übrigens wüßte ich im Augenblick an der Rheingrenze ein riesiges Spiritusgeschäft. Ganz unterderhand. Wenn Sie Kapital haben, Professor?«

»Ich habe nicht mal so viel, daß ich mit Ihnen in derselben Wagenklasse fahren kann, Mister Heß. Aber es war mir ein großes Vergnügen. Hier sind wir am Bahnhof.«

Er verabschiedete sich, indem er an die Hutkrempe griff, wandte sich und suchte seine Kinder, die er mit Walter Lenbach wartend fand. Er begrüßte die drei mit einer so tiefen Herzlichkeit, als hätte er sie seit Monden nicht gesehen. –

Am Nachmittag des folgenden Tages suchte ihn der Oberst auf. Auf dem ernsten Soldatengesicht lag ein hellerer Schein.

»Die Vaterländischen Verbände sind schon in aller Stille aus eigenem Antrieb vorgegangen und ziehen Freiwillige an sich für den Marsch nach Oberschlesien, die Abwehr der polnischen Räuberbanden. Das macht einem das Herz warm. Unser Aufruf erscheint ihnen als wertvolle Unterstützung. Auf mein vorsichtiges Tasten nach einem Zusammengehen unter einer allgegenwärtigen, aber unsichtbaren Leitung erfolgten bejahende Antworten. Eine jede Gruppe will zwar ihre Eigenart bewahren, schon wegen der Heranziehung des Nachwuchses und Ergänzung ihrer Reihen. Aber in der Hauptsache sind wir eines Sinnes. Erhalten wir ihr Vertrauen, so erhalten wir auch das Verfügungsrecht.«

»Wie gedenken Sie das Vertrauen am schnellsten zu gewinnen?«

»Durch Arbeit. Die sichtbare Arbeit, Thorsberg, begeistert immer zur Nacheiferung und Anhänglichkeit, besonders wenn ohne viel Reden große Summen für die gemeinnützigen Ziele angelegt werden. Wer sein Geld wagt, will siegen, denkt selbst der vorsichtige Rechner. Sie sprachen ja schon Ähnliches aus. Im höheren Sinne, wie Sie hinzufügten. Und in diesem höheren Sinne soll das Geld heran.«

»Waren Sie bei meinem Bruder, Lenbach?«

»Den halben Nachmittag. Er will Bayern erstehen sehen und Bayerns Krone. Wir Deutschland – nur Deutschland. Erst das Land, dann die Staatsform. Die ergibt sich dann von selbst. Nun, ich denke, Ihr Herr Bruder wird zu belehren sein, da der größere Gedanke den kleineren als Teilgedanken in sich schließt.«

»Und er versprach Ihnen geldliche Unterstützung?«

»Er händigte mir zum Schluß eine bestimmte Summe zu Vorarbeiten ein. Ohne Verbindlichkeit, wie er sich kaufmännisch auszudrücken beliebte. Doch läßt er Sie bitten, ihn heute abend acht Uhr aufzusuchen.«

Friedlich Thorsberg nickte nur.

»Worin sollen die ersten Vorarbeiten bestehen, Oberst?«

»Wir müssen ganz von unten beginnen, denn was den Jungmannen zur körperlichen und seelischen Ertüchtigung fehlt, ist die Dienstzeit unter der Fahne. Ich werde einige der größten Turnanstalten so ausstatten lassen, daß sie wie eine Schausammlung wirken in Erinnerung an das dahingegangene Heer. Und der Anschauungsunterricht, der dort erteilt wird, kann alsbald durch gleichzeitig vorzunehmende Übungen prägsamer gestaltet werden. Auch können aus Freiübungen in der Begeisterung größere Geländespiele werden. In den Reitbahnen aber, die ich ankaufen werde, wird unentgeltlicher Unterricht erteilt an solche, die über den üblichen Sonntagsreiter hinauswachsen wollen und sich darum auch körperlichen Anstrengungen zu unterwerfen wünschen. Zwischen Turnhallen und Reitschulen aber werden Austausch und Wechselwirkung bestehen. Der persönliche Nutzen für alle Teilnehmer ist ersichtlich.« Friedrich Thorsberg hatte aufmerksam zugehört.

»Wissen Sie, Oberst, was mich bei unserer gemeinsamen Arbeit das wertvollste dünkt? Daß jeder von uns handelt, als könne der andere nicht anders handeln.«

Am Abend schritt er die brausende Isar entlang, stieg die jenseitige Anhöhe hinan und fand sich am Fuß des Siegesdenkmals. Sinnend umschritt er den mächtigen Sockel der Göttin. Aus der Tiefe herauf brandete das Leben der großen Stadt, die Tausende von Stimmen hatte und doch nur die eine haben sollte wie das ganze, große Vaterland. – –

Friedrich Thorsberg wurde dem Bankherrn Karl Thorsberg gemeldet. Die Brüder saßen sich im Arbeitszimmer des Bankherrn gegenüber, das durch gepolsterte Türen gegen jeden Laut gesichert war.

»Unser gemeinsamer Bekannter, der Oberst Lenbach, hatte am heutigen Vormittag eine Unterredung mit mir.«

»Ich bin darüber unterrichtet.«

»Wohl nur über den Wortlaut. Zwischen den Worten blieben noch ergänzungsbedürftige Stellen.«

»Sprich sie aus. Männer, die sich auf einer Gratwanderung am selben Seile anseilen, müssen einander in Schritt und Tritt blindlings verstehen.«

Karl Thorsberg ließ die schweren Augendeckel nieder. Nur das Perlmutterne des Auges schimmerte wie ein Streif.

»Zunächst danke ich dir in aller Aufrichtigkeit für dein brüderliches Vertrauen. Deine Wahl war nicht unrichtig. Ich vermöchte dir als dein Mitarbeiter sehr wohl zu nützen.«

»Der vaterländischen Sache, Karl.«

»Der vaterländischen Sache, Friedrich. Ich bin bayerischer Staatsbürger und bayerischer Parteiführer. Von dieser Plattform aus muß ich sie überblicken können.«

»Ich glaube, Bruder,« sagte Friedrich Thorsberg mit Wärme, »du wirst selbst über diese Plattform hinaus einen noch höheren Standpunkt zur Umschau gewinnen können. Wie über einem jeden Glaubensbekenntnis der allen gemeinsame und von allen ersehnte Gott steht, so steht über jedem Parteibekenntnis das gemeinsame und heute tausendfach von uns allen ersehnte Vaterland. Wenn wir das Haus herrlich und in festen Maßen wieder aufgebaut haben, wird sich auch für jeden nach Wunsch und Wahl ein Zimmer finden.«

Immer noch ließ Karl Thorsberg nicht mehr als das Perlmutterne des Auges sehen.

»Was du sagst, hört sich gut an. Verzeihe, daß ich als Politiker an stärkere Bürgschaften denke. Wie heißen sie?«

Friedrich Thorsberg sah mit stillem Lächeln den Bruder an.

»Wie sie heißen? Ich will dir nur die stärkste nennen. Und diese heißt: Karl Thorsberg in der Oberleitung.«

Die Augendeckel gingen hoch. Scharf wie eine Fechterklinge kam der wachsame Blick.

»Karl Thorsberg in der Oberleitung. Gemeinsam mit einem Heerführer von Ruf. Aber über Karl Thorsberg in Wolkeneinsamkeit Friedrich Thorsberg. Wer bürgt mir für seine letzten Ziele?«

»Meine letzten Ziele werden immerdar wie meine ersten sein. Alle liegen kristallen vor dir. Alle tragen nur den einen Namen: Deutschland! Was dir dafür Bürge ist? Das Höchste und Heiligste, was es auf der Welt gibt: meine reine, deutsche Ehre.«

Diesmal war es der Bankherr, der lächelnd den Bruder betrachtete.

»Bleib kühl, Friedrich. Die Politik ist nicht auf das reinste Ehrenwort eingestellt, sondern auf den größten Nutzen.«

»Unbesorgt, Bruder. Ich habe mir als Arzt und Jäger den kühlen Blick bewahrt. Ich vermag, wenn ich es will, einem Menschen sowohl wie einem Volkskörper durch die Hirnschale zu sehen. Und sorge dich auch nicht so sehr um die hohe Politik und ihren gordischen Knoten. Alexander von Mazedonien bastelte bekanntlich nicht lange daran, sondern haute ihn mit dem Schwert auseinander. Und alle Welt wunderte sich über die rasche Lösung. Siehst du, Bruder, wenn ich diese Sekundanergeschichte erzähle, so will ich damit sagen, daß es nicht so sehr auf die Maßnahmen der hohen Politik ankommt als auf den Mann, der ihren Maßnahmen zuvorkommt.«

»Und das willst du?« fragte der Bankherr rasch.

»Ich will als Deutscher Deutschland helfen. Dazu allein sind wir Überlebenden übriggeblieben. Nicht nur in den Denkmalsreden und den Danksagungen an die ungesühnten Toten. Hiermit.« Und er ballte die Hand zusammen.

Wie einen urstarken Malstrom spürte Karl Thorsberg die Willenskraft des Bruders.

»Ich will das gleiche wie du. Und meine Gesinnungsgenossen wollen wie ich. Was ich in die Wagschale zu werfen habe, sind große vorhandene Geldrücklagen. Geld ist nach Blut die größte Macht. Ich will dir und deinem Kreise nähertreten. Ganz nah. Ja als Teilhaber. Aber werden die gemeinsamen Machtmittel auch mir für das engere Vaterland zur Verfügung stehen?«

Und Friedrich Thorsberg sprach mit Oberst Lenbachs Worten:

»Umschließt der größere Gedanke nicht den kleineren als seinen Teilgedanken?«

»Gut. Ich werde ein achtsamer Teilhaber sein, der nichts zu regeln vergißt. Auch nicht zum Schlusse die Rechnung.«

Friedrich Thorsberg stand auf und reichte ihm stumm die Hand.

»Nimm ein Glas Wein, Friedrich. Meine Frau läßt dich darum bitten. Du hast einen großen Stein bei ihr im Brett.«

Und er berührte einen Klingelknopf und hieß den Diener die gnädige Frau verständigen.

Frau Bella erschien sofort. Sie war in kostbarer Abendgewandung, in der ihre dunkle Schönheit wie die Pracht einer Südländerin erblühte. Sie reichte dem Schwager die gepflegte Hand zum Kuß und entließ den Diener, der den Wein gebracht hatte, mit dem Befehl, in einer Viertelstunde den Kraftwagen vorfahren zu lassen.

»Seid ihr einig?« fragte sie halblaut die Männer.

»Weshalb sollten wir nicht einig sein, Schwägerin? Karl und ich sind Brüder, und du bist als dritte eine so schöne Frau, daß Uneinigkeit Narrheit wäre.«

»Die allergrößte Narrheit aber wäre, mich als Kind zu behandeln, Schwager.« Sie sprach langsam und betont. »Wenn ich oft die Mittlerin spielte zwischen Karls Bankmacht und anderen Gewalten, so zeigt das, daß ich auch, wenn's not täte, die Mittlerin zwischen dir und Karl zu spielen vermöchte.«

Friedrich Thorsberg stutzte. Dann blickte er seinem Bruder voll ins Gesicht.

»Bella weiß keinerlei Namen,« klärte der Bankherr hastig auf. »Nur die Dinge als solche pflege ich mit ihr zu besprechen. Ihr Verstand ist ein durchdringender, und ihre Klugheit hat mir immer noch den rechten Weg gewiesen.«

Friedrich Thorsberg verbeugte sich tief.

»Ich darf dazu nur bemerken, daß es Dinge gibt, die so wertvoll sind wie Menschenleben. Wenn wir uns darüber einig sind, so sind wir uns immerdar in den Hauptzügen einig, Schwägerin. Immerdar.« Sie nahm ihr Weinglas und stieß mit dem Schwager an. Ihr dunkler Blick lag ungescheut auf dem kantigen Kopf mit der kurzgehaltenen Mähne.

»Ich bin deine dir wohlgeneigte Schwägerin Bella,« sagte sie und ahmte spottend den Stil der Fürstinnen nach. »Zum Zeichen, wie wohlgesinnt ich dir bin, darfst du mich in meinem Wagen ein Stück Wegs begleiten. Ich habe noch einer hohen Einladung nachzukommen. Aber für solche Äußerlichkeiten hast du wohl keinen Sinn.«

»Um so mehr Sinn habe ich für deine gefährliche Schönheit, Bella. Die hohen Stellen, die dich einladen, müssen schon einen besonderen Panzer tragen, wenn du ihnen ans Herz und – an die Geheimnisse willst.«

Noch immer lag ihr dunkler Blick ungescheut auf ihm. Dann hob sie das Weinglas flüchtig gegen ihren Gatten.

»Ich höre den Wagen. Erwarte mich nicht vor Mitternacht. Grüße die Ruth, die Ausreißerin.«

Friedrich Thorsberg saß der Schwägerin zur Seite. Der Wagen glitt in den Maienabend. Er war geschlossen trotz der Wärme.

»Ich liebe es nicht, bei abendlichen Ausfahrten gesehen zu werden. Ist dir zu heiß?«

»Glaubst du, ich friere an deiner Linken?«

Sie lachte kurz auf. Dann zog sie langsam den Handschuh herunter und reichte ihm ihre Hand.

»Laß uns Freunde sein, Friedrich. Du bist kein Frauenmann, und deine Schmeicheleien spotten. Aber ich bin im Grunde auch keine Herrendame und spiele nur um hohe Einsätze. Was du brauchst, brauche ich auch: einen schwindelfreien Kameraden.«

»Bei Gott, Bella,« erwiderte Friedrich Thorsberg und streichelte die lange, schmale Hand, »ich habe, seit ich an deiner Herzseite sitzen darf, nicht an die Egeria gedacht, sondern nur an die hinreißend schöne Frau.«

»Schauspieler. Zur Strafe steigst du hier mitten im Menschengewühl aus. Gute Nacht, Löwentöter. Gute Nacht, Willensmensch. Hör, noch eins!« Sie rief ihn vom Bürgersteig zurück. »Vergiß es nicht, ich bin schwindelfrei.«

Friedrich Thorsberg ließ sich von den Vorübergehenden stoßen und drängen. Er stand auf seinem Platz und blickte dem Wagen nach.

»Verführerin,« schwang es in seinen Sinnen. »Du könntest einem Heiligen schwül machen. Man muß schon ein Arzt sein und ein echtes und rechtes Frauenherz in allen seinen Schlägen kennen, um zu wissen, daß bei dir der Fleck leer ist.«

Er schritt in das Menschengewühl hinein, und der Duft der Frau blieb bei ihm. Er aber meinte, es sei der Duft des Frühlings, und er sog tief die schmeichlerischen Düfte ein, die seinem einsamen Blute wie Balsam waren.

In einem Saalgebäude war eine Versammlung beendet. ›Nie wieder Krieg!‹ stand in Riesenbuchstaben über der Eingangstür zu lesen. Hagere, niedergedrückte und schwärmerisch verklärte Menschen verließen den Saal. Aber mehr noch junges Volk mit hintenübergekämmtem langen Haar, barhaupt und in offenem Wanderhemd, frühreife oder überkluge Burschen, ungebundene Überflieger und Drückeberger der Pflicht. Die Niedergedrückten und die Schwärmerischen gingen eilig von dannen, die anderen stauten sich lachend und lärmend und fühlten sich als Helden, weil sie den Mut bekundeten, keine mehr zu sein, die sie nie gewesen waren. Aber soviel Heldentum brachten ein paar der Nächststehenden doch noch auf, im Gedränge ein weibliches Wesen zu belästigen und der Wehrlosen die Arme um die Hüften zu legen. Ein paar Augenblicke nur. Dann traten ihnen die Augen aus den Höhlen, die Köpfe färbten sich rot und prallten mit Macht aneinander. Friedrich Thorsberg hatte ihnen die starken Hände wie Klammern um den Hals gelegt und ihnen die Stirnen gegeneinander gestoßen. Und er reichte Martha Wilde den Arm und führte sie sorgsam aus dem Gewühl.

»Was machen Sie denn hier? War der Bruder Doktor etwa Festredner?«

»Nicht doch! Aber man hat ihn wegen seiner Zwischenrufe vor einer Viertelstunde hinausgeworfen. Ich habe den stillen Menschen noch nie so vergnügt gesehen.«

»So ist aus dem grüblerischen Saulus ein mannbarer Paulus geworden? Ist das Ihre Schuld, Sie gesundes Menschenkind?«

»Sie wissen, daß es die Ihre ist. Ihr – Ihr Feuergeist hat seine Wunden ausgebrannt.« Und als ob ihr frisches Empfinden sich des feierlichen Wortes schäme, sprang sie hastig zu einem anderen Gespräch über. »Hei, wie Sie den beiden Lotterbuben die Kopfe aneinandergerannt haben. Wie die frechen Augen jäh zu Froschaugen wurden. Und schon war die kurze Vorstellung vorbei, als wäre nichts gewesen.« Sie lachte ihm in die Augen. »Glauben Sie mir, daß ich mit den Lotterbuben auch ohne Hilfe fertig geworden wäre? Glauben Sie mir, daß ich mich nicht fürchte? Freilich war's so schöner.«

Er drückte zur Bejahung den Arm, der in dem seinen lag, und sie plauderte weiter und hatte ihm noch einen zweiten Dank zu sagen für die Fürsprache zugunsten des Bruders. Nun dürfe der Arnold sein Krankenhausjahr in München abmachen und brauche nicht seine Zelte abzubrechen und zu wandern.

Friedrich Thorsberg sog tief den Frühling ein. Jetzt erst war es der Frühling. Der Duft der verführerischen Frau war verflogen. Irgendwo am Parkrand, an dem sie schritten, roch es nach Veilchen.

»Bitte erzählen Sie mir aus Ihrer Jugend,« bat er, nur um die Stimme des Lebens zu hören nach der Stimme des Strebens.

»Es ist nicht viel,« gestand sie. »Nur Alltägiges.« Aber sie erzählte gern, weil sie fühlte, daß ihn ihre Stimme freute.

Einmal nahm Friedrich Thorsberg ihren Arm fester. Und so hielt er ihn, daß er den Blutpuls ihrer Gesundheit spürte. Und er freute sich an ihrem quellenden roten Haar und an ihrem kraftvollen hohen Wuchs.

»Ich bin wie ein Student,« sagte er, »der sein Mädchen nach Hause bringt.«

»Wenn ich Sie ein wenig fröhlich gemacht habe, war's auch für mich ein schöner Abend. Gute Nacht, Herr Professor.«

»Auf Wiedersehen, Martha Wilde.«

*

 


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