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9

Die Brüder Thorsberg und der Oberst Lenbach sahen sich selten zu dritt. Unablässig aber arbeiteten Friedrich Thorsberg und der Oberst Hand in Hand. Unablässig setzten die beiden Männer die ganze Spannkraft ihres Wollens und Willens an die Aufgabe, über die am Boden schleifenden Zügel des Vaterlandes Macht zu gewinnen. Soviel Macht, um den Wagen vor dem letzten Sturz in den Abgrund zu bewahren und vor dem gänzlichen Verfall eine Schranke aufzurichten aus lebenspottenden, schicksalbändigenden Tatmenschen.

»Ihr Herr Bruder,« sagte der Oberst, »wünscht auch uns gegenüber möglichst hinter dem Vorhang zu bleiben. Es hat den Anschein, als ob er sich aus Zweckmäßigkeitsgründen den Rücken decken möchte. Der Parteiführer in ihm hält sich den Ausgang offen, falls der Vaterlandsfreund in Verlegenheiten geraten sollte. Nun, Thorsberg, einstweilen fließen seine Kassen.«

»Wenn er Zinsen sieht, werden sie weiter fließen.«

Und schon der Mai brachte die ersten Zinsen ein. Die vaterländische deutsche Jugend, von München aus nach Oberschlesien geworfen, sprang löwenmutig den polnischen Einbrecherbanden an die Gurgel, würgte sie zu Boden, schoß die Aasjäger ab, gab das eigene rote Blut in Strömen her, um es dem dahinschwindenden, sterbenssiechen Leib Oberschlesiens in die Adern zu leiten. Verblüfft wich Polen zurück. Verblüfft starrte die feindliche Welt auf das unerwartete Schauspiel. Diese Deutschen hatten noch Ehre im Leib? Diese Deutschen hatten noch Volksbewußtsein? Vaterlandsbewußtsein? So waren sie doch noch nicht zu Schachfiguren herabgesunken? So heischten sie doch noch, als Mitspieler gewertet zu werden, die Blut als Einsatz forderten und Gerechtigkeit als Gewinn? Die Aufteilung deutscher Lande, die Herabdrückung ihrer Menschen zu Schuhputzern der Fremdmächte war ins Stocken gekommen.

Der Abend, an dem Friedrich Thorsberg die Schwester Arnold Wildes heimgeleitet, an dem er sich die Lungen noch einmal vollgetrunken hatte an jungem Frühlingsduft, war sein letzter freier Abend gewesen. Bis die frühe Sonne in die Scheiben lugte, wurde sein Tag durch die Nachtstunden verlängert, mußte unermüdliche, stille Arbeit geleistet werden, die als starker und stärkender Lebensstrom über Oberschlesien flutete. Oft aber auch saß er im Dunkel der Nacht in der Ecke eines Eisenbahnabteils, fuhr ungezählte Stunden, um nach kurzer, knapp gefaßter Besprechung mit den Führern im Kampfgebiet in nächster Nacht wieder daheim am Arbeitstisch zu sitzen, Lenbach sich gegenüber.

Und der Juni kam, und die Freiheitskämpfer kehrten zurück.

»Was wir erreicht haben, wissen nur wir,« sagte der Oberst ernst. »Blöde Augen sehen wohl nur das vergossene Blut, weil sie den handgreiflichen Erfolg nicht sehen und nur das Eingreifen der Fremdmächte. Ich, Thorsberg, bin zufrieden.«

Friedrich Thorsberg stand mit geschlossenen Augen. Jetzt öffnete er sie, und sie blickten blank und klar, aber mit hartem Licht.

»Ich danke Ihnen, Lenbach, für das Wort. Ich wollte es selber sprechen. Trotz des ruhigen Ausgangs ist keine stürmische Kraft umsonst vertan. Es war eine Schwertprobe. Das Schwert hat nicht schlecht geschnitten, und wenn wir es jetzt nach den gesammelten Erfahrungen umschmieden, so wird es das nächstemal noch schärfer schneiden.«

»Aber auch die feindlichen Augen werden uns schärfer auf die Finger sehen.«

»Gewiß, Lenbach. Das Schwert wird durch das Umschmieden kürzer werden in unserer Hand. Nicht so weit ausholend, aber tödlicher.«

»Ja, so dachte ich. Der Stumpf wird immer schneidiger, das geliebte Volk immer deutscher.« – –

Friedrich Thorsbergs Gesicht war schmaler geworden in diesen Monaten, keine Unze überflüssiges Fett war an seinem muskelharten Körper. Er arbeitete unablässig wie zuvor. Der ganze Sommer, der ihn bis zum späten Herbst von den Hochschularbeiten freiließ, gehörte wieder seinen wissenschaftlichen Forschungen. Weniger als je verließ er seine Werkstätte im Universitätsgebäude. Über seine Stirn breitete sich die Gelehrtenfarbe. Wer ihn in sich versunken des Weges kommen sah, ahnte nicht, welche heißen Feuer in dieser Seele brannten.

Einmal nur erfuhr es Gustav Adolf Brandt.

Von kurzer Studienfahrt war er schon in den Maitagen aufgefrischt in seine Behausung zurückgekehrt. Frau Amely zwar hatte er nicht angetroffen. Sie hatte sich zu einem Tagesausflug nach Seefelden verlocken lassen, und der alte Brandt war ihren Wünschen entgegengekommen und hatte auch ihren Sohn Franz mit einer Einladung beglückt. Im vornehmen schwarzen Leibrock hatte der alte Lebenszigeuner seine Gäste im Viererzug um das ansehnliche Gut kutschiert und sie im Herrenhause üppig bewirtet. Frau Amely, erst befangen von all der Pracht und Großzügigkeit, war überraschend schnell in die Rolle des verwöhnten Gastes hineingeglitten, während das kundige Auge des Sohnes, nach Geschäften forschend, Dächer und Mauern zu durchdringen suchte.

Der berauschende Tag und der genossene Wein spukten noch überheblich in Frau Amelys Blut, als sie in der Nacht vor dem heimgekehrten Gatten stand.

»Ei, bist du auch wieder im Hause? Du darfst mir die Hand küssen, Gustav Adolf.«

Er beugte seine lange Gestalt über sie und schloß sie in die Arme.

»Herumtreiberin! War's wenigstens schön? Kuß. Na, wenn du das einen Wiedersehenskuß nennst. Wen hast du denn bis zu so später Stunde mit deinem Besuch beehrt?«

»Deinen Vater. Einen Tag lang war ich bei dem alten Herrn auf Seefelden zu Gast. Ach, Gustav Adolf, was für ein bescheiden Kräutlein bist du doch neben diesem echten Herrenmenschen.«

Da lachte Gustav Adolf, daß er sich heftig die Hände reiben mußte.

»Stimmt nicht. Stimmt nicht ganz, Liebste. Meine Bescheidenheit stimmt nicht, denn ich habe ohne viel Federlesens die hübscheste Frau geheiratet. Und der Herrenmensch ist nur so lange echt, als es ihm seine Gläubiger gestatten.« Und dann wunderte er sich, wie erregt Frau Amely mit einem Male wurde.

»Du darfst schon ruhig mit etwas mehr Achtung von deinem Vater reden. Wer hat keine Gläubiger? Du hast mich zum Gläubiger, die ich dir meine schönsten Frauenjahre schenke, ohne daß du es mir lohnst. Dein Vater aber weiß doch wenigstens, was er trotz seiner Gläubiger einer Dame schuldig ist, und bietet ihr an einem Tage mehr, als du mir bisher in unserer ganzen Ehe geboten hast.«

Gustav Adolfs Heimkehrglück wollte an diesem späten Abend nicht standhalten. Schweigend suchte er sein Lager und lag die Nacht hindurch wach und grübelnd. Hatte er der Frau, die in festem Schlummer neben ihm ruhte, nicht sein ganzes Leben geweiht? Ohne nach den Jahren zu fragen, die sie ihm voraus sei, und nach dem erwachsenen Sohn? Und jetzt warf ihm Frau Amely die Hingabe ihrer schönsten Frauenjahre vor? Er fühlte eine leise Scham in sich auftauchen. Er schämte sich für die Gefährtin. Der Schleier, den er selber mit zarten Händen über den Altersunterschied gebreitet hatte und nie hinwegzuziehen gedachte, hatte einen Riß erhalten, und durch den Riß sah er das begehrliche Seelchen. Das war schade. Schade für die anmutige kleine Frau und schade für sein Besitzerglück. Denn das Dunkel der Nacht schärfte selbst die Augen des schlichten Gesellen, und was sie sahen, machte ihn traurig.

Trotzdem erhob er sich am Morgen frohen Mutes, lachte einer Frau zu, als wäre nichts in seinem Gedächtnis zurückgeblieben, und begann mit frischem Draufgängertum nach den heimgebrachten Skizzen ein großes Bild zu entwerfen.

Um die Mittagszeit kam Frau Amely aus der Küche, stellte sich hinter ihn und blickte prüfend auf die Leinwand. Er pfiff einen Warnungspfiff, drehte sich um und legte den Finger auf die Lippen.

»Nichts dem alten Herrn verraten. Es ist für dich.«

»Für mich? Was wird es einbringen, Gustav Adolf?«

Er nannte eine Summe.

»Ah,« sagte sie hastig, »das ist gut. Ich habe Sommerkleider nötig und alles, was zu einer Frau gehört. Nein, davon weißt du nichts. Nun kann ich mich endlich ein wenig standesgemäßer kleiden.«

»Sei recht lieb, Amely, damit mir die Arbeit um so fröhlicher von Händen geht.«

»Ich will mir so schöne Sachen kaufen, daß du ganz entzückt sein sollst. Heute noch geht's in die Läden.«

»Erst muß doch das Bild fertig gemalt und dann muß es doch erst verkauft sein, du lieber Kindskopf.«

»Du glaubst doch nicht, daß ich mit meinen Einkäufen bis mitten in den Sommer warte. Ach, Gustav Adolf, da irrst du dich wirklich. Ich habe keine Lust mehr, immer und ewig am Ausschuß hängen zu bleiben.«

»Bin ich dir auch ein Ausschuß?« fragte Gustav Adolf Brandt und zog ein paar große Wolkenlinien über den Himmel.

Sie ging über seinen Einwurf hinweg, ohne ihn zu beachten.

»Auf dein neues großes Bild hin borgt man mir. Wenn ich will, verkaufe ich es auf der Staffelei. Ich oder der Franz.«

»Meine Frau braucht nicht in geborgten Kleidern herumzulaufen, und den Franz brauche ich nicht als Bilderhändler, obwohl unsere heutige Jugend ja den Handel mit allem versteht. Meine Amely wird sich ein paar Wochen gedulden müssen.«

Aber seine Amely geduldete sich nicht. Am Abend kehrte sie erst kurz vor dem Nachtessen heim, bescherte ihren Mietern kalte Küche und zeigte vor dem Zubettgehen stolz dem Gatten die eingehandelten Schätze.

»Der Franz hatte Bargeld. Er hat's mir hergeliehen. Die ganze Summe, die du für dein Bild als Forderung nanntest. Nun ist alles fein in der Familie abgemacht, und du wirst mit deiner Frau und dem Franzi gleichermaßen zufrieden sein.«

Da erschrak Gustav Adolf in tiefster Seele und wußte kein Wort.

»Nun will ich's dir verraten, du Bescheidenheit,« fügte sie gutmütig hinzu. »Wir haben demnächst auf Seefelden ein kleines Sommerfest. Dein Vater hat dem Franzl aufgetragen, ein paar Herren und Damen seiner vornehmen Bekanntschaft mit hinauszubringen. Das kommt dann auch uns und der Kunst zugute.«

»Uns? Soll ich denn auch das Fest verschönen helfen? Als Tiermaler?«

Sie lachte und fuhr ihm mit den Fingerspitzen über den Mund.

»Willst du nicht boshaft sein? Gleich bist du brav. Aber nein, Schatzel, du brauchst deinem Herzen keinen Stoß zu geben. Du bist beurlaubt, da du kein Vergnügen darin findest. Aber Bilder sollen die Herrschaften bestellen, nur noch Jagdbilder des berühmten Gustav Adolf Brandt. Dafür laß deine kluge Frau in ihren hübschen Kleidern schon sorgen.«

»Ich werde mir also, so lange sie noch billig sind, die Ölfarben pfundweise kaufen,« sagte Gustav Adolf Brandt und legte sich nieder. Eine so große Müdigkeit hatte ihn plötzlich überfallen, daß er weder zu sprechen noch zuzuhören vermochte, und doch lag er die Nacht hindurch mit weitgeöffneten Augen und dachte an die Jugend, die ihm der Vater verpfuscht hatte, und an die Frau, die er aus der Armenklasse in eine gesonderte Pflege gebracht hatte und für die er sich von den Studierenden in der Krankenanstalt hatte beklopfen und behorchen lassen.

Und dann dachte er an das Bild der kaum gekannten Mutter, das nur in der Traumsehnsucht gemalte Bild auf Goldgrund, und nun schloß er die Augen und lächelte zu dem Bild hinüber.

Lächelnd sah er seine Frau in den hübschen Kleidern hinaus zum Sommerfest nach Seefelden fahren, lächelnd hörte er sie in der Morgenfrühe heimkehren und die überlustigen Herrenstimmen, die ihr Scherzworte nachriefen und einen Juchzer. Aber es war etwas Schmerzliches in sein Lächeln gekommen, und er rieb sich nicht mehr die Hände.

Friedrich Thorsberg war der Umschwung im Hause und in den Gemütern der Bewohner nicht verborgen geblieben. Er hatte ihn vorausgesehen. Nur daß er so geschwind gekommen war, war ihm um des lieben kindergläubigen Menschen willen leid. Gern hätte er dem wenig Verwöhnten noch sein Teilchen Liebesseligkeit gegönnt.

An einem Sommerabend kam Gustav Adolf Brandt hinüber in Friedrich Thorsbergs Arbeitszimmer.

»Stör' ich auch wirklich nicht, Herr Professor? Weisen Sie mich nur auf der Stelle wieder hinaus. Ich bin nicht übelnehmerisch.«

»Sie dürften es ohne Schaden Ihrer Person ruhig mehr sein. Machen Sie es sich bequem, Brandt. Ich nehme an, daß Sie gerne den Abend mit mir verbringen möchten, und zum Zeichen meiner Freude biete ich Ihnen eine Zigarre an.«

»Schönsten Dank, Herr Professor. Ja, hier bei Ihnen im Sessel ist besser sein als in meiner öden Klause. Übrigens – wenn mir die Frage gestattet ist – was wollten Herr Professor vorhin damit sagen, daß ich ruhig ein bißchen übelnehmerischer sein dürfte?«

Friedrich Thorsberg beugte sich vor und umspannte mit festem Händedruck des Malers Knie.

»Freund. Anblicken, bitte. Sind Sie zu mir gekommen, um eine Zigarre bei mir zu rauchen?«

Der Tiermaler hob sein verhärmtes Gesicht. Er wollte eine Gebärde machen und unterließ sie.

»Sie wissen es. Weshalb sollte ich Ihnen etwas vorspiegeln? Ich fürchte, es geht in meiner Ehe nicht zu, wie es zugehen sollte. Nicht, als ob meine Frau etwas Unrechtes täte. Aber sie tut auch nicht das Rechte. Und ich hatte geglaubt, wir flögen nur so immerzu wie zwei leibhaftige Engel Hand in Hand durch den Himmel.«

»Weshalb haben Sie losgelassen, Brandt?«

»Ich versteh' Sie sehr wohl, Herr Professor. Der Mann ist dazu da, um festzuhalten. Um die Richtung anzugeben. Das Hab' ich aus lauter Verliebtheit versäumt. Daran ist nun nichts mehr zu ändern.«

»Es ist nie zu spät, Brandt. Eine rechte Manneshand rückt noch schwierigere Dinge zurecht.«

»Schwierigere Dinge als eine Frau, die sich über ihren blindgläubigen Mann lustig macht, gibt es wohl nicht. Und könnt' ich die Dinge mit Gewalt meistern, ich tät's nicht. Es wär' mir zu verächtlich. Eine Frau, die jedem gefallen will, der jede Zuschauerschaft recht ist, die für jeden, der ihrer armseligen Eitelkeit schmeichelt, einen tiefen Blick hat, – ach nein, Herr Professor, ich bin nicht herübergekommen, um mir die Seele freizuschimpfen. Während ich die Untugenden der Frau zergliedere, die ich liebe, zerfleische ich mit demselben Messer meine Seele.«

Friedrich Thorsberg schritt im Zimmer auf und ab. Er blickte nach dem Glücksbetrogenen hinüber und blieb vor ihm stehen.

»Hören Sie mich gut an, Brandt. Menschen, die im Glücke sind, verstehen meine Sprache noch nicht. Wollen sie noch nicht verstehen. Es gibt eine Liebe, die über alle anderen hinausgeht. Eine Liebe, die heißer fordert und Höheres gibt als alle anderen. Eine Liebe, die jede Anforderung an uns zu stellen berechtigt ist, weil sie die Urliebe ist. Ergeben Sie sich ihr!«

Der müde Mann horchte auf. Eine Röte stieg in sein Gesicht wie das Schimmern einer Freudenröte.

»Meinen Sie – die Liebe zur Mutter –?«

»Greifen Sie höher, Freund. Noch eins bleibt, über die Liebe zur Mutter hinaus! Die Liebe zum Mutterland! Zu dem Mutterboden, der die Mutter, uns selbst, die Kinder, der das deutsche Volk geboren hat und nun so verelendet, geschändet und ausgesogen wird, daß er nach unserer Sohnesliebe schreit! Menschen, die im Glücke sind, verstopfen sich gern die Ohren. Menschen aber, die selber nach der Liebe rufen, verstehen den Schrei besser und bekommen rote Köpfe. Mir, Brandt, mir zerreißt der Schrei das Herz, und ich nehme den Ruf auf und rufe alle, die der letzten und heißesten Liebe fähig sind, zu Hilfe. Zu Hilfe für die Mutter Deutschland. Lassen Sie sich rufen, Brandt, sich und Ihre hemmungslose Liebe. Werden Sie mein Helfer, Brandt, und finden Sie das wahre Glück.«

An diesem Abend wurde Gustav Adolf Brandt Friedlich Thorsbergs Freund. Nie wieder fand Friedrich Thorsberg einen treueren Helfer, einen selbstloseren Mann. Und der Tiermaler fand die Heiterkeit zurück, die er im Verkehr mit den Menschen verloren hatte, und fand aus der Höhe seiner neuen Anschauungen und Aufgaben selbst das Lächeln wieder über das Irrlichtern der Frau an seiner Seite – solange sie seinen und Deutschlands Namen in Ehren hielt. –

Der Sommer erblühte wie eine hundertblättrige Rose. Der Herbst reifte wie eine saftgeschwellte Traube. Die Natur verschwendete sich in einer so wundersamen Schönheit an die Menschen, als wollte sie alle zur Fülle des Lebens laden nach dem Hindämmern und Hinsiechen der Seelen und Sinne. Und ein Wettlaufen entstand unter den Menschen, wer zuerst die Last abwerfe und wenn auch nur auf Wochen oder Monate sich satttrinke an den lockenden, langentbehrten Genüssen. Immer schärfer schieden sich die Klassen der Menschen. Nicht wie einst in die der vornehmen und gewöhnlichen Art. Auch nicht wie einst in die der Besitzlosen und des gefestigten Besitzes, um deren Ausgleichung die gewaltsame Umwälzung der deutschen Staatsform vor sich gegangen war. Geld um jeden Preis, Geld auf jede Weise, lautete die Losung des einen Volksteils, Geld, um dem Augenblicksgenuß zu frönen, Geld, um den Herrn zu spielen und nicht nur mit Räuspern und Spucken, sondern mit dem hündischen Emporkömmlingsblick und dem verächtlichen Hinabschauen auf alle die Volksgenossen, denen sie vorher das Geld durch Verteuerung aller Lebens- und Kleidungsmittel genommen hatten, wenn die Vertrauenden es nicht schon dem Staate geliehen und an den Staat verloren hatten auf ein kläglich verlogenes Regierungswort. Diese zweite Menschenklasse in deutschen Landen hatte keine Losung, weil sie kaum das nackte Leben und keine Erwerbsmöglichkeit hatte, und sie brauchte keine, weil sie Brot nötiger brauchte und Bekleidung ihrer Blöße.

In so wundersamer Schönheit sich die Natur an alle Menschen verschwendete, in so platter Roheit nahmen die Glücksjäger des Truggoldes alle Plätze am Tische des Lebens ein und ließen die Zaungäste zuschauen und ersehen, wie die Gewöhnlichkeit durch Verschwendung nur größere Gewöhnlichkeit wird.

Friedrich Thorsbergs selbstgewählte Aufgabe, die Festen und Furchtlosen auf höherer Warte zu sammeln, gestaltete sich immer schwerer mit dem zu Ende gehenden Jahr. Je mehr der Tanz um das goldene Kalb sich steigerte, um so mehr sank das Ansehen das Staates dahin. Geld allein war die Macht des Tages, und die Macht der weltlichen und der geistlichen Obrigkeit brach sich an der Macht des Geldes und wurde überschwemmt von der steigenden Schmutzflut der Banknoten. Und je zügelloser Handel und Wandel wurde, um so betäubter schlichen die Hungernden einher und schienen keines Aufschwunges mehr fähig. Langsamer, weit langsamer als es Friedrich Thorsberg und seine Mitarbeiter gedacht hatten, konnte die Werbung der fest und furchtlos gebliebenen Vaterlandssöhne von Mund zu Mund getragen werden. Aber dennoch wuchs das Häuflein der Einzelmenschen und wurde mehr und mehr zu einem eisernen Stoßtrupp, und Friedrich Thorsberg fand zu seiner freudigen Verwunderung auch den Namen des Doktors Arnold Wilde in den Listen der Eingeschriebenen, die ihm Woche für Woche vorgelegt wurden, und fand ihn bald vorgerückt in die Listen der Werber.

Das ist die Gesundheit Marthas, dachte er. Dank dir, mein deutsches Mädchen.

Walter Lenbach aber und Gustav Adolf Brandt blieben die erfolgreichsten Werber, und sie allein nur kannten den Meister und machten den Mittler, bis zu Ostern des neuen Jahres Gert Thorsberg die Universität bezog und den beiden zugesellt wurde in der Schwere der Pflichten und der tiefernsten Erfüllerfreude.

An diesem Tage hatte der Vater den Sohn in minutenlanger Umarmung fest an der Brust gehalten.

»Dein Studentenleben wird mit einem anderen ›Singsang und Klingklang‹ ausgefüllt sein als das meine, Gert. Ich hätte dir lieber das meine vergönnt. Gott schenke dir dafür ein freies deutsches Mannesleben zum Lohn. Und wenn dir der neue Jugendabschnitt einmal gar zu hart vorkommen sollte, so denk an die Mutter, Gert, an unsere Frau Minne und ihre noch ungestillte Sehnsucht.«

»Vater, mir wird alles leicht werden, da ich an nichts anderes denke als an die immer noch ungestillte Sehnsucht der Mutter.«

»So tritt ein und geh hindurch mit dem Segen von Vater und Mutter.«

Gert Thorsberg studierte die Medizin und die Fachwissenschaft seines Vaters. Gertrude Thorsberg aber, siebzehnjährig und zu einer seltenen Schönheit erblüht, die in ihrer selbstsicheren Zurückhaltung doppelt fremdartig wirkte in der Ungebundenheit der Zeit, sollte den kommenden Sommer als ihre letzte Mädchenferienzeit genießen, bevor sie zum Herbst in der Nähe Münchens eine landwirtschaftliche Frauenschule bezog. Die Blicke der Männer hingen in scheuer Bewunderung an dem Adel dieser ungewohnten, den Atem benehmenden Erscheinung.

Im Hochsommer war's, als Friedrich Thorsberg sich dem Abschluß seiner Forschungsarbeit näherte. Das Endergebnis lag vor. Es brauchte nur noch in die wissenschaftliche Formel gebracht zu werden. Lange saß er und starrte in die Sonne.

Dann kam der Oberst Lenbach und saß bei ihm nieder, und Friedrich Thorsberg fragte den Freund nach dem Stand der Arbeitssumme, die der Riesenarbeitsgeist des schöpferischen Mannes auf sich genommen hatte.

»Das meilenfressende Geschütz ruht. Ein jedes versendet besten Falles immer nur einige Schüsse am Tag. Wenn ich den Funkspruch durch die Ätherwellen senden kann, so muß ich auch den zündenden Funken senden können. Ich bin dem Geheimnis auf der Spur. Ich bin dabei, meine Berechnungen und Figuren in die Wirklichkeit umzusetzen. Sagen wir in eine Probemaschine. Es muß angehen, durch den hinausgesandten elektrischen Strom die feindlichen Pulverkammern in die Luft blitzen zu lassen, bevor sie gegen uns in Tätigkeit treten können. Und es muß angehen, die feindliche Fliegerflotte durch Ausschaltung des Magneten aus der Luft herunterzuholen wie ein torkelndes Hühnervolk. Sie haben mir richtig geraten, Thorsberg, von der Angriffswaffe abzusehen zugunsten der Verteidigung. Ich schaffe an der Waffe der Wehrlosen.«

»Lenbach, wenn je im Leben, so freue ich mich diesmal meines Rates.«

»Ich sehe es Ihnen an, auch Sie sind mit dem Fortgang Ihrer Arbeit zufrieden.«

»Ja, Lenbach,« sagte Friedrich Thorsberg mit einem fernschweifenden Lächeln. »Aber es kommt auf die Welt an, ob sie es auch sein wird.«

Der Tiermaler klopfte und meldete einen Besuch. Seit Frau Amely im Reigen der Feste schwang, war sie fast unsichtbar für den steinernen Mieter geworden, und eine Köchin hatte für Küche und Tisch zu sorgen.

Friedrich Thorsberg las die Karte: »Ferdinand Waldheim.«

»Herein, herein!« rief er und eilte dem Deutschamerikaner bis an die Tür entgegen. »Wieder im Land? Nein, das ist falsch. Wieder im Vaterland, darf man bei dir fragen. Wieder im Vaterland? Sei uns willkommen!«

Der breitgebaute Mann sah in ehrlicher Bewegung des Jugendfreundes Willkommensfreude. Hinter der Stahlbrille blitzten die klugen Augen auf, und die schwere Arbeitshand streckte sich nach der Hand des Freundes. Doch Friedrich Thorsberg zog ihn in eine kurze, kräftige Umarmung und stellte ihn dann erst den Herren vor.

»Mein ehemaliger Schulkamerad vom Niederrhein, Herr Ferdinand Waldheim, der in Amerika seine Fabriken hat und sein seelisches Teil im alten deutschen Vaterlands. Hier der Oberst Lenbach, Ferdinand, dessen Namen ja wohl auch die Amerikaner aus den Kriegsberichten zu lesen gelernt haben. Hier der Tiermaler Gustav Adolf Brandt, mein Gefährte noch aus Deutschlands Afrikatagen.«

»Ich besitze ein kostbares Bild von Ihnen, Herr Brandt. Ich habe es durch Vermittlung des Kunsthändlers Franz Haßlinger erstanden.«

»Es ist kein Kunsthändler, Herr Waldheim. Aber das tut nichts zur Sache.«

Eine Wolke war über des Tiermalers Stirn gelaufen. Den Verkauf seiner Bilder hatte seit Jahresfrist Frau Amely übernommen. Nach dem Aufwand zu urteilen, den sie trieb, verstand sie das Geschäftliche besser als er.

Ferdinand Waldheim hatte sich inzwischen dem Obersten zugewandt. Wie ein Knabe, den seine Begeisterung verlegen macht. »Herr Oberst, es ist mir eine ganz besondere Ehre, Sie begrüßen zu dürfen. Deutschland ist unterlegen in dem furchtbaren Weltkrieg. Aber sterbend hat es noch seinen unbezwinglichen Reichtum in seinen Söhnen gezeigt. Herr Oberst, ich darf einen der Besten begrüßen.«

»Erlassen Sie mir ein Dankeswort, Herr Waldheim. So Gott will, ist der deutsche Tag noch nicht zu Ende.«

»Sitzen wir nieder,« bat Friedrich Thorsberg. »Lassen wir die Friedenspfeife herumgehen. So. Und nun verrate, woher des Wegs und wohin und wie lange du zu bleiben gedenkst.«

Ferdinand Waldheim putzte seine Brille. Er hielt sie gegen das Licht und setzte sie umständlich wieder auf, während er sprach. Als wären es nebensächliche Dinge, die er von sich selber mitzuteilen hätte.

»Ich bin seit sechs Wochen im Land und war zuerst in der Vaterstadt. Wenn man keine gefüllte Brieftasche mit sich führt, soll man keine Vaterstadt hierzuland mehr besuchen. Mein Gott, solch ein Elend. Solch ein verschwiegenes Verhungern. Alle anständigen Leute, die man dort gekannt hat, laufen wie die gekrümmten Fragezeichen umher, und alle unanständigen Leute, die man nicht gekannt hat, wie die Doppelpunkte.«

»Du bist kein schlechter Zeichendeuter, Ferdinand.«

»Was mich ebenso sehr in Verwunderung gesetzt hat: Früher galt es als Beleidigung, einem Menschen unserer Bildungsstufe ein Geldgeschenk anzubieten. Das hat sich merkwürdig geändert. Du brauchst die Mark nur in Dollars einzukleiden, und man nimmt die fremdländische Währung strahlend wie eine fremdländische Frucht, eine Ananas oder ein Kästchen Datteln. Der frühere Beamte wie die Witwe des Offiziers.«

»Gönne ihnen die kleine Maskerade, Ferdinand. Die Angst um das Leben steckt dahinter.«

»Ich gönne sie ihnen ja von Herzen, Friedrich. Ich beobachte nur und ziehe meine Schlüsse.«

»Und welche hast du gezogen, falls du sie uns verraten willst?«

»Ohne aufdringlich zu erscheinen, meine Herren. Es spricht da ja auch viel die Landessitte mit. In Amerika würde man die Halunken, die auf Kosten der Witwen und Waisen Brotwucher treiben, Fleischwucher, Kleiderwucher – in Amerika würde man diese lieben Mitbürger in ihrer ganzen Leibesfülle nackt ausziehen, teeren, federn und als Menschengeier durch alle Straßen jagen. Ich halte das für eine der feinsten Landessitten im sonst so rauhen Amerika.«

Um die Mundwinkel der Hörer zuckte es. War es ein Lachen? War es aufzüngelnder Haß?

»Ich fürchte,« sagte Friedrich Thorsberg ernst, »es läßt sich bei uns nicht einführen. Man würde von morgens bis abends nicht aus dem Teeren, Federn und Durch-die-Straßen-Jagen herauskommen!«

»Immerhin.« meinte der Deutschamerikaner, »ich empfehle eine Probewoche.«

»Gut – man soll einen menschenfreundlichen Vorschlag nicht zurückweisen. Aber, wie ich dich kenne, Ferdinand Waldheim, wirst du den Inhalt deiner Brieftasche nicht für Teer und Federn ausgegeben haben.« Der breitgebaute Mann lächelte hinter seiner Brille wie ein ertappter Schulknabe.

»Wir Rheinländer haben alle einen vorlauten Mund –«

»Und ein heißes Herz, Ferdinand. Der Inhalt deiner Brieftasche war so schnell verteilt, daß für Teer und Federn nichts mehr übrigblieb.«

»Nun, nun. Das ist wohl übertrieben.«

»Ich las«, sagte der Oberst freundlich, »von einem deutschamerikanischen Wohltäter in der Zeitung, der seiner bedrängten Vaterstadt am Niederrhein gegen eine Barsumme die städtischen Werke abgekauft und zinsfrei wieder zur Verfügung gestellt haben soll. Ist Ihnen der Name bekannt?«

Das Schulknabengesicht färbte sich röter.

»Ein jeder Mensch hat wohl einmal seine ehrgeizige Stunde, Herr Oberst. So etwas muß man nicht wichtig nehmen.«

»Ich kannte einen Jungen,« sagte Friedrich Thorsberg sinnend, »der an Fleiß und Begabung alle Klassenkameraden schlug, und der doch außerhalb der Schule stets in der letzten Reihe stand, weil sein Vater nur ein kleiner Handwerker war. Wir beide aber waren Freunde, der Junge und ich, und das freut mich heute doppelt, weil er der ritterlichste von allen geworden ist und seine Rechnung mit den einst so überheblichen Heimatgenossen auf solche schweigende Weise regelt.«

Diesmal zuckte im Gesicht des Deutschamerikaners keine Miene.

»Du berührst einen schwerwiegenden Punkt,« meinte er nachdenklich. »Einen Punkt, der euch in den großen freiheitlichen Staaten wie Amerika das Wohlwollen verkümmert. Das ist das deutsche Klassenbewußtsein. Nicht das Bewußtsein, ein anständigerer Mensch zu sein als die unanständigen, sondern der Trieb, den einen Beruf höher zu stellen als den anderen, statt den Inhaber der Berufe, und sich im Kastendünkel zu überheben. Das ist der Grund, weshalb man im Ausland so wenig von einem deutschen Volkstum und seiner Willensäußerung hält und immer nur die Stimme der gerade in der Regierung sitzenden Kaste zu hören glaubt. Alle ihre papierenen Einsprüche gegen die Vergewaltigungen durch die Feinde, alle ihre in die Welt gesandten Redner und Funksprüche gelten nichts, solange das deutsche Volk sich nicht aus dem Hader und Zank der Parteien aufrafft zu einer einzigen völkischen Einheit, die sich durch ihre Geschlossenheit Ansehen erzwingt, in Furcht oder Liebe. Heraus aus dem Klassengedanken, und ihr werdet an eurer Seite den Bruder spüren, und hinein in den Staatsgedanken, und ihr werdet eine Macht darstellen, mit der man nicht spielen wird.«

»Die völkische Einheit,« wiederholte der Oberst herb. Und dann schwiegen sie alle, und jeder gedachte der Schwere seiner Aufgaben.

»Darf ich eine Frage stellen?« fragte nach einer Weile der stille Tiermaler. »Sie sprachen von dem mangelnden Wohlwollen der Welt gegen unser Volk. Sind in dem Sammelwort Volk die deutschen Frauen und Mädchen einbegriffen? Hat man im frauenverehrenden Amerika nicht mehr als ein Achselzucken, wenn man von der Vergewaltigung und der körperlichen Mißhandlung deutscher Frauen und Mädchen hört?«

Der Deutschamerikaner erhob sich und ging ans Fenster.

»Nein,« sagte er hart. »Mehr als ein Achselzucken, mehr als ein verächtliches Achselzucken hat man nicht.«

Er kam zurück und stand vor den Herren.

»Sehen Sie, meine Herren, da arbeiten Tausende von Arbeitern, Ingenieuren und Beamten in meinen Fabriken. Und ich greife mir diesen und jenen heraus und frage ihn: Was sagst du zu diesen Vorgängen? Und sie sagen ganz unabhängig dasselbe, was unsere Männer im Senate sagen und in den Ministerien. Vor meiner Abreise nach Europa hatte ich Gelegenheit, mit einem unserer ersten Regierungsmänner die Frage zu besprechen. Und er antwortete, wie das gesamte amerikanische Volk antwortet: 'Märchen. Denn würde man in Amerika Frauen prügeln und vergewaltigen, so würde sich wie ein Mann das gesamte Volk erheben und, wenn es wehrlos wäre, mit Zähnen und Klauen über die Hunde herfallen und sie wie Hunde mit dem Messer abschlachten. Kein Blutopfer würde ihm zu hoch erscheinen, kein Tod zu teuer. Und wenn Hunderte der Männer zur Hölle fahren müßten, sie nähmen Tausende der Schufte mit.'«

Wieder schritt er erregt durch das Zimmer. Wieder kehrte er zu den Harrenden Zurück.

»Darum, meine Herren, zucken die Amerikaner nur mit der Schulter und sagen: ›Märchen!‹ Oder sie schütteln es verächtlich von den Schultern ab und fragen: ›Weshalb schreit der Deutsche seine Schande in die Welt hinaus? Wenn er selber zu feige ist, wie kommt der Narr dazu, die Unbeteiligten anzujammern, ihr Leben für seine Frauen und Töchter in die Schanze zu schlagen? Es ist recht gut, daß die Welt über solch ein Volk zur Tagesordnung übergeht.‹«

Totenbleich stand Friedrich Thorsberg. Er zwang sich zu einer Antwort.

»Der Amerikaner hat recht.«

An der Tür klopfte es. Er ging hin und öffnete.

»Ah, die Kinder! Tretet ein. Kennt ihr Herrn Ferdinand Waldheim aus Amerika noch, den wir vor bald zwei Jahren in Frankfurt trafen?« Gert und Gertrude Thorsberg hatten den Deutschamerikaner sofort erkannt und reichten ihm die Hand. Betroffen stand der schwergefügte Mann vor der seltenen Schönheit des Mädchens. Solche ruhige Mädchenhoheit hatte er in Deutschland nicht mehr erwartet. Und er hielt lange die feste Hand zwischen den großen, breiten Fingern.

»Der Gert ist Student,« klärte ihn Friedrich Thorsberg auf, »und die Gertrude ist ein Ferienfräulein und sammelt ihre Kräfte für die landwirtschaftliche Frauenschule.«

»Wann gedachten Sie mit dem Studium zu beginnen?« fragte der Deutschamerikaner rasch.

»Zum Oktober, Herr Waldheim.«

»Wollen Sie die Ferien bei mir verbringen? Ich habe mir ein kleines, aber in einsamer Schönheit gelegenes Waldgut in den nördlichen Schwarzwaldbergen gekauft. Ich stelle es Ihnen zur Verfügung.«

Gertrude Thorsberg lachte ihn an. Wie eine Märchenprinzessin, die Gnaden erteilt, dachte der Mann, und es wurde ihm warm.

»Bedenken Sie sich, Fräulein Gertrude, ich bleibe noch einige Zeit in München.«

Die Freunde gingen. Die Kinder waren zu Bett. Immer noch schritt Friedrich Thorsberg todernst in seinem Arbeitszimmer auf und ab, und die Worte des Deutschamerikaners hämmerten in seinem Ohr. ›Was ist Mannespflicht, wenn dir von einem Buben dein Weib angetastet und zu Schaden gebracht wird?‹ Zwei Jahre bald wartete Frau Minne im einsamen Waldgrab auf die Erfüllung dieser Mannespflicht. Er hatte sie zurückgestellt hinter die drängenderen Pflichten an seinem Land und Volk. Heute, bevor die Freunde kamen, hatte er ihrer mit neuaufsteigender, unverminderter Glut gedacht. Heute, da er auch die Ergebnisse seiner Seuchenforschungen sicher hatte.

»Jetzt hast du das Anrecht auf deinen Mann, Minne,« murmelte er. »Jetzt hast du es.«

Wieder war es, als ob er hellsichtig gewesen wäre. Als ob er es in seinem Blute gespürt hätte, daß die Ereignisse in Fluß geraten wären, auch ohne die Worte des Deutschamerikaners. Denn als ihm am anderen Morgen die Post gebracht wurde, fand er einen Brief seines Spähers darunter, den er gleich nach seiner Flucht mit der Überwachung seines Feindes beauftragt hatte. Und er las, das; der Offizier, seit Jahresfrist in eine Stadt des südlichen Rheins versetzt, seine Rückberufung in die Heimat erhalten hätte und in wenigen Wochen abgelöst werden würde.

Eine Stunde darauf rief Friedrich Thorsberg seinen Sohn Gert zu sich. Blaß und schweigend saß der Sohn, während der Vater sprach. Aber seine Augen funkelten.

»Es ist kein Geschäft für Fremde, Gert. Es ist ein rein Thorsbergsches Geschäft. Du wirst mit einem falschen Paß hinüberfahren und die Lage auskundschaften. Der Mann muß veranlaßt werden, auf unbesetztes Gebiet zu kommen. Wie, das wirft du ermitteln. Und wenn wir ihn mit Gewalt holen müßten. Du hast freie Verfügung über alle Hilfsmittel, die dir nötig erscheinen. Deine Nachrichten an mich drahtest du. Ich lese aus unverfänglichen Worten das Meine heraus. Und nun zieh aus, Junge, im Namen unserer Frau Minne.«

Wenige Tage darauf traf ein Brief Gert Thorsbergs ein. Nicht an den Vater. An die Schwester, Gert ersuchte seine Schwester Gertrude, sofort ihm nachzureisen und den beiliegenden Paß zu benutzen. Mit dem nächsten Zuge war Gertrude Thorsberg auf der Reise. Der Vater hatte den Brief gelesen und kein Wort entgegen gesprochen. Es war Verlaß auf Gert.

Am Bahnhof der oberrheinischen Stadt nahm Gert die Schwester in Empfang. Sie ließen das geringe Gepäck in den Gasthof bringen und machten einen weiten Spaziergang durch die stillen Wiesen.

»Gib gut acht, Gertrude. Der Fremde, der den Tod der Mutter auf dem Gewissen hat und den Vater mit der Reitpeitsche ins Gesicht schlug, ist nur noch auf kurze Zeit hier. Er will in seine Heimat zurück und ist uns alsdann für immer entzogen. Der Vater aber wünscht, mit ihm abzurechnen. Hörst du es, Gertrude? Der Vater wünscht es. Weißt du es, wie er uns immer seine Helfershelfer nannte? Nun, wir verstehen uns. Ich habe den Mann in diesen wenigen Tagen nicht aus den Augen gelassen. Ich kenne alle seine Gewohnheiten. Sie sind nicht schwer zu erkennen. Er ist ein Frauenjäger mit ungezügelten Sinnen. Dich soll er jagen, Gertrude.«

»Ja. Gert.«

»Er wohnt in unserem Gasthof. Er speist im Gastzimmer. Er wird dich sehen und wird dich kennenlernen wollen. Er soll es. Du kommst ihm nicht entgegen, aber du weisest ihn auch nicht zurück. Du trittst ihm als die vornehme junge Dame entgegen, die nur eine Bewerbung ernst nimmt. Deine Einreiseerlaubnis lautet auf Gertrude Waldheim, Tochter des Deutschamerikaners Ferdinand Waldheim. Ich habe den Dolmetsch mit einer Handvoll Dollarscheinen bestochen, mir das Papier innerhalb einer Stunde zu besorgen. Ich habe ihm von einem Brautbesuch vorgefabelt, und er hat auf das gemeinste mit dem Auge gezwinkert. Mag er. Mich nennst du deinen Vetter Gert Berg. Auf diesen Namen lautet mein Paß. Du willst unter meinem Schutze auf das neuerworbene Gut im Schwarzwald reisen. Bedrängt dich der Fremde als Hofmacher zu stark, so willige ein, dich von ihm zum Schwarzwald begleiten zu lassen und mich unter irgend einem Vorwand vorauszuschicken. Ist dir alles klar. Schwester?«

»Es ist mir alles klar, Gert.«

»Wirst du es können, meine liebe, reine, harmlose Gertrude?«

Das Mädchen schritt dahin wie um Jahre gereift. Die Brauen zogen sich in einer seltsamen Strenge zusammen.

»Du mußt mich so etwas nicht fragen, Gert. Ich war beim Vater auf der Rheinbrücke und half ihm zum Sprung. Ich war mit dem Vater auf der nächtlichen Flucht und kroch mit ihm durch Äcker und Gestrüpp. Und ich war damals noch ein Kind.«

»Unser Vater,« sagte Gert leise, und sie nickte.

Als sie in das Gastzimmer traten, saß ein fremdländischer Offizier mit schmalen, schwarzen Augen am Tische und nahm sein Mahl ein. Beim Anblick des schönen, hoheitsvollen Mädchens ließ er klirrend Messer und Gabel auf den Teller sinken. Seine Augen weiteten sich, zogen sich ganz eng wieder zusammen. Wie bei einem Frauenkenner, der eine hastige Einschätzung vornimmt. Und dann lagen sie mit offener und dreister Bewunderung auf dem schönen Mädchen, das mit ihrem jungen Begleiter am Tische ihm gegenüber Platz genommen hatte.

Und als ob der Blick des feurigen Offiziers den ihren angezogen hätte, hob Gertrude das Auge und ließ es in staunender Mädchenfreude über die bunten Ordensbänder des Bewunderers gleiten.

Sie flüsterte ihrem Begleiter ein Wort zu, der nun auch einen freundlichen Blick auf den Offizier warf und ihr lächelnd zustimmte.

Der Fremde führte sein Mahl rasch zu Ende. Er lehnte sich lässig im Stuhl zurück, blickte scharf hinüber und nahm sofort eine höfliche Haltung ein, wenn sein Auge den Blick des Mädchens wieder auf sich gezogen hatte.

Nach einer halben Stunde erhoben sich die jungen Leute und suchten das Lesezimmer auf. Der Fremde folgte ihnen auf dem Fuße. Er grüßte ehrerbietig und setzte sich mit einer Zeitung in den Sessel. Und über den Rand des Blattes beobachtete er, wie das schöne Mädchen die einzige amerikanische Zeitung wählte und es sich in einem Sessel bequem machte, während ihr Begleiter am Schreibtisch einen Brief schrieb.

Das schöne Mädchen gähnte gelangweilt ein wenig, und die Zeitung entwischte den Händen und fiel auf den Teppich. Der Offizier aber kniete schon auf dem Boden, suchte sorgsam die Blätter auf, erhob sich und überreichte sie mit tiefer Verbeugung.

»Oh, ich danke Ihnen, mein Herr.«

Der Offizier ließ die Sporen klirren. Er nannte seinen Namen. »Sie sind Ausländerin, gnädiges Fräulein? Amerikanerin, wie ich nach dem Zeitungsblatt urteilen darf. Haben Sie irgendwelche Wünsche? Ich schmeichle mir, einige Macht in diesem altertümlichen Städtchen zu besitzen.«

»Ja, es ist sehr alt und darum so sehr anziehend. Ich schwärme für alles, was von einer alten Rasse ist, und mache große Umwege, um es zu sehen. Mein Vetter Gert lacht mich aus. Aber ich habe ihn hieher befohlen, damit er mich ein paar Tage herumführt.«

»Oh, Ihr Herr Vetter muß der glücklichste Mensch sein.«

»Komm her, Gert. Der Kapitän möchte dich kennenlernen. So, nun haben wir schon einen Bekannten in der Stadt. Und ich habe zwei Ritter und kann sie gegeneinander ausspielen.«

Sie sprach die Worte mit einer so drolligen Betonung und doch mit einer so offenen Anmut, daß der Offizier wie im Banne war und dringend bat, über seine Dienste und seine Zeit unumschränkt zu gebieten. Zu dritt wanderten sie durch die Stadt und begannen mit der Besichtigung der Kirchen. In den dämmrigen Räumen spürte das Mädchen den Fremden dicht an ihrer Seite. Einige Male streifte er ihre Hand und entschuldigte sich erschrocken. Dann sah sie ihn mit einem erstaunten Blicke an.

Den Tee nahmen sie in einem Garten, und am Abend ließen sie sich von dem stadtkundigen Offizier in das Sommertheater entführen. Die dunklen Augen des Kapitäns sprühten vor Vergnügen, als seine schöne Nachbarin seine Scherze und Schmeicheleien lustiger fand als das neckische Singspiel auf der Bühne.

»Ein Glas Champagner,« bat er, als sie wieder unter dem sommerlichen Abendhimmel standen. »Auf eine gute Kameradschaft müssen wir trinken. Ihr Herr Vetter darf nicht nein sagen.«

»Aber wenn ich nein sage? Mir scheint es allein darauf anzukommen.«

»Sie sind nicht grausam. Sie werden mich nach dem entzückenden Tage nicht so hart entlassen. Ihre Augen lügen nicht.«

»Frauenaugen lügen, wann sie nur wollen, mein Kapitän.« Und sie strahlte ihn belustigt an. »Also ein Glas Champagner.«

»Champagner ist fade,« sagte der Vetter. »Mir wäre ein gutes Bett lieber.«

»Du darfst dich zurückziehen, wann es dir beliebt. Eine junge amerikanische Dame braucht keinen Schutz wie ein unselbständiges deutsches Mädchen. Das wäre eine Beleidigung für mich und für den Kapitän.«

Der junge Mann entschuldigte sich lebhaft, blieb und war kein Störenfried in dem kleinen, leeren Gasthauszimmer.

»Nur zwei Tage noch wollen Sie bleiben?« fragte der Kapitän mit unglücklichem Gesicht und hob ehrerbietig sein Kelchglas. »Nur zwei Tage noch soll ich in Ihrer Gesellschaft das öde Soldatenhandwerk vergessen dürfen?«

»Mein Vater hat im nahen Schwarzwald ein Waldgut erstanden. Es soll eingeweiht werden. Mit einer Jagd. Die Gäste werden sich bald versammeln, und ich muß die Hausherrin spielen.«

»Die glücklichen Gäste,« seufzte der Offizier, erhaschte ihre Hand und preßte seine Lippen darauf.

Sie schaute mit einem aufblitzenden Mädchenblick über ihn hinweg. In einem kalten Triumph. Und erhob sich.

»Sie zürnen mir wegen meiner Keckheit?« stammelte er betroffen.

»Eine Frau zürnt doch nicht wegen einer Huldigung. Wenn Sie sich in den nächsten Tagen weiter als mein Ritter bewähren, lade ich Sie – vielleicht – im Namen meines Vaters zur Jagd ein.«

Mit funkelnden Augen sah er dem schönen Mädchen nach, das mit seinem Begleiter schmiegsam die Treppe hinaufschritt.

In der Morgenfrühe ging eine dringende Drahtung nach München. Friedrich Thorsberg erhielt sie und las:

»Bitte mit Freunden sofort zur Jagd auf Waldheimsches Schwarzwaldgut kommen und Waldheim verständigen.«

Friedrich Thorsberg faltete das Blatt zusammen und steckte es ein. Er schloß den Schreibtisch auf und beschaute seine wohlgeordneten Papiere. Dort lag sein letzter Wille. Dort seine Forschungsarbeit mit einem erläuternden Schreiben an Gert. Er bat den Tiermaler Gustav Adolf Brandt zu sich und hatte mit ihm eine Unterredung. Und er fuhr hinaus nach Starnberg, kam, von den Eltern ungesehen, zu dem Oberst und hatte auch mit diesem eine Unterredung.

»Sie bestehen auf der Form, Thorsberg. Sie wollen, daß ein Ehrengericht vorangeht, und Sie mögen recht haben. Brandt ist der eine Beisitzer. Der andere muß Ihr Bruder sein. Nur sichere Leute kommen in Betracht, und unsere Jungen dürften eine andere Verwendung finden.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit, Lenbach. Ich suche jetzt Waldheim auf, den ich schon vom Bahnhof aus durch den Fernsprecher erreichte. Wollen Sie sich sofort zu meinem Bruder begeben und sonst das Nötige veranlassen?«

»Wie steht es mit einem Arzt?«

»Ich hoffe, es wird keiner nötig sein. Notverbände anzulegen, lehrte ich Gert seit Jahren.«

In später Nachtstunde fuhren Thorsberg, der Oberst, Karl Thorsberg, Brandt und der Deutschamerikaner in Waldheims Kraftwagen hinaus. Der junge Walter Lenbach saß am Steuer. Sie fuhren über Ulm dem Schwarzwald zu.

In der oberrheinischen Stadt nahm das schöne Mädchen am selben Tage die Besichtigung der Kunstschätze und Altertümlichkeiten wieder auf. Man war bald zu Ende. Und der Vetter verlangte, daß man mit dem langweiligen Neste Schluß machen und anderen Tages zum Schwarzwald fahren möchte. Dem widersprach der Kapitän mit lebhaften Worten.

»Sie haben mir zwei Tage versprochen, meine schöne Freundin, und Sie werden nicht wortbrüchig werden.«

»Ich habe der alten Stadt zwei Tage versprochen, Kapitän, nicht Ihnen. Bitte, das ist ein Unterschied. Aber weil Sie liebenswürdig sind und der Vetter unliebenswürdig ist, werde ich mir morgen vormittag noch die hübsche Umgebung zeigen lassen und erst mit dem Nachmittagszuge reisen.« Der Offizier küßte ihr stürmisch die Hand. Wieder sah sie über ihn hinweg mit zusammengezogenen Augen.

Gert machte eine verdrossene Bewegung.

»Er langweilt mich, Kapitän. Man soll nie einen Vetter zum Reisemarschall nehmen.«

In den Augen des Offiziers blitzte ein heißes Licht auf. Allein sein mit diesem bezaubernden Geschöpf. Mehr erringen als einen Handkuß. Welch ein Rausch mußte von diesem bezwingenden Wesen ausgehen, wenn sie die Mädchenhoheit ablegte.

»Befehlen Sie über meine Dienste,« bat er mit raschem Atem. »Meine Beurlaubung habe ich bereits in der Tasche. Wählen Sie mich zum Reisemarsch all, wenn der junge Herr Sie langweilt, und ich werde jedem Winke gehorchen.«

Der Vetter hatte sich vor ein Bild gestellt und gähnte herzhaft. Das Mädchen wies belustigt auf ihn hin.

»Sie wollen ihn ja nur los sein, Sie unternehmungslustiger Soldat.«

»Ja, ja, und zehntausendmal ja. Ich habe Augen im Kopfe, und diese Augen sehen Sie. Und ich habe Blut in den Adern, und dieses Blut rauscht Ihren Namen. Nein, erschrecken Sie nicht vor meiner Leidenschaft. Ich werde Ihr ganz gehorsamer Diener sein.«

»Ich kann nur einen ganz gehorsamen Diener gebrauchen,« sagte sie und wandte sich an Gert. »Mein armer Junge, du gähnst ganz erschrecklich. Ich schenke dir die Freiheit. Du magst morgen in aller Herrgottsfrühe vorausfahren und dem Vater melden, daß ich ihm in der Nacht noch einen Jagdgast bringe. Er soll mir den Kraftwagen bis zur Haltestelle des Schnellzuges entgegenschicken, damit mir die Bummelbahn erspart bleibt. Bist du nun erlöst?«

Der Vetter murrte ein paar Worte, blieb aber am Abend ein lustiger Gesellschafter. Mit glänzenden Augen meldete sich der Kapitän andern Tages zum Dienst bei seiner schönen Herrin. Er hatte den Waffenrock abgelegt und trug bürgerliche Reisekleidung. Draußen stand ein Selbstfahrer mit einem feurigen Pferd. Er hob das anmutige Mädchen gewandt auf den Sitz und sprang nach. Der Traber nahm in großen Gängen den Boden unter die Hufe. Nach wenigen Minuten waren sie vor der Stadt.

»Ich danke Ihnen, geliebte Gertrude. Sie haben mich zum glücklichsten Mann gemacht.«

»Brav,« sagte sie ruhig, als er den Arm um sie schlingen wollte. »Das Pferd verträgt das nicht.«

»Mein schönes, stolzes, feuriges Mädchen,« murmelte der Erregte.

Noch einige Male wehrte sie ihm mit derselben kühlen Hoheit, die ihm das Blut aufpeitschte, und er nahm ihre Hand und biß seine Zähne hinein. Sie zuckte nicht.

Am Nachmittage fuhr sie in seiner Begleitung ab. Kühl und gelassen ließ sie sich vor den Menschen von ihrem Reisemarschall bedienen, und er spürte diese königliche Gelassenheit wie einen neuen, wütenden Reiz.

Zweimal hatten sie den Zug wechseln müssen, bis sie den Schnellzug erreichten. Gegen zehn Uhr abends stiegen sie an einer Haltestelle aus. Vor dem Bahnhof wartete der Kraftwagen. Der Führer trat mit abgezogener Mütze heran. Gertrude hatte Walter Lenbach erkannt.

Eine rasende Freude ergriff das Mädchen. Fast hätte sie aufgeschrieen auf der Fahrt. Der Wagen brauste in die Berge, stoppte nach einer Stunde ab und hatte einen Reifenbruch. Und wieder ergriff diese rasende Freude von dem Mädchen Besitz, und sie lustwandelte im Vollmondschein am Arme des Fremden und hörte nichts von seinen heißen Worten, spürte nichts von dem heißen Druck seines Armes, dachte nichts anderes als: »Vater, Vater – deine Jagdhunde!«

Der Kraftwagenführer schien nicht fertig zu werden. Die Zeit strich hin. Dem glückstrunkenen Fremden schien sie nicht zu lange. Wohl eine Stunde nach Mitternacht war es, als sie weiterfuhren, immer tiefer in die Einsamkeit der Berge hinein, und der Sommerhimmel lichtete sich leise im Osten, als der Wagen hielt.

Eine Jagdhütte lag verschollen im Walde. Gert Thorsberg stand am Schlag des Wagens.

»Das ist doch eine Jagdhütte und nicht das Herrenhaus?« fragte der Offizier. »Nun, ich bin auch zum Jagen bereit.«

Gert Thorsberg führte den Fremden in einen erleuchteten Raum. An einem fichtenen Tisch sah der Oberst Lenbach, neben ihm zur Rechten und zur Linken Karl Thorsberg und der bleiche Gustav Adolf Brandt.

Der Fremde, verblüfft von der Feierlichkeit, nannte seinen Namen.

Der Oberst wiederholte ihn kalt. »Sie stehen hier vor dem Ehrengericht.« Und er nannte den eigenen Namen und den seiner Beisitzer. »Es liegt eine Herausforderung zum Zweikampf vor. Der Grund zur Herausforderung: Schmähliche Rücksichtslosigkeit gegen eine deutsche Frau, die das vorzeitige Hinsterben dieser deutschen Frau zur Folge hatte, und Schläge mit der Reitpeitsche in das Gesicht eines deutschen Ehrenmannes und Offiziers. Bekennen Sie sich zu Ihren Taten?«

Fahl und fassungslos stand der Fremde. Eisige Schauer rieselten über seine Schultern. Seine Augen irrten die Wände entlang und irrten zur Tür. Seine Lippen klafften blutlos und trocken.

»Bekennen Sie sich zu Ihren Taten?« tönte die Stimme des Obersten aufs neue in seinen Ohren.

»Das ist eine feige Verschleppung!« kreischte er wutschäumend. »Einer feilen Dirne bin ich ins Garn gegangen! Und Sie selber sind Feiglinge, wenn Sie den Überfall beschützen.«

Und wieder die kalte Stimme des Obersten: »Ich will Ihre Beleidigungen nicht wägen. Der hier anwesende Professor Doktor Thorsberg hat Ihnen als der tödlich Beleidigte seine Herausforderung schriftlich zugehen lassen. Er ist davon unterrichtet, daß Sie sie empfangen haben. Der Zeitpunkt liegt fast zwei Jahre zurück. Es wäre eine Feigheit, es zu leugnen.«

Friedrich Thorsberg trat vor. Er war ruhig und gesammelt.

»Da der Gegner nichts in Abrede stellt, so erbitte ich die Zustimmung des Ehrengerichts zum Zweikampfe mit Pistolen.«

»Der Zweikampf ist genehmigt. In Anbetracht der tödlichen Beleidigung werden zwischen den Gegnern zehn Schritte Entfernung bestimmt. Der Beleidigte hat den ersten Schuß. Sind die Zeugen zur Stelle?«

Es meldeten sich Gert Thorsberg für den Vater und Walter Lenbach für den Kapitän.

Der Oberst erhob sich mit den Beisitzern und schritt zur Tür.

»Der Austragung steht nichts mehr im Wege.«

Mit den Männern trat der Fremde in den dämmernden Morgen. Seine Lippen waren gepreßt, seine Augen glühend. Die Gegner nahmen ihre Stellungen ein. Die Zeugen reichten ihnen die gespannten Pistolen. Der Oberst gab das Zeichen. Friedrich Thorsberg erhob die Waffe und schoß den Gegner mitten durch die Stirn.

Die Hände vorgeworfen, stürzte der Fremde tot auf sein Angesicht. Friedrich Thorsberg wandte sich um. Ruhig und gesammelt schritt er zur Jagdhütte zurück, trat er in den Raum.

»Minne,« sprach er vor sich hin, »meine liebe, geliebte Minne.«

Und dann spürte er den Körper seines Mädchens an der Brust, hörte einen röchelnden Ton, preßte die Ohnmächtige fest in beide Arme und überflutete ihren kalten Mund mit seinen Küssen. – – –

Als die Morgensonne durch die Wipfel blickte, lag die Jagdhütte still und leer in der verschollenen Einsamkeit. Fernhin auf dem Wege nach Ulm, der nach München führte, brauste ein Kraftwagen, und der junge Lenbach saß am Steuer. Der Tote schlief im tiefen Grabe. Was er bei sich getragen hatte, traf nach Monatsfrist, von Berlin her abgesandt, beim Truppenteil des Gefallenen ein mit dem wortkargen Vermerk: »Im Zweikampf getötet.«

*

 


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