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3

Als die Kinder in der Frühe des folgenden Tages erwachten, erwachte zugleich die Erkenntnis ihrer Verlassenheit. Die Mutter schlug die Augen nicht mehr auf. Der Mutter Stimme schlug nicht mehr an ihr Ohr. Der Mutter Freude verfolgte nicht mehr ihr Tun. Wozu den Tag beginnen, der ihrer eifernden Sorge um die Geliebte keinen Raum mehr gab?

Die Gesunde hatte sie geboren und aufgezogen. Die Erkrankte aber hatte mehr getan. Sie hatte ihnen ihren letzten Besitz, all ihre Liebe gegeben, so überschwenglich, daß sie ihre eigene in Tausch geben konnten und mahnen, sie wären die Gebenden.

So reich waren sie geworden durch die Sorge.

Und über Nacht war ein Raubtier in die Hürden eingebrochen, und wo lebendige Fülle gewesen war, war eine tote Leere.

Eine Leere, die ihnen die Lichter in Hirn und Herzen löschen wollte.

Wozu den Tag beginnen, der zum Alltag geworden war.

»Komm zur Mutter,« sagte Gert und ergriff der Schwester Hand, »wir wollen ihr den Morgengruß bringen.«

Mit leeren Stirnen und schweren Füßen stiegen sie die Turmtreppe hinauf und verhielten vor dem oberen Gelaß.

»Komm,« wiederholte Gert und drückte die Klinke nieder. Das Gelaß war leer. Der Junge zuckte hoch. Seine Augen irrten verwirrt die Wände entlang. Dann kroch eine Röte über seine Wangen und färbte sein Gesicht. »Gertrude –«

»Gert.«

»Wir haben den Vater vergessen.«

»Während wir schliefen, Gert, hat er die schwerste Arbeit getan.«

»So lieb hat er sie gehabt. Und so lieb hat er uns. Gertrude, wie ich mich schäme.«

»Wir wollen es wieder gutmachen, Gert. Komm, komm.« Und nun war sie es, die den Bruder führte.

Drunten, im Turmzimmer des Erdgeschosses, lag Frau Minne Thorsberg aufgebahrt. Als die Kinder, von der Müdigkeit übermannt, nach der Nacht- und Tagwache in ihren Betten eingeschlafen waren, hatte Friedrich Thorsberg in der Stille der Nacht den unteren Raum gerichtet. Wie wollten Sarg und Träger durch die Turmenge hinauf und hinunter gelangen? Es sollte kein Lärm sein um die Entschlummerte her. Es sollte kein Stoß an sie kommen und keine Berührung.

Das war Friedrich Thorsbergs härtestes Tun gewesen, daß der todgewöhnte Arzt in ihm dem Gatten befahl, zurückzutreten, daß der Gatte dem Befehl gehorchte. Hoch oben in der kerzenbeleuchteten Turmstube, aus deren Fenster die lebenstapfere Frau ihren letzten Blick über das Rheinland gesandt hatte, wusch Friedrich Thorsberg der Marschgefährtin den Todesschweiß von Antlitz und Brust, kleidete er sie in frisches Leinen, ordnete er ihr schönes, aschblondes Haar.

Und es kam ein noch härteres Tun.

Das war, als er den erkalteten Leib in seine Arme nahm, als er ihn fest und vorsichtig schreitend hinabgetragen hatte in den unteren Raum, von dem es nur ein paar Schritte waren zum Grabe im Garten. Auf dem weißgespreizten Bette lag Frau Minne Thorsberg mit elfenbeinfarbenen Schläfen, und Friedrich Thorsberg gewahrte, daß er nicht mehr allein sei, und spürte Gerts und Gertrudes starken und immer stärker werdenden Händedruck.

Das erste Lächeln kam. Das Vaterlächeln, das begriffen hatte.

»Guten Morgen, ihr meine beiden,« sagte er. »Ich wußte, daß ihr bald kommen würdet. Die Mutter braucht ein Laubgewinde, und jeder Baum und jeder Strauch, den sie in ihrem Gärtchen geliebt hat, soll ein Reis dazu opfern.«

»Der Gert und ich, wir schaffen es, Vater.«

»Ich habe noch ein paar Gänge in den Ort zu tun, Kinder. Die Anmeldung auf dem Amt. Und dann noch die letzte Hausung für Mutter. Ach, nicht weinen, Kinder. Wir wollen es ihr froh machen.«

»Laß mich vorher das Frühstück richten, Vater.«

»Frühstück?« Sein Blick verlor sich, gewann seine Klarheit zurück. »Ganz recht. Frühstück muß sein. Und das ganze Leben muß sein, wenn wir die Mutter am Leben erhalten wollen.«

Auf dem Ortsamt meldete Friedrich Thorsberg das Hinscheiden seiner Frau. Der Vorsteher Gotthold las ernst den Totenschein.

»An Herzschwäche gestorben,« las er. »Herr Professor, ein so starkes Herz.«

»Ja, Gotthold, und im Vertrauen: ich habe die Unwahrheit geschrieben.«

»Und was – was hätte der Herr Professor schreiben müssen, wenn – wenn er der Wahrheit die Ehre gegeben hätte?«

»Totschlag,« sagte Friedrich Thorsberg, nahm seinen Hut und ging. Er ging zum Tischler und bestellte einen eichenen Sarg. »Bis zum Abend, Meister.« Und er ging zum Maurer und brachte ihn mitsamt seinem Gehilfen und Handlanger gleich mit hinauf. In dem Wildnisgärtchen gruben die Männer die Gruft und mauerten sie aus zu einem steinernen Stübchen. »Sie soll eine Kammer haben, in der sich die Dinge abwarten lassen.« sagte Friedrich Thorsberg.

Frau Minne Thorsberg lag im Sarg. Bis auf das Antlitz war ihr sterblicher Leib zugedeckt mit dem Rankengewinde ihres Vorgärtleins. Wie im Märchen waren die Kinder von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch gegangen und hatten gebeten: ›Gib uns dein schönstes Reis für unser, für euer Liebstes.‹ Kein Kräutlein fehlte.

Der Vater trat allein ins Zimmer. Er sah den purpurnen Herbstschmuck. Und dann trat er einen Schritt vor und rang mit einem kehligen Laut, bis der Ton in einem lautlosen Lachen verging.

»Es ist Verlaß auf die beiden.«

Über dem Fußende des Sarges hing ein Fahnentuch in den schwarzweißroten Farben. Die deutsche Fahne, die reine. – –

»Ist dir wohl darunter, Minne?« fragte der Mann und ließ die Hand über das Fahnentuch gleiten. »Nun kannst du sie dem einen und alleinigen Herrgott vorzeigen und dazu sprechen: »Herr, was ich auch sonst verfehlt haben mag – Glauben und Ehre habe ich rein erhalten.«

Er küßte sie, hob den Deckel auf die Lade und zog die Schrauben ein.

»Fahr wohl.«

Noch lagen die Morgennebel über dem Rheintal, als der Sarg zur Gruft gelassen wurde. Nur wenige Männer aus dem Rheinort waren mit dem Vorsteher erschienen. Friedrich Thorsberg hatte es nicht anders gewollt. Als der Pfarrer Gebet und Segen sprach, kämpfte sich die Sonne durch die hängenden Wolken, und die Nebel über dem Rhein gerieten ins Wallen. Friedrich Thorsberg zeigte es den Kindern mit seinem klaren und blanken Blick, während der Pfarrer sprach.

Dann war auch die Gruftplatte eingefügt. Nur der Vorsteher war geblieben.

»Gotthold,« sagte Friedrich Thorsberg, »es ist Zeit, daß ich wandere. Ich werde etwas rüstiger ausschreiten müssen, um die Zeit wieder einzuholen, die ich der gelähmten Frau habe lassen müssen. Aber zu spät kommt keiner, der mit dem rechten Willen marschiert. Ihnen übergebe ich wie immer den alten Turm zu treuen Händen. Aber zum erstenmal übergebe ich Ihnen mehr und Besseres. Dies Frauengrab. Zu Freundeshänden, Gotthold.«

»Es soll mir eine Ehre sein,« murmelte der Mann.

»Keinen langen Abschied, Gotthold. Wir ziehen mit leichtem Gepäck. Wer ein Ziel erreichen will, darf sich nicht belasten. Ach, Gotthold, das ist ja das Gute für uns Leute von Niemandsland, die wir heute hier alle sind, daß wir nur noch gewinnen können, weil wir nichts mehr zu verlieren haben.«

Die Kinder kamen vom Turm. Sie hatten alle Türen verschlossen und verriegelt. Jetzt schwang auch die schwere Eingangstür in den Angeln und schlug dröhnend zu. Friedrich Thorsberg drehte zweimal den Schlüssel im Schloß und reichte den Ersatzschlüssel dem Freunde.

»Dank, Gotthold. Und bleiben Sie gesund und gut deutsch allewege.«

»Dasselbe, Herr Professor. Und dasselbe für das Jungvolk.«

Sie schüttelten sich die Hände. Vater und Kinder warfen die Rucksäcke über. Wie Zwillingsbrüder standen Gert und Gertrude in braunem Hemd, Beinlingen und Wickelstrümpfen. Und Friedrich Thorsberg und seine Kinder zogen den Hut vor dem schmalen Grabe und stiegen den Waldpfad empor zum Höhenweg. –

Ein Schrei klang von der Höhe über das Rheintal.

Das war der Abschiedsgruß der drei und ihr Willkommengruß an das immer wartende Leben. –

»Wohin, Vater?«

»Über den Höhenweg, weiter und weiter. Zum Taunus, bis an den Main zunächst, bis zur Kaiserstadt Frankfurt.«

»Und alsdann?«

»Ins Bayerland, bis wo die Isar rauscht. Bis München mein' ich, ihr Kinder.«

»Und in Frankfurt willst du deine Berufung abwarten, Vater? Die Münchener Professur?«

»Ich hab' sie längst, ich hab' sie seit Monaten, Kinder. Nein, wir sind nicht auf der Bettelreise.«

»Und der Mutter sagtest du doch – ach, deshalb sagtest du es der Mutter.«

»Ja, deshalb, ihr meine Helfershelfer. Um ihr das bischen Sommerzeit zu lassen, als gehörte es ihr ganz allein. Um sie ganz warm in das Feriengefühl einzuwickeln: nun gehören Mann und Kinder nur mir an, und meine arme Gelähmtheit hinderte nicht ihren Weiterschritt. Deshalb verheimlichte ich es ihr und daß ich mich beurlauben ließ.«

»Nach München also ...« sagten die Jungen, wechselten einen hellen Blick, sogen tief den Atem ein. Zum erstenmal wieder schwang die Freude in ihrer Stimme.

Friedrich Thorsberg hörte sie heraus, und es schmerzte ihn nicht. Das war kein Vergessen der kleinen Gruft, das war das Steigen und Drängen des Saftes hinter Bast und Borke, das war der ehrliche, der gesunde Jugenddrang.

»Wir werden gründlich arbeiten müssen, ihr meine beiden. Das verlorene halbe Schuljahr muß aufgeholt werden. Nun, ganz so hart wird es nicht werden. Ihr habt ja auch auf der Thorsburg in die Bücher geguckt.«

»Ich zwing' es, Vater,« sagte Gert. »Ostern über's Jahr besteh' ich die Reifeprüfung.«

»Und mein Mädchen?« fragte Friedrich Thorsberg. »Hat es ähnliche starke Absichten?«

»Ich lerne, was du mir angibst. Ich laufe so lange in die Schule, wie du es willst, aber lieber noch mit dir über die Berge.«

»Ein Ziel muß auch ein Mädchen haben. Nehmen wir es zeitlich, wie der Gert es nimmt. Lehranstalt bis Ostern über's Jahr. Und wie wäre es dann mit einer Frauenschule für Landwirtschaft und Gartenbau? Ich meine dich zu kennen.«

»Ja, Vater,« sagte sie und schmiegte sich im Weiterschreiten an seinen Arm, »du kennst mich. Nur nicht zu weit von dir weg.«

»Das gibt's alles in der nächsten Umgebung von München.«

»Nur nicht zu weit von dir weg,« wiederholte sie. »Das könnt' ich mir nicht ausdenken, Vater.«

»Hat mich meine kleine Gertrude so lieb?«

»Frag nicht.«

Und sie suchte im Weiterschreiten seine Hand und hielt sie ein Stück Wegs mit krampfhaftem Griff.

Friedrich Thorsberg spürte den zuckenden Puls. Er spürte den heißen Blutstrom, der von seinem Kind zu ihm herüberdrängte. Was er mit sich führte in die Welt, war sein eigen.

Sie nahmen den Weg mit dem Schritt geübter Wanderer.

Nicht hastend und nicht verweilend, und doch alles mit Aug und Ohr mit sich nehmend, was ihnen erschien und begegnete. Kurz war der Bogen, den die Herbstsonne beschrieb. Als der Abend dämmerte, machten sie halt vor dem Gasthaus eines Dorfes. »Es ist genug für den ersten Tag,« sagte der Vater, »und wir haben noch einen guten Bogen zu schlagen, um uns aus dem Bereich der Besatzungstruppen zu halten.«

»Den Rotbart würde niemand mehr in dir erkennen.«

Friedrich Thorsberg strich wie in Gedanken über das festgefügte Kinn. Seine Augen zogen sich zusammen.

»Um so besser für später. Man soll erst anklopfen, wenn man Besuch machen will.«

Im Gasthaus suchten sie nach kurzer Abendmahlzeit gleich ihre Zimmer auf. Als sie zwischen den vier Wänden einer Stube saßen und die Wirtin schalten und walten sahen, war das Erinnern über die Kinder gekommen. Eine fehlte im Kreis. Und sie saßen schweigend und in sich gekehrt und atmeten wie erlöst, als der Vater sich zeitig erhob. – – –

Weiter, weiter in den hellen Morgen hinein. Die Nebel sanken vor der Sonne und die Kümmernisse vor den Forderungen des Tages. Da war ein Bach ohne Brücke. Hindurch. Da war ein Felssteg ohne Stufen. Hinauf. Da war der Wald, der deutsche Wald, der Sommer und Winter voll Wunder ist.

»Hei, Gert, sag dein Sprüchlein. Was möchtest du werden im Leben?«

Der Sohn tat gerade einen Sprung über eine felsige Kluft. An einem zugehauenen Buchenschaft hatte er sich hinübergeschwungen.

»Vater, wo bin ich geboren?« rief er heiß von der Arbeit zurück.

»In Deutschland, Gert. Aber im größeren Deutschland. In Tanga, an der Küste von Deutsch-Ostafrika. Das ist nahe der Grenze von Britisch-Ost. Und zwei Jahre darauf die Gertrude in Wilhelmstal, nicht weiter vom Grenzstrich, nur tiefer im Binnenland. Da hatte uns das Klima schon gewitzter gemacht.«

»Es ist also deutsche Heimat, Vater? Dort wie hier?«

»Mein Wort darauf, Junge. Nicht die Faust, der deutsche Geist war der Eroberer. Der Kaufmann, der Farmer, der Forscher. Und war noch lange nicht am Ende. Stand erst im Anfang. Weshalb fragst du mich?«

»Die Mutter«, sagte der Junge ernst, »hat uns schwören lassen, zu Deutschland zu stehen und, wenn das Reich in Trümmer gehen sollte, zum deutschen Geist, der lebendig macht. Wenn wir's nicht von innen packen können, Vater, packen mir's wohl von draußen an?«

»Mit dem deutschen Geist? Mit dem deutschen Geist vom unermeßlichen Afrika aus? Glaubst du, Gert, dein Vater hätte sich so viele Jahre dort umhergetrieben und deine Mutter hätte Mühsale und Märsche, Entbehrungen und Gefahren und dazu die Kindsnöte in der fremden Welt auf sich genommen, wenn dieser Gedanke nicht wert wäre, durchgedacht zu werden? Ach, daß die Mutter dies liebgewordene Stück Deutschland nicht wiedersieht, das so wild ist wie die Jugend und so entwicklungsreich.«

Die Mutter – – Da war sie unter ihnen und mit ihnen auf dem Marsch.

»Vater,« begann der Sohn scheu, »die Mutter hat mir erzählt, was du ihr zugeschworen hast. Damals, im Sommer, als du mit einem Schuß den Habicht mit dem Fasanenhahn niederlegtest. Daß sie den Tag der Freiheit erleben und in allen Kämpfen mit uns sein würde.«

»Glaubst du, Gert, daß dein Vater falsch geschworen hat? Bist du nicht schon im Geist auf der Fahrt zur Freiheit? Und wer bist du denn, und wer ist die Gertrude? Die Unsterblichkeit der Mutter seid ihr.«

»Vater!«

»Aus Vater und Mutter seid ihr geworden. Aus ihrem Heißesten und Heiligsten. Und gebt ihr dem Vater, was des Vaters, so gebt der Mutter, was der Mutter ist. Den Eid zu erfüllen ist an dir und deiner Schwester.«

»Ja, Vater, ja, ja! Gertrude, Schwesterlein, wie wandert es sich?«

»Laß uns einen Wettlauf machen, Gert! Nur den einen! Dort bis zum Wald und zum Vater zurück!«

Ihre überschüssige Kraft, ihre an den Zukunftsplänen heißgewordene Freude wollte einen Ausweg. Schon rannten sie zäh und geschmeidig dahin, gewannen die erste Birke des Waldes, ließen sich blitzschnell am Arm um den Stamm wirbeln und waren schon wieder in brausendem Heimlauf begriffen.

Friedrich Thorsberg stand als Mal mitten im Wege. Seine Augen funkelten vor Genugtuung. Das war kein entnervtes Geschlecht, was da die Muskeln spannte. Das war keine weltmüde Jugend, was sich da so kinderselig zu freuen vermochte. Er aber wußte, wie Jugend empfand, lebte, liebte, litt und lachte; er aber wußte, wie Jugend zu behandeln und zu handhaben war. Sein Herz tat einen Schwung und war mit im Lauf. Und sein Herz tat einen zweiten Schwung, als sein scharfer Blick gewahrte, wie der geübtere Bruder unmerklich den Lauf mäßigte, um die Schwester dichter aufkommen zu lassen und ihr Selbstgefühl zu stärken.

»Kinder,« lachte er die Erhitzten an, »in solcher Auflösung dürften wir dem Großvater nicht unter die Augen kommen. Der Großmutter schon eher. Aber auch nur unter vier Augen.«

Die beiden verschnauften im Weitermarsch erst eine Weile an seinem Arm. Dann fragte Gertrude verängstigt:

»O je, Vater. Sind sie so streng, die Großeltern?«

»Streng? Nun, sie sind noch aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Schule. Streng sind sie mehr in der Form. Und das Alter greift um so lieber danach wie nach einem verläßlichen Spazierstock, an dem sich aufrechter marschieren läßt.«

»Und unsere – unsere Form wird ihnen wenig Freude machen, Vater?«

Der Vater ließ einen Blick über sie hingleiten. Er lachte behaglich.

»Eure Form ist nicht schlecht. Und an den Formen wird's nicht fehlen. Man braucht ja nicht gerade in Beinlingen durch die Empfangsräume zu rennen, Gertrude.«

Sie sah mehr verwirrt als erschrocken an ihren schlanken Gliedern hinab.

»Seh' ich denn nicht anständig aus? Hat's dich denn schon gestört, Vater?«

Er zog sie mit einem Griff an sich, daß sie den Fuß wechseln mußte, um wieder in Gleichschritt zu kommen.

»Närrchen du. Aber recht war schon die Frage. Darüber hat der Vater zu entscheiden. Und da er bislang keinerlei Tadel geäußert hat – nun, was weiter, mein Mädchen?«

»So braucht – so braucht mich alles andere nicht anzufechten. Und in München, bei den Großeltern, sind wir noch lange nicht.«

»Sie wohnen nicht mehr in München, Kind. Sie wohnen in Starnberg, am See.«

»Ah, das ist fein. Auf dem Lande. Am See. Da wird's nicht so arg sein mit den Empfangsräumen.«

Wie schön es sich wanderte mit den unverbildeten Kindern. Das war lebendige Gegenwart. Fast vergaß der Mann Not und Nöte.

»Vater,« fragte Gert, »führt der Großvater nicht den Titel Exzellenz?«

»Jawohl, mein Junge. Und es ist sein Stolz, den man richtig verstehen muß. Mit dem Titel kündet er an, daß er noch über Pflicht und Treue hinaus seinem Land und seinem König gedient hat. Daß Seine Exzellenz der Generalstabsarzt Dr. Thorsberg nicht nur fünfzig Jahre dem Heere angehört, sondern sogar seine Freistunden dazu verwendet hat, die gesundheitlichen Einrichtungen im Heere immer vorbildlicher zu gestalten. Zur Nachahmung steckt er den Titel an. Man kann einen Beruf auch etwas anders auffassen als: hier Arbeit – hier Entlohnung.«

Der Sohn schritt aufmerksam horchend neben dem Vater.

»Das gefällt mir gut. Und auch der Titel gefällt mir jetzt. Titel, mein' ich, müßten persönlich erobert werden und nicht mit einer Rangstufe verbunden sein, die sich auch gemütlich erklettern läßt oder durch Glück. Dann hat ein Titel wirkliche Bedeutung.«

»Der Professor Doktor Friedrich Thorsberg erlaubt sich, seinen ergebensten Dank für gnädige Strafe abzustatten.«

»Ach, Vater, nun spottest du. Das sind doch Berufsbezeichnungen, wie jemand Baumeister oder Bankherr heißt oder auch Kaufmann.«

»Gottlob, da bin ich noch mal mit einem blauen Auge davongekommen.«

»Wenn du spottest, bist du vergnügt, sagte die Mutter. Und das Vergnügtsein ist doch das schönste an dir. Das kann nicht jeder.«

»Na, na, na ...«

»Du brauchst nicht einmal Universitätsprofessor und Doktor zu heißen. Friedrich Thorsberg, das genügte, und alle wüßten: das ist der Forscher, der Jäger, der Deutsch-Afrikaner.«

»Und soeben gewährtest du noch huldreich die Berufsbezeichnungen?«

»In deinem Namen stecken sie alle. Das ist Persönlichkeitswert. Das geht noch über Exzellenz.«

»Donnerwetter, Gert. Laß mich mal den Hut abnehmen. Mir wird ganz heiß vor Hochachtung. Aber deinen Lesestoff werde ich in Zukunft doch wohl ein wenig überwachen müssen.«

»Tu's nur,« lachte der Sohn. »Ich lese das Nibelungenlied, die Bibel und –«

»Halt. Die Bibel. Das Alte oder das Neue Testament?«

»Augenblicklich das Alte. Ich meine, Vater, die Notgeschichte des auserwählten Volles paßte gerade auf unsere Zeit und auf unser Volk, Vater.«

»Die Juden in der Wüste. Die Juden Ziegel streichend in der Fron,« murmelte der Mann. »Das goldene Kalb. Das Buch der Richter. Selbst der Hiob stimmt, und es stimmt die fremdländische Abgötterei. Die großen und kleinen Propheten aber schreien sich heiser in der babylonischen Gefangenschaft. Vergiß nicht, Gert, die Bücher der Makkabäer zu lesen. Sie stehen zwar nur in den Apokryphen, sind aber zuweilen nützlicher für ein gedemütigt Volk zu lesen als die gesamte Bibel.«

Eine Weile schritt er schweigend weiter. Seine Lippen waren fest aufeinandergepreßt. Dann sagte er ruhig: »Soweit wären wir. Wie die Juden. Aber ich unterbrach dich. Du wolltest mir deinen Lesestoff herzählen.«

»Das Nibelungenlied, die Bibel, Vater, und zuletzt, auf Mutters Hinweis –«

»Auf Mutters Hinweis? Da bin ich gespannt.«

»Wieland der Schmied, Vater.«

Friedrich Thorsberg tat einen ganz tiefen Atemzug. Minne, dachte er, Minne ...

»Das ist ein gutes Buch, Gert. Vielleicht das beste von allen. Wenigstens für uns Deutsche. Weil es so urgermanisch ist, Gert. Aber es ist vielleicht noch ein wenig zu schwer für dich.«

Und der Abend wurde wie der vergangene, nur daß sie tiefer in die Dunkelheit hineinmarschierten, ehe sie Rast machten. Sie wollten den Taunus erreichen. Im Gasthaus des Walddörfchens aber kam wieder das Erinnern über sie, das Erinnern an eine, die zum Feierabend in ihrem Kreise fehlte, und sie saßen schweigend und in sich gekehrt, bis sie frühzeitig die Lagerstatt suchten. – –

Weiter, weiter in den hellen Morgen hinein. In den Morgen, der mit der Sonne den Tag und mit dem Tag die Zukunft meldet. Wie weit ist die Welt dem blankerwachten Auge, wie reckt sich schon wieder, armesweit, das niedergebrochene Glück.

»Hier bin ich mit der Mutter gewandert, als sie noch ein Mädchen war,« erzählte der Vater. »›Ihr tausend Blätter im Walde wißt‹ – Aber das sind unsere Heimlichkeiten.«

»War die Mutter nicht Sängerin in Frankfurt am Main, Vater?« drängte Gertrude.

»Sie war es nicht. Sie wollte es werden. Sie übte fleißig auf dem Konservatorium. Sie tirilierte im Gehen und Stehen, daß es eine Lust war. Da kam ein böser Medizinmann des Weges, der sich mit allen Scheußlichkeiten der Schöpfung abgab und den lieben Schöpfer verbessern wollte. Der dachte: Solch ein fröhlicher Vogel paßte dir gerade als Gegengewicht zu dem Eulenvogel in deinem Kopfe. Und er sprach ganz zutraulich und herablassend und so überaus weise, daß das Singvöglein meinte, es hätte das große Los gezogen, und es hatte zum Schluß doch nur einen dunklen Afrikareisenden und Pesterforscher, dem es in der Wüste mutterseelenallein etwas vorsingen mußte.«

»Vater,« drängte auch Gert, »erzähl uns von eurem Leben in Afrika. Von den großen gemeinsamen Jahren.«

»Nein, erst vom Taunus,« bettelte Gertrude. »Nun wir doch einmal an Ort und Stelle sind.«

Der Vater lächelte. Über den Kindereifer hüben und drüben. Aber sein Lächeln schwang sich weit zurück.

»Ja, meine kleine, große Gertrude, das aus dem Taunus, das läßt sich schwer erzählen; denn es ist nicht sehr erzieherisch. Wir liefen nämlich hier ohne eigentliche Berechtigung herum, denn das Mädchen, das deine Mutter wurde, hatte zu ebenderselben Zeit in der guten Stadt Frankfurt Musikunterricht zu genießen, und der Jüngling, der dein Vater wurde, zu ebenderselben Zeit im Krankenhause hochwichtige Aufklärungen des leitenden Herrn Professors. Und dennoch – dennoch – dennoch. Der Menschenfrühling weiß nur von der Tugend des Menschenfrühlings.«

»Weiter, Vater ...«

»Weiter, Gertrude? Hab' ich nicht schon alles gesagt? Wir liefen Hand in Hand durch den Bergwald, so weit ab von den Menschen, wie es nur möglich war, und vergaßen die Welt, und nur uns selber nicht, und das war das Märchen vom Taunus.«

Das Mädchen schaute rundum. Als sähe es das Märchen zwischen den Stämmen hindurchhuschen. Und an jedem Stamm war ein Schimmer zurückgeblieben und ein ganz feiner Duft. Das gewahrte es jetzt mit träumerischen Sinnen.

»Es war schön, dein Märchen vom Taunus, Vater. Und ich hör' ganz deutlich die Mutter singen.«

»Hörst du es? Dann hat mein Mädchen das Märchen begriffen. Es muß wie eine Liedweise sein, die nie ganz abbricht.«

Im Taunus rieselten die purpurnen Blätter nieder. Oft schritten die drei wie durch einen purpurgoldenen Regen.

»Das ist kein Sterben,« sagte der Vater. »Wenn ihr genau zuseht, findet ihr am leergewordenen Gezweig schon alle die seinen Knospentriebe des kommenden Frühlings. So lebt irgendwie und irgendwo jeder vorangegangene Mensch in uns weiter.«

»Nun mußt du uns vom Leben erzählen,« bat Gert. »Als das Märchen die Augen aufschlug, Vater.«

Friedrich Thorsberg schritt zwischen den Kindern dahin. Und an seiner Seite spürte er die Vorangegangene.

»Du willst von Afrika hören, Gert. Gut. Wandern wir. Wenn ich vorhin von dem Medizinmann sprach, der sich mit allen Scheußlichkeiten der Schöpfung abgab, die dem Schöpfer in der Eile durch die Finger gewischt waren, so meinte ich damit, daß ich als mein besonderes Gebiet die Bakterien, die unheimlichen, winzigen Krankheitserreger, erwählt hatte. Das unerschlossene Afrika bot das bedeutsamste Feld. Hier wogten noch unabsehbare Seen zur Regenzeit, die zur Trockenzeit sich in Sümpfe und Moraste wandelten, hier wucherten Urwälder aus der Fäulnis der Jahrtausende, hier waren die Brutstätten der geheimnisvollen Krankheiten, die den gewaltigen Erdteil verheerten, seine Menschen in Scharen hinmähten und den wenigen die Lebenshaltung verkümmerten, weil sie ihnen das Vieh verseuchten und die Pferde hinstreckten. Im unermeßlichen Ländergebiet des drittgrößten Erdteils herrschten nicht die Sultane und Häuptlinge, nicht die Verwaltungsbeamten der weißen Siedlungsvölker, in Afrika herrschte zu oberst der Tod.

Es gibt einen Tod, der allmächtig, allgerecht und darum heilig ist. Und es gibt einen Tod, der scheußlich ist, weil er sinnlos ist, und was sinnlos ist, kann der starke Menschengeist bekämpfen. In Afrika liegt so viel jungfräuliches Land, daß es den Menschenüberschuß des ganzen hungernden Europas aufnehmen und zu satten und zufriedenen Mitmenschen machen könnte. In Afrika liegen so viel ungehobene Schätze, daß sie das ganze verarmte Europa reich machen könnten, ohne daß Afrika den Aderlaß verspürte. Denn alle die Wechselbeziehungen von Handel und Wandel würden beiden Erdteilen, würden der ganzen Welt zugute kommen. Und woran scheiterte es und scheitert es noch? Am Tod.

Da warfen sich die heimtückischen Krankheitserreger auf die Menschen und wehrten ihnen den Weg ins Binnenland. Und wo die Menschen dennoch eingedrungen waren und in heißer Lebensarbeit Fuß gefaßt hatten, da bescherten sie ihnen als Lohn der Arbeit die Armut, machten sie zum Vieh, indem sie ihnen Zug- und Milchvieh an der Pest verenden ließen. Da säugten die Frauen aus Mangel an Kuhmilch die Kinder jahrelang, bis die Frauen an der Auszehrung zugrunde gingen oder die Kinder an der Brust verhungerten. Da schleppten die Männer die Erzeugnisse ihres Fleißes als armselige Sklaven Hunderte, ja Tausende von Meilen weit aus dem Binnenland zur Küste, bis sie nicht mehr wiederkamen. Irgendwo auf den Trägerpfaden bleichten ihre Knochen.

Ich hab' immer den Kampf geliebt, Kinder, und den Kampf um das Leben am meisten. Dafür bin ich Arzt. Aber auch das alte Germanenblut sprach mit, das über den Dorfzaun hinausdrängt. Damals wenigstens drängte es mächtig. Und ich ließ mich mit meiner jungen Bakterienweisheit anwerben und als Arzt einem Forschungsunternehmen verpflichten, das sich zur Aufgabe gestellt hatte, unsere junge Reichskolonie Deutsch-Ostafrika wirtschaftlich zu ergründen. Meinen Singvogel nahm ich mit übers Meer und mußte ihn später in Tanga an der Küste lassen, weil zu meinem Ingrimm Frauen von der Forschungsfahrt ausgeschlossen blieben. Frauen. Diese eine leistete mehr als ein halbes Schock Männer. Durch ihr Vorbild allein. Und in Tanga kamst du zur Welt, Gert. Gerade als ich heimkehrte von dem ersten Unternehmen und in der Fieberzeit kein Arzt in dem Küstennest geblieben war. Ja, da hab' ich dich ans Licht der Welt geholt.«

Wieder schritt Friedlich Thorsberg eine Weile schweigend zwischen seinen Kindern hin und spürte an seiner Seite die Vorangegangene. Die Kinder drängten ihn nicht.

»Ja, Gert, das war schon ein Jubel unter uns dreien. Denn du schriest kräftig mit. Und dem Singvogel fielen alle seine alten Lieder wieder ein. Die Mutter säugte dich selbst, und du gediehst prachtvoll. Das dauerte ein gutes halbes Jahr.

In diesem halben Jahr hatte ich alle meine wissenschaftlichen Erfahrungen aus dem Forschungsunternehmen noch einmal durchgearbeitet und meine Schlußfolgerungen gezogen. Sie drängten nach einer Fortsetzung, nach weiteren Funden, Versuchen und Abschlüssen. Ich mußte wieder hinaus. Ich war den Gemeinheiten des afrikanischen Todes auf der Spur.

Aber ohne die Mutter, die Frau – niemals. Ich war in der Einsamkeit der Berge, der Urwälder, der Wüsten fast wahnsinnig geworden ohne ihre liebe, kühlende Hand. Was mein Wesen brauchte, konnte mir kein Mann geben, und wenn es der klügste und gelehrteste gewesen wäre. Ich brauchte den Ausgleich. Wie Antäos die Berührung der Erde brauchte.

Ein Forschungsunternehmen, an dem ich als Teilnehmer verpflichtet war, kam nicht mehr in Frage. Ich mußte eine Karawane auf eigene Faust ausrüsten. Dazu brauchte ich Geld. Die Reichsunterstützungsgelder aber flossen den schon in Fluß befindlichen Unternehmen zu, denen ich keinen Wettbewerb machen wollte. Was tun? Kurz entschlossen verkaufte ich mein einstiges Erbteil auf dem Halm an meinen Bruder Karl, einen jungen, reich verheirateten Bankherrn, und gedachte mich im übrigen durch die Jagd zu ernähren. Ach du liebe, leichtsinnige, glaubensstarke Jugend. Nach Britisch-Ost wollte ich hinüberwechseln, um niemand in die Quere zu geraten. Um die Erlaubnis war ich eingekommen und hatte sie erhalten.

Gert,« lachte Friedrich Thorsberg aus tiefem Herzen, »ich habe dich noch nachträglich um Verzeihung zu bitten. Denn bei allen meinen Berechnungen hatte ich dich vergessen. Frau Minne erst mußte mich entrüstet darauf aufmerksam machen. Als ich ihr nämlich mit dem fertigen Plan aufwartete.

Alles also umsonst. Der Verkauf meines Erbteils. Die Einkäufe, Verhandlungen, Verträge. Und umsonst harrten dreihundert grinsende Schwarze auf den Abmarsch. Der kleine Gert ließ sich nicht auf dem Rücken befördern. Und in vierzehn Tagen siechte ich zusehends dahin.

Damals – damals wuchs meine Minne zum ersten Male über andere Frauen hinaus. Sie hatte sich vor dem Altar dem Manne zugeschworen, und dem Manne hielt sie die Treue. Ob ihr junges Mutterherz auch fast dabei verblutet wäre. Der Mann brauchte sie. Für das kleine Kindlein war eine andere Pflege zu beschaffen. So kamst du zu einer Missionsschwester, die dich hegte und kugelrund pflegte, und Frau Minne ritt neben mir an der Spitze unserer Trägerhorde in das weite, wilde, unbekannte Land.

Sie hat es nie bereut. Obwohl unsere Tiere bald eingingen und sie zu Fuß marschieren mußte. Obwohl wir ein Leben führen mußten wie die unverwöhntesten Wilden der Urzeit. Obwohl die Anstrengungen der Märsche uns oft zu Boden werfen wollten. Denn in der Not und Gefahr der trostlosen Einsamkeiten fanden wir uns unter dem glutheißen oder dem regenkalten Zeltdach so nah zusammen, daß wir uns ein größerer Trost wurden, als ihn andere Menschen je erringen.

Er ist uns geblieben. Wie alles bleibt, was mit Blut geschweißt ist.

Damit wäre das Hauptsächlichste erzählt.«

»Vater,« baten die Kinder, »Vater ...«

»Immer noch mehr wollt ihr hören? Von ernsten Forschungen oder von spannenden Abenteuern? Hat die Tsetsefliege mehr Reiz für euch oder der Löwe, das Zebra, die Giraffe? Denn die Tsetsefliege, die Erregerin der Schlafkrankheit, dieser furchtbaren Pest – die kleine Tsetsefliege zu jagen und samt ihrem Gift zu erlegen, war ich mit meinen dreihundert Mohren ausgezogen. Vor dem Löwen rissen sie aus, und vor den Krokodilen fielen sie in die Knie.«

»Erzähle vom Kleinen und vom Großen, Vater.«

»Recht so. Zusammen erst macht's ein Ganzes. Aber wie denn? Die kleine Tsetsefliege ist doch wohl ein größeres Raubtier als der Löwe? Wo soll ich da beginnen?«

»Ach, Vater, erzähl von dir und der Mutter und irgend etwas von euch beiden aus dem geheimnisvollen Land.«

Kräftig schritt Friedrich Thorsberg aus, und die Kinder hielten gleichen Schritt. Hier aus diesem Taunus hatte er einst mitgenommen, was ihm die Kraft gestählt hatte in den afrikanischen Wäldern und Wüsten.

›Ich hatt' einen Kameraden – einen bessern find'st du nit‹, summte ihm die Weise hinter der Stirn.

»Ja, von der Mutter. Das ist des Erzählens wert. Wir mußten einen Träger- und Läuferdienst mit den Stationen unterhalten, um immer wieder Lebensmittel und alles andere Erforderliche herbeizuschaffen. Denn dank der Tsetsefliege fielen die Zugtiere aus, konnte nur mitgeführt werden, was die schwarzen Kerls auf den Köpfen schleppten. Das aber bedurfte beständiger Ergänzung, denn der Neger überlastet sich nicht gern. Drei Monate waren wir auf dem Marsch, als die Kette des Träger- und Läuferdienstes reißt und der Trupp, den ich zuletzt hinabgesandt hatte, nicht zurückkehrt. Von einem zweiten kehrten nur wenige Mann heim. Der große Aufstand war ausgebrochen und hatte uns den Verbindungsweg zu den Niederlassungen abgeschnitten.

Noch waren wir zweihundert Mann. Aber sie wollten ernährt werden. Gewiß war die Jagd ausgiebig. Doch jagt mir mal in der Regenzeit, die zweimal im Jahr mit Urgewalt einsetzt. Aus der Ferne grinste uns der Hunger an.

Da hab' ich erfahren, was ein treues Weib wert ist. Da wuchs eure Mutter wieder über sich hinaus und hielt mir durch ihre Fröhlichkeit und ihren furchtlosen Mut die schlappen Kerle bei der Stange. Wenn sie ein Lied anstimmte, rissen sie ihre mager werdenden Glieder zusammen und marschierten im Takt. Wenn sie mit ihnen lachte, vergaßen die schwarzen Burschen die knurrenden Bäuche. An den Kerlen aber hing unser eigenes Leben, denn wer sollte uns Zelte und Decken, Verpflegung und Schießbedarf und all mein wissenschaftliches Werkzeug schleppen? Was sie aber in eine abergläubische Verehrung zu der Frau zwang, war, daß sie den Löwen anging.

Ach, Kinder, sie hätte keinen Spatzen totgeschossen, eure Mutter Minne. Sie hatte eine Abneigung gegen den Büchsenknall und das Blutvergießen. Nur als es einmal ein wenig raunte und rumorte im Lager und ein paar Querköpfe bedrohlich die Arbeit weigerten, ließ sie sich von mir im Zelt in der Handhabung der Schießwaffen unterweisen und legte am nächsten Morgen eine flüchtige Antilope auf die Decke. Ein Glückstreffer, gewiß. Aber von Stund an behielt sie das Schießeisen auf dem Rücken oder vielmehr in Händen, und weil es ihr Wille war, mir beizustehen in Not und Tod, wurde sie eine Jägerin von Sankt Hubertus' Gnaden. Weil es ihr Wille war.

In dieser von Menschen noch unerforschten Wildnis wimmelt es nicht nur von fleischgebendem Wild, von Büffeln, Antilopen und Schweinen, hier wimmelt es auch von den wilden Jägern: Löwen, Leoparden, Hyänen. Hier stampfen längs den Seen die Elefantenherden, hier äsen die Giraffen, hier galoppieren die Zebras und die wilden Esel, hier grüßt aus dem Dickicht blöde das Rhinozeros seinen Gevatter, das Flußpferd, das mit den blinzelnden Krokodilen in den Gewässern planscht, und im Walde lachen euch von allen Bäumen die Paviane aus.

Ein halbes Jahr hatten wir für unseren Forscherzug angesetzt. Jetzt waren wir schon ein Jahr in der Wildnis, und immer noch blieben die Verbindungen abgeschnitten. Jeder Mann erhielt für den Tag eine Handvoll Reis, die Mutter und ich nicht mehr als die Leute. Der Tod begann unter uns aufzuräumen. Wer sich nicht wehrte, wurde von ihm aufs Angesicht geworfen. Wer sich nicht wehrte. Man braucht nicht jeden Tod zu sterben, wenn man sich wehrt.

Die Mutter und ich, wir wehrten uns, indem wir unsere Kräfte jetzt ganz auf die Jagd einstellten. Es gibt kein Unglück, das nicht ein Glück in sich trägt. Man muß sich nur nicht gleich vom Unglück werfen lassen und weit die Augen aufreißen. Damals begannen wir in der unfreiwilligen und furchtbaren Muße nicht nur Fleisch, sondern auch Geld zu machen. Damals legten wir manchen Elfenbeinzahn zum anderen, manches Löwen- und Leopardenfell, manches wertvolle Gehörn. Und damals war es, daß wir ein riesiges Löwenpaar beim Fraße überraschten und genau so überrascht waren wie die wütend fletschenden Bestien selbst. Mit einem Doppelschuß wollte ich sie erledigen. Aber während der Löwe sich auf Kopfschuß streckte, hatte ich durch die Entkräftung beim zweiten Schuß meine alte Sicherheit nicht mehr, die Löwin zeichnete zwar auf der Stelle hellrot, setzte aber alsbald zum Sprung an. Meine schwarzen Jagdbegleiter warfen sich mit einer Schwungkraft ohnegleichen aus der Sprungrichtung. Ich sah mich schon unter dem Leib der gelben Katze. Da plumpte sie aus der Luft vor meinen Füßen nieder und streckte alle viere. Die Mutter hatte sie niedergeholt wie einen Vogel. Die Mutter war eins mit mir gewesen. Sie allein.

Von diesem Tage an folgten ihr unsere Schwarzen, auch ohne daß sie Lieder sang. Aus den Augen der Frau konnte von Stund an ein Aufblitzen über die Feiglinge hingehen, das ihnen das Kinn auf die Brust zwang wie Schulknaben. Wir aber betrachteten von Stund an alle Mißlichkeiten, Entbehrungen und Erkrankungen wie nichtige Dinge, weil einer den unbedingten Glauben an die Hilfe des anderen hatte. –

Noch ein weiteres halbes Jahr ging unter dem wandernden Zeltdach hin. Von den zweihundert übriggebliebenen Schwarzen lebten kaum noch hundert. Da kam die Kunde von der Niederwerfung und Beruhigung des großen Aufstandes, und wir konnten mit ausgezehrten Gliedern, aber auch mit unseren reichen Wissensschätzen und den großen Jagdbeuten den Rückmarsch antreten. Für unsere Frau Minne war es hohe Zeit. Sie gebar in Monatsfrist ein Mädchen. Die Gertrude. Das war auf der gesunden Station Wilhelmstal in Deutsch-Ost, und der zweijährige stramme Gert war hingeschafft worden und spielte abwechselnd mit dem Schwesterchen und einem kleinen Löwenjungen. Dieser Heimmarsch aber war Frau Minnes tapferste Tat.«

Er hatte den Hut abgenommen und strich sich über die Stirn.

»Afrika,« sagte er. »Jugend, Glück, Freiheit. Meine Geschichte ist zu Ende, Kinder. Für diesmal zu Ende.«

Die Kinder atmeten tief auf. Gert suchte nach Worten.

»Aus dem Taunusmärchen ist ein deutsches Lied in Afrika geworden,« sagte er und schaute weit hinaus.

»Ja, Gert, und ihr habt eine helle Strophe mitgesungen.«

»Das Lied ist noch nicht zu Ende Vater.« –

Von den Taunusbergen stiegen sie hinab in die breite Mainebene. Sie sahen das Band des Flusses glitzern. Fern am Rande dunkelte eine große Stadt. Frankfurt. Wie ein Wegweiser stand über den Dächern der Dom.

Ortschaften reihten sich an Ortschaften. Die Wanderer mußten vorsichtig auf den Weg achten. Zickzackartig lief hier die Grenze des besetzten und unbesetzten Deutschlands. Ohne Lotsen galt es das Schiff in den Hafen zu bringen.

In einem Marktflecken war der Weg versperrt. Eine Kunstreiterbande gab unter freiem Himmel eine Nachmittagsvorstellung. Die Sankt-Leonardus-Kirmeß war nahe, und der gute Heilige, berühmt um seiner Liebe willen für des Bauern Vieh, zog mit den Wallfahrern die hungrigen Gaukler vom Main an den Rhein. Kein Nestlein ließen sie aus, das ihnen einen kleinen Tagesverdienst versprach bis zum Segen von Sankt Leonardi.

Friedrich Thorsberg stand mit den Kindern im Ring der Zuschauer. Es waren keine Teufelskünste, die geboten wurden. Das Geschrei der Darsteller und ihr großartiges Gebaren suchte über die Nichtigkeiten ihrer Darbietungen hinwegzutäuschen. Ein Mädchen im Flitterröckchen ritt, auf dem Rücken eines müden Pferdes stehend, ein paar Runden, streckte wagrecht das linke Bein und warf inbrünstige Kußhände unter die Bauern. Ein Mädchen im Venusgürtel hing in den Kniekehlen an einem hochgespannten Schaukelreck, klatschte in die Hände, überschlug sich in der Luft und warf, wieder im Gleichgewicht, inbrünstige Kußhände unter die Bauern. Ein paar Ringer traten auf, die vergeblich und kopfschüttelnd versuchten, einer den anderen auf den Rücken zu strecken, woran sie ihre staunenswerten Herkuleskräfte hinderten. Ein Mann im Hosenbund hob ein zitterndes Pferd mit den Zähnen, und ein dummer August lief herum, stolperte über jeden Strohhalm und bezog von Beteiligten und Unbeteiligten Prügel.

Das Gesicht dieses August war es, was Friedrich Thorsberg zum Ausharren nötigte. Als unter den Zuschauern mit leisen und lauten Mahnungen abgesammelt worden war und das Volk sich verlaufen hatte, sah er den Mann abgespannt neben einem Wagen sitzen. Er trat mit den Kindern auf ihn zu.

»Hallo, gut Freund, kennen Sie mich noch?«

Der Mann blickte auf, zwinkerte mit den Augen und schüttelte den Kopf.

»Sie rückten mit der zweiten Batterie ins Feld. Entsinnen Sie sich Ihres Hauptmanns noch?«

»Es stimmt,« sagte der Mann. »Und mein Hauptmann war der Rotbart. Himmelherrgott,« brachte er hervor und stellte sich aufrecht. »Ist es möglich? Der Herr Hauptmann ohne Bart?«

»Wie kommen Sie denn unter die Künstler, Schmitz?« fragte Friedrich Thorsberg und reichte ihm die Hand. »Sie waren doch Handwerker? Schuhmacher, wenn ich mich recht erinnere.«

Das Gesicht des Mannes lief dunkelrot an. Und ebenso jäh wurde es totenblaß.

»Das sind so Geschichten, Herr Hauptmann. Aber sie sind nicht für jedermann.«

»Schmitz,« lehnte der Frager ab, »ich denke nicht daran, in Ihre Geheimnisse zu dringen. Nur, meine ich, hätten wir früher oft genug aus einer Schüssel gegessen, ohne uns viel voreinander zu ekeln.«

Der Mann kämpfte einen Kampf mit sich. Wieder wechselte hastig die Gesichtsfarbe. Scheu blickte er hinter sich nach seinen Gefährten und ihren Weibern.

»Nichts für ungut, Herr Hauptmann, so war das nicht gemeint. Aber ich hab' – ich hab' Ursache, den Mund zu halten. Nicht vor dem Herrn Hauptmann. Der ist mir sicher. Aber vor allen anderen. Heut verschachert einer den andern für einen Judasgroschen. Wenn der Herr Hauptmann wirklich wissen möchten, wieso ich mit den Landstreichern hier herumziehe und ›Komiker‹ in meinem Paß stehen habe –. Vielleicht gehen der Herr Hauptmann voraus, bis zu dem Baumschlag dort vor dem Ort. Ich mache mich frei und werde nachkommen.«

In der Dämmerung stellte sich der Landfahrer ein. Seine Augen sicherten nach allen Seiten, bevor er sich niederließ. Dann rang er schwerfällig um den Anfang.

Friedrich Thorsberg kam ihm zu Hilfe.

»Der Schmitz von der zweiten Batterie hatte Ehre im Leibe. Das kann nicht anders geworden sein.«

»Ist es auch nicht, Herr Hauptmann. Gerade darum zieh' ich mit der Lausebande. Wegen meiner Ehre, Herr Hauptmann. Mit den Gauklern dahinten gelange ich in jedes Nest. Die haben einen Freibrief für das ganze besetzte Gebiet und saufen abends oft genug mit den Soldaten. Die Weiber in den Flitterröckchen legen die Leimruten. Da such' ich mir meine Beute aus.«

»Sie haben – eine Abrechnung mit den fremden Soldaten?«

Der Mann krampfte seine Hände zusammen.

»Nicht mehr mit allen. Es waren ihrer acht. Zwei haben schon bezahlen müssen. Aber das ist nichts für die jungen Herrschaften.«

»Schmitz,« sagte Friedrich Thorsberg ruhig, »es sind meine Kinder. Auch wir haben eine Abrechnung. Man soll den deutschen Kindern unserer Zeit keine Limonade verabreichen.«

»Also dann kurz, Herr Hauptmann. Ich muß wieder zu den anderen. Ich bin vom Rhein gebürtig und hatte eine Braut. Während des ganzen Krieges haben wir aufeinander gewartet. Nun sollte geheiratet werden. Wir hatten in ihrem benachbarten Heimatsort eine Wohnung mit einer Schusterwerkstatt gefunden und fuhren letztes Frühjahr gegen Abend auf der Landstraße unsere Habe in einem Handwagen hin, als acht bummelnde Soldaten des Weges kommen, das Mädchen sehen, uns die Straße versperren und unsere Pässe verlangen. Das war nur so ein Aushilfsmittel. Denn mir zerrissen sie das Papier und jagten mich nach Hause, eine andere Bescheinigung zu holen. Als ich nicht wegwollte, schlugen sie mir die Arme lahm, nahmen das Mädchen um und machten ihm gemeine Anträge. Sie schrie, Herr Hauptmann, sie schrie furchtbar. Da hielten sie ihr den Mund zu und warfen sie hinter die Böschung. Haltet euch die Ohren zu, junge Herrschaften. Nein. Doch nicht. Hört zu. Vergeßt kein Wort. Acht fremde Soldaten waren es, und es war keiner, der nicht wie ein Tier an dem Mädchen gehandelt hätte.«

Seine Augen wurden blutunterlaufen. Seine Stimme war heiser und brüchig geworden.

»Fort waren sie. Und mein Mädchen und ich zogen den Handkarren hinter uns her und konnten uns vor grenzenloser Scham und Verzweiflung nicht mehr in die Augen sehen. Tagelang, wochenlang haben wir's versucht. Immer wieder. Es ging nicht. Und die Täter wurden nicht gefunden. Aber wenn mein Mädchen und ich uns ansehen wollten, standen ihre Gesichter zwischen uns. Die mußten weg. Die mußten weg, oder ich wurde wahnsinnig, Herr Hauptmann. Da hab' ich mich auf der Landstraße zu den Kirmeßkünstlern gehalten, die einen Mann brauchten, der sich als dummer August ohrfeigen ließ. Die haben mir den Paß als ›Komiker‹ besorgt. Und so bin ich auf der Suche. Nur noch nach sechsen, Herr Hauptmann. Zwei haben schon meine Schusterahle im Leib.«

Er stand auf, sicherte nach allen Seiten und überblickte den Rückweg.

»Sie sollten nur wissen, Herr Hauptmann, daß der Schmitz von der zweiten Batterie seine Ehre noch im Leibe hat.«

Friedrich Thorsberg reichte ihm ruhig die Hand. Gert und Gertrude taten mit blassen Lippen wie der Vater.

»Ich nehme in München Wohnung, Schmitz. Für den Fall, daß Sie mich einmal besuchen möchten.«

Dann ging der Mann schwerfällig den Weg zurück, den er gekommen war. – –

»Vorwärts, Kinder, in einer Stunde müssen wir in Frankfurt sein. Wir haben uns zu lange in Afrika aufgehalten und müssen wieder ins Deutschland hinein. Was reden die Menschen vom dunklen Afrika.«

In ihre Gedanken versponnen, legten sie die letzte Strecke Wegs zurück, zogen sie still in die Stadt ein. Mit Mühe gelang es ihnen, in einem der überfüllten Gasthöfe zwei Zimmer zu erhalten. Gert schlief bei dem Vater.

In der Nacht aber hörte er den Vater murmeln.

»Der Schmitz – der Schmitz von meiner alten Batterie ist mir schon voran.«

Und er vernahm, wie der Vater sich in der Nacht erhob, das Licht entzündete und sich wieder ankleidete. Er sah ihn am Tische sitzen und schreiben. Friedrich Thorsberg aber schrieb:

»Mein Herr! Ihr Name wurde mir schon vor geraumer Zeit kund. Ich bitte zu entschuldigen, daß mein Brief Sie erst heute aufsucht. Eine sterbende Frau mußte mir wichtiger sein, als ein noch lebender Gegner. Sie sind einem Manne, den Sie im vorigen Frühjahr mit der Reitpeitsche schlugen, Genugtuung schuldig. Nicht weil Sie ihn schlugen. Weil Sie einer Frau das Leben kürzten, das tausendmal mehr Wert besaß als das Ihre. Ich verlange als Offizier und Ehrenmann diese Genugtuung mit der Waffe und schlage die Zusammenkunft auf holländischem oder schweizerischem Boden vor.

Dr. Friedrich Thorsberg, z. Z. München. Briefe hauptpostlagernd.«

Aus einem Notizbuch entnahm er die Wohnungsangabe. Er schrieb die Anschrift auf den Briefumschlag und steckte den Brief in die Umhüllung.

Dann löschte er das Licht und legte sich in den Kleidern auf sein Bett.

*

 


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