Jarosav Hasek
Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Jarosav Hasek

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4. Aus Hatwan an die galizische Grenze

Während der ganzen Dauer des Eisenbahntransportes des Bataillons, das in einem Fußmarsch von Laborče in Ostgalizien an die Front marschieren sollte, um dort Kriegsruhm einzuheimsen, wurden in dem Waggon, wo sich der Einjährigfreiwillige und Schwejk befanden, wiederum seltsame Gespräche mehr oder weniger hochverräterischen Inhalts in kleinerem Maßstabe geführt; im allgemeinen aber können wir sagen, daß dies auch in anderen Waggons der Fall war; ja sogar im Stabswaggon herrschte Unzufriedenheit, weil in Füzes-Abony vom Regiment her ein Armeebefehl eingetroffen war, in dem die Portion Wein für die Offiziere um ein Achtel Liter herabgesetzt wurde. Allerdings wurde dabei auch der Mannschaft nicht vergessen, der die Sago-Ration um ein Dekagramm pro Mann gekürzt wurde, was um so rätselhafter war, als niemand je im Kriege Sago gesehen hatte.

Nichtsdestoweniger mußte dies Rechnungsfeldwebel Bautanzel gemeldet werden, der sich dadurch fürchterlich beleidigt und bestohlen fühlte, was er mit den Worten ausdrückte, Sago sei heutzutage eine Seltenheit und er hätte fürs Kilo mindestens acht Kronen bekommen.

In Füzes-Abony kam man darauf, daß einer Kompanie die Feldküche abhanden gekommen war, denn in dieser Station sollte endlich das Gulasch mit Kartoffeln gekocht werden, auf das der »Latrinengeneral« so großes Gewicht gelegt hatte. Nachforschungen ergaben, daß die unglückselige Feldküche überhaupt nicht aus Bruck mitgekommen war und wahrscheinlich noch immer verlassen und ausgekühlt irgendwo hinter Baracke 186 stand.

Das Küchenpersonal, das zu dieser Feldküche gehörte, war nämlich vor der Abfahrt wegen übermütigen Benehmens in der Stadt auf der Hauptwache eingesperrt worden und hatte es so einzurichten verstanden, daß es noch immer im Arrest saß, als seine Marschkompanie bereits durch Ungarn fuhr.

Die Kompanie ohne Küche wurde also einer anderen Feldküche zugeteilt, was allerdings nicht ohne Streit vor sich ging, weil es zwischen der von beiden Kompanien zum Kartoffelschälen zugeteilten Mannschaft zu einer großen Auseinandersetzung kam, da die einen den anderen gegenüber behaupteten, sie seien nicht solche Rindviecher, um sich für einen anderen zu schinden. Zum Schluß zeigte es sich, daß das Kochen des Gulaschs mit Kartoffeln eigentlich nur ein Manöver war. Die Soldaten sollten sich daran gewöhnen, bis man im Feld vor dem Feinde Gulasch kochen und plötzlich der Befehl kommen werde »alles zurück«, das Gulasch auszuschütten, ohne auch nur daran zu lecken.

Das war also gewissermaßen eine nicht gerade konsequent tragische, jedoch lehrreiche Vorbereitung. Als das Gulasch schon verteilt werden sollte, kam der Befehl in die Waggons, und schon fuhr man nach Miskolc. Auch dort wurde das Gulasch nicht verteilt, denn auf der Strecke stand ein Zug mit russischen Waggons; die Mannschaft wurde deshalb nicht aus den Waggons herausgelassen, und man ließ ihrer Phantasie freien Spielraum. Die Leute glaubten, daß man das Gulasch an der Grenze Galiziens beim Verlassen des Zuges verteilen, für sauer und ungenießbar erklären und ausgießen werde.

Dann transportierte man das Gulasch weiter nach Tisa-Lac, Zambor, und als schon niemand mehr erwartete, daß man das Gulasch verteilen werde, hielt der Zug in Neustadt bei Satoraljaujhely, wo neuerdings unter dem Kessel Feuer gemacht, das Gulasch gewärmt und endlich verteilt wurde.

Die Station war überfüllt, zuerst sollten zwei Munitionszüge abgehen und dann zwei Artillerietransporte und ein Zug mit einer Pontonabteilung. Überhaupt kann man sagen, daß hier Militärzüge aller möglichen Truppenkörper der Armee zusammentrafen.

Hinter dem Bahnhof hatten Honvéd-Husaren zwei polnische Juden in der Parade, denen sie einen Rückenkorb mit Schnaps ausgeplündert hatten und die sie jetzt, statt zu bezahlen, gutgelaunt über den Mund schlugen; das war offenbar gestattet, denn in ihrer nächsten Nähe stand ihr Rittmeister und lächelte der ganzen Szene freundlich zu, während hinter dem Magazin einige andere Honvéd-Husaren den schwarzäugigen Töchterchen der geprügelten Juden unter die Röcke griffen.

Auch ein Zug mit einer Flugzeugabteilung stand hier. Auf einem anderen Geleise standen ebenfalls Aeroplane und Kanonen auf Waggons, allein in zerbrochenem Zustand. Es waren abgeschossene Flugmaschinen und hauptsächlich zerstörte Haubitzen. Während so alles Frische und Neue hinausfuhr, fuhren diese Überbleibsel des Ruhmes ins Hinterland zur Reparatur und Rekonstruktion.

Leutnant Dub erklärte allerdings den Soldaten, die sich rings um die zerbrochenen Kanonen und Aeroplane versammelt hatten, daß dies Kriegsbeute sei; dabei bemerkte er, daß ein Stückchen weiter Schwejk in einer Gruppe stand und ebenfalls etwas erläuterte. Dub näherte sich daher diesem Orte und vernahm die ehrliche Stimme Schwejks: »Man kanns nehmen wie man will, es is doch nur Kriegsbeute. Man wird zwar aufn ersten Blick stutzig, wenn man hier auf der Lafette k. u. k. Artilleriedivision liest. Aber es wird wahrscheinlich so sein, daß die Kanone den Russen in die Hände gefalln is, und wir uns sie ham zurückerobern müssen, und so eine Beute is viel wertvoller, weil . . .«

»Weil«, sagte er feierlich, als er Leutnant Dub bemerkte, »weil man den Feinden nichts in den Händen lassen darf. Das habt ihr wie in Przemysl oder mit dem Soldaten, dem der Feind beim Gefecht die Feldflasche aus der Hand gerissen hat. Das war noch in den napoleonischen Kriegen, und der Soldat is in der Nacht ins feindliche Lager gegangen und hat sich wieder die Feldflasche zurückgeholt und hat noch dabei verdient, weil der Feind auf die Nacht Schnaps gefaßt hat.« Leutnant Dub sagte nur: »Schaun Sie, daß Sie verschwinden, Schwejk. Daß ich Sie hier ein zweites Mal nicht mehr sehe!«

»Zu Befehl, Herr Lajtnant.« Schwejk schritt auf eine andere Waggonreihe zu; wenn Leutnant Dub gehört hätte, was er noch hinzufügte, wäre er sicher aus der Uniform gefahren, obwohl es ein ganz unschuldiges Bibelwort war: »Über ein kurzes, und ihr werdet mich sehen, und über ein kurzes, und ihr werdet mich nicht mehr sehen.«

Nachdem Schwejk gegangen war, war Leutnant Dub so dumm, die Soldaten auf einen herabgeschossenen österreichischen Aeroplan aufmerksam zu machen, auf dessen Kupferreifen deutlich »Wiener Neustadt« zu lesen stand.

»Den haben wir den Russen bei Lemberg heruntergeschossen«, sagte Leutnant Dub. Diese Worte hörte Oberleutnant Lukasch; er kam näher und fügte laut hinzu: »Wobei beide russische Flieger verbrannt sind.«

Dann ging er wortlos weiter, wobei er dachte, daß Leutnant Dub ein Rindvieh ist.

Hinter dem zweiten Waggon begegnete er Schwejk und trachtete, ihm auszuweichen, denn an Schwejks Gesicht konnte man merken, daß der Mann viel auf dem Herzen hatte und es seinem Oberleutnant gern sagen wollte.

Schwejk schritt geradewegs auf Oberleutnant Lukasch zu: »Melde gehorsamst, Kompanieordonnanz Schwejk bittet um weitere Befehle. Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, daß ich Sie schon im Stabswaggon gesucht hab.«

»Hören Sie, Schwejk«, sagte Oberleutnant Lukasch in durchaus abweisendem und feindlichem Ton, »wissen Sie, wie Sie heißen? Haben Sie schon vergessen, wie ich Sie genannt habe?«

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, daß ich an so eine Sache nicht vergessen hab, weil ich nicht ein gewisser Einjährigfreiwilliger Eisner bin. Nämlich da waren wir damals, noch lang vorm Krieg, in der Karolinentaler Kaserne, und dort gabs einen gewissen Oberst Fiedler von Bumerang oder so was.«

Oberleutnant Lukasch lachte unwillkürlich über dieses »so was« auf, und Schwejk fuhr fort: »Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, daß unser Herr Oberst die Hälfte von Ihrer Größe hatte, er hat Vollbart getragen wie der Fürst Lobkowitz, so daß er ausgesehn hat wie ein Affe, und wenn er sich aufgeregt hat, is er zweimal so hoch gesprungen wie er hoch war, so daß wir ihn Kautschukgreis genannt ham. Damals war grad erster Mai und wir ham Bereitschaft gehabt, und er hat am Abend vorher am Hof an uns eine große Ansprache gehalten, daß wir darum morgen alle in der Kaserne bleiben und uns nicht herausrühren dürfen, damit wir auf höchsten Befehl, wenns nötig war, die ganze Sozialistenbande niederschießen können. Deshalb, welcher Soldat heut Überzeit hat und nicht in die Kaserne zurückkommt und bis zum nächsten Tag bummelt, der hat herich Landesverrat verübt, weil so ein besoffener Kerl nicht mal jemanden trifft, wenns zu Salven kommt, und in die Luft schießen wird. Also der Einjährigfreiwillige Eisner is aufs Zimmer zurückgekommen und sagt, daß der Kautschukgreis doch nur einen guten Einfall gehabt hat. Es is ja im ganzen großen wahr, morgen wird man niemanden in die Kaserne lassen, so is es herich am besten, überhaupt nicht zu kommen, und das hat er auch, melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, wirklich gemacht, wie ein Ehrenmann. Aber dieser Oberst Fiedler, das war Ihnen, Gott hab ihn selig, so ein niederträchtiges Luder, daß er am nächsten Tag in Prag herumgegangen is und die Leute gesucht hat, was sich unterstanden ham, von unserm Regiment aus der Kaserne auszugehn, und irgendwo beim Pulverturm hat er auch glücklich den Eisner getroffen und is gleich auf ihn losgezogen: ›Ich wer dir geben, ich wer dich lehren, ich wer dir schon deinen Dienst versüßen!‹ Er hat ihm noch mehr gesagt und ihn zusammgepackt und in die Kaserne mitgeschleppt, und am ganzen Weg hat er ihm verschiedene häßliche Drohungen gesagt und ihn immerfort gefragt, wie er heißt. ›Eisner, Eisner, das wirst du abscheißen, ich bin froh, daß ich dich erwischt hab, ich wer dir den ersten Mai zeigen. Eisner, Eisner, jetzt bist du mein, ich laß dich einsperren, fein einsperren!‹ Dem Eisner war schon alles egal. Wie sie also übern Porschitsch gegangen sind, am RozvařilPrager Gasthaus. vorbei, is der Eisner in einen Hausflur gesprungen und is ihm durchs Durchhaus verschwunden und hat dem Kautschukgreis die große Freude verdorben, daß er ihn ins Arrest sperren wird. Den Oberst hats so aufgeregt, daß er ihm weggelaufen is, daß er vor Wut vergessen hat, wie sein Delinquent heißt, er hat sichs verwechselt, und wie er in die Kaserne gekommen is, hat er angefangen, zum Plafond zu springen, der Plafond war niedrig, und der, was Bataillonsinspektion gehabt hat, hat sich gewundert, warum der Alte auf einmal gebrochen tschechisch spricht und schreit: ›Den Kupfermann einsperren, den Kupfermann net einsperren, den Bleier einsperren, den Nickelmann einsperren!‹ Und so hat der Alte Tag für Tag sekkiert und hat fort gefragt, ob sie schon den Kupfermann, den Bleier und den Nickelmann erwischt ham und hat auch das ganze Regiment ausrücken lassen, aber sie ham schon den Eisner, von dem sies alle gewußt ham, aufs Marodenzimmer gegeben, weil er Zahntechniker war. Bis es dann einmal einem von unserm Regiment gelungen is, einen Dragoner im Gasthaus bei Bruck zu erstechen, was seinem Mädl nachgelaufen is, und da hat man uns ins Karree gestellt, alle ham heraus müssen, auch das Marodenzimmer, wer sehr marod war, den ham zwei gehalten. So hat auch das nichts genützt, der Eisner hat aufn Hof ausrücken müssen, und dort hat man uns den Regimentsbefehl vorgelesen, ungefähr so, daß Dragoner auch Soldaten sind und daß es verboten is, sie zu erstechen, weils unsere Kriegskameraden sind. Ein Einjähriger hat übersetzt, und unser Oberst hat dreingeschaut wie ein Tiger. Zuerst is er an der Front vorbeigegangen, dann is er wieder nach hinten gegangen, is ums Karree herumgegangen, und auf einmal hat er den Eisner entdeckt, was wie ein Berg war, so daß es schrecklich komisch war, Herr Oberlajtnant, wie er ihn ins Karree hineingezogen hat. Der Einjährige hat aufgehört zu übersetzen und unser Oberst hat angefangen, vorm Eisner in die Höh zu springen, wie wenn ein Hund auf ein Pferd losgeht, und dabei hat er gebrüllt: »Also du bist mir nicht entgangen, du bist mir nirgendshin weggelaufen, jetzt wirst du wieder sagen, daß du der Eisner bist, und ich hab fort gesagt Kupfermann, Bleier, Nickelmann, es is der Eisner, es is der Bankert Eisner, ich wer dich lehren Bleier, Nickelmann, Kupfermann, du Mistvieh, du Schwein, du Eisner!‹ Dann hat er ihm dafür einen Monat aufgebrummt, aber dann ham ihm in vierzehn Tage so die Zähne zu schmerzen angefangen, und er hat sich erinnert, daß der Eisner Zahntechniker is, so hat er ihn ausn Arrest ins Marodenzimmer führen lassen und hat sich von ihm einen Zahn ziehn lassen wolln, und der Eisner hat ihn ihm vielleicht eine halbe Stunde gezogen, so daß man den Alten vielleicht dreimal hat abwaschen müssen, aber der Alte ist irgendwie zahm geworn und hat dem Eisner die andern vierzehn Tage verziehn. Das is halt so, Herr Oberlajtnant, wenn der Vorgesetzte den Namen seines Untergebenen vergißt, aber der Untergebene darf nie an den Namen seines Vorgesetzten vergessen, wie uns auch der Herr Oberst gesagt hat, daß wir nicht mal nach Jahren vergessen wern, daß wir einmal den Oberst Fiedler gehabt ham. – War das nicht vielleicht zu lang, Herr Oberlajtnant?«

»Wissen Sie, Schwejk«, antwortete Oberleutnant Lukasch, »je mehr ich Ihnen zuhöre, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, daß Sie Ihre Vorgesetzten überhaupt nicht schätzen. Ein Soldat soll von seinen Vorgesetzten noch nach Jahren nur Gutes sprechen.«

Oberleutnant Lukasch begann sich offensichtlich zu amüsieren.

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant«, fiel ihm Schwejk in entschuldigendem Ton ins Wort, »der Herr Oberst Fiedler is ja schon längst tot, aber wenn Sie wünschen, Herr Oberlajtnant, wer ich nur lauter Gutes von ihm sprechen. Er war Ihnen, Herr Oberlajtnant, ein fertiger Engel auf die Soldaten. Er war Ihnen so brav wie der heilige Martin, was Martinsgänse an die Armen und Hungrigen verteilt hat. Er hat sein Mittagmahl aus der Offiziersmenage mit dem nächsten Soldaten geteilt, was er am Hof getroffen hat, und wie wir uns alle an Knödeln überfressen ham, so hat er uns in der Menage Grenadiermarsch mit Schweinefleisch machen lassen, und bei den Manövern, da hat er sich erst recht ausgezeichnet mit seiner Güte. Wie wir nach Unterkralowitz gekommen sind, so hat er Befehl gegeben, das ganze Unterkralowitzer Bräuhaus auf seine Kosten auszutrinken, und wenn er Namenstag oder Geburtstag gehabt hat, so hat er fürs ganze Regiment Hasen auf Schmetten mit Semmelknödln kochen lassen. Er war so brav auf die Mannschaft, daß er Ihnen einmal, Herr Oberlajtnant . . .«

Oberleutnant Lukasch schlug Schwejk sanft übers Ohr und sagte in freundschaftlichem Ton: »Also geh schon, Bestie, laß das schon.«

»Zu Befehl, Herr Oberlajtnant!« Schwejk ging zu seinem Waggon, während sich vor dem Bataillonstrain, dort wo in einem Waggon die Telefongeräte und Drähte eingesperrt waren, folgende Szene abspielte. Es stand dort ein Posten, denn auf Befehl Hauptmann Sagners mußte alles feldmäßig gehen. Die Posten wurden also nach beiden Seiten hin aufgestellt und erhielten »Feldruf« und »Losung« aus der Bataillonskanzlei.

An jenem Tage lautete der Feldruf »Kappe« und die Losung »Hatwan«. Der Posten, der bei den Telefonapparaten stand, war ein Pole aus Kolomea, der durch irgendeinen merkwürdigen Zufall zum 91. Regiment gekommen war.

Er hatte keinen Dunst, was eine »Kappe« ist, aber weil er irgendeine Ahnung von Mnemotechnik hatte, merkte er sich dennoch, daß das Wort mit »K« begann; deshalb antwortete er stolz, als Leutnant Dub, der Bataillonsinspektion hatte, ihn beim Herankommen nach dem Feldruf des Tages fragte: »Kaffee.« Das war freilich sehr natürlich, denn der Pole aus Kolomea dachte noch immer an den Morgen- und Abendkaffee im Lager von Bruck.

Und als der Pole nochmals »Kaffee« brüllte und Leutnant Dub immer näher an ihn herankam, rief der Pole, eingedenk seines Eides und dessen, daß er Wache stand, drohend aus: »Halt!« Als Leutnant Dub dann noch zwei Schritt näher kam und unablässig den Feldruf von ihm wissen wollte, zielte er mit dem Gewehr auf ihn, wobei er sich, der deutschen Sprache nicht vollkommen mächtig, eines sonderbaren Durcheinanders von Polnisch und Deutsch bediente. Er schrie: »Benže schaisn, benže schaisn.«

Leutnant Dub begriff und wich langsam zurück, wobei er rief: »Wachkommandant, Wachkommandant!«

Zugführer Jelinek erschien, führte den Polen auf die Wache und fragte ihn selbst nach dem Feldruf; dann fragte ihn Leutnant Dub, auf dessen Fragen der verzweifelte Pole aus Kolomea mit dem Geschrei »Kaffee, Kaffee« antwortete, daß der ganze Bahnhof erdröhnte. Aus allen Waggons, die dort standen, begannen Soldaten mit ihren Eßschalen herauszuspringen; es entstand eine fürchterliche Panik, die damit endete, daß man den entwaffneten, ehrenwerten Soldaten in den Arrestantenwaggon abführte.

Aber Leutnant Dub hegte einen bestimmten Verdacht gegen Schwejk, den er als ersten mit der Eßschale aus dem Waggon klettern gesehen hatte: er hätte den Hals darauf gesetzt, daß er Schwejk rufen gehört hatte: »Mit den Eßschalen heraus, mit den Eßschalen heraus.«

Nach Mitternacht fuhr der Zug nach Ladovec und Trebisov ab, wo er am Morgen auf der Station von einem Veteranenverein willkommen geheißen wurde. Der Verein verwechselte dieses Marschbataillon nämlich mit dem Marschbataillon des 14. ungarischen Honvédregiments, das schon in der Nacht die Station passiert hatte. Sicher war, daß die Veteranen besoffen waren und mit ihrem Gebrüll: »Isten almeg a kiraly« den ganzen Transport weckten. Einige Selbstbewußtere neigten sich aus dem Waggon und antworteten ihnen: »Leckts uns im Arsch, éljen!«

Worauf die Veteranen so laut »Éljen! Éljen a tizennegyedig regiment!« (vierzehntes Regiment) brüllten, daß die Fenster des Bahnhofsgebäudes erzitterten.

Fünf Minuten später ging der Zug weiter nach Humena. Hier waren bereits deutlich Spuren des Kampfes bemerkbar, der stattgefunden hatte, als die Russen ins Tal der Theiß vorgerückt waren. Auf den Hängen sah man primitive Schützengräben, hie und da ein abgebranntes Gehöft, vor dem ein eilig errichtetes Haus bekundete, daß die Besitzer wieder zurückgekehrt waren.

Dann, als man gegen Mittag in der Station eintraf, wurden Vorbereitungen zum Mittagessen getroffen, und die Mannschaft des Transports konnte inzwischen in das öffentliche Geheimnis Einblick nehmen, wie die Behörden nach Abzug der Russen mit der Ortsbevölkerung verfahren, die der Sprache und Religion nach mit den russischen Soldaten verwandt war.

Auf dem Perron, von ungarischen Gendarmen umgeben, stand eine Gruppe verhafteter ungarischer Russen. Es waren einige Popen, Lehrer und Bauern aus der ganzen Umgebung. Alle hatten die Hände mit Stricken auf dem Rücken gefesselt und waren paarweise zusammengebunden. Größtenteils hatten sie zerschlagene Nasen und Beulen auf dem Kopf, denn sie waren gleich nach der Verhaftung von den Gendarmen verprügelt worden.

Ein Stückchen weiter trieb ein magyarischer Gendarm mit einem Popen ein liebliches Spiel. Er band ihm einen Strick, den er in der Hand hielt, um den linken Fuß und zwang ihn mit dem Kolben, Csárdás zu tanzen, wobei er an dem Strick zerrte, so daß der Pope auf die Nase fiel und, da er die Hände nach rückwärts gebunden hatte, nicht aufstehen konnte; er machte verzweifelte Versuche, sich auf den Rücken umzudrehen, um sich so vom Boden erheben zu können. Der Gendarm lachte darüber, so aufrichtig, daß ihm Tränen aus den Augen flossen, und als der Pope sich erhob, riß er am Strick und der Pope lag wieder auf der Nase.

Endlich machte der Gendarmerieoffizier der Szene ein Ende; er ließ die Verhafteten vor Eintreffen des Zuges in den leeren Schuppen hinter dem Bahnhof führen und sie dort prügeln und schlagen, damit es niemand sehe.

Von dieser Episode redete man im Stabswaggon, und alles in allem kann gesagt werden, daß die Mehrzahl sie verurteilte.

Fähnrich Kraus meinte, wenn es schon Hochverräter gäbe, so solle man sie auf der Stelle und ohne jede Quälerei hängen; hingegen stimmte Leutnant Dub mit dem ganzen Auftritt vollständig überein; er führte den Vorfall sofort auf das Attentat in Sarajewo zurück und erklärte ihn in der Weise, als ob die magyarischen Gendarmen in der Station Humena den Tod des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gemahlin rächen wollten. Um seinen Worten Gewicht zu verleihen, sagte er, daß in einer Zeitschrift (Schimatscheks Vierblatt), deren Abonnent er war, schon vor dem Kriege in der Julinummer von dem Attentat geschrieben worden sei, daß dieses beispiellose Verbrechen in den Herzen der Menschen lange Zeit hindurch eine unheilbare Wunde hinterlassen werde, die um so schmerzlicher sei, weil durch das Verbrechen nicht nur das Leben des Repräsentanten der Exekutivgewalt des Staates, sondern auch das Leben seiner geliebten Lebensgefährtin vernichtet worden sei, und daß die Vernichtung dieser zweier Leben ein glückliches, mustergültiges Familienleben zerstört und die von allen geliebten Kinder zu Waisen gemacht habe.

Oberleutnant Lukasch brummte nur vor sich hin, daß die Gendarmen hier in Humena wahrscheinlich Abonnenten von Schimatscheks Vierblatt mit seinem ergreifenden Artikel seien. Ihm war überhaupt auf einmal alles zuwider, und er fühlte nur das Bedürfnis, sich zu betrinken, um seinen Weltschmerz zu vertreiben. Er verließ also den Waggon und suchte Schwejk.

»Hören Sie, Schwejk«, sagte er ihm, »wissen Sie nicht von einer Flasche Kognak? Mir ist nicht ganz gut.«

»Das macht alles die Luftveränderung, melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant. Kann sein, daß Ihnen, bis wir am Kriegsschauplatz sein wern, noch schlechter sein wird. Je mehr man sich von seiner ursprünglichen militärischen Basis entfernt, desto übler is einem. Ein gewisser Josef Kalenda, Gärtner in Straschnitz, hat sich auch mal von zu Haus entfernt, er is aus Straschnitz in die WeinbergeUnmittelbar benachbarte Stadtteile Prags. gegangen und hat sich im Gasthaus ›Zur Haltestelle‹ aufgehalten, aber da war ihm noch nichts, aber wie er in die Weinberge in die Kronengasse zum Wasserturm gekommen is, is er in der Kronengasse hinter der heiligen Ludmillakirche von einem Wirtshaus ins andere gegangen, und da war er schon wie erschlagen. Er hat sich aber nicht davon abschrecken lassen, weil er am Abend vorher in Straschnitz im Wirtshaus ›Zur Remise‹ mit einem Kondukteur von der Elektrischen gewettet hat, daß er zu Fuß in drei Wochen eine Reise um die Welt machen wird. Er hat also angefangen, sich noch weiter und weiter von seiner Heimat zu entfernen, bis er ins ›Schwarze Bräuhaus‹ am Karlsplatz gekommen is, und von dort is er auf die Kleinseite zum heiligen Thomas ins Bräuhaus gegangen und von dort über die Restauration ›Zum Montag‹ und noch weiter übers Wirtshaus ›Zum König von Brabant‹ in die ›Schöne Aussicht‹ und von dort ins Strahower Kloster ins Bräuhaus. Aber dort is ihm die Luftveränderung schon nicht mehr bekommen. Er is bis aufn Lorettoplatz gekommen, und dort hat er auf einmal so eine Sehnsucht nach der Heimat bekommen, daß er sich auf die Erde hingehaut hat und angefangen hat, sich am Trottoir zu wälzen und geschrien hat: ›Leutl, ich geh nimmer weiter. Ich pfeif euch‹ – mit Vergeben, Herr Oberlajtnant – ›auf die Reise um die Welt.‹ Wenn Sie aber wünschen, Herr Oberlajtnant, wer ich Ihnen den Kognak auftreiben, ich furcht nur, daß mir der Zug früher wegfährt.«

Oberleutnant Lukasch versicherte ihm, daß man nicht früher abfahren werde als in zwei Stunden, gleich hinter dem Bahnhof verkaufe man im geheimen ganze Flaschen Kognak, Hauptmann Sagner habe bereits Matuschitz hingeschickt, und der habe ihm für 15 Kronen eine Flasche ganz guten Kognak gebracht. Hier habe er 15 Kronen, und jetzt soll er schon gehen und nur niemandem sagen, daß der Kognak für Oberleutnant Lukasch bestimmt sei oder daß der Oberleutnant ihn schicke, denn es sei eigentlich verboten.

»Seien Sie versichert, Herr Oberlajtnant«, sagte Schwejk, »daß alles in Ordnung gehn wird, weil ich hab sehr gern verbotene Sachen, ich hab mich immer in was Verbotenem befunden, ohne daß ich was davon gewußt hab. Einmal in der Karolinentaler Kaserne hat man uns verboten . . .«

»Kehrt euch – marschieren – marsch!« unterbrach ihn Oberleutnant Lukasch.

Schwejk ging also hinter den Bahnhof, wobei er sich unterwegs sämtliche Bedingungen seiner Expedition wiederholte: daß es ein guter Kognak sein sollte, weshalb er ihn zuerst kosten müsse, daß es verboten sei, weshalb er vorsichtig sein müsse.

Gerade als er hinter dem Perron einbog, stieß er wieder mit Leutnant Dub zusammen: »Was treibst du dich hier herum?« fragte er Schwejk. »Kennst du mich?«

»Melde gehorsamst«, antwortete Schwejk salutierend, »daß ich Sie nicht von Ihrer schlechten Seite kennenzulernen wünsche.«

Leutnant Dub erstarrte vor Schrecken, aber Schwejk stand ruhig vor ihm, die Hand fortwährend am Mützenschild, und fuhr fort:

»Melde gehorsamst, Herr Lajtnant, daß ich Sie nur von der guten Seite kennenlernen will, damit Sie mich nicht zum Weinen bringen, wie Sie mir letztes Mal gesagt haben.«

Leutnant Dubs Kopf drehte sich ob dieser Frechheit, und er raffte sich nur zu dem entrüsteten Ausruf auf: »Schieb ab, du Schuft, wir sprechen noch miteinander.«

Schwejk ging hinter den Perron, und Leutnant Dub, der sich gefaßt hatte, folgte ihm. Hinterm Bahnhof, gleich an der Straße, stand eine Reihe mit dem Boden nach oben gekehrter Rückenkörbe, auf denen sich Strohschüsseln befanden; auf diesen Strohschüsseln wieder befanden sich verschiedene Näschereien, die so unschuldig aussahen, als wären diese guten Dinge für die Schuljugend irgendwo auf einem Ausflug bestimmt. Da gab es Zuckerstangen, Bonbons, Röllchen aus Oblaten, einen Haufen saurer Bonbons, hie und da auch auf einer Strohschüssel ein paar Scheiben schwarzen Brots mit Wurst, die ganz bestimmt von Pferden stammte. Im Innern aber enthielten die Rückenkörbe verschiedene Sorten von Alkohol: Flaschen mit Kognak, Rum, Wacholderbranntwein und andere Liköre und Schnäpse.

Gleich hinter dem Straßengraben stand eine Bude, in der eigentlich alle diese Geschäfte mit verbotenen Getränken abgewickelt wurden.

Zuerst verhandelten die Soldaten bei den Rückenkörben, dann zog ein Jude mit Schläfenlöckchen unter dem Rückenkorb eine unschuldig aussehende Flasche hervor und brachte sie unter dem Kaftan in die hölzerne Bude, wo sie der Soldat irgendwie unauffällig in den Hosen oder unter der Bluse versteckte.

Hierher steuerte also Schwejk, während Leutnant Dub mit seinem Detektivtalent ihn vom Bahnhof aus beobachtete.

Schwejk suchte Bonbons aus, die er bezahlte und in die Tasche steckte, wobei der Herr mit den Schläfenlöckchen ihm zuflüsterte: »Schnaps hab ich auch, gnädiger Herr Soldat.«

Die Unterhandlung war rasch abgeschlossen. Schwejk ging in die Bude und zahlte erst, als der Herr mit den Schläfenlöckchen die Flasche geöffnet und Schwejk den Schnaps gekostet hatte. Er war mit dem Kognak zufrieden, und nachdem er die Flasche unter die Bluse gesteckt hatte, kehrte er auf den Bahnhof zurück.

»Wo warst du denn, du Schuft«, vertrat ihm Leutnant Dub den Weg zum Perron.

»Melde gehorsamst, Herr Lajtnant, daß ich mir Bonbons kaufen gegangen bin.« Schwejk griff in die Tasche und zog eine Handvoll schmutziger, verstaubter Bonbons heraus. »Wenn sich Herr Lajtnant nicht ekeln möcht. – Ich hab sie schon gekostet, sie sind nicht schlecht. Sie ham so einen angenehmen, merkwürdigen Geschmack wie von Powidel, Herr Lajtnant.«

Unter der Bluse zeichneten sich rundlich die Umrisse der Flasche ab.

Leutnant Dub klopfte Schwejk auf die Bluse: »Was trägst du hier, du Schuft. Zieh das heraus!«

Schwejk zog die Flasche mit dem gelblichen Inhalt und der vollkommen deutlichen Etikette »Kognak« heraus.

»Melde gehorsamst, Herr Lajtnant«, antwortete Schwejk unerschrocken, »daß ich mir in eine leere Kognakflasche ein bißl Wasser zum Trinken pumpen war. Ich hab noch von dem Gulasch, was wir gestern gehabt ham, einen schrecklichen Durst. Nur daß das Wasser dort bei der Pumpe, wie Sie sehn, Herr Lajtnant, bißl gelb is, es wird wahrscheinlich eisenhaltiges Wasser sein. So ein Wasser is sehr gesund und zuträglich.«

»Wenn du so einen Durst hast, Schwejk«, sagte Leutnant Dub mit einem teuflischen Lächeln und in der Absicht, die Szene, in der Schwejk vollkommen unterliegen mußte, so lang wie möglich auszudehnen, »so trink, aber tüchtig. Trink das Ganze auf einmal aus!«

Leutnant Dub kombinierte schon im voraus, wie Schwejk ein paar Schluck machen und nicht mehr weiterkönnen werde, und wie er, Leutnant Dub, ihn glorreich besiegen und sagen werde: »Reich mir auch die Flasche, damit ich ein bißchen trink, ich hab auch Durst.« Wie sich dieser Lump, der Schwejk, in diesem für ihn so fürchterlichen Augenblick benehmen und einen Rapport folgen werde usw. usw.

Schwejk entkorkte die Flasche, führte sie an den Mund und Schluck auf Schluck verschwand in seiner Kehle. Leutnant Dub versteinerte. Schwejk trank vor seinen Augen die ganze Flasche leer, ohne mit der Wimper zu zucken, warf die leere Flasche über die Straße in den Teich, spuckte aus und sagte, als hätte er ein Gläschen Mineralwasser ausgetrunken: »Melde gehorsamst, Herr Lajtnant, daß das Wasser wirklich einen Eisengeschmack gehabt hat. In Kamyk an der Moldau hat ein Wirt für seine Sommergäste eisenhaltiges Wasser auf die Weise gemacht, daß er in den Brunnen alte Hufeisen geworfen hat.«

»Ich werde dir geben, alte Hufeisen! Komm und zeig mir den Brunnen, aus dem du das Wasser geholt hast!«

»Es is nur ein Stückel von hier, Herr Lajtnant, gleich hier hinter der Holzbude.«

»Geh voran, du Fallott, damit ich seh, ob du Schritt hältst!«

»Das ist wirklich merkwürdig«, dachte Leutnant Dub, »dem elenden Kerl merkt man gar nichts an.«

Schwejk ging also, ergeben in den Willen Gottes, voran; aber etwas sagte ihm ununterbrochen, daß ein Brunnen da sein müsse, und es überraschte ihn auch nicht im mindesten, daß einer da war. Es war sogar eine Pumpe da, und als sie bei ihr anlangten und Schwejk pumpte, floß ein gelblich gefärbtes Wasser hervor, so daß Schwejk feierlich erklären konnte: »Hier is das eisenhaltige Wasser, Herr Lajtnant.«

Der erschrockene Mann mit den Schläfenlöckchen näherte sich ihnen, und Schwejk sagte ihm auf deutsch, er möge ein Gläschen bringen, der Herr Lajtnant wolle trinken.

Leutnant Dub war von dem ganzen so blöd, daß er ein ganzes Glas Wasser austrank, worauf sich in seinem Mund der Geschmack von Pferdeurin und Mistjauche verbreitete; total verblödet von seinem Erlebnis gab er dem Juden mit dem Schläfenlöckchen für das Glas Wasser ein Fünfkronenstück und sagte, indem er sich zu Schwejk umdrehte: »Was gaffst du hier herum, scher dich nach Haus.«

Fünf Minuten später tauchte Schwejk im Stabswaggon bei Oberleutnant Lukasch auf, lockte ihn mit einer geheimnisvollen Grimasse aus dem Waggon und teilte ihm draußen mit: »Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, daß ich in fünf, höchstens in zehn Minuten ganz besoffen sein wer, aber ich wer in meinem Waggon liegen und möcht Sie bitten, daß Sie mich wenigstens auf drei Stunden nicht rufen, Herr Oberlajtnant, und mir keine Befehle geben, solang ich mich draus nicht ausschlaf. Alles is in Ordnung, aber Herr Lajtnant Dub hat mich abgefangen, ich hab ihm gesagt, daß das Wasser is, so hab ich müssen vor ihm die ganze Flasche Kognak austrinken, damit ich ihm beweis, daß es Wasser is. Alles is in Ordnung, nichts hab ich verraten, wie Sies gewünscht ham, und vorsichtig war ich auch, aber jetzt meld ich schon gehorsamst, Herr Oberlajtnant, daß ichs schon spür, mir schlafen schon die Füße ein. Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, daß ich allerdings gewöhnt bin zu saufen, weil mitn Herrn Feldkurat Katz . . .«

»Geh, Bestie!« rief der Oberleutnant, doch ohne jeden Groll. Dafür aber war ihm Leutnant Dub um fünfzig Prozent unsympathischer geworden als bisher.

Schwejk kletterte vorsichtig in seinen Waggon, und als er sich auf seinen Mantel und Rucksack legte, sagte er zum Rechnungsfeldwebel und den anderen: »Einmal hat sich euch ein Mensch besoffen und hat gebeten, daß man ihn nicht wecken soll . . .«

Nach diesen Worten wälzte er sich auf die Seite und fing an zu schnarchen.

Die Gase, die er beim Rülpsen von sich gab, erfüllten bald den ganzen Raum, so daß Koch-Okkultist Jurajda, der die Atmosphäre mit den Nüstern einzog, erklärte: »Sakra, hier riecht Kognak.«

Vor dem zusammenlegbaren Tischchen saß der Einjährigfreiwillige Marek, der es schließlich nach all den Leiden zum Bataillonsgeschichtsschreiber gebracht hatte.

Jetzt stellte er Vorrat an Heldentaten des Bataillons zusammen, und man konnte sehen, daß ihm dieser Blick in die Zukunft große Freude machte.

Rechnungsfeldwebel Waněk beobachtete mit Interesse, wie der Einjährigfreiwillige fleißig schrieb und dabei übers ganze Gesicht lachte. Deshalb stand Waněk auf und neigte sich über den Einjährigfreiwilligen, der ihm das Ganze zu erklären begann:

»Sie, es ist eine schreckliche Hetz, die Geschichte des Bataillons auf Vorrat zu schreiben. Hauptsache ist, daß man systematisch vorgeht. In allem muß System herrschen.«

»Ein systematisches System?« bemerkte Rechnungsfeldwebel Waněk mit einem mehr oder minder verächtlichen Lächeln.

»Ja«, sagte der Einjährigfreiwillige nachlässig, »ein systematisiertes, systematisches System bei der Aufzeichnung der Bataillonsgeschichte: Gleich zu Beginn können wir nicht mit einem großen Sieg herausrücken. Das muß alles langsam gehn, nach einem bestimmten Plan. Unser Bataillon kann den Weltkrieg nicht auf einmal gewinnen. Nihil nisi bene. Die Hauptsache für einen gründlichen Historiker, wie ich es bin, ist, zuerst einen Plan für unsere Sieger zusammenzustellen. Zum Beispiel schildere ich hier, wie unser Bataillon – das wird beiläufig in zwei Monaten geschehen – fast die russische Grenze überschreitet, die sehr stark, sagen wir mit Donkosaken, besetzt ist, während einige feindliche Divisionen in den Rücken unserer Stellungen gelangen. Auf den ersten Blick scheint es, daß unser Bataillon verloren ist und daß wir zu Nudeln zerhackt werden müssen; da gibt Hauptmann Sagner folgenden Bataillonsbefehl aus: ›Gott will nicht, daß wir hier zugrunde gehn, fliehen wir!‹ Unser Bataillon ergreift also die Flucht, aber die feindliche Division, die bereits in unserem Rücken ist, sieht, daß wir ihr eigentlich nachlaufen, beginnt zu fliehen und fällt ohne Schuß unserer Armeereserve in die Hände. Damit fängt also eigentlich die Geschichte unseres Bataillons an. Aus einer unbedeutenden Begebenheit, um prophetisch zu sprechen, Herr Waněk, entwickeln sich weittragende Dinge. Unser Bataillon schreitet von Sieg zu Sieg. Interessant wird es sein, wie unser Bataillon den schlafenden Feind überfalln wird, wozu man freilich den Stil des ›Illustrierten Kriegsberichterstatters‹ braucht, der während des Russisch-Japanischen Krieges bei VilimekPrager tschechischer Verlag. erschienen ist. Unser Bataillon überfällt das Lager des schlafenden Feindes. Jeder von unsern Soldaten sucht sich einen Feind aus und stößt ihm mit aller Kraft das Bajonett in die Brust. Das ausgezeichnet geschliffene Bajonett fährt in den Mann hinein wie in Butter, und nur hier und da kracht eine Rippe; die schlafenden Feinde zucken mit dem ganzen Körper, wälzen für einen Augenblick die nichts sehenden Augen heraus, röcheln und strecken alle viere von sich. Auf den Lippen der schlafenden Feinde zeigt sich blutiger Speichel, damit ist die Sache erledigt, und der Sieg ist auf Seiten unseres Bataillons. Oder noch besser wirds etwa so ungefähr in drei Monaten sein, da wird unser Bataillon den russischen Zaren gefangennehmen. Davon sprechen wir aber erst später, Herr Waněk, inzwischen muß ich mir kleine Episoden auf Vorrat zurechtlegen. Ich werde mir ganz neue Kriegsausdrücke ausdenken müssen. Einen hab ich mir schon ausgedacht, ich werde von der opferfreudigen Entschlossenheit unserer mit Granatsplittern gespickten Mannschaft schreiben. Infolge der Explosion einer feindlichen Mine kommt einer von unseren Zugführern, sagen wir von der zwölften oder dreizehnten Kompanie, um den Kopf.«

»Apropos«, sagte der Einjährigfreiwillige und schlug sich an den Kopf, »fast hätt ich vergessen, Herr Rechnungsfeldwebel, oder bürgerlich gesagt, Herr Waněk, Sie müssen mir ein Verzeichnis aller Chargen verschaffen. Nennen Sie mir einen Feldwebel von der zwölften Kompanie – Houska? Gut, also Houska kommt durch diese Mine um den Kopf, der Kopf fliegt ihm weg, der Körper macht aber noch paar Schritte, zielt und schießt noch einen feindlichen Aeroplan herab. Das versteht sich ganz von selbst, daß der Widerhall dieser Siege in der Zukunft in Schönbrunn im Familienkreis gefeiert werden muß. Österreich hat sehr viele Bataillone, aber das einzige Regiment, das sich auszeichnet, ist unseres, so daß ihm zulieb eine kleine intime Familienfeier im kaiserlichen Hause stattfindet. Wie aus meinen Notizen hervorgeht, stell ichs mir so vor, daß die Familie der Erzherzogin Marie Valerie deshalb aus Wallsee nach Schönbrunn übersiedelt. Die Feier ist ganz intim und findet im Saal neben dem Schlafgemach des Monarchen statt, das mit weißen Kerzen erleuchtet ist, denn bekanntlich liebt man bei Hof elektrische Glühbirnen wegen Kurzschluß nicht, gegen den der greise Monarch voreingenommen ist. Um sechs Uhr abends beginnt die Feier zum Lob und Preis unseres Bataillons. In diesem Augenblick werden die Enkel Seiner Majestät in den Saal geführt, der eigentlich zu den Gemächern der verewigten Kaiserin gehört. Jetzt ist die Frage, wer außer der kaiserlichen Familie zugegen sein wird. Der Generaladjutant des Monarchen, Graf Paar, muß und wird zugegen sein. Weil bei solchen familiären und intimen Festen zuweilen jemandem übel zu werden pflegt, womit ich allerdings nicht sagen will, daß Graf Paar kotzen wird, ist die Anwesenheit des Leibarztes, des Hofrats Doktor Kerzl, erforderlich. Von wegen der Ordnung, damit sich die Hoflakaien nicht gewisse Vertraulichkeiten gegen die beim Festmahl anwesenden Damen erlauben, erscheint der Oberhofmeister Baron Lederer, Kammergraf Bellegarde und die erste Hofdame, Gräfin Bombelles, die unter den Hofdamen dieselbe Rolle spielt wie die Madame im Prager Bordell Schuha. Nachdem sich die vornehme Gesellschaft versammelt hat, wird der Kaiser davon verständigt; er erscheint hierauf im Gefolge seiner Enkel, setzt sich an den Tisch und spricht einen Toast zu Ehren unseres Marschbataillons. Nach ihm ergreift Erzherzogin Marie Valerie das Wort und gedenkt besonders rühmend Ihrer, Herr Feldwebel. Allerdings erduldet unser Bataillon nach meinen Notizen schwere und fühlbare Verluste, denn ein Bataillon ohne Tote ist kein Bataillon. Man wird einen Artikel über unsere Toten schreiben müssen. Die Geschichte des Bataillons darf sich nicht nur aus trockenen Tatsachen zusammensetzen, von denen ich schon im vorhinein etwa zweiundvierzig vermerkt habe. Sie zum Beispiel, Herr Waněk, fallen an einem kleinen Flüßchen, und hier der Baloun, der uns so komisch anschaut, der stirbt eines ganz andern Todes als durch eine Kugel, ein Schrapnell oder eine Granate. Er wird mit einem Lasso erdrosselt, das gerade in dem Augenblick, wie er das Mittagmahl seines Oberleutnants Lukasch verzehrt, aus einem feindlichen Aeroplan geschleudert wird.«

Baloun trat zurück, winkte verzweifelt mit den Händen und bemerkte niedergeschlagen: »Wenn ich für meine Veranlagung nicht kann! Wie ich noch aktiv gedient hab, hab ich mich vielleicht dreimal in der Küche um Minasch gezeigt, solang man mich nicht eingesperrt hat. Einmal hab ich dreimal Rippenfleisch zum Mittagmahl gehabt, wofür ich einen Monat gesessen bin. Der Wille des Herrn geschehe!«

»Fürchten Sie sich nicht, Baloun«, tröstete ihn der Einjährigfreiwillige, »in der Geschichte des Bataillons wird nicht von Ihnen gesagt werden, daß Sie am Weg von der Offiziersmenage in den Schützengraben beim Fressen umgekommen sind. Sie werden gemeinsam mit allen Männern unseres Bataillons genannt werden, die für den Ruhm unseres Reiches gefallen sind, zum Beispiel zusammen mit Rechnungsfeldwebel Waněk.«

»Welchen Tod bestimmen Sie mir, Marek?«

»Nur nicht so eilig, Herr Rechnungsfeldwebel, so schnell geht das nicht.«

Der Einjährigfreiwillige wurde nachdenklich: »Sie sind aus Kralup, nicht wahr, schreiben Sie also nach Haus, nach Kralup, daß Sie spurlos verschwinden werden, aber schreiben Sies vorsichtig. Oder wünschen Sie schwer verwundet zu werden und hinter den Drahthindernissen liegen zu bleiben? Sie liegen da hübsch den ganzen Tag mit zerschmettertem Bein. In der Nacht beleuchtet der Feind unsere Stellung mit einem Reflektor und bemerkt Sie; er denkt, daß Sie als Kundschafter ausgesandt sind, und beginnt Sie mit Granaten und Schrapnells zu bombardieren. Sie haben der Armee einen ungeheuren Dienst geleistet, denn die feindliche Armee hat für Sie solche Unmengen von Munition verbraucht wie für ein ganzes Bataillon, und Ihre Gliedmaßen schwimmen nach all diesen Explosionen über Ihnen frei in der Luft, durchdringen diese mit ihrer Rotation, singen ein Lied des großen Sieges. Kurz und gut, jeder kommt dran, und jeder von unserem Bataillon zeichnet sich aus, so daß die glorreichen Seiten unserer Geschichte mit Siegen überfüllt sein werden – obwohl ich sie sehr ungern überfüllen möchte, aber ich kann mir nicht helfen, alles muß gründlich durchgeführt werden, damit eine Erinnerung an uns zurückbleibt, bevor von unserem Bataillon, sagen wir, im Monat September, rein senkrecht nichts übrigbleibt als diese glorreichen Seiten der Geschichte, die den Herzen aller Österreicher sagen werden, daß sich alle, die ihre Heimat nicht mehr wiedersehen werden, ebenso tapfer wie unerschrocken geschlagen haben. Den Schluß, wissen Sie, Herr Waněk, den Nekrolog, habe ich schon verfaßt. Ehre dem Andenken der Gefallenen! Ihre Liebe zur Monarchie ist die heiligste Liebe, denn sie gipfelt im Tod. Mögen ihre Namen mit Ehrfurcht ausgesprochen werden, wie zum Beispiel der Name Waněk. Diejenigen, die der Verlust des Ernährers am fühlbarsten betroffen hat, mögen stolz ihre Tränen trocknen, denn die Gefallenen waren – Helden unseres Bataillons.«

Telefonist Chodounsky und Koch Jurajda lauschten mit großem Interesse dieser Schilderung der vorbereiteten Geschichte des Bataillons.

»Kommen Sie näher, meine Herren«, sagte der Einjährigfreiwillige, in seinen Notizen blätternd, »Seite 15: Telefonist Chodounsky fiel am 3. September gleichzeitig mit Bataillonskoch Jurajda. Hören Sie weiter: Beispielloses Heldentum. Der erstere, der bereits seit drei Tagen beim Telefon nicht abgelöst wurde, rettet mit Einsetzung seines Lebens den Telefondraht in seiner Deckung. Der zweite, der die drohende Gefahr seiner Umgebung sieht, wirft sich mit einem Kessel kochender Suppe auf den Feind und verbreitet unter den Feinden Entsetzen und Brandwunden. – Schöner Tod der beiden. Der erste von einer Mine zerrissen, der zweite von Giftgasen erstickt, die man ihm unter die Nase hielt, als er nichts mehr hatte, um sich damit zu wehren. – Beide sterben mit dem Ausruf: Es lebe unser Bataillonskommandant! Das Oberkommando kann nichts tun, als uns täglich Danksagungen in der Form von Befehlen zu senden, damit auch andere Truppenkörper unserer Armee die Tapferkeit unseres Bataillons kennenlernen und sich ein Beispiel daran nehmen. Ich kann euch einen Auszug aus einem Armeebefehl vorlegen, der in allen Armeeteilen verlesen werden wird; er ähnelt sehr dem Befehl des Erzherzogs Karl, den dieser im Jahre 1805 erteilte, als er mit seinem Heer vor Padua stand und einen Tag nach dem Befehl tüchtige Wichse bekam. Hört also, was man von unserm Bataillon als vorbildlich heldenhaftem Truppenkörper der ganzen Armee verlesen wird: ›. . . Ich hoffe, daß die ganze Armee sich an dem oben angeführten Bataillon ein Beispiel nehmen wird, insbesondere, daß sie sich jenen Geist des Selbstvertrauens, der Unerschütterlichkeit und der dauernden Unbesiegbarkeit in der Gefahr aneignen wird, jenen beispiellosen Heldenmut, der Liebe und das Vertrauen zu den Vorgesetzten, jene Tugenden, die das Bataillon auszeichnen und die es zu bewunderungswürdigen Taten, zum Glück und Sieg unseres Reiches führen. Alle seinem Beispiel . . .«

Von dem Platz her, wo Schwejk lag, ertönte ein Gähnen, und man konnte hören, wie Schwejk aus dem Schlaf sprach: »Da ham Sie recht, Frau Müller, daß sich Leute ähnlich sind. In Kralup hat ein gewisser Herr Jarosch Pumpen gebaut, und der hat dem Uhrmacher Lejhanz aus Pardubitz ähnlich geschaut, wie wenn er ihm ausn Gesicht geschnitten wär, und der hat wieder dem Jitschiner Piskor so ähnlich geschaut und alle drei zusamm einem unbekannten Selbstmörder, was man aufgehängt und vollkommen verwest in einem Teich bei Neuhaus gefunden hat, grad unter der Bahn, wo er sich wahrscheinlich untern Zug geworfen hat.« – Ein neuerliches Gähnen wurde laut und dann noch die Ergänzung: »Dann hat man alle übrigen zu einer großen Geldstrafe verurteilt, und morgen machen Sie mir geseihte Nudeln, Frau Müller.« – Schwejk wälzte sich auf die andere Seite und schnarchte weiter, während sich zwischen dem Koch-Okkultisten Jurajda und dem Einjährigfreiwilligen eine Debatte über die Dinge der Zukunft entspann.

Okkultist Jurajda meinte, daß es vielleicht auf den ersten Blick ein Unsinn zu sein scheine, wenn ein Mensch hetzhalber über etwas schreibe, was in der Zukunft geschehen werde: dennoch sei es sicher, daß so eine Hetze sehr oft prophetische Tatsachen enthalte, wenn der seelische Blick des Menschen unter dem Einfluß geheimnisvoller Mächte den Schleier der unbekannten Zukunft durchdringt. Von diesem Augenblick an war Jurajda in seiner Rede lauter Geheimnis. In jedem zweiten Satz offenbarte sich irgendein Schleier der Zukunft, bis er schließlich zur Regeneration überging, das heißt auf die Erneuerung des menschlichen Körpers, worauf er von der Fähigkeit der Infusorien, Körperteile zu erneuern, sprach und mit der Erklärung schloß, daß jeder Mensch einer Eidechse den Schwanz abreißen könne und daß ihr dieser wieder wachse.

Telefonist Chodounsky bemerkte dazu, daß die Menschen sich alle Finger ablecken könnten, wenn sie dasselbe zuwege brächten wie die Eidechse mit ihrem Schwanz. Zum Beispiel im Krieg, wenn jemandem der Kopf oder andere Körperteile abgerissen werden, wäre so was der Militärverwaltung sehr erwünscht, weils keine Invaliden geben würde. So ein österreichischer Soldat, dem fortwährend Beine, Arme, Köpfe nachwachsen würden, wäre bestimmt wertvoller als eine ganze Brigade.

Der Einjährigfreiwillige erklärte, daß es heute, dank der entwickelten Kriegstechnik, möglich sei, den Feind eventuell auf drei diagonale Teile zu halbieren. Es existiere ein Gesetz über die Erneuerung der Körper der Geißeltierchen aus dem Geschlecht der Infusorien; jeder halbierte Teil erneuert sich, bekommt neue Organe und wächst selbständig wie ein ganzes Geißeltierchen. Im analogen Fall würde sich das österreichische Heer nach jeder Schlacht, an der es teilgenommen hat, verdreifachen, verzehnfachen, aus jedem Fuß würde sich ein neuer, frischer Infanterist entwickeln.

»Der Schwejk sollte Sie hören«, bemerkte Rechnungsfeldwebel Waněk, »der möcht uns gewiß ein Beispiel anführen.«

Schwejk reagierte auf seinen Namen, murmelte »Hier« und schnarchte weiter, nachdem er diesen Ausdruck militärischer Disziplin von sich gegeben hatte.

In der halbgeöffneten Waggontür zeigte sich der Kopf Leutnant Dubs.

»Wo ist der Schwejk?« fragte er.

»Er schläft, melde gehorsamst, Herr Leutnant«, antwortete der Einjährigfreiwillige.

»Wenn ich nach ihm frage, Sie Einjährigfreiwilliger, haben Sie sofort aufzuspringen und ihn zu rufen.«

»Das geht nicht, Herr Leutnant, er schläft.«

»Also wecken Sie ihn! Ich wunder mich sehr, daß Ihnen das nicht gleich einfällt, Sie Einjährigfreiwilliger! Sie sollten Ihren Vorgesetzten mehr Entgegenkommen zeigen! Sie kennen mich noch nicht . . . Aber bis Sie mich kennenlernen werden . . .«

Der Einjährigfreiwillige begann Schwejk zu wecken.

»Schwejk, es brennt, stehn Sie auf!«

»Wie damals die Odkolek-Mühlen gebrannt ham«, brummte Schwejk, während er sich wieder auf die andere Seite wälzte, »is die Feuerwehr bis aus Wysotschan gekommen . . .«

»Bitte, Sie sehn«, sagte der Einjährigfreiwillige zu Leutnant Dub, »daß ich ihn wecke, aber daß es nicht geht.«

Leutnant Dub ward ärgerlich. »Wie heißen Sie, Einjährigfreiwilliger? – Marek? – Aha, Sie sind der Einjährigfreiwillige Marek, der fortwährend im Arrest gesessen ist, nicht wahr?«

»Jawohl, Herr Leutnant. Ich hab den Einjährigenkurs sozusagen im Kriminal durchgemacht und bin degradiert worden, daß heißt, nach meiner Entlassung vom Divisionsgericht, wo meine Unschuld an den Tag kam, zum Bataillonsgeschichtsschreiber mit Belassung des Ranges eines Einjährigfreiwilligen ernannt worden.«

»Sie werdens nicht lange sein«, brüllte Leutnant Dub und wurde puterrot im Gesicht – was den Eindruck erweckte, als seien seine Wangen nach ein paar Ohrfeigen angeschwollen –, »dafür werde ich sorgen!«

»Ich bitte, Herr Leutnant, zum Rapport vorgeführt zu werden«, sagte der Einjährigfreiwillige ernst.

»Sie, spielen Sie sich nicht mit mir«, sagte Leutnant Dub. »Ich werde Ihnen geben, Rapport. Wir werden noch miteinander zu tun haben, aber dann wird es Sie verflucht verdrießen; denn dann werden Sie mich kennenlernen, wenn Sie mich jetzt noch nicht kennen.«

Leutnant Dub entfernte sich grollend und vergaß in der Aufregung, daß er vor einer Weile die beste Absicht gehabt hatte, Schwejk zu rufen und ihm zu sagen: »Hauch mich an!«, gleichsam als letztes Mittel, Schwejks ungesetzlichen Alkoholismus festzustellen. Jetzt war es freilich schon zu spät, denn als er nach einer halben Stunde in den Waggon zurückkehrte, hatte man inzwischen an die Mannschaft schwarzen Kaffee mit Rum verteilt; Schwejk war bereits wach und sprang auf den Ruf Leutnant Dubs wie ein Reh aus dem Waggon.

»Hauch mich an!« brüllte ihn Leutnant Dub an.

Schwejk atmete den ganzen Vorrat seiner Lungen auf ihn aus, wie wenn ein heißer Wind den Geruch einer Spiritusfabrik in die Felder trägt.

»Was spürt man da aus dir, Kerl?«

»Melde gehorsamst, Herr Lajtnant, aus mir spürt man Rum.«

»Also siehst du, Bürscherl«, rief Leutnant Dub siegesbewußt.

»Endlich hab ich dich gefangen.«

»Jawohl, Herr Lajtnant«, sagte Schwejk ohne jedes Zeichen einer Beunruhigung. »Grad hamr Rum in Kaffee gefaßt, und ich hab den Rum zuerst ausgetrunken. Wenn aber irgendeine neue Verordnung besteht, Herr Lajtnant, daß man zuerst Kaffee trinken soll und dann erst Rum, bitt ich um Verzeihung, nächstens wirds nicht mehr geschehn.«

»Und warum hast du geschnarcht, wie ich vor einer halben Stunde im Waggon war? Man hat dich doch nicht erwecken können.«

»Ich hab, melde gehorsamst, Herr Lajtnant, die ganze Nacht nicht geschlafen, weil ich an die Zeiten gedacht hab, wie wir noch in Veszprin Manöver gehabt ham. Damals is das supponierte erste und zweite Armeekorps über Steiermark vorgegangen und hat unser viertes Korps umzingelt, was in Wien und Umgebung auf Lager war, wo wir überall Festungen gehabt ham, aber sie sind an uns vorbeigekommen und sind bis auf die Brücke gekommen, was die Pioniere vom rechten Donauufer geschlagen ham. Wir ham eine Offensive machen solln, und Truppen ausn Norden und dann auch ausn Süden, aus Wosek, ham uns zu Hilfe kommen solln. Da hat man uns einen Befehl verlesen, daß uns das dritte Armeekorps zu Hilfe kommt, damit man uns nicht zwischen dem Plattensee und Preßburg zermalmt, bis wir gegen das zweite Armeekorps vorrücken wern. Aber es hat nichts genützt, wie wir ham gewinnen solln, hat man abgeblasen und die mit den weißen Binden hams gewonnen.«

Leutnant Dub sagte nicht ein Wort und ging, den Kopf schüttelnd, verlegen fort, aber gleich darauf kehrte er vom Stabswaggon zurück und sagte zu Schwejk: »Merkt euch alle, daß eine Zeit kommen wird, wo ihr vor mir heulen werdet!« Zu mehr konnte er sich nicht aufraffen, deshalb ging er wieder zum Stabswaggon, wo Hauptmann Sagner gerade einen Unglücklichen von der 12. Kompanie verhörte, den Feldwebel Strnad vorgeführt hatte, weil der Soldat schon jetzt für seine Sicherheit im Schützengraben vorzusorgen begonnen hatte und von der Station die mit Blech beschlagene Tür eines Schweinestalls weggeschleppt hatte. Jetzt stand er erschrocken, mit herausgewälzten Augen da und entschuldigte sich, er habe die Türe gegen die Schrapnells mit in die Deckung nehmen, sich »sichern« wollen.

Das benützte Leutnant Dub zu einer großen Predigt darüber, wie sich ein Soldat zu benehmen habe, was seine Pflichten gegenüber dem Vaterland und dem Monarchen seien, der der oberste Kommandant und höchste Kriegsherr ist. Wenn sich aber im Bataillon solche Elemente befänden, dann sei es nötig, sie auszurotten, zu bestrafen und einzusperren. Dieses Gequassel war so abgeschmackt, daß Hauptmann Sagner dem Schuldigen auf die Schulter klopfte und ihm sagte: »Wenn Sies nur gut gemeint haben, nächstens machen Sies nicht, es ist eine Dummheit von Ihnen, die Tür geben Sie wieder zurück, wo Sie sie genommen haben, und scheren Sie sich zum Teufel!«

Leutnant Dub biß sich in die Lippen und war überzeugt, daß eigentlich die Rettung der sich zersetzenden Disziplin im Bataillon einzig und allein von ihm abhänge. Deshalb umschritt er noch einmal den ganzen Bahnhofsplatz. In der Nähe eines Magazins, an dem sich eine große Tafel mit der magyarisch-deutschen Aufschrift befand, daß man hier nicht rauchen dürfe, erblickte er einen Soldaten, der dort saß und eine Zeitung las, die ihn so verdeckte, daß man seine Aufschläge nicht sah. Er schrie ihm »Habtacht!« zu; es war ein Soldat des magyarischen Regimentes, das in Humena in Reserve stand.

Leutnant Dub rüttelte ihn, der magyarische Soldat stand auf, hielt es nicht einmal für nötig, zu salutieren, steckte nur die Zeitung in die Tasche und entfernte sich in der Richtung zur Straße. Leutnant Dub ging ihm wie benebelt nach, aber der magyarische Soldat beschleunigte seine Schritte; dann drehte er sich um und hob höhnisch die Hände in die Höh, damit Leutnant Dub keinen Augenblick lang daran zweifle, daß der Soldat Dubs Angehörigkeit zu einem tschechischen Regiment sofort erkannt hatte. Dann verschwand der Magyar im Galopp zwischen den nahen Hütten der Straße.

Um irgendwie zu bekunden, daß er mit dieser Szene nichts gemein habe, betrat Leutnant Dub majestätisch einen kleinen Laden an der Straße, zeigte verwirrt auf eine Spule schwarzen Zwirns, steckte sie in die Tasche, bezahlte und kehrte in den Stabswaggon zurück; dann ließ er von der Bataillonsordonnanz seinen Diener Kunert holen und sagte ihm, indem er ihm den Zwirn übergab: »Ich muß mich um alles kümmern, Sie haben gewiß vergessen, Zwirn mitzunehmen.«

»Melde gehorsamst, Herr Lajtnant, daß ich ganzes Dutzend hab.«

»Also zeigen Sie mir ihn sofort, und daß Sie gleich damit wieder da sind, oder meinen Sie, daß ich Ihnen glaube?«

Als Kunert mit einer ganzen Schachtel weißer und schwarzer Spulen zurückkehrte, sagte Leutnant Dub: »Siehst, du Kerl, schau dir den Zwirn an, den du gekauft hast, und schau dir meine große Spule an! Schau, wie dünn dein Zwirn is und wie leicht er zerreißt, und schau dir meinen an, was das für Arbeit gibt, bevor du ihn abreißt. Im Feld können wir keine Fetzen brauchen, im Feld muß alles gediegen sein. Also nimm wieder alle Spulen mit und wart meine Befehle ab und merk dir, nächstens mach nichts selbständig nach deinem Kopf und komm mich fragen, wenn du etwas kaufst! Wünsch dir nicht, mich kennenzulernen, du kennst mich noch nicht von der schlechten Seite.«

Nachdem Kunert gegangen war, wandte sich Leutnant Dub an Oberleutnant Lukasch: »Mein Bursch ist ein sehr intelligenter Mensch. Hie und da macht er einen Fehler, aber sonst kapiert er sehr gut. Das Beste an ihm ist seine vollständige Ehrlichkeit. Ich hab nach Bruck ein Paket von meinem Schwager vom Land bekommen, ein paar gebratene junge Gänse, und werden Sie glauben, daß er sie nicht einmal berührt hat? Und weil ich sie nicht rasch genug aufessen konnte, hat er sie lieber verstinken lassen. Das macht freilich die Disziplin: Ein Offizier muß sich die Soldaten erziehen.«

Um merken zu lassen, daß er dem Gequatsch dieses Idioten nicht zuhöre, kehrte sich der Oberleutnant dem Fenster zu und sagte: »Ja, heut ist Mittwoch.«

In dem Bedürfnis, etwas zu sprechen, wandte sich Leutnant Dub also an Hauptmann Sagner und sagte in einem ganz vertraulichen, kameradschaftlichen Ton: »Hören Sie, Hauptmann Sagner, was halten Sie . . .«

»Pardon, einen Moment«, sagte Hauptmann Sagner und verließ den Waggon.

Inzwischen unterhielten sich Schwejk und Kunert über ihre Herren.

»Wo warst du die ganze Zeit, daß du gar nicht zu sehn warst?« fragte Schwejk.

»Aber das weißt du doch«, sagte Kunert, »mit meinem blöden Alten is fort Arbeit. Der ruft dich jede Weile zu sich und fragt dich nach Sachen, die dich nichts angehn. Er hat mich auch gefragt, ob ich dein Kamerad bin, und ich hab gesagt, daß wir uns sehr wenig sehn.«

»Das is sehr hübsch von ihm, daß er nach mir fragt. Ich hab ihn sehr gern, deinen Herrn Lajtnant. Er is so brav und gutherzig und auf die Soldaten wie ein Vater«, sagte Schwejk ernst.

»Ja, da irrst du dich«, widersprach Kunert, »das is ein hübsches Schwein, und blöd is er wie Dreck. Ich hab ihn schon bis zum Hals satt, fort sekkiert er mich nur.«

»Aber geh weg«, wunderte sich Schwejk, »ich hab doch gedacht, daß er so ein wirklich braver Mensch is. Du sprichst aber sehr komisch von deinem Lajtnant, aber das is schon bei jedem Putzfleck angeboren. Da hast du diesen Burschen vom Major Wenzl, der sagt nicht anders von seinem Herrn als: is das ein Stück von einem verfluchten, idiotischen Blödian, und der Putzfleck vom Oberst Schröder, der, wenn er von seinem Herrn gesprochen hat, hat er ihn nicht anders genannt als bepischtes Luder und Gestank stinkender. Das hast du davon, weil das jeder Bursch von seinem Herrn lernt. Wenn der Herr nicht uns selbst beschimpfen möcht, so möchts der Putzfleck nicht nach ihm wiederholen. In Budweis war zu meiner Dienstzeit ein Lajtnant Prochazka, der hat nicht viel aufgeheißen, der hat seinem Putzfleck nur gesagt: ›Du edle Kuh.‹ Einen andern Schimpfnamen hat der Putzfleck, ein gewisser Hibmann, nicht von ihm gehört. Er hat sichs so angewöhnt, der Hibmann, daß, wie er in Zivil gekommen is, hat er dem Vater, der Mutter und den Schwestern gesagt: ›Du edle Kuh‹, und hats auch seiner Braut gesagt, die is mit ihm bös geworn und hat ihn auf Ehrenbeleidigung geklagt, weil ers ihr, ihrem Vater und ihrer Mutter gesagt hat, auf einer Tanzunterhaltung, ganz öffentlich. Und hats ihm nicht verziehn, und vor Gericht hat sie auch angegeben, daß, wenn er sie Kuh irgendwo abseits geschimpft hätt, daß sie sich vielleicht versöhnt hätt, aber so, daß es ein europäischer Schkandal is. Unter uns gesagt, Kunert, das hätte ich mir von deinem Lajtnant nie gedacht. Auf mich hat er schon damals, wie ich zum erstenmal mit ihm gesprochen hab, so einen sympathischen Eindruck gemacht wie eine Wurst, was frisch aus der Selchkammer gezogen is, und wie ich zum zweitenmal mit ihm gesprochen hab, is er mir sehr belesen und irgendwie so beseelt vorgekommen. – Woher bist du eigentlich? Direkt aus Budweis? Das laß ich mir gefallen, wenn jemand direkt von irgendwo is. – Und wo wohnst du dort? – Unter den Lauben? Das is gut, dort is wenigstens im Sommer Schatten. Hast du Familie? – Eine Frau und drei Kinder? – Da bist du glücklich, Kamerad, wenigstens wird dich jemand zu beweinen haben, wies mein Feldkurat Katz immer in der Predigt gesagt hat, und es is auch wahr, weil ich mal so eine Rede von einem Oberst an die Reservisten in Bruck gehört hab, was von dort nach Serbien gefahren sind, daß jeder Soldat, was zu Haus eine Familie hinterläßt und am Schlachtfeld fällt, daß er zwar alle Familienbande zerreißt – das heißt, er hats so gesagt: ›Wenn er eine Leiche is, eine Leiche der Familie is, sind die Familienbande zerrissen, aber er is ein Held, weil er sein Leben für eine größere Familie, fürs Vaterland geopfert hat.‹ Wohnst du im vierten Stock? – Im Mezzanin? – Da hast du recht, ich hab mich jetzt erinnert, daß dort, am Budweiser Ring, kein vierstöckiges Haus steht. Du gehst also schon? – Aha, dein Herr Offizier steht vorm Stabswaggon und schaut her. Wenn er dich also vielleicht fragt, ob ich vielleicht nicht auch von ihm gesprochen hab, so sag ihm ohne weiteres, daß ich von ihm gesprochen hab, und vergiß nicht, ihm zu sagen, wie hübsch ich von ihm gesprochen hab, ich hab selten so einen Offizier getroffen, was sich so freundschaftlich und väterlich benehmen möcht wie er. Vergiß ihm nicht zu sagen, daß er mir sehr belesen vorkommt, und sag ihm auch, daß er sehr intelligent is: Sag ihm auch, daß ich dich ermahnt hab, daß du brav bist und ihm alles machst, was du ihm an den Augen absiehst. Merkst du dir das?«

Schwejk kletterte in den Waggon und Kunert mit dem Zwirn begab sich wieder in seine Höhle.

Nach einer Viertelstunde fuhr man weiter nach Nagy-Czaba, an den abgebrannten Dörfern Brestow und Groß-Radwany vorbei. Man sah, daß es hier bereits ernst wurde.

Die Berglehnen und Hänge der Karpaten waren von Schützengräben zerfurcht, die längs der Bahnstrecke mit neuen Schwellen von Tal zu Tal führten. Zu beiden Seiten befanden sich große, von Granaten gebildete Löcher. Irgendwo über dem nach Laborce fließenden Bach, dessen oberem Lauf die Bahn folgte, waren Brücken und die abgebrannten Balken alter Flußübergänge sichtbar.

Das ganze Tal am Mecze Laborce war zerfurcht und aufgeworfen, als hätten hier Armeen riesenhafter Maulwürfe gearbeitet. Die Straße hinter dem Flüßchen war zerfurcht, zerschmettert, und daneben sah man zerstampfte Flächen, auf denen die Soldaten gelagert hatten.

Stürme und Regengüsse hatten am Rand der durch Granaten entstandenen Löcher zerrissene Fetzen österreichischer Uniformen aufgedeckt.

Hinter Nagy-Czaba, auf einer alten, abgebrannten Kiefer, im Gewirr der Zweige, hing der Stiefel irgendeines österreichischen Infanteristen mit einem Stück Schienbein drin.

Man sah Wälder ohne Laub, ohne Nadeln – so hatte das Kanonenfeuer hier gewüstet –, Bäume ohne Kronen und zerschossene Gehöfte.

Der Zug fuhr langsam über die frisch aufgeschütteten Erdwälle; so konnte das ganze Bataillon alle Kriegsfreuden gründlich in sich aufnehmen und vorausahnen und sich beim Anblick der Militärfriedhöfe mit weißen Kreuzen, die auf der Ebene und auf den verwüsteten Hängen schimmerten, langsam aber sicher auf das Feld der Ehre vorbereiten, deren Abschluß eine von Straßenkot beschmutzte Mütze bildete, die auf einem weißen Kreuze schwankte.

Die Deutschen aus Bergreichenstein, die in den rückwärtigen Waggons saßen und noch in der Station Milowitz bei der Einfahrt »Wann ich kumm, wann ich wieda kumm . . .« gebrüllt hatten, waren ab Humene bedenklich verstummt; sie sahen ein, daß viele von denen, deren Mützen sich auf Gräbern befanden, genau dasselbe gesungen hatten: wie hübsch es sein werde, bis sie wieder zurückkehren und mit ihrem Liebchen zu Hause bleiben würden. Mecze Laborce war eine Station hinter einem zertrümmerten, abgebrannten Bahnhof, aus dessen verrauchten Mauern verbogene Traversen hervorsahen.

Eine neue langgestreckte Baracke aus Holz, die man rasch an Stelle des abgebrannten Bahnhofs erbaut hatte, war mit Plakaten in allen Sprachen bedeckt: »Zeichnet die österreichische Kriegsanleihe!«

In einer andern langgestrecken Baracke befand sich sogar eine Station des Roten Kreuzes, aus der zwei Schwestern mit einem dicken Militärarzt traten; sie lachten aus vollem Hals über den dicken Militärarzt, der zu ihrer Belustigung verschiedene Tierstimmen nachahmte und erfolglos zu grunzen versuchte.

Unterhalb des Eisenbahndammes, im Tal des Baches, lag eine zerdroschene Feldküche. Schwejk zeigte auf sie und sagte zu Baloun: »Schau, Baloun, was uns in der nächsten Zukunft erwartet. Grad hat die Menage verteilt wern solln, in dem Moment is eine Granate geflogen gekommen und hat sie so zugerichtet.«

»Das is schrecklich«, seufzte Baloun, »ich hab mir nie gedacht, daß was Ähnliches auf mich wartet, aber dran war mein Hochmut schuld, ich Biest, ich hab mir ja in Budweis vorigen Winter Lederhandschuh gekauft. Es war mir schon zu schlecht, auf meinen Bauernpratzen die gestrickten alten Handschuh zu tragen, was mein seliger Vater getragen hat, und ich war nur fort wie besessen auf die ledernen, städtischen. – Der Vater hat Erbsen gefressen, und ich kann Erbsen nicht mal sehn, nur lauter Geflügel. Gewöhnliches Schweinefleisch is mir auch nicht unter die Nas gegangen; meine Alte hat mirs, Gott straf mich nicht, auf Bier machen müssen.«

Baloun begann in völliger Verzweiflung eine Generalbeichte abzulegen: »Ich hab euch alle Heiligen Gottes gelästert, in Maltsch, im Wirtshaus, und in Unterzahaj hab ich den Kaplan verprügelt. An Gott hab ich noch geglaubt, das leugne ich nicht, aber am heiligen Josef hab ich gezweifelt. Alle Heiligen hab ich im Haus geduldet, nur das Bild vom heiligen Josef hat fortmüssen, und so hat mich jetzt Gott für alle meine Sünden und für meine Sittenlosigkeit gestraft. Wieviel solche Sittenlosigkeiten hab ich in der Mühle angestellt, wie oft hab ich meinen Vater beschimpft und ihm das Ausgedinge verbittert und meine Frau sekkiert.«

Schwejk ward nachdenklich. »Du bist Müller, nicht wahr? – So hast du also wissen solln, daß Gottes Mühlen zwar langsam, aber sicher mahlen, wenn wegen dir der Weltkrieg ausgebrochen is.«

Der Einjährigfreiwillige mengte sich ins Gespräch:

»Mit dem Lästern, Baloun, und dem Nichtanerkennen aller Heiligen haben Sie sich entschieden nicht genützt, denn Sie müssen wissen, daß unsere österreichische Armee schon seit Jahren eine rein katholische Armee is, deren glänzendstes Vorbild unser allerhöchster Kriegsherr ist. Wie können Sie sich überhaupt unterstehn, mit dem Gift des Hasses gegen einige Heilige in den Kampf zu gehn, wenn das Kriegsministerium durch die Garnisonskommandanten Jesuitenexerzitien für die Offiziere eingeführt hat und wir die Feier der militärischen Auferstehung miterlebt haben? Verstehn Sie mich wohl, Baloun? Begreifen Sie, daß Sie eigentlich etwas gegen den heiligen Geist unserer glorreichen Armee unternehmen? Und dann der heilige Josef, von dem Sie gesagt haben, daß sein Bild nicht bei Ihnen in der Stube hängen durfte. Er ist ja eigentlich der Patron aller, die sich vom Militär drücken wollen. Er war Zimmermann, und Sie kennen doch den Wahlspruch: ›Schaun wir, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.‹ Wieviel Menschen sind schon mit diesem Wahlspruch in die Gefangenschaft gegangen – wenn sie, von allen Seiten umringt, ohne einen andern Ausweg, sich nicht vielleicht aus Egoismus zu retten versuchten, sondern als Mitglied der Armee, damit sie dann, wenn sie aus der Gefangenschaft heimkehren, Seiner Majestät dem Kaiser sagen können: Wir sind hier und erwarten weitere Befehle! Verstehn Sie das, Baloun?«

»Ich verstehs nicht«, seufzte Baloun, »ich hab überhaupt einen dummen Schädel. Mir sollt man alles zehnmal wiederholen.«

»Kannst du nichts nachlassen?« fragte Schwejk, »also ich wer dirs noch mal erklären. Soeben hast du gehört, daß du dich dran halten mußt, was für ein Geist in der Armee herrscht, daß du an den heiligen Josef glauben mußt und, wenn du von Feinden umringt sein wirst, daß du schaun mußt, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat, damit du dich für den Kaiser rettest und für neue Kriege. Jetzt verstehst dus vielleicht und wirst gut dran tun, wenn du uns ein bißl ausführlicher beichten wirst, was für Unsittlichkeiten du in deiner Mühle angestellt hast, nicht aber, daß du dann so was erzählst, wie in der Anekdote von dem Mädl, was zum Herrn Pfarrer beichten gangen is und sich dann, wie sie schon verschiedene Sünden gebeichtet gehabt hat, angefangen hat zu schämen und gesagt hat, daß sie jede Nacht Unsittlichkeiten getrieben hat. Das versteht sich, wie das der Herr Pfarrer gehört hat, is ihm gleich der Speichel aus der Goschen geflossen, und er hat gesagt: ›No, schäm dich nicht, liebe Tochter, ich bin doch an Gottes Statt, und erzähl mir hübsch genau von deinen Unsittlichkeiten.‹ Und sie hat euch dort zu weinen angefangen, daß sie sich schämt, daß es so eine schreckliche Unsittlichkeit is, und er hat ihr wieder erklärt, daß er ihr geistlicher Vater is. Endlich, nach langem Sträuben, hat sie damit angefangen, daß sie sich immer ausgezogen hat und ins Bett gekrochen is. Und wieder hat er kein Wort aus ihr herausbringen können, und sie hat nur noch mehr zu heuln angefangen. Er also wieder, sie soll sich nicht schämen, daß der Mensch von Natur aus ein sündhaftes Gefäß is, aber daß die Gnade Gottes unermeßlich is. Sie hat sich also entschlossen und hat weinend gesagt: ›Wie ich mich also ausgezogen ins Bett gelegt hab, hab ich angefangen, mir den Schmutz zwischen den Zehn herauszukratzen und hab dazugesprochen.‹ Das war also die ganze Unsittlichkeit. Ich hoff aber, Baloun, daß du das in der Mühle nicht gemacht hast und daß du uns etwas Interessanteres sagen wirst, irgendeine wirkliche Unsittlichkeit.«

Es zeigte sich, daß Baloun nach seiner Aussage in der Mühle mit den Bäuerinnen Unsittlichkeiten getrieben hatte, Unsittlichkeiten, die darin bestanden, daß der ihnen das Mehl mischte, was er in seiner geistigen Einfalt Unsittlichkeit nannte. Am meisten enttäuscht war Telefonist Chodounsky; er fragte den Müller, ob er in der Mühle mit den Bäuerinnen auf den Mehlsäcken wirklich nichts gehabt habe, worauf Baloun die Hände ringend erwiderte: »Dazu war ich zu dumm.«

Der Mannschaft wurde angekündigt, daß sie hinter Palota im Lubkapaß ein Mittagessen erhalten werde, und der Bataillonsrechnungsfeldwebel, die Kompanieköche und Leutnant Cajthaml, der die Bataillonsverpflegung zu überwachen hatte, begaben sich auch in die Gemeinde Mecze Laborce. Vier Mann wurden ihnen als Patrouille zugeteilt.

Sie kehrten in einer knappen halben Stunde mit drei an den Hinterfüßen zusammengebundenen Schweinen, der brüllenden Familie eines ungarischen Russen, dem die Schweine requiriert worden waren, und dem dicken Militärarzt aus der Rote-Kreuz-Baracke zurück, der dem achselzuckenden Leutnant Cajthaml eifrig etwas erklärte.

Vor dem Stabswaggon erreichte der ganze Zwist seinen Höhepunkt, als der Militärarzt anfing, Hauptmann Sagner ins Gesicht zu sagen, daß diese Schweine für das Spital des Roten Kreuzes bestimmt seien, wovon wiederum der Bauer nichts wissen wollte; hingegen verlangte er, die Schweine mögen ihm zurückerstattet werden, sie seien sein letzter Besitz und er könne sie auf keinen Fall, entschieden aber nicht für den ihm ausbezahlten Preis hergeben.

Dabei streckte er das Geld, das er für die Schweine erhalten hatte, in der Faust Hauptmann Sagner zu, während die Bäuerin dessen andere Hand festhielt und mit jener Unterwürfigkeit küßte, die dieser Gegend immer eigentümlich war.

Hauptmann Sagner war darob ganz verwirrt, und es dauerte geraume Zeit, bevor es ihm gelang, die alte Bäurerin fortzuschieben. Das nützte jedoch nichts; statt ihrer kamen junge Kräfte, die sich wieder daranmachten, seine Hände abzuknutschen.

Leutnant Cajthaml meldete jedoch in rein dienstlichem Ton: »Dieser Kerl hat noch zwölf Schweine und wurde entsprechend dem letzten Divisionskommandobefehl Nummer 12 420, Verpflegungsreferat, ganz rechtmäßig bezahlt. Nach diesem Befehl, § 16, werden Schweine in vom Kriege nicht betroffenen Orten nicht teurer als zu 2 Kronen 16 Heller für ein Kilogramm Lebendgewicht gekauft; in vom Krieg betroffenen Orten sind auf ein Kilogramm Lebendgewicht 36 Heller zuzugeben, also für ein Kilogramm 2 Kronen 52 Heller zu entrichten. Dazu die Bemerkung: Falls Fälle festgestellt wurden, wo im Kriegsgebiet die Schweinewirtschaft mit verschnittenen Schweinen, die zu Verpflegungszwecken der durchfahrenden Transporte verwendet werden können, intakt blieb, wird für das Schweinefleisch wie in den vom Krieg nicht betroffenen Gegenden eine besondere Zulage von 12 Hellern auf ein Kilogramm Lebendgewicht bezahlt. Ist diese Lage nicht vollkommen klar, möge sofort an Ort und Stelle eine Kommission zusammengestellt werden, bestehend aus dem Interessenten, dem Kommandanten des durchfahrenden Militärtransportes und jenem Offizier oder Rechnungsfeldwebel (wenn es sich um eine kleinere Formation handelt), dem die Verpflegung anvertraut ist.«

All das las Leutnant Cajthaml aus einer Kopie des Divisionskommandobefehls vor, den er ununterbrochen bei sich trug, wodurch er bereits beinahe auswendig wußte, daß die Bezahlung für ein Kilogramm Möhren im Kriegsgebiet auf 15 bis 30 Heller und für Karfiol,Südostdeutsch für Blumenkohl. der für die Offiziersmenageküchenabteilung im Kriegsgebiet bestimmt ist, auf 1 Krone 75 Heller pro Kilogramm erhöht wird.

Diejenigen, die das in Wien ausgearbeitet hatten, stellten sich das Kriegsgebiet als eine Gegend vor, in der es von Möhren und Karfiol wimmelte.

Leutnant Cajthaml las das dem aufgeregten Bauer allerdings in deutscher Sprache vor und fragte ihn dann, ob er es verstehe; als der Bauer den Kopf schüttelte, brüllte er ihn an: »Willst du also die Kommission?«

Der Bauer verstand das Wort Kommission, deshalb nickte er mit dem Kopf. Während seine Schweine bereits geraume Zeit vorher zur Hinrichtung zu den Feldküchen geschleppt worden waren, umstanden ihn die der Requisitionsabteilung zugeteilten Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten; dann brach die Kommission auf, um in seinem Gehöft festzustellen, ob er 2 Kronen 52 Heller oder 2 Kronen 28 Heller pro Kilogramm bekommen solle. Sie hatten noch nicht einmal den zur Gemeinde führenden Weg betreten, als von den Feldküchen her das dreifache Todesquietschen der Schweine ertönte.

Der Bauer begriff, daß alles zu Ende sei, und rief verzweifelt: »Gebt mir für jede Sau zwei rheinische Gulden!«

Die vier Soldaten umringten ihn enger, und die ganze Familie versperrte Hauptmann Sagner und Leutnant Cajthaml den Weg, indem sie in den Straßenstaub kniete.

Die Mutter und zwei Töchter umschlangen die Knie der beiden und nannten sie Wohltäter; dann brachte der Bauer die Weiber zum Schweigen und befahl ihnen im ukrainischen Dialekt der ungarischen Russen aufzustehen; die Soldaten mögen nur die Schweine auffressen und an ihnen krepieren.

So wurde also von der Kommission Abstand genommen, und weil der Bauer sich plötzlich auflehnte und mit den Fäusten drohte, versetzte ihm ein Soldat eins mit dem Kolben, der dröhnend an des Bauern Pelz abprallte, worauf sich die ganze Familie bekreuzigte und mit dem Vater die Flucht ergriff.

Zehn Minuten später tat sich der Bataillonsfeldwebel in seinem Waggon mit Bataillonsordonnanz Matuschitz bereits an dem Schweinehirn gütlich, und während sie sich wacker stopften, sagte der Feldwebel giftig zu den Schreibern: »Das möchtet ihr fressen, was? Ja, Jungens, das is nur für die Chargen. Den Köchen die Nieren und die Leber, Hirn und Wellfleisch den Herren Rechnungsfeldwebeln, und den Schreibern nur doppelte Portionen vom Fleisch für die Mannschaft.«

Hauptmann Sagner hatte ebenfalls bereits einen Befehl betreffs der Offiziersküche erteilt: »Schweinefleisch auf Kümmel, das beste Fleisch aussuchen, nicht zu fett!«

Und so geschah es, daß jeder Mann, als im Lubkapaß die Menage an die Mannschaft verteilt wurde, in seiner Menageschale in der Portion Suppe zwei kleine Stückchen Fleisch fand, und der, welcher auf einem noch ärgern Planeten geboren worden war, nur ein Stückchen Haut.

In der Küche herrschte der gewohnte militärische Nepotismus, der allen gab, die der herrschenden Clique nahestanden. Die Putzflecke erschienen im Lubkapaß mit fetten Mäulern. Jede Ordonnanz hatte einen Bauch wie einen Stein. Es ereigneten sich himmelschreiende Dinge.

Einjährigfreiwilliger Marek verursachte bei der Küche einen Skandal, denn er wollte gerecht sein; als ihm der Koch mit der Bemerkung: »Das ist für unseren Geschichtsschreiber« eine tüchtige Scheibe gekochten Schlegel in die Suppe warf, erklärte er, daß es im Krieg keine Unterschiede gäbe, was allgemeinen Beifall erweckte und Ursache zur Beschimpfung der Köche gab.

Der Einjährige warf ein Stück Fleisch zurück, wodurch er bekräftigte, daß er keine Protektion wünsche. In der Küche begriff man das jedoch nicht und meinte, der Bataillonsgeschichtsschreiber sei nicht zufrieden, und der Koch sagte ihm leise, er solle später kommen, bis die Menage verteilt sein werde, er werde ihm ein Stück Bein geben.

Den Schreibern glänzten gleichfalls die Mäuler, die Sanitäter schnaubten vor Wohlbehagen, und rings um diesen Segen Gottes waren noch überall die nicht vertilgten Spuren der letzten Kämpfe sichtbar. Überall wälzten sich Patronenhülsen, blecherne, leere Konservenbüchsen, Fetzen russischer, österreischer und deutscher Uniformen, Teile zerbrochener Wagen, blutige lange Streifen von Gazeverbänden und Watte.

In eine alte Kiefer beim ehemaligen Bahnhof, von dem nur ein Haufen übriggeblieben war, war eine Granate geklemmt, die nicht explodiert war. Überall sah man Granatsplitter, und irgendwo in unmittelbarer Nähe hatte man offenbar Soldatenleichen begraben, denn es roch hier fürchterlich nach Verwesung.

Und wie die Truppen hier vorbeigekommen waren und ringsumher gelagert hatten, waren überall Häuflein von Menschenkot internationalen Ursprungs aller Völker Österreichs, Deutschlands und Rußlands sichtbar. Der Kot der Soldaten aller Nationen und aller religiösen Bekenntnisse lag hier nebeneinander oder türmte sich in Haufen aufeinander, ohne daß sich diese Haufen untereinander gestritten hätten.

Eine halbzerdroschene Zisterne, die hölzerne Bude eines Eisenbahnwärters und überhaupt alles, was irgendeine Wand hatte, war von Gewehrprojektilen durchlöchert wie ein Sieb.

Um den Eindruck der Kriegsfreuden zu vervollständigen, stieg hinter dem unfernen Berg Rauch empor, als brenne dort ein ganzes Dorf, das den Mittelpunkt großer militärischer Operationen bildete. Man verbrannte dort die Cholera- und Dysenteriebaracken, zur großen Freude jener Herren, die mit der Einrichtung jenes Spitals unter dem Protektorate der Erzherzogin Marie zu tun hatten und dabei gestohlen und sich durch Vorlegung von Rechnungen für nichtexistierende Cholera- und Dysenteriebaracken die Taschen gefüllt hatten.

Jetzt trugs eine Barackengruppe für alle übrigen davon, und im Gestank der brennenden Strohsäcke hob sich die ganze Dieberei des erzherzoglichen Protektorats gen Himmel.

Hinter dem Bahnhof auf einem Felsen hatten sich bereits die Reichsdeutschen beeilt, den gefallenen Brandenburgern ein Denkmal zu errichten, das die Aufschrift »Den Helden vom Lubkapaß« und ein großer, aus Bronze gegossener Reichsadler schmückte, wobei man auf dem Postament ausdrücklich vermerkt hatte, daß dieses Abzeichen aus russischen Kanonen angefertigt sei, die bei der Befreiung der Karpaten durch reichsdeutsche Regimenter erobert worden waren.

In dieser merkwürdigen und bisher ungewohnten Atmosphäre rastete das Bataillon nach dem Mittagessen in den Waggons, während sich Hauptmann Sagner mit dem Bataillonsadjutanten noch immer nicht über das Chiffre-Telegramm des Brigadekommandos bezüglich der weiteren Vorrückung des Bataillons einigen konnte. Die Angaben waren so unklar, daß es den Anschein hatte, als hätten sie gar nicht in den Lubkapaß kommen und von Neustadt in ganz anderer Richtung fahren sollen, denn in den Telegrammen war irgendwie die Rede von den Orten: »Cap-Ungvar, Kis-Berezna-Uczok.«

Binnen zehn Minuten zeigt es sich, daß der im Brigadestab sitzende Stabsoffizier ein Tolpatsch war, denn ein Chiffre-Telegramm langt an, in dem gefragt wird, ob es sich um das 8. Marschbataillon des 75. Regiments (Militärchiffre G, 3.) handelt. Der Tolpatsch beim Brigadestab ist erstaunt über die Antwort, daß es sich um das 7. Marschbataillon des 91. Regiments handelt und fragt an, wer den Befehl erteilt hat, auf der Militärstrecke nach Munkacz zu fahren, während die Marschroute doch über den Lubkapaß nach Sanok in Galizien laute. Der Tolpatsch wundert sich ungemein, daß man vom Lubkapaß aus telegrafiert, und schickt die Chiffre: »Marschroute unverändert Lubkapaß-Sanok, wo weitere Befehle abzuwarten sind.«

Nach der Rückkehr Hauptmann Sagners entwickelte sich im Stabswaggon eine Debatte über eine gewisse Kopflosigkeit, und man äußerte in bestimmten Anspielungen, daß die östliche Heeresgruppe vollständig ohne Kopf wäre, wenn es nicht die Reichsdeutschen gäbe.

Leutnant Dub versuchte die Kopflosigkeit des österreichischen Stabs zu verteidigen und quatschte etwas davon, daß die Gegend von den kürzlich stattgefundenen Kämpfen ziemlich verwüstet worden sei und die Strecke noch nicht gebührend in Ordnung gebracht werden konnte.

Alle Offiziere blickten ihn teilnahmsvoll an, als wollten sie sagen: Der Herr kann nicht für seine Blödheit. Da er keine Unterstützung fand, fuhr Leutnant Dub fort, über den wunderbaren Eindruck zu faseln, den diese zerfleischte Gegend auf ihn mache, da sie davon zeuge, wie eisern die Faust unserer Armee zu sein vermag. Wiederum antwortete ihm niemand, worauf er wiederholte: »Ja, gewiß, freilich, die Russen sind hier in vollständiger Panik zurückgewichen.«

Hauptmann Sagner nimmt sich vor, Leutnant Dub bei der nächsten Gelegenheit, bis die Lage in den Schützengräben im höchsten Maße gefährlich sein werde, als Offizierspatrouille auf Rekognoszierung zu den feindlichen Positionen hinter die Drahtverhaue hinauszuschicken, und flüstert Oberleutnant Lukasch aus dem Waggonfenster zu: »Diese Zivilisten war uns der Teufel schuldig. Je intelligenter so einer ist, ein um so größeres Rindvieh ist er.«

Es scheint, daß Leutnant Dub überhaupt nicht aufhören wird zu sprechen. Er fährt fort, allen Offizieren zu erzählen, was er in der Zeitung über die Kämpfe in den Karpaten und über das Ringen um die Karpatenpässe während der österreichisch-deutschen Offensive am San gelesen hatte.

Er erzählt davon so, als hätte er nicht nur an diesen Kämpfen teilgenommen, sondern sogar alle Operationen selbst geleitet.

Besonders widerwärtig wirken Sätze wie: »Dann sind wir auf Bukowsko marschiert, um die Linie Bukowsko-Dynow gesichert zu haben, immer in Fühlung mit der Gruppe von Bardijow bei Groß-Pollanka, wo wir die Samara-Division des Feindes zersprengten.« Oberleutnant Lukasch hielt es nicht mehr aus und bemerkte zu Leutnant Dub: »Wovon du wahrscheinlich schon vor dem Krieg mit deinem Bezirkshauptmann gesprochen hast.«

Leutnant Dub schaute Oberleutnant Lukasch feindselig an und verließ den Waggon.

Der Militärzug stand auf dem Damm, und unten, einige Meter unterhalb des Hangs, lagen verschiedene Gegenstände, die die fliehenden russischen Soldaten zurückgelassen hatten, als sie, wahrscheinlich durch den Graben des Bahndamms, zurückgewichen waren. Man sah hier verrostete Teekannen, Töpfe, Patronentaschen usw. Außerdem wälzten sich hier neben den verschiedensten Gegenständen Rollen von Stacheldraht und abermals jene blutigen Gazestreifen von Verbänden und Watte. Über dem Graben stand an einer Stelle eine Gruppe von Soldaten, und Leutnant Dub stellte sofort fest, daß sich Schwejk unter ihnen befand und ihnen etwas erzählte.

Leutnant Dub ging also hin.

»Was ist hier los?« ließ sich seine strenge Stimme vernehmen, während er sich direkt vor Schwejk stellte.

»Melde gehorsamst, Herr Lajtnant«, antwortete Schwejk für alle, »daß wir schaun.«

»Und worauf schaun Sie?« schrie Leutnant Dub ihn an.

»Melde gehorsamst, Herr Lajtnant, daß wir herunter in den Graben schaun.«

»Und wer hat Ihnen dazu die Erlaubnis gegeben?«

»Melde gehorsamst, Herr Lajtnant, daß es der Wunsch unseres Herrn Oberst Schlager aus Bruck is. Wie er sich von uns verabschiedet hat, wie wir damals aufn Kriegsschauplatz abgefahren sind, so hat er in seiner Rede gesagt, daß wir uns, wenn wir durch einen verlassenen Kriegsschauplatz ziehn wern, alle alles gut anschaun solln, wie man gekämpft hat und was uns von Nutzen sein könnt. Und wir sehn hier jetzt, Herr Lajtnant, in dieser Mulde, was ein Soldat bei seiner Flucht alles wegwerfen muß. Wir sehn hier, melde gehorsamst, Herr Lajtnant, wie es dumm is, wenn ein Soldat verschiedene überflüssige Sachen mitschleppt. Er is damit überflüssig belastet. Er macht sich damit unnütz müde, und wenn er so eine Last mitschleppt, kann er nicht leicht kämpfen.«

Leutnant Dub durchzuckte plötzlich die Hoffnung, daß er Schwejk endlich wegen hochverräterischer Propaganda vors Feldkriegsgericht bekommen werde, deshalb fragte er rasch: »Sie denken also, daß ein Soldat die Patronen wegwerfen soll, so wie sie sich hier in der Mulde wälzen, oder die Bajonette, wie Sie sie dort sehn?«

»Oh, keineswegs nicht, melde gehorsamst, Herr Lajtnant«, antwortete Schwejk, freundlich lächelnd, »belieben Sie, hier auf den weggeworfenen Blechnachttopf herunterzuschaun.«

Und in der Tat, unter dem Wall wälzte sich herausfordernd ein von Rost zerfressener Nachttopf mit abgeschlagenem Email zwischen Splittern von Töpfen; diese für den Haushalt nicht mehr geeigneten Gegenstände wurden hier offenbar vom Stationsvorstand abgelagert, wohl als Material für Diskussionen der Archäologen eines künftigen Jahrhunderts, die nach Auffindung dieser Siedlung ganz verblüfft sein werden, worauf man den Kindern in den Schulen von einem Zeitalter der Emailnachttöpfe erzählen wird.

Leutnant Dub schaute unverwandt auf diesen Gegenstand, konnte aber nichts tun, als einfach feststellen, daß dies wirklich einer von jenen Invaliden sei, die ihre frische Jugend unterm Bett verbracht hatten.

Das machte auf alle einen ungeheuren Eindruck, und als Leutnant Dub schwieg, sagte Schwejk: »Melde gehorsamst, Herr Leutnant, mit so einem Nachttopf is einmal im Bad Poděbrad eine hübsche Hetz gewesen. Man hats bei uns auf den Weinbergen im Gasthaus erzählt. Damals hat man nämlich angefangen, in Poděbrad die Zeitschrift ›Unabhängigkeit‹ herauszugeben, und der Poděbrader Apotheker war die Hauptperson dabei; und zum Redakteur ham sie dort einen gewissen Ladislaus Hájek Domažlický gemacht. Und dieser Herr Apotheker, das war Ihnen so ein Sonderling, daß er alte Töpfe gesammelt hat und andere solche Kleinigkeiten, bis es ein ganzes Museum war. Und da hat sich mal dieser Hájek Domažlický einen Kameraden, was auch in Zeitungen geschrieben hat, nach Poděbrad auf Besuch eingeladen, und sie ham sich dort zusamm betrunken, weil sie sich schon über eine Woche nicht gesehn gehabt ham, und der hat ihm versprochen, daß er ihm für die Bewirtung ein Fejiton in die ›Unabhängigkeit‹ schreiben wird, in diese unabhängige Zeitschrift, von der er abhängig war. Und er hat ihm, der Kamerad, so ein Fejiton geschrieben, von so einem Sammler, wie er im Sand am Strand von der Elbe einen alten blechernen Nachttopf gefunden hat und gedacht hat, daß es der Helm vom heiligen Wenzel is, und damit so ein Aufsehn gemacht hat, daß der Erzbischof aus Königgrätz sich ihn anschaun gefahren is mit Prozessionen und Fahnen. Der Poděbrader Apotheker hat gedacht, daß es auf ihn gemünzt is, und da ham beide, er und der Hájek, eine Zwistigkeit gehabt.«

Leutnant Dub hätte Schwejk am liebsten den Hang hinuntergestoßen, beherrschte sich aber und schrie alle an: »Ich sag euch, daß ihr hier nicht unnütz herumgaffen sollt! Ihr kennt mich alle noch nicht, aber bis ihr mich kennenlernen werdet . . .!«

»Sie bleiben hier, Schwejk«, sagte er mit drohender Stimme, als Schwejk mit den übrigen in den Waggon gehen wollte.

Sie blieben einander allein gegenüber, und Leutnant Dub überlegte, was er Fürchterliches sagen sollte.

Schwejk kam ihm jedoch zuvor: »Melde gehorsamst, Herr Lajtnant, wenn uns wenigstens das Wetter aushalten wollt. Bei Tag is nicht zu heiß und die Nächte sind auch ganz angenehm, so daß jetzt die passendste Zeit zum Kriegführen is.«

Leutnant Dub zog den Revolver heraus und fragte: »Kennst du das?«

»Melde gehorsamst, Herr Lajtnant, jawohl; Herr Oberlajtnant Lukasch hat nämlich so einen.«

»Also merk dir, du Kerl!« sagte Leutnant Dub ernst und würdevoll, den Revolver wieder einsteckend, »damit dus weißt, daß dir etwas sehr Unangenehmes geschehn könnt, wenn du in deiner Propaganda fortfahren solltest.«

Leutnant Dub entfernte sich, indem er sich wiederholte: »Jetzt hab ichs ihm am besten gesagt: In deiner Propaganda, ja, in deiner Propaganda!«

Bevor Schwejk wieder seinen Waggon betrat, ging er noch ein Weilchen auf und ab und brummte: »Wohin soll ich ihn nur einreihn?« Und je länger er dies tat, desto deutlicher erstand vor Schwejk die Benennung dieser Menschensorte: »Halbfurzer«.

Im Militärwörterbuch wurde das Wort Furzer von jeher mit großer Liebe benützt, hauptsächlich bezog sich diese ehrenhafte Benennung auf Obersten, ältere Hauptleute oder Majore; es bedeutete eine gewisse Steigerung der häufig gebrauchten Worte »vertrottelter Greis«. Ohne diesen Beinamen war das Wort Greis die freundliche Bewertung eines alten Obersten oder Majors, der viel herumschrie, seine Soldaten dabei aber liebhatte und gegen andere Regimenter schützte, besonders wenn es sich um fremde Patrouillen handelte, von denen seine Soldaten, wenn sie nicht Überzeit hatten, in Butiken ausgehoben wurden. Ein Greis sorgte für seine Soldaten, die Menage mußte in Ordnung sein, aber er hatte immer irgendein Steckenpferdchen; auf etwas verlegte er sich, und deshalb war er ein »Greis«.

Wenn der Greis aber dabei die Mannschaft und die Chargen überflüssigerweise sekkierte, Nachtübungen und ähnliche Dinge ersann, war er ein »vertrottelter Greis«.

Aus dem »vertrottelten Greis« wurde als höherer Grad in der Entwicklung der Niedertracht, Sekkatur und Blödheit ein »Furzer«. Dieses Wort bedeutete alles, und der Unterschied zwischen einem Furzer in Zivil und einem Furzer beim Militär ist groß.

Der erstere, der Zivilfurzer, ist gleichfalls ein Vorgesetzter, und die Diener und Subalternbeamten in den Ämtern nennen ihn allgemein so. – Er ist der Philister-Bürokrat, der zum Beispiel bemängelt, daß ein Konzept nicht gut mit dem Löschblatt abgetrocknet ist und dergleichen. Er ist überhaupt eine blöde, tierische Erscheinung in der menschlichen Gesellschaft, denn so ein Esel spielt sich dabei auf einen ehrlichen Menschen auf, will alles verstehen, weiß alles zu erklären und ist über alles beleidigt.

Wer beim Militär war, begreift allerdings den Unterschied zwischen dieser Erscheinung und dem Furzer in Uniform. Hier bedeutet das Wort einen Greis, der ein »Schubiak« ist, ein wirklicher Schubiak, der gegen alles scharf loszieht, aber dennoch vor jedem Hindernis haltmacht; die Soldaten liebt er nicht und kämpft vergeblich gegen sie; er versteht es nicht, sich die Autorität zu erwerben, deren sich der »Greis« und der »vertrottelte Greis« erfreuen.

In manchen Garnisonen, wie zum Beispiel in Trient, nannte man ihn »unser altes Häusl«. In allen Fällen handelt es sich um eine ältere Person, und wenn Schwejk Leutnant Dub im Geiste Halbfurzer nannte, erfaßte er durchaus logisch, daß Leutnant Dub ebenso wie zum Alter, zur Würde, ja überhaupt zu allem, so auch zum Furzer noch fünfzig Prozent fehlten.

In solche Gedanken versunken zu seinem Waggon zurückkehrend, begegnete er Dubs Putzfleck. Er hatte ein geschwollenes Gesicht und murmelte unverständlich, er sei gerade mit seinem Herrn Leutnant Dub zusammengestoßen, der ihn auf Grund der Feststellung, daß Kunert mit Schwejk verkehre, abgeohrfeigt habe.

»In diesem Fall«, sagte Schwejk ruhig, »wern wir zum Rapport gehn. Ein österreichischer Soldat muß sich nur in gewissen Fällen ohrfeigen lassen. Aber dein Herr hat alle Grenzen überschritten, wies der alte Eugenius von Savoyen gesagt hat: ›Von daher bis daher!‹ Jetzt mußt du selbst zum Rapport gehn, und wenn du nicht gehst, wer ich dich selbst abohrfeigen, damit du siehst, was das is: Disziplin in der Armee. In der Karolinentaler Kaserne war ein gewisser Lajtnant Hausner, und der hat auch einen Burschen gehabt und hat ihn auch geohrfeigt und mitn Füßen gestoßen. Einmal war der Bursch so abgeohrfeigt, daß er davon blöd geworden is und sich zum Rapport gemeldet hat, und beim Rapport hat er gemeldet, daß er geohrfeigt worn is, weil er sich das alles verwechselt hat, und sein Herr hat auch wirklich nachgewiesen, daß er lügt, daß er ihn an dem Tag nicht abgeohrfeigt, sondern nur mitn Füßen gestoßn hat, so hat man den lieben Jungen wegen falscher Beschuldigung auf drei Wochen eingesperrt.«

»Aber das ändert nichts an der ganzen Sache«, fuhr Schwejk fort, »das is grad dasselbe, wovon immer der Mediziner Houbitschka erzählt hat, daß es egal is, im pathologischen Institut einen Menschen zu zerschneiden, was sich aufgehängt hat oder vergiftet. Und ich geh mit dir. Ein paar Ohrfeigen machen beim Militär viel.«

Kunert war ganz benommen und ließ sich von Schwejk zum Stabswaggon führen.

Leutnant Dub brüllte, während er sich aus dem Fenster beugte: »Was wollt ihr hier, Bagage?«

»Benimm dich würdevoll«, ermahnte Schwejk und schob Kunert voraus in den Waggon.

Im Gang zeigte sich Oberleutnant Lukasch und hinter ihm Hauptmann Sagner.

Oberleutnant Lukasch, der mit Schwejk bereits so viel erlebt hatte, war ungeheuer überrascht, denn Schwejk betrug sich nicht mehr so gutmütig und ernst wie sonst; auch sein Gesicht hatte nicht mehr den bekannt gutmütigen Ausdruck, sondern kündigte eher neue unangenehme Ereignisse an.

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant«, sagte Schwejk, »die Sache geht zum Rapport.«

»Blödl nur nicht wieder, Schwejk, ich habe gerade genug davon.«

»Erlauben Sie gefälligst«, sagte Schwejk, »ich bin Ordonnanz bei Ihrer Kompanie, Sie sind Kompaniekommandant der 11. Kompanie. Ich weiß, daß es schrecklich komisch aussieht, aber ich weiß auch, daß Herr Lajtnant Dub Ihr Untergebener ist.«

»Sie sind ganz verrückt geworden, Schwejk«, fiel ihm Oberleutnant Lukasch ins Wort. »Sie sind besoffen, und Sie tun besser, wenn Sie weggehn! Verstehst du, du Blödian, du Rindvieh!«

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant«, sagte Schwejk, Kunert vor sich schiebend, »es sieht grad so aus, wie einmal, wie man in Prag einen Versuch mit einem Schutzrahmen gegens Überfahrenwerden von der Elektrischen gemacht hat. Der Herr Erfinder hat sich selbst fürn Versuch geopfert, und dann hat die Stadt seiner Witwe Schadenersatz zahln müssen.«

Hauptmann Sagner, der nicht wußte, was er sagen sollte, nickte zustimmend mit dem Kopf, während Oberleutnant Lukasch verzweifelt schien.

»Alles muß nachn Rapport gehn, melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant«, fuhr Schwejk unerbittlich fort, »noch in Bruck ham Sie mir gesagt, Herr Oberlajtnant, daß, wenn ich Kompanieordonnanz bin, daß ich noch andere Pflichten hab als bloß die Befehle. Daß ich von allem, was in der Kompanie vorgeht, informiert sein soll. Auf Grund dieses Befehls erlaube ich mir, Ihnen zu melden, Herr Oberlajtnant, daß Herr Lajtnant Dub mir nix dir nix seinen Burschen abgeohrfeigt hat. Ich möchts, melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, von mir aus nicht sagen. Wenn ich aber seh, daß Herr Lajtnant Dub Ihrem Kommando zugeteilt is, so hab ich mir vorgenommen, daß es vorn Rapport kommen muß.«

»Das is eine merkwürdige Angelegenheit«, sagte Hauptmann Sagner, »warum schleppen Sie diesen Kunert her, Schwejk?«

»Melde gehorsamst, Herr Bataillonskommandant, daß alles nachn Rapport gehn muß. Er is dumm, er is vom Herrn Lajtnant Dub abgeohrfeigt worn, und er kann sichs nicht leisten, daß er allein zum Rapport geht. Melde gehorsamst, Herr Hauptmann, wenn Sie sich ihn anschaun möchten, wie ihm die Knie zittern, er is ganz tot, daß er zum Rapport gehn muß. Und wenn ich nicht wär, möcht er vielleicht überhaupt nicht zum Rapport gehn, wie der Kudela aus Bytouchow, was im aktiven Dienst so lang zu Rapport gegangen is, bis er zur Marine versetzt worn is, wo er Kornett geworn is und dann auf einer Insel im Stillen Ozean als Deserteur berühmt geworn is. Er hat dann dort geheiratet und hat auch mitn Weltreisenden Hawlasa gesprochen, und der hat überhaupt nicht erkannt, daß es kein Eingeborener is. – Es is überhaupt sehr traurig, wenn jemand wegen solchen paar blöden Ohrfeigen zum Rapport gehn soll. Aber er wollt überhaupt nicht hergehn, weil er gesagt hat, daß er nicht hergehn wird. Er is überhaupt so ein abgeohrfeigter Bursch, daß er nicht mal weiß, um welche Ohrfeige sichs hier handelt. Es wär überhaupt nicht hergegangen, er hat überhaupt nicht zum Rapport gehn wolln, er läßt sich manchmal noch mehr verprügeln. Melde gehorsamst, Herr Hauptmann, schaun Sie sich ihn an, er is davon schon ganz beschissen. Und auf der andern Seite wieder hat er sich gleich beschweren solln, daß er diese paar Ohrfeigen gekriegt hat, aber er hat sich nicht getraut, weil er gewußt hat, daß es besser is, wie dieser Dichter geschrieben hat, ein bescheidenes Veilchen zu sein. Er dient nämlich bei Herrn Lajtnant Dub.«

Kunert vor sich her schiebend, sagte Schwejk: »Zitter nicht fort wie eine Eiche im Sturm!«

Hauptmann Sagner fragte Kunert, was eigentlich geschehen sei.

Kunert sagte aber, am ganzen Körper zitternd, der Herr Hauptmann möge den Herrn Leutnant fragen, dieser habe ihn überhaupt nicht geohrfeigt.

Unablässig am ganzen Körper zitternd, erklärte Judas-Kunert sogar, Schwejk habe sich das Ganze überhaupt ausgedacht.

Dieser peinlichen Begebenheit bereitete Leutnant Dub ein Ende, der plötzlich auftauchte und Kunert anbrüllte: »Willst du noch ein paar Ohrfeigen bekommen?«

Die Sache war also ganz klar, und Hauptmann Sagner sagte einfach zu Leutnant Dub: »Kunert ist von heute an der Bataillonsküche zugeteilt und bezüglich eines neuen Burschen wende dich an Rechnungsfeldwebel Waněk.«

Leutnant Dub salutierte, und während er sich entfernte, sagte er nur zu Schwejk: »Ich wette, daß Sie einmal hängen werden.«

Als er verschwunden war, wandte sich Schwejk an Oberleutnant Lukasch und sagte in sanftem, freundschaftlichem Ton: »In Münchengrätz war auch so ein Herr und hat so mit einem andern geredet, und der hat ihm geantwortet: ›Aufn Richtplatz sehn wir uns wieder.‹«

»Schwejk«, sagte Oberleutnant Lukasch, »Sie sind aber blöd; unterstehen Sie sich nicht, mir zu sagen, wie Sies in der Gewohnheit haben: ›Melde gehorsamst, daß ich blöd bin.‹«

»Frappant«, ließ sich Hauptmann Sagner vernehmen, der sich aus dem Fenster beugte; er wäre gern zurückgetreten, hatte aber keine Zeit mehr dazu, denn es geschah ein Unglück: Leutnant Dub tauchte unter dem Fenster auf.

Leutnant Dub sagte, er bedauere sehr, daß Hauptmann Sagner fortgegangen sei, ohne seine Begründung der Offensive an der Ostfront anzuhören.

»Wenn wir die ungeheure Offensive verstehen sollen«, rief Leutnant Dub zum Fenster hinauf, »müssen wir uns vergegenwärtigen, wie sich die Offensive Ende April entwickelt hat. Wir mußten die russische Front durchbrechen und haben erkannt, daß der günstigste Ort für diesen Durchbruch die Front zwischen den Karpaten und der Weichsel ist.«

»Ich streit mich darüber nicht mit dir«, entgegnete Hauptmann Sagner trocken und trat vom Fenster zurück.

Als man eine halbe Stunde später die Fahrt nach Sanok fortsetzte, streckte sich Hauptmann Sagner auf der Bank aus; er tat, als ob er schliefe, damit Leutnant Dub inzwischen an seine abgedroschenen Ausführungen der Offensive vergesse.

In dem Waggon, wo Schwejk war, fehlte Baloun. Er hatte nämlich die Erlaubnis erwirkt, den Gulaschkessel mit Brot auswischen zu dürfen. Jetzt befand er sich auf dem Wagen mit den Feldküchen in einer unangenehmen Situation, denn als der Zug den Kessel in Bewegung gesetzt hatte, war Baloun kopfüber in den Kessel geflogen und nur seine Füße schauten daraus hervor. Er gewöhnte sich jedoch an diese Situation; aus dem Kessel tönte ein Schmatzen, wie wenn ein Igel Schaben jagt, und später erscholl dann Balouns bittende Stimme: »Ich bitt euch, Kameraden, um Gottes willen, werft mir ein Stückl Brot herein, es ist noch viel Soße hier.« Diese Idylle dauerte bis zur nächsten Station, wo die 11. Kompanie mit einem so gut gesäuberten Kessel anlangte, daß die Verzinnung nur so glänzte.

»Vergelts euch der liebe Herrgott, Kameraden«, dankte Baloun herzlich. »Zum erstenmal, seit ich beim Militär bin, hat mich das Glück angelächelt.

Und dem war in der Tat so. Im Lubkapaß hatte Baloun zwei Portionen Gulasch erhalten; Oberleutnant Lukasch hatte seine Zufriedenheit darüber geäußert, daß ihm Baloun aus der Offiziersküche die unberührte Menage gebracht hatte, und ließ ihm eine gute Hälfte übrig. Baloun war vollkommen glücklich, baumelte mit den Beinen, die aus dem Wagen heraushingen, und mit einem Male schien ihm dieser Krieg etwas Trauliches, Familiäres zu sein.

Der Kompaniekoch fing an, ihn zum besten zu halten: Man werde, bis man in Sanok eintreffen werde, Nachtmahl und noch ein Mittagessen kochen, denn dieses Nachtmahl und Mittagessen gebühre ihnen für die ganze Reise, während der sie es nicht erhalten hatten. Baloun nickte nur beifällig mit dem Kopf und flüsterte: »Ihr werdet sehn, Kameraden, Gott wird uns nicht verlassen.«

Darüber lachten alle aufrichtig, und der Koch sang auf der Feldküche sitzend:

»Jupheidija, juphijda,
Gott, der Gnädge, ist stets nah.
Wirft er uns auch in den Dreck,
Zieht er uns draus wieder weg,
Setzt er uns auf trocken Brot,
Hilft er wieder aus der Not.
Jupheidija, juphijda,
Gott, der Gnädge, ist stets da.«

Hinter der Station Sczawna tauchten wiederum in den Tälern neue Soldatenfriedhöfe auf. Unterhalb Sczawna konnte man vom Zuge aus ein steinernes Kreuz mit einem Christus ohne Kopf sehen. Er hatte bei der Beschießung der Strecke den Kopf verloren.

Der Zug beschleunigte seine Geschwindigkeit, während er hinunter ins Tal und auf Sanok zueilte, die Horizonte weiteten sich, und gleichzeitig wurden ganze Gruppen zerschossener Dörfer auf beiden Seiten der Landschaft sichtbar.

Bei Kulaschno sah man unten in einem Flüßchen einen vom Eisenbahndamm gestürzten, zertrümmerten Rot-Kreuz-Zug.

Baloun wälzte die Augen heraus und wunderte sich hauptsächlich über die im Tale zerstreuten Teile einer Lokomotive. Der Schornstein war in den Eisenbahndamm gekeilt und schaute aus ihm hervor wie ein Achtundzwanziger.

Diese Erscheinung erweckte auch die Aufmerksamkeit der Mitreisenden Schwejks. Am meisten regte sich Koch Jurajda auf: »Darf man denn auf Waggons vom Roten Kreuz schießen?«

»Man darf nicht, aber man kann«, sagte Schwejk. »Es war jedenfalls ein guter Schuß, und jeder redet sich dann aus, daß es in der Nacht war und daß das Rote Kreuz nicht zu sehn gewesen is. Es gibt überhaupt viel Sachen auf der Welt, was man nicht machen darf, aber machen kann. Hauptsache is, daß jeder probiert, obs ihm gelingt, und wenn ers nicht darf, ob ers kann. Bei den Kaisermanövern in Pisek is so ein Befehl gekommen, daß man die Soldaten am Marsch nicht krummschließen darf. Aber unser Hauptmann is drauf gekommen, daß mans darf, weil so ein Befehl schrecklich is, denn jeder hat leicht begreifen können, daß ein krummgeschlossener Soldat nicht marschieren kann. Er hat also den Befehl eigentlich nicht umgangen, hat einfach und vernünftig die krummgeschlossenen Soldaten in die Trainwagen werfen lassen, und man is mit ihnen weitermarschiert. Oder so ein Fall is in unserer Gasse vor fünf, sechs Jahren passiert. Dort hat ein gewisser Herr Karlik im ersten Stock gewohnt. Um einen Stock höher hat ein sehr braver Mensch gewohnt, ein Konservatorist, ein gewisser Mikesch. Der hat sehr gern Weiber gehabt, und unter andern hat er auch angefangen, der Tochter von diesem Herrn Karlik nachzusteigen, was ein Spediteurgeschäft gehabt hat und eine Zuckerbäckerei und auch irgendwo in Mähren unter irgendeiner ganz fremden Firma eine Buchbinderei. Wie dieser Herr Karlik erfahren hat, daß dieser Konservatorist seiner Tochter nachlauft, so hat er ihn in der Wohnung besucht und hat ihm gesagt: ›Sie dürfen sich meine Tochter nicht nehmen, Sie Haderlump, Sie. Ich gib sie Ihnen nicht!‹ – ›Gut‹, hat ihm der Herr Mikesch geantwortet, ›was soll ich machen, wenn ich mir sie nicht nehmen darf, soll ich mich zerreißen?‹ In zwei Monaten is der Herr Karlik wiedergekommen und hat sich seine Frau mitgebracht und beide ham ihm einstimmig gesagt: ›Sie Klachl, Sie ham unsre Tochter um die Ehre gebracht.‹ – ›Gewiß‹, hat er ihnen drauf geantwortet, ›ich hab mir erlaubt, sie zu einer Hure zu machen, gnä Frau.‹ Der Herr Karlik hat angefangen, überflüssig auf ihn zu brülln, daß er ihm doch gesagt hat, daß er sich sie nicht nehmen darf, daß er ihm sie nicht gibt, aber er hat ihm ganz richtig geantwortet, daß er sich sie auch nicht nehmen wird und daß damals keine Rede davon war, was er mit ihr machen kann. Daß sichs nicht drum gehandelt hat, und er, daß er Wort hält, sie solln ohne Sorgen sein, daß er sie nicht will, daß er ein Charakter is, daß er nicht is wie ein Strohhalm im Wind und daß er Wort hält, daß, wenn er etwas sagt, so is es heilig. Und wenn er deswegen verfolgt wern wird, daß er sich nichts draus macht, weil er ein reines Gewissen hat und seine selige Mutter ihn noch am Totenbett beschworen hat, daß er nie im Leben lügen soll und daß er ihr die Hand drauf gegeben hat und daß so ein Schwur gilt. Daß in seiner Familie überhaupt niemand gelogen hat und daß er immer in der Schule aus sittlichem Betragen die beste Note gehabt hat. Also da sehn sie, daß man Verschiedenes nicht darf, aber kann und daß die Wege verschieden sein können, nur Willen müssen wir den gleichen ham.«

»Liebe Freunde«, sagte der Einjährigfreiwillige, der eifrig Notizen machte, »alles Schlechte hat auch seine gute Seite. Dieser in die Luft gesprengte, halbverbrannte und vom Damm geschleuderte Krankenzug bereichert die glorreiche Geschichte unseres Bataillons um eine neue künftige Heldentat. Ich stelle mir vor, daß sich so etwa am 16. September, wie ich mir bereits notiert habe, von jeder Kompanie unseres Bataillons ein paar Gemeine unter Führung eines Korporals freiwillig melden und einen Panzerzug des Feindes, der auf uns feuert und uns daran hindert, über den Fluß zu setzen, in die Luft sprengen. Als Bauern verkleidet haben sie ihre Aufgabe ehrenhaft erfüllt . . .«

»Was seh ich da«, rief der Einjährigfreiwillige, in seine Notizen blickend. »Wie is mir da unser Herr Waněk hergekommen?«

»Hören Sie zu, Herr Rechnungsfeldwebel«, wandte er sich an Waněk, »was für ein hübscher Artikel über Sie in der Bataillonsgeschichte stehen wird. Ich glaube, daß Sie schon einmal drinstehen, aber das hier wird entschieden besser und ausgiebiger sein.« Der Einjährigfreiwillige las mit erhobener Stimme: »Heldentod des Rechnungsfeldwebels Waněk. Zu dem kühnen Beginnen, den feindlichen Panzerzug in die Luft zu sprengen, meldete sich auch Rechnungsfeldwebel Waněk, wie die übrigen als Bauer verkleidet. Durch die herbeigeführte Explosion wurde er betäubt, und als er aus seiner Besinnungslosigkeit erwachte, sah er sich vom Feind umringt, der ihn augenblicklich zum Stabe der feindlichen Division schaffte, wo er Aug in Aug mit dem Tode jede Aufklärung bezüglich der Stellung und Stärke unserer Armee verweigerte. Da er verkleidet war, wurde er als Spion zum Tode durch den Strang verurteilt, welche Strafe in Anbetracht seines hohen Ranges in den Tod durch Erschießen umgewandelt wurde. Die Exekution wurde sofort an der Friedhofsmauer vollzogen, und der tapfere Rechnungsfeldwebel Waněk verlangte, man möge ihm nicht die Augen verbinden. Auf die Frage, ob er irgendeinen Wunsch habe, erwiderte er: ›Bestellt durch Vermittlung eines Parlamentärs meinem Bataillon meinen letzten Gruß und richtet ihm aus, daß ich mit der Überzeugung sterbe, daß unser Bataillon seinen siegreichen Weg fortsetzen wird. Ferner bestellt Hauptmann Sagner, daß die Fleischration nach dem letzten Brigadekommandobefehl täglich auf zweieinhalb Konserven pro Mann erhöht wird.‹ So starb unser Rechnungsfeldwebel Waněk; mit seinem letzten Satze verursachte er beim Feinde eine panische Angst; dieser hatte nämlich angenommen, daß er uns, indem er unsern Übergang über den Fluß verhinderte, von den Verproviantierungspunkten abschneide und unsere baldige Aushungerung und damit auch eine Demoralisierung in unseren Reihen herbeiführen werde. Von der Ruhe Waněks, mit der dieser dem Tod entgegensah, zeugt der Umstand, daß er mit den feindlichen Stabsoffizieren vor seiner Hinrichtung Kaufzwick spielte. ›Den von mir gewonnenen Betrag übergebt dem Russischen Roten Kreuz‹, sagte er, als er schon vor den Mündungen der Gewehre stand. Diese edelsinnige Großmut rührte die anwesenden Militärpersonen bis zu Tränen.«

»Verzeihen Sie, Herr Waněk«, fuhr der Einjährigfreiwillige fort, »daß ich mir erlaubt habe, über Ihr gewonnenes Geld zu disponieren. Ich habe darüber nachgedacht, ob mans vielleicht dem österreichischen Roten Kreuz abführen sollte, aber schließlich setze ich voraus, daß es vom Standpunkt der Menschlichkeit egal ist, wenn mans nur einer humanitären Institution übergibt.«

»Unser seliger Feldwebel«, sagte Schwejk, »hätts der Suppenanstalt der Stadt Prag vermachen können, aber so is es halt doch besser, der Herr Bürgermeister möcht sich am End für den Betrag eine Leberwurst zum Gabelfrühstück kaufen.«

»Nun ja, überall wird gestohlen«, sagte Telefonist Chodounsky.

»Besonders viel gestohlen wird beim Roten Kreuz«, erklärte Koch Jurajda ungemein erzürnt. »Ich hab in Bruck einen bekannten Koch gehabt, der für die Schwestern in der Baracke gekocht hat, und der hat mir gesagt, wie die Vorsteherin dieser Schwestern und die Oberpflegerinnen ganze Kisten Malaga und Schokolade nach Hause geschickt haben. Das bringt die Gelegenheit mit sich, das ist die Selbstbestimmung des Menschen. Jeder Mensch macht in seinem unendlichen Leben unzählige Verwandlungen durch, und einmal muß er auf dieser Welt in einer bestimmten Periode seiner Tätigkeit als Dieb auftreten. Ich selbst habe diese Periode schon durchgemacht.«

Koch-Okkultist Jurajda zog aus seinem Rucksack eine Flasche Kognak.

»Hier seht ihr«, sagte er, die Flasche öffnend, »einen untrüglichen Beweis meiner Behauptung. Ich habe sie vor der Abfahrt aus der Offiziersmenage genommen. Ein Kognak der besten Marke; man hat ihn zu Zuckerübergüssen auf Linzer Torten verwenden sollen. Er war aber dazu vorbestimmt, von mir gestohlen zu werden, ebenso wie ich dazu vorbestimmt war, ein Dieb zu werden.«

»Und es wär auch nicht schlecht«, ließ sich Schwejk vernehmen, »wenn wir dazu vorbestimmt wären, Ihre Mitschuldigen zu wern, ich wenigstens hab so eine Vorahnung.«

Diese Vorbestimmung erfüllte sich tatsächlich. Die Flasche machte die Runde trotz des Protestes seitens Feldwebel Waněks, der behauptete, daß man den Kognak aus der Eßschale trinken und gerecht verteilen solle, da sie alle zusammen fünf auf eine Flasche seien, so daß es in Anbetracht der ungeraden Zahl leicht geschehen könne, daß jemand um einen Schluck mehr trinke als die andern; dazu bemerkte Schwejk: »Das is wahr, wenn der Herr Waněk eine gerade Zahl haben will, so soll er ausn Verein austreten, damits keine Unannehmlichkeiten und Streitereien gibt.«

Waněk widerrief also seinen Vorschlag und machte den neuen, großmütigen, der Spender Jurajda möge in der Reihenfolge einen Platz einnehmen, der es ihm ermögliche, zweimal zu trinken, was einen Sturm des Widerspruchs erweckte, denn Waněk hatte bereits einmal getrunken, als er den Kognak beim Öffnen der Flasche verkostete.

Schließlich wurde der Vorschlag des Einjährigfreiwilligen angenommen, nach dem Abc zu trinken; er begründete ihn damit, daß es ebenfalls eine gewisse Vorbedeutung habe, wie jemand heiße.

Chodounsky, der erste im Abc, macht den Anfang, wobei er mit einem drohenden Blick auf Waněk schaute, der ausrechnete, daß er als letzter um einen Schluck mehr haben werde; das war ein grober mathematischer Fehler, denn es waren einundzwanzig Schluck vorhanden.

Hierauf spielten sie gewöhnlich Zwick mit drei Karten; es zeigte sich, daß der Einjährigfreiwillige dabei bei jedem »Rauben« fromme Sprüche aus der Heiligen Schrift anwendete. Den Unter raubend, rief er: »Mein Herr und Gott, laß mir diesen Knappen auch dieses Jahr, auf daß ich mit ihm ackere und dünge, auf daß er mir Früchte bringe.«

Als man ihm vorwarf, daß er es sogar gewagt hatte, den Achter zu rauben, rief er mit erhobener Stimme: »Oder gibt es ein Weib, das zehn Groschen hat und davon einen verlieret, daß sie nicht ein Licht anzündet, das Haus auskehrt und mit Fleiß suchet, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, rufet sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: ›Freut euch mit mir, denn ich habe den Achter und den Trumpfkönig samt dem As gekauft.‹ Also gebt die Karten her, ihr seid alle hereingefallen.«

Einjährigfreiwilliger Marek hatte in der Tat großes Glück im Kartenspiel. Während die andern einander gegenseitig übertrumpften, stach er ihre übertrumpften Karten immer mit dem höchsten Blatt, so daß einer nach dem andern hereinfiel; er nahm einen Einsatz nach dem andern und rief den Geschlagenen zu:

»Und es wird ein großes Beben sein an den Orten und die Greuel des Hungers und der Pest und große Zeichen am Himmel.« Schließlich hatten sie genug davon und hörten auf zu spielen, nachdem Telefonist Chodounsky seine Löhnung für ein halbes Jahr im voraus verspielt hatte. Er war darüber sehr bestürzt, und der Einjährigfreiwillige verlangte von ihm eine Schuldverschreibung dahin lautend, daß Rechnungsfeldwebel Waněk bei Auszahlung der Löhnung diejenige Chodounskys ihm auszuzahlen habe.

»Fürcht dich nicht, Chodounsky«, tröstete ihn Schwejk. »Wenn du Glück hast, fällst du im ersten Gefecht, und Marek wird sich an deinen Löhnungen das Maul abwischen; unterschreibs ihm nur.«

Die Bemerkung, er könne fallen, berührte Chodounsky sehr unangenehm; deshalb sagte er mit Bestimmtheit: »Ich kann nicht fallen, weil ich Telefonist bin, und Telefonisten sind immer in der Deckung. Das Drähtespannen und Aufsuchen von Störungen erfolgt immer erst nach dem Gefecht.«

Der Einjährigfreiwillige bemerkte, die Telefonisten seien im Gegenteil großen Gefahren ausgesetzt, und die feindliche Artillerie habe es immer hauptsächlich auf die Telefonisten abgesehen. Kein Telefonist sei in seiner Deckung sicher. Wenn er auch zehn Meter unter der Erde wäre, die feindliche Artillerie findet ihn dennoch. Die Telefonisten schwänden hin wie Hagelkörner im Sommerregen. Beweis dessen habe man in Bruck, gerade als er abgefahren sei, den 28. Telefonistenkurs eröffnet.

Chodounsky schaute abgehärmt vor sich hin, was Schwejk zu einem freundschaftlich gütigen Wort bewegte: »Kurz und gut, es is halt ein hübscher Schwindel.« Chodounsky entgegnete freundlich: »Kusch, Tantchen!«

»Ich werde mir in meinen Notizen zur Bataillonsgeschichte den Buchstaben ›Ch‹ anschaun – Chodounsky – Chodounsky hm, aha, hier haben wirs: Telefonist Chodounsky, von einer Mine verschüttet. Telefoniert aus seiner Gruft an den Stab: ›Ich sterbe und gratuliere meinem Bataillon zum Sieg!‹«

»Das muß dir genügen«, sagte Schwejk, »oder willst du noch was hinzufügen? Erinnerst du dich an den Telefonisten von der Titanic, der was, wie das Schiff schon gesunken is, fort herunter in die überschwemmte Küche telefoniert hat, wann schon das Mittagmahl sein wird?«

»Mir solls nicht drauf ankommen«, sagte der Einjährigfreiwillige, »der Ausspruch Chodounskys vor dem Tode kann eventuell dadurch ergänzt werden, daß er zum Schluß ins Telefon ruft: ›Grüßt mir unsere Eiserne Brigade.‹«


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