Jarosav Hasek
Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Jarosav Hasek

 << zurück weiter >> 

3. In Budapest

Auf dem Militärbahnhof in Budapest brachte Matuschitz Herrn Hauptmann Sagner ein Telegramm vom Kommando, das der unglückliche Brigadekommandant geschickt hatte, der ins Sanatorium geschafft worden war. Es hatte denselben, aber nicht chiffrierten Inhalt wie jenes, das auf der vorigen Station eingetroffen war: »Rasch abkochen, dann Vormarsch auf Sokal.« Hinzugefügt war: »Train bei der Ortsgruppe einreihen. Aufklärungsdienst wird aufgehoben. Das 13. Marschbataillon baut eine Brücke über den Bug. Näheres in den Zeitungen.«

Hauptmann Sagner begab sich sofort zum Bahnhofskommando. Ein kleiner dicker Offizier begrüßte ihn mit freundschaftlichem Lächeln.

»Der hat was aufgeführt, euer Brigadekommandant«, sagte er, übers ganze Gesicht lächelnd, »aber einhändigen hab ich euch den Blödsinn müssen, weil von der Division noch keine Verordnung gekommen ist, daß man seine Telegramme den Adressaten nicht zustelln soll. Gestern ist das 14. Marschbataillon des 75. Regiments durchgefahren, und für den Bataillonskommandanten lag ein Telegramm vor, daß man der Mannschaft als besondere Belohnung für Przemysl je sechs Kronen auszahlen soll und gleichzeitig der Befehl, daß jeder Mann von diesen sechs Kronen hier in der Kanzlei zwei Kronen für die Kriegsanleihe erlegen muß. – Verläßlichen Berichten zufolge hat euer Brigadegeneral Paralyse.«

»Herr Major«, fragte Hauptmann Sagner den Bahnhofskommandanten, »dem Regimentsbefehl zufolge fahren wir laut Marschroute nach Gödöllö. Die Mannschaft soll hier 15 Deka Emmentaler Käse bekommen. Auf der letzten Station hat die Mannschaft 15 Deka ungarische Salami bekommen sollen. Aber sie hat nichts bekommen.«

»Offenbar wird auch hier nichts draus werden«, antwortete der Major, indem er unaufhörlich liebenswürdig lächelte, »ich weiß von keinem ähnlichen Befehl für Regimenter aus Böhmen. Übrigens ist das nicht meine Sache, wenden Sie sich an das Verpflegungskommando.«

»Wann fahren wir ab, Herr Major?«

»Vor Ihnen steht ein Zug mit schwerer Artillerie nach Galizien. Wir lassen ihn in einer Stunde abgehen, Herr Hauptmann. Auf dem dritten Geleise steht ein Sanitätszug. Er fährt 25 Minuten nach der Artillerie ab. Auf dem zwölften Geleise haben wir einen Munitionszug. Er fährt 10 Minuten nach dem Sanitätszug ab und 20 Minuten nach ihm geht Ihr Zug.«

»Das heißt, wenn dran nichts geändert wird«, fügte er abermals lächelnd hinzu, so daß er Hauptmann Sagner vollends unsympathisch wurde.

»Erlauben Sie, Herr Major«, fragte Sagner, »können Sie mir eine Aufklärung darüber geben, wieso Sie von keinem Befehl wissen, der die Ausfolgung von 15 Deka Emmentaler Käse an Regimenter aus Böhmen betrifft?«

»Das ist ein Reservat«, antwortete unaufhörlich lächelnd der Kommandant des Militärbahnhofs in Budapest.

»Da bin ich schön reingefallen«, dachte Hauptmann Sagner, aus dem Kommandogebäude tretend, »warum, zum Teufel, hab ich dem Lukasch gesagt, er soll alle Kommandanten zusammennehmen und mit ihnen und der Mannschaft in die Verpflegungsabteilung 15 Deka Emmentaler Käse pro Kopf fassen gehn.«

Bevor der Kommandant der 11. Kompanie, Oberleutnant Lukasch, dem Befehl des Hauptmanns Sagner gemäß die Befehle für den Marsch der Mannschaft zum Magazin erteilte, wo man 15 Deka Emmentaler Käse pro Mann fassen sollte, tauchte Schwejk mit dem unglücklichen Baloun vor ihm auf.

Baloun zitterte am ganzen Körper.

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant«, sagte mit seiner gewohnten Gewandtheit Schwejk, »die Sache, um die sichs handelt, is unendlich wichtig. Ich möcht bitten, Herr Oberlajtnant, daß wir die ganze Angelegenheit irgendwo nebenan erledigen möchten, wie mein Kamerad Schpatina aus Zhorscha gesagt hat, wie er einmal Heiratszeuge war und in der Kirche auf einmal hat müssen . . .«

»Also was gibts, Schwejk?« unterbrach ihn Oberleutnant Lukasch, dem bereits ebenso bange nach Schwejk gewesen war, wie Schwejk nach ihm, »gehn wir also ein Stückchen weiter.«

Baloun ging hinter ihnen her, ohne daß er zu zittern aufhörte. Dieser Riese hatte das seelische Gleichgewicht vollständig verloren und schleuderte in entsetzlich hoffnungsloser Verzweiflung die Arme hin und her.

»Also was gibts, Schwejk?« fragte Oberleutnant Lukasch, als sie ein Stückchen weitergegangen waren.

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant«, sagte Schwejk, »es is immer besser, sich früher zu was zu bekennen, bevor alles explodiert. Sie ham einen bestimmten Befehl gegeben, Herr Oberlajtnant, daß Ihnen Baloun, bis wir nach Budapest kommen, Ihre Leberpastete und eine Semmel bringen soll.«

»Hast du den Befehl bekommen oder nicht?« wandte sich Schwejk an Baloun.

Baloun begann noch mehr mit den Armen zu schlenkern, als wehre er sich gegen einen vordringenden Feind.

»Dieser Befehl«, sagte Schwejk, »hat leider Gottes nicht ausgeführt wern können, Herr Oberlajtnant. Ich hab Ihre Leberpastete aufgefressen . . .«

»Ich hab sie aufgefressen«, sagte Schwejk, den entsetzten Baloun puffend, »weil ich mir gedacht hab, daß Leberpastete verderben kann. Ich hab ein paarmal in der Zeitung gelesen, daß sich eine ganze Familie mit Leberpastete vergiftet hat. Einmal is so was in Piesek geschehn, einmal in Beraun, einmal in Tabor, einmal in Jungbunzlau, einmal in Přibram. Alle sind dieser Vergiftung erlegen. Leberpastete is der ärgste Mist . . .«

Baloun, der am ganzen Leib zitterte, trat beiseite, steckte sich den Finger in den Mund und erbrach in kurzen Intervallen.

»Was ist Ihnen, Baloun?«

»I–ch k–k–kotz, ee–ee Herr Obr–ee–ee Obr–lajtnant ee–ee«, rief der unglückliche Baloun, die Pausen benützend, »i–i–ch hab sie–ie–ie, auf–ge–ge–fr–essn, ich – ee, a–llein ee–ee, ii–ee . . .«

Aus dem Mund des unglücklichen Baloun kamen sogar Stückchen von der Stanniolhülle der Pastete hervor.

»Wie Sie sehn, Herr Oberlajtnant«, sagte Schwejk, nichts von seinem seelischen Gleichgewicht einbüßend, »geht jede solche aufgefressene Pastete heraus wie Öl ausn Wasser. Ich habs selbst auf mich nehmen wolln, und der Dummkopf verrät sich so. Er is ein ganz braver Mensch, aber er frißt alles auf, was man ihm anvertraut. Ich hab auch so einen Menschen gekannt. Er war Diener in einer Bank. Dem hat man Tausende anvertraun können; einmal hat er wieder in einer andern Bank Geld abgehoben, und man hat ihm um tausend Kronen mehr gegeben, und er hats gleich auf der Stelle zurückgetragen; aber wenn man sich hat um 15 Kreuzer Rauchfleisch holen lassen, so hat er die Hälfte am Wege aufgefressen. Er war schrecklich happig aufs Fressen, und wenn ihn die Beamten um Leberwürste geschickt ham, so hat er die Würste am Weg mitn Taschenmesser zerschnitten und die Löcher mit Englischpflaster zugeklebt, was ihn bei fünf Leberwürsten mehr gekostet haben muß wie eine ganze Leberwurst.«

Oberleutnant Lukasch atmete auf und ging davon.

»Geruhen Sie irgendwelche Befehle zu haben, Herr Oberlajtnant?« rief Schwejk ihm nach, während sich der unglückliche Baloun unaufhörlich den Finger in den Mund steckte.

Oberleutnant Lukasch winkte mit der Hand und wandte sich dem Verpflegungsmagazin zu, wobei der sonderbare Gedanke in ihm auftauchte, daß Österreich den Krieg nicht gewinnen könne, weil die Soldaten ihren Offizieren die Leberpasteten auffressen.

Inzwischen führte Schwejk Baloun auf die andere Seite des Militärbahnhofs. Dabei tröstete er ihn, daß sie gemeinsam in die Stadt gehn und dem Herrn Oberleutnant Debrecziner Würstchen bringen würden, der Begriff einer Wurstspezialität, die bei Schwejk naturgemäß mit dem Begriff der Hauptstadt des Königreichs Ungarn verschmolz.

»Der Zug könnt uns davonfahren«, jammerte Baloun, dessen Geiz ebenso groß war wie seine Gefräßigkeit.

»Wenn man an die Front fährt«, erklärte Schwejk, »versäumt man nie was, weil sichs jeder Zug, was an die Front fährt, sehr gut überlegt, auf die Endstation nur einen halben Marschbatjak zu bringen. Übrigens versteh ich dich sehr gut, Baloun. Hast eine zugenähte Tasche.«

Sie gingen aber nirgends hin, denn das Signal zum Einsteigen ertönte. Die Mannschaft der einzelnen Züge kehrte mit leeren Händen vom Verpflegungsmagazin wieder zu ihren Waggons zurück. Statt der 15 Deka Emmentaler Käse, die hier ausgegeben werden sollten, hatte jeder je eine Schachtel Streichhölzer und eine Ansichtskarte erhalten, die von dem Komitee für Kriegsgräber (Wien IX, Canisiusgasse 4) herausgegeben wurde. Statt 15 Deka Emmentaler hielt jeder den westgalizischen Soldatenfriedhof in Sedlisk mit einem Denkmal der unglücklichen Landwehrmänner in der Hand, das der Tachinierer-Bildhauer, Einjährigfreiwilliger-Feldwebel Scholz, angefertigt hatte.

Beim Stabswaggon herrschte ebenfalls eine ungewöhnliche Erregung. Die Offiziere des Marschbataillons versammelten sich um Hauptmann Sagner, der ihnen aufgeregt etwas auseinandersetzte. Er war gerade vom Bahnhofskommando zurückgekommen und hielt in der Hand ein streng vertrauliches echtes Telegramm des Brigadestabs mit ellenlangen Instruktionen und Winken, wie man sich in der neuen Situation, in der sich Österreich mit dem 23. Mai 1915 befand, zu verhalten habe.

Die Brigade telegrafierte, daß Italien Österreich-Ungarn den Krieg erklärt habe.

Noch in Bruck an der Leitha hatte man im Offizierskasino häufig beim Mittagstisch und Nachtmahl mit vollem Mund von dem sonderbaren Vorgehen und Verhalten Italiens gesprochen, aber alles in allem hatte niemand erwartet, daß sich die prophetischen Worte des Idioten Kadetten Biegler erfüllen würden, der einmal beim Nachtmahl die Makkaroni beiseite geschoben und erklärt hatte: »An denen werde ich mich erst vor den Toren Veronas satt essen.«

Nachdem Hauptmann Sagner die soeben von der Brigade eingetroffenen Instruktionen studiert hatte, ließ er Alarm blasen.

Als die ganze Mannschaft des Marschbataillons versammelt war, wurde sie im Karree aufgestellt, und Hauptmann Sagner verlas mit ungewöhnlich erhobener Stimme den ihm telegrafisch zugestellten Brigadebefehl:

»Von beispiellosem Verrat und maßloser Habgier verführt, hat der italienische König die brüderlichen Bande vergessen, die ihn zu einem Verbündeten unserer Monarchie machten. Seit Ausbruch des Krieges, in dem er sich unseren tapferen Truppen hätte zur Seite stellen sollen, spielte der verräterische italienische König die Rolle eines maskierten Meuchlers; während seines zweideutigen Verhaltens pflegte er, geheime Unterhandlungen mit unseren Feinden, ein Verrat, der in der Nacht vom 22. auf den 23. Mai in der Kriegserklärung an unsere Monarchie gipfelte. Unser allerhöchster Kriegsherr ist überzeugt, daß unsere stets tapferen und glorreichen Truppen auf den nichtswürdigen Verrat des treulosen Feindes mit einem Schlag antworten werden, der den Verräter zu der Erkenntnis bringen wird, daß er sich durch das schändliche und verräterische Eingreifen in diesen Krieg selbst vernichtet hat. Wir hegen die feste Zuversicht, daß mit Gottes Hilfe bald der Tag anbrechen wird, an dem die italienischen Ebenen wieder die Sieger von Santa Lucia, Vicenza, Novarra, Custozza sehen werden. Wir wollen siegen, müssen siegen und werden bestimmt siegen!«

Dann folgte das übliche dreimalige »Hoch!«, und die Soldaten setzten sich wieder, einigermaßen bestürzt, in den Zug. Statt 15 Deka Emmentaler hatten sie den Krieg mit Italien in der Tasche.

 

In dem Waggon, wo Schwejk, Feldwebel Waněk, Telefonist Chodounsky, Baloun und Koch Jurajda saßen, entspann sich ein interessantes Gespräch über das Eingreifen Italiens in den Krieg.

»In der Taborgasse in Prag war auch so ein Fall«, begann Schwejk, »dort war ein gewisser Kaufmann Horschejschi. Ein Stückl weiter von ihm, grad gegenüber, hat der Kaufmann Poschmourny seinen Laden gehabt, und zwischen ihnen beiden war der Höker Hawlasa. Also der Kaufmann Horschejschi hat mal den Einfall gehabt, daß er sich sozusagen mitn Höker Hawlasa gegen den Kaufmann Poschmourny verbinden könnt, und hat angefangen mit ihm zu verhandeln, daß sie die beiden Läden unter einer Firma ›Horschejschi und Hawlasa‹ vereinigen könnten. Aber der Höker Hawlasa is gleich zum Kaufmann Poschmourny gegangen und sagt ihm, daß ihm der Horschejschi zwölfhundert für seinen Hökerladen gibt und will, daß er mit ihm in Kompanie geht. Wenn er, der Poschmourny, ihm aber achtzehnhundert gibt, so wird er lieber mit ihm gegen den Horschejschi in Kompanie gehn. So sind sie einig geworden, und der Hawlasa is eine Zeitlang immer um diesen Horschejschi, was er betrogen hat, herumgesprungen und hat gemacht, wie wenn er sein bester Freund war, und wie die Rede drauf gekommen is, wann sies also abschließn wern, hat er gesagt: ›Ja, das wird schon bald sein. Ich wart nur, bis die Parteien von der Sommerwohnung zurückkommen.‹ Und wie die Parteien gekommen sind, so wars wirklich schon perfekt, wie erst dem Horschejschi immerfort versprochen hat, daß sies perfekt machen wern. Nämlich wie der Horschejschi mal früh den Laden aufmachen gegangen is, hat er eine große Aufschrift über dem Laden von seinem Konkurrenten gesehn, eine riesengroße Firmentafel: ›Poschmourny und Hawlasa‹.«

»Bei uns«, bemerkte der dumme Baloun, »war auch mal so ein Fall: ich wollt nebenan im Dorf ein Mutterkalb kaufen, ich habs zugesagt ghabt, und der Wotitzer Fleischer hat mirs vor der Nase weggeschnappt.«

»Wo wir also schon wieder einen neuen Krieg ham«, fuhr Schwejk fort, »wo wir um einen Feind mehr ham und wo wir wieder eine neue Front ham, wird man mit der Munition sparen müssen. ›Je mehr Kinder in der Familie sind, desto mehr Rohrstaberln verbraucht man‹, pflegte der alte Chowanek in Motol zu sagen, was den Eltern in der Nachbarschaft für ein Pauschal die Kinder durchgewichst hat.«

»Ich hab nur Angst«, sagte Baloun, am ganzen Körper zitternd, »daß wegen dem Italien kleinere Portionen sein wern.«

Rechnungsfeldwebel Waněk wurde nachdenklich und sagte ernst: »Das alles kann sein, denn jetzt wird sich unser Sieg ein bißchen hinziehn.«

»Jetzt möchten wir einen neuen Radetzky brauchen«, meinte Schwejk, »der hat sich schon in der dortigen Gegend ausgekannt, der hat schon gewußt, wo die schwache Seite der Italiener is und was man stürmen soll und von welcher Seite. Nämlich es is nicht so leicht, irgendwohin zu kriechen. Das trifft jeder, aber von dort wegzukommen, das is die wahre militärische Kunst. Wenn man schon irgendwohin kriecht, so muß man von allem wissen, was um einen herum vorgeht, damit man sich nicht plötzlich in einer Schlamastik befindet, was man Katastrophe nennt. Da hat man euch mal bei uns im Haus, noch in der alten Wohnung, aufn Boden einen Dieb erwischt, und der Kerl hat sich achtgegeben, wie er hineingekrochen is, daß grad Maurer den Lichthof ausbessern, so hat er sich ihnen also losgerissen, hat die Hausmeisterin umgeworfen und hat sich aufn Gerüst heruntergelassen in den Lichthof, und von dort hat er überhaupt nicht herauskönnen. Aber unser Väterchen Radetzky hat von jedem Weg gewußt, man hat ihn nie erwischen können. In einem Buch über den General war das alles beschrieben: wie er von Santa Lucia weggelaufen is und wie die Italiener auch weggelaufen sind und wie er erst am nächsten Tag draufgekommen is, daß ers eigentlich gewonnen hat. Weil er die Italiener dort nicht gefunden hat und nicht mit dem Fernrohr gesehn hat, so is er also zurück und hat das verlassene Santa Lucia besetzt. Das hat ihm den Feldmarschall eingetragen.«

»Was denn, Italien, das ist ein feines Land«, warf Koch Jurajda dazwischen, »ich war einmal in Venedig und weiß, daß der Italiener einen jeden Schwein nennt. Wenn er sich aufregt, ist man bei ihm gleich ein porco maledetto. Sogar der Papst ist bei ihm ein porco, sogar ›madonna mia e porco, papa e porco‹.«

Feldwebel Waněk äußerte sich demgegenüber sehr wohlwollend über Italien. Er habe in Kralup in seiner Drogerie eine Erzeugung von Zitronensaft, den er aus verfaulten Zitronen anfertige, und die billigsten und verfaultesten Zitronen habe er stets aus Italien bezogen. Jetzt werde Schluß sein mit dem Versand von Zitronen aus Italien nach Kralup. Es bestehe kein Zweifel, daß der Krieg mit Italien verschiedene Überraschungen mit sich bringen werde, denn Österreich werde sich rächen wollen.

»Das sagt sich so«, lachte Schwejk, »sich rächen! – Jemand denkt sich, daß er sich rächt, und zum Schluß trägts der davon, den sich so ein Mensch sozusagen zum Instrument seiner Rache ausgesucht hat. Wie ich vor Jahren auf der Weinberge gewohnt hab, so hat dort im Parterre ein Hausmeister gewohnt, und bei dem war so ein kleiner Bankbeamter auf Quartier, und der is in einen Ausschank in die Krameriusgasse gegangen und hat sich dort mal mit einem Herrn gestritten, was irgendwo auf der Weinberge ein Institut für Harnanalysen gehabt hat. Dieser Herr hat überhaupt an nichts anderes gedacht und von nichts anderem gesprochen und hat lauter Flascherln mit Urin bei sich getragen, jedem hat ers unter die Nase gesteckt, er soll auch urinieren und sich den Urin untersuchen lassen, weil von so einer Untersuchung das Glück des Menschen und der Familie abhängt und weils auch billig ist, weils nur sechs Kronen kostet. Alle, was in den Ausschank gegangen sind, auch der Wirt und die Wirtin, ham sich den Urin analysieren lassen, nur der Beamte hat sich noch gehalten, obzwar der Herr ihm fort aufs Pissoir nachgekrochen is, wenn er herausgegangen is, und ihm immer besorgt gesagt hat: ›Ich weiß nicht, Herr Shorkowsky, mir will Ihr Urin nicht gefallen, urinieren Sie in ein Flascherl, bevors zu spät ist!‹ Endlich hat er ihn überredet. Es hat den Beamten sechs Kronen gekostet, und der Herr hat ihm die Analyse gehörig versüßt, wie ers schon allen ausn Ausschank gemacht hat, nicht mal den Wirt ausgenommen, dem er das Gewerbe verdorben hat, weil er so eine Analyse immer mit solchen Reden begleitet hat, daß es ein sehr ernster Fall is, daß niemand nichts trinken darf, nur Wasser, daß er nicht rauchen darf, daß er nicht heiraten darf und daß er nur lauter Gemüse essen soll. Also dieser Beamte hat auf ihn eine schreckliche Wut gehabt wie alle und hat sich den Hausmeister zum Instrument seiner Rache ausgesucht, weil er den Hausmeister als einen rohen Menschen gekannt hat. Also einmal sagt er diesem Herrn, was diese Harnanalysen gemacht hat, daß sein Hausmeister sich schon einige Zeit nicht wohl fühlt und daß er ihn bittet, er soll sich morgen früh gegen sieben Uhr zu ihm um Urin kommen, daß er sich ihn nachsehn lassen will. Und er is hingegangen. Der Hausmeister hat noch geschlafen, wie ihn der Herr geweckt hat und freundschaftlich zu ihm gesagt hat: »Habe die Ehre, Herr Malek, guten Morgen wünsch ich. Hier is, bitte, ein Flascherl, urinieren Sie gefälligst, und ich krieg sechs Kronen.« Aber dann hats was gesetzt! Der Hausmeister is in Unterhosen ausn Bett gesprungen, hat den Herrn beim Hals gepackt und hat ihn an den Kasten geworfen, daß er drin hängengeblieben is. Wie er ihn ausn Kasten gezogen hat, hat er einen Ochsenziemer gepackt und hat ihn in Unterhosen die Tschelakowskygasse heruntergejagt, und der Herr hat gekreischt, wie wenn man einem Hund aufn Schwanz tritt, und in der Hawlitschekgasse is er in die Elektrische gesprungen, und den Hausmeister hat ein Polizist hopgenommen und sich mit ihm gerauft, und weil der Hausmeister in Unterhosen war und ihm alles aus ihnen herausgekrochen is, so hat man ihn wegen so einem Ärgernis in die Gemeindetruhe geworfen und ihn auf die Polizei gebracht, und er hat noch aus der Gemeindetruhe gebrüllt wie ein Stier: ›Ihr Halunken, ich wer euch zeigen, mir den Urin analysieren.‹ Er is sechs Monate gesessen wegen öffentlicher Gewalttätigkeit und Wachebeleidigung und hat sich dann nach Verkündung des Urteils einer Beleidigung des Herrscherhauses schuldig gemacht, so sitzt er vielleicht noch heut, und darum sag ich, wenn man sich an jemanden rächen will, so trägts immer ein unschuldiger Mensch davon.«

Baloun dachte inzwischen über etwas nach, bis er schließlich angsterfüllt fragte: »Bitte, Herr Rechnungsfeldwebel, Sie glauben also, daß wir wegen dem Krieg mit Italien kleinere Portionen fassen wern?«

»Das is klar wie Schuhwichs«, antwortete Waněk.

»Jesusmaria«, schrie Baloun, legte den Kopf in die Hände und saß still in seinem Winkel.

Damit endete in diesem Waggon endgültig die Debatte über Italien.

 

Im Stabswaggon wäre, da der berühmte Kriegstheoretiker Biegler nicht mehr zugegen war, das Gespräch über die durch das Eingreifen Italiens in den Krieg neu entstandene Kriegslage sicherlich recht langweilig gewesen, wenn Leutnant Dub von der dritten Kompanie Biegler nicht gewissermaßen ersetzt hätte.

Leutnant Dub war in Zivil Tschechisch-Professor und hatte bereits damals eine ungewöhnliche Neigung bekundet, überall, wo dies nur möglich war, seine Loyalität an den Tag zu legen. Als schriftliche Arbeiten legte er seinen Schülern Themen aus der Geschichte des Hauses Habsburg vor. In den niedrigeren Klassen schreckte die Schüler Kaiser Maximilian, der auf einen Felsen kroch und nicht hinunterklettern konnte, Joseph II. als Pflüger und Ferdinand der Gute. In den höheren Klassen waren die Themen allerdings komplizierter, wie zum Beispiel das Thema für die Septima: »Kaiser Franz Joseph I. als Förderer der Wissenschaften und der Kunst«, eine Arbeit, die den Ausschluß eines Septimaners aus sämtlichen Mittelschulen der österreichisch-ungarischen Monarchie zur Folge hatte, – er hatte nämlich geschrieben, daß die schönste Tat dieses Monarchen die Gründung der Kaiser-Franz-Josephs-Brücke in Prag gewesen sei.

Dub achtete stets sehr darauf, daß alle seine Schüler am Geburtstag des Kaisers und an ähnlichen Kaiserfeiern mit Begeisterung die Volkshymne sangen. In Gesellschaft war er unbeliebt, weil feststand, daß er ein Denunziant seiner Kollegen war. In der Stadt, wo er unterrichtete, war er Mitglied eines Kleeblatts der größten Dummköpfe und Esel, das aus ihm, dem Bezirkshauptmann und dem Direktor des Gymnasiums bestand. In diesem engen Kreis lernte er im Rahmen der österreichisch-ungarischen Monarchie politisieren. Auch jetzt begann er mit der Stimme und dem Ton eines verknöcherten Professors seine Anschauungen darzulegen.

»Alles in allem hat mich das Verhalten Italiens nicht im geringsten überrascht. Ich habe es schon vor drei Monaten erwartet. Es steht fest, daß Italien in der letzten Zeit infolge des siegreichen Krieges mit der Türkei um Tripolis bedeutend stolzer geworden ist. Außerdem verläßt es sich zu sehr auf seine Flotte und auf die Stimmung der Bevölkerung in unseren Küstenländern und in Südtirol. Noch vor dem Krieg habe ich mit unserem Bezirkshauptmann darüber gesprochen, daß unsere Regierung die irredentistische Bewegung im Süden nicht unterschätzen sollte. Er hat mir auch vollkommen recht gegeben, weil jeder scharfsinnige Mensch, dem an der Erhaltung unseres Reiches gelegen ist, schon längst erkennen mußte, wohin wir es mit der allzu großen Nachsicht gegen solche Elemente bringen würden. Ich erinnere mich deutlich, etwa vor zwei Jahren in einem Gespräch mit dem Bezirkshauptmann erklärt zu haben, daß Italien – es war in der Zeit des Balkankrieges während der Affäre unseres Konsuls Prochazka – auf die nächste Gelegenheit wartet, um uns meuchlings anzufallen.«

»Und da haben wirs!« schrie er mit einer Stimme, als ob alle mit ihm stritten, obwohl sich sämtliche anwesenden aktiven Offiziere bei seiner Rede dachten, daß ihnen dieser quasselnde Zivilist auf den Buckel steigen möge.

»Wahr ist«, fuhr er in gemäßigterem Tone fort, »daß man in der Mehrzahl der Fälle sogar in den Schulaufgaben an unser früheres Verhältnis zu Italien vergaß, an jene großen Tage der glorreichen siegreichen Armeen sowohl des Jahres 1848 als auch des Jahres 1866, von denen in den heutigen Brigadebefehlen die Rede ist. Ich habe aber immer meine Pflicht erfüllt und noch vor Schluß des Schuljahrs, knapp vor Kriegsbeginn, meinen Schülern die Stilaufgabe gegeben: ›Unsere Helden in Italien von Vicenza bis Custozza oder . . .‹«

Und der blöde Leutnant Dub fügte feierlich hinzu: ». . . ›Blut und Leben für Habsburg! Für ein Österreich, ganz, einig und groß!‹«

Er schwieg und wartete offenbar, daß die übrigen Insassen des Stabswaggons ebenfalls von der neuen Situation sprechen würden, worauf er ihnen nochmals bewiesen hätte, daß er bereits vor fünf Jahren Italiens Verhalten dessen Verbündeten gegenüber vorausgeahnt habe. Er täuschte sich jedoch ganz und gar, denn Hauptmann Sagner, dem Ordonnanz Matuschitz vom Bahnhof die Abendausgabe des »Pester Lloyd« brachte, sagte, in die Zeitung blickend: »Da schau her, diese Weiner, die wir in Bruck als Gast gesehn haben, hat hier gestern auf der Bühne des Kleinen Theaters gespielt.«

Damit war im Stabswaggon die Debatte über Italien beendet.

Bataillonsordonnanz Matuschitz und Batzer, der Diener Hauptmann Sagners, die rückwärts saßen, betrachteten den Krieg mit Italien von einem rein praktischen Standpunkt, denn vor vielen Jahren, noch während ihrer aktiven Dienstzeit, hatten beide an irgendwelchen Manövern in Südtirol teilgenommen.

»Das wird ne hübsche Schinderei sein, auf diese Berg zu klettern«, sagte Batzer, »Hauptmann Sagner hat einen ganzen Berg Koffer. Ich bin zwar ausm Gebirg, abers is ganz was andres, wenn man die Flint untern Rock nimmt und sichn Hasen in der Schwarzenbergschen Herrschaft aussuchen geht.«

»Das heißt, wenn wir nach Italien hinunterdirigiert wern. Mir wärs auch nicht recht, auf den Bergen und Gletschern mit Befehlen herumzusausen. Dann das Fressen dort unten, lauter Polenta und Öl«, sagte Matuschitz traurig.

»Und warum solltens grad uns ins Gebirg schicken«, geriet Batzer in Erregung, »unser Regiment war schon in Serbien, in den Karpaten, i hab mi scho mitn Koffern vom Herrn Hauptmann in die Berge rumgeschleppt, zwoamol hab ichs scho verloren; amol in Serbien, das zweitemol in den Karpaten, in so ner Schlamastik, unds kann san, daß dasselbe zum drittenmol a auf der italienischen Grenze auf mi wartet – und was den Fraß dort unten anbelangt« – er spuckte aus und rückte zutraulich zu Matuschitz: »Weißt, bei uns in Bergreichenstein mach mr so kleine Teigknödel aus rohen Erdäpfeln, die kocht man, dann wickelt mans in Ei, bestreuts hübsch mit Semmeln und bäckts auf Speck aus.« Das Wort Speck sagte er mit geheimnisvoll feierlicher Stimme.

»Und am besten sans mit Sauerkraut«, fügte er melancholisch hinzu, »da müssen sich die Makkaroni verstecken.«

Damit endete auch hier das Gespräch über Italien.

Da der Zug bereits zwei Stunden auf dem Bahnhof stand, herrschte in den übrigen Waggons eine Stimme: der Zug werde wahrscheinlich umdirigiert und nach Italien geschickt werden.

Dafür sprach auch der Umstand, daß inzwischen mit dem Transport sonderbare Dinge geschahen. Man jagte wieder alle Mann aus den Waggons, die Sanitätsinspektion kam mit der Desinfektionsabteilung und besprengte alle Waggons hübsch mit Lysol, was, hauptsächlich in den Waggons, wo man Kommißbrotvorräte mitführte, sehr mißfällig aufgenommen wurde.

Aber Befehl ist Befehl, die Sanitätskommission hatte den Befehl erteilt, alle Waggons des Transportes Nr. 728 zu desinfizieren, deshalb bespritzte man die Kommißbrothaufen und Reissäcke ganz ruhig mit Lysol. Daran konnte man wohl merken, daß etwas Besonderes vor sich ging.

Dann jagte man wieder alles in die Waggons und nach einer halben Stunde jagte man wieder alle heraus, weil ein General, der so alt war, daß es Schwejk sofort ganz selbstverständlich schien, ihn alter Herr zu nennen, den Transport besichtigte. Hinter der Front stehend, bemerkte Schwejk zu Feldwebel Waněk: »Das ist aber ein Krepierl!«

Und der alte General ging von Hauptmann Sagner begleitet vor der Front auf und ab, blieb vor einem jungen Soldaten stehen und fragte ihn, gewissermaßen um die ganze Mannschaft zu begeistern, woher er sei, wie alt er sei und ob er eine Uhr habe. Der Soldat besaß zwar eine Uhr, aber weil er dachte, daß er von dem alten Herrn noch eine bekommen werde, sagte er, daß er keine habe, worauf der alte General mit einem so idiotischen Lächeln, wie es Kaiser Franz Joseph zu haben pflegte, wenn er irgendwo in einer Stadt den Bürgermeister ansprach, meinte: »Das ist gut, das ist gut.« Dann wandte er sich an den danebenstehenden Korporal und beehrte ihn mit der Frage, ob seine Gattin gesund sei.

»Melde gehorsamst«, brüllte der Korporal, »daß ich nicht verheiratet bin«, worauf der General mit seinem herablassenden Lächeln wiederum sein »Das ist gut, das ist gut« sagte.

Dann forderte der General in greisenhafter Kindlichkeit Hauptmann Sagner auf, ihm vorzuführen, wie sich die Mannschaft selbst in Doppelreihen abzählt, und einen Augenblick später ertönte es schon: »Erster-zweiter, erster-zweiter, erster-zweiter!«

Das hatte der alte General sehr gern. Er hatte sogar zu Hause zwei Burschen, die er vor sich aufzustellen pflegte und zählen ließ »Erster-zweiter, erster-zweiter.«

Solcher Generale gabs in Österreich eine Menge.

Als die Inspektion glücklich vorüber war, wobei es der General Hauptmann Sagner gegenüber nicht an Lob fehlen ließ, erlaubte man der Mannschaft, sich im Bereiche des Bahnhofs frei zu bewegen, denn es war die Meldung eingetroffen, daß erst in drei Stunden abgefahren werde. Die Leute gingen also auf und ab und schauten lauernd umher, denn auf den Bahnhöfen herrschte ein reger Verkehr, und ab und zu erbettelte sich doch einer der Soldaten eine Zigarette.

Man konnte sehen, daß die erste Begeisterung, die sich in der feierlichen Begrüßung der Transporte auf den Bahnhöfen geäußert hatte, beträchtlich nachgelassen hatte und bis zur Bettelei herabgesunken war.

Bei Hauptmann Sagner stellte sich eine Deputation des »Vereines zur Begrüßung der Helden« ein; sie bestand aus zwei fürchterlich strapazierten Damen, die ein für das Marschbataillon bestimmtes Geschenk überreichten, nämlich zwanzig Schachteln wohlriechender Mundpastillen, Reklameartikel einer Pester Zuckerwarenfirma. Die Blechschächtelchen, in denen sich diese wohlriechenden Mundpastillen befanden, waren recht hübsch. Auf die Deckel war ein ungarischer Honvéd gemalt, der einem österreichischen Landsturmmann die Hand drückte, und darüber strahlte die heilige Stephanskrone. Ringsherum befand sich die deutsche und magyarische Aufschrift: »Für Kaiser, Gott und Vaterland.«

Die Zuckerwarenfabrik war so loyal, daß sie dem Kaiser vor Gott den Vorrang gab.

Jedes Schächtelchen enthielt 80 Pastillen, so daß im ganzen etwa fünf Pastillen auf drei Mann kamen. Außerdem brachten die abgehärmten, strapazierten Damen ein großes Paket mit verschiedenen gedruckten Gebeten, die den Budapester Erzbischof Gézsa von Szatmar-Budafal zum Verfasser hatten. Sie waren deutsch-magyarisch und enthielten die fürchterlichsten Verfluchungen aller Feinde. Geschrieben waren diese Gebete so leidenschaftlich, daß ihnen nur zum Schluß das schneidende magyarische »Baszom a Kristusmarjat!«Unübersetzbarer ungarischer Fluch. fehlte.

Dem ehrenwerten Erzbischof zufolge sollte der liebe Gott die Russen, Engländer, Serben, Franzosen, Italiener zu Nudeln und Paprikagulasch zerhacken. Der gütige Gott sollte in dem Blute der Feinde baden und alles ermorden, wie es der Rohling Herodes mit den Kindern getan hatte.

Der ehrwürdige Erzbischof von Budapest verwendete in seinen Gebeten beispielsweise folgende hübsche Sätze: »Gott segne eure Bajonette, damit sie tief in die Bäuche eurer Feinde dringen. Möge der überaus gerechte Gott das Feuer der Kanonen auf die Köpfe der feindlichen Stäbe richten. Der barmherzige Gott gebe, daß alle Feinde in dem Blute ihrer eigenen Wunden ersticken, die ihr ihnen zufügen werdet!«

Deshalb muß man abermals wiederholen, daß diesen Gebeten nichts anderes fehlte, als zum Schluß das »Baszom a Kristusmarjat!«

Als die beiden Damen das alles abgegeben hatten, äußerten sie Hauptmann Sagner gegenüber den verzweifelten Wunsch, bei der Verteilung der Geschenke anwesend sein zu dürfen. Die eine hatte sogar so viel Mut, zu erwähnen, daß sie bei dieser Gelegenheit gerne eine Ansprache an die Soldaten halten würde, die sie nicht anders nannte als »unsere braven Feldgrauen«.

Beide taten sehr beleidigt, als Hauptmann Sagner ihr Verlangen zurückwies. Einstweilen wanderten diese Liebesgaben in die Waggons, in denen sich das Magazin befand. Die ehrenwerten Damen schritten durch die Reihen der Soldaten, und die eine von ihnen verabsäumte nicht, bei dieser Gelegenheit einen bärtigen Soldaten im Gesicht zu tätscheln. Es war ein gewisser Schimek aus Budweis, der von der erhabenen Stellung der Damen nichts wußte und, als sie gegangen waren, zu seinen Freunden sagte: »Sind aber die Huren hier frech! Wenn so ein Aff wenigstens nach was aussehn möcht, sein tuts wie ein Storch, man sieht nix anderes als die Haxn und ausschaun tuts wie das Martyrium Gottes; und so ne olle Raschpl will sich noch was mit Soldaten anfangen.«

Auf dem Bahnhof ging es sehr lebhaft zu. Das Ereignis in Italien verursachte hier eine gewisse Panik, weil zwei Artillerietransporte angehalten und in die Steiermark geschickt worden waren. Auch ein Transport Bosniaken war da, der schon seit zwei Tagen aus irgendwelchen unbekannten Gründen hier wartete und vollkommen vergessen und verschollen war. Die Bosniaken hatten schon zwei Tage keine Menage gefaßt und bettelten in Neu-Pest um Brot. Man hörte nichts anderes als das aufgeregte Gespräch der lebhaft gestikulierenden vergessenen Bosniaken, die unaufhörlich aus sich herausstießen: »Jeben ti boga, jeben ti duschu, jeben ti majku.«

Dann wurde das Marschbataillon der Einundneunziger wieder zusammengetrieben und nahm die Plätze in den Waggons ein. Bald darauf kehrte aber Bataillonsordonnanz Matuschitz vom Bahnhofskommando mit der Nachricht zurück, daß man erst in drei Stunden fahren werde. Deshalb wurde die abermals zusammenberufene Mannschaft wieder aus den Waggons entlassen. Knapp vor Abfahrt des Zuges stieg Leutnant Dub sehr aufgeregt in den Stabswaggon und verlangte von Hauptmann Sagner, er möge Schwejk einsperren lassen. Leutnant Dub, ein alter bekannter Denunziant in seinem Wirkungskreis als Gymnasialprofessor, knüpfte gern Gespräche mit Soldaten an, um ihre Überzeugung zu erforschen und sie gleichzeitig zu belehren und aufzuklären, warum sie kämpften, wofür sie kämpften.

Bei seinem Rundgang hatte er hinter dem Bahnhofsgebäude bei einer Laterne Schwejk stehen gesehen, wie er mit Interesse das Plakat irgendeiner Kriegslotterie betrachtete. Dieses Plakat stellte einen österreichischen Soldaten dar, wie er einen entsetzten bärtigen Kosaken an eine Mauer bohrte.

Leutnant Dub klopfte Schwejk auf die Schulter und fragte ihn, wie ihm das gefalle.

»Melde gehorsamst, Herr Lajtnant«, antwortete Schwejk, »daß das ein Blödsinn is. Ich hab schon viel blöde Plakate gesehn, aber so was Blödes hab ich noch nie gesehn.«

»Was gefällt Ihnen denn dran nicht?« fragte Leutnant Dub.

»Was mir an dem Plakat nicht gefällt, Herr Lajtnant, is, wie der Soldat mit den ihm anvertrauten Waffen umgeht, er kann doch das Bajonett an der Mauer zerbrechen, und dann is das Ganze doch überhaupt überflüssig, er möcht dafür gestraft wern, weil der Russe die Hände oben hat und sich ergibt. Er is ein Gefangener und mit Gefangenen muß man anständig umgehn, denn das nützt nichts, es sind doch auch Menschen.«

Leutnant Dub fuhr also fort, Schwejks Gesinnung zu erforschen, und fragte ihn: »Ihnen tut also dieser Russe leid, nicht wahr?«

»Mir tun beide leid, Herr Lajtnant, der Russe, weil er durchgebohrt is, und auch der Soldat, weil er dafür eingesperrt wern wird. Er hat doch das Bajonett dabei zerbrechen müssen, Herr Lajtnant, das nützt nichts, es sieht ja aus wie eine steinerne Wand, wo er das hineinbohrt, und Stahl is zerbrechlich. Da hamr Ihnen mal, Herr Lajtnant, noch vom Krieg, in der aktiven Dienstzeit, einen Herrn Lajtnant bei der Kompanie gehabt. Nicht mal ein alter Kommißknopf hat sich so ausdrücken können wie der Herr Lajtnant. Aufn Exerzierplatz hat er uns gesagt: ›Wenn Habtacht is, so mußt du die Augen herauswälzen, wie wenn ein Kater ins Futter scheißt.‹ Aber sonst war er ein sehr braver Mensch. Einmal Weihnachten is er verrückt worn, hat für die Kompanie einen ganzen Wagen Kokosnüsse gekauft, und seit der Zeit weiß ich, wie zerbrechlich Bajonette sind. Die halbe Kompanie hat sich an diesen Kokosnüssen die Bajonette zerbrochen, und unser Oberlajtnant hat die ganze Kompanie einsperren lassen, drei Monate hamr nicht aus der Kaserne dürfen, der Herr Lajtnant hat Hausarrest gehabt . . .«

Leutnant Dub schaute ärgerlich in das arglose Gesicht des braven Soldaten Schwejk und fragte ihn zornig: »Kennen Sie mich?«

»Ich kenn Sie, Herr Lajtnant.«

Leutnant Dub rollte die Augen und stampfte mit den Füßen: »Ich sag Ihnen, daß Sie mich noch nicht kennen.«

Schwejk antwortete wiederum mit ahnungsloser Ruhe, als melde er einen Rapport: »Ich kenn Sie doch, Herr Lajtnant, Sie sind, melde gehorsamst, von unserm Marschbataillon.«

»Sie kennen mich noch nicht!« schrie Leutnant Dub abermals, »Sie kennen mich vielleicht von der guten Seite, aber bis Sie mich von der schlechten kennenlernen werden: ich bin bös, Sie werden sich wundern, ich bringe jeden zum Weinen. Also kennen Sie mich, oder kennen Sie mich nicht?«

»Ich kenn Sie, Herr Lajtnant.«

»Ich sag Ihnen zum letztenmal, daß Sie mich nicht kennen, Sie Esel. Haben Sie Brüder?«

»Melde gehorsamst, Herr Lajtnant, ich hab einen.«

Leutnant Dub geriet beim Anblick des arglosen Gesichtes Schwejks in schreckliche Wut und rief, ohne sich länger beherrschen zu können: »Da wird Ihr Bruder auch so ein Rindvieh sein wie Sie. Was war er denn?«

»Professor, Herr Lajtnant. Er war auch beim Militär und hat die Offiziersprüfung abgelegt.«

Leutnant Dub schaute Schwejk an, als wollte er ihn durchbohren. Schwejk ertrug mit würdevoller Gemessenheit den bösen Blick Leutnant Dubs, worauf das ganze Gespräch zwischen ihm und dem Leutnant vorläufig mit dem Wort »Abtreten!« endete.

Jeder ging also seines Weges, und jeder dachte sich das seine.

Leutnant Dub dachte, daß er den Herrn Hauptmann veranlassen werde, Schwejk einsperren zu lassen, und Schwejk wiederum dachte, daß er schon viele dumme Offiziere gesehen habe, aber daß so einer wie Leutnant Dub doch nur eine Seltenheit beim Regiment war.

Leutnant Dub, der sich gerade heute vorgenommen hatte, die Soldaten zu erziehen, fand hinter dem Bahnhof ein neues Opfer. Es waren zwei Soldaten vom Regiment, aber von einem anderen Zug; sie verhandelten im Dunkeln in gebrochenem Deutsch mit zwei Straßenmädchen, die sich zu Dutzenden um den Bahnhof herumtrieben.

Der sich entfernende Schwejk vernahm noch ganz deutlich die scharfe Stimme Leutnant Dubs: »Kennen Sie mich!?« –

»Aber ich sage euch, daß ihr mich nicht kennt!« –

»Aber bis ihr mich kennenlernen werdet!« –

»Ihr kennt mich vielleicht von der guten Seite!« –

»Ich sage euch, bis ihr mich von der schlechten Seite kennenlernen werdet!« –

»Ich werde euch zum Weinen bringen, ihr Esel!«

»Habt ihr Brüder?« –

»Das werden auch Rindviecher sein wie ihr! – Was waren sie? – Beim Train? – Also gut. – Denkt daran, daß ihr Soldaten seid. – Seid ihr Tschechen? – Wißt ihr, daß Palacky gesagt hat, wenn es kein Österreich geben würde, müßten wir eins schaffen; – Abtreten!« –

Der Rundgang Leutnant Dubs hatte jedoch alles in allem kein positives Ergebnis. Er hielt noch etwa drei Soldatengruppen an, aber seine erzieherischen Bestrebungen, »zum Weinen zu bringen«, scheiterten vollständig. Das Material, das ins Feld geschleppt wurde, war so beschaffen, daß Leutnant Dub aus den Augen jedes einzelnen herausfühlte, daß ein jeder etwas sehr Unangenehmes über ihn dachte. Er war in seinem Stolz verletzt, und das Resultat war, daß er vor Abfahrt des Zuges im Stabswaggon von Hauptmann Sagner verlangte, er möge Schwejk einsperren lassen. Er begründete die Notwendigkeit einer Isolierung des braven Soldaten Schwejk mit dessen maßlos frechem Auftreten, wobei er die aufrichtigen Antworten Schwejks auf seine letzte Frage »boshafte Bemerkungen« nannte. Sollte es so weitergehn, würde das Offizierskorps in den Augen der Mannschaft alle Würde verlieren, woran gewiß niemand von den Herren Offizieren zweifle. Er selbst habe noch vor dem Krieg mit dem Herrn Bezirkshauptmann davon gesprochen, daß jeder Vorgesetzte trachten müsse, seinen Untergebenen gegenüber eine gewisse Autorität zu bewahren. Der Herr Bezirkshauptmann wäre gleichfalls dieser Meinung gewesen. Insbesondere jetzt im Krieg, je näher man dem Feinde komme, sei es notwendig, die Soldaten in einem gewissen Schrecken zu erhalten. Deshalb verlange er also, daß Schwejk disziplinarisch bestraft werde.

Hauptmann Sagner, der als aktiver Offizier alle diese Reserveoffiziere aus den verschiedenen Zivilbranchen haßte, machte Leutnant Dub darauf aufmerksam, daß ähnliche Anzeigen nur in Form eines Rapports zu erstatten seien und nicht auf Hökerart, wie wenn man um den Preis von Kartoffeln feilsche. Soweit es sich um Schwejk selbst handle, sei die erste Instanz, deren Rechtskraft Schwejk unterstehe, Herr Oberleutnant Lukasch. So eine Sache erledige man nur beim Rapport. Von der Kompanie gehe so eine Sache zum Bataillon, das sei dem Herrn Leutnant vielleicht bekannt. Wenn Schwejk etwas angestellt habe, so werde er vor den Kompanierapport kommen und, falls er Berufung einbringen sollte, zum Bataillonsrapport. Wenn Herr Oberleutnant Lukasch dies wünsche und die Erzählung des Herrn Leutnant Dub für eine offizielle Anzeige halte, habe er nichts dagegen, daß Schwejk vorgeführt und verhört werde.

Oberleutnant Lukasch wandte nichts dagegen ein; er bemerkte nur, daß er selbst wisse, daß Schwejks Bruder tatsächlich Professor und Reserveoffizier sei.

Leutnant Dub schwankte und sagte, er habe nur eine Bestrafung in weiterem Sinne verlangt, es könne sein, daß sich der bewußte Schwejk nicht recht auszudrücken verstehe und seine Antworten deshalb den Eindruck von Frechheit, Boshaftigkeit und Mißachtung des Vorgesetzten erwecken. Abgesehen davon sei aus dem ganzen Gehabe des bewußten Schwejk ersichtlich, daß er von schwachem Verstande sei.

Damit verzog sich das ganze Gewitter über Schwejks Haupt, ohne daß der Blitz eingeschlagen hätte.

In dem Waggon, wo sich die Kanzlei und das Magazin des Bataillons befanden, schenkte Bautanzel, Rechnungsfeldwebel des Marschbataillons, zwei Bataillonsschreibern mit großer Herablassung je eine Handvoll Pastillen aus den Schachteln, die für das ganze Bataillon bestimmt waren. Es war eine alltägliche Erscheinung, daß alles, was für die Mannschaft bestimmt war, die nämliche Manipulation in der Bataillonskanzlei durchmachen mußte wie die unglückseligen Pastillen.

Das war überall im Krieg etwas ganz Selbstverständliches, und selbst dann, wenn sich irgendwo bei der Inspektion zeigte, daß nicht gestohlen worden war, stand doch nur jeder Rechnungsfeldwebel in den verschiedenen Kanzleien im Verdacht, das Budget zu überschreiten und sich gewisser Unterschleife schuldig zu machen, um alles wieder in Ordnung zu bringen.

Deshalb sprach Bautanzel, während sich alle mit den Pastillen stopften, um wenigstens diese Schweinerei zu genießen, wenn schon nichts anderes da war, um das man die Mannschaft hätte bestehlen können, von den traurigen Verhältnissen auf dieser Fahrt: »Ich hab schon zwei Marschbataillone durchgemacht, aber so eine elende Fahrt wie jetzt hamr noch nicht gehabt. Ja, Freunderln, bevor wir damals nach Eperjes gekommen sind, hamr Berge von allem bekommen, woran man sich erinnert hat. Ich hab zehntausend Memphis versteckt gehabt, zwei Räder Emmentaler, dreihundert Konserven und dann, wies schon nach Bartfeld in die Schützengräben gegangen is, ham die Russen von Eperjes her unsere Verbindung mit Musin abgeschnitten, und da hat man Geschäfte gemacht. Ich hab von allem so zum Schein den zehnten Teil fürs Marschbataillon hergegeben, wie wenn ichs erspart hätt, und das andre hab ich alles beim Train verkauft. Wir ham bei uns einen gewissen Major Sojka gehabt, das war eine hübsche Sau. Er war zwar kein Held und hat sich am liebsten bei uns beim Train herumgeschlagen, weil dort oben die Kugerln gepfiffen ham und die Schrapnells. Und da is er immer zu uns gekommen, unter dem Vorwand, daß er sich überzeugen muß, ob man für die Mannschaft beim Bataillon gut kocht. Gewöhnlich is er zu uns heruntergekommen, wenn die Nachricht eingetroffen is, daß die Russen wieder was vorbereiten; er hat am ganzen Körper gezittert, hat in der Küche Rum trinken müssen, und dann hat er eine Inspektion bei allen Feldküchen gemacht, die um den Train herumgestanden sind, weil man in die Schützengräben nicht hat hinauf können und die Menage in der Nacht hinaufgetragen werden mußte. Wir waren damals in so einer Schlamastik, daß von irgendeiner Offiziersmenage nicht mal die Rede sein konnt. Einen Weg, was noch nachn Hinterland frei war, ham die Deutschen ausn Reich besetzt gehabt, die ham alles zurückbehalten, was Besseres war, uns hat mans ausn Hinterland geschickt, und sie hams selbst aufgefressen, so daß auf uns nichts mehr geblieben is; wir sind alle beim Train ohne Offiziersmenage geblieben. In der ganzen Zeit is es mir nicht gelungen, in der Kanzlei mehr für uns zu ersparen wie ein Schweindl, was wir uns ham räuchern lassen, und damit der Major Sojka nicht drauf kommt, hamrs eine Stunde weit weg bei der Artillerie aufgehoben gehabt, wo ich einen bekannten Feuerwerker gehabt hab. Also dieser Major, wenn er zu uns gekommen is, hat immer angefangen in der Küche die Suppe zu kosten. Wahr is, Fleisch hat man nicht viel kochen können, nur was man an Schweinen oder mageren Kühen in der Umgebung aufgetrieben hat. Da ham uns noch die Preußen große Konkurrenz gemacht und ham bei der Requisition zweimal soviel fürs Vieh gegeben. In der ganzen Zeit, was wir bei Bartfeld gestanden sind, hamr uns beim Einkauf von Vieh nichts erspart wie ein bißl was über zwölfhundert Kronen, und da hamr noch meistens anstatt Geld Anweisungen mitn Bataillonsstempel gegeben, besonders in der letzten Zeit, wie wir gewußt ham, daß die Russen im Osten von uns in Radwany und im Westen in Podolin sind. Am ärgsten arbeitet sichs mit so einem Volk, wies dort is, was nicht lesen und schreiben kann und sich nur mit drei Kreuzeln unterschreibt, was unsere Intendanz sehr gut gewußt hat, so daß ich, wenn wir um Geld auf die Intendanz geschickt ham, nicht die gefälschte Quittung hab beilegen können, daß ich ihnen Geld ausgezahlt hab; das kann man nur dort machen, wo das Volk gebildeter is und sich unterschreiben kann. Und dann, wie ich schon gesagt hab, die Preußen ham uns überzahlt und ham bar gezahlt, und wenn wir wohin gekommen sind, so hat man uns angeschaut wie Räuber, und die Intendanz hat noch dazu einen Befehl herausgegeben, daß die Quittungen, was mit Kreuzeln unterschrieben sind, der Feldrechnungskontrolle übergeben werden müssen. Und von diesen Kerlen hats nur so gewimmelt. So ein Kerl is gekommen, hat sich bei uns angefressen und angetrunken, und am nächsten Tag is er uns anzeigen gegangen. Der Major Sojka hat fort in den Küchen herumgeschnüffelt, meiner Seel, glaubts mir, einmal hat er ausn Kessel das Fleisch für die ganze vierte Kompanie herausgezogen. Mitn Schweinskopf hats angefangen, von dem hat er gesagt, daß er nicht genug gekocht is, so hat er sich ihn noch ein Weilchen kochen lassen; es is wahr, man hat damals nicht viel Fleisch gekocht, auf die ganze Kompanie sind ungefähr zwölf alte ehrliche Portionen Fleisch gekommen, aber er hat alles aufgegessen, dann hat er die Suppe gekostet und Krawall geschlagen, daß sie wie Wasser is, was das für eine Ordnung is, Fleischsuppe ohne Fleisch, er hat Einbrenn hineingeben lassen und hat meine letzten Makkaroni hineingeworfen, was ich in der ganzen Zeit erspart hab. Aber das hat mich nicht so verdrossen wie das, daß auf diese Einbrenn zwei Kilo Teebutter draufgegangen sind, was ich noch in der Zeit abgespart hab, wos eine Offiziersmenage gegeben hat. Ich hab sie auf einem Regal überm Kavallett gehabt, er hat mich angebrüllt, wem das herich gehört. Ich hab ihm also gesagt, daß nachn Budget für die Verpflegung der Soldaten auf einen einzelnen Soldat zum Zubessern fünfzehn Gramm Butter kommen oder einundzwanzig Gramm Fett und daß die Buttervorräte, weils nicht langt, so lang stehnbleiben, solang man der Mannschaft nicht die volle Waage Butter zubessern kann. Major Sojka hat sich sehr aufgeregt, hat zu schrein angefangen, daß ich wahrscheinlich wart, bis die Russen kommen und uns die letzten zwei Kilo Butter wegnehmen, daß es gleich in die Suppe kommen muß, wenn die Suppe ohne Butter is. So bin ich um den ganzen Vorrat gekommen, und ihr könnts mir glauben, dieser Major hat mir, wie er sich nur gezeigt hat, lauter Pech gebracht. Er hat nach und nach so einen entwickelten Geruch gehabt, daß er gleich von allen meinen Vorräten gewußt hat. Einmal, wie ich an der Mannschaft Rindsleber abgespart hab und sie mir dünsten wollt, is er direkt unters Kavallett gekrochen und hat sie herausgezogen. Ich hab ihm auf sein Gebrüll gesagt, daß die Leber zum Eingraben bestimmt is, daß das vormittags von einem Hufschmied von der Artillerie festgestellt worden is, was einen Veterinärkurs hat. Der Major hat einen Gemeinen vom Train zusammengepackt und dann ham sie sich mit dem Gemeinen oben unter den Felsen in einem Kessel die Leber gebraten, und das war auch sein Unglück. Denn die Russen ham das Feuer gesehn und auf den Major und auf den Kessel mit einem Achtzehner gefeuert. Dann sind wir hin schaun gegangen und man hat nicht auseinander gekannt, ob sich auf dem Felsen die Rindsleber wälzt oder die Leber vom Herrn Major . . .«

 

Dann kam die Nachricht, daß man erst in vier Stunden abfahren werde. Die nach Hatwan führende Strecke sei mit Verwundetenzügen verstellt. Auf den Bahnhöfen verbreitete sich überdies das Gerücht, daß bei Jagr ein Sanitätszug mit Kranken und Verwundeten mit einem Munitionszug zusammengestoßen sei.

Aus Pest seien angeblich Hilfszüge abgefahren.

Bald darauf arbeitete bereits die Phantasie des ganzen Bataillons. Man sprach von 200 Toten und Verwundeten, und es hieß, daß der Zusammenstoß absichtlich herbeigeführt worden sei, damit die Betrügereien bezüglich der Verpflegung der Kranken nicht an den Tag kämen.

Das gab Anlaß zu einer scharfen Kritik an der unzureichenden Verpflegung des Bataillons und den Dieben in den Kanzleien und Magazinen.

Die Mehrzahl war der Meinung, daß Bataillonsrechnungsfeldwebel Bautanzel alles zur Hälfte mit den Offizieren teile.

Im Stabswaggon verkündete Hauptmann Sagner, daß man der Marschroute nach eigentlich schon an der galizischen Grenze sein sollte. In Jagr hätte man bereits für drei Tage Brot und Konserven für die Mannschaft fassen sollen. Bis Jagr seien noch zehn Stunden Fahrt. In Jagr stünden tatsächlich so viele Züge mit Verwundeten von der Offensive bei Lemberg, daß dem Telegramm zufolge in Jagr weder ein Kommißbrot noch eine einzige Konserve vorhanden sei. Er habe Befehl erhalten, statt Brot und Konserven 6 K 72 h pro Mann auszuzahlen, die bei der Verteilung der Löhnung für neun Tage ausgezahlt werden sollten, das heißt, falls er bis dahin Geld von der Brigade erhalten werde. In der Kassa habe er nur etwas über 12 000 Kronen.

»Das ist aber eine Schweinerei vom Regiment«, sagte Oberleutnant Lukasch, »uns so miserabel in die Welt zu schicken.«

Ein gegenseitiges Geflüster zwischen Fähnrich Wolf und Oberleutnant Kolarsch ergab, daß Oberst Schröder während der letzten drei Wochen an sein Konto in einer Wiener Bank 16 000 Kronen geschickt habe.

Hierauf erzählte Oberleutnant Kolarsch, auf welche Weise gespart werde. Man stiehlt dem Regiment 6000 Kronen, steckt sie in die eigene Tasche und erteilt mit konsequenter Logik an alle Küchen den Befehl, täglich jedem Mann 3 Gramm Erbsen abzuzwicken.

In einem Monat macht das 90 Gramm pro Mann, und bei jeder Kompanieküche muß wenigstens ein Vorrat von 16 Kilogramm Erbsen erspart werden, mit dem der Koch sich ausweisen muß.

Oberleutnant Kolarsch und Wolf erzählten einander nur so allgemein von bestimmten Fällen, die sie beobachtet hatten.

Es stand jedoch fest, daß es in der ganzen Militärverwaltung eine Fülle von solchen Fällen gab. Mit dem Rechnungsfeldwebel bei irgendeiner Kompanie fing es an, und mit dem Hamster in Generalsuniform, der Vorräte für den Nachkriegswinter anhäufte, endete es.

Der Krieg erforderte Tapferkeit auch beim Stehlen.

Die Intendanten schauten einander liebevoll an, als wollten sie sagen: »Wir sind ein Leib und eine Seele, wir stehlen, Kamerad, wir betrügen, Brüderlein, aber du kannst dir nicht helfen, gegen den Strom kann man schwer schwimmen. Wenn dus nicht nimmst, nimmts ein anderer und sagt noch von dir, daß du deshalb nicht stiehlst, weil du schon genug zusammengerafft hast.«

Den Waggon betrat ein Herr mit roten Lampassen. Es war wieder einer von den Generalen, die alle Strecken inspizierten.

»Setzen Sie sich, meine Herren«, nickte er leutselig, erfreut, wieder einen Transport überrascht zu haben, von dem er nicht gewußt hatte, daß er ihn hier vorfinden werde.

Als Hauptmann Sagner ihm Rapport erstatten wollte, winkte er nur mit der Hand: »Ihr Transport ist nicht in Ordnung. Ihr Transport schläft nicht. Ihr Transport sollte schon schlafen. Bei Transporten soll, wenn sie auf dem Bahnhof stehen, wie in den Kasernen um neun Uhr geschlafen werden.«

Er sagte abgehackt: »Vor neun Uhr führt man die Mannschaft zu den Latrinen hinter dem Bahnhof hinaus – und dann geht man schlafen. Sonst verunreinigt die Mannschaft in der Nacht die Strecke. Verstehn Sie, Herr Hauptmann? Wiederholen Sie mir das. Oder wiederholen Sie mirs nicht und machen Sies so, wie ich mirs wünsche. Alarm blasen. Alles zu den Latrinen jagen. Retraite blasen und schlafen. Kontrollieren, wer nicht schläft. Strafen! Ja! Ist das alles? Abendessen um sechs Uhr verteiln.«

Er sprach jetzt von etwas in der Vergangenheit, von etwas, was nicht geschehen war und sich gewissermaßen hinter einer zweiten Ecke befand. Er stand da wie ein Phantom aus der Region der vierten Dimension.

»Abendessen um sechs Uhr verteiln«, fuhr er fort und schaute auf die Uhr, die zehn Minuten nach elf Uhr nachts zeigte. »Um halb neun Alarm, Latrinenscheißen, dann schlafen gehn. Zum Abendessen um sechs Uhr Gulasch mit Kartoffeln statt 15 Deka Emmentaler.«

Dann folgte der Befehl: Bereitschaft. Hauptmann Sagner ließ also abermals Alarm blasen, und der Inspektionsgeneral, der der Aufstellung des Marschbataillons zusah, ging mit den Offizieren auf und ab und redete ununterbrochen auf sie ein, als wären sie Idioten und könnten nicht gleich begreifen; dabei zeigte er auf die Zeiger der Uhr: »Also sehn Sie. Um halb neun scheißen und nach einer halben Stunde schlafen. Das genügt vollkommen. In dieser Übergangszeit hat die Mannschaft ohnedies weichen Stuhl. Hauptsächlich lege ich Gewicht auf den Schlaf. Das ist die Stärkung zu weiteren Märschen. Solange die Mannschaft im Zug ist, muß sie sich ausruhn. Wenn nicht genug Platz in den Waggons ist, schläft die Mannschaft partieweise. Ein Drittel der Mannschaft legt sich im Waggon bequem hin und schläft von neun bis Mitternacht und die übrigen stehn und schaun zu. Dann machen die ersten Ausgeschlafenen dem zweiten Drittel Platz, das von Mitternacht bis drei Uhr früh schläft. Die dritte Partie schläft von drei bis sechs, dann ist Reveille, und die Mannschaft wäscht sich. Während der Fahrt nicht aus dem Wagen ab-sprin-gen! Vor den Transport eine Patrouille stellen, damit die Mannschaft während der Fahrt nicht ab-springt! Wenn der Feind einem Soldaten ein Bein bricht . . .«

Der General klopfte sich dabei aufs Bein: ». . . so ist das etwas lobenswertes, aber sich durch überflüssiges Abspringen aus dem Waggon in voller Fahrt verkrüppeln, ist sträflich.«

»Das ist also Ihr Bataillon?« fragte er Hauptmann Sagner, die schläfrigen Gestalten der Mannschaft beobachtend, von denen sich viele nicht zurückhalten konnten, und, aus dem Schlaf getrommelt, in der frischen Nachtluft gähnten; »das ist ein gähnendes Bataillon, Herr Hauptmann. Die Mannschaft muß um neun Uhr schlafen gehn.«

Der General stellte sich vor die 11. Kompanie, an deren linkem Flügel Schwejk stand, der über das ganze Gesicht gähnte und sich dabei manierlich die Hand vor den Mund hielt; aber unter der Hand ertönte so ein Brummen, daß Oberleutnant Lukasch zitterte, der General könnte dem eine genauere Aufmerksamkeit schenken. Ihm schien, daß Schwejk absichtlich gähnte.

Und der General drehte sich um, als kenne er Schwejk, und trat auf ihn zu: »Böhm oder Deutscher?«

»Böhm, melde gehorsamst, Herr Generalmajor.«

»Gut«, sagte der General, der ein Pole war und ein wenig tschechisch verstand, »du brüllst wie eine Kuh. Stul pysk, drsch gubu, nebutsch! Warst du schon auf der Latrine?«

»Nein, melde gehorsamst, Herr Generalmajor.«

»Warum bist du nicht mit den übrigen scheißen gegangen?«

»Melde gehorsamst, Herr Generalmajor, auf den Manövern in Pisek hat uns der Herr Oberst Wachtl gesagt, wie die Mannschaft während der Rast ins Korn gekrochen is, daß ein Soldat nicht immerfort nur ans Scheißen denken darf, ein Soldat soll ans Kämpfen denken. Übrigens, melde gehorsamst, was möchten wir dort auf der Latrine machen? Man hat nicht was herauszudrücken. Nach der Marschroute hätten wir schon auf einigen Stationen Nachtmahl kriegen solln, und gekriegt hamr nichts. Mit leerem Magen kriech ich nicht auf die Latrine!«

Nachdem Schwejk dem Herrn General die allgemeine Situation mit so einfachen Worten klargelegt hatte, schaute er ihn so zutraulich an, daß der General die Bitte herausfühlte, ihnen allen zu helfen. Wenn schon Befehl erteilt wird, in Marschformation zur Latrine zu gehen, so muß dieser Befehl auch innerlich durch etwas gestützt sein.

»Schicken Sie alles wieder in die Wagen«, sagte der General zu Hauptmann Sagner, »wie kommt es, daß die Mannschaft kein Abendessen bekommen hat? Alle Transporte, die diese Station passieren, müssen ein Abendessen bekommen. Hier ist die Verpflegsstation. Das geht nicht anders. Es besteht ein bestimmter Plan.«

Der General sagte dies mit einer Bestimmtheit, die bedeutete, daß es jetzt bereits nach elf Uhr nachts sei, daß das Nachtmahl, wie er bereits vorher bemerkt hatte, um sechs Uhr hatte verabreicht werden sollen und daß daher nichts anderes übrigbliebe, als den Zug noch eine Nacht und einen Tag über bis sechs Uhr abends hier zurückzuhalten, damit die Mannschaft Gulasch mit Kartoffeln bekomme.

»Es gibt nichts Ärgeres«, sagte er mit ungeheurem Ernst, »als im Krieg während des Transportes von Soldaten ihre Verpflegung zu vergessen. Meine Pflicht ist festzustellen, wie es eigentlich in der Kanzlei des Bahnhofskommandos ausschaut. Denn, meine Herren, manchmal sind die Transportkommandanten selbst schuld. Bei der Revision der Station Sabatka auf der bosnischen Südbahn habe ich festgestellt, daß sechs Transporte kein Nachtmahl bekommen haben. Sechsmal hat man auf der Station Gulasch mit Kartoffeln gekocht und niemand hat es verlangt. Man hat es haufenweise weggegossen. Es war eine Senkgrube für Kartoffeln mit Gulasch, meine Herren, und drei Stationen weiter haben die Soldaten der Transporte, die in Sabatka an Haufen und Bergen von Gulasch vorbeigefahren sind, auf dem Bahnhof um ein Stück Brot gebettelt. Hier, wie Sie sehen, trug nicht die Militärverwaltung die Schuld.«

Er winkte heftig mit der Hand: »Die Transportkommandanten haben ihre Pflicht nicht erfüllt. Gehn wir in die Kanzlei.«

Sie folgten ihm, während sie darüber nachdachten, warum alle Generale verrückt geworden seien.

Auf dem Kommando stellte sich heraus, daß man von dem Gulasch wirklich nichts wußte. Es hätte heute – das stimmte – für alle Transporte gekocht werden sollen, die durchfuhren, aber dann war der Befehl gekommen, bei der Verrechnung der Verpflegung der Soldaten je 72 Heller pro Mann abzurechnen, so daß jeder durchfahrende Truppenteil ein Guthaben von 72 Heller pro Mann hatte, das ihm von seiner Intendanz bei der nächsten Löhnungsfassung auszuzahlen war. Was das Brot betrifft, werde die Mannschaft in Watian auf der Station je einen halben Wecken erhalten.

Der Kommandant der Verpflegungsstation fürchtete sich nicht. Er sagte dem General geradewegs ins Gesicht, daß die Befehle jede Stunde geändert wurden. Bisweilen habe er Menage für die Transporte vorbereitet. Aber es kommt ein Sanitätszug, weist sich mit einem höheren Befehl aus und, nichts zu machen, der Transport steht vor dem Problem leerer Kessel.

Der General nickte zustimmend mit dem Kopf und bemerkte, daß sich die Verhältnisse entschieden besserten, zu Beginn des Krieges sei es viel ärger gewesen. Es gehe nicht alles auf einmal, es erfordere entschieden Erfahrungen, Praxis. Theorie hemme eigentlich die Praxis. Je länger der Krieg dauere, desto mehr komme alles in Ordnung.

»Ich kann Ihnen ein praktisches Beispiel geben«, sagte er, entzückt davon, daß ihm etwas Ausgezeichnetes eingefallen war: »Vor zwei Tagen haben die Transporte, die durch die Station Hatwan fuhren, kein Brot bekommen, und Sie werden es dort morgen fassen. Gehn wir jetzt in die Bahnhofsrestauration.«

Im Bahnhofsrestaurant lenkte der Herr General das Gespräch abermals auf die Latrinen und fügte hinzu, wie häßlich es aussehe, wenn überall auf den Schienen Kakteen seien. Er aß dabei Beefsteak, und allen schien es, als wälze sich ein Kaktus in seinem Mund herum.

Auf die Latrinen legte er so ein Gewicht, als hänge von ihnen der Sieg der Monarchie ab.

In Anbetracht der neuen Lage in bezug auf Italien erklärt er, daß gerade in den Latrinen unserer Armee der unleugbare Vorteil der italienischen Kampagne beruhe.

Der Sieg Österreichs kroch aus der Latrine.

Für den Herrn General war alles so einfach. Der Weg zum Kriegsruhm war laut Rezept: »Um sechs Uhr bekommen die Soldaten Gulasch mit Kartoffeln, um halb neun scheißt sich das Militär in der Latrine aus, und um neun Uhr wird schlafen gegangen. Vor so einem Heer flieht jeder Feind entsetzt.«

Der Generalmajor wurde nachdenklich, zündete sich eine Operas an und schaute lange, lange auf den Plafond. Er dachte nach, was er noch sagen könnte, da er nun einmal hier war, und womit er die Offiziere des Marschbataillons belehren sollte.

»Der Kern Ihres Bataillons ist gesund«, sagte er plötzlich, als alle erwarteten, daß er fortfahren werde, auf den Plafond zu schauen und zu schweigen, »Ihr Stand ist vollkommen in Ordnung. Der Mann, mit dem ich gesprochen habe, erweckt mit seiner Aufrichtigkeit und seiner militärischen Haltung die beste Hoffnung in bezug auf das Ganze. Er wird gewiß bis zum letzten Blutstropfen kämpfen.«

Er verstummte und schaute, auf die Lehne des Sessels gestützt, wieder auf den Plafond, dann sprach er in der gleichen Haltung weiter, wobei nur Leutnant Dub, dem Trieb seiner sklavischen Seele folgend, mit dem General auf den Plafond blickte: »Ihr Bataillon braucht aber, daß seine Taten nicht in Vergessenheit geraten. Die Bataillone Ihrer Brigade haben schon ihre Geschichte, die Ihr Bataillon fortsetzen muß. Und Ihnen fehlt gerade der Mann, der genaue Notizen macht und die Geschichte des Bataillons schreibt. Bei ihm müssen alle Fäden zusammenlaufen. Er muß wissen, was jede Kompanie des Bataillons vollbringt. Es muß ein intelligenter Mensch sein, kein Rindvieh, keine Kuh, Herr Hauptmann, Sie müssen im Bataillon einen Bataillonsgeschichtsschreiber ernennen.«

Dann schaute er auf die Wanduhr, deren Zeiger die ganze schläfrige Gesellschaft daran erinnerte, daß es bereits Zeit sei, auseinanderzugehen.

Der General hatte seinen Inspektionszug vor der Station und forderte die Herren auf, ihn in seinen Schlafwaggon zu begleiten.

Der Bahnhofskommandant seufzte. Der General dachte nicht daran, sein Beefsteak und seine Flasche Wein zu begleichen. Der Kommandant mußte das wieder selbst bezahlen. Solche Besuche gab es täglich einige. Ihretwegen waren schon zwei Fuhren Heu draufgegangen, die er auf ein blindes Geleise hatte ziehen lassen und der Firma Löwenstein, Heereslieferant, verkauft hatte. Das Ärar hatte diese zwei Waggons der Firma wieder verkauft, aber er hatte sie sicherheitshalber stehnlassen. Vielleicht würde er sie der Firma Löwenstein wieder einmal weiterverkaufen müssen.

Dafür sagten sämtliche Inspizierenden, die diese Hauptstation in Pest passierten, daß man dort beim Bahnhofskommandanten gut esse.

Am Morgen stand der Transport noch auf dem Bahnhof, es wurde Reveille geblasen, die Soldaten wuschen sich bei den Pumpen in der Eßschale, der General mit seinem Zug war noch nicht weggefahren und revidierte persönlich die Latrinen, wohin man sich dem Tagesbefehl des Bataillons gemäß unter Kommando der Schwarmkommandanten in Schwärmen begab, damit der Herr Generalmajor eine Freude habe.

Damit auch Leutnant Dub eine Freude habe, teilte ihm Hauptmann Sagner mit, daß er – Leutnant Dub – heute Inspektion habe.

Leutnant Dub beaufsichtigte also die Latrinen.

Die langgestreckte zweireihige Latrine nahm je zwei Schwärme einer Kompanie auf.

Und jetzt hockten die Soldaten hübsch einer neben dem andern über den aufgeworfenen Gräben wie Schwalben auf Telegrafendrähten, wenn sie sich im Herbst zum Flug nach Afrika rüsten.

Jedem schauten die Knie aus den herabgelassenen Hosen, jeder hatte einen Riemen um den Hals, als wolle er sich jeden Augenblick aufhängen und warte auf irgendeinen Befehl. Daran konnte man freilich die militärische eiserne Disziplin, die Organisation erkennen.

Auf dem linken Flügel saß Schwejk, der zufällig hierhergeraten war, und las mit Interesse ein aus weiß Gott welchem Roman von Ružena Jesenska herausgerissenes Blatt:

. . .sigen Pensionat leider Damen
                            es unbestimmt, tatsächlich vielleicht mehr
de größtenteils in sich abgeschlossene Ver
                men in ihre Kemenaten, oder sie
                            eigentümliche Unterhaltung. Und wenn er auch
        ging ein Mensch und seufzte ti
ch besserte, denn sie wollte nicht so sehn
                              zen, wie sie selbst es gewünscht hätte. Er
                          war nichts für den jungen Keitschka

Als er die Augen von dem Papier losriß, blickte er unwillkürlich zum Ausgang der Latrine und erstaunte. Dort stand in voller Parade der Herr Generalmajor von gestern nacht mit seinem Adjutanten und neben ihm Leutnant Dub, der ihm eifrig etwas erklärte.

Schwejk schaute rund umher. Alles blieb ruhig auf der Latrine sitzen, nur die Chargen waren gewissermaßen regungslos erstarrt.

Schwejk empfand den Ernst der Situation.

Er sprang so wie er war, mit herabgelassenen Hosen, den Riemen um den Hals, noch im letzten Augenblick das Stück Papier benützend, in die Höh und brüllte: »Einstellen! Auf! Habt acht! Rechts schaut!« Und salutierte.

Zwei Schwärme mit herabgelassenen Hosen und Riemen um den Hals erhoben sich von der Latrine.

Der Generalmajor lächelte freundlich und sagte: »Ruht! Weitermachen!« Feldwebel Marek ging seinem Schwarm mit gutem Beispiel voran und kehrte in die ursprüngliche Position zurück. Nur Schwejk stand und fuhr fort zu salutieren, denn von der einen Seite näherte sich ihm drohend Leutnant Dub und von der andern der lächelnde Generalmajor.

»Sie hab ich in der Nacht gesehen«, sagte der Generalmajor, als er die komische Positur Schwejks sah, worauf sich der aufgeregte Leutnant Dub an den Generalmajor wandte: »Melde gehorsamst, Herr Generalmajor, der Mann ist blödsinnig und als Idiot bekannt, ein notorischer Dummkopf.«

»Was sagen Sie, Herr Leutnant?« brüllte der Generalmajor Leutnant Dub plötzlich an und erklärte schreiend, daß gerade das Gegenteil der Fall sei. Ein Mann, der weiß, was sich gehört, wenn er einen Vorgesetzten sieht, und eine Charge, die ihn nicht sieht und ignoriert! Genau wie im Felde. Ein gemeiner Soldat übernimmt zur Zeit der Gefahr das Kommando. Und gerade Herr Leutnant Dub hätte selbst das Kommando geben sollen, das dieser Soldat gegeben hat: »Einstellen! – Auf! – Habt acht! Rechts schaut!«

»Hast du dir den Arsch abgewischt?« fragte der Generalmajor Schwejk.

»Melde gehorsamst, Herr Generalmajor, daß alles in Ordnung is.«

»Wjencej schratsch nebendzesch?«

»Melde gehorsamst, Herr Generalmajor, daß ich fertig bin.«

»Zieh dir also die Hosen hinauf und stell dich dann wieder Habtacht!« Da der Generalmajor dieses Habtacht ein wenig lauter sagte, fingen die Zunächstsitzenden an, von der Latrine aufzustehen.

Der Generalmajor winkte jedoch freundschaftlich mit der Hand und sagte in sanftem, väterlichem Ton: »Aber nein, ruht, ruht, nur weitermachen.«

Schwejk stand bereits in voller Parade vor dem Generalmajor, und der Generalmajor richtete eine kurze deutsche Ansprache an ihn: »Achtung vor den Vorgesetzten, Kenntnis des Dienstreglements und Geistesgegenwart bedeutet beim Militär alles. Und wenn sich dazu noch Tapferkeit gesellt, gibt es keinen Feind, den wir fürchten müßten.«

Zu Leutnant Dub gewendet sagte er, Schwejk mit dem Finger in den Bauch stoßend: »Notieren Sie sich: Diesen Mann bei Eintreffen an der Front unverzüglich befördern und bei nächster Gelegenheit für die Bronzene Medaille vorschlagen, für genaue Ausübung des Dienstes und Kenntnis . . . Sie wissen doch, was ich meine . . . Abtreten!«

Der Generalmajor entfernte sich von der Latrine, während Leutnant Dub, damit der Generalmajor es hörte, laut die Befehle erteilte: »Erster Schwarm auf! Doppelreihen. – Zweiter Schwarm . . .«

Schwejk ging inzwischen hinaus, und als er an Leutnant Dub vorüberging, leistete er diesem zwar wie sichs gebührt die Ehrenbezeigung, aber Leutnant Dub sagte dennoch: »Herstellt«, und Schwejk mußte von neuem salutieren, wobei er abermals zu hören bekam: »Kennst du mich? Du kennst mich nicht? Du kennst mich nur von der guten Seite, bis du mich von der schlechten Seite kennenlernen wirst, werde ich dich zum Weinen bringen.«

Schwejk ging schließlich zu seinem Waggon und dachte dabei: »Einmal, wie ich noch in Karolinental in der Kaserne war, war dort ein gewisser Leutnant Chudawy, und der hats anders gesagt, wenn er sich aufgeregt hat: ›Jungens, merkts euch, wenn ihr mich seht, daß ich wie eine Sau auf euch bin und daß ich diese Sau bleib, solang ihr bei der Kompanie sein werdet.‹«

Als Schwejk am Stabswaggon vorüberging, rief ihm Oberleutnant Lukasch zu, er möge Baloun bestellen, er solle sich mit dem Kaffee beeilen und die Milchkonserve wieder hübsch zumachen, damit sie nicht verderbe. Baloun kochte nämlich auf einem kleinen Spirituskocher im Waggon bei Rechnungsfeldwebel Waněk für Oberleutnant Lukasch Kaffee. Als Schwejk es bestellte, merkte er, daß der ganze Waggon während seiner Abwesenheit angefangen hatte, Kaffee zu trinken.

Die Kaffee- und Milchkonserve Oberleutnant Lukaschs war bereits halb leer, und Baloun, der aus seiner Schale Kaffee schlürfte, stocherte mit dem Löffel in der Milchkonserve herum, um sich den Kaffee noch zu verbessern.

Der okkultistische Koch Jurajda und der Rechnungsfeldwebel Waněk versicherten einander gegenseitig, man werde Herrn Oberleutnant Lukasch die Milch beim Eintreffen von Kaffee- und Milchkonserven ersetzen.

Schwejk wurde ebenfalls Kaffee angeboten, aber er lehnte ab und sagte zu Baloun: »Grad is ein Befehl vom Armeestab gekommen, daß jeder Putzfleck, was seinem Offizier eine Milch- oder Kaffeekonserve veruntreut, unverzüglich binnen 24 Stunden erhängt wern soll. Das soll ich dir vom Herrn Oberlajtnant ausrichten, und du sollst augenblicklich mitn Kaffee zu ihm kommen.«

Der erschrockene Baloun riß dem Telegraphisten Chodounsky die Portion aus der Hand, die er ihm gerade vor einer Weile eingeschenkt hatte, wärmte sie noch ein wenig, goß konservierte Milch zu und sauste damit in den Stabswaggon.

Mit herausgewälzten Augen reichte er Oberleutnant Lukasch den Kaffee, wobei ihm der Gedanke durch den Kopf fuhr, Oberleutnant Lukasch müsse ihm an den Augen ansehen, wie er mit den Konserven gewirtschaftet hatte.

»Ich hab mich aufgehalten«, stotterte er, »weil ich sie nicht hab aufmachen können.«

»Da hast du gewiß die Milchkonserve ausgegossen, was?« fragte Oberleutnant Lukasch, ein wenig Kaffee trinkend, »oder hast sie mit Löffeln gefressen wie Suppe. Weißt du, was auf dich wartet?!«

Baloun seufzte und jammerte: »Ich hab drei Kinder, melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant.«

»Gib acht, Baloun, ich warne dich noch einmal vor deiner Gefräßigkeit. Hat dir Schwejk nichts gesagt?«

»Binnen 24 Stunden könnt ich aufgehängt werden«, antwortete Baloun, dessen ganzer Körper schlotterte, traurig.

»Schlotter mir hier nicht herum, du Dummkopf«, sagte Oberleutnant Lukasch mit einem Lächeln, »und bessere dich. Schlag dir schon diese Gefräßigkeit aus dem Kopf und sag dem Schwejk, er soll sich irgendwo auf dem Bahnhof oder in der Umgebung nach etwas Gutem zum Essen umsehn. Gib ihm hier diesen Zehner. Dich schick ich nicht. Du wirst erst gehn, bis du schon zum Platzen angefressen sein wirst. Hast du mir nicht die Büchse Sardinen aufgefressen? Du sagst, das nicht. Bring sie her und zeig mir sie!«

Baloun bestellte Schwejk, daß ihm der Herr Oberleutnant einen Zehner schicke, damit Schwejk irgendwo auf dem Bahnhof etwas Gutes zum Essen auftreibe; dann zog er mit einem Seufzer aus dem Koffer des Oberleutnants eine Büchse Sardinen und trug sie beklommen zum Oberleutnant zur Revision.

Der Arme hatte sich so gefreut, daß Oberleutnant Lukasch vielleicht schon an die Sardinen vergessen hatte, und jetzt war alles aus. Der Oberleutnant wird sich sie wohl im Waggon lassen und Baloun um sie bringen. Er fühlte sich bestohlen.

»Hier sind, melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, Ihre Sardinen«, sagte er bitter, die Büchse dem Eigentümer übergebend. »Soll ich sie aufmachen?«

»Schon gut, Baloun, laß es gehn und trag die Büchse wieder an ihren Ort. Ich wollte mich nur überzeugen, ob du nicht hineingeguckt hast. Mir kam vor, als du den Kaffee brachtest, daß du den Mund fett hast wie von Öl. Ist Schwejk schon gegangen?«

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, daß er schon gegangen is«, meldete Baloun aufgeheitert. »Er hat gesagt, der Herr Oberlajtnant wird zufrieden sein, und daß den Herrn Oberlajtnant alle beneiden wern. Er is irgendwohin ausn Bahnhof gegangen und hat gesagt, daß er hier alles bis nach Rakos-Palota kennt. Wenn der Zug vielleicht ohne ihn wegfahren sollt, daß er zur Automobilkolonne gehen wird und uns auf der nächsten Station mitn Automobil einholn wird. Wir solln keine Sorge um ihn ham, er weiß, was seine Pflicht is, und wenn er sich auf seine Kosten einen Fiaker nehmen sollt, mit ihm dem Transport bis nach Galizien nachfahren müßt. Später kann mans ihm von der Löhnung abziehn. Auf keinen Fall solln Sie herich um ihn Angst ham, Herr Oberlajtnant.«

»Schieb ab«, sagte Oberleutnant Lukasch traurig.

Aus der Kommandokanzlei brachte man die Nachricht, daß erst Nachmittag um zwei Uhr nach Gödöllö-Asod gefahren werde und daß man auf den Bahnhöfen für die Offiziere je zwei Liter roten Wein und eine Flasche Kognak fassen werde. Es hieß, daß es sich um irgendeine in Verlust geratene Sendung fürs Rote Kreuz handle. Wie immer sich dies auch verhalten mochte, die Spirituosen waren geradewegs vom Himmel gefallen, und im Stabswaggon gings lustig zu. Der Kognak hatte drei Sternchen, und der Wein war von der Marke Gumpoldskirchen.

Nur Oberleutnant Lukasch war unablässig irgendwie beklommen. Es war bereits eine Stunde verflossen, und Schwejk kam noch immer nicht zurück. Nach einer weiteren halben Stunde näherte sich dem Stabswaggon ein sonderbarer Zug, der aus der Kanzlei des Bahnhofskommandos herausgetreten war. Voran ging Schwejk, ernst und würdevoll wie die ersten christlichen Märtyrer, als man sie in die Arena schleppte.

Zu beiden Seiten je ein magyarischer Honvéd mit aufgepflanztem Bajonett. Auf dem linken Flügel ein Zugführer vom Bahnhofskommando, hinter ihm eine Frau in einem roten, gefältelten Rock und ein Mann in ungarischen Stiefeln, mit rundem Hütchen und verbeultem Aug, eine lebende, geängstigt schreiende Henne tragend.

Das alles kletterte in den Stabswaggon, aber der Zugführer brüllte den Mann mit der Henne auf magyarisch an, er möge unten bleiben.

Als Schwejk Oberleutnant Lukasch erblickte, blinzelte er ihm bedeutungsvoll zu.

Der Zugführer wollte mit dem Kommandanten der 11. Marschkompanie reden. Oberleutnant Lukasch nahm von ihm ein Aktenstück des Stationskommandos in Empfang, in dem er erbleichend las:

An das Kompaniekommando der 11. Marschkompanie des 91. k. u. k. Infanterieregiments zur weiteren Amtshandlung. Vorgeführt wird Infanterist Schwejk, Josef, nach seiner Angabe Ordonnanz derselben Marschkompanie des k. u. k. 91. Infanterieregiments, wegen Verbrechens der Plünderung, begangen an den Ehegatten Istwan in Isatarcsa im Rayon des Bahnhofskommandos.

Gründe: Infanterist Schwejk, Josef, der sich einer hinter dem Hause der Istwangatten (ein im Original fabelhaft neugebildetes deutsches Wort) in Isatarcsa im Rayon des Bahnhofskommandos herumlaufenden, den Istwangatten gehörenden Henne bemächtigt hat und dem Eigentümer, der ihn anhielt, um ihm die Henne abzunehmen, um dies zu verhindern, in das linke Auge schlug, wurde von der herbeigerufenen Patrouille angehalten und zu seinem Truppenteil eingeliefert, worauf die Henne dem Eigentümer zurückgegeben wurde.

Unterschrift des diensthabenden Offiziers.

Als Oberleutnant Lukasch die Bestätigung über den Empfang Schwejks unterschrieb, zitterten seine Knie unter ihm.

Schwejk stand so nahe bei Oberleutnant Lukasch, daß er sah, wie dieser das Datum hinzuzufügen vergaß.

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant«, ließ er sich vernehmen, »daß heut der vierundzwanzigste is. Gestern war der 23. Mai, wo uns Italien den Krieg erklärt hat. Wie ich jetzt draußen war, so spricht man Ihnen von nichts anderem.« Die Honvéds mit dem Zugführer entfernten sich, und zurück blieben nur die Istwangatten, die fortwährend in den Waggon klettern wollten.

»Wenn Sie noch einen Fünfer bei sich hätten, Herr Oberlajtnant, so könnten wir die Henne kaufen. Nämlich der Lump will für sie fünfzehn Gulden, aber da rechnet er sich schon einen Zehner für sein blaues Aug zu«, sagte Schwejk im Erzählerton, »aber ich denk, Herr Oberlajtnant, daß zehn Gulden für so ein blödes Aug zuviel is. Da hat man bei der ›Alten Frau‹ dem Drechsler Matej die ganze Kinnlade mit einem Ziegel samt sechs Zähnen für zwanzig Gulden herausgeschlagen, und damals hat das Geld noch einen größeren Wert gehabt wie jetzt. Sogar der WohlschlägerPrager Scharfrichter. hängt für vier Gulden.«

»Komm her«, winkte Schwejk dem Mann mit dem verbeulten Auge und der Henne auf dem Arm, »und du, Alte bleib dort.«

Der Mann trat in den Waggon. »Er kann bißl deutsch«, bemerkte Schwejk, »und versteht alle Schimpfworte und kann auch selbst ziemlich gut deutsch schimpfen.«

»Also zehn Gulden«, wandte er sich an den Mann, »fünf Gulden Henne, fünf Auge. Öt forint siehst du kikiriki, öt forint kukuk, igen? Hier Stabswaggon, du Dieb. Gib Henne her!«

Er steckte dem überraschten Mann zehn Gulden in die Hand, nahm ihm die Henne ab, dreht ihr den Hals um und schob ihn dann aus dem Waggon hinaus, wobei er freundschaftlich seine Hand ergriff und herzlich schüttelte: »Jo napot, baratom, adieu, kriech zu deiner Alten. Oder ich schmeiß dich heraus.«

»Also sehn Sie, Herr Oberleutnant, daß sich alles in Ordnung bringen läßt«, sagte Schwejk zu Oberleutnant Lukasch, »am besten is, wenn man alles ohne Schkandal, ohne große Faxen erledigt. Jetzt kochen wir Ihnen mit Baloun so eine Hühnersuppe, daß man sie bis in Siebenbürgen riechen wird.«

Oberleutnant Lukasch hielt es nicht mehr aus; er schlug Schwejk die unglückselige Henne aus der Hand und schrie dann auf: »Wissen Sie, Schwejk, was ein Soldat verdient, der in Kriegszeiten die friedliche Bevölkerung plündert?«

»Den Ehrentod durch Pulver und Blei«, antwortete Schwejk feierlich.

»Sie verdienen allerdings den Strick, Schwejk, denn Sie haben als erster angefangen zu plündern. Sie Lump, Sie, ich weiß wirklich nicht, wie ich Sie nennen soll, Sie haben an Ihren Eid vergessen. Mir kann der Kopf zerspringen.«

Schwejk schaute Oberleutnant Lukasch mit einem fragenden Blick an und sagte schnell: »Melde gehorsamst, daß ich an meinen Eid nicht vergessen hab, den unser Kriegsvolk ablegen muß. Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, daß ich meinem erlauchtesten Fürsten und Herrn Franz Joseph I. feierlich geschworen hab, auch den Generalen Seiner Majestät treu und gehorsam zu sein und überhaupt allen meinen Vorgesetzten und Oberen zu gehorchen, sie zu achten und zu beschützen, ihre Anordnungen und Befehle in allen Dienstleistungen zu erfüllen, gegen jeden Feind, wer immer es auch sei und wo immer es der Wille Seiner kaiserlichen und königlichen Majestät erfordert, zu Wasser, unter Wasser, auf der Erde, in der Luft, bei Tag und bei Nacht, in Schlachten, Angriffen, Kämpfen, und auch allen anderen Unternehmungen, überhaupt an jedem Ort . . .«

Schwejk hob die Henne vom Boden auf und fuhr fort, während er Habtacht stand und Oberleutnant Lukasch in die Augen blickte, »zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit tapfer und mutig zu kämpfen, meine Armee, Fahnen und Feldzeichen nie zu verlassen, mit dem Feind niemals das geringste Einverständnis zu pflegen, mich immer zu benehmen, wie es die Kriegsgesetze erfordern und wie es braven Soldaten ziemt, und auf diese Weise in Ehren zu leben und zu sterben, wozu mir Gott helfe. Amen. Und diese Henne hab ich, melde gehorsamst, nicht gestohlen, ich hab nicht geplündert und hab mich eingedenk meines Schwures anständig benommen.«

»Wirst du die Henne loslassen, du Vieh«, brüllte ihn Oberleutnant Lukasch an, indem er Schwejk mit dem Schriftstück über die Hand schlug, in der dieser die tote Henne hielt, »schau dir diese Akten an. Siehst du, hier hast dus schwarz auf weiß: Vorgeführt wird Infanterist Schwejk, Josef, nach seiner Angabe Ordonnanz, wegen Verbrechens des Plünderns . . . Und jetzt sag mir, du Marodeur, du Hyäne – nein, ich werde dich noch einmal erschlagen, erschlagen, verstehst du – sag mir, du diebischer Dummkopf, wie hast du dich so vergessen können.«

»Melde gehorsamst«, sagte Schwejk freundlich, »daß es sich entschieden um nichts anderes handeln kann wie um einen Irrtum. Wie ich Ihren Befehl bekommen hab, Ihnen irgendwo etwas Gutes zum Essen zu verschaffen und zu kaufen, so hab ich angefangen zu überlegen, was wohl am besten wär. Hinterm Bahnhof war überhaupt nichts, nur Pferdewurst und gedörrtes Eselfleisch. Ich hab mir, melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, alles gut überlegt. Im Feld braucht man was sehr Nahrhaftes, damit man die Kriegsstrapazen besser aushalten kann. Und da hab ich Ihnen eine horizontale Freude machen wolln. Ich hab Ihnen, Herr Oberlajtnant, eine Hühnersuppe kochen wolln.«

»Hühnersuppe«, sprach ihm der Oberleutnant nach und packte sich am Kopf.

»Ja, melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, Hühnersuppe, ich hab Zwiebeln gekauft und fünf Deka Nudeln. Hier is alles, bitte. Hier in dieser Tasche Zwiebeln und in dieser sind die Nudeln. Salz hamr in der Kanzlei und Pfeffer auch. Es hat nichts mehr gefehlt, nur noch die Henne. Ich bin also hintern Bahnhof nach Isatarcsa gegangen. Es is eigentlich ein Dorf, wie wenns keine Stadt wär, obzwar dort in der ersten Gasse Isa-Tarcsa Varos aufgeschrieben is. Ich geh durch eine Gasse mit Gärtchen, durch die zweite, dritte, vierte, fünfte, sechste, siebte, achte, neunte, zehnte, elfte, und erst in der dreizehnten Gasse ganz am Ende, wo hinter einem Haus schon die Wiesen angefangen ham, is eine Schar Hennen gewesen und is herumspaziert. Ich bin zu ihnen gegangen und hab mir die größte, schwerste ausgesucht, schaun Sie sich sie gefälligst an, Herr Oberlajtnant, sie is lauter Fett, man muß sie gar nicht angreifen und erkennts gleich am ersten Blick, daß man ihr hat viel Körner streun müssen. Ich hab sie also genommen, ganz öffentlich in Gegenwart der Bevölkerung, was etwas magyarisch auf mich geschrien hat, ich halt sie bei den Füßen und frag paar Leut, tschechisch und deutsch, wem diese Henne gehört, damit ich sie von jemandem kaufen kann; da kommt grad aus dem Häuschen ganz am Ende ein Mann mit einer Frau gelaufen und fängt an, mich zuerst magyarisch aufzuheißen und dann deutsch, daß ich ihm bei hellichtem Tag eine Henne gestohlen hab. Ich hab ihm gesagt, er soll nicht auf mich schrein, daß ich geschickt worn bin, damit ich sie für Sie kauf, und hab ihm erzählt, wie sich die Sache verhält. Und die Henne, wie ich sie bei den Füßen gehalten hab, hat plötzlich angefangen mit den Flügeln zu schlagen und hat in die Höh fliegen wolln, und wie ich sie nur so leicht in der Hand gehalten hab, hat sie mir die Hand in die Höh gezogen und hat sich ihrem Herrn auf die Nase setzen wolln. Und er hat gleich angefangen zu schrein, daß ich ihn herich mit der Henne über die Nase gehaut hab. Und das Weib hat was gekreischt und hat fort auf die Henne geschrien: Puta, puta, puta, puta. Da ham aber schon irgendwelche Blödiane, was das nicht verstanden ham, eine Honvédpatrouille auf mich gehetzt, und ich hab sie selbst aufgefordert, sie solln mit mir aufs Bahnhofskommando gehn, damit meine Unschuld herauskommt wie Öl ausn Wasser. Aber mit dem Herrn Lajtnant, was dort Dienst gehabt hat, war keine Rede nicht, nicht mal wie ich ihn gebeten hab, er soll Sie fragen, obs wahr is, daß Sie mich geschickt ham, daß ich Ihnen was Gutes kaufen soll. Er hat mich noch angeschrien, ich solls Maul halten, daß mir herich sowieso ein starker Ast mit einem guten Strick aus den Augen schaut. Er war, mir scheint, in sehr schlechter Laune, denn er hat mir gesagt, daß nur ein Soldat, was plündert und stiehlt, so ausgefressen sein kann. Es sind herich schon auf der Station mehr Beschwerden, vorgestern ist herich irgendwo nebenan jemandem ein Truthahn verlorengegangen, und wie ich ihm gesagt hab, daß wir in der Zeit noch in Raab waren, so hat er gesagt, daß so eine Ausrede für ihn nicht gilt. So hat man mich zu Ihnen geschickt, und dann hat mich dort noch ein Gefreiter angeschrien, weil ich ihn nicht gesehn hab, ob ich herich nicht weiß, wen ich vor mir hab. Ich hab ihm gesagt, daß er ein Gefreiter is, wenn er bei den Jägern wär, daß er Patrouillenführer wär und bei der Artillerie Oberkanonier.«

»Schwejk«, sagte nach einer Weile Oberleutnant Lukasch, »Sie haben schon so viele ungewöhnliche Zufälle und Unfälle gehabt, so viele ›Irrtümer‹ und ›Mißverständnisse‹, wie Sie zu sagen pflegen, daß ihnen vielleicht doch nur ein dicker Strick um den Hals mit allen militärischen Ehren im Karree von Ihren Malheuren helfen wird. Verstehn Sie?«

»Ja, melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, ein Karree oder ein sogenanntes geschlossenes Bataillon besteht aus vier, ausnahmsweise auch aus drei oder fünf Kompanien. Befehlen Sie, Herr Oberlajtnant, in die Suppe aus dieser Henne mehr Nudeln, damit sie dicker is?«

»Schwejk, ich befehle Ihnen, daß Sie schon mitsamt der Henne verschwinden, sonst schlag ich sie Ihnen um den Kopf, Sie Idiot, Sie . . .«

»Zu Befehl, Herr Oberlajtnant, aber Sellerie hab ich, melde gehorsamst, nicht bekommen können, Möhren auch nicht! Ich gib Kar . . .«

Schwejk sprach -toffeln nicht zu Ende und flog samt der Henne vor den Stabswaggon. Oberleutnant Lukasch trank in einem Zug ein Wasserglas Kognak aus.

Schwejk salutierte vor den Fenstern des Waggons und verschwand.

Baloun schickte sich just nach glücklich beendetem seelischem Kampf an, die Büchse Sardinen seines Oberleutnants zu öffnen, als Schwejk mit der Henne auftauchte, was selbstverständlich alle Insassen des Waggons in Aufregung versetzte; alle schauten ihn an, als wollten sie gradhinaus sagen: Wo hast du das gestohlen?

»Gekauft hab ich sie fürn Herrn Oberlajtnant«, antwortete Schwejk, Zwiebeln und Nudeln aus der Tasche ziehend. »Ich wollt ihm Suppe aus ihr kochen, aber er will sie nicht mehr, so hat er mir sie geschenkt.«

»War sie nicht krepiert?« fragte Rechnungsfeldwebel Waněk argwöhnisch.

»Ich hab ihr selbst den Hals umgedreht«, antwortete Schwejk, ein Messer aus der Tasche ziehend.

Baloun schaute Schwejk dankbar und gleichzeitig mit einem Ausdruck der Ehrfurcht an und bereitete schweigend den Spiritusbrenner des Oberleutnants vor. Dann nahm er ein paar Eßschalen und lief mit ihnen um Wasser.

Zu Schwejk trat Telefonist Chodounsky und machte sich erbötig, die Henne rupfen zu helfen, wobei er Schwejk die intime Frage ins Ohr flüsterte: »Is es weit von hier? Muß man in den Hof klettern oder is es im Freien?«

»Ich hab sie gekauft.«

»Aber schweig, bist ein schöner Kamerad, wir ham gesehn, wie sie dich geführt ham!«

Er beteiligte sich jedoch eifrig am Rupfen der Henne. An den großen feierlichen Vorbereitungen beteiligte sich auch Koch-Okkultist Jurajda, der Kartoffeln und Zwiebeln für die Suppe kleinschnitt.

Die Federn, die aus dem Waggon geworfen wurden, erweckten die Aufmerksamkeit Leutnant Dubs, der die Waggons entlangschritt.

Er rief hinein, derjenige, der die Henne rupfe, möge sich zeigen, worauf in der Türe das zufriedene Gesicht Schwejks erschien.

»Was ist das?« schrie Leutnant Dub ihn an, den abgeschnittenen Kopf der Henne vom Boden hebend.

»Das is, melde gehorsamst«, antwortete Schwejk, »der Kopf einer Henne aus der Gattung der welschen Hennen. Das sind sehr gute Eierleger, Herr Lajtnant. Sie legen bis 260 Eier im Jahr. Schaun Sie sich gefälligst an, was für einen reichen Eierstock sie gehabt hat.« Schwejk hielt Leutnant Dub die Eingeweide der Henne unter die Nase.

Dub spuckte aus, ging fort und kam nach einer Weile zurück:

»Für wen wird diese Henne zubereitet?«

»Für uns, melde gehorsamst, Herr Lajtnant. Schaun Sie, wieviel Fett sie hat.«

Leutnant Dub entfernte sich und brummte dabei: »Bei Philippi sehen wir uns wieder.«

»Was hat er dir gesagt?« wandte sich Jurajda an Schwejk.

»Aber wir ham uns irgendwo bei Philippi Rendezvous gegeben. Nämlich diese vornehmen Herrn sind gewöhnlich Buseranten.«

Der Koch-Okkultist erklärte, daß nur Ästheten homosexuell seien, was schon aus dem Wesen der Ästhetik selbst hervorgehe. Rechnungsfeldwebel Waněk erzählte hierauf vom Mißbrauch von Kindern durch Pädagogen in den spanischen Klöstern.

Und während das Wasser in dem Kessel über dem Spiritus zu kochen begann, meinte Schwejk so nebenhin, daß man einem Erzieher eine Kolonie verlassener Wiener Kinder anvertraut habe und daß dieser Lehrer die ganze Kolonie mißbrauchte.

»Es ist halt eine Leidenschaft, aber am ärgsten is es, wenns über Weiber kommt. In Prag II gabs vor Jahren zwei verlassene Frauen, sie waren geschieden, weil sie Schlampen waren, eine gewisse Mourek und Schousek, und die ham einmal in den Alleen von Rostok, wie dort die Kirschen geblüht ham, einen alten impotenten hundertjährigen Leierkastenmann abgefangen und ham sich ihn ins Rostoker Wäldchen geschleppt, und dort ham sie ihn vergewaltigt. Was die mit ihm gemacht ham! Da is in Zizkow ein Herr Professor Axamit, und der hat dort gegraben, er hat Gräber von Zwergen gesucht und hat paar ausgenommen, und sie ham sich ihn, diesen Leierkastenmann, in so ein ausgegrabenes Grab geschleppt und dort ham sie ihn gehalten und mißbraucht. Und der Professor Axamit is am nächsten Tag hingekommen und sieht, daß etwas im Grab liegt. Er war froh, aber es war der abgemarterte, abgequälte Leierkastenmann, was diese geschiedenen Frauen so zugerichtet ham. Um ihn herum waren lauter Hölzer. Dann is der Leierkastenmann am fünften Tag gestorben, und diese Ludern waren noch so frech, daß sie ihm aufs Begräbnis gegangen sind. Das is schon Perversität.«

»Hast dus gesalzen?« wandte sich Schwejk an Baloun, der das allgemeine Interesse an der Erzählung Schwejks benützt und etwas in seinem Rucksack versteckt hatte, »zeig, was du dort machst!«

»Baloun«, sagte Schwejk ernst, »was willst du mit diesem Hühnerschenkel? Also schaut euch das an. Er hat uns einen Hühnerschenkel gestohlen, damit er sich ihn dann heimlich kochen kann. Weißt du, Baloun, was du da angestellt hast? Du weißt, wie das im Krieg bestraft wird, wenn jemand seinen Kameraden im Feld bestiehlt. Man bindet ihn an ein Geschützrohr und schießt ihn mit einer Kartätsche in die Luft. Jetzt is schon zu spät zum Seufzen. Bis wir irgendwo an der Front Artillerie begegnen wern, so meldest du dich beim nächsten Feuerwerker. Derweil wirst du aber zur Strafe exerzieren. Kriech ausn Waggon.«

Der unglückliche Baloun kroch hinunter, und Schwejk kommandierte, in der Tür des Waggons sitzend: »Habt acht! Ruht! Habt acht! Rechts schaut! Habt acht! Gradaus schaut! Ruht!«

»Jetzt wirst du Gelenksübungen auf der Stelle machen. Rechts um! Menschenskind! Sie sind eine Kuh. Ihre Hörner solln sich dort befinden, wo Sie früher die rechte Schulter gehabt ham. Herstellt! Rechts um! Links um! Halbrechts! Nicht so, Ochs! Herstellt! Halbrechts! No, siehst du, Esel, daß es geht! Halblinks! Links um! Links! Front! Front! Blödian! Weißt du nicht, was Front is? Gradaus! Kehrt euch! Kniet! Nieder! Setzen! Auf! Setzen! Nieder! Auf! Nieder! Auf! Setzen! Auf! Ruht!«

»Also siehst du, Baloun, das is gesund, so verdaust du wenigstens gut!«

Ringsumher sammelten sich Gruppen und brachen in Jubel aus.

»Macht gefälligst Platz«, schrie Schwejk, »er wird marschieren. Also, Baloun, gib dir acht, daß ich nicht herstellen muß. Ich quäl die Mannschaft nicht gern überflüssig. Also: Direktion Bahnhof! Schaun, wohin ich zeig. Marschieren marsch! Glied – halt! Steh, zum Teufel, oder ich sperr dich ein! Glied – halt! Daß du endlich stehngeblieben bist, Dummkopf. Kurzer Schritt! Weißt du nicht, was kurzer Schritt is? Ich wer dirs zeigen, bis du blau sein wirst! Voller Schritt! Wechselschritt! Ohne Schritt! Hornochs einer! Wenn ich sag ohne Schritt, so bewegst du nur die Haxen auf der Stelle.«

Ringsumher standen bereits mindestens zwei Kompanien.

Baloun schwitzte und wußte nicht, wie ihm geschah, und Schwejk kommandierte weiter:

»Gleicher Schritt! Glied rückwärts marsch!«

»Glied halt!«

»Laufschritt!«

»Glied marsch!«

»Schritt!«

»Glied halt!«

»Ruht!«

»Habt acht! Direktion Bahnhof! Laufschritt marsch! Halt! Kehrt euch! Direktion Waggon! Laufschritt marsch! Kurzer Schritt! Glied halt! Rechts! Jetzt wirst du dich ein Weilchen ausruhn! Und dann fangen wir von neuem an. Mit gutem Willen bringt man alles zustand.«

»Was geht da hier vor?« ertönte die Stimme Leutnant Dubs, der beunruhigt herbeigelaufen kam.

»Melde gehorsamst, Herr Lajtnant«, sagte Schwejk, »daß wir uns so bißl üben, damit wir nicht ans Exerzieren vergessen und die kostbare Zeit nicht vertrödeln.«

»Klettern Sie aus dem Waggon«, befahl Leutnant Dub, »ich habs wirklich schon satt. Ich werde Sie dem Herrn Bataillonskommandanten vorführen.«

Als sich Schwejk im Stabswaggon befand, verließ Oberleutnant Lukasch durch den zweiten Ausgang den Waggon und trat auf den Perron.

Als Leutnant Dub Hauptmann Sagner von der, wie er sich ausdrückte, merkwürdigen Allotria des braven Soldaten Schwejk berichtete, war Sagner gerade sehr gut gelaunt, denn der Gumpoldskirchner war tatsächlich ausgezeichnet.

»Sie wollen also nicht die kostbare Zeit überflüssig vertrödeln«, lachte er bedeutungsvoll. »Matuschitz, kommen Sie her!«

Die Bataillonsordonnanz erhielt Befehl, Feldwebel Nasakla von der 12. Kompanie zu holen, der als größter Tyrann bekannt war, und Schwejk sofort mit einem Gewehr zu versehen.

»Hier, dieser Mann«, sagte Hauptmann Sagner zu Feldwebel Nasakla, »will die kostbare Zeit nicht überflüssig vertrödeln. Nehmen Sie ihn hinter den Waggon und üben Sie eine Stunde mit ihm Gewehrgriffe. Aber ohne jede Barmherzigkeit, ohne Atemholen. Hauptsächlich hübsch nacheinander: Setzt ab, an, setzt ab!«

»Sie werden sehn, Schwejk, daß Sie sich nicht langweilen werden«, sagte er zu Schwejk, als dieser ging. Und bald darauf ließ sich bereits hinter dem Waggon ein scharfes Kommando vernehmen, das feierlich zwischen den Geleisen erscholl. Feldwebel Nasakla, der gerade einundzwanzig gespielt und die Bank gehalten hatte, brüllte in Gottes weiten Raum: »Beim Fuß! Schultert! Beim Fuß! – Schultert!«

Dann verstummte er für eine Weile, und man konnte Schwejk zufrieden und bedächtig sagen hören: »Das hab ich alles vor Jahren in der aktiven Dienstzeit gelernt. Wenn ›Beim Fuß!‹ is, so steht das Gewehr auf die rechte Hüfte gestützt. Die Spitze des Kolbens is in einer graden Linie mit der Fußspitze. Die rechte Hand is natürlich straff ausgestreckt und hält das Gewehr so, daß der Daumen den Lauf umspannt, die übrigen Finger müssen den Kolben am Vorderteil umklammern, und wenn ›Schultert!‹ is, so hängt das Gewehr leicht am Riemen auf der rechten Schulter und mit der Laufmündung hinauf und mitn Lauf nach rückwärts . . .«

»Also schon genug mit dem Gequatsch!« Das Kommando Feldwebel Nasaklas ertönte abermals: »Habt acht! Rechts schaut! Herrgott, wie machen Sie das . . .«

»Ich bin ›schultert‹ und bei ›rechts schaut‹ glitscht meine Hand am Riemen herunter, ich umarm den Hals vom Kolben und werf den Kopf nach rechts, aufs ›Habt acht!‹ nehm ich wieder mit der rechten Hand den Riemen und mein Kopf schaut gradaus auf Sie.«

Und wieder erscholl des Feldwebels: »In die Balance! Beim Fuß! In die Balance! Schul–tert! Bajonett auf! Bajonett ab! Fällt das Gewehr! Zum Gebet! Vom Gebet! Kniet nieder zum Gebet! Laden! Schießen! Schießen halbrechts! Ziel Stabswaggon! Distanz 200 Schritt – Fertig! An! Feuer! Setzt ab! An! Feuer! An! Feuer! Setzt ab! Aufsatz normal! Patronen versorgen! Ruht!« Der Feldwebel drehte sich eine Zigarette.

Schwejk musterte inzwischen die Nummer auf dem Gewehr und sagte: »4268! So eine Nummer hat eine Lokomotive in Petschka auf der Bahn am 16. Geleise gehabt. Man hat sie wegziehn solln nach Lissa an der Elbe ins Depot, zur Reparatur, aber es is nicht so leicht gegangen, Herr Feldwebel, weil der Lokomotivführer, was sie hat dort hinbringen solln, hat ein sehr schlechtes Gedächtnis auf Nummern gehabt. Da hat ihn der Streckenmeister in seine Kanzlei gerufen und sagt ihm: ›Aufn 16. Geleis is die Lokomotiv 4268. Ich weiß, daß Sie ein schlechtes Gedächtnis auf Nummern ham, und wenn man Ihnen eine Nummer auf ein Papier aufschreibt, daß Sie dieses Papier verlieren. Geben Sie sich aber gut acht, wenn Sie so schwach auf Nummern sind, und ich wer Ihnen zeigen, daß es sehr leicht is, sich jede Nummer immer zu merken. Schaun Sie. Die Lokomotiv, was Sie ins Depot nach Lissa an der Elbe ziehn solln, hat die Nummer 4268. Geben Sie also acht. Die erste Ziffer is ein Vierer, die zweite ein Zweier. Merken Sie sich also schon 42, das is zweimal 2, das is der Reihe nach von vorn 4, dividiert durch 2 . . . und weiter ham sie nebeneinander 4 und 2. Jetzt erschrecken Sie nicht. Wieviel is zweimal 4, acht, nicht wahr! Also graben Sie sich ins Gedächtnis ein, daß der Achter, was in Nummer 4268 is, der letzte in der Reihe is, so brauchen Sie sich also nur noch zu merken, daß die erste Zahl eine 4 is, die zweite eine 2, die vierte eine 8, und jetzt merken Sie noch irgendwie gescheit die 6, was vor der 8 kommt. Das ist schrecklich einfach. Die erste Ziffer is eine 4, die zweite eine 2, vier und zwei is sechs. Also da sind Sie schon sicher, die zweite vom Ende ist eine 6 und schon schwindet uns die Reihenfolge der Ziffern nie mehr ausn Gedächtnis. Sie ham die Nummer 4268 fest im Kopf. Oder können Sie zum selben Resultat noch einfacher kommen . . .!«

Der Feldwebel hörte auf zu rauchen, wälzte die Augen heraus und stotterte nur: »Kappe ab!«

Schwejk fuhr ernsthaft fort: »Er hat ihm also angefangen die einfachere Art zu erklären, wie er sich die Nummer der Lokomotiv 4268 merken könnt. 8 weniger 2 is 6. Also weiß er schon 6, 6 weniger 2 is 4, so weiß er also schon 4 – 68. Dann noch die 2 dazwischen, und er hat 4 – 2 – 6 – 8. Es is auch nicht zu anstrengend, wenn mans noch anders macht, mit Hilfe vom Multiplizieren und Dividieren. Da kommt man zu so einem Resultat. ›Merken Sie sich‹, hat der Streckenmeister gesagt, ›daß zweimal 42 84 is. Das Jahr hat 12 Monate. Man zieht also 12 von 84 ab, und es bleibt uns 72, davon noch 12 Monate, das is 60, wir ham also schon eine sichere 6 und die Null streichen wir. Wir wissen also 42 – 6 – 84. Wenn wir die Null gestrichen ham, streichen wir auch hinten die 4 und ham ganz ruhig 4268, die Nummer der Lokomotiv, was ins Depot nach Lissa an der Elbe gehört.‹ Wie ich sag, auch mitn Dividieren is es leicht. Wir rechnen uns den Koeffizienten nachn Zolltarif aus. Am End is Ihnen nicht schlecht, Herr Feldwebel. Wenn Sie wolln, fang ich meinetwegen mit Generaldecharge an! Fertig! Hoch an! Feuer! Donnerwetter! Der Herr Hauptmann hat uns nicht auf die Sonne schicken solln! Ich muß eine Bahre holn!«

Als der Arzt kam, stellte er fest, daß die Ohnmacht des Feldwebels entweder ein Sonnenstich sei oder eine akute Gehirnhautentzündung.

Als der Feldwebel zu sich kam, stand Schwejk neben ihm und sagte: »Damit ichs Ihnen also zu Ende erzähl. Glauben Sie, Herr Feldwebel, daß sichs der Lokomotivführer gemerkt hat? Er hat sich geirrt und hat alles mit drei multipliziert, weil er sich an die Dreifaltigkeit Gottes erinnert hat, und hat die Lokomotive nicht gefunden, sie steht noch heut dort auf Strecke Nummer 16.«

Der Feldwebel schloß abermals die Augen.

Und als Schwejk in seinen Waggon zurückkehrte, antwortete er auf die Frage, wo er so lange gewesen sei: »Wer einem andern Laufschritt lernt, macht hundertmal schul–tert!« Hinten im Waggon zitterte Baloun. Während der Abwesenheit Schwejks, als ein Teil der Henne bereits gekocht war, hatte er die halbe Portion Schwejks aufgefressen.

Vor Abfahrt des Zuges wurde der Transport von einem gemischten Militärzug mit verschiedenen Truppenteilen eingeholt. Es waren Nachzügler, Soldaten aus Spitälern, die ihren Truppenteilen nachfuhren, sowie verschiedene andere verdächtige Individuen, die von Kommandierungen oder aus dem Arrest ins Feld zurückkehrten.

Diesem Zug entstieg auch der Einjährigfreiwillige Marek, der seinerzeit wegen Meuterei angeklagt war, weil er nicht Aborte reinigen wollte, den das Divisionsgericht aber freigesprochen hatte; die Untersuchung wurde eingestellt, und deshalb tauchte Einjährigfreiwilliger Marek jetzt im Stabswaggon auf, um sich beim Bataillonskommandanten zu melden. Der Einjährigfreiwillige gehörte nämlich bisher noch nirgends hin, weil man ihn aus einem Arrest in den anderen geschleppt hatte.

Als Hauptmann Sagner den Einjährigfreiwilligen erblickte und die Schriftstücke von ihm entgegennahm, die seine Ankunft mit der sekreten Bemerkung begleiteten: »Politisch verdächtig! Vorsicht!«, war er nicht allzusehr erfreut; glücklicherweise erinnerte er sich an den Latrinengeneral, der so nachdrücklich empfohlen hatte, das Bataillon durch einen »Bataillonsgeschichtsschreiber« zu ergänzen.

»Sie sind sehr nachlässig, Sie Einjährigfreiwilliger, Sie«, hatte er ihm in der Einjährigfreiwilligenschule gesagt. – »Sie waren eine wahre Geißel. Anstatt zu trachten, sich hervorzutun und den Rang zu erlangen, der Ihnen nach Ihrer Intelligenz gebührt, sind Sie aus einem Arrest in den andern gewandert. Das Regiment muß sich für Sie schämen, Sie Einjährigfreiwilliger, Sie. Aber Sie können Ihren Fehler gutmachen, wenn Sie sich durch die ordentliche Erfüllung Ihrer Pflichten wieder in die Reihen der braven Soldaten begeben werden. Widmen Sie Ihre Kräfte dem Bataillon mit Liebe. Ich werde es mit Ihnen versuchen. Sie sind ein intelligenter junger Mann und haben gewiß auch die Fähigkeit zu schreiben, zu stilisieren. Ich werde Ihnen etwas sagen. Jedes Bataillon im Feld braucht einen Mann, der eine chronologische Übersicht über alle Kriegsbegebenheiten führt, die das direkte Auftreten des Bataillons auf dem Schlachtfeld betreffen. Es ist notwendig, alle siegreichen Feldzüge, alle bedeutungsvollen glorreichen Momente, an denen das Bataillon sich beteiligt, in denen es eine führende und hervorragende Rolle spielt, zu beschreiben, langsam einen Beitrag zu der Geschichte der Armee zusammenzustellen. Verstehn Sie mich?«

»Melde gehorsamst, ja, Herr Hauptmann, es handelt sich um Episoden aus dem Leben aller Truppenteile. Das Bataillon hat seine Geschichte. Das Regiment stellt auf Grundlage der Geschichte seiner Bataillone die Geschichte des Regiments zusammen. Die Regimenter bilden die Geschichte der Brigaden, die Geschichte der Brigaden die Geschichte der Divisionen usw. Ich werde mich mit allen Kräften bemühen, Herr Hauptmann.«

Der Einjährigfreiwillige Marek legte die Hand aufs Herz.

»Ich werde mit wirklicher Liebe die glorreichen Tage unseres Bataillons verzeichnen, insbesondere heute, wo die Offensive in vollem Zuge ist, wo es ernst wird und unser Bataillon das Schlachtfeld mit seinen Heldensöhnen bedecken wird. Ich werde gewissenhaft alle Begebenheiten verzeichnen, die sich ereignen müssen, damit die Seiten der Geschichte unseres Bataillons von Lorbeeren umkränzt sind.«

»Sie werden sich beim Bataillonsstab aufhalten, Einjährigfreiwilliger, werden aufpassen, wer zur Auszeichnung vorgeschlagen wurde, werden – allerdings nach unseren Aufzeichnungen – die Märsche verzeichnen, die besonders auf eine außergewöhnliche Kampflust und stählerne Disziplin des Bataillons schließen lassen. Das ist nicht so leicht, Einjährigfreiwilliger, aber ich hoffe, daß Sie soviel Beobachtungstalent haben, um unser Bataillon, wenn Sie von mir bestimmte Direktiven erhalten, über die andern Regimentsteile zu erheben. Ich werde ein Telegramm ans Regiment abschicken, daß ich Sie zum Bataillonsgeschichtsschreiber ernannt habe. Melden Sie sich bei Feldwebel Waněk von der 11. Kompanie, damit er Sie dort im Waggon unterbringt. Dort is noch so am meisten Platz, und sagen Sie ihm, er soll zu mir herkommen. Geführt werden Sie allerdings beim Bataillonsstab werden. Das wird mittels Bataillonsbefehl durchgeführt.«

Der Koch-Okkultist schlief. Baloun zitterte fortwährend, weil er auch schon die Sardinenbüchse des Oberleutnants geöffnet hatte; Rechnungsfeldwebel Waněk war zu Hauptmann Sagner gegangen, und Telefonist Chodounsky, der irgendwo auf dem Bahnhof ein Fläschchen Wacholderschnaps aufgetrieben und ausgetrunken hatte, war jetzt sentimentaler Stimmung und sang:

»Als ich noch in süßen Tagen irrte,
Schien der Himmel voller Treue,
Da kannte meine Brust noch Frieden,
Schien der Himmel voller Bläue.

Doch als ich, wer kanns ertragen,
Mußte sehen, wie Verrat
Liebe tötet, Glauben raubte,
Mußt ich weinen, Kamerad.«

Dann stand er auf, trat zu dem Tisch des Rechnungsfeldwebels Waněk und schrieb auf ein Stück Papier mit großen Buchstaben:

»Ich verlange hiermit höflich, daß ich zum Bataillonshornisten ernannt und befördert werde.

Chodounsky, Telefonist.«

Hauptmann Sagner hatte eine nicht allzulange Unterredung mit Rechnungsfeldwebel Waněk. Er machte ihn nur darauf aufmerksam, daß der Bataillonsgeschichtsschreiber Einjährigfreiwilliger Marek sich mit Schwejk in einem Waggon aufhalten werde.

»Ich kann Ihnen nur soviel sagen, daß dieser Marek, damit ichs so sag, verdächtig ist. Politisch verdächtig. Mein Gott! Das ist heutzutage weiter nichts Merkwürdiges. Von wem sagt man das nicht. Es gibt so verschiedene Vermutungen. Sie verstehen mich doch. Ich mach Sie also nur drauf aufmerksam, daß Sie ihn, wenn er vielleicht was sprechen sollte, no, Sie verstehn schon, gleich zum Schweigen bringen, damit ich nicht vielleicht noch irgendwelche Unannehmlichkeiten habe. Sagen Sie ihm einfach, er soll alle solche Reden sein lassen, und damit wirds schon erledigt sein. Ich meine aber nicht, daß Sie am Ende gleich zu mir rennen solln. Erledigen Sies mit ihm freundschaftlich, so eine Rücksprache ist immer besser als eine dumme Angeberei. Kurz, ich wünsche nichts zu hören, weil – Sie verstehen. So eine Sache fällt hier immer aufs ganze Bataillon zurück.«

Als Waněk also zurückkehrte, nahm er Einjährigfreiwilligen Marek beiseite und sagte ihm: »Menschenskind, Sie sind verdächtig, aber das macht nichts. Nur reden Sie hier nicht viel überflüssig vor dem Telefonisten Chodounsky.«

Kaum hatte er zu Ende gesprochen, als Chodounsky getaumelt kam, dem Rechnungsfeldwebel in die Arme fiel und mit trunkener Stimme etwas schluchzte, was vielleicht Gesang sein sollte.

»Als mich alles einst verlassen,
Lenkte ich auf dich die Blicke,
Und an deinem treuen Herzen
Weint ich über diesem Glücke.
Durch dein Antlitz ging ein Leuchten,
Wie ein Schimmer, kaum zu fassen,
Und dein rotes Mündchen seufzte:
Nimmer werd ich dich verlassen.«

»Wir wern uns nie verlassen«, brüllte Chodounsky, »was ich beim Telefon hör, sag ich euch gleich. Ich scheiß auf den Eid.«

In der Ecke bekreuzigte sich Baloun mit Entsetzen und fing an laut zu beten: »Mutter Gottes, weise mein flehentliches Gebet nicht zurück, sondern erhöre mich gnädig, tröste mich gütig, hilf mir Ärmstem, der ich dich in diesem Tränental mit Glauben, fester Hoffnung und inbrünstiger Liebe anrufe. Oh, himmlische Königin, mach durch deine Fürbitte, daß ich bis zum Ende meiner Tage unter deinem Schutz und auch in der Gnade Gottes bleibe . . .«

Die gnadenreiche Jungfrau Maria setzte sich wirklich für ihn ein, denn der Einjährigfreiwillige zog nach einem Weilchen aus seinem magern Rucksack ein paar Büchsen Sardinen hervor und gab jedem eine.

Baloun öffnete unerschrocken den Koffer des Oberleutnants Lukasch und legte die vom Himmel gefallenen Sardinen hinein.

Als dann alle die Büchsen öffneten und sich die Sardinen schmecken ließen, geriet Baloun in Versuchung, öffnete den Koffer und die Sardinen und verschlang sie gierig.

Und da kehrte sich die gnadenreiche und süßeste Jungfrau Maria von ihm ab, denn gerade, wie er das letzte Öl aus der Büchse trank, erschien vor dem Waggon Bataillonsordonnanz Matuschitz und rief hinauf: »Baloun, du sollst deinem Oberleutnant die Sardinen bringen.«

»Das wird Ohrfeigen setzen«, sagte Rechnungsfeldwebel Waněk.

»Mit leeren Händen geh lieber nicht«, riet Schwejk, »nimm dir wenigstens fünf leere Blechbüchsen mit.«

»Was haben Sie denn angestellt, daß Sie Gott so straft«, bemerkte der Einjährigfreiwillige, »in Ihrer Vergangenheit muß es irgendeine große Sünde geben. Haben Sie nicht vielleicht einen Kirchenraub begangen oder Ihrem Pfarrer einen Schinken im Schornstein aufgegessen? Haben Sie ihm nicht im Keller den Meßwein ausgetrunken? Sind Sie nicht vielleicht als Junge in den Pfarrgarten um Birnen geklettert?«

Baloun wandte sich mit verzweifeltem Gesicht ab, von Hoffnungslosigkeit erfüllt. Sein gehetzter Ausdruck sprach herzzerreißend: »Wann werden diese Leiden aufhören?«

»Das kommt davon«, sagte der Einjährigfreiwillige, der die Worte des unglücklichen Baloun vernommen hatte, »weil Sie den Zusammenhang mit Gott verloren haben. Sie beten nicht intensiv genug, daß Sie Gott so bald als möglich aus der Welt nimmt.«

Schwejk fügte hinzu: »Der Baloun kann sich fort nicht dazu entschließen, daß er sein militärisches Leben, seine militärische Gesinnung, seine Worte, Taten und seinen militärischen Tod der Güte des mütterlichen Herzens des allerhöchsten Gottes empfiehlt, wies mein Feldkurat zu sagen pflegte, wenn er schon anfing besoffen zu sein und aus Versehn auf der Gasse einen Soldaten anrempelte.«

Baloun stöhnte, er habe schon das Vertrauen zu Gott verloren, weil er bereits mehrmals gebetet habe, Gott möge ihm Kraft geben und seinen Magen irgendwie zusammenschrumpfen lassen.

»Das datiert nicht von diesem Krieg her«, jammerte er, »das is schon eine alte Krankheit, diese Gefräßigkeit. Wegen ihr is meine Frau mit den Kindern nach Klokota zur Kirchweih gegangen.«

»Den Ort kenn ich«, bemerkte Schwejk, »das is bei Tabor, und sie ham dort eine reiche Jungfrau Maria mit falschen Brillanten, und ein Kirchendiener irgendwo aus der Slowakei hat sie bestehln wolln. Ein sehr frommer Mensch. Er is also hingekommen und hat gedacht, daß es ihm vielleicht besser gelingen wird, wenn er zuerst von allen Sünden gereinigt sein wird, und hat auch das gebeichtet, daß er morgen die Jungfrau Maria bestehln will. Er hat nicht mal muh gesagt, und bevor er die dreihundert Vaterunser gebetet hat, was ihm der Herr Pater gegeben hat, damit er ihm derweil nicht weglauft, ham ihn die Kirchendiener schon direkt auf die Gendarmeriestation geführt.«

Der Koch-Okkultist fing an, mit Telefonisten Chodounsky zu streiten, ob dies ein zum Himmel schreiender Verrat des Beichtgeheimnisses und ob das ganze überhaupt der Rede wert sei, da es sich doch um falsche Brillanten handelte. Zum Schluß bewies jedoch Chodounsky, daß dies alles Karma, also ein vorbestimmtes Schicksal aus einer fernen, unbekannten Vergangenheit sei, in der dieser unglückliche Kirchendiener aus der Slowakei vielleicht ein Antipode auf einem fremden Planeten war; so hatte das Schicksal vielleicht schon vor ebensolanger Zeit, als dieser Pater aus Klokota vielleicht noch eine aufgequollene Stachelmaus oder irgendein heute schon ausgestorbenes Säugetier war, vorbestimmt, daß er das Beichtgeheimnis verletzen müsse, obwohl man vom juridischen Standpunkt aus nach dem kanonischen Recht auch dann Absolution erteilt, wenn es sich um ein Klostervermögen handelt.

Daran knüpfte Schwejk folgende einfache Bemerkung: O ja, kein Mensch weiß, was er in paar Millionen Jahren aufführen wird, und darf sich nichts versagen. Oberlajtnant Kwasnitschka hat immer gesagt, wie ich noch in Karolinental beim Ergänzungskommando gedient hab, wenn er Schule gehalten hat: ›Denkt euch nicht, ihr Dreckfresser, ihr faulen Kühe und Hornochsen, daß für euch dieser Krieg schon auf dieser Welt endet. Wir wern uns noch nachn Tod wiedersehn, und ich wer euch so ein Fegefeuer hermachen, daß ihr davon ganz plemplem sein werdet, ihr Saubande, ihr!‹«

Hierauf fuhr Baloun, der vollständig verzweifelt war und unablässig dachte, daß man nur von ihm spreche und daß sich alles auf ihn beziehe, in seiner öffentlichen Beichte fort: »Nicht mal Klokota hat gegen meine Gefräßigkeit genützt. Die Frau mitn Kindern kommt von der Kirchweih und fängt schon an, die Hennen zu zähln. Eine oder zwei fehln. Aber ich hab mir nicht helfen können, ich hab gewußt, daß sie in der Wirtschaft wegen den Eiern nötig sind, aber ich geh heraus, verschau mich in sie, auf einmal spür ich euch im Magen einen Abgrund und in einer Stunde is mir schon gut, is die Henne schon gerupft. Einmal, wie sie in Klokota waren, damit sie für mich beten, damit der Vater derweil zu Haus nichts auffrißt und nicht wieder einen neuen Schaden macht, geh ich am Hof herum und auf einmal fällt mir euch ein Truthahn in die Augen. Damals hab ichs mitn Leben bezahlen können. Der Schenkelknochen von ihm is mir im Hals steckengeblieben, und wenn nicht mein Müllerbursch gewesen wär, so ein junger Bub, was mir den Knochen herausgezogen hat, so möcht ich heut nicht mehr mit euch hier sitzen und hätt nicht mal diesen Weltkrieg erlebt. Ja, ja. Dieser Müllerbursch, das war ein flinker Bursch. So ein kleiner, dicker, untersetzter, fetter . . .«

Schwejk trat zu Baloun: »Zeig die Zunge!«

Baloun streckte die Zunge heraus, worauf Schwejk sich an alle im Waggon Befindlichen wandte: »Ich habs gewußt, er hat sogar seinen Müllerburschen aufgefressen. – – Gesteh, wann du ihn aufgefressen hast! Wie deine Leute wieder in Klokota waren, gelt?«

Baloun faltete verzweifelt die Hände und rief: »Laßt mich, Kameraden! Zu allem noch das von den eigenen Kameraden.«

»Wir verurteilen Sie deshalb nicht«, sagte der Einjährigfreiwillige, »im Gegenteil, man sieht, daß Sie ein guter Soldat sein werden. Als die Franzosen während der napoleonischen Kriege Madrid belagerten, da fraß der spanische Kommandant der Festung Madrid, um die Festung nicht vor Hunger übergeben zu müssen, seinen Adjutanten ohne Salz auf.«

»Das is schon wirklich ein Opfer, weil ein gesalzner Adjutant entschieden genießbarer gewesen wär. – Wie heißt denn unser Bataillonsadjutant, Herr Rechnungsfeldwebel? – Ziegler? Das is einer von diesen Tachinierern, aus dem könnt man nicht mal Portionen für eine Marschkompanie machen.«

»Da schau her«, sagte Rechnungsfeldwebel Waněk, »Baloun hat einen Rosenkranz in der Hand.«

Und wirklich, Baloun in seinem größten Schmerz suchte Erlösung bei den kleinen Kügelchen des Rosenkranzes von der Firma Moritz Löwenstein in Wien.

»Der is auch aus Klokota«, sagte Baloun traurig. »Bevor man ihn gebracht hat, ham zwei junge Gänse dran glauben müssen, aber das is kein Fleisch, das is Kasch.«

Eine Weile später traf der Befehl ein, daß man in einer Viertelstunde abfahren werde. Weil es niemand glauben wollte, geschah es, daß einige trotz aller Vorsicht irgendwohin verschwanden. Als sich der Zug in Bewegung setzte, fehlten achtzehn Infanteristen; unter ihnen befand sich Zugführer Nasakla von der 12. Marschkompanie, der, als der Zug bereits längst hinter Isatarcsa verschwunden war, noch immer in dem kleinen Akazienwald hinter dem Bahnhof in einem Hohlweg mit irgendeiner Straßendirne feilschte, die fünf Kronen verlangte, während der Zugführer für den bereits geleisteten Dienst eine Entlohnung von einer Krone oder ein paar Ohrfeigen vorschlug, zu welch letztem Ausgleich es zum Schluß mit so einer Vehemenz kam, daß auf ihr Geschrei hin vom Bahnhof Leute herbeizulaufen begannen.


 << zurück weiter >>