Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XIV.
Ein Mord.

Die goldene Sommerzeit war vorüber, Halldorf und Julie hatten sie mit Dank gegen Gott genossen wie noch nie. Seit Julie den Todesengel so nahe an ihres Gatten Haupte gesehn hatte, war ihre herzliche Zuneigung und Hochachtung für ihn zur schwärmerischen Liebe erblüht, durch welche sie sich beglückt und erhoben fühlte, und Halldorf verehrte seine Gattin hoch und zeigte ihr dies in jedem Augenblicke ihres Zusammenseins.

Der Geometer hatte mit seiner jungen Frau Birkendorf verlassen, Halldorf's vermißten den heitern Freund, Julie wünschte sich die teilnehmende freundliche Frau herbei.

»Würdest Du sehr ungern von diesem Hause scheiden, Julie?« fragte Halldorf, »ich habe in letzter Zeit daran gedacht, um eine frei gewordene Stelle in der Residenz zu bitten, Arthur hat in dem kleinen Gymnasium des Städtchens nicht Gelegenheit genug, seine glänzenden Anlagen auszubilden, und die andern Kinder bedürfen jetzt auch bessern Unterricht, als sie hier erhalten können.«

»Dieselben Gedanken sind auch mir gekommen lieber Friedrich, auch seh' ich Dich seit jenem Schreckenstage nie ohne geheime Angst in den Wald gehen, vielleicht habe ich Unrecht, aber ich fürchte den Pater Cölestin.«

»Ich nicht, denn ich bin stets bewaffnet. Das Klügste und zugleich das Beste, was der Pater thun könnte, wäre, den Stand zu verlassen, zu welchem er nicht paßt, die Kutte auszuziehn, Protestant zu werden und seine schöne Stimme beim Theater zur Geltung bringen, was ihm in jeder Beziehung gelingen würde. Jetzt will ich in den Forst, einige Bäume bezeichnen, welche in diesen Tagen gefällt werden müssen. Ich habe wegen meiner Versetzung einen einflußreichen Freund gebeten, der im Ministerium des Innern arbeitet und wenn heute eine angenehme Antwort von ihm käme, sollte es mich doppelt freuen, da Du, liebe Julie, mit mir einverstanden bist. Ich könnte dann weitre Schritte thun.« Der Förster hing seine Jagdflinte um, küßte Julien die Stirn und ging.

Spät Abends, als Julie das Abendbrot auftragen ließ, weil sie Halldorf jeden Augenblick erwartete, brachte der Postbote einen Brief aus der Residenz mit einem großen Siegel, er kam aus dem Ministerium des Innern.

Erregt und erwartungsvoll betrachtete sie das Schreiben, da es aber an Halldorf adressirt war, legte sie es auf seinen Schreibtisch. Es war schon spät, als das Bellen von des Försters großen Jagdhunde und sein elastischer Schritt seine Nähe verkündete.

Erfreut eilte sie ihm entgegen und rief: »Gott sei Dank, daß Du da bist, mir bangte heute und ich fand nur Trost im Gebet.«

»Auch ich preise mich glücklich, wieder bei Dir zu sein und habe keine Neigung länger hier zu bleiben. Um Dich nicht zu ängstigen, habe ich es Dir verschwiegen, daß seit einiger Zeit die Wildschützen es wieder arg treiben. Heute ging ich ihrer Spur nach, in der Kapelle fand ich wohl versteckt einen erlegten Hirsch, Caro hat ihn aufgestöbert, er war mit Laub und Erde bedeckt. Ich holte, da der Forstgehülfe und Wilhelm noch immer von ihrer Tour nicht zurück sind, mir einen Tagelöhner aus dem Dorfe, der den Hirsch aufladen mußte; draußen in der Hausflur liegt das edle Thier, obendrein recht jämmerlich zerschossen, und wenn heute Nacht der Wildschütz kommt, hahaha, dann wird er seine Beute nicht mehr finden. Ich hörte vom Gehülfen, daß der lange Ignaz verdächtig ist und werde ein scharfes Auge auf ihn haben.«

Julie legte ihrem Gatten vor und nachdem er den Speisen tapfer zugesprochen und ein Glas Wein geleert hatte, brachte sie ihm den Brief.

Rasch erbrach Halldorf das Schreiben, es mußte Wichtigkeit enthalten, denn lange Zeit schaute er in das Papier, er schien es zweimal zu lesen, endlich faltete er es zusammen und sagte: »ich bin heute müde, liebste Julie; was ich hier erfahre, müssen wir morgen gemeinschaftlich überlegen; verschone mich heute, damit Du aber ruhig schlafen kannst, so sei versichert, daß dieser Brief Ehrenvolles und Gutes enthält.«

Julie reichte ihm vertrauend die Hand.

Im Forsthause waltete der Friede. Glücklich und rosig schlummerten die Kinder auf ihren schneeweißen Kissen, im Nebenzimmer hatten die Eltern Ruhe gefunden und das Mondlicht bestrahlte Juliens auch im tiefen Schlafe schönes Antlitz. Mit gefalteten Händen träumte die alte Magd, Alles war still, auch die Hausthiere schliefen. Im Dorfe selbst war außer dem Nachtwächter Niemand munter.

Ging es auch im Walde so ruhig zu?

Der Wildschütz hatte den Morgen in aller Früh einen Hirsch geschossen und ihn in der Waldkapelle verborgen. Gegen Abend wollte er ihn holen und hatte deßhalb einen großen Sack und einen Schubkarren mitgebracht aber er gewahrte von Ferne Halldorf und wich ihm geschickt aus, so daß er stets den Förster im Auge hatte, ohne von diesem gesehen zu werden. Endlich fand er die Luft rein. Aber wer beschreibt die Wuth, die ihn erfaßte, als er den Hirsch nicht mehr fand. Kein Andrer als der Förster konnte ihm diesen schändlichen Streich gespielt haben. Er hätte Halldorf am liebsten zerreißen mögen und schwur ihm Rache. Doch er dachte auch daran, daß der Schaden, den er eben erlitten hatte, ersetzt werden mußte. Der Mond schien hell, er hatte gestern unweit von den alten Fichten ein Reh gesehn, diesem spürte er jetzt nach.

Der Wind trug den Schall der großen Glocke des Klosterkirchthurmes zu den Ohren des Wildschützen. Es schlug Elf.

»Die faulen Mönche schnarchen auf ihrem Lager,« brummte der Mann, »Unsereiner muß sich plagen, um auch einmal ein Glas von dem guten Wein trinken zu können, welchen sie humpenweise hinunterschlucken. Wenn sie nur nicht die Macht besäßen, zu verdammen und zu absolviren, dann! – Aber es will doch Keiner im Fegefeuer bleiben.«

Aber nicht alle Mönche schlummerten; sobald es still im Kloster war, hatte Pater Cölestin mit Hülfe des Pförtners die heiligen Mauern verlassen, um auf geflügelten Sohlen dem Marktflecken zuzueilen, wo er erwartet wurde. In der hohlen Eiche barg er Kutte und Sandalen, schnell hatte er seine Verkleidung angelegt und schritt nun, wohlbekannt mit den nächsten Wegen, quer durch den Wald.

Hinter den Brombeerbüschen raschelte es; es war ein Reh; bei den alten Fichten regte sich's, den Pater störte das nicht, er hatte Eile. Plötzlich fiel ein Schuß, der Pater stieß einen Schrei aus und sank zu Boden. Der Wildschütz, wähnend, seinen Feind getroffen zu haben, trat hinter den Bäumen hervor und erblickte im Jagdkleide den Mönch, welcher noch einmal zusammenzuckte und dann starr und stumm auf dem Rasen lag.

Wie von Furien verfolgt, stürzte der Wildschütz fort.

Am andern Tage fanden Holzhauer den Leichnam und machten Anzeige bei dem Gericht. Niemand begriff wie der Pater in diesen Anzug gekommen sei; für die Klosterbrüder blieb dieses schauerliche Ereigniß ohne Folgen. Der Bischof brachte es dahin, daß die Untersuchung niedergeschlagen wurde. Er hatte die Ehre der Clerisei zu wahren, aber der nachsichtige Guardian wurde versetzt, und der bestechliche Pförtner mußte einen Monat im unterirdischen Gefängniß bei Wasser und Brot schmachten.

Der Wildschütz ging in sich, nie wieder rührte er ein Gewehr an und meldete sich in einiger Zeit zum Laienbruder in Gnadenort.


 << zurück weiter >>