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VIII.
Eheleben und Liebesleben.

Aufgeregt, aber doch einig mit sich selbst und in gehobener Stimmung durch den Sieg, den sie über ihre Fantasie errungen hatte, – denn ohne daß sie es sich selbst bewußt war, beschäftigte Wilfried mehr ihre Fantasie als ihr Herz, – kehrte Julie in ihr Haus zurück. Ihre Kinder sprangen ihr fröhlich und rosig entgegen, und war es auch nicht glänzend in den Gemächern, welche sie bewohnte, wie auf dem Schlosse zu Geyersfels, so fühlte sie sich doch heimisch in dem stillen Forsthause, sie hatte noch keine bittre Thräne in diesen Räumen vergossen, niemals Grund gehabt, Halldorf zu zürnen.

Mit Unwillen verwarf sie den Gedanken, diesen braven Mann zu verlassen; sie wußte, daß sie nimmer glücklich sein könnte, nachdem sie Halldorf's Glück zerstört habe. Sie war scharfsichtig genug, einzusehn, daß Geyersfels sie nur deßhalb leidenschaftlich begehre, weil sie sich ihm versagt hatte, daß seine Liebe im Grunde doch keine edle sei, da er Unedles von ihr fordere.

Als eine Stunde später Halldorf in das Wohnzimmer trat und seine Frau unter den Kindern sitzend erblickte, trat er mit einem glücklichen Lächeln zu der Gruppe hin, legte die linke Hand auf das blonde Köpfchen seines Töchterchens und reichte mit Herzlichkeit die rechte seiner Julie. Er war mit sich selbst zu Rathe gegangen, was er zu thun habe, um Julien glücklicher zu machen als bisher, sie sollte bei ihm mehr als eben nur Frieden finden, deßhalb war er diesen Abend besonders mittheilsam und endlich sagte er: »Du hast fast gar Nichts von der Welt gesehn und ich habe eine kleine Summe erspart, Urlaub kann ich mir schon verschaffen, wie wär' es, Julie, wenn wir zusammen eine Reise machten. Arthur geht in die Stadt zurück, die beiden jüngsten Kinder könnten wir indeß ebenfalls Deinem Bruder übergeben, oder auch, wenn Du es wünschest mitnehmen.«

»Jetzt, zum Herbst sollten wir reisen? Nein, lieber Friedrich, gerade im Herbst sind mir Wald und Gegend hier am liebsten, auch würde ohne Arthur mich die Reise nicht freuen. Lasse uns im Frühling die Fremde besehn und auch Arthur mitnehmen.«

»Sei es denn wie Du wünschest,« erwiederte Halldorf, »wir genießen diese Reise dann dreifach. Erst indem wir Reisepläne entwerfen und, Alles überlegend uns für die Gegenden entscheiden, von denen wir uns den meisten Genuß versprechen, dann in der Wirklichkeit und endlich in der Erinnerung.«

Als Julie Abends in ihrem Gemache vor dem Einschlafen die Hände faltete, dankte sie Gott, daß er sie richtig geleitet hatte. Halldorf betrachtete noch lange die Schlummernde mit liebevollem Herzen.

Als Wilfried von Geyersfels den Friedhof verlassen hatte, tobten Schmerz, Liebe, Haß und Rache in seinem Innern. Niemals war ihm Julie schöner und begehrenswerther erschienen, als an diesem Abende, es schien ihm geradezu widersinnig, daß dieses Weib einem einfachen Manne angehören, daß diese seltene Perle, würdig in einer Kaiserkrone zu glänzen, in Silber gefaßt sein sollte. Er hielt sich, Halldorf gegenüber, für vollkommen berechtigt, seine früheren Ansprüche geltend zu machen, und Juliens Abweisung hatte ihn durchaus nicht gegen sie erkaltet.

Indem er, allerlei abenteuerliche Pläne schmiedend, die er bald verwarf, bald gut fand, planlos vorwärts ging, erreichte er das Haus, welches seine Schwester bewohnte, und wo auch er sein Asyl hatte.

Die italiänische Kammerfrau kam ihm mit der Nachricht entgegen, daß Gräfin Sidonie Gäste erhalten habe, den Grafen Ellernburg mit einer jungen Dame.

Wilfried war nicht dazu gestimmt, diese Gäste zu begrüßen, er zog sich in seine Zimmer zurück und überließ sich seinen düstern Gedanken, dazwischen tönten Juliens Worte in seiner Seele: »nie scheide ich mich von meinem Gatten, es scheide uns denn der Tod!«

Während Wilfried fern von dem Hause seiner Schwester gewesen war, hatte diese Besuch bekommen, welcher sie in die größte Aufregung versetzt hatte.

Wie gewöhnlich lag sie, trübsinnig in ihre Erinnerungen versenkt, auf ihrem Sopha, als die Zofe mit einem Briefchen eintrat, das an ihre Gebieterin adressirt war.

Sidonie öffnete es und las; es kam vom Grafen Ellernburg, welcher sie bat, ihn vor sich zu lassen, indem er der Ueberbringer wichtiger Nachrichten sei. Sidonie legte den Brief bei Seite und fragte hastig: »Ist der Graf schon hier im Hause, Laura?«

»Im Vorgemache, gnädigste Frau.«

»Laß ihn eintreten, und sorge daß der Baron, mein Bruder, uns nicht stört.«

Sidonie richtete sich auf, sie hoffte, daß ihre Unterredung mit dem Grafen eine kurze sein würde, deßhalb stand sie auf und die rechte Hand gestützt, in der linken ein feines Taschentuch haltend, sah sie mit dem stolzen Anstande einer Fürstin dem Eintritte des Grafen entgegen.

Der Graf verbeugte sich tief, er kannte Sidoniens Charakter, und nur aufrichtige Anhänglichkeit an den Prinzen hatte ihn bewogen, einen sehr delikaten Auftrag zu übernehmen. Er hatte die strengste Weisung, die Gräfin nicht zu reizen; auch wollte Ellernburg das nicht, denn er war ein Mann, welcher das moralische Recht Sidoniens anerkannte.

Der alte Herr war dem Tode nahe, Prinz Waldemar konnte jeden Tag erwarten, zur Regierung zu gelangen. Noch immer war des Prinzen Ehe kinderlos, dumpfe Gerüchte von einer rechtmäßigen, verstoßenen Gemahlin des Prinzen fingen an aufzutauchen, man flüsterte davon, daß sie jenseits der Grenze wohne, und daß der Prinz sie zuweilen heimlich besuche. Irgend ein boshafter Mensch hatte der Prinzessin Waldemar einen Brief in die Hände zu spielen gewußt, durch dessen Inhalt sich diese unschuldige, den Prinzen innigst liebende Dame auf das Schwerste verletzt fühlte, und um sich Ruhe zu verschaffen, beschloß sie dem, in dem Briefe erwähnten Verhältnisse auf den Grund zu kommen.

Sie äußerte gegen den Prinzen große Sehnsucht das Land kennen zu lernen, besonders die romantische Gegend von Birkendorf, und das Kloster Gnadenort, ja sie, die Katholikin, sprach von einer Wallfahrt dahin, um an heiliger Stätte für sich das Glück zu erflehn, Mutter zu werden und als der Prinz ihr vorstellte, daß diese Reise viele Beschwerden mit sich führen würde, da in jenen Gegenden, weil kein Handel dort sei, auch noch keine Eisenbahnen gefunden würden, erwiederte die Prinzessin: »Das thut Nichts, Waldemar, die Fahrt wird dann um so romantischer; ich bedarf kein großes Gefolge, mache wenig Ansprüche, auch soll ja, im Nachbarstaate, aber unweit des Klosters, Graf Ellernburg ein stattliches Haus besitzen, er wird sich gewiß eine Ehre daraus machen, es mir auf einige Tage zur Verfügung zu stellen.«

Prinz Waldemar versuchte zu scherzen »wie beharrlich doch die Frauen sind, besonders die schönen, so viel ich gehört habe, ist jenes Haus seit Decennien unbewohnt, vielleicht nicht einmal eingerichtet, was würden Sie zu abgerissenen Tapeten und unmöblirten Gemächern sagen?«

»Mein Theurer, ich werde an die Gräfin Ellernburg schreiben; ich bin zufrieden, wenn ich einige Betten, Tische und Stühle finde; ich halte es für Gewissenssache, in Gnadenort meine Andacht zu verrichten.«

Dabei sah die Prinzessin den Prinzen Waldemar mit einem Blicke an, der tief in seine Seele drang und ihn bewog, ihr lächelnd zu sagen: »Ich bin überwunden, reisen Sie sobald es Ihnen gefällt, aber ich werde wegen meines Oheims, der täglich schwächer wird, auf das Glück verzichten müssen, Dich zu begleiten.«

Er nannte seine Gemahlin selten Du, sie fragte sich: »ist dieser Ausdruck Liebe oder Heuchelei, um mich sicher zu machen?« und zu ihm gewendet sagte sie: »Gut, so will ich meine Reise einrichten, daß ich das Engelfest im Kloster begehe.«

Jetzt mußte Prinz Waldemar darauf bedacht sein Sidonien aus diesem Hause zu entfernen. Ein Telegramm berief den Grafen von Ellernburg an den Hof und nachdem der Prinz seinem Vertrauten seine Lage mitgetheilt hatte, beschwor er ihn. Alles anzuwenden, um Sidonien im Guten zu vermögen, jene Gegend zu verlassen und außer Landes zu gehn, ja er gab ihm sogar ein Schreiben an die Verlassene mit, in welchem er, Prinz Waldemar, Sidonien versprach wieder mit ihr zusammen zu treffen, doch sollte Ellernburg nur im höchsten Nothfall davon Gebrauch machen.

Jetzt stand der Graf Sidonien gegenüber, in der Stellung eines Mannes, welcher der Anrede harrt.

Sidonie musterte ihn einen Augenblick, dann sagte sie, einen Seufzer zurückdrängend: »Wir haben uns lange nicht gesehn, Graf Ellernburg, was führt Sie hierher?«

»Der Befehl meines allergnädigsten Herrn, des Prinzen Waldemar; ich habe die Pflicht Ihnen, gnädigste Frau, mitzutheilen, daß die Aerzte jeden Tag dem Hinscheiden des Landesherrn entgegen sehn.«

»Ist das Alles, was Sie mir zu sagen haben, Herr Graf?«

»Ich bin allerdings noch nicht zu Ende, allein ich werde kurz sein. Seine königliche Hoheit der Prinz Waldemar wünschen, daß die gnädigste Frau dieses Haus verlassen und unter meinem Geleit sich in das ferne Ausland begeben möchten, am liebsten sähe er es, wenn Sie, gnädigste Frau, Italien wählen!«

»Und warum?«

»Er hält das milde Klima von Rom oder Neapel der Gesundheit Ihrer königlichen Hoheit – Graf Ellernburg wählte absichtlich diesen Titel – für zuträglicher als diesen einsamen Aufenthalt hier. Des Prinzen Verbindung, die erzwungen, ist kinderlos geblieben, der Tod des Landesherrn macht den Prinzen frei. Prinzessin Anna ist selbst nicht glücklich, aber kann der neue Landesherr seine Gemahlin aus diesem Hause hier abholen? Wer hat wohl mehr auf den äußern Anstand zu achten, als die Hochgestellten? Gehen Sie, gnädigste Frau, jetzt nach Italien, so kann Seine königliche Hoheit, sobald er lästige Bande abgestreift hat, Höchstdieselbe aus Rom abholen, wo der geheimen Trauung die öffentliche folgen soll.«

Sidonie hatte den Grafen ruhig angehört, jetzt sagte sie heftig: »und Alles dies soll ich glauben? Ich bin zu schwer getäuscht worden, um mich auf das Wort des Prinzen zu verlassen. Sie müssen mir bessre Beweise bringen, daß Waldemar es ehrlich mit mir meint, als diese Worte. Er konnte die junge, schöne Gemahlin verleugnen, er wird jetzt nicht die minder jugendliche aufsuchen, fort von hier aus seiner Nähe will er mich haben, das ist Alles!«

»Ich beschwöre Ihre Hoheit, mir zu glauben; ich habe, damit Sie in Italien mehr ihrem Range nachleben können, den Befehl von dem Prinzen erhalten, Ihnen, gnädigste Frau, dort einen Palast zu miethen, einen Hofstaat zu bilden. Für gewisse Vergünstigungen, welche der Prinz, sobald er an die Regierung kommt, den Katholiken zu Theil werden lassen will, wird er sich vom Pabste einen Titel für Sie erbitten. Alles wird geschehn um seine Ehe mit Ihnen legitim zu machen, und eine Verwandte meines Hauses, Gräfin Ulrika von Ellernburg, soll Sie als Hofdame begleiten, sie ist meine Mündel, mit mir hierher gekommen und bittet um die Gnade Ihrer königlichen Hoheit aufwarten zu dürfen.«

»Gönnen Sie mir Zeit, bis Morgen, Graf Ellernburg, mein Bruder ist hier, mit ihm will ich mich berathen, die junge Gräfin werde ich in einer Stunde gern bei mir sehn.«

Vor der Hand war der Graf mit dem Erfolge seiner Unterredung zufrieden. Er hatte gefürchtet Sidonie werde ihm, wie das ihr Character mit sich brachte, mit Heftigkeit oder Zorn entgegen treten, seinen Vorschlägen keinen Glauben, ja vielleicht nicht einmal Gehör schenken, aber ein Blick in das Antlitz des noch immer schönen, einst so blühenden Wesens überzeugte ihn, daß er auf wenig Widerstand zu rechnen habe. Das fieberhaft blitzende Auge, die eigenthümliche Röthe der Wangen und der kurze Husten, welcher Sidoniens Rede von Zeit zu Zeit unterbrach, sagten ihm deutlich, daß die Frau, welche Waldemar einst so heiß geliebt hatte, im vorletzten, ja vielleicht schon im letzten Stadium der Schwindsucht sei. Gewandten Geistes, wie Graf Ellernburg war, paßte er seine Vorschläge den Verhältnissen an, ihm schien es am Menschlichsten die Arme zu täuschen, eine Reise nach Italien hielt er für die Kranke am räthlichsten. Auch dem Baron von Geyersfels mußte das einleuchten, deßhalb suchte er ihn auf und fand ihn in der rechten Stimmung, die Leiden seiner Schwester zu verstehn.

Lange sprachen beide Männer mit einander, am Schlusse dieser Unterredung bemerkte der Graf: »ich begreife Ihre Empfindungen gegen den Prinzen, aber sein Sie versichert, daß er unter dem Drucke seiner Verhältnisse namenlos gelitten hat. Niemals wird er sich verzeihen, daß er dem Weibe, welches er über Alles liebte, so viel Qual zu gefügt hat, er konnte nicht aus seiner Erziehung heraus, sonst hätte er auf die Thronfolge resignirt und in die Scheidung von Ihrer Frau Schwester nicht gewilligt. Lassen Sie Sie uns jetzt vereint das Einzige thun, was noch gethan werden kann, um die letzte Lebenszeit der Armen zu versüßen.« Wilfried drückte dem Grafen Ellernburg die Hand, beide Männer verstanden einander.

Einige Tage später erzählte man sich in Birkendorf, das Ellernburg'sche Haus stehe leer. Zwei elegante Reisewagen mit Postpferden bespannt, waren von dem Hause aus durch das Dorf gefahren, in dem einen hatten zwei Damen Platz genommen, in dem andern Baron Geyersfels und Graf Ellernburg, die Dienerschaft war auf den Außensitzen placirt.

Arthur hatte Gelegenheit gefunden, den Baron noch einmal zu sehn, er befand sich wieder in der Stadt bei seinem Oheim. Halldorf dankte Gott, daß Wilfried von Geyersfels die Gegend verlassen hatte.

Julie sprach kein Wort, als man hier und da von der Abreise der räthselhaften Dame erzählte. Einige Tage nach ihrem Verschwinden brachte der Dorfbote ein kleines Kästchen und gab es Julien, als sie sich eines Nachmittags allein im Hause befand.

Lange hielt sie es sinnend in der Hand, sie hatte kaum Lust es zu öffnen, ihr Herz sagte ihr, das es von Wilfried sei, denn eine namenlose Bangigkeit überkam sie. Mit bebender Hand stellte sie das Kästchen in einen Winkel ihres Schrankes, aber war es Neugier oder der Gedanke, daß sie sich geirrt habe, genug sie öffnete spät Abends das Kästchen doch; ein blitzender Rubinring strahlte ihr entgegen, auf einem Blättchen las sie, was Wilfried mit flüchtiger Hand geschrieben hatte:

»Julie, ich muß Dich jetzt verlassen, aber meine Gedanken, meine Seele bleibt bei Dir. Wir sehn uns wieder, und dann wirst Du nicht mehr aus Pflichtgefühl verbannen

Deinen Wilfried.«

 

Sie legte den Ring und das Blatt wieder in das Kästchen und verbarg es in die Tiefe des Schrankes, zu welchem nur sie den Schlüssel besaß.


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