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VII.
Zwei Lauscher.

Die Unterredung zwischen Wilfried und Julien hatte Zeugen gehabt.

In Halldorf's Seele war es, seitdem er Geyersfels gesehen hatte, nicht so ruhig, als Julie wähnte. Er wußte von Julien's Vergangenheit mehr, als er ihr jemals entdeckt hatte. Als Halldorf sich bei dem Vater seiner Gattin um sie bewarb, lernte er auch ihren Bruder kennen, und dieser hielt es für Pflicht, dem Werber zu vertrauen, daß Julien's junges Herz schon von Liebe für einen Andern erfüllt sei, in dem er aber einen unwürdigen erkannt habe, welcher niemals Julien's Hand erhalten solle.

»Mit einem Unwürdigen ist leicht kämpfen in solchem Falle, ein edles Mädchen, wie Deine Schwester, verachtet ihn; dann vergißt sie sein und hängt später um so inniger an einem braven Manne,« antwortete Halldorf, er gewann Julien's Vater das Jawort ab und führte die Geliebte heim.

Daß sie wirklich Geyersfels tiefer und heißer geliebt haben könne, als in der Regel junge Mädchen einen Mann lieben, den sie nur selten sahen, dachte Halldorf nicht im Entferntesten. Alle poetischen romantischen Empfindungen waren ihm fremd, daß er ganz ruhig bei der Ueberzeugung war: »Julie achtet Geyerfels nicht mehr und jetzt ist sie meine Frau.«

Aber der Mensch, selbst der konsequente Charakter bleibt nicht immer derselbe, auch Halldorf war nach und nach ein Andrer geworden und zwar durch Erfahrung, Beobachtung, durch das Studium von Dichtern, welche er früher nicht gekannt hatte. Für ihn hatte es stets nur ein Weib gegeben, seine Julie; er liebte sie herzlich, ohne Schwärmerei und betrachtete ihre Liebe zu ihm als ein ihm gebührendes, ihm fest und auf ewig gehörendes Gut. Daß sie an einen andern Mann denken könnte, als an ihn, war Halldorf früher nicht in den Sinn gekommen, allein die traurige Erfahrung, welche einer seiner Jugendfreunde machte, dem die Gattin mit ihrem ersten Geliebten entflohen war, und die langsam in ihm dämmernde Idee, daß Julie Wilfried anders geliebt habe als ihn, beschäftigte ihn doch zuweilen in den letzten Jahren, doch suchte er stets solche Gedanken zu verjagen. Er betrachtete sie als düstere Träume. Seit jedoch Geyersfels wieder in Birkendorf gesehen ward, erwachte eine Art von Eifersucht in seinem Gemüthe. Julie schien ihm innerlich verändert. Er beobachtete sie heimlich und scharf, er hatte sie schon das Erstemal auf dem Kirchhofe mit Wilfried sprechen sehen, aber eben als er den Friedhof betrat und sich hinter einen großen Busch von Spätrosen verbarg, hatte das Gespräch zwischen Julien und dem Baron aufgehört, sie entfernte sich stolz und Wilfried sprang rasch über die niedere Friedhofsmauer.

Daß Julie, die ihm sonst nichts verschwieg, von ihrer Begegnung mit dem Baron ihm kein Wort gesagt hatte, befremdete Halldorf. Er beobachtete sie fortwährend auf jedem Schritt, ohne daß sie es ahnte; er, der Jäger, gewohnt jedes Menschen Fußtritt zu kennen, hatte mit scharfem Auge bemerkt, daß Wilfried sich oft in der Nähe des Hauses und auf dem Friedhofe gezeigt hatte. Heute hielt es der sonst so offne, heitre Halldorf für räthlich, seinem Weibe eine Unwahrheit zu sagen. Bei Tische, als beide Ehegatten äußerlich ruhig, innerlich tief bewegt, einander gegenüber saßen, warf er die Bemerkung hin, daß er bald nach dem Essen auf die Waldspitze gehen wolle, den Geometer zu treffen. Die Waldspitze war über zwei Stunden weit vom Forsthause gelegen.

»Ich will mir einige Bäume anmerken und auch die neuen Anpflanzungen mustern, liebe Julie,« sagte er leicht hin, »ich werde vor Abend nicht zurück sein.«

Julie erwiederte nichts als: »ganz wie Du Lust hast, ich will einige häusliche Geschäfte vornehmen.«

Halldorf ging auch in Wahrheit nach den unfern von der Waldspitze gelegenen Anpflanzungen, aber er kehrte bald um und schlug mit pochendem Herzen und Riesenschritten den Weg nach dem Friedhofe ein. Nicht der weiße Rosenbusch barg ihn diesmal, er stieg in ein offnes Grab hinab in der Nähe des Platzes, wo er Julien erwartete, und wo er sicher war, jedes Wort, welches gewechselt wurde, deutlich hören zu können.

Als Wilfried von seiner Liebe zu Julien sprach, ballte Halldorf die Faust; er war nahe daran aufzuspringen und vor ihn hin zu treten, aber er hielt an sich, er mußte ins Klare kommen, mußte seiner Gattin Antwort hören.

Nachdem Julie sich entfernt hatte, sank eine Centnerlast von Halldorfs Herzen, sie war noch seine edle, treue Gattin, ihr hatte er keinen Vorwurf zu machen, aber mit dem Baron wollte er ein ernstes Wort sprechen, den Störer seines Eheglücks zur Rechenschaft ziehen, gleichviel ob Wilfried's Plan gelungen war oder nicht. Es ist sehr leicht in ein Grab, selbst wenn es tief wie dieses war, hinab zu springen, aber nicht so leicht heraus zu kommen. Halldorf konnte keinen Anlauf nehmen, und ehe es ihm gelungen war, wieder auf der Oberfläche des Friedhofs zu stehen, hatte Wilfried denselben längst verlassen.

»Wir finden uns schon noch, Herr Baron!« rief der Förster unwillkührlich laut und knirschte mit den Zähnen, bei diesen Worten hob er drohend die Faust nach der Gegend hin, nach welcher zu Wilfried von Geyersfels gegangen war. Dann ordnete der Förster seinen Anzug und schritt auf einem Umwege seinem Hause zu.

Aber noch Einer hatte Julien, Wilfried und Halldorf gesehen, jedes Wort vernommen, jede Bewegung bemerkt, und jetzt trat er hinter einem hochaufgerichteten Denkmal hervor. Es war ein junger, stattlich aussehender Franziskaner-Mönch, dessen braune Augen, dessen volles Lockenhaar mit der sehr kleinen Tonsur wenig zu dem einfachen, ernsten Gewande stimmte, welches er trug.

»Ich bin heute vergebens gekommen,« murmelte er, »doch nein,« sagte er zu sich selbst, »ich habe ein Geheimniß entdeckt und das ist auch etwas werth. Nummro Eins weiß ich, daß der reiche Baron von Geyersfels die schöne Förstersfrau glühend und bis jetzt hoffnungslos liebt, ich kann mich ihm als Spion anbieten und bei dieser Gelegenheit fällt für mich sicherlich ein Erkleckliches ab; zweitens bin ich fest überzeugt, daß die Frau, so tugendstolz sie sich auch geberdete, dem Baron schwärmerisch ergeben ist. Zu oft habe ich Beichte gehört, um nicht das Herz einer Frau zu durchschauen, zumal das einer so einfachen, tugendhaften und Drittens wird der Förster mir nicht mehr so auflauern, wenn ich im Walde spazieren gehe, sobald ich ihn merken lasse, daß ich im Stande bin, eine Geschichte von seiner Frau zu erzählen. Mag sie auch unschuldig sein so viel sie will, ich habe Frau Halldorf allein auf dem Friedhofe mit dem Baron Geyersfels gesehen, der ein sehr schöner Mann ist, kaum vierunddreißig Jahr alt. Ich habe kein Wort von ihrem Gespräch verstanden, heißt es dann, aber Frau Halldorf hatte Thränen in den Augen und der Baron war sehr bewegt.«

Und der Pater lachte, daß seine Zähne, weiß und schön gereiht, hinter den vollen, rothen Lippen hervorleuchteten.

Der Mönch erinnerte sich, daß es Zeit sei, nach seinem Kloster zurückzukehren, wolle er zur Stunde des Nachtessens im Refectorium sein. So viele Freiheit der Pater Guardian ihm ließ, da er dem Kloster sehr nützlich war, so hielt er doch mit Strenge darauf, daß jeder der Fratres zur Minute im Kloster war, wenn die Ausgangsstunden abgelaufen waren. Frater Cölestin nahm das auf dem Boden stehende, bis an den Rand mit frischen Eiern und Honigwaben gefüllte Körbchen auf, und verließ die Stätte des Friedens, indem er mit wohllautender Baritonstimme zu einer Choralmelodie Verse sang, deren theils lustiger, theils erotischer Inhalt schlecht zu der Weise stimmte.

Den Frater kümmerte das wenig, er lachte zwischen jeder Strophe herzlich, und als er sich fern von dem Dorfe im Dickicht sah, intonirte er nach Webers herzerfreuender Melodie ein von ihm verfaßtes Lied, das also begann:

»Was gleicht wohl auf Erden dem Klostervergnügen.«

Eine gute Stunde hinter Birkendorf, unfern der Waldspitze, stand seit sechs Jahrhunderten das Franziskanerkloster Gnadenort. Eine fromme Fürstin hatte es gestiftet, als ihr Gemahl und ihr Sohn in der Schlacht bei Tagliacozzo gefallen waren, als Anhänger des unglücklichen Conradin von Schwaben. Dem Schutzpatron ihres Gemahls zu Ehren hatte sie es nach ihm genannt, reich dotirt und noch die Beruhigung gehabt zu erleben, daß ein Guardian und sechs Fratres das schöne Gebäude bezogen und in der, im gothischen Styl gebauten Klosterkirche Messe lasen. Der vorletzte Landesherr hatte es Gnadenort getauft.

Seit dem hatte sich Vieles geändert. Der Wald war bedeutend kleiner geworden, in der Nähe des Klosters und einiger dazu gehörigen Ortschaften waren große Dörfer mit Kirchen entstanden, wo das Evangelium nach Luthers Ansichten verkündigt wurde und nur hie und da wohnte in den protestantischen Dörfern eine katholische Familie, welche die Klosterkirche besuchte. Im Kloster selbst, das nach und nach durch Stiftungen frommer Seelen sehr reich geworden war, lebten jetzt zwanzig Mönche unter der Obhut des Herrn Guardians und seit sich, vor etwa zweihundert Jahren, ein großes Wunder in Gnadenort begeben hatte, war das Kloster ein vielbesuchtes Ziel für Waller aus nahen und fernen Gegenden. Bekanntlich haben die Franziskaner die Pflicht oder die Erlaubniß, wie man nun eben sagen will, zu betteln, oder wie es in der Klostersprache heißt: zu terminiren.

Der Herr Guardian war sehr besorgt für die unter den Protestanten wohnenden Mitglieder seiner Gemeinde, und die beiden jüngsten Fratres, welche am besten zu Fuße waren, hatten es über sich, die in Birkendorf und der Umgegend wohnenden Glaubensgenossen zu besuchen, sie vor dem Eintritt in die protestantische Kirche zu warnen, gelegentlich den protestantischen Geistlichen dieser Dörfer Uebles nachzureden, dabei aber auch anzunehmen, was die alte fromme Lindenbäuerin, die Frau Müllerin, der reiche Metzgermeister und noch einige gläubige Seelen den Herrn Patres aus christlichem Gemüthe an Lebensmitteln zu senden gewillt waren.

Der jüngste Pater, wegen seines Aeußern der schöne Cölestin genannt, hatte sich bald nach seinem Eintritt in das Kloster, die besondere Gunst des Herrn Guardian erworben. Der würdige joviale Herr liebte leidenschaftlich Musik, und da Pater Cölestin in Wahrheit ein vortrefflicher Sänger war, so wunderte sich Niemand über des Guardians Vorliebe für den jungen Mann. Auch seine Ordensbrüder hatten ihn gern, da sie ihn stets heiter, dienstfertig und mittheilend fanden; seine bösen Eigenschaften, Jähzorn, raschauflodernde Sinnlichkeit kamen im Kloster nicht zum Vorschein, auch schützte sein Gewand ihn vor Händeln, in welche Cölestin, hätte er in der Welt gelebt, wohl leicht gerathen wäre.

Heute nun hatte er sich vergebens bemüht, eine Person zu sprechen, welche ihn mehr, als es sich mit Cölestins Pflichten vertrug, interessirte, aber nachdem er seinem Unmuthe über das Fehlschlagen seiner Hoffnungen durch einige kräftige Flüche Luft gemacht hatte, befand er sich wieder in der besten Stimmung von der Welt.

Eben wollte er die zweite Strophe seines Liedes beginnen, als der Ruf »guten Abend, Herr Pater,« ihn aufmerksam machte. Der Geometer kam des Weges daher, ebenfalls in froher Laune, und wie es schien, etwas vom Geiste des Rebensaftes durchglüht, welcher in der sogenannten Klosterschenke in vortrefflichster Qualität zu haben war.

»Sie hören auf zu singen, hochehrwürdiger Herr,« sagte der Geometer, »entziehen Sie mir doch nicht diesen Kunstgenuß; selten sind Stimmen, wie Sie eine besitzen, und bei Gott, Sie wissen sie auch zu behandeln. Kein Wunder, daß alle Mädchen und Weiber in der ganzen Gegend in Sie vernarrt sind, Pater, beim Zeus, kein Wunder!«

»Mich freut mein Organ, weil ich es zum Lobe Gottes und der Heiligen erschallen lassen kann,« entgegnete der Pater und nahm eine ernste Miene an, »und für Frauen und Mädchen habe ich, ein Klosterbruder, kein Auge.«

»Kein Auge, hahaha! Und wenn das wäre, Pater, dann sollten Sie sich schämen; wer die Schönheit nicht bewundert, ist ärger als ein Heide, er ist ein Vandal. Haben Sie nicht die blonde Dame in dem abgelegenen Hause gesehen, welche man die wahnsinnige Gräfin nennt. Den Teufel ist sie wahnsinnig, höchstens spricht Melancholie aus ihren schönen Augen, dann kommt eine jüngere Frau, eine wahre Muse, die schöne Frau Halldorf; wenn ihr Mann von einem Wildschützen getödtet würde, legte ich dieser Wittwe Hand und Herz zu Füßen, obgleich sie drei Kinder hat, und drittens die junge Müllerin; Donner Wetter ist das Weibchen pikant und niedlich! Als ich zuletzt mit ihr sprach. –«

»Mit Ihr? Wo, wann?« fragte der Pater rasch und dunkle Zornesröthe überzog seine Züge.

Der Geometer fand nicht für gut, eine andre Antwort zu geben, als ein lautes Gelächter.

Der Pater hatte sich indeß gefaßt und ließ schnell die zum Schlage erhobene Hand sinken. »Die Familie des Müllers ist rechtgläubig,« sagte er, »und jedem Geistlichen der alleinseligmachenden Kirche liegt es ob, auf die Mitglieder seiner Gemeinde ein wachsames Auge zu haben. Euer Umgang, Herr Geometer, scheint mir für keinen Katholiken ersprießlich, da Ihr wie es scheint, die Götter der blinden Heiden Bachus und Venus mehr venerirt, als einem rechtschaffenen Christen ziemt.«

Der Geometer lachte abermals und sagte einige lustige Worte über die Enthaltsamkeit der Mönche; Pater Cölestin warf dem Geometer einen Blick zu, als wolle er ihn damit erdolchen, und murmelte: »Herr, Sie sind berauscht!« Und schritt rasch an ihm vorüber, als fürchte er sich vor seiner eigenen Heftigkeit.

Den Geometer focht des Paters Zorn wenig an, er ging, dann und wann über eine Baumwurzel stolpernd, auf Birkendorf zu und sang halblaut mit ziemlich hübscher Stimme nach einer bekannten Volksmelodie:

»Grüß' Dich Gott, Frau Müllerin
Willst mir nimmer aus dem Sinn.«


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