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XII.
Der erste Mai.

Woche um Woche ging langsam dahin; Halldorf schien äußerlich zu genesen, er klagte nicht über Schmerzen, die Speisen, welche er zu sich nahm, sagten ihm offenbar zu, allein er blieb still und in sich gekehrt und sein Gedächtniß zeigte sich sehr lückenhaft, er war nicht fähig, seine schriftlichen Arbeiten zu machen und Julie hatte sich einstweilen vom Oberforstamt einen Adjunct für den Revierförster erbeten. So oft die Rede auf den Ueberfall im Walde gelenkt wurde, erblich der Leidende und bei jeder Frage, ob er sich des Mannes erinnere, der ihm den Schlag versetzt habe, verneinte er. Wer Halldorf's Verhältnisse nicht genau kannte, konnte leicht auf den Gedanken kommen, er habe eine Last auf seiner Seele, er sei eines Verbrechens schuldig, nicht ein Andrer.

Endlich kam der Gerichtsarzt auf einen Einfall, den er früher hätte haben sollen, er verordnete dem Förster Chinin und viele Bewegung in frischer Luft, der Frau Halldorf aber sagte er unter vier Augen, daß sie nicht ablassen müsse, ihren Gatten zu bitten ihr volles Vertrauen zu schenken, denn er, der Gerichtsarzt glaube fest: daß Halldorf den Thäter wisse und nicht sagen wolle, und daß dieser am Ende doch Geyersfels sei, denn sonst würde Halldorf den Baron nicht fortwährend unter kränkendem Verdacht und in Haft wissen wollen. Julie dankte dem Gerichtsarzte und versprach das Ihrige zu thun.

Am ersten schönen Frühlingstage führte sie Halldorf in den Wald zu seinem Lieblingsplätzchen, wo sie unzählige Male mit ihm gesessen hatte. Es war eine reizende Stelle, ein grünes Rasenstückchen mit Veilchen und Himmelsschlüsselchen übersät und von Buchen und Lerchenbäumen beschattet, zwischen denen die helleren Blätter der Birke und Silberpappel hervorleuchteten.

Hier, wo er freier aufathmete, heitrer umherschaute, schmiegte sich Julie innig an ihn, und hier bat, ja beschwor sie den geliebten Mann, ihr zu entdecken, was sein Herz bedrücke und ihr nicht länger sein Vertrauen zu entziehn, »denn, mein theurer Friedrich,« schloß sie mit zärtlichem Tone ihre Rede, »ich liebe Dich zu innig, um nicht in deiner Seele zu lesen; sie leidet mehr als dein Körper.«

»Also Du liebst mich, Geliebte, Du, der ich so wenig zu bieten habe, Du bist zufrieden mit dem einfachen Loose, weil Du es mit mir theilst?« fragte er.

»Kränke mich nicht, Friedrich, denn das verdiene ich nicht,« entgegnete Julie mit Würde.

»So höre denn mein Bekenntniß,« sagte er, »aber verschließe es tief in deinem Herzen.«

»Du kannst mir Alles vertrauen, Friedrich,« sagte Julie mit einem schönen Blick. »Ich werde es verstehen und heilig bewahren.«

Halldorf begann: »Als ich Dich zum Erstenmale sah, meine Julie, liebte ich Dich, offen und ehrlich warb ich vor den Augen Deiner Eltern um Dein Herz. Dein Bruder entdeckte mir heimlich, daß Du schon eine Neigung gehabt, vielleicht noch hättest, zu einem Manne, den er mir als einen Unwürdigen bezeichnete, auch nannte er dessen Vater, adelstolz und hart. Diese Mittheilung schmerzte mich, aber sie schreckte mich nicht ab. Ich dachte, es müßte meiner Liebe doch gelingen. Dich zu gewinnen, und ich glaube noch heute, daß Du nicht ohne herzliche Hinneigung die Meine wurdest, als Du sahst, daß aus Deiner Verbindung mit dem Baron von Geyersfels nur Unheil für Dich, vielleicht auch für ihn entstehen mußte. Ob Du an meiner Seite glücklich warst, Julie? Du mußt es wissen, leider bin ich ein schweigsamer Mensch und that wohl nicht immer genug, um meine poetische, fantasievolle Frau stets für mich zu interessiren, nicht wahr Julie?«

»O, Friedrich, Du bliebst Dir immer selbst gleich!«

»Als Geyersfels im Herbst hier war, erfaßte mich rasende Eifersucht, doch hoff' ich, daß ich sie glücklich zu verbergen gewußt habe.«

»Eifersüchtig warst Du? In Wahrheit, das habe ich Dir nicht angemerkt,« erwiederte sie langsam.

»Zweimal sah ich Dich mit Geyersfels auf dem Friedhofe sprechen, das zweite Mal vernahm ich jedes Wort.«

»Du lauschtest Friedrich.«

»Nun ja, ich hielt mich für berechtigt dazu; auch hast Du durch Deine Rede zu ihm damals Frieden in mein Herz gegossen. Ich ließ ihn ziehen und suchte aufs Neue Deine Liebe zu gewinnen.«

»Du hattest sie!«

»An jenem Tage nun, wo Du mit den Kindern nach der Stadt gefahren warst und ich, unsrer Verabredung gemäß, Dir nachkommen sollte, fiel es mir ein, daß es doch hübsch wäre, wenn die beiden alten silbernen Pokale, welche vom Vater und Großvater herstammen, einmal wieder vom Juwelier blank geputzt würden, und ich nahm den Schlüssel zu dem großen braunen Schrank in Deinem Zimmer. –«

»Hattest Du auch einen Schlüssel dazu?« unterbrach ihn Julie.

»Von jeher, meine Julie. Ich öffne also den Schrank und nehme die Pokale in die Hände, da erblickte ich in einem Winkel ein Kästchen. Niemals hatte ich es früher gesehen, ich mache es auf, ein kostbarer Ring funkelt mir entgegen, ein Blättchen von Geyersfels' Hand, auf welchem er sich Deinen Wilfried genannt hatte, fällt mir ins Auge, was in diesem Augenblicke in mir vorging, vermag ich nicht mit Worten auszudrücken, es war einige Tage nach der Unterredung datirt, die Du mit ihm gehabt hattest, als Du ihm seinen, vielleicht aus Wahrheit und Dichtung bestehenden Brief zurück gabst. Halb im Traume schloß ich den Schrank zu und verließ das Haus. Lange Zeit irrte ich umher, ich wußte nicht, was ich von Dir denken sollte. –«

»Friedrich, es war gewiß kein Unrecht, daß ich den Ring und das Blättchen aufbewahrt hatte. Ich wußte des Barons Aufenthalt nicht, sonst hätte ich ihm beides zugesandt. Dir wollte ich nichts von dieser unseligen Gabe sagen, ich fürchtete, Du könntest Geyersfels aufsuchen, Dich vielleicht mit ihm schlagen.«

»Ich glaube Dir Julie, aber es ist in der Regel niemals gut, wenn eine Frau vor dem Gatten Geheimnisse hat, mögen immerhin ihre Beweggründe edel sein.«

»Du hast Recht Friedrich, doch sprich weiter.«

»Endlich kam ich zu dem Entschlusse Dich in der Stadt aufzusuchen, wie ich Dir versprochen hatte, offen mit Dir zu reden. Es dämmerte schon, als ich mich auf den Weg machte. Mitten im Walde scholl ein Schrei an mein Ohr, er klang mir wie ein Hülferuf und rasch eilte ich dem Orte zu von wo der Laut ertönte. In der Katharinenkapelle sah ich soweit ich es noch erkennen konnte eine Frau mit einem Manne ringen; ob sie sich brutalen Liebkosungen entziehn oder ob er ihr ein anderes Leid zufügen wollte, sah ich nicht; ich rief zornig: »Laßt die Frau frei,« und schritt auf die Kapelle zu. Sie, verhüllt, benutzte mein Dazwischentreten und stürzte aus der Kapelle heraus, an mir vorüber, auf Birkendorf zu fliehend. Ich wollte, um dem Weibe einen Vorsprung zu lassen, den Mann aufhalten, aber rasch, ehe ich ihn fassen konnte versetzte er mir mit seinem Knotenstock einen so heftigen Schlag, daß ich zu Boden sank. Ich hatte, weil ich in der Stadt nicht von Bekannten angeredet sein wollte, um nicht sogleich erkannt zu werden, meine Uniform nicht angezogen, also wie Du weißt keine Waffen bei mir, auch die Hunde hatte ich beide zu Hause gelassen, weil ich mit Dir nach Hause fahren wollte. Gegen den Bewaffneten hätte wohl jener Mann diesen Schlag nicht gewagt. Ich war wie betäubt, lange hatte ich nicht gelegen, als ich wieder Tritte vernahm, ein Mann bückte sich zu mir nieder, er band ein Tuch um meinen Kopf, ich sah das Gesicht des Baron von Geyersfels, dann verließ mich das Bewußtsein ganz. Ich vermuthe, da die Wunde nicht so tief war um mich ganz bewußtlos zu machen, daß die heftige Gemütsbewegung, in welcher ich mich befand, den Starrkrampf herbeigeführt hatte. Nun urtheile selbst, Julie, was konnte ich von Geyersfels anders denken, als daß Leidenschaft für Dich ihn wieder hierher geführt hatte, ich, der ich keinen Feind in der Gegend habe, muß glauben, daß er den Schlag auf mein Haupt führte, um Dich zur Wittwe zu machen und zu gewinnen, daß ihn aber später die That reute, weßhalb er umkehrte, mir Hülfe zu leisten, denn daß Geyersfels es war, der mich verband, darauf will ich den heiligsten Eid leisten.«

»Daß er Dir beistehen wollte, glaube auch ich, aber obgleich ich mir nicht erklären kann, warum er Dich später verließ, bin ich doch fest überzeugt, daß er nicht in der Capelle war. Er hat mich geliebt, wenn er um meinetwillen nach Birkendorf gekommen war, wie könnte er eine Zusammenkunft mit einer Frau gehabt haben, und in der Capelle?«

»Du hast Recht Julie, jetzt wo mich die Eifersucht nicht mehr blendet und ich auf den Knieen Dir den leisesten Verdacht abbitten möchte, glaube ich es selbst nicht mehr, obgleich die dunkle Mannsgestalt von deren Hand ich den Schlag empfing ganz die Größe von Geyersfels hatte. Allerdings sagte jener Mann einige Worte, er stieß einen fürchterlichen Fluch aus, aber ich kann mich der Stimme des Menschen nicht mehr erinnern.«

»Und was willst Du thun? noch immer ruht auf dem Baron der Verdacht, noch ist er nicht frei.«

»Heute noch bei Gericht die Erklärung abgeben, daß ich mich jetzt deutlich erinnere, jetzt wo alle meine Lebensgeister erwacht sind und ich genesen bin, wie fest ich überzeugt bin, daß ein Andrer den Streich geführt hat, der leicht der Todesstreich hätte sein können.«

Hand in Hand sah man eine Stunde später das Ehepaar aus dem Walde nach seiner Behausung gehen.

Der Criminalrichter war schon längst nach der Stadt zurückgekehrt, da Halldorf nicht in Folge des Schlages gestorben war, hatte natürlich die ganze Sache eine andre Wendung genommen und der Baron als reicher Grundbesitzer war einstweilen auf Ehrenwort frei gegeben. Er war in Birkendorf geblieben, um Halldorf's Genesung abzuwarten, denn Wilfried von Geyersfels wünschte sehnlichst die Herstellung seines Rufes, er gehörte nicht zu den Edelleuten, welche, sind sie nur glücklich dem Schauplatze ihrer Thaten fern, sich nicht darum kümmern, was man von ihnen spricht.

Jetzt hatte der Revierförster feierlich vor Zeugen ausgesagt, daß er sich deutlich entsinne, wie nicht der Baron, sondern ein andrer ihn verletzt habe, und der Criminalrichter, welcher aus der Stadt gekommen war, um diesen Akt zu bekräftigen, sagte schließlich: »Auch ich, Herr Baron, habe nicht einen Augenblick Ihre Unschuld bezweifelt, das hat Ihnen mein Benehmen wohl immer gezeigt, allein ich mußte meine Pflicht thun. Verschiedenes lenkte Verdacht auf Sie. –«

»Gewiß,« rief Wilfried von Geyersfels rasch, da er fürchtete, der Criminalrichter könne sein Gespräch mit Julien erwähnen, »gewiß, Herr Criminalrath, ich weiß es, der Lindenbauer sah mich in den Wald gehen, und das Tuch, welches Halldorf um den Kopf gebunden hatte, ist das meine. Ich bin eine Erklärung schuldig und will sie jetzt geben. Um wichtige Angelegenheiten zu ordnen, kehrte ich im Februar auf meine Güter zurück. Bei dieser Gelegenheit sollte ich auch einige werthvolle Gegenstände aus dem Ellernburgschen Hause hier abholen. Ich reiste also mit meinem Kammerdiener hierher. Als ich alle Geschäfte besorgt hatte kam ich auf den Einfall, noch einmal die Gegend zu durchwandern, um von Flur und Wald auf immer Abschied zu nehmen. Spät Abends wanderte ich im Forste umher, und fand, anscheinend leblos Herrn Halldorf, sah Blutspuren auf dem Schnee. Ich richtete seinen Kopf auf, er öffnete die Augen, schnell zog ich mein Taschentuch hervor und verband seine Wunde, dann eilte ich, da ich natürlich ihn selbst nicht fort tragen konnte, nach Gnadenort, weil von der Capelle aus wo Halldorf lag, das Kloster näher ist als Birkendorf.

Nachdem ich lange heftig an der Pforte geläutet hatte und die Thüre einzuschlagen drohte, öffnete der steinalte, stocktaube Pförtner und schien mich nicht zu verstehen. Meine laute Rede rief den jungen Pater herbei, den die Frauen in der Umgegend des Klosters den schönen nennen. Er hörte mich an, versicherte mir aber, daß es gegen die Ordensregel sei, des Abends so spät das Kloster zu verlassen, es dürfe nur davon abgewichen werden wenn ein Todtkranker die Sterbesacramente begehre, und auf meinen Wunsch mich dem Guardian zu melden, könne er nicht eingehen, der hochwürdige Herr lese in seinem Brevier und könne um so weniger von der Observanz abweichen, da Halldorf Protestant sei. So kehrte ich zurück, fand den Herrn Revierförster nicht mehr, und das Mondlicht, welches mir frische Spuren von Menschenfüßen und Schlittenkuffen zeigte, sagte mir, daß Herr Halldorf ohne Zweifel bereits aufgefunden und mitgenommen worden sei. Ich hatte nun nichts mehr zu thun, als in das Haus zurück zu kehren, auf welche Weise ich in meiner Abreise gehindert wurde, wissen Sie. Schon zu lange ward ich hier aufgehalten, noch heute will ich fort, ohne Groll auf die Birkendorfer und erfreut über Herrn Halldorf's Genesung.«

Bei den letzten Worten wandte er sich, die Hand ausstreckend nach diesem und wer in Seelen zu lesen fähig war, wie Halldorf, sah, daß des Barons Rührung keine erheuchelte, und daß er froh bewegt war.

Arm in Arm traten die beiden Männer aus dem Hause, Jeder im Orte sollte sie so vereint sehen.

»Herr Baron,« nahm Halldorf jetzt das Wort, »lassen Sie uns gegenseitig vergeben und vergessen, und nehmen Sie dieses Kästchen an, welches Ihnen meine Frau durch mich zusendet.«

Geyersfels öffnete es, nahm das Blättchen heraus und zerriß es, den Ring reichte er Halldorf sprechend: »zum Beweise, daß Sie von jedem Verdachte gegen mich, welcher Art er auch sei, frei sind, bitte ich Sie, nehmen Sie diesen Ring und geben Sie ihn Ihrer Frau Gemahlin. Er ist seit Jahrhunderten in meiner Familie, eine Arbeit von Benvenuto Cellini, und meine gute Mutter hat ihn getragen. Ich habe das junge Mädchen Julie Falkner angebetet, wie es nur ein schwärmerischer Jüngling von zwanzig Jahren vermag. Ich habe Jahrelang meine erste Liebe nicht besiegen können, so oft ich auch meinen Verstand um Hülfe anrief. Ich habe die herrliche Frau mit meiner Leidenschaft bestürmt und durch diese gewinnen wollen, vergebens! Jetzt verehre ich sie, wie ein überirdisches Wesen und denke ruhig und glücklich an sie. O, wenn Frauen wüßten, daß wir Männer lieber verehren, auf längere Zeit glückseliger sind, wenn wir statt der Venus eine Vesta finden, die Mädchen und Frauen würden weniger schwach sein.«

Nach diesen Worten drückte Geyersfels dem Förster die Hand und entfernte sich rasch.


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