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IX.
Februar.

Die Arbeiten des Geometers waren beendet, aber er machte noch keine Anstalten zur Abreise, er schickte seine Zeichnungen und Berechnungen nach der Residenz und schrieb dazu, daß ihm vom Arzte Landluft verordnet worden sei. Früher hatte er nicht begreifen können, wie man es auf dem Lande aushalten könne, jetzt erklärte er, daß ihn vor der dumpfen Atmosphäre der Stadt graue, ein Förster oder Müller schien ihm ein glücklicher Mann. Dabei war es dem Geometer, ohne daß er sich sonderlich Mühe gegeben hatte, gelungen, sich zum Lieblinge der ganzen Bevölkerung zu machen, denn seine geselligen Talente waren sehr vielseitig. Unser Geometer war hübsch genug, um den Frauen gefallen zu können, er tanzte gut und unter der Linde auf niedergetretenem Rasen so gewandt und so gern, als im parquettirten Saale; er spielte leidlich Guitarre und sang mit hübscher Tenorstimme Lieder von allen Gattungen dazu, er machte den Knaben Papierdrachen, den kleinen Mädchen Papierpuppen, brachte den gebildeteren Frauen in der Gegend, wo er Gast war, dann und wann ein interessantes Buch und denen, welche weniger von Lesen hielten, Pilze, welche er im Walde gesammelt hatte, Kronsbeeren, Wachholder und dergleichen. Er schoß gut und durfte mit dem Revierförster schießen gehn, er zeichnete Stickmuster, gratulirte mit scherzhaften Versen zu Geburtstagen und borgte doch bei keinem Menschen Geld. Für erzeigte Gastfreundschaft erwies er sich gegen die Kinder der Häuser, in denen er aus und ein ging, erkenntlich und im Erzählen drolliger Anekdoten war er eben so sehr Meister, als im Vortrage interessanter Reiseabenteuer oder rührender Geschichten. Erschien er im Wirthshause, um den Amtmann, den Schultheißen, einige Gutsbesitzer und die gebildeteren Männer Birkendorfs und der Gegend zu treffen, so machte ihm Jeder mit Vergnügen Platz, und ehe er eine neue Geschichte begann, hieß es gewöhnlich: »Halt! entweder muß ich gleich fort denn sonst hält mich der Herr Geometer mit seiner Geschichte fest, oder ich bleibe lieber gleich da und lasse eine neue Flasche Wein bringen, welche der Geometer mit mir leeren muß.«

Das that dieser denn auch, bestellte aber als Revanche gleich nachher noch eine Flasche und mochte nun der Wein leicht oder schwer sein, wenn er nur rein war, vertrug der Geometer auch sein gut Theil, denn bis jetzt hatte ihn Niemand berauscht gesehn.

Im Forsthause wurde er stets sehr freundlich aufgenommen, und um immer interessanten Unterhaltungsstoff zu haben, wurden vor dem Abendessen neue Dichtungen oder Romane gelesen, über welche nach beendigter Mahlzeit Julie und die beiden Männer sprachen. Bei diesen Unterredungen entwickelte Halldorf so viel Herzensgüte und gesundes Urteil, daß Julie ihrem Gatten mit Vergnügen zuhörte, und wer das Paar genau betrachtete, mußte glauben, daß erst jetzt die Flitterwochen für dasselbe begonnen hätten.

Der Geometer war den Kindern der Protestanten als Knecht Rupprecht, denen der Katholiken als St. Nicolaus erschienen und hatte Apfel und Nüsse eingeworfen. Das Christfest war vorüber mit seinen kirchlichen und weltlichen Festlichkeiten, der Geometer hatte viel zur Belebung desselben gethan, auch einige große Schlittenfahrten arrangirt, da es hart gefroren war und an Schnee nicht fehlte. Es wurde einige Tage darüber gescherzt, daß der Geometer die junge hübsche Wittwe des alten reichen Thalmüllers ganz allein in einem eleganten Rennschlitten gefahren hatte, da er aber den nächsten Tag in demselben Schlitten die alte ledige Schwester des Pfarrers abholte und ein andres Mal die beiden kleinen Töchter des Amtmanns fuhr, zerstob das Geschwätz wie Spreu im Winde, und der Geometer durfte wieder, ohne für den guten Ruf der jungen Frau fürchten zu müssen, in die Mühle gehn. Besaß er doch sogar die Gunst der achtzigjährigen, noch sehr rüstigen Schwiegermutter der Müllerin.

So war der Januar verstrichen, der Februar ließ sich nicht milder an, man prophezeihte einen endlosen Winter. Der Landesherr war gestorben, alle Tanzvergnügungen hatten in Folge der Landestrauer schon Anfang Februar aufgehört, in den Zeitungen las man, daß der neue Regent sich bald huldigen lassen und dann, um seiner angegriffnen Gesundheit willen, nach dem Süden reisen wolle.

Die Birkendorfer hatten keinen Grund, den verstorbenen Monarchen besonders zu beklagen, sie waren also dem Geometer sehr dankbar, daß er die angenehmen Schlittenfahrten veranstaltet und allerhand gesellige Spiele erfunden hatte. Im Winter giebt es auf dem Lande am wenigsten zu thun, so wurde denn einen Tag nach der Klosterschenke, ein andres Mal nach der Glashütte, ein drittes Mal in die nächste Stadt gefahren, meist führte der Weg durch den Wald und wer jemals an einem windstillen trocknen Wintertage wohlverhüllt in wärmende Pelze durch den Wald fuhr, weiß, wie eigenthümlich schön eine solche Tour ist.

Um die Illumination zu sehn, mit welcher das nächste Städtchen die Thronbesteigung Waldemar I. feiern wollte, war wieder eine große Fahrt beschlossen und der Geometer mit dem Amtmanne und dem Gerichtsarzt des nächsten Marktfleckens den Tag vor dem Fest in das Städtchen gefahren, im ersten Hotel ein geräumiges Zimmer und Speisen für zwanzig Personen zu bestellen.

Auf dem Rückwege war es schon ganz dunkel, nur der Schnee leuchtete, der Mond ging an jenem Abende erst später auf.

»Sieh da,« rief jetzt der Geometer, »da ist ja das verwünschte Haus, ich meine das Ellernburg'sche erleuchtet. Ist denn die Dame zurückgekehrt?«

»Schwerlich,« erwiederte der Amtmann, »sonst wüßten es meine Frauenzimmer, denen es für eine

Trotz vollständigen Scans Textlücke von einigen Zeilen im Buch. Re

in einem Schlitten ein Plätzchen für mich für den Heimweg.«

Statt des Gerichtsarztes, welcher mit Frau Halldorf und des Pfarrers Schwester fahren sollte, trat der Geometer ein.

»Ei,« scherzte Julie, »wollten Sie nicht die Frau Müllerin fahren?«

»Sie bleibt daheim, der Altmühlscher ist krank, sie selbst hat keine Lust, was weiß ich,« entgegnete er etwas gereizt, »nun wie Frau Burgheim denkt, das Wetter ist herrlich und wir wollen schon fröhlich sein. Au revoir Herr Revierförster.«

Julie reichte ihrem Manne die Hand und sagte freundlich: »Komm' nicht zu spät, lieber Friedrich. Behüt Dich Gott!«

Mitten im Walde, zwischen alten Fichten und Tannen, befand sich seit Jahrhunderten eine Capelle, der heiligen Katharina geweiht. Seit die Gegend fast nur von Lutheranern bewohnt war, hatte Niemand mehr dafür gesorgt, daß die Capelle erhalten wurde; sie war von Wind und Wetter übel zugerichtet, das Bild der Heiligen im Innern des kleinen Gebäudes fast ganz von Regen abgewaschen und seit drei Jahrzehnten diente die Capelle sehr selten einem andächtigen Wandrer zum Sammeln frommer Gedanken, wohl aber ward die geweihte Stätte in dieser Zeit sehr oft von Liebespaaren und Wildschützen benutzt; die ersteren fanden sich bei Tage in dem dunklen Capellchen ein, um nicht gesehen zu werden, die letzteren versteckten in der Nacht ihr erlegtes Wildpret oder verbargen sich wohl selbst in dem unterirdischen Gewölbe der Capelle, obgleich sich daselbst der nun fast verfallene Sarg eines frommen Einsiedlers befand.

Auch den Nachmittag, an welchem sich die Honoratioren Birkendorfs im Städtchen aufhielten, war die Capelle nicht leer, ein Mann, dessen Züge sich nicht leicht erkennen ließen, weil er sich in den Hintergrund zurückgezogen hatte, saß auf den Altarstufen und wartete mit Ungeduld auf eine andere Person. Endlich wurden leichte, rasche Schritte auf dem hartgefrorenen Wege hörbar, eine dunkel gekleidete, in ein großes schwarzes Tuch gehüllte Frauengestalt ward sichtbar, nachdem sie sich nach allen Richtungen hin umgeschaut und Niemanden erblickt hatte, trat sie in die Capelle und sagte etwas zaghaft: »Da bin ich, ich konnte nicht früher abkommen, die Mutter ließ mich nicht eher aus den Augen, ich darf auch nicht lange bleiben, also lassen Sie mich schnell hören, was Sie mir zu sagen haben.«

»Ei seht doch, so kurz bist Du heute, mein Schätzchen, hattest doch sonst Zeit für mich. Die Mutter wird schon warten. Du bist ja kein kleines Kind und überdem schlau genug, ein X. für ein U. zu machen. Komm gieb mir Deine Hand und setze Dich zu mir!«

»Ich habe wirklich nicht Zeit, auch ist es schauerlich kalt, sprechen Sie rasch, ich bitte und lassen Sie mich fort.«

»Warum bist Du denn gekommen, wenn Du sogleich gehen willst? Friert Dich, so trinke einen Schluck Wein und komm in meine Arme ich will Dich schon wärmen.«

»Was haben Sie mir zu sagen?«

»Daß ich Deine Liebelei mit dem fremden Windbeutel nicht leide, daß ich es müde bin, daß Du mit mir kokettirst und dabei stets die Spröde spielst. Ich habe zwei Briefe von Dir, und wenn Du nicht thust, was ich begehre, so werde ich dafür sorgen, daß dieselben in der ganzen Gegend bekannt werden. Dann sollst Du erfahren, wie man Dich da achten wird.«

Das Frauenzimmer brach in Thränen aus, der Mann lachte.

In einiger Entfernung von der Capelle ging ein Mann durch den Wald, um ihn her war Alles still, sein feines Ohr vernahm einen Schrei, er schien von der Katharinencapelle her zu kommen, der Mann eilte mit raschen Schritten auf die Capelle zu, ohne sich umzusehn.

Während sich dies im Walde begab, waren die Birkendorfer im Gasthofe zum goldenen Stern sehr fröhlich. Die Fahrt war herrlich gewesen, das sonst stille Städtchen heute sehr belebt und alle seine Gebäude prangten im Festschmuck.

Man hatte vortrefflich gespeist, den neuen Landesherrn in rothem und goldenem Rebensaft leben lassen und freute sich, als mit einbrechender Dunkelheit die Lampen und Kerzen angezündet wurden, welche die Stadt im hellen Glanze zeigten. Alle waren heiter, nur Julie wurde etwas ungeduldig, sie hatte Halldorf vor Beginn der Dämmerung erwartet, und der Geometer empfand es als Beleidigung, daß die Frau Müllerin nicht Wort gehalten hatte, sondern zu Hause geblieben war. Mit Vergnügen würde er Julie nach Hause gefahren haben, aber die Kinder baten die Mutter, daß sie noch bleiben möge, es sei gar so schön, und die Schwester des Pfarrers versicherte, daß sie um keinen Preis allein durch den Wald fahren würde, alle sechs Schlitten müßten beisammen sein.

Endlich als es im Städtchen neun schlug trat man den Rückweg an.

Der Mond war voll und golden aufgegangen und beleuchtete den Weg, die Glöckchen klangen lustig, die Schlittenführer knallten, selbst Julie war heiter geworden, denn sie war ihrer Heimath nahe, der Heimath, welche sie mehr als jemals liebte, seit Halldorf mittheilender geworden war. Der Geometer mit seinem eleganten Schlitten führte den Zug an, jetzt stutzten die Pferde, sie wollten alles Antreibens ungeachtet nicht weiter gehn.

Der Geometer stieg vom Schlitten und gab Julien die Zügel zu halten, plötzlich stieß er einen Schreckensschrei aus, die andern Schlitten kamen näher.

Julie fragte was geschehen sei. Niemand wollte ihr antworten. Sie gab die Zügel ihrer Nachbarin und sprang aus dem Gefährt. Da lag auf dem blendenden Schnee regungslos, todtenbleich leblos ihr Gemahl, um ihn her Spuren von Blut. Julie stieß einen herzzerreißenden Klagelaut aus und sank bei dem Geliebten nieder.

Während die Kinder laut jammerten und die starren Hände des Vaters mit Thränen und Küssen bedeckten, entspann sich zwischen dem Amtmanne und dem Gerichtsarzte ein lebhafter Streit.

Der Amtmann, ein Oeconom, welcher diesen Titel hatte, weil er fürstliche Ländereien verwaltete, bestand darauf: der Förster müsse liegen bleiben, bis die Gerichtspersonen des Dorfes erschienen wären, der Arzt nannte das Unsinn, denn vorerst müsse man den Mann nach seinem Hause schaffen und sehn, ob er noch in das Leben gerufen werden könne oder nicht.

Einige Damen hatten Julien aufgerichtet und sie nebst den Kindern in ihre Schlitten gebracht, der Geometer aber hatte, während Amtmann und Doctor noch heftig mit einander eiferten, kurzen Prozeß gemacht, den Leblosen rasch aufgehoben, mit Hülfe eines Freundes in seinen Schlitten befördert und als das geschehen war, jagte er wie auf Windesflügeln dem Dorfe zu.

Fehlerhafte Kapitelnummerierung ab hier korrigiert. Re


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