Friedrich Hackländer
Ein Winter in Spanien
Friedrich Hackländer

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Einundzwanzigstes Kapitel.
Nach Gibraltar.

Fahrt auf dem Guadalquivir. Anblick von Cadiz. Das Innere der Stadt. Puerto de Santa Maria. Das Schlachtfeld von Xerez de la Frontera. Ende des Königs Roderich. Xerez und seine Weinlager. Verpflanzung von Palmbäumen. Eine Morgenstunde in Santa Maria. Cette petite bateau. Der Schraubendampfer Don Manuel. Das Schlachtfeld von Trafalgar. Sturm und Regen. Tarifa. Durch die Säulen des Herkules. Anblick von Gibraltar. Englische Physiognomie der Stadt. Die Alameda. Der Garten des Schusters. Ritt durch die Felsgallerien und Batterien. Liebhabertheater.

Wenn ich Tage lang und ganze Nächte auf spanischen Landstraßen auf die erbärmlichste Art zusammengestoßen wurde, mich freuend auf die elendeste Station, wo man doch eine halbe Stunde lang, während umgespannt wird, als freier Mensch auf seinen eigenen Füßen herumlaufen darf, dabei wehmüthig den Lichtschimmer irgend eines Hauses betrachtete und die wahrscheinlich ruhig und behaglich Schlafenden dort oben beneidete, so dachte ich mit wahrer Lust an das Ende dieser Mühen und Leiden im spanischen Eilwagen, an Sevilla nämlich, wo nicht nur »die letzten Häuser stehen,« sondern bis wohin auch für uns die letzten Eilwagen gehen, da von hier aus der Guadalquivir so freundlich ist, die Reisenden, die nach Cadiz wollen, auf seinem breiten Rücken zu befördern. Obgleich ich in Spanien bei so vielem, das ich verließ, traurig dachte: das ist auf Nimmerwiedersehen, so hatte mich doch, endlich in Sevilla angekommen, ein ganz anderes Gefühl beherrscht, und als ich die Thüre des für mich letzten spanischen Eilwagens zuwarf, dachte ich: Gott sei Dank, denen sind wir entronnen! Jetzt freilich, nachdem schon eine Zeit zwischen jenem Tage und heute liegt, kann ich selbst die Zeichnung eines spanischen Eilwagens, wie er, im tollen Galopp von acht Maulthieren gezogen, eine Anhöhe hinabrast, mit einer Art wehmüthiger Freude betrachten. So ist nun einmal der Mensch, während die Erinnerung an Mühen und Leiden verblaßt, tritt das Andenken an heitere und glückliche Stunden immer leuchtender hervor.

Um sechs Uhr fuhr das Dampfboot ab, das uns nach Cadiz bringen sollte. Das Boot war eben so groß und auch fast so elegant wie die Rheindampfer. Ja, wenn man den Guadalquivir abwärts schaute, so konnte man sich lebhaft an die Heimath erinnert fühlen. War es doch gerade, als blicke man unterhalb Wesel gegen Holland hinab; wie auch dort der deutsche Strom seine klare grüne Farbe verloren hat, mit der er oben zwischen den Felsen des Rheingaues so freundlich prangt, so war auch sein spanischer Kollege nicht mehr derselbe klare Guadalquivir, über den wir bei Cordova in elender Fähre gesetzt, und wo wir nicht versäumt, unsere Hand durch die kühle, klare Flut rauschen zu lassen.

Die Abfahrt des Dampfbootes ging mit denselben Geschichten vor sich, wie wir das bei uns tausendmal gesehen haben, und das hatte wieder soviel an die Heimath Erinnerndes: das mit Koffern und Hutschachteln, Herren und Damen, Soldaten und Guardias civiles besetzte Verdeck, der stämmige Kapitän in blauer Jacke mit dem gewichsten Hute auf dem Hinterkopf, der Schiffsjunge, der vorne die Glocke anschlug, sich vorher aber schnäuzte, wie ich dies in Köln am Rhein so oft gesehen. Nachdem mehrere rührende Abschiede genommen waren, wobei einige Damen sehr laut schallende Küsse austheilten, wurde der Dampfer vom Ufer gelöst, die Maschine fing an zu arbeiten, und nachdem wir in die Mitte des Stroms gelenkt, schwammen wir rüstig abwärts.

Lebewohl Sevilla!

Die spanischen Eilwagen blieben freilich hinter uns, aber damit schien auch das ganze, liebe, herrliche Land hier in Sevilla sein Ende erreicht zu haben. Schlammgelb und trübe fließt der Guadalquivir dem Meere entgegen. Die Hügel, welche Sevilla umgeben, lassen wir bald hinter uns, zu gleicher Zeit verschwinden die hellen, freundlichen Dörfer, und als wir an einer Biegung bei den Orangenwäldern vorbeigefahren sind, die uns noch vor einigen Tagen mit saftiger Frucht und süßem Duft gelabt, wird die Gegend vor uns immer flacher und langweiliger. Rechts und links sieht man fast nichts, wie Sand, Stoppelfelder und Haiden, nur zuweilen angenehm unterbrochen von grünen Wiesen mit zahlreichen Pferde- und Rinderheerden. Eigenthümlich war es, daß wir auf dem Schiffe nur Spanier trafen, weder einen Franzosen noch einen Deutschen, selbst nicht einmal einen Engländer; unsere Reisegesellschaft dagegen hatte sich um ein viertes Glied vermehrt, den Baron W., einen liebenswürdigen angenehmen Liefländer, der vollkommen deutsch sprach, die halbe Welt kannte und viel zur Unterhaltung beitrug. Die spanischen Dampfer haben die bequeme Einrichtung, daß man zu jeder Stunde nach der Karte speisen kann, und braucht man sich nicht wie auf dem Rheine zur Mittagszeit, oft wenn wir bei den schönsten Gegenden vorüberfahren, zur Abfütterung in die Cajüte zusammentreiben zu lassen. Gegen zwei Uhr Nachmittags erhoben sich am fernen Horizont wieder einige Hügel, so wie am rechten Ufer Buschwerk, namentlich Fichtenwaldungen; gleich darauf sahen wir auch Bonanza und San Lucar, die beiden Gränzstädtchen zwischen der Meerflut und dem Guadalquivir. Letzterer breitete sich hier mit jeder Radumdrehung immer mehr und mehr aus: aus einem nicht zu breiten, bescheidenen Flusse war er in kurzer Zeit zu einem gewaltigen Strome angewachsen, dessen Ufer mit wahrer Hast aus einander zu fliehen schienen. San Lucar ist ein hübsches Städtchen mit gutem Hafen und schönen Mauthgebäuden. Die Salzflut hat hier schon die Oberhand, obgleich man das Flußwasser noch längere Zeit in einem dunkleren gelberen Streifen erkennt. Unterdessen haben sich die Ufer ganz zurückgezogen, und daß wir im Meere angekommen sind, bemerken wir an der plötzlich veränderten Bewegung des Schiffes, so wie an einem frischen Seewinde, der uns wohlthuend entgegenweht und die dunkelblauen Wellen auf und ab tanzen macht. Da sich aber zu gleicher Zeit unser Dampfer ebenfalls zu freuen scheint an der unermeßlichen Wasserfläche, die sich vor uns ausdehnt, und dabei etwas heftiger tanzt und stößt, so wird manche rothe Wange blaß, manche Nase spitzig und viele Augenpaare, die noch vor einer halben Stunde glänzten und schelmisch blitzten, nehmen jene unruhigen starren Blicke an, die in diesem Falle immer die Vorboten der leidigen Seekrankheit sind. Daß ich bei meinen vielen Meerfahrten nie darunter gelitten, kam mir heute wieder einmal trefflich zu Statten, denn während die meisten Passagiere in ängstlicher Hast Sophas und Stühle suchten, stellte ich mich an das Bugspriet des Schiffes, entzückt auf die große Bai von Cadiz blickend, die sich mit Einem Male von Rota aus majestätisch vor uns aufrollt, sowie auf die Stadt selbst, eine Königin der Meere im Wittwenschleier, die nun plötzlich glanzvoll vor uns erschien.

Schon öfters las ich und ließ mir erzählen, Cadiz gleiche, vom Meere aus gesehen, Venedig. Etwas ist schon daran, denn sie, sowie die sogenannte Insel Leon, welche durch den Fluß Arillo von Cadiz getrennt ist, hängt mit dem Festlande nur durch eine lange Erdzunge zusammen und stellt sich so als eine große Insel, oder wie Venedig mitten in's Wasser hinein gebaut dar; aber die Ansicht der Stadt mit ihrer Färbung ist hier ganz anders, wie dort die der Lagunenstadt. Venedig liegt im trüben Wasser, aus welchem sich graue Häusermassen und ernste Thürme und Kuppeln erheben, ein gewaltiger aber etwas düsterer Anblick. Cadiz dagegen taucht glänzend und strahlend wie ein Brillant aus der blauen Flut hervor. Es ist das ein Anblick von so eigenthümlichem Charakter, der sich unauslöschlich der Erinnerung einprägt; wir haben ein Bild vor uns ohne allen Schatten, ohne alle mildernden Zwischentöne, mit einer Fülle von Licht übergossen, welche das Auge blendet. Auf einem wunderbaren Hintergrunde, von dem dunkel strahlenden Himmel und dem tiefblauen Meere gebildet, welches die Sonnenstrahlen in tausendfachem Glanze zurückwirft, erheben sich schneeweiße blendende Mauern, eben solche Wälle und Häuser mit flachen Dächern, alles in graden scharfen Linien, die sich aufs Bestimmteste von dem Himmel abheben; dazu entdeckt man bei der Stadt noch auf den kahlen schneeweißen Dünen rings um die Bai weder Baum noch Strauch und bemerkt nur, wie leuchtende Punkte die Gebäude von Puerto de Santa Maria, Puerto real, la Carraca und San Fernando, die am Ufer hin zerstreut liegen.

Der Hafen von Cadiz war einst der größte und bedeutendste Seehafen Spaniens, und hier drängten sich die goldbeladenen, amerikanischen Galionen. Hier wurden im Jahr 1790, als schon die spanische Seemacht anfing zu verfallen, noch dreißig Linienschiffe ausgerüstet. Ja, Cadiz ist eine Königin der Meere im Wittwenschleier! Aber obgleich von den kostbaren, ihr zinsbaren Gütern fast nichts mehr vorhanden ist, blieb sie dennoch eine sehr reiche Wittwe. Freilich hört man viel reden von dem Verfalle von Cadiz, von der Abnahme ihres Handels, und daran ist viel Wahres; doch kann eine Stadt, die mehrere hundert Jahre lang den reichsten Verkehr der Welt für sich ausbeuten konnte, wo Generationen auf Generationen Schätze häuften, wohl durch Abnahme des Handels einigermaßen leiden, aber gewiß nicht verarmen. Und so sieht auch Cadiz durchaus nicht aus. Der ganze Anblick der Stadt, der Straßen und Gebäude zeugt von Wohlstand und Reichthum, und wenn man die schneeweißen, frisch angestrichenen Häuser sieht mit ihren zierlichen Balcons, und auf ihnen schöne lachende Damen und Mädchen, so könnte man glauben, Cadiz feiere täglich irgend einen Festtag. Was aber hier verfallen ist, geschah durch Schuld der Regierung. Die Festungswerke rings empor aus dem Meere aufgemauert, die reichen Artillerieetablissements, Kasernen und Kasematten sind heute freilich ganz vernachläßigt und in schlechtem Zustande.

Als wir am Hafen anlegten, stellte sich uns der Wirth einer sogenannten englischen Pension vor, und da wir in Sevilla von diesem Hause Gutes gehört, so folgten wir seiner Einladung. Sehr ergötzlich war am Landungsplatze ein Kerl in vollkommener, glänzender Majotracht, der eine Art Hafenkommissär zu sein schien; er bestimmte, was jeder Lastträger von den Effekten des Dampfers aufladen sollte, gab sich ein ungeheures Ansehen und stocherte dabei beständig die Zähne mit einem silbernen Zahnstocher.

Unser Gasthof lag an der Alameda, die sich vor unsern Fenstern dicht am Meere hinzieht. Auf die liebe blaue Flut hatten wir eine unvergleichliche Aussicht.

Cadiz hat keine besonderen Merkwürdigkeiten aufzuweisen, selbst nicht einmal mehr einen ächt spanischen Charakter; von Überbleibseln aus der Maurenzeit sieht man so gut wie gar nichts; doch ist es eine behagliche freundliche Stadt, wozu wohl die hohen, reinlichen Häuser, alle schneeweiß angestrichen, und die mit zierlichen Blumen besetzten Balcons das meiste beitragen. Fast sämmtliche Wohnhäuser haben Terrassen, auf denen sich häufig noch ein, mit einem Kuppeldach gewölbtes Thürmchen erhebt. Die Flaggenstange fehlt selten auf diesen Terrassen und oft ist sie zu einem vollkommenen Schiffsmast mit Raaen, Korb und allem Takelwerk ausgebildet, was der Silhouette des Ganzen etwas Eigenthümliches und Malerisches gibt. An öffentlichen Plätzen ist Cadiz reich; fast alle sind mit doppelten Alleen von Akazien und Ulmen besetzt, und man könnte sagen, sie bilden große Gesellschaftssäle, denn hier spazieren in den Nachmittags- und Abendstunden eine Menge Menschen umher, man findet hier seine Freunde und Freundinnen, raucht mit den Männern eine Papiercigarre und plaudert mit den Damen oft von scheinbar gleichgültigen, häufig aber sehr ernsten und interessanten Dingen. In der Nähe dieser Plätze befinden sich auch Kaffeehäuser mit Tischen und Bänken auf der Straße, wo man seine Chocolade trinkt oder ein Gefrorenes nimmt, doch ist dieß schon nicht mehr recht spanisch, und man findet dergleichen weder in Madrid noch in Granada oder Sevilla; beim Flaniren durch die geraden und engen Straßen bemerkt man bald, daß man sich in einer Handelsstadt befindet. Die leichten Gitter vor den Höfen haben sich hier in schwere mit Eisen beschlagene Thore verwandelt, und wo man in Sevilla zierliche Marmorfontainen, Orangen und Granaten bemerkt, sieht man hier die Embleme des Kaufmannsstandes, Wagen und Waarenballen.

Die Kathedrale von Cadiz ist eine großartige Steinmasse, für uns aber, die wir auch in dieser Richtung so viel Schönes gesehen, nur durch den Haupteingang, der eine die ganze Giebelseite einnehmende gewaltige Halbkreisnische bildet, und die man könnte sagen elegante und raffinirte Disposition des Innern von einiger Bedeutung. Interessant war dagegen der Besuch des großen Theaters, weniger der aufgeführten Stücke halber, als des strahlenden Kranzes schöner Damen, welche zahlreich alle Logen füllten. Obgleich man den hiesigen Damen die vollendete Gracia andaluz abspricht, so sind doch ihre Körperformen, namentlich aber ihre wunderbaren Köpfe, vorzüglich wegen des reichen Haares und der großen glänzenden Augen in ganz Spanien berühmt, und wie wissen sie diese Augen zu benutzen! Für uns gab es in den Zwischenakten die interessantesten Schauspiele; nie sah ich eine solch unnachahmliche Haltung des Kopfes, ein solches Kokettiren mit den wunderschönen Augen; dabei sind die »Gaditanas« unübertrefflich in Handhabung des Fächers, und sie machen von dieser gefährlichen Waffe einen umfassenden Gebrauch. Das Zusammenklappen und Aufwerfen desselben mit Einer Hand betrieben die jungen Damen mit einer Meisterschaft, die ans Komische gränzte, und oftmals entstand im ganzen Hause dadurch ein solches Knattern und Rauschen, daß es zwischen der lärmenden Musik deutlich hörbar wurde, und man hätte glauben können, man befände sich in einem Walde unter Tausenden von riesenhaften Nachtschmetterlingen; in der That gab es auch hier Nachtfalter genug, und den Schönen von Cadiz wird nachgerühmt, daß es manche unter ihnen gebe, denen das warme Herz empfänglich im schönen Busen schlägt.

Den zweiten Tag unseres Aufenthaltes bestiegen wir eines der kleinen Dampfboote, welche die Verbindung zwischen Cadiz und Puerto de Santa Maria vermitteln. Wir hatten einen Ausflug dorthin beschlossen, um das berühmte Schlachtfeld von Xerez de la Frontera zu sehen, sowie Xerez selbst mit seinen großen Weinlagern. Die Bai glänzte wie ein Spiegel unter dem klaren Morgenhimmel, als der kleine Dampfer über die dunkeln Fluten förmlich dahinglitt. Ehe eine Stunde verging, waren wir auf der andern Seite und legten vor einem großen stattlichen Gasthofe an, wo wir ein vortreffliches Frühstück fanden, sowie zwei kleine einspännige Fuhrwerke, um damit nach Xerez zu fahren. Diese hatten fast ganz die Gestalt des neapolitanischen Corricolo, und wurden von einem Kerl gelenkt, der wie bei der Tartane auf dem rechten Gabelbaume saß. Puerto de Santa Maria ist ein kleiner aber freundlicher Ort, der sich am Ufer der weiten Bai hinzieht, die Straßen fern vom Hafen sind still und öde, und vielen jetzt verfallenden massiven Häusern, wo Balcon und Hofgitter aus reicher Eisenarbeit bestehen, sieht man es wohl an, daß sie einst bessere Zeiten erlebt. Am nördlichen Theile des Städtchens befinden sich schöne Anlagen, der Paseo de la Victoria, durch welchen wir gegen 10 Uhr in die kahle Gegend hinausrollten, die sich gegen Xerez hin erstreckt. Anfänglich fuhren wir durch eine Niederung, dann erreichten wir aufwärts steigend ein ziemlich dichtes Fichtengehölz, von wo man zur Rechten eine Aussicht auf die weite Ebene hat, die sich über Chiclana und Puerto real bis ans Meer hinabsenkt. Obgleich die Gegend ringsumher einförmig und öde ist, so zeigt sie sich doch durch das hellglänzende Sonnenlicht mannigfaltig gefärbt, der Boden schien meistens felsig zu sein und nur zuweilen wechseln die langen grauen Flächen mit gelben Sandstreifen oder röthlichem Heideland ab; nur hie und da sieht man mageres Ackerland, sowie einige Olivenpflanzungen, die aber in dem unfruchtbaren Boden schlecht gedeihen; dabei ist das ganze Terrain sanft wellenförmig und der Weg läuft, ein röthlich-gelber Streifen, auf und ab durch das langweilige Land. Nachdem wir ungefähr eine Stunde gefahren, erreichten wir zu unserer Linken abermals dünne Fichtenwaldungen, dann ging es etwas steil hinab, und unten angekommen, hielt unser Kutscher sein Maulthier an, auf einen felsigen Hügel zu unserer Rechten zeigend, der mit einer so dünnen Erdschichte bedeckt, daß die Steine überall zu Tage traten, nur streifenweise mit Gestrüpp und magerem Grase überzogen war. Auf der Höhe dieses Hügels lagen die malerischen Trümmer einer zerfallenen Kapelle. Hier sprangen wir von unseren Sitzen herab, der Eine unserer Führer stieg uns voraus den Hügel hinan. Da aber kein Weg dort hinauf führte, so mußten wir über Steingeröll zwischen Buchsbaumsträuchern, Disteln und Dornen klettern, um die Spitze des Hügels zu erreichen. Dort traten wir jenseits der verfallenen Kapelle an den äußersten Rand der Anhöhe und sahen vor uns eine weite, weite, öde und stille Fläche, wo der leichte Morgenwind kaum einige dürre Grashalme spielend aufhob, die aber gleich darauf wieder schläfrig einnickten, – das Schlachtfeld von Xerez de la Frontera.

Rechts von uns breitet sich die Ebene von Puerto de Santa Maria aus, die weite Bai von Cadiz einrahmend, die im Sonnenschein glänzt wie ein Schild von dunkelm Stahle; nördlich blicken wir in ein viele Stunden langes und breites hügeliges Land, in dessen Mitte Xerez liegt, hinter welcher Stadt, die wir jedoch nicht sehen können, sich in großer Entfernung eine graue Bergkette erhebt, vielleicht die malerische Sierra de Ronda. Vor uns haben wir den Guadalete, nach dem die blutige Schlacht ebenfalls benannt ist, und der nicht weit von Puerto real ins Meer fließt. Seinen Lauf erkennen wir an einem grünen Streifen, der sich in Schlangenlinien durch die röthlich-gelbe Ebene zieht, welche sich nach Südwesten in leichten Schwingungen ausdehnt und mit dem Horizont zusammenzufließen scheint.

Es war im Jahr 711, als der christliche Feldherr Tadmir dem Könige Roderich schrieb: »Herr, es sind feindliche Völker auf der Seite gegen Afrika angekommen, von denen ich nicht weiß, sind sie vom Himmel gefallen oder aus der Erde geschossen. Sie haben schon ein Lager auf unserem Grund und Boden bezogen. Ich bitte Euch, Herr, eilt schnell herbei und mit so vielem Volk, als Euch möglich ist.« Darauf zog der König seine Truppen zusammen, schickte seine gothische Reiterei in aller Eile voraus und folgte selbst mit dem Hauptheer und dem ganzen Adel seines Reiches. Am fünften Tage des Mondes Xawal, erzählt der arabische Geschichtschreiber, lagerte das Heer der Christen in einer Stärke von neunzigtausend Mann, und ihm gegenüber stand der Maure Taric mit nur zwölftausend Saracenen, wovon aber die Hälfte aus wilden afrikanischen Reitern bestand. Die Bewegungen des christlichen Heeres »glichen denen des Oceans, wenn seine Wogen von der Flut gereizt sind.« Ihre ersten und hintersten Reihen waren mit undurchdringlichen Panzern bedeckt, die andern führten Lanzen, Schilder und Schwerter, und das leichte Volk war mit Bogen, Pfeilen, Schleudern oder auch nach der Sitte ihres Landes mit Beilen, Keulen und Streitäxten versehen. Aber Taric ließ sich von der zahllosen Menge nicht schrecken und vertraute auf die Überlegenheit der Seinen an Muth und Geschicklichkeit im Gebrauche der Waffen. Die Schlacht begann an einem Sonntage mit dem ersten Sonnenstrahl und hörte beim Einbruch der Nacht ohne Entscheidung auf, wobei die Heere auf dem Schlachtfelde übernachteten. Das ging mehrere Tage so fort, und als endlich Taric sah, daß die Araber anfangen mochten zu weichen, sagte er ihnen: »Wozu kann es euch nützen, daß ihr fliehet? Das Meer liegt unbesiegbar hinter eurem Rücken, vor euch der Feind, dort der Tod, hier Aussicht auf glänzenden Sieg. Auf, mir nach, Ritter!« Damit stürzte er sich auf die Christen, hieb rechts und links nieder, was ihm entgegenstand und erreichte die christlichen Fahnen. Hierbei erzählt nun die arabische Geschichte, Taric habe den König Roderich nach kurzem Gefechte mit einem Lanzenstiche getödtet, im Gegensatz zu den altspanischen Romanzen, die das Ende des unglücklichen Königs anders, poetischer, aber schrecklicher berichten. Genug, das Unbegreifliche geschah, das christliche Heer floh nach allen Richtungen, und hier am Guadalajete wurde Spanien in einer einzigen Nacht für den Islam erobert. Zwei Jahre nach der Schlacht bei Xerez de la Frontera gehörte außer den Gebirgen von Asturien nichts mehr den Gothen, und hundert Jahre später hatte das spanische Volk, außer der Religion, alles was ihm sonst heilig war, Tracht, Sitte, selbst seine Sprache an die Eroberer verloren.

Die altspanischen Romanzen lassen den König Roderich nicht in der Schlacht umkommen, sondern nachdem sein Heer geschlagen war und ihn alle seine Freunde verlassen hatten, floh er auf verwundetem, wankendem Pferde, selbst todmüde und von Blut triefend, mit abgehauener Helmzierde und zerbrochenem Schwert und Schild, dem Guadalajete zu. Wahrscheinlich ritt er quer über das Feld, welches wir vor uns sehen, den Hügel hinauf, auf dem wir uns gerade befinden; denn auf einer Anhöhe am Rande des Schlachtfeldes hielt der König auf seiner Flucht an, um sich noch einmal nach der blutgetränkten Ebene umzuschauen, wohl dieselbe, wo jetzt die kleine Kapelle steht, und blickte dort hinab in Jammer und Verzweiflung. Als er hierauf seine Flucht gegen Norden fortsetzte, traf der unglückliche König einen Einsiedler, dem er beichtete und der ihn, zur Buße für seine Sünden, in eine tiefe Grube steigen ließ, und ihm zur Gesellschaft eine giftige Natter gab. Aber drei Tage mußte der Büßer vergeblich auf den tödtenden Biß der Schlange warten, der ihm ein Zeichen der himmlischen Gnade, der Vergebung seiner Sünden sein sollte. Am meisten drückte ihn wohl seine schwere Schuld gegen die Tochter des Grafen Julian, die ihn ja auch in ihren Folgen um Thron, Reich und Leben brachte, und um das Wort der Schrift zu erfüllen: »Womit du sündigst, sollst du bestraft werden,« entgegnete endlich am vierten Tage der König auf die Frage des Einsiedlers:

Dios es en la ayuda mia,
La culebra me comia;
Comeme ya por la parte
Que todo lo merecia.

Und damit endete Roderich.

Für uns war es höchst interessant, diese Gegend zu sehen. Hatten wir doch noch vor wenig Wochen in Toledo die Trümmer des stolzen Palastes gesehen, den sich der Gothenkönig erbaut, wo er in Pracht und Herrlichkeit lebte, und wo sich in den Bädern tief am Ufer des Tajo der schwarze Faden anknüpfte, der ihn hier bei der Ebene von Xerez de la Frontera so elend zu Grunde gehen ließ. Nachdem wir längere Zeit das Schlachtfeld betrachtet, auch kleine Andenken mitgenommen, als Bergkräuter und Blumen, sowie ich auch nicht vergaß, vom Fuße des Hügels ein paar Steinchen aufzulesen, die ich mir später in den Griff einer Toledaner Dolchklinge fassen ließ, bestiegen wir unsere Fuhrwerke wieder, worauf unsere Maulthiere, des langen Stehens überdrüssig, im lustigen Trabe gegen Xerez eilten.

Die Gegend, durch welche wir fuhren, blieb sich auch von hier aus ziemlich gleich: leichte, wellenförmige Hügel, hie und da mit Nadelholz bewachsen; nur in der Gegend der Stadt wurde des Heidelandes und Sandbodens weniger und die Fruchtfelder und Olivenpflanzungen mehrten sich; wonach wir aber vergebens ausschauten, das waren die Weinberge, welche den berühmten Wein von Xerez, den von den Engländern so sehr geliebten Sherry liefern sollten. Wenn wir auch auf den südlichen Abhängen einiger Hügel hie und da Rebenanpflanzungen sahen, so waren diese doch ganz unbedeutend und nicht der Rede werth; gegenüber dem ungeheuren Weinquantum, welches die halbe Welt mit Sherry versorgt, und hier – erzeugt wird. Ich glaube, daß es eigentlich heißen sollte: fabricirt wird; so meinte wenigstens unser Begleiter, Baron W., welcher die Behauptung aufstellte, der meiste Wein von Xerez sei ein Absud von Rosinen mit vortrefflichem Alcohol und Honig versetzt und so mundgerecht gemacht, auf welche Art ja auch schon seit längerer Zeit ein vervollkommneter Sherry in Marseille fabricirt wird.

Xerez liegt auf einer kleinen Anhöhe, und die weißen und hübschen Häuser sind überragt von der hochaufsteigenden Kathedrale. Bevor wir langsam zur Stadt hinauffuhren, sahen wir unten im Thale ein Stück Eisenbahn in der Arbeit begriffen, welche dazu bestimmt ist, Xerez mit Santa Maria, also mit dem Meere zu verbinden.

Da wir von Cadiz Empfehlungsbriefe an eines der größten Weinhäuser in Xerez erhalten hatten, so wurden wir hiervon den Herren Domeque und Sohn aufs Zuvorkommenste empfangen. Nachdem wir in dem prachtvollen Hause ein paar schöne Bilder gesehen, worunter ein Murillo und ein Zurbaran, begleitete uns einer der Herren nach den berühmten Weinlagern. Sehr überrascht waren wir, anstatt ausgedehnter Keller vielmehr große Hallen über der Erde, kirchenartige Schuppen zu finden, in welchen die vollen Fässer in wahrhaft unabsehbaren Reihen auf einander geschichtet lagerten. Es gibt zwei Hauptsorten Xerezwein, der Moscatello, der sehr süß ist, sowie der etwas herbere Pedro Ximenes, die bessere Sorte. Daß der Sherry eigentlich fabricirt wird, gestehen die Weinhändler natürlicher Weise nicht ein; wenn man aber sieht, wie er gepflegt wird, mit Alcohol und Zucker vermischt, und dann wieder aus den Mutterfässern, welche einen Stoff enthalten, der oft hundertzwanzig Jahre alt ist, verbessert, so kann man, wenn auch der Grundstoff wirklich gekelterte Trauben sind, das Ganze eine Fabrikation nennen. Man ließ uns von einer Menge von Fässern versuchen, und ich muß gestehen, daß allerdings köstlich schmeckende Tröpfchen darunter waren, für meinen Geschmack aber zu ölig und erhitzend. Das älteste Lagerfaß hieß Napoleon, und der Wein in demselben sollte zweihundert und fünfzig Jahre alt sein. Es war ein dunkelbraunes feuriges Getränk, das in dem kleinen Gläschen hinabrann, wie flüssig gewordenes Harz.

Die Straßen von Xerez de la Frontera sind reinlich und hübsch, die meisten mit stattlichen Häusern besetzt. Üppig ist die aus weißem Marmor erbaute Front der Kathedrale. Auf dem Marktplatze hatten wir noch ein eigenthümliches Schauspiel. Hier war eine zahllose Menschenmenge versammelt, welche zusah, wie alte kolossale Palmbäume, die man mit Wurzel und Krone aus der Umgegend herbeigebracht, und welche reihenweise in den Straßen lagen, hier im Kreise eingepflanzt wurden. Ich hätte nie gedacht, daß man so alte Bäume noch versetzen könne. Für die Wurzeln hatte man sehr tiefe Löcher gemacht, und die majestätischen Bäume wurden mit großen Hebewerken und zahlreichen Tauen unter dem Zujauchzen der versammelten Menge langsam emporgewunden. Gegen fünf Uhr verließen wir die Stadt wieder, und erreichten um sieben Santa Maria, wo wir aber fanden, daß der letzte Dampfer nach Cadiz bereits abgegangen war. Betrübt waren wir darüber gar nicht, denn der Gasthof, wo wir heute Morgen gefrühstückt, hatte in allen Theilen eine solch einladende Miene, auch so freundliche Zimmer, daß wir uns gern entschlossen, die Nacht dazubleiben. Man bereitete uns ein vortreffliches Diner, zu Ehren des Landes tranken wir einige Flaschen Sherry und später einen vortrefflichen Punsch, der aus dem eben so feurigen Wein von Puerto de Santa Maria zubereitet war, also eine doppelte Fabrikation. Auf den sehr warmen Februartag hatten wir bei dem klarsten Himmel einen ziemlich kühlen Abend, so daß uns die Wärme eines hell lodernden Kaminfeuers recht wohl that, als wir behaglich im Kreise davor saßen, unsern Punsch tranken, eine vortreffliche Cigarre rauchten, und jeder von seiner Heimath erzählte. Die Fenster unseres Speisesaales gingen auf das Ufer der weiten Bai von Cadiz. Einen wunderbaren Glanz warf der Mond auf den glatten Wasserspiegel, doch war sein Licht nicht hell genug, um uns Cadiz zu zeigen, dessen weiße Mauern mit leichtem Nebel, Dunst und dem zitternden Schimmer des Mondes zusammenschmolzen; aber trotzdem war die große glänzende Wasserfläche in stiller Nacht unbeschreiblich schön.

Am andern Morgen fuhren zwei unserer Reisebegleiter mit dem ersten Dampfer nach Cadiz zurück, Horschelt und ich blieben bis zur zweiten Fahrt zurück, unser Maler, um einige interessante Gegenstände zu zeichnen, ich aber, um dem preußischen Generalconsul für Spanien und Portugal, Freiherrn v. Minutoli, der die Zeit des Frühjahrs mit seiner Familie in Puerto de Santa Maria zubringt, meinen Besuch zu machen. Leider fand ich diesen hochverehrten Herrn, den Verfasser der vortrefflichen statistischen Werke über Spanien und Portugal, sowie eines sehr interessanten Buches, welches er erst später erscheinen ließ: »Altes und Neues aus Spanien,« nicht zu Hause, da er in Geschäften nach Cadiz gegangen war. Doch hatte ich am folgenden Tage das große Vergnügen, Herrn v. Minutoli bei uns zu sehen, und mich mit diesem geistreichen und hochgebildeten Manne eine kleine Stunde zu unterhalten.

Da demnach mein verlängerter Aufenthalt in Puerto verfehlt war, und ich nicht wußte, wo Horschelt sein Atelier aufgeschlagen hatte, so setzte ich mich nicht weit vom Ufer der Bai in ein reizendes Lorbeerrondell, in dessen Mitte ein großer Springbrunnen stand, und genoß des so angenehmen, frischen und klaren Morgens. Das Wasser der Bai vor mir war leicht gekräuselt und glänzte wie goldgeschuppt. Wenn es auch am Gestade heller erschien, so hatte es doch weiter hinaus wieder dieselbe tiefblaue Farbe, die uns bei der Ankunft vor Cadiz schon so entzückte. Dabei war das Wasser heute so belebt von zahllosen Fahrzeugen, welche die Bai nach allen Richtungen durchschnitten, und deren weiße Segel der frische Morgenwind blähte. Auf diesem prachtvollen Hintergrunde bot nun das Lorbeergebüsch mit seinem Brunnen, an dem ich saß, ein ganz eigenthümliches und interessantes Bild. Die Sonne glitzerte und strahlte durch die dunkelgrünen Blätter und glänzte so prächtig auf die herabfallenden Wassertropfen. Anfänglich war ich mit meinen Gedanken allein, dann aber setzte sich auf dem andern Ende der Bank, auf der ich mich befand, ein sehr ärmlich gekleideter Neger, der nach einer höflichen Frage, ob er mir nicht lästig sei, anfing ein halbes Dutzend Stiefel zu putzen. Von da an wurde der Brunnen auf eine höchst eigenthümliche Art belebt, er schien nämlich eine Tränke für sämmtliche lebende Wesen von Santa Maria zu sein, den Anfang machte der Neger, der mit der hohlen Hand aus der Schale schöpfte und trank; ihm folgten ein paar kleine Buben, die des Weges daher schlenderten, und die einander, nachdem sie satt getrunken waren, mit Wasser bespritzten, wie das nun nicht anders sein konnte. Ein paar Hunde, die nun von verschiedenen Seiten erschienen, drückten zuerst durch Schwanzwedeln die Freude des Wiedersehens aus, beschnüffelten sich auf herkömmliche Weise und labten sich dann ebenfalls an einem frischen Trunk. Darnach erschienen Arbeiter aus einer benachbarten Werkstätte, von denen sich einige ihrer Faust bedienten, wie der Neger und die Buben, einer aber einen hölzernen Becher hervorzog, was dem Schwarzen so gefiel, daß er auch daraus zu trinken wünschte. Zwischen hinein flogen auch Vögel zutraulich durch die Lorbeerwand, setzten sich auf die Brunnenschale und steckten ihre Schnäbel in das kühle Naß; alles aber entfernte sich sogleich, nachdem der Durst gelöscht war, die Hunde scharrend und wedelnd, die Männer, nachdem sie einige Worte mit dem Neger gesprochen, die Buben, nachdem sie sich gehörig gepufft, und die Vögel strichen erst ihre Federn mit dem Schnabel glatt, ehe sie davon flogen. Endlich hatte der Schwarze seine Stiefel blank geputzt, hing sie an einen Stock und entfernte sich, nicht, ohne mich vorher freundlich zu grüßen. Dann war ich wieder allein mit meinen Phantasieen, mit dem Lorbeergebüsch, dem murmelnden Springbrunnen und den glitzernden Sonnenstrahlen, bis mein großer Maler erschien, seine Mappe unter dem Arm und mir sagte, daß das Dampfboot sogleich abfahren werde. Eine kleine Stunde darauf waren wir wieder zurück in Cadiz.

Obgleich wir die ersten beiden Tage schönes Wetter hatten, so erlebten wir den dritten Tag einen Sturm, der in der Nacht so arg um unser am Meer gelegenes Haus raste, daß die Lichter fast auslöschen wollten, trotz Glasfenstern und Läden, und diese klapperten und seufzten so, wie Mastenspieren und Tauwerk eines vom Sturm gepeitschten Schiffes. Dafür war aber auch der Anblick der See, dicht vor unsern Fenstern, wahrhaft prachtvoll; in langen festgeschlossenen Gliedern mit flatternden Schaummähnen rasten die Wogen unter wildem Geheul und Tosen heran und spritzten Wasser und Schaum häufig über die Brüstung auf den Spaziergang. Die größten Schiffe im Hafen und auf der Rhede tanzten an ihren Ankerketten wie Nußschalen, und wo sich irgend ein Boot hinauswagte, da sah man es jetzt eine Secunde lang auf der weißen schaumigen Spitze eines der blauen Wogenberge, und gleich darauf verschwand es so vollkommen hinter demselben, als habe es urplötzlich der Abgrund verschlungen. Dabei hatte aber der heftige Wind während der Nacht den Himmel vollkommen rein gefegt, und es war ein eigenthümlicher Anblick, ihn so glänzend klar und blau, so bestrahlt von lachendem Sonnenschein über der wild empörten See zu sehen. Es dauerte auch bis am Abende, ehe sich die Wogen etwas beruhigten, und als wir später am Abend vom Theater zurückkehrten, hörten wir die See noch dumpf murmelnd und grollend an die Hafenmauern klatschen.

Unser Gasthof war nicht übel, die Zimmer geräumig und reinlich, das Frühstück und Mittagessen gut, und kann ich denselben jedem Reisenden empfehlen. Eigenthümlich, aber zweckmäßig und wohl der Mühe werth es nachzuahmen, fanden wir die marmornen Badwannen des Hauses; statt aus einem Block gehauen zu sein, was sie sehr schwer und theuer macht, waren sie aus Marmorplatten zusammengesetzt, die an den Ecken gut gefügt, vollkommen die gleichen Dienste leisteten. Baumeister Leins, der sie entdeckt hatte, beschloß zu Hause den Versuch zu machen, eine ähnliche herzustellen.

Unsere Absicht war, von Cadiz nach Gibraltar zu fahren. Freilich war der Entschluß, die berühmte Inselfestung zu sehen, etwas wankend geworden, als wir schon in Madrid erfuhren, Engländer und Spanier machten sich gegenseitig das kindliche Vergnügen, die Reisenden, welche von Gibraltar nach Algesiras wollten, oder welche von irgend einem Punkt der spanischen Küste nach Gibraltar gingen, wegen der in England herrschenden Cholera eine vierzehntägige Quarantaine halten zu lassen. Die Spanier, welche doch über die Pyrenäen oder durch die Mittelmeerhäfen jedermann, er mochte kommen woher er wollte, ungehindert einließen, hatten diese Lächerlichkeit angefangen, und man konnte es Sir Gardiner, dem englischen Gouverneur von Gibraltar, nicht übel nehmen, daß er sich durch eine ähnliche Maßregel revanchirte. Wer aber hierdurch zwischen die Schneide der Scheeren kam, das war das arme reisende Publikum, zu dem ja auch wir zu gehören die Ehre hatten. Glücklicherweise hörten wir aber schon den dritten Tag unseres Aufenthaltes in Cadiz, daß diese Quarantainespielerei aufgehört habe. Ein alter Engländer, der mit seinem hochaufgeschossenen Sohne im Hause wohnte, brachte diese angenehme Nachricht mit zu Tische und setzte hinzu, morgen gehe ein kleiner Dampfer von Cadiz nach Algesiras und Gibraltar, den sie hätten benutzen wollen und zu dem Zwecke heute Morgen zum Schiffe hinausgefahren seien. »Oue,« sagte er in seinem komischen Französisch, »nos avoar viu cette petite bateau, mais elle être trop petite, et le mer être trop grande, et nos avoar dit moa et moon fils: Cette petite bateau être trop dangeraeuss por aller avec loe à Algesiras et Gibraltar.«

Wir dagegen, die erfreut waren, eine so gute Gelegenheit zu finden, denn der Dampfer von hier nach Gibraltar sind wenige, fuhren sogleich hinaus, um das trop petit bateau in der Nähe anzusehen. Nun war es in der That sehr klein und schmal, nicht ganz so groß als die Boote auf dem Bodensee, ein Schraubendampfer, aber im vorigen Jahre erbaut, und wie ein Matrose, der sich an Bord befand, versicherte, mit einer sehr kräftigen Maschine versehen. Auf das hin nahmen wir denn auch zur morgenden Fahrt unsere Plätze und erzählten dieß bei der Zurückkunft dem alten Engländer, welcher erstaunt ausrief: »Vos voloar donc aller avec cette trop petite bateau? Oh! Oh!« dabei schüttelte er seinen Kopf und sein Sohn machte es gerade so. Abends packten wir unsere Koffer, erhoben die nothwendigen Gelder und nahmen nach dem Theater Abschied von unserem freundlichen Reisegesellschafter, dem Baron W., der von Cadiz nach Lissabon wollte.

Da unser Schraubendampfer, er hieß Don Manuel, Punkt sechs Uhr abfahren wollte, so verließen wir schon um fünf Uhr unsern Gasthof bei einem so wunderschönen und klaren Himmel, daß Horschelt entzückt ausrief: »Heute werden wir eine prachtvolle Fahrt haben!« Ich ersuchte ihn freundlich, den Tag nicht vor dem Abend zu loben; denn ich bin in solchen Dingen ein bischen abergläubisch, wurde aber von meinem lieben Freunde tüchtig ausgelacht, da allerdings am Himmel kein Wölkchen zu sehen war und die See sich sichtbar beruhigt hatte, obgleich das Hafenwasser die kleinen Boote noch ziemlich tanzen machte, und obgleich sich draußen vor der Bai in offener See zuweilen verdächtige Schaumspritzer sehen ließen.

Wir waren sechs Tage in Cadiz gewesen, und es betrübte uns nicht, diese Stadt wieder verlassen zu können, obgleich es wohl keine andere in Spanien gibt, die fortwährend einen so eigenthümlich festlichen, lustigen Eindruck macht. Dieser kommt wohl von der unendlichen Fülle von Licht, welches die Sonne vom klaren blauen Himmel auf Cadiz herabsendet, das von dem glänzenden Meer widerprallt und sich auf den blendend weißen Mauern wie in einem Brennpunkte sammelt. Aber dieser Eindruck, zuerst freundlich, betäubt nach kurzer Zeit die Sinne und wird zuletzt für den unbeschäftigt Umherwandelnden peinlich. Ergeht es uns doch wie einem Verzauberten im prachtvollsten Mährchenpalast aus Edelsteinen und Brillanten gebaut: man ist wie trunken vom Licht und Glanz und sehnt sich nach einer sanftern Umgebung, nach einer frischen Landschaft, nach dem Grün der Bäume.

Zur bestimmten Zeit waren wir an Bord des Don Manuel, und als ich, wie ich das auf Schiffen gleich zu thun pflege, nach der Cajüte hinabstieg, um für den Fall der Noth ein Plätzchen zu reserviren, fand ich diese so klein, daß sie mit vier Betten und einem schmalen Tisch in der Mitte vollkommen ausgefüllt war. Da zwei dieser Betten noch leer waren, ergriff ich feierlich Besitz davon, indem ich Nachtsäcke und Mäntel darauf ausbreitete. Obgleich es bei unserer Ankunft auf dem Verdeck noch ziemlich leer gewesen war, so brachten jetzt zahlreiche Boote eine Menge von Passagieren, und als um sechs Uhr der Capitän den Anker heben ließ, war oben alles so voll, daß wir nur mühsam unsere Stühle behaupten konnten, die wir an das Treppenhäuschen gelehnt hatten. Don Manuel hatte vorne an der Spitze ebenfalls einen Platz für Passagiere, doch waren dort eine große Menge von Gütern aufgestapelt, weßhalb sich alles auf dem Hinterdeck zusammendrängte, und darunter manche Reisende, welche für den andern Platz bezahlt hatten. Doch war der Capitän augenscheinlich zu galant, um die schönen Mantillas wegzuweisen, und zu sehr Spanier, um einem halben Dutzend beurlaubter Soldaten, welche Brodsäcke und Guitarren umhängen hatten, einen andern Platz anzuweisen. Übrigens war er ein hübscher und interessanter Mann, noch sehr jung, trug auch andalusisches Kostüm, hatte eine gewaltige Navaja im Gürtel, ein so ausdrucksvolles, fast wildes Gesicht, dabei so energische Bewegungen und eine kräftige Stimme, daß er eine Zierde jedes Schmuggler- oder Piratenschiffes gewesen wäre. Ein großer weißer Pudel folgte ihm auf jedem Schritte, bellte, wenn er kommandirte, und machte sich auf alle Arten nützlich, indem er bald des Capitäns Hut zwischen den Zähnen hielt, bald an einem Taue zerrte, an welchem die Matrosen gerade zogen.

Jetzt hatten wir den Anker an Bord und nachdem der weiße Dampf einigemal zischend ausgefahren war, begann sich die Schraube unter dem Steuerruder rauschend herumzudrehen und der Don Manuel schnitt durch die Wellen dahin. Von der Mitte der Bai aus rückwärts betrachtet liegt Cadiz unbeschreiblich schön. Aus der tiefblauen Flut auftauchend erhebt es sich scharf abgeschnitten am äußersten Rande des weiten Bogens, den die Gestade beschreiben. Bis nach Puerto de Santa Maria hin liegen die vielen Dörfer und einzelnen Höfe wie weiße Punkte oder glänzende Scherben am Ufer zerstreut, und hoch über sie hinaus erheben sich am Horizont die malerischen Berge hinter Xerez und Ronda. Da uns der Wind ziemlich günstig war, so ließ der emsige Capitän die Segel aufziehen und bald hüllte sich der Mast des kleinen Schiffes in weiße Leinwand und rauschte mit ausgespannten Seitensegeln frisch ins offene Meer hinaus. Die Schaumkronen aber, die ich heute Morgen entdeckt, hatten mich nicht getäuscht, und kaum hatten wir die Bai verlassen, so begannen die Wellen ein so artiges Spiel mit dem Don Manuel, daß er sich nach allen Seiten hob und senkte, und dabei von der Segelmasse gedrückt, stark leewärts überhing. Aber es war ein prächtiges Schiffchen und ich begriff wohl den Stolz des Capitäns, der, seinen großen Pudel hinter sich, hoch auf Fässern und Kisten am Mastbaum stand und mit wahrer Befriedigung dem Tanzen seines Dampfers zuschaute. Nicht so angenehm war dieß indessen für den größten Theil unserer Mitreisenden; unter den Mantillen seufzte es schwer und mühsam, und mancher Spanier trocknete sich den Schweiß von der Stirn, obgleich die Luft ziemlich kühl über uns dahinstrich. Das unruhige Meer, sowie rings am Horizont aufsteigende Wolken zeigte ich meinem großen Freunde Horschelt mit einiger Schadenfreude, doch war auch er fest gegen die Seekrankheit, und unser Baumeister allein mußte bald nach eingenommenem Frühstücke dem Meer seinen Tribut bezahlen. Die Ausbrüche der fatalen Krankheit zeigten sich indeß auf dem Verdeck so häufig und heftig, und manchmal so nahe bei unsern Schüsseln und Gläsern, daß ein minder guter Appetit als der unserige, sich wahrscheinlich in mehr noch als das Gegentheil verkehrt hätte, daß der Capitän es endlich für nöthig hielt, die Passagiere des zweiten Platzes fort, und zwar unter Deck bringen zu lassen. Da aber der Don Manuel mit Gütern so vollgeladen war, daß an beiden Seiten so gut wie gar kein Gang frei blieb, so waren die Matrosen gezwungen, die Weiber und manche der Männer dorthin zu tragen und zu schleppen. Unten mußte aber der Aufenthalt fürchterlich sein, denn der Capitän sah sich genöthigt, sämmtliche Luken schließen zu lassen, da der Don Manuel so tief durch die Wellen schnitt, daß die anprallenden Wogen über seinen Vordertheil stürzten und nicht selten bis zu uns herüberspritzten. Dabei hatte sich der Wind vermehrt und zu gleicher Zeit auch zu unserem Nachtheile gewendet, so daß die Segel eingezogen werden mußten, auch war von dem klaren Himmel, der uns heute Morgen gelächelt, nichts mehr zu schauen, die Küste zu unserer Linken war in graue Wolkenmassen und Nebel gehüllt, und als ich noch einmal zurück nach Cadiz blickte, erschien mir die Stadt am fernsten Horizonte wie eine weiße Möve, die mit ausgebreiteten Flügeln auf der fast schwarzen Flut vor dem Sturme flieht. Leider war aber durch das Unwetter unsere Seefahrt sehr unangenehm geworden. Auf dem Verdecke konnte man sich kaum vor den Seekranken retten, und in der Cajüte war es entsetzlich dunstig. Der Kellner hatte freilich den größten Theil der Leidenden untergebracht, aber die armen Spanierinnen stöhnten, daß es zum Erbarmen war, und die Dünste, die sich durchs Treppenhaus entwickelten, konnten einem alle Lust verleiden, dort hinabzusteigen.


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