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19.

Mit flüchtigen Schritten, fast laufend, eilte Hanna Mertens durch das Kulturholz dahin. Wie die Gedanken, die Empfindungen in ihr wogten! Das hatte Rennert für sie getan! Ihre Ehre hatte er geschützt wie seine eigene. Ohne zu fragen, ohne zu wissen, ob nicht an dem Gerede doch vielleicht etwas daran sei, hatte er den Verleumdern die Tür gewiesen, ohne Bedenken für ihren guten Ruf seine Existenz eingesetzt – so fest vertraute er auf sie, so hoch dachte er von ihr.

Und wenn sie ihm nun sagen würde, daß jene Leute doch recht hatten? Mein Gott, wie würde er es aufnehmen!

Hannas Füße wurden plötzlich bleischwer. Sie konnte es ihm ja nicht gestehen, Auge in Auge – schreiben wollte sie es ihm.

Aber da schoß es ihr wieder angstvoll durch den Kopf: Es muß ja gleich sein, sonst ist es zu spät! – Also vorwärts! Es hilft nichts, es bleibt dir auch das nicht erspart.

Und wieder hetzte sie die Angst um ihn vorwärts.

In ihrer Erregung, so blindlings dahineilend, sah Hanna nicht, daß aus einem Seitenweg im Gehölz ihr ein Mann entgegenkam, auch er schnellen, ungeduldigen Schritts. Nun blickte er, vom Geräusch ihrer Tritte aufmerksam gemacht, hinüber auf den Hauptweg und sah da die flüchtige weibliche Gestalt, Hanna Mertens.

Jäh blieb der Mann da stehen, aber es war ein freudiges Zusammenfahren. So traf er sie schon eher, als er hatte hoffen können! Er hatte ja den heranbrechenden Morgen gar nicht erwarten können in seiner sehnsuchtsvollen Ungeduld, bis die Stunde kam, wo er allenfalls hinauskonnte, um Börner in seinem Junggesellenquartier zu überfallen und dabei Gelegenheit zu finden, auch sie zu sehen und zu sprechen.

Nun kam sie ihm hier schon auf halbem Wege entgegen! Seine Augen leuchteten zu der herannahenden Gestalt hinüber. Aber was flüchtete sie so dahin wie ein gehetztes Wild, die Augen am Boden, auf nichts um sich achtend? Und der goldene Morgen im taufrischen Holz war doch so schön!

»Fräulein Hanna!«

Eine wohlbekannte Stimme scholl plötzlich an Hannas Ohr und ließ ihren Fuß am Boden wurzeln. Woher – wer? Spähend irrte ihr Auge umher. Da sah sie durch die Stämme drüben den Mann, der jetzt quer durch das Holz auf sie zukam, mit schnellen Schritten – Knut Rennert!

Mein Gott! Wie erschrak sie, als er, mit dem sich ihre Gedanken so beschäftigten, plötzlich vor ihr stand, wie aus dem Boden emporgetaucht.

Nun war er bei ihr.

»Guten Morgen, Fräulein Hanna!« Seine Hände streckten sich ihr in schneller, froher Bewegung entgegen. »Wohin wollen Sie denn schon in aller Frühe und so eilig?«

»Zu Ihnen.« Sie sah ihm dabei tiefernst in die Augen, die so hell leuchteten, daß es ihr im Innersten weh tat. Sie konnte ihn nicht verstehen. Machte ihn der Besitz der anderen denn wirklich so glücklich? Schnell entzog sie ihm ihre Hand.

»Zu mir?« Es klang sehr überrascht.

»Ja!« Und nun stand wieder die Angst in ihren Blicken. »Sie dürfen das nicht tun – Ihre ganze Existenz aufs Spiel setzen um mich. Ich komme nicht mehr zum Malen – das müssen Sie Ihren Schülerinnen sagen, schleunigst!«

»Aber, woher wissen Sie denn überhaupt?« fragte er ganz erstaunt. »Hat Börner also doch –?«

»Es ist ihm herausgefahren wider Willen. Und es war ein Glück so! Ich hätte ja nie in meinem Leben eine ruhige Minute mehr gehabt, wenn Sie das um mich geopfert hätten. Also, Sie werden Ihren Damen diese Erklärung geben! Nicht wahr? Ich habe Ihr Wort?«

Rennert machte eine verneinende Gebärde.

»Eine solche Erklärung kann und werde ich nie abgeben!«

»Aber warum denn nicht?« Verzweifelt sah sie ihn an.

»Weil ich damit Ihren Verleumdern recht geben würde.«

Da raffte sie sich zusammen – nun mußte es sein.

»Aber sie haben recht!« stieß sie aus. »Ich bin ja Modell gewesen.«

Nun aber schloß sie die Augen; sie konnte sein Gesicht nicht ansehen, nach diesem Geständnis. Doch da hörte sie ihn sagen:

»Ich weiß es, aber dennoch haben die Verleumder unrecht.«

Sie hatte nur die ersten Worte gehört. Mit weit geöffneten Augen starrte sie ihn an:

»Sie wissen es?«

»Ja, Veno hat mir gestern bestätigt, was ich längst geahnt hatte. Er hat mir auch alles erklärt; aber es wäre nicht nötig gewesen, denn ich hätte auch so auf Sie geschworen, Fräulein Hanna. Was Sie tun und je getan haben – es kann nichts Niederes sein.«

Sie sah auf ihn, als verstände sie ihn nicht. Wie er das sagte, mit einem so tiefwarmen Herzenslaut, mit so verehrungsvoll aufleuchtenden Blicken! Mein Gott, nur nicht diese Blicke! Sie fühlte, wie sie ihr drinnen im Herzen wieder all das niedergekämpfte Sehnen und Verlangen emporlockten. Es war ihr, als solle sie von ihm fliehen, um sich selbst zu schützen, da ihre Kraft sie verlassen wollte. Doch da hatte er plötzlich ihre Hände ergriffen. Es durchzuckte sie im Innersten, als wolle er Besitz von ihr ergreifen, ihre Schwäche ahnend. Aber da bäumte sich der Frauenstolz in ihr auf, und sie wollte sich mit Gewalt lösen von seinem Griff. Was wollte er denn von ihr? Er gehörte ja jener anderen! Doch ehe sie sich noch regen konnte, tönten ihr schon seine halblauten Worte entgegen:

»Hanna, die Stunde ist da, wo wir beide frei sind – ganz frei! Ich bin es durch richterlichen Spruch und Sie, Hanna, durch Venos hochherzigen Entschluß – ich weiß es aus seinem eigenen Munde. Und nun, Hanna« – seine Stimme bebte vor innerster Bewegung – »komm'! Ich habe in Schmerzen auf dich gewartet!«

»Und Claire Hagenow?«

Ihre Augen blickten ihn an, verständnislos, fast entsetzt. Sie wurde ja ganz irre an ihm!

»Claire Hagenow?«

Er begriff sie nicht. Da rief sie aus, in bitterstem Weh und schmerzlichem Vorwurf:

»Ich sah doch mit eigenen Augen, wie Sie mit ihr stehen. Wie können Sie mir das jetzt antun!«

Und ihr blasses Gesicht zuckte auf in Qual.

Nun begriff er: Das Zusammentreffen neulich abend!

»Um Gottes willen, Hanna, wie können Sie glauben! Ein unglücklicher Irrtum, den Sie gleich verstehen werden. Mein heiliges Manneswort: Es hat nie etwas zwischen mir und dem Mädchen bestanden! – Hanna, Sie zweifeln an meinem Wort?«

Ein tiefer Schmerz klang aus dem Ruf. Da sah sie zu ihm auf mit den guten alten Augen, die er so liebte an ihr, und es stand darin ein neu erwachendes Vertrauen und Hoffen, der aufschimmernde Glanz eines neuen Glücks.

»Hanna!«

Jetzt widerstand sie ihm nicht mehr, als er sie an sich zog. Geschlossenen Auges lehnte sie an seiner Brust, nun doch noch am Ziel! So lag sie lange, wortlos, die Welt ringsum vergessend. Aber als sie die Augen wieder aufschlug, da merkte sie: Die Sonne war aufgegangen, auch ihr.

Und sie gingen durch das sonnenflimmernde Gehölz der Moosschwaige zu, dicht aneinander geschmiegt. Aber plötzlich blieb Hanna stehen, und ernst ward ihr glückverklärtes Gesicht.

»Wir haben uns nun zueinander gefunden, Knut. Aber noch ist es nicht Zeit, sich des Glücks zu erfreuen – Veno!«

Sie sah den Geliebten an, und er neigte mit gleichfalls ernstem Blick zustimmend sein Haupt.

»Wir wollen die Zeit erst seine Wunde heilen und unser Erinnern still werden lassen. Nicht, Knut?«

Er reichte ihr die Hand hin.

»Du sprichst mir aus der Seele, Hanna. Auch ich könnte jetzt deines Besitzes noch nicht froh werden. Wir wollen uns so lange trennen. Das dachtest du doch?«

Sie nickte still.

Da zog er sie zärtlich an sich.

»Es fällt mir schwer, du! Kaum, daß ich dich habe!« Aber dann gab er sie wieder frei. »Doch du hast recht, es muß sein. Wir sind es ihm schuldig. Und wohin denkst du?«

Sie sah ihn an, mit innig aufleuchtenden Augen.

»Dorthin, wo unsere Seelen sich zuerst fanden. Weißt du?«

»Nach Schliersee?«

»Ja, dort weiß ich dich mir doch nicht allzuweit, und in der »Alten Post«, bei der freundlichen Wirtin, bin ich gut aufgehoben. Mit ihr kann ich doch wenigstens von dir reden, wenn mein Sehnen einmal zu groß sein wird.«

»Wird es das?« Er sah ihr tief ins Auge.

»Frag' doch nicht!«

Leise flüsterte es Hanna; aber im nächsten Moment warf sie die Arme um ihn, sich leidenschaftlich an ihn drängend in einem stummen Bekenntnis.

Das sollte ihm ein Trost sein, selige Gewißheit für die ernste Zeit der Trennung.


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