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10.

Er ist immer noch nicht da – und sie auch noch nicht! Wenn wirklich an der Sache was dran wäre, das fände ich doch aber mehr als skandalös!«

Frau Hagenow sagte es, nach einem kleinen Spaziergang durch das Gehölz zur Malschule zurückgekehrt, zu ihrer Tochter in flüsterndem Ton, den nur die nahestehende Freundin, Fräulein von Bergen, verstehen konnte. Und diese kam plötzlich zu den beiden heran, ihre vornehme Zurückhaltung einmal ganz außer acht lassend. Die prickelnde Neugier trieb sie unwiderstehlich – da lag ja offenbar eine große Affäre in der Luft!

»Ist es denn wirklich wahr, gnädige Frau, was hier erzählt wird? Herr Rennert soll seit zwei Tagen mit Fräulein Mertens verreist sein?«

Frau Hagenow nickte eifrig.

»Offenbar doch! Man hat sie ja am Sonnabend nachmittag zusammen auf dem Bahnhof abfahren sehen, und jetzt sind die beiden noch nicht da. Na, und überhaupt der vertrauliche Ton zwischen ihnen – das sagt ja eigentlich schon genug.«

»Unglaublich! Und mit einer solchen Person soll man zusammen arbeiten? Ich habe einfach gar keine Worte dafür!«

»Na, wenn es richtig ist, was Sie vermuten, Bergenchen, so kann einen ja schließlich nichts mehr überraschen!« wandte sich Claire an die Freundin.

»Was denn?« forschte neugierig die Mutter.

»Mir ist es neulich sofort ausgefallen, wie merkwürdig die Person vom Modellstehen sprach, als ob sie die Sache aus eigener Erfahrung kennte. Und dazu die Vertraulichkeit zwischen ihr und Rennert! Da ist mir unwillkürlich die Idee gekommen: Sie muß früher sein Modell gewesen sein.«

»Ah, wahrhaftig!« Frau Hagenow sah, diese scharfsinnige Kombination bewundernd, das junge Mädchen durch die Lorgnette an. »Das ist ja interessant, sehr interessant!«

Für sie war das nun schon fast so gut wie eine Tatsache.

»Ja» Fräulein von Bergen hat daher gleich an einen Vetter in Berlin geschrieben, der Bildhauer ist; er möchte doch mal rauskriegen, ob die Mertens wirklich Modell gestanden hat, ihm« – sie meinte Rennert – »oder sonst irgendeinem.«

»Sehr gut, ausgezeichnet, Fräulein von Bergen!« lobte Frau Hagenow und fügte würdig hinzu:

»Man ist das doch schließlich auch sich und seinen Töchtern schuldig, daß man sie nicht in solch zweifelhafter Gesellschaft beläßt. – Aber ich verstehe nur wirklich Herrn Rennert nicht!«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sonst ein so feiner, taktvoller Mann, daß er einem das bietet! Mein Gott, er ist ja jetzt wieder so gut wie Junggeselle – mag er also schon privatim machen, was er will; aber auf seine Schülerinnen, lauter Mädchen aus besten Häusern, sollte er doch die schuldige Rücksicht nehmen!«

»Das finde ich auch!« pflichtete ihr sehr empört die Tochter bei. An und für sich fand sie zwar solch kleines Abenteuer an einem Manne ganz pikant, aber mit so einer! Und sie gab diesem letzten ihrer Gedanken auch Ausdruck.

»Vor allem begreife ich seine Geschmacksverirrung nicht. Was er an der Person nur findet?«

Frau Hagenow zuckte mit überlegenem, welterfahrenem Lächeln die Achseln.

»Die Männer sind eben unberechenbar! – Aber was gibt's denn da?«

Lautes Hallo scholl von der Ecke herüber, wo Herr Loisacher stand. Eine Rotte von Dachauer Dorfbuben, die, umherlungernd, wie sie bisweilen taten, auch heute einmal wieder die Felder nach Abenteuern durchstreiften, hatte am Waldrand Posto gefaßt und höhnte von dort mit frechen Grimassen zu dem jungen Malersmann hinüber, aus seine Staffelei deutend.

»Haha! Er bringt halt nix z'samm'n! Er bringt halt nix z'samm'n!«

Diese Worte hatte neulich Loisacher, als er mit seiner Tagesarbeit unzufrieden war, selber von sich zu Herrn Platen geäußert. Der Unvorsichtige hatte aber nicht bedacht, daß dieses Selbstbekenntnis von einem der sich zufällig gerade hier herumtreibenden Bengel aufgeschnappt worden war. Nun hörte er immer wieder das schadenfrohe Urteil über sich: »Er bringt halt nix z'samm'n!«

»Lausbua'm verdammte!«

Und zornwütig schleuderte Loisacher plötzlich seinen Feldstuhl in die Rotte hinein. Da stob die Schar johlend auseinander.

»Gott, was für ein entsetzlich roher Mensch!«

Unwillig musterte Frau Hagenow den Maler durch ihr Augenglas. Aber Fräulein von Bergen erklärte gelassen, wieder zu ihrer Staffelei zurücktretend:

»Mit den Lümmels kann man eben nicht anders fertig werden. Eine Rasselbande!«

Eine Weile verstrich, da ging plötzlich ein Raunen und leises Zurufen durch den Kreis:

»Da kommt sie ja!«

»Wer? Doch nicht die Person, die Mertens?«

Frau Hagenow erhob rasch die Lorgnette. Wahrhaftig, da kam sie an! Mit ihrem Malgerät bepackt, ein bißchen blaß, übernächtig, wie ihr schien, aber sonst ganz ruhig, als ob nichts geschehen wäre.

»Unerhört!« zischelte die Tochter neben ihr, mit verächtlichem Blick auf die Nahende, der Freundin zu.

Ein eisiges Schweigen der anwesenden Damen empfing Hanna Mertens, als diese mit einem »Guten Tag!« eintrat. Nur die drei Herren lüfteten höflich ihre Mütze, und der alte Oberstleutnant erwiderte dabei freundlich:

»Guten Tag, Fräulein Mertens! Nun, heute wohl die Zeit ein bißchen verschlafen?«

Ein vielsagendes Räuspern klang von der Ecke der Hagenowschen Damen her, und sie warfen einander boshaft verständnisvolle Blicke zu.

Hanna Mertens empfand wohl sofort die feindselige Stimmung, die sie hier anwehte; aber sie dachte, daß dies die Folge des kleinen Auftritts von neulich sei. Die Damen hatten sich gewiß daraufhin untereinander gegen sie verschworen. Aber mochten sie doch!

Sie hätte bitter auflachen können. Was waren diese Kindereien gegen das, was seit gestern abend ihre Seele auswühlte, immer und immer wieder, wenn nicht eine stumpfe Mattigkeit die Schmerzkrisen ablöste, so wie jetzt gerade. Gleichgültig, sich nur aus Gewohnheit zu einem freundlichen Ton gegen den liebenswürdigen alten Herrn zwingend, entgegnete Hanna:

»Das nicht, Herr Frentzius. Ich habe gestern abend auf einem Ausflug den Anschluß nach Dachau verpaßt. Daher jetzt die Verspätung.«

Sie waren schon vor einer guten Stunde angelangt. Trotz aller Eile – Hanna wollte sich mit ihrer Arbeit betäuben – hatte sie aber bei dem weiten Umweg über die Moosschwaige erst jetzt anlangen können.

Sie war allein gekommen. Rennert hatte ihr beim Abschied auf dem Bahnhof, zum Schluß ihrer trübseligen, wortlosen Heimreise, gesagt, daß er heute nicht die Schule besuchen würde. Er könne jetzt keinen Menschen um sich sehen.

Mit hastigen Griffen begann Hanna ihre Staffelei und ihr sonstiges Malgerät instand zu setzen. Nur mit sich beschäftigt, beachtete sie nicht die neugierig-zudringlichen oder höhnisch-kalten Blicke, die sie dabei vielfach trafen, und hörte auch nicht das Getuschel, mit dem die Damen Hagenow Kriegsrat hielten.

Claire riet ab, aber die Mutter erklärte entschlossen:

»Laß mich nur! Ich werde es schon rauskriegen – ganz unauffällig.«

Nach einer Weile kam sie mit anscheinend harmloser Miene zu Hanna Mertens herangeschlendert.

»Guten Tag, Fräulein! Ach, sagen Sie, ist es richtig, daß Herr Rennert heute nicht zum Korrigieren kommen wird?«

Hanna sah auf, unwillkürlich leise zusammenschreckend, als sie nach ihm gefragt wurde. Sie faßte sich aber schnell und gab ruhig Auskunft:

»Allerdings, Herr Rennert fühlte sich heute nicht ganz wohl. Er hat mich daher gebeten, ihn bei den Herrschaften zu entschuldigen.«

»Ah – was fehlt ihm denn?«

Frau Hagenow fixierte das Mädchen durch die Lorgnette mit einem so eigenen Blick, daß in Hanna trotz all ihrer Zerschlagenheit ein tiefer Unwille aufstieg. Achselzuckend wollte sie sich weiter mit ihrem Gerät zu schaffen machen, als ihr mit unverkennbarem Hohn die Bemerkung ins Ohr klang:

»Ich dachte nur, Sie wüßten es, weil Sie doch die zwei Tage mit Herrn Rennert zusammen waren, wie ich gehört habe.«

Hanna zuckte zusammen. Was war das? Doch im nächsten Moment richtete sie ihre Blicke mit einem stolzen, verächtlichen Ausdruck fest auf die Dame vor ihr:

»Sie haben ganz recht gehört, gnädige Frau; ich habe allerdings mit Herrn Rennert einen Ausflug in die Berge gemacht. Dennoch habe ich keine Kenntnis davon, warum Herr Rennert heute morgen fernbleibt.«

Mit absichtlich etwas erhobener Stimme hatte sie dies zur Antwort gegeben. Sie sollten es alle ringsherum hören! Sie hatte ja eben die lauernden, hämischen Blicke beim Aushorchen bemerkt. Nun wußte sie auch, warum sie vorhin so frostig empfangen worden war. Der Klatsch über sie und Rennert war im Gange. Aber sie sollten sich irren, die lieben Seelen, wenn sie meinten, mit ihrer Bosheit sie treffen zu können.

In schweigender Verachtung kehrte Hanna der verblüfft dastehenden Frau Hagenow kurz den Rücken und begann zu malen, als ob diese gar nicht da wäre. Das mochten sie allesamt für sich entnehmen, daß sie fortan für sie nicht mehr existierten!

Und der alte Trotz, der sich plötzlich in ihr aufbäumte, tat ihr wohl in dieser Stunde. Er half ihr hinweg über das schwere Leid, das sie zu Boden drücken wollte.


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