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6.

Also das war Dachau!

Von neuem überkam Rennert dieselbe starke Enttäuschung wie vorhin, als er beim Einfahren mit der Bahn erwartungsvoll aus dem Coupéfenster gesehen hatte: Ein auf kahler Ebene gelegener nüchterner Marktflecken, moderne massive Bauernhäuser, ganz reizlos, und nur im Hintergrund der bewaldete Bergrücken mit dem kastenförmigen weißen Schloßflügel, dem kargen Überrest einstiger höfischer Herrlichkeit. Das einzig Malerische auf den ersten Blick war der weiter rechts auf der Höhe sich anschließende alte Markt mit seiner Kirche und den kastellähnlich aufragenden hohen Mauern und Giebeln.

Inzwischen hatte sich Rennert in der Bahnhofswirtschaft erfrischt und umgekleidet; nun schritt er in den Ort hinein, die erste orientierende Umschau zu halten. Vielleicht, daß er doch andere Eindrücke empfing als vorhin.

Aber es blieb alles beim alten. Der Ort war ja sogar ausgesucht langweilig und nüchtern. Kopfschüttelnd blickte er die lange Straße hinunter. Ein ganz städtisches Trottoir, zur Rechten lauter kleinbürgerliche Wohnhäuser, zur Linken einige Höfe mit Ökonomiegebäuden, längs der Straße zwar ein kleiner Bach mit einer Reihe grüner Platanen – aber das war doch alles nichts. Das sah man ebensogut in jedem Berliner Vorort, dazu brauchte man wahrhaftig nicht zwölf Stunden auf der Eisenbahn zu sitzen. Und was er vorhin da draußen vom Moos gesehen hatte, die baumlose, monotone Fläche, das hätte ihn wahrhaftig auch nicht reizen können.

Allerlei Bedenken fielen Rennert auf die Seele. Da hatte er nun seiner Malschule so viel von Dachau erzählt, die Mädchen brannten förmlich darauf, nach dem vielgepriesenen Maler-Eden zu kommen, und nun wurde das am Ende ein großer Hineinfall! Das wäre doch aber höchst peinlich für ihn gewesen.

Aber nein, sagte er sich dann wieder im Weitergehen, es kann ja doch nicht sein. All die Bilder, die er schon von Dachau gesehen, und Hanna Mertens' begeisterte Briefe, aus denen ihm Huber vorgelesen hatte und die ihn gerade am allermeisten bestimmt hatten, hierher zu gehen – konnten doch nicht bloß lauter Phantasterei gewesen sein! Es würden sich schon irgendwo, wenn ihm vorläufig auch noch unsichtbar, die intimen Reize der Landschaft hier verstecken.

So sich tröstend, bog Rennert jetzt in eine breite Querstraße ein, und mit einem Schlage hatte er nun ein anderes Bild vor Augen. Es war offenbar die alte Dorfstraße, in der er sich jetzt befand. Kleine, ländliche Häuser säumten sie, gleich zur Linken eine Fuhrmannsschenke und daneben die Schmiede. Vor dem Planwagen standen in gewaltigen, ruhigen Massen die schweren Gäule des hier üblichen Pinzgauer Schlages in behaglicher Rast neben den Fuhrleuten, die schwatzend bei ihrer Maß saßen. Aus der Schmiede mit dem lohenden Herdbrand klang fleißiger Hammerschlag; wie schwarze Dämonen zeichneten sich die schattenhaften Gestalten des Meisters und seines Gesellen gegen die rotleuchtende Glut ab.

Vorbei an diesem Idyll flog der Blick die lange Dorfstraße entlang. Es war der alte Heer- und Handelsweg nach München. Zu seinen beiden Seiten ragten gewaltige Pappeln auf, Zeugen von Jahrhunderten. Ihre wuchtigen, monumentalen Formen überschnitten allenthalben frei die Luft, den tiefblauen Himmel des Spätsommers mit seinen rastlos dahintreibenden weißen Wanderwolken.

Unwillkürlich blieb Rennert stehen und blickte, sehr zum Erstaunen der Fuhrleute, unverwandt in die Pappelallee hinein. Was hatte der Fremde da nur zu schauen? War doch nichts auf der verstaubten Landstraße zu sehen, als ganz hinten ein Radler, der sich mit krummem Rücken in der stechenden Augustsonne nach München heimquälte.

Aber in Rennert stiegen Erinnerungen auf – an Bilder Dachauer Künstler, und was er in Kunstzeitschriften über solche gelesen hatte. Es wollte ihm scheinen, hier verkörperte sich ja gleich in der Natur eins der Grundgesetze ihrer Kunst: die rhythmische Verteilung großer Massen im Raum.

Er hielt die Finger der rechten Hand rahmenförmig vor das Auge, um so einen bildmäßigen Ausschnitt aus der Natur zu bekommen. Und wirklich, es war frappant. Da hatte er ja gleich ein fertiges Bild: diese sich in eine große, ruhige Form von fast geometrischen Linien zusammenschließende Pappelgruppe, die das Gehöft überschnitt, im wirksamen Kontrast ihrer Dunkelheiten zu dem kleineren Lichtfelde des durchleuchteten Himmels – ein famoses Bild sogar!

Und ein frohes, ahnungsvolles Gefühl kam plötzlich über Rennert. Er merkte, er war doch am richtigen Orte hier, für seine Schüler wie für sich selbst. Und das letztere wog ihm schwerer. Er fühlte sich dieser Natur innerlich gewachsen; gleich im ersten Berühren hatte er die freudige Zuversicht gewonnen, er würde sie in ihrem eigensten Wesen erfassen – sie würde sich ihm restlos geben.

Eine treibende Lust nach Arbeit kam alsbald über ihn. Am liebsten hätte er sofort begonnen, sich hier hingestellt und skizziert, aber es ging ja nicht. Erst waren wegen der Unterbringung seiner Schülerinnen dringliche geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen, und dazu mußte er vor allem erst einmal Börner sprechen, ihn und Hanna Mertens, die ja im selben Hause wohnen sollten, in einem Gehöft, genannt die »Moosschwaige«. Dahin mußte ihn also jetzt schleunigst sein Weg führen.

Rennert wandte sich, nähertretend, an die Leute vor der Schenke und fragte nach dem Hause.

»Die Moosschwaige?«

Die Fuhrleute sahen sich fragend an, stumm und unbeholfen – Moosschwaigen nennt man einzeln liegende Höfe im Moos, und deren gab es ja viele in der Gegend.

Da kam der Wirt, in Schürze und Hemdsärmeln, von der Haustür herzu; er hatte des Fremden Frage gehört.

»Ah – der Herr moant g'wiß die Moosschwaige da heraus, wo die Malersleut sitzen?«

Rennert bejahte.

»Ja – da müssen's freili ganz durch den Ort – da aus!« Er wies zum Ende der Dorfstraße hin. »Dann glei hinter'm letzten Haus, den Feldsteig nei, immer gradaus, über d' Wiesen weg, bis ans Holz – da i's.«

»Schönen Dank!« Und Rennert machte sich rüstigen Schritts auf den Weg.

Er brauchte mehr als eine halbe Stunde, bis er in die Nähe des ihm bezeichneten Gehölzes kam; aber noch immer sah er nichts von einem Hause.

Vom schnellen Marschieren in der Mittagsglut erhitzt, stand er still und trocknete sich die Stirn. Zweifelnd hielt er Umschau.

War er auch richtig gegangen?

Er war hier schon offenbar in das eigentliche »Moos« geraten. Rechts und links von dem schmalen Pfade dehnten sich weite, mit Sumpfgras in dichten Büscheln bestandene Flächen aus. Vor ihm lag das kleine Gehölz, ein dicht verwachsener Buschwald, aus dem nur einzelne hochstämmige Föhren und Eichen aufragten. Der Weg führte gerade darauf zu. Vielleicht lag das Haus doch da drinnen, zwischen den Bäumen versteckt. So ging denn Rennert weiter.

Nun war er ganz dicht herangekommen, bis an einen stark strömenden Bach, der sein Wasser durch die tiefschwarze Moorerde hindurchtrieb. Ein paar Holzstämme dienten als Brücke; am jenseitigen Ufer aber sperrte den weiteren Weg ein Gewirr von rostigen Drähten, das sich von einer roh gezimmerten Lattentür rechts und links bis zu dem wildverwachsenen Gebüsch zog, fast wie eine Kriegsmaßregel anzuschauen. Ganz im Einklang damit stand an dem einen Pfortenpfahl eine Holztafel, auf der mit Farbe in ungefügen Buchstaben die Worte gemalt waren:

»Achtung! Fusangeln liegen auß!
Eintrit auch fir Mahler verboten!«

Kopfschüttelnd stand Rennert vor dem Verhau. Das sah ja merkwürdig aus. Und daß gerade Malern noch besonders der Eintritt verboten war! Deren Zudringlichkeit mußte wohl hier bekannt sein. Bei solch kunstfeindlichem Einsiedler aber sollten hier nun wirklich Börner und Hanna Mertens hausen? Fast nicht zu denken! Aber gleichviel, er wollte doch eindringen, trotz der Fußangeln. Und Rennerts Augen leuchteten plötzlich in Abenteuerlust auf. Entschlossen schob er den rostigen Riegel zurück und trat in den feindlichen Festungsbereich ein.

Aber kaum war er ein paar Schritte, der Warnung doch eingedenk die Augen vorsichtig auf den Boden geheftet, vorwärts gegangen, da machte ihn ein knackendes Geräusch zur Rechten im Buschwerk aufsehen. Auf den ersten Blick bemerkte er nichts; dann aber war es ihm, als ob sich hinter dem Gesträuch eine menschliche Gestalt bewegt hätte.

»He – Holla! Ist da jemand?«

Rennert blieb mit einem Lächeln stehen. Die Sache wurde ja wirklich beinahe unheimlich. Angestrengt sah er in das Gebüsch hinein.

Aber plötzlich kam ein ähnliches Geräusch von vorn, und aus dem rauschenden Buschwerk, das gleich wieder zu einem dichten Wall zusammenschlug, trat ein Mann, ein hochgewachsener Kerl in der bekannten Dachauer Tracht: dunkle Joppe mit großen Silberknöpfen, die langen Beine in engen schwarzen Wildlederhosen und Röhrenstiefeln bis zum Knie, auf dem Kopf das runde schwarze Hütchen.

Unbeweglich stand der Mensch und prüfte den Ankömmling noch einmal mit einem mißtrauischen Blick aus den etwas stechenden, lebhaften Augen. Das ganze noch junge Gesicht verriet eine Mischung von finsterer Entschlossenheit und Verschlagenheit, gemildert durch einen Anflug von pfiffiger Verschmitztheit.

Einige Augenblicke musterten sich die beiden schweigend. Auch Rennert sah mit Interesse auf den anderen. Was für ein prächtiges Halunkengesicht! Die ganze Erscheinung von dem Kerl – einfach zum Malen!

Da brach Rennert das Schweigen.

»Grüß Gott, mei Liaba.« Er verfiel unwillkürlich in den Münchner Verkehrston von ehedem. »Sag aus – bin ich hier recht in der Moosschwaige?«

Der andere blieb immer noch unbeweglich; aber Rennert schien es, als ob seine Mienen sich etwas aufhellten. Dann erwiderte er langsam, mit einer rauhen Stimme:

»Die Moosschwaig is's scho. Aber was wollen's denn hier?«

Rennert lächelte belustigt über dies Verhör. Was mußte der Bursche da auf dem Kerbholz haben, daß er so fürchterlich mißtrauisch gegen jeden Besuch war! Unbefangen kam er aber nun zu dem Langen heran:

»Ich bin ein guter Freund von dem Maler, der bei euch wohnt, dem Herrn Börner, und dem Fräulein Mertens aus Berlin. Die will ich besuchen, mein Liaber. Ihr könnt mich schon ruhig passieren lassen, bin gut Freund! Auch ein Maler – kein Gerichtsherr oder Forstadjunkt.«

Lachend klopfte er dem Burschen auf die Schulter.

In dessen Rechte hatte es erst unwillkürlich gezuckt, als wolle sie zum Genickfänger hinten in der Hosentasche fahren; aber plötzlich verzog sich sein Gesicht zu einem Grinsen und er lachte den Fremden pfiffig an. Der verstand ihn! – »A fixer Kerl, wo Hamur hat und's nit für a Sünd halt, a mal an Bock weg zu knall'n oder in der Amper drüben zu fisch'n, a ohne Angelkart'n!« So dachte er bei sich von Rennert, und dienstbereit ging er nun mit, ihm den Weg zum Hof zu weisen.

Richtig, da um die Ecke herum, in einem dichten Waldversteck lag das Haus – die Moosschwaige, ein alter, halbverfallener Bauernhof. Das spitze Schilfdach reichte fast bis auf Schulterhöhe hernieder; die blinden Scheiben der kleinen Fensterchen waren hier und da zerbrochen, papierverklebt – eine wundervolle Spelunke, die zu dem Schlingel herrlich paßte. Es war Stil in den beiden.

Rennert fühlte sich von geheimnisvoller Romantik umwittert. Ja, das war eine rechte Künstlerklause. Nun konnte er verstehen, warum Börner hier hauste und Hanna Mertens auch hergeholt hatte. Wenn einem hier nicht die Seele aufblühte zu freier, echter Künstlerschaft, so tat sie es nirgends.

Inzwischen waren sie um das Haus mit seinen malerisch angeklebten, rumpligen Wirtschaftsbauten herumgegangen. Auf der Rückseite war ein verwilderter Küchengarten; dahinter stand, zwischen die Baumstämme des Gehölzes hineingezimmert, eine schattige Laube, das Spalier mit Geißblatt und Saubohnen dicht überwuchert. Stimmen klangen von dort. Darauf zeigte jetzt Rennerts Führer:

»Da san 's drinnen, der Herr Börner und d' Frail'n. Sie san grad beim Mittag.«

»Dank' Euch vielmals!« Damit verabschiedete sich Rennert von seinem Begleiter und ging schnell auf die Laube zu.

Den beiden, die da drinnen bei Weißwurst, Kraut und Kartoffeln saßen, fiel plötzlich ein langer Schatten über die Tischplatte; mit einem Tafeltuch konnte die Moosschwaige ja nicht aufwarten. Überrascht sahen sie auf. Da stand im Laubeneingang ein Herr.

»Kruzitürken – der Rennert!«

Börner warf Messer und Gabel auf den Tisch.

»Ja, Mann, wie kommst du da eing'schneit? – Na, dös is a Hetz!«

Herzlich schüttelten sich die beiden Männer die Hände. Jetzt trat auch Hanna Mertens herzu; keiner der beiden hatte in der Freude des Wiedersehens bemerkt, wie sie ordentlich erschrocken bei Rennerts Anblick zusammengefahren war, wie es dann aber in ihren Blicken hell aufgeleuchtet hatte. Nun reichte sie in ihrer gewohnten Ruhe dem Berliner Freunde die Hand.

»Nein – die Überraschung! So mit einem Male hier anzukommen, ohne jede Ankündigung! Selbst vom Professor habe ich ja kein Sterbenswort davon gehört.«

»Ist auch alles Hals über Kopf gekommen!« rief Rennert lachend. »Will euch gleich alles erzählen – nur, Kinder, gebt mir erst etwas zu trinken. Ich verdurste ja beinahe! – Du erlaubst?« Und schon nahm er Börners Steinkrug und leerte ihn mit einem langen Zuge.

»So« – er setzte ihm die Maß wieder hin und schaute lachend in den Krug hinein. »Hab' dir allerdings nicht mehr viel drin gelassen.«

Dann ließ er sich behaglich auf der Bank nieder, neben Börner, Hanna Mertens gegenüber.

»Na – nun hört also, wie ich hierher gekommen bin. Aber laßt euch bei euerm Diner absolut nicht stören. – Es hat mich ja schon den ganzen Sommer über von Berlin fortgezogen, hinaus in die Natur. Seit Sie fort waren, im Mai, Fräulein Hanna« – die beiden waren im Verkehr bei Huber den langen Winter über auf freundschaftlichen Fuß miteinander gekommen – »war ja überhaupt nichts mehr los.«

Das Mädchen senkte vor seinem beredten Blick unwillkürlich die Augen und bröckelte an dem Stück Brot zwischen den Fingern. Rennert aber fuhr fort:

»Der Huber war ganz stumpfsinnig geworden, so nah ist ihm der Abschied von Ihnen gegangen, Fräulein Hanna.« Er sagte es harmlos scherzend, aber seine Worte riefen plötzlich einen lebhafteren Ton auf ihren Wangen hervor. Doch zum Glück schien es Rennert nicht zu bemerken, denn er plauderte unbefangen weiter:

»Na, und ich war ja auch nicht gerade sehr unterhaltsam; so haben wir uns denn meistenteils sehr geistvoll ausgeschwiegen, wenn wir zusammenhockten, und nur gepafft wie die Schornsteine.«

Dann aber wurde er etwas ernster.

»Na, aber das war es natürlich nicht allein. Ich fühlte immer mehr, wie not es mir tat, wieder einmal in die Natur hinauszukommen. Habe seit sieben langen Jahren keine Studien mehr gemacht; mein künstlerisches Sehen ist ja förmlich eingerostet. Also, da wurde es bei mir eines Tages beschlossene Sache: Raus, und zwar sofort, ehe es ganz vorbei ist mit der Sommerherrlichkeit!

Natürlich mußte ich mein Atelier mitnehmen, soweit ich's noch voll hatte; aber die Mädels waren selber froh, rauszukommen, und brachten mir am andern Tag alle die Erlaubnis von Haus mit. Nun war bloß noch die Frage: Wohin?

Na« – er wandte sich wieder Hanna Mertens zu, die ihm lauschte und dabei das Essen ganz vergaß – »die Frage war für mich eigentlich von vornherein entschieden.« Ein sprechender Blick traf wieder das Mädchen. »Doch pro forma mußte ich's mit meinen Damen besprechen. Aber sie waren allesamt ganz begeistert, als ich ihnen vorschlug: Dachau! Ich konnte ja so viel Schönes berichten, was ich von Ihnen, Fräulein Hanna, erfahren hatte. – Seht ihr, Herrschaft, so kam's! Und nun bin ich hier, voraus als Quartiermacher. Schon übermorgen trifft meine Schule ein, und bis dahin muß ich alles in Gang haben. Ich kann dabei doch auf deine Hilfe rechnen?« fragte er nun den Freund.

»Aber selbstverständlich, mein Lieber!« versicherte Börner mit vollem Munde; er hatte sich während Rennerts Bericht nicht in der Stillung seines Appetits stören lassen. »Steh' dir ganz zu Diensten.«

Doch nun erhob sich Hanna Mertens.

»Entschuldigen Sie nur, Herr Rennert! Wir lassen Sie hier hungrig zusehen und fragen nicht einmal –«

»Danke – danke tausendmal!« wehrte Rennert aber ab. »Habe vorhin schon am Bahnhof gegessen. Nur wenn ich um einen Schluck Bier bitten darf.«

Das Mädchen eilte schon davon, seinen Wunsch zu erfüllen.

»Na, das ist ja famos, mein Lieber, daß du auch hier bist,« sagte Börner, der inzwischen seine Mahlzeit beendet hatte, schob den Teller zurück und ging gleich zur Zigarre über. »Und das wird dir gut tun – paß auf!« Er rauchte die ersten kräftigen Züge. »Aber – nun sag' bloß, wie hast du dich in unseren Fuchsbau hergefunden? Daß du überhaupt mit heiler Haut hier reingekommen bist!«

Er lachte plötzlich hell auf.

»Hat dich denn der Schwaiger-Fritz, unser Burgherr, so ohne weiteres eingelassen?«

Rennert stimmte in das Lachen mit ein.

»Durchaus nicht! Mußte erst ein scharfes Verhör bestehen. Ich glaube, wäre ich ihm verdächtig vorgekommen, hätt' er mich schon vorher aus seinem Hinterhalt abgetan.«

»Schon möglich,« meinte Börner gemütlich.

»Danke dir!« lachte Rennert. »Ihr seid ja eine nette Gesellschaft hier!«

Hanna Mertens kam gerade mit zwei Bierkrügen zurück, die sie vor die Männer setzte.

»Herzlichen Dank, Fräulein Hanna! Und Sie, Sie hausen hier so mit diesen Buschkleppern? Die reine Banditenbraut!« scherzte er übermütig.

Das Mädchen lachte.

»Nicht wahr? Es ist eine prächtige Räuberhöhle hier. Und unser genial organisierter Nachtdienst erst. Sie waren unserem Hauptmann schon seit einer halben Stunde signalisiert, wie mir seine Mutter eben drinnen erzählte.«

»Nicht möglich! Wie denn?«

»Höchst einfach! Da, schau mal, mein Lieber.« Börner wies, die Geißblattranken beiseite schiebend, auf eine einzeln stehende, mächtige Eiche am Waldrande. »Siehst du was? Da oben in der Spitze?«

Rennert spähte eine Weile.

»Wahrhaftig, eine Wildkanzel!«

»Wildkanzel!« Der andere lachte schallend. »Dem Schwaiger-Fritz sein Wachtturm ist's. Jeweils, wenn er was ausgefressen hat – er hat beiläufig immer was auf dem Kerbholz – und er den Besuch des Gendarmen oder Waldläufers zu befürchten hat, so sitzt er oder sein Bruder im Ausguck. Und sowie irgendwo am Horizont eine Helmspitze oder ein Gewehrlauf aufblitzt, hui, haste nich gesehn, fährt der schlaue Fuchs auf der anderen Seite zu seinem Bau heraus und treibt sich so lange im Moos haußen herum, bis die Luft wieder rein ist.«

»Das ist ja kostbar!« Lachend blickte Rennert von Börner auf Hanna. »Also wirklich eine Räuberhöhle! Und da haust ihr so ruhig dazwischen? – Ja, Herrschaften, ist euch denn gar nicht ein bißchen bange?«

»I wo!« Das Mädchen schüttelte lustig den Kopf. »Der Schwaiger-Fritz ist ja ein besonderer Freund von Rudi Börner.« Der nickte. »Nicht wahr, Sie haben ihm mal aus einer Schwulität geholfen? Seitdem sind Sie Spezi miteinander. Er ist überhaupt sonst ein kreuzbraver Bursch – bis auf seine geheimen Jagd- und Fischereipassionen oder mal so 'ne kleine Hoamscheitlung beim Sonntagstanz. Aber das ist doch hier landesüblich.«

»Hoamscheitlung?« fragte Rennert erstaunt. »Ja, was ist denn das nun wieder?«

»Eine echt Dachauer Volksbelustigung!« gab Börner zur Auskunft. »Man haut sich gegenseitig mit der Maß übern Schädel, bis einer nicht mehr mitspielen kann.«

»Großartig! Die Landessitten hier sind entschieden ungeheuer anheimelnd. Übrigens, Fräulein Hanna, Sie haben sich ja überraschend schnell eingelebt. Wie Sie bereits Bescheid wissen mit allem!«

»Ja, wenn man solchen Lehrmeister hat wie Freund Rudi.« Hanna Mertens nickte heiter zu Börner hin.

Rennert staunte immer mehr, als sie den Börner so nannte, wie alle seine Freunde hier. Ihr ganzes Wesen überhaupt! Wie sich das stille Mädchen hier entwickelt hatte! Ja, das war die Luft der Freiheit.

Und auch frische Farben hatte sie bekommen, ordentlich eingebrannt war sie von der Sommersonne – wirklich mindestens ein halb Dutzend Jahre jünger sah sie aus.

Hanna ließ sich in ihrer sicheren Fröhlichkeit jetzt auch gar nicht durch Rennerts staunend bewundernden Blick stören. Lustig fuhr sie fort, stolz darauf, sich ihm hier schon als landeskundig zeigen zu können:

»Ich hab' mir ja bereits das Dachauer Heimatsrecht erworben. Schon »Loabltoag« sagen kann ich!« Stolz sprach sie mit ganz echter Dialektfärbung das zungenbrecherische Wort aus, an dessen Aussprache der Neuling gar kläglich scheitert, und das daher den Prüfstein für den »richtiggehenden Dachauer« bildet.

»Und nun will ich Ihnen auch gleich einen guten Rat geben – einen gedrängten Auszug aus dem Dachauer Knigge. Da Sie grad keinen besonderen Gefallen an dem ebenerwähnten Unterhaltungsspiel zu finden scheinen, titulieren Sie niemals einen streitbaren Zeitgenossen hier mit unserem harmlosen Wörtchen »Hanswurst!« Das ist schwerer Tusch. Nicht wahr, Herr Rudi? Darauf steht doch unweigerlich Hoamscheitlung?«

»Allemal!« bestätigte Börner nickend.

»Noch schlimmer aber ist das Epitheton: »Damischer Tropf!« oder gar »G'scheerter Quadratlackel!« Wenn Sie sich das leisten, fliegt das Messer aus der Tasche.«

»Um Gottes willen!« rief Rennert in komischem Entsetzen. »Aber schönsten Dank für Ihr Privatissimum im Dachauer Komment. Sie sind ja der reine Fuchsmajor, Fräulein Hanna.«

Hell strahlten seine Augen das Mädchen an, dessen Wangen in Übermut glühten. Es war plötzlich über sie gekommen wie ein Rausch. Diese Freude, daß Rennert so unerwartet erschienen war! Sie waren im Winter ein so unzertrennliches Kleeblatt geworden, Knut Rennert, der Huber und sie, daß ihr die beiden hier gar sehr gefehlt hatten. Wie famos, daß nun der eine wenigstens da war! Und war es nicht gerade der, an den sie ganz besonders gedacht, jetzt während der Trennung – den sie sich heimlich so manchmal herbeigesehnt hatte?

Daran mußte sie jetzt gerade denken, während er sie so strahlend anschaute. Aber da fiel es ihr plötzlich schwer auf die Seele wie eine Schuld gegen den Abwesenden, der doch ältere Rechte, ganz andere, schwerer wiegende Rechte an sie hatte, und schnell – um die Unterlassung gutzumachen – sagte sie ganz unvermittelt:

»Aber ich hab' Sie ja wahrhaftig noch gar nicht einmal nach unserem Veno gefragt! Was macht er denn? Er ist doch gesund und munter? Nicht? Er hat mir ja schon bald drei Wochen nicht mehr geschrieben.«

Und das Gespräch drehte sich nun um den Veno Huber daheim in Berlin.


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