Glauser, Friedrich
Gourrama
Glauser, Friedrich

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14. Kapitel

Aufruhr

Samotadji , Capitaine Chaberts ungarische Ordonnanz, glich mit seinem blonden, spitz zulaufenden Bart einem noch jugendlichen Magier. Er saß auf der Schwelle der Küchentür, die Blechtasse zwischen die Knie geklemmt, tauchte längliche Brotschnitten in den Kaffee und lauschte den Erzählungen der Abgesandten, die gekommen waren, um für die Sektion das Frühstück zu holen. Sein Gehör war gut, trotz der Büschel, die ihm aus den Ohren wuchsen und er verstand alles, was erzählt wurde. Denn er sprach ungarisch, deutsch, französisch, russisch, rumänisch – ja sogar ein paar Brocken türkisch hatte er aufgeschnappt, damals, als er von einem Getreidejuden als Leibwache angestellt worden war…

So konnte er seinem Capitaine später, beim Rasieren, viel Interessantes und zugleich Unangenehmes mitteilen: Er erzählte von der Prügelei in der Mitrailleusensektion, bei welcher Sergeant Sitnikoff niedergeschlagen worden war, von der Ermordung Türks durch Kraschinsky. Sogar vom Besuche Leutnant Lartigues im Krankenzimmer hatte er gehört – aber diese letzte Neuigkeit spann er nicht aus, denn Chabert grimassierte derart unter dem Messer, daß Samotadji lieber einen andern Gesprächsstoff anschnitt – die letzte große Neuigkeit: Korporal Seignac, der Neger, hatte einen Rapport wegen Gehorsamsverweigerung eingegeben.

»Glauben Sie mir, mon capitaine«, sagte Samotadji in seinem harten Französisch, »das sind alles schlechte Zeichen. Wissen Sie, Sie sind zu gut mit den Leuten« (mit den Leuten! sagte der Soldat erster Klasse, der Gefreite Samotadji) »und aus Übermut werden sie irgend etwas Dummes anstellen – nur weil sie sich langweilen. Und das wird dann nicht etwas Unschuldiges sein wie das Abschlachten eines Hundes…«

Die Müdigkeit – eine Folge der fast schlaflos verbrachten Nacht – machte des Capitaines Schritte schwer. Am Fuße der Treppe angelangt, blieb Chabert lange Zeit ratlos stehen. Den Besuch Lartigues im Krankenzimmer empfand er als Verrat, Türks Tod kümmerte ihn wenig, er fand, Sitnikoff habe seine Prügel verdient – warum mischte sich der Mann in Farnys Privatangelegenheiten? Farny hatte den Kampf gewonnen – kein Zweifel, wollte man ehrlich gegen sich selbst sein, so mußte man das zugeben – und Sitnikoff war ein ›Intellektueller‹ – wie Lös, wie Lartigue. Sie paßten zusammen, die beiden: der bücherlesende Leutnant und der Verwaltungskorporal Lös, der sich kleine Mädchen leistete mit dem Geld, das er dem Staate gestohlen hatte…

Der Besuch Lartigues wäre so schlimm nicht, aber in Verbindung mit dem Rapport Seignacs (und obwohl diese beiden Angelegenheiten nichts miteinander zu tun hatten, waren sie dennoch gewissermaßen als Barometerstand der Stimmung im Posten zu werten) erhielt auch er seine Bedeutung. Es ging nicht an, einfach zu diesem Korporal Seignac hinzugehen und ihm zu sagen: »Du hast Fäuste, mein Kleiner, verschaff dir Respekt!« Nein, das war unmöglich. Denn Seignac war schwarz, und wenn er den Versuch wagte, mit dem Renitenten zu boxen, würde die ganze Sektion über den einzelnen Mann herfallen. Die Folgen? Sie waren nicht schwer zu erraten. Denn allmählich wurde es klar: Den Posten beherrschte ein unsichtbarer Geist, der Geist des ›Cafards‹.

Cafard – ein Wort, das sich nicht übersetzen läßt. Es ist nicht Heimweh – obwohl Cafard ohne einen Schuß Heimweh undenkbar ist. Melancholie? Melancholie heißt schwarze Galle – und ein ›Cafard‹ ist ein schwarzer Käfer – genauer: eine Küchenschabe. Beide – Melancholie und Cafard – haben etwas mit schwarzer Farbe zu tun.

Cafard! – Viel kann aus dem Cafard entstehen: Desertion, Gehorsamsverweigerung, sinnloses Saufen, Messerstecherei, Selbstmord. Wenn ein einzelner den Cafard hat…

Aber Cafard ist ansteckend… Ansteckender als beispielsweise Typhus – gegen den es immerhin einen Impfstoff gibt. Wie also, wenn der Cafard eine ganze Kompagnie ergreift?

Was gibt es dann?

Revolte! Aufruhr!…

Capitaine Chabert schüttelte den Kopf (die Sonne stand schon hoch, und dennoch war es sehr still im Posten), und kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg. Er blickte hier in eine Baracke: »Guten Morgen!« dort in eine: »Guten Morgen!« –

Keine Antwort. Die Leute hockten auf ihren Matratzen, unbeschäftigt, schweigsam. Keiner erwiderte den Gruß. Und auch denen, die ihm begegneten, sah man von weitem den Cafard an. Die Augen waren glanzlos, die Lippen fest geschlossen. Das Heben der Hand zum Rand des Korkhelms sah aus wie das Stemmen einer hundertpfündigen Hantel…

Der Chef stand beim Eintritt seines Vorgesetzten auf; da er barhaupt war, neigte er nur gönnerhaft den Kopf – wie er es gewohnt war. Dieses Nicken ärgerte den Capitaine – wohl besonders, weil er an das Gespräch der letzten Nacht denken mußte, in dem er eine klägliche Rolle gespielt hatte. Dumpf dachte er, daß er wohl auch den Cafard haben müsse. – – – War es ihm früher nicht gleichgültig gewesen, was die Menschen über ihn gedacht hatten? Er durfte es sich gestatten, stets offen zu reden, trug er nicht die »médaille militaire« – eine Auszeichnung, die nur selten Offizieren verliehen wurde? Er hatte sie sich an der Marneschlacht als Korporal verdient, weil er für einen gefallenen Leutnant das Kommando des Zuges übernommen hatte… Das war schon lange her. Aber schließlich, er hatte damals sein Leben eingesetzt, während dieser schwammige Bürohengst, der ihn immer wie ein Kind behandelte, sicher nie das Einschlagen einer Granate gehört hatte…

Chabert setzte sich und blickte durchs Fenster. Verschwunden war überm Dach der Baracke das seidige Grau, das an Pappelblätter erinnerte – blau, ewigblau blendete der Himmel, und sein Blau verwundete die Augen grausamer als das spiegelnde Wellblechdach, das, vom Sande glattgeschmirgelt, die Sonnenstrahlen zurückwarf…

Die Stahlbrille auf der Nase, begann Chabert, den Rapport Korporal Seignacs zu lesen, der sich in englischer Kurantschrift – wie ein zartes Ornament sah sie aus – über die Widersetzlichkeit des Soldaten zweiter Klasse Guy und des Gefreiten Malek beschwerte. »Ich gab ihnen den Befehl, die Baracke zu kehren, da sie nach der von mir aufgestellten Liste an der Reihe waren, diese Arbeit verrichten zu müssen; jedoch kamen sie, trotz wiederholter Mahnungen, diesem Befehl nicht nach, sondern bewarfen mich mit groben Schimpfnamen, die aufzuzählen ich unter meiner Würde halte. Auch waren ihre Effekten nicht ordnungsgemäß zusammengelegt, sondern lagen durcheinander auf ihren Matratzen herum.«

Chabert knurrte, murmelte,

»Wie bitte?« fragte der Chef.

»Kann man jemand mit Schimpfnamen bewerfen?«

»Es ist bildhaft gemeint«, sagte Narcisse.

»Bildhaft! Hm… bildhaft…! Um zwölf Uhr möchte ich die Kompagniekasse kontrollieren und Ihre Abrechnung sehen, Chef!« Chabert blickte auf, die Stahlbrille war ihm auf die Nase gerutscht, seine Augen sahen sich an des Chefs bärtigem Gesicht fest. Schien es ihm nur so, oder lachte ihn der Mann wirklich aus? Nein! Er war bleich geworden. Und das erfüllte Gaston Chabert mit Stolz…

»Ein Ungar und ein Franzose«, fuhr er fort und bedeckte die Augen mit der Hand – zu unerträglich blendete der ewig blaue Himmel. »Von Guy ist ja nichts anderes zu erwarten, denn er ist alt und wunderlich. Warum läßt ihn der Schwarze nicht in Ruhe? Wenn ich nur den Trottel bei der Hand hätte, der diesem Neger die Schnüre gegeben hat! Wenn man schon – leider Gottes – mit einer schwarzen Hautfarbe auf dieser Welt herumläuft, so geziemt es sich, Bescheidenheit und Rücksicht walten zu lassen. Nicht wahr, Chef? Und dem Ungar Malek hatte ich auch ein wenig mehr Intelligenz zugetraut… Wo ist das Gesuch an den Kriegsminister…? Noch nicht geschrieben…? Was haben Sie den ganzen Morgen getrieben? He, Chef? Anisette gesoffen? Mit Ihrer Mulattin poussiert?« Chaberts Stimme stieg, stieg an, überschlug sich. – Was ist mit mir los, dachte er dunkel. Packt mich auch der Cafard? Ich habe doch sonst nie so geschrien? – Aber es kommt auch alles zusammen!

»Es kommt auch alles zusammen!« sagte er laut mit seiner alltäglichen Stimme. »Zuerst der Kampf. Dann komm' ich in den Posten zurück und hoffe, hier Ruhe zu finden. Aber nein! Gleich muß ich den Polizisten spielen und einen Korporal einsperren lassen – den einzigen Gradierten, zu dem ich Sympathie empfinde… Du bist der andere, mein Kleiner. Nimm mir nichts übel, Chef. Ich muß fort. Cafard!«

Nun war es ausgesprochen, das große Wort. Narcisse nickte. Er stand neben dem Tisch, hatte seine weiße Hand auf die Platte gelegt. »Fast hab ich ein Menschenleben auf dem Gewissen«, fuhr der Capitaine fort, »denn wäre ich nicht so hart gewesen, so hätte der Lös nicht daran gedacht, sich umzubringen. Und weil ich auf den Mauriot gehört habe, auf den Generalssohn…« Chabert schwieg und sah die Zweizimmerwohnung in einem stinkenden Haus der Altstadt von Rouen vor sich. Fünf Geschwister, der Vater immer besoffen. Die Mutter verängstigt… Und er? Jetzt war er Capitaine, Vorgesetzter von zwei Leutnants, die nicht wußten, was Armut war, die ihn verachteten, weil er sparen mußte… »Der Seignac, der arme Kerl!« sagte er leise. »Was soll man machen? Ich hab Kopfweh, wahrscheinlich ein Fieberanfall… Weißt du was, Chef, mein Kleiner? Wir schicken den Seignac auf Wache mit ein paar Leuten, die ihn gern haben, dann ist er von heut' abend bis morgen abend von der Sektion fort und ich kann mir die Angelegenheit in Ruhe überlegen. Mit Lartigue? – Lassen wir den Herrn Leutnant. – Lassen wir die beiden Herren Leutnant…« Er stand auf, lehnte sich an die Tischkante, ergriff einen Knopf an Narcisses Uniformrock und begann ihn zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her zu drehen. »Hab ich nicht stets Milde walten lassen?« fragte er leise und senkte den Blick. »Menschlichkeit? In meiner Kompagnie? Sag selbst! Du kannst es nicht leugnen. Und welchen Dank empfange ich? Meine Sergeanten verachten mich, meine Leutnants wollen mich aus meiner Stelle drängen – Mauriot zum Beispiel – und Lartigue? Lartigue verrät mich dreimal, ehe der Hahn kräht.«

Fast beschämt, einen derartigen Vergleich gewagt zu haben, ließ Chabert seinen Kopf noch tiefer sinken. Gedankenlos riß er den Knopf vollends ab, den er von seinen Fäden gedreht hatte, ließ ihn zu Boden fallen und setzte sich wieder vor seinen Tisch. Er legte das Gesicht in die geöffneten Hände, ihre Flächen glitten an seinen Wangen hinauf, bis die Augengruben sie aufhielten. Und so, die geschlossenen Lider gegen die Handballen gedrückt, blieb der Capitaine lange sitzen. Er versuchte zu denken – aber dies war unmöglich. Der Raum war erfüllt von Fliegengesumm, und dieses dröhnte in seinem Kopf, zuerst leise, wie die Bässe einer Orgel, dann lauter, immer lauter, schmetternd endlich, wie die Posaunen des jüngsten Gerichtes. Es kostete ihn Mühe, seine Augen zu befreien – und als er die Lider öffnete, sah er zuerst nur bunte Kreise, die sich rasend schnell drehten. Dann blendete ihn wieder das Blau des Himmels und das spiegelnde Dach. Er wandte sich um. Narcisse Arsène de Pellevoisin, der vielleicht wirklich nur Dupont hieß, hatte lautlos das Büro verlassen…

Friedlich verging der Tag – das heißt, an der Oberfläche blieb alles ruhig. Um zwölf Uhr hielt der Chef den Rapport ab – ganz allein, die Offiziere blieben unsichtbar, und der ehemalige Piemonteser Fuhrmann Cattaneo schlief in seinem Zimmer den Rausch aus, den er sich am Morgen unter Korporal Pierrards sachkundiger Leitung an einem Fäßlein Kartoffelschnaps angetrunken hatte. Narcisse teilte der versammelten Mannschaft mit, der Capitaine habe noch zwei Ruhetage zum Instandsetzen der Ausrüstung bewilligt. Von zwei Uhr an sei Waschen am Oued. Um sechs Uhr werde die Löhnung verteilt. Kampflöhnung. Abtreten.

Nach dem Mittagessen ging der Chef in die Baracke der vierten Sektion, um mit Seignac zu sprechen. Der schwarze Korporal saß hinten in einer Ecke (der Raum war sonst leer), die Zeigefinger in den Ohren und über ein Buch gebeugt, so vertieft, daß ihn Narcisse an der Schulter rütteln mußte. Seignac stand auf, ohne übertriebene Eile, sammelte die Hacken und ließ die Arme zwanglos zu beiden Seiten der sehr schmalen Hüften bammeln. Mit leicht vorgebeugtem Kopf hörte er sich die Mitteilung an: Er habe heute abend das Kommando der Wache zu übernehmen; auch der Aufforderung, künftighin ein wenig Nachsicht walten zu lassen und seine Untergebenen nicht unnütz zu reizen, lauschte er mit wohlwollender Aufmerksamkeit. Ob er seinen Rapport nicht lieber zurückziehen wolle, wurde er gefragt. Der Capitaine wünsche es sehr – die Mannschaft sei aufgeregt. »Gern«, sagte Seignac und blieb ernst, »wenn es der Capitaine wünscht…« – »Was studieren Sie so eifrig?« erkundigte sich Narcisse. Schweigend schlug Seignac die Titelseite des Buches auf. Eine englische Grammatik… »Korporal Smith ist so freundlich, mir Stunden zu geben und mich zu korrigieren.«

Der Chef bewunderte den Schwarzen. »Gute Rasse!« sagte er laut. – »Pardon?« fragte Seignac höflich und wandte dem Chef das linke Ohr zu, das klein war und schön geformt: das Läppchen deutlich und der Saum wohlgebildet. »Nichts, nichts«, sagte Narcisse und klopfte Korporal Seignac auf die Schulter, was diesen veranlaßte, leicht erstaunt die Brauen zu heben. Dann ging der Chef. Ohne einen Blick auf das Zimmer zu werfen, setzte sich Seignac wieder, steckte die Zeigefinger in die Ohren und lernte weiter.

Es war nicht gut für die vielen, die noch die Aufregung des Kampfes in sich fühlten, einen zweiten Tag ohne Arbeit zu verbringen. Aber wie Sitnikoff Lös im Krankenzimmer erklärte, als er ihn um die Mittagsstunde besuchen ging: Der Capitaine sei zu gut. Ganz laut habe er soeben noch mitten im Hofe stehend und vor einer Schar Zuhörer umgeben, dem Adjutanten Cattaneo auseinandergesetzt, seine Leute seien zwar Söldner, aber dieser Beruf sei ebenso ehrlich wie jeder andere. Vielleicht habe Chabert gerade an seine Frau, die Hugenottin, gedacht, meinte Sitnikoff und verzog das Gesicht. Und dann habe der Capitaine noch gesagt: zum Berufe des Söldners gehöre Kampf und Tapferkeit, aber auch der Lohn für die überstandenen Strapazen: trinken, lieben, schlafen, essen, ruhen nach dem Kampf, kartenspielen und was sonst noch der Erholung dienlich sei.

»Dieser Mangel an Psychologie«, sprach Sitnikoff, »ist kaum zu fassen. Sie als Intellektueller werden dies ohne Zweifel sogleich begreifen. Obwohl ich hinzufügen muß, daß Ihnen eigentlich jede praktische Erfahrung auf diesem Gebiete abgeht. Ich aber habe nicht nur in einer regulären Armee gedient, sondern auch später die Truppen der Gegenrevolution geführt. Als Oberst, jawohl. Und ich kann Ihnen sagen: Idealismus ist schädlich. Wenn Sie den Leuten nur einen einzigen Tag der Zuchtlosigkeit schenken, so haben Sie sich damit jeglicher Autorität begeben. Wie soll der Capitaine dies wissen? Im Kriege hat er scheint's nichts gelernt. Ich gebe ihm kaum zwei Tage, um seine Nachsicht zu bereuen.«

Dann empfahl sich Sitnikoff und hinterließ auf Lös' Bett »La Garçonne«, unter dem Hinweis, dies sei das bedeutendste Buch, das er seit langem gelesen habe…

Lös dachte: Oberst? Oberst bei Koltschak oder Denikin oder Wrangel? Wo bleibt da der Advokat aus Odessa, der im Schlafrock über die Straße gegangen ist, um sich rasieren zu lassen? Doch war er zu müde, zu gleichgültig auch, um sich weiter über so nebensächliche Lügen den Kopf zu zerbrechen und schlief ein.

Die Löhnung wurde nach dem Abendessen ausgeteilt. Der Gruppenführer erhielt das Geld für seine Leute gewöhnlich in großen Scheinen und war gezwungen, die Verteilung selbst vorzunehmen. Wechselgeld war keines aufzutreiben. Da mußten sich drei, manchmal vier zusammentun und auf einander aufpassen, denn zwanzig Franken konnte ein einzelner gar schnell vertrinken, und wer gab den andern dann ihr Geld? So wurden Männer, die sich nicht leiden konnten, gezwungen, den Abend miteinander zu verbringen. Streit flackerte auf, Sergeant Hühnerwald von der Cooperative wurde beschimpft, weil er nicht wechseln konnte… Einige rannten zum Chef; Narcisse schickte die Unzufriedenen zu Mauriot, der immer noch in seinem Zimmer saß und über seiner Rache brütete. Der Leutnant warf die Leute kurzerhand hinaus. Auch Pierrard hatte kein Kleingeld. Die Stimmung wurde gereizt.

In der Sergeantenmesse ging es laut zu. Cattaneo und Farny, die beide mehr als zehn Jahre Dienstzeit hatten, hielten die übrigen frei. Um neun Uhr hatte Hassa schon zweimal erbrochen, Farnys Augen waren glasig, der Adjutant wieherte unausgesetzt. Baguelin, durch den Wein und durch die Schnäpse angelockt, trug Chansons vor, während Hassa, den das Erbrechen ein wenig ernüchtert hatte, mit lallender Stimme behauptete: Insubordination werde immer bestraft. Beispiel: die Verwundung Todds. Das sei die Strafe für den gemeinen Griff, damals auf dem Marsch. Und Baguelin sang.

Die Komik dieses Gesanges erschütterte den Adjutanten. Er stand mühsam auf, umarmte Baguelin, fiel mit ihm zu Boden, meinte dann wohl eine Frau vor sich zu haben, denn er begann die Wangen Baguelins mit lauten schmatzenden Küssen zu bedecken. Das Geräusch dieser Küsse übte auf Farny eine unerwartete Wirkung aus.

Er stemmte sich am Tischrand hoch und sah in den dicken Rauch. Wirre Bilder schienen seine Augen zu belagern. Mit kreischender Stimme versuchte er diese Bilder in einen Sang zu rahmen:

»Ach nur'n bißchen Liebe
Ach nur'n bißchen Liebe…«

Eine große Verzweiflung leuchtete in diesen gekrächzten Liedfetzen und es ward plötzlich still. Alle standen auf (auch der Adjutant), Baguelin glotzte. Diese plötzliche Stummheit war sehr grauenhaft. Hassa schüttelte sich, lachte lautlos mit offenem Mund, das Lachen ging in ein Schluchzen über. Er sank mit dem Oberkörper über den Tisch und seine Schultern zitterten heftig.

»Und nur'n bißchen Liebe…«

sang Farny, storchte zur Tür, stieß sie auf, mit steifem Bein, und schmetterte sie von draußen zu.

Die Luft schien ihm unwahrscheinlich dick. Sie drang ihm in die Nase, in den Mund, wie heißer Staub, und hinderte ihn am Atmen. Er glaubte noch die schmatzenden Küsse Cattaneos zu hören und ihn packte der Wunsch, eine kühle Haut zu streicheln. »Ja, der Junge hat eine kühle Haut, wir wollen den Jungen holen gehen.« Er torkelte gegen das Gebäude der dritten Sektion und stieß die Tür mit einem Fußtritt auf.

Auf den Brettern über den Matratzen brannten Kerzen. Die kahle Baracke sah festlich aus. Gruppen von vieren und fünfen saßen auf dem Boden, schmierige Kartenblätter in den Fäusten. Zigarettenrauch und Schnapsdampf zitterte über den Köpfen. Ein Flüstern blies zuweilen durch den Raum: »Noch eine Karte… zwanzig… nichts wert, zwei As… die Bank gewinnt.«

»Wo… ist… meine… Ordonnanz?« Keine Antwort. »Könnt ihr nicht antworten? Schweine!« Einige blickten auf, die Kerzenflammen warfen Glanzlichter auf die Augäpfel, die feuchten Stirnen und die Wangen.

Steif ging Farny zum Angriff vor. Die dumpfe Luft schien seine Betrunkenheit zu verstärken. Er stieß mit der Fußspitze nach einem der Sitzenden, ergriff dann eine Flasche, leerte sie. Gehässige Worte zerknallten in der Stille wie platzende Schweinsblasen. »Reklamieren«, schrie Farny, »reklamieren wollt ihr? Pack! Wißt ihr, wen ihr vor euch habt?« Irgend etwas Drohendes fühlte Farny in sich hochsteigen, er versuchte es zu bannen mit den Worten, die sonst zur Meldung vor einem hohen Vorgesetzten dienen: »Sergeant Farny von der zweiten Compagnie montée des dritten Fremdenregiments.« Aber eine Stimme in ihm übertönte diese Worte. Sie wurden zu einem Lallen in seinem Munde, während ein Fremder in ihm laut und deutlich sprach, so daß ihm nichts anderes übrigblieb, als diese unbekannten Worte nachzusprechen, »Kaiser! Ich bin euer Kaiser! Befehle! Befehle!« Er hörte das Lachen nicht mehr, seine Ohren waren taub geworden; er stand nur und murmelte, Speichel lief aus seinem Munde. »Feinde überall, viele Feinde. Katzen, Tiere, Tiger, Katzen. Katzen sollen vergiftet werden. Wenn ich befehle. Nicht mich vergiften.

Wo ist meine Ordonnanz der König? Nicht König heißt er, er ist König!« Plötzlich drehte er sich zweimal um sich selbst, Schwindel schien ihn zu packen. »Zu den Waffen!« brüllte er, »Aux armes! aux armes!« Mit diesem Schrei stürzte er zur Tür hinaus.

Pausanker sang gerade in der Mitrailleusensektion mit einigen anderen Deutschen das schöne Lied: »An der Saale grünem Strande.« Sie waren bei der letzten Strophe angelangt und sangen in einer Art Verzauberung. Sie hielten sich nicht an den Händen gefaßt, und dennoch hatten sie sehr stark das Gefühl einer innern Zusammengehörigkeit; dies tat ihnen wohl, vielleicht weil es sie zu einem Zorn aufpeitschte, der süß war. –

»Aux armes!« schrie es draußen.

Alle kannten sie diesen Ruf. In Algerien in den kleinen Garnisonen hatten sie ihn gehört, in Bel-Abbés vor allem, wenn am Morgen der dicke Boulet Ducarreau in die Kaserne rollte, der Colonel. Aber hier? Die Stimme draußen war schrill. – Hatten Araber den Posten angegriffen? Nur Pausanker erkannte die Stimme und Sorge erfüllte ihn. Nun drängten sie sich alle an die Rechen, wo die Gewehre standen. Mechanisch schoben sie Patronen ins Magazin; und dann stürzten sie in den Hof und trafen dort auf eine schon schreiende kreischende Masse. – Auch Seignac, der um fünf Uhr auf Wache gezogen war, hatte den Ruf gehört. Wie ein Schlag auf den Nacken traf er ihn. Einen Augenblick blieb er erstarrt stehen, weil er nicht verstand, woher der Ruf kommen konnte. Keine der ausgestellten Wachen hatte ihn ausgestoßen: mitten im Posten war er geplatzt, und es war Farnys Stimme gewesen, unbedingt. »Er ist besoffen« sagte Seignac leise zu Veitl, der neben ihm stand, »wir müssen Ordnung schaffen gehen.« Er fühlte, daß er der einzige Verteidiger der Disziplin war in diesem Posten, in dem es drunter und drüber ging. Eine große Verachtung hatte er für den Capitaine, der es nicht gewagt hatte, die zwei zu bestrafen, die sich gegen das Gesetz des Gehorsams vergangen hatten.

Seignac ließ seine Leute antreten, Waffe an der Hand, wie der Ausdruck heißt; keiner hatte gegen den Schwarzen etwas einzuwenden. Alle waren sie geladen mit Spannung. Eingreifen dürfen! Nie noch hatten im kleinen Posten die Gewehrgriffe so gut geklappt. Und »Vorwärts! Marsch!« kommandierte Korporal Seignac.

Nur ein paar Schritte waren es, dann sahen sie vor sich einen verknäuelten Menschenhaufen. In der Mitte des Haufens stand Sergeant Farny. Beleuchtet wurde er von dem Licht einiger Kerzen, die auf hochgereckten Armen wie auf sonderbaren Leuchtern staken. Farnys zerfressener Schnurrbart war deutlich gesträubt und Schaumflocken hingen darin wie feine Wattebüschel. Eben hielt er eine Rede an die Umstehenden in seiner deutschen Muttersprache. Aber es waren nur einige Worte zu verstehen, der Rest war so zerkaut, daß er unverständlich blieb.

Im Turm des Capitaines flammte Licht auf. Chabert war heute früh schlafen gegangen. Die Aufregungen der letzten Tage hatten ihn erschöpft. Er schlief fest und tief, und Samotadji brauchte einige Minuten, bis sein Herr nur die Augen aufschlug. »Sergeant Farny verrückt geworden« murmelte er immer wieder. »Capitaine müssen hinunter gehen.« »Mein Kopf ist eine hohle Kugel«, sagte der Capitaine tief traurig. »Mach Kaffee, Samotadji, und gib mir einen Schnaps. Dann wach ich vielleicht auf.« Samotadji stellte Wasser auf einen kleinen Spirituskocher, dessen blaues Flämmchen vor dem Bilde der Hugenottin wie ein Opferlämpchen brannte. Der Capitaine war mit dem Oberkörper aufs Bett zurückgesunken und döste mit schlaff herunterhängendem Unterkiefer, schnarchte dazu leise. Das Wasser summte in der Pfanne…

»Sektion halt!« kommandierte Korporal Seignac. Die Gewehrkolben fielen in drei Schlägen zur Erde. Seignac als einziger ließ das Gewehr geschultert. Zuerst versuchte er sanft den Knäuel der Menschen zu durchbrechen, um bis zu dem Schreienden zu gelangen. Da er nicht durchkam, kehrte er das Gewehr um und teilte Kolbenstöße aus. Die Getroffenen beklagten sich laut, wütend. Endlich war Seignac bis zu Farny vorgedrungen, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte ruhig und fest: »Kommen Sie mit, Sergeant. Sie sind aufgeregt, Sergeant. Legen Sie sich nieder, Sergeant.« Dies alles in einem Ton gesprochen, der Überlegenheit zeigte, und mit einer Aussprache, die einem Mitglied der Comédie Française Ehre machen würde.

»Seht ihr«, keifte Farny, »ein dreckiger Neger, der sich an mir vergreifen will. Schlagt ihn tot, schlagt ihn tot!« Er hatte sich von Seignacs Hand befreit und wiederholte seinen Schicksalsruf: »Aux armes!«

Pausanker war mit den Sängern aus der Tür getreten, er hielt das Gewehr im Arm, wie ein Sonntagsjäger, den Lauf gegen die Sterne gerichtet. Er sah seinen Sergeanten, über den ihm Sitnikoff so viel Schlechtes gesagt hatte, und glaubte, einen neuen unbekannten Menschen zu erblicken.

Stolz stand Farny da, Begeisterung funkelte ihm aus den Augen; trotz seiner geringen Körpergröße schien er die Menge zu überragen. Pausanker hatte heute abend viel getrunken. Aber nicht nur der Alkohol trieb ihn, jetzt, da Farny wieder sein stotterndes Singen begann (»Ach nur 'n bißchen Liebe«) und Seignac den Arm um die Schultern des Sergeanten legte. Der Neger sagte zu Veitl: »Es ist ganz leicht, unter diesen Betrunkenen Ruhe zu schaffen. Sehen Sie, Sie haben nicht einmal eingreifen müssen, alles habe ich allein getan.«

Da platzte ein Laut in das Stimmengewirr. In dem Geschrei war er nicht auffallend, aber doch so deutlich, daß er eine plötzliche Stille hervorrief. Seignac schwankte ein wenig, hielt sich an einem neben ihm Stehenden; dessen Kerze fiel zu Boden. Dann lockerte Seignac seinen Griff und sank um. Die Kerze, die neben ihm auf dem Boden lag, flackerte zuerst ein wenig und brannte dann weiter mit stiller Flamme. In ihrem Licht sah Veitl das schwarze Gesicht langsam grau werden, ein Ausdruck des Erstaunens klebte darauf. Dann schimmerten die Augäpfel weiß zwischen den halbgeschlossenen Lidern.

Im Turmzimmer verbreitete sich Kaffeegeruch. Chabert fuhr ein wenig auf – der Knall des Schusses – dann fiel er wieder zurück und murmelte: »Was war das?« Aber Samotadji wurde energisch, er führte die Tasse mit dem heißen Getränk (auf dessen Oberfläche noch zerbröckelte Körner schwammen) heftig an die Lippen des Liegenden. Der Schmerz ließ den Capitaine auffahren. Er trank, immerfort blasend, die Tasse leer, sank noch einmal zurück, aber Samotadji feuerte ihn an: »Sie haben geschossen, mon capitaine.« »Ja, ja«, murmelte Chabert. Aber in diesem Augenblick knallten vier weitere Schüsse, im Hof der Verpflegung dröhnte Fußgetrappel, ein Feuerschein flammte durch die Scheiben des Fensters. Chabert murmelte: »Es ist doch nichts, eine Volksbelustigung.«

Pausanker stand mit erstauntem Bubengesicht mitten in der schreienden Menge. Noch immer hielt er das Gewehr, wie ein Jäger, der aus Versehen einen Hasen geschossen hat. Lachen war um ihn und Brüllen. Langsam schob er sich auf seinen Sergeanten zu, nahm ihn am Arm, gab der liegenden Gestalt des Schwarzen einen Fußtritt. »König wirst du«, lallte Farny, »König von Kamerun. Denn weißt du, Kamerun gehört uns, daß du's nur weißt. Sag's den anderen, sonst vergessen sie's, und sag ihnen auch, sie sollen die Biester vertreiben, die mich plagen wollen, siehst du dort hinten? Da warten schon Katzen auf mich und Mäuse. Wo warst du heut abend?« fuhr er plötzlich Pausanker mit erschreckender Deutlichkeit an. »Warst mit einem anderen zusammen. Ich weiß es. Nicht leugnen! Wart nur, wir rechnen noch ab. Ich hab dir verboten, mit einem andern zu gehen. Du gehörst mir. Du trägst das Siegel. Das kaiserliche Siegel. Vergiß es nicht.«

Farny wollte an die Umstehenden Befehle austeilen; da sah er mit Unmut, daß ein anderer die Führung ergriffen hatte. »Ruhig dort«, versuchte er zu schreien. Aber seine Stimme war zu heiser, um sich Gehör verschaffen zu können. Kraschinsky, der Berliner, hatte sich auf die Schultern des geduldigen alten Guy geschwungen, Stefan, dessen Augen gefährlich glänzten, stützte ihn von hinten: und so gesichert hielt Kraschinsky seine große Rede.

Da man nun so fröhlich beisammen sei, sagte er, (und schwang die Arme, als wolle er die Menge umfangen) und die Geistesgegenwart eines allseitig beliebten Kameraden den verehrten Sergeanten Farny aus den Klauen eines Negers gerettet habe, so sei der Weg, der begangen werden müsse, ohne weiteres vorgezeichnet. Er sei überzeugt, im Namen aller zu sprechen, wenn er nun vorschlage, die günstige Gelegenheit beim Schopf zu packen und ein für allemal mit der Tyrannei abzufahren, unter der sie alle Jahrelang gestöhnt hätten. Frei sein wollten sie! Marokko sei groß, die Eingeborenen hätten genug von der fremden Herrschaft, einige Teile des Landes seien auch noch nicht unterworfen, dorthin müsse man ziehen! Dort sei die Freiheit! Er wisse, wenn man zu den Leuten komme, ein paar Maschinengewehre anbiete und Munition, werde man hochwillkommen sein.

»Glaubt ihr nicht?«

Ein langgezogenes Hurra antwortete dem Redner. Eifrig liefen die Russen umher und ließen sich die Worte übersetzen. Weit von der Menge entfernt, an den Wänden der Baracken, lehnten Gestalten im Schatten, murmelten sich Worte zu: Korporal Ackermann, Koribout, Sergeant Sitnikoff. Zu den dreien gesellte sich eine tiefgebückte Gestalt, die auf allen Vieren zu gehen schien, sich an der Mauer hochtastete und dann schweratmend stillstand: Lös, der aus dem Krankenzimmer gekrochen war. »Was habe ich Ihnen gesagt, Lös? Heute nachmittag? Habe ich nicht recht gehabt? Und der Capitaine kommt nicht. Es ist Licht in seinem Zimmer. Wenn er kommt, müssen wir ihn schützen, haben Sie verstanden, Ackermann?« Ackermann nickte nur; er nahm die Mütze ab und seine blonden Haare schimmerten hell in der Nacht. Aus der Sergeantenmesse drang wüster Lärm und das Klirren zersplitternder Gläser.

»Was wir brauchen«, tönte Kraschinskys aufdringliche Stimme weiter, »sind Lebensmittel, damit wir uns durchschlagen können. Was wir aber vor allem brauchen, ist ein Führerrat, der die Organisation der Sache in die Hand nimmt. Den Sergeanten kann man nicht trauen, es müssen Leute von uns sein. Der einzige, der zu uns halten wird , ist Sergeant Farny, unser Befreier, denn sein Ruf hat uns die Waffen in die Hände gedrückt. Er soll zuerst die Führung übernehmen. Die anderen Sergeanten… Hört ihr sie lärmen?« Kraschinsky breitete die Hand aus, eine plötzliche Stille entstand, in der das Brüllen Cattaneos und die Fistelstimme Baguelins deutlich aus der Messe drang. Dann kam hinter dem Rücken Kraschinskys eine Stimme hoch: »Qu'est ce qu'il bave, l' mec?« Stefan erkundigte sich nach dem Sinn der Rede.

»Sergeant Farny meint«, Kraschinsky richtete sich auf, es sah aus, als habe er soeben mit dem Verrückten Zwiegespräche gehalten, »das Wichtigste sei, sich Lebensmittel zu verschaffen. Darum, Sturm auf die Verpflegung! Waffen habt ihr alle. Los!« Als sei Guy ein Roß, trommelte Kraschinsky mit den Hacken auf die Brust des Franzosen, und schwerfällig setzte sich der Alte in Bewegung. Hinter ihm kam der Trupp, der wuchs; Nachzügler, die aus dem Dorfe heimkehrten, stießen zu ihm…!

Mitten im Hof der Verwaltung stand Pierrard, die Hände in den Taschen. Als die Schlüssel von ihm verlangt wurden, zuckte er mit den Achseln. Sie seien beim Leutnant in Verwahrung, teilte er mit. Kraschinsky befahl die Schlösser zu sprengen. Es war nicht schwer, ein paar Schüsse genügten.

Im Hof lag ein großer Strohhaufen. »Licht müssen wir haben!« rief Kraschinsky und warf seine Kerze in den Haufen. Händeklatschen und Hurrarufe.

In diesem Augenblick kam Capitaine Chabert die Turmtreppe herab. Er sah mitleiderregend aus. Mit geschwollenen Lidern und zitternden Händen stand er vor den Heulenden und blinzelte in das helle Strohfeuer. Strudel bildeten sich in der Masse. Plötzlich standen drei Gestalten, Gewehr bei Fuß, mit aufgepflanztem Bajonett vor Chabert. »Zwei Korporäle, ein Sergeant«, meldete Ackermann, Ein kleines Lächeln ging über des Capitaines Gesicht. »Brav, mein Kleiner, sehr brav. Aber ich werde euch wohl nicht brauchen«, sagte Chabert mit schwerer Zunge.

In einiger Entfernung katzbuckelte Kraschinsky. Ob der Herr Capitaine nicht so gütig sein wolle, wieder seinen Turm zu ersteigen. Sonst würde man leider gezwungen sein, den Capitaine gefangen zu setzen.

»Schweig… du… du…« rief Sitnikoff, und das sonst nie gebrauchte Du des Sergeanten schüchterte Kraschinsky einen Augenblick ein. Er schwieg. Sitnikoff sprach russisch. Seine leicht singende Rede schien Eindruck zu machen. Neue Wirbel entstanden in der Masse, von Fortdrängenden, die in der Dunkelheit verschwanden. Da brach die Wache durch die lockeren Reihen, fünf Mann hoch, Veitl hatte das Kommando übernommen, und auch sie stellten sich vor dem Capitaine auf.

Und noch einer kam herbeigeschlichen, waffenlos, sehr blaß im Gesicht, er tastete sich an den fuchtelnden Gestalten langsam vorwärts, endlich erreichte er Sitnikoff, stützte die Hand auf die Schultern des Sergeanten und wartete: Lös. »Bist du auch da, mein Kleiner?« begrüßte ihn der Capitaine, »das ist recht.« Er blickte in die Gesichter seiner Garde.

»Meine Kleinen«, begann der Capitaine. Roh unterbrach ihn Kraschinsky, immer noch auf seiner menschlichen Mähre hockend: »Raufgehen! Maulhalten!« Ein eifriges Gemurmel unterstützte seine Worte, Kolben sanken und wurden zwischen Ellbogen und Hüfte festgeklemmt, die Läufe waren auf die kleine Gruppe gerichtet. Die senkte ihrerseits die Bajonette, so daß der Capitaine von einem stachligen Kreis umgeben war.

»Meine Kleinen«, begann der Capitaine wieder; als ein Gemurmel aufstieg, beschwichtigte es Kraschinsky mit einer Handbewegung. »Laßt den Alten sprechen«, befahl er. »Nein!« erhob sich wieder Farnys Stimme. »Ich bin der Kaiser. Ich will sprechen.« Aber Pausanker legte seinem Sergeanten die Hand auf den Mund. »Später«, flüsterte er, und sogar dies Flüstern war in der großen Stille deutlich zu hören.

»Meine Kleinen«, begann der Capitaine wieder. »Wenn ihr nicht zufrieden seid, so müßt ihr eure Reklamationen nicht in dieser Form anbringen. Ich bin für jeden von euch zu sprechen, das wißt ihr und ich habe immer jeden angehört, der sich zu beklagen hatte. Aber geht auseinander jetzt, legt euch hin. Ihr seid aufgeregt, warum weiß ich noch nicht. Ihr seid sicher irregeführt worden. Ich bitte euch, macht mir nicht noch unnütz Sorgen, ich habe doch schon genug Aufregung. Ich will tun, was ich kann, um diese ganze Kinderei (›enfantillage‹ nannte es der Capitaine) aus der Welt zu schaffen. Aber wenn ihr länger zögert, so geht es schief, das kann ich euch sagen. Auch meine Geduld hat Grenzen. Ihr habt euch gut gehalten im Kampf, darum bin ich bereit, euch viel nachzusehen. Aber alles mit Maß. So, und nun übersetzest du, mein Kleiner«, er wandte sich an Sitnikoff, »meine Rede ins Russische, und du mein Kleiner« er wandte sich an Lös, »meine Rede ins Deutsche«. In der wieder eingetretenen Stille hörte man den Lärm aus der Sergeantenmesse. Sie schienen dort mit metallenen Instrumenten auf Gläsern die Begleitung des Liedes zu spielen, das Cattaneo sang:

»Ferme tes jolis yeux
Car les heures sont brè-è-è ves
Au pays merveilleux
Au beau pays du rê-ê-êve…«

Capitaine Chaberts Gesicht verzog sich. Seine Ohren brannten. Wut schien in ihm hochzusteigen. Er ballte die Fäuste vor der Brust, wie ein Schnelläufer. »He! Pullmann!« rief Kraschinsky aus der Höhe, »bring mal die Leute zum Schweigen, man versteht ja sein eigenes Wort nicht bei diesem Lärm.«

Pullmann winkte, und fünf Mann folgten ihm. Sie schlichen um den Fuß der Treppe. »Und los, ihr anderen! Los! Auf den Capitaine!« rief Kraschinsky.

Aber während die Masse sich in Bewegung setzte, wurde Chabert von Sitnikoff und Koribout in die Mitte genommen und sanft die Treppe hinaufgeschoben. Ackermann deckte den Rückzug, die Wache blieb unten und hielt die Bajonette gefällt. Ein paar Schüsse knallten, aber die Kugeln sangen harmlos ihr Lied zu den Sternen.

Als Pullmann mit seinen Begleitern in die Messe drang, herrschte dort Ruhe. Die meisten Unteroffiziere lagen mit den Köpfen auf dem Tisch, nur Baguelin stand in einer Ecke neben dem Adjutanten und sah aufmerksam auf Cattaneos geöffneten Mund, dem rauhe Töne entströmten.

»Ferme tes jolis yeux…«

schluchzte Cattaneo und Tränen rannen über seine Backen. »Ja, ja, die alten Lieder. Es geht nichts über die alten Lieder«, stellte Baguelin fest. Er sah erstaunt auf die bewaffneten Männer an der Tür, aber er mußte den Adjutanten ziemlich kräftig in die Seite puffen, bis dieser die verdrehten Augen in ihre gewöhnliche Lage brachte. Lange starrte Cattaneo auf Pullmann. Dann zog er mit behutsamen Bewegungen eine zerdrückte Zigarre aus der Tasche, zündete sie an, langte mit der gleichen behutsamen Bewegung in die hintere Hosentasche und legte eine kleine Repetierpistole aufs Knie. »Waffe fort!« brüllte Pullmann, in der Aufregung gebrauchte er deutsche Worte. Der Adjutant sah ihn verständnislos an. Hintereinander, fast ohne Pause, es klang wie das Zerreißen eines schweren Stoffes, knatterten Schüsse. Wütendes Geheul. Die Pistole, die der Adjutant noch immer auf seinem Knie hielt, ließ einen dünnen Rauchfaden aus ihrer Mündung, der sich seltsam mit dem Rauch der Zigarre vermischte, die zwischen den Fingern der linken Hand steckte. Die Kugeln hatten niemanden getroffen. Die von ihnen erzeugten Löcher bildeten ein unregelmäßiges Muster im Balken über der Tür. Die Köpfe auf den Tischen hatten sich nicht bewegt. Mit starren Augen, während der Schluckauf seinen schweren Körper durchschüttelte, wartete der Adjutant auf seine Angreifer. Pullmann ging vor. Er hielt sein Gewehr vorne am Lauf und schlenkerte es wie einen Stock. Und wie ein Spaziergänger manchmal den Stock gebraucht, um eine Blume zu köpfen, hob Pullmann das Gewehr und ließ es seitlich gegen den Kopf des Adjutanten fallen…

Im Turmzimmer saß der Capitaine und ließ sich von Samotadji pflegen. Chaberts Gesicht war bläulich angelaufen, er schnaufte schwer. Samotadji legte seinem Herrn feuchte Handtücher auf die Stirn. Stumm saßen die anderen herum. Koribout hockte in einer Ecke, unberührt von allem Geschehen, und schrieb Beobachtungen in sein Notizbuch. Verlegen kaute Ackermann an seinen Fingernägeln. Sitnikoff und Lös saßen am Tisch; beide waren sehr blaß. Die Gewehre lehnten neben der Tür. Ein Klopfen ließ alle auffahren. Es tönte hart durch das dumpfe Schreien, das von unten heraufdrang. Sitnikoff ging langsam zur Tür, schob den Holzriegel zurück, nachdem er gefragt hatte, wer draußen sei. Die leise Antwort blieb den andern unverständlich.

Herein traten der Chef und Leutnant Lartigue.

»Hallo, hallo!« der Chef schien ausgezeichneter Laune zu sein. »Wer rettet nun die Situation? Natürlich: Narcisse Arsène de Pellevoisin! Denn wer hat den einzig richtigen Gedanken gehabt? Immer der Vorgenannte. In fünf Minuten kommen die Gums, die werden Ruhe schaffen, einszwei! Aber«, ein zweifelnder Blick auf die liegende Gestalt des Capitaines, der nichts zu hören schien. »Die Auseinandersetzung mit Materne wird sich schwieriger gestalten. Ich bedaure unseren Capitaine. Materne war nämlich nicht allein, als ich kam. Leutnant Mauriot war schon bei ihm. Unserem Capitaine wird es nicht gut gehen, das sehe ich kommen.« Er schwieg, zog einen leeren Stuhl heran und setzte sich. Alle schwiegen. Da brach der Lärm unten ab. Getrappel von Pferden. »Jetzt sind sie da«, sagte der Chef leise. Chabert stöhnte: »Welche Schande, welche Schande!« Die anderen drängten sich zur Tür. Nur Lös blieb sitzen, verlor den Halt und klammerte sich an der Stuhllehne fest. Samotadji saß auf dem Bett des Capitaines, drehte den feuchten Umschlag und legte die kühle Seite auf Chaberts Stirn.

Im Hofe der Verpflegung war das Strohfeuer herabgebrannt. Die Sterne legten einen sanften Schein auf die kämpfende Masse. Die grauen Mäntel der Gums flatterten. Alles ging jetzt lautlos vor sich, die Fliehenden schrien nicht, warfen ihre Waffen fort, die Türe der Baracken schluckten die Laufenden. Durch das Tor des Postens schritt eine hohe Gestalt, waffenlos. Hinter ihr hüpfte ein dünner weißer Zwerg, der zischende Laute ausstieß. Die hohe Gestalt wandte sich nicht um. Sie war barhäuptig und ihr schwarzes Haar glänzte ölig im schwachen Licht. Nun verschwand der weiße Zwerg und einsam schritt die Gestalt weiter, gelangte an den Fuß der Treppe, erstieg sie langsam. Die Zuschauer drängten ins Zimmer zurück. Capitaine Materne trat ein. Seine trägen Augen musterten die Anwesenden. Schließlich blieben sie an der Gestalt auf dem Bette haften. Schweigen.

»Sie können disponieren, Lartigue«, sagte Materne schleppend, ohne die Blicke vom Bett zu lassen.

Schweigend verließen alle den Raum. Lös wurde von Sitnikoff gestützt. Unten angelangt wollten sich die beiden verabschieden. Aber Lartigue hielt sie zurück. »Kommen Sie doch mit. Ich bin zu aufgeregt, um schlafen zu können.«

In Lartigues Zimmer waren nicht genug Stühle vorhanden. Lös durfte sich aufs Bett legen. Der Leutnant schenkte Schnaps ein, bot Zigaretten an. Dann setzte er sich auf die Bettkante und sprach leise.

»Sehen Sie die Entwicklung, Lös? Im Grunde sind Sie an allem schuld. Nun ja, das Ganze war amüsant, amüsanter als tragisch. Ein guter Redner, dieser Kraschinsky. Haben Sie schon erfahren, daß Farny tot ist? Ja, er ist plötzlich umgefallen. Aber wissen Sie, Lös, daß Sie wirklich eine schwere Schuld zu tragen haben? An dem Tode Ihres Hundes, an der Ermordung Seignacs, an dem ganzen Aufruhr? Lächeln Sie nicht, oder gut, lächeln Sie, das zeigt mir, daß Sie über den Berg sind. Wieso? fragen Sie.« Lös hatte nichts gefragt, auch gelächelt hatte er nicht. Aber der Leutnant brauchte rhetorische Zwischenfragen. Die anderen lauschten aufmerksam. Koribouts saugende Augen leuchteten aus einer Ecke. »Sie, Sie allein haben Blut in den Posten gebracht, Blut und Zerstörung. Sich selbst haben Sie zerstören wollen, Ihr Blut haben Sie vergossen. Wissen Sie, welche Wellen unsere Taten werfen?« Das zweideutige Pathos Lartigues wirkte auf alle erregend. Sitnikoff erhob sich und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten. Ackermanns glänzende Augen waren auf Lartigues Mund gerichtet, mit dem Ausdruck eines Kindes, dem man schöne Märchen erzählt.

»Sie wissen es nicht, zu Ihrem Glück! Gerade so wenig, wie Ihr verwundeter Freund die Magie der Worte gekannt hat. Warum nannte er sich Todd? Tod?« Der Leutnant sprach französisch, er dehnte das fremde Wort, übersetzte es für sich, murmelnd. »Sehen Sie, im Spielen mit dem Tode und dem Blute liegt eine böse Zauberei. Zuerst ist Ihr Hund geopfert worden. Dann hat das Opfer nicht genügt. Das Feuer ist aufgeflammt, wie ein Strohhaufen. Oh, das Symbol. Grobe Symbole… feine Symbole. Überall sehe ich Symbole. Natürlich, in juristischem Sinne sind Sie unschuldig. Ob in einem anderen auch? Ich weiß es nicht. Wie jener möchte ich Ihnen sagen: Gehe hin und sündige nicht mehr. Es war ein Meisterstück von ihnen, heut abend aufzustehen. Der Alte wird Ihnen das nicht vergessen. Und solange er noch die Kompagnie führt, kann er viel für Sie tun. Wir können also annehmen, daß unser Freund hier außer Gefahr ist«, wandte er sich an die anderen. »Auch ich bleibe nicht länger. Wahrscheinlich werde ich Chabert nach Frankreich begleiten müssen. Denn ich habe keine Sehnsucht, die Zeit der Reaktion, die nun hier folgen wird, mitzumachen. Vielleicht treffe ich Freund Lös in Paris. Denn daß er auf Reform geht, halte ich für sicher. Der Alte wird alles dafür tun, vor seiner Abreise. Sprechen wir leise, der Arme schläft. Mit Ihnen, Sitnikoff, habe ich noch eine Zwiebel zu häuten, wie man bei uns sagt: Warum lesen Sie die ›Garçonne?‹ ich verstehe Sie nicht!« Und zweideutig, wie sein Pathos, war auch die literarische Moralpredigt, die Leutnant Lartigue nun hielt.


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