Glauser, Friedrich
Gourrama
Glauser, Friedrich

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6. Kapitel

Der kleine Schneider

Adjutant Cattaneo trat aus seinem Zelt und führte zwei Finger zum Mund. Der Pfiff gellte durch den kühlen Morgen, stieß an die roten Berge, prallte ab an der Mauer des alten Postens, dort oben auf dem nahen Hügel. Kaum daß der Pfiff verhallt war, begann der Adjutant zu fluchen. In den kleinen braunen Zelten, die um sein eigenes großes im Viereck aufgestellt waren, hörte er rascheln und gähnen. Verschlafene Stimmen riefen: »Auf!«, höhnisch und gereizt. Doch die Zelte leerten sich nicht schnell genug. Der Adjutant riß einige Pflöcke aus dem Boden, und die Zelttücher fielen zusammen. Er lachte, als er das unterdrückte Murren hörte. Dann teilte er einige Fußtritte aus in die krabbelnde Masse und ging zur Küche um Kaffee zu trinken. Sein rotes Képi stach leuchtend ab vom gelben Khakianzug.

Er hielt dem alten Guy die Metalltasse hin, ließ sie halb füllen und stellte sie auf einen Stein, zog eine Feldflasche aus der Tasche und goß Rum in den Kaffee. »Mezzo e mezzo«, murmelte er. Im bläulich weißen Morgenlicht lag das Zeltlager vor ihm. Er blickte darauf und fühlte sich als Alleinherrscher über die fünfzig Mann. Und er war stolz auf die Macht, die er besaß.

Die Maulesel zerrten an den Ketten. Ein langes Drahttau verband sie. Bisweilen schrieen sie auf, denn sie waren ungeduldig: die Futterstunde war nahe.

Vor dem Posten auf dem Hügel putzten graue Gestalten, in langen Kapuzenmänteln, ihre Pferde.

Der Adjutant klopfte auf seine Schenkel und ruderte mit den Armen in der Luft.

»Wird's bald!« krächzte er heiser und sah höhnisch den Ankommenden entgegen. Sie drückten sich scheu an ihm vorbei.

Sergeant Schützendorf schlenderte als einer der letzten heran, Hosen, Rock und Stiefel geöffnet. Der Adjutant schrie ihn an: »Können Sie sich nicht ordentlich anziehen?« Schützendorf grinste nur und zog mit einem Ruck die Hosen höher.

Nach ihm kam Korporal Dunoyer, zwanzig Jahre Dienstzeit, davon drei Jahre gut, der Rest in Arbeitsbatallionen in Tunis abgedient. Über die Halshaut zogen sich, blau tätowiert die Worte: »Immer durstig« und wogten auf und ab, bei jeder Bewegung des Adamsapfels. Auf der Stirne stand zu lesen: »Ein Märtyrer der Freundschaft«. Von den Schläfen ringelten sich zwei Schlangen herab, bogen sich im rechten Winkel auf den Wangen und öffneten ihre Mäuler auf den Nasenflügeln. Als er vor dem Adjutanten die Hand grüßend an den Mützenschirm legte, zeigte sich auf der Innenfläche das Wort: ›Merde‹. Gönnerhaft nickte ihm der Adjutant zu.

Dann zogen die andern vorbei, graue Gesichter, gepudert mit Staub, leer die Augen, schmal die Wangen. Pfiffen zwischen den Zähnen oder spuckten in weitem Bogen braunen Saft, husteten auch, die Köpfe zur Erde gesenkt.

Als letzter schlurfte Stefan vorbei, der Liebling des Adjutanten, ein plumper Nordfranzose aus Lille, mit blondgestoppeltem Affengesicht, und gröhlte fröhlich:

»C'est à Paris, dans une boîte
dans une boîte de nuit
Place Piga-a-a-alle.«

Der Adjutant schrie ihn an: »Immer der letzte, Stefan!«

»Immer, mon adjudant, aber beim Schnapsfassen der erste.«

Da lachte der Adjutant und streckte ihm die Rumflasche hin. Stefan trank in gierigen Zügen, bis die grünen Augen unter den Lidern aufquollen.

»Füttern«, gellte eine Stimme. Inmitten des Vierecks stand der klapprige Sergeant Veyre in voller Ausrüstung. Sogar den Revolver hatte er umgeschnallt. »Füttern«, schrie er noch einmal.

Ein dumpfes Getrappel war hörbar, von Hufen und genagelten Schuhen. Die Tassen flogen in die Zelte. Trésor, der Fuchs des Adjutanten, wieherte der aufgehenden Sonnenscheibe entgegen, die müde hinter den Bergen hervorkroch. Plötzlich Stille. Neben der Küche, auf dem Kalkofen, stand immer noch breitbeinig der Adjutant, blickte ins Tal hinab, aus dem das Rauschen des Oued klang. Ein Geruch von verfaultem Holz, ranzigem Speck und Schweiß drang ihm in die Nase. »Ostia!« fluchte er laut. Als er die Hand vor die Augen legte, war ein Bild aus seiner Jugend da: Eine Straße bei Parma, weiß in der Sonne der Poebene, Bäume in der Ferne. Maisfelder, die um eine kleine Schenke grünten. Sein Fuhrwerk stand davor, beladen mit Flußsand. Er trug ein Stück Speck in der Tasche, dessen fetter Geruch ihn hungrig machte. »Ostia!« hatte er auch damals geflucht, weil ihm ein Leitseil gerissen war.

»Antreten!« bellte er. Zum Spaß schoß er noch den Revolver ab. Und auch der Widerhall des Knalls erinnerte ihn an seine Fuhrmannszeit.

»H-o-o-o«, heulte es von allen Seiten; die Sektion trat an in zwei Reihen.

»Ausrichten!«

Da standen sie alle wie die Puppen, den leeren Blick auf den Nebenmann gerichtet.

»Ruhen.«

Füßescharren, gedämpftes Murmeln. Dann begann das Aufrufen, eintönig. Doch als der kleine Schneider aufgerufen wurde, unterbrach der Adjutant:

»Steh gerade, Schneider; wie ein nasser Wollappen sieht er aus.«

»Melde mich krank«, stieß Schneider hervor.

»Ich kenne keine Kranken.« Der Adjutant wurde rot und sein verdorrter Schnurrbart sträubte sich. Schneider tauchte unter und verschwand hinter dem Rücken seines Vordermannes.

Der Appell ging weiter.

»Wird das Paar nicht endlich ruhig stehen?« schrie wieder der Adjutant. Lachen sprang auf, ein gezwungenes Lachen, wie es schlechten Vorgesetztenwitzen gebührt. Patschuli zeigte sein verwelktes Gesicht und Peschke seine Apachenlocke. Der Adjutant ließ eine Zote fahren und begann die Front abzuschreiten.

»Zwei, vier, sechs, zehn. Sergeant Veyre, Caporal Dunoyer: Holz. – Zwei, sechs, zehn, zwölf und der Rest – Sergeant Schützendorf, Caporal Claus: Steine holen.«

Die beiden Geraden zerbrachen in viele Teile; da rief der Adjutant: »Halt. Fünf bleiben im Lager, um den Kalkofen herzurichten.«

Das Getrappel begann wieder. Der Hund des Adjutanten bellte laut einigen Arabern nach, die mit kleinen schwerbepackten Eseln auf der nahen Straße vorbeizogen. Die Sonne beleuchtete das schwere Grün der Oleanderbüsche an den Ufern des Oued.

Der kleine Schneider mühte sich ab, seinem gereizten Maultier den Sattel aufzulegen. Er hatte es Jakob getauft und es war sehr kitzlig. Peschke sattelte das Pferd des Adjutanten und warf schnelle Blicke nach Patschuli, der mit Fuad schäkerte. Er wollte dazwischen fahren, doch erinnerte er sich, daß er dem Türken noch fünf Franken schuldete.

Sergeant Schützendorf balancierte auf seiner Lisa, einem schläfrigen Tier, das mit gesenkten Ohren geduldig wartete.

»Aufsitzen!« krächzte er. Dann kehrte er die Lisa und ritt auf einen Bergsattel zu, den ein Nebel zart verschleierte. Hinter ihm ordnete sich der Zug. Als letzter fuhr Stefan mit der Araba, einem leichten zweirädrigen Karren, mit drei nebeneinander trabenden Mauleseln bespannt.

Der kleine Schneider saß zusammengeschrumpft im Sattel. Er hatte am Morgen Chinin geschluckt, das er sich zusammengespart hatte, und nun dröhnten vor seinen Ohren rasch sich folgende Paukenschläge. »Reiten, reiten«, sprach er vor sich hin. Der graue Weg war ein schmaler Läufer, die blaßgrünen Alfabüschel und ihre Schatten warfen bunte Muster.

»Der Adjutant hätte mich liegen lassen sollen.« Die Gedanken rollten gebremst durch seinen Kopf. »Er weiß ja gar nicht, wie es ist, krank zu sein. Wenn's ihm schlecht geht, säuft er Schnaps. Wer das auch könnte! Aber wir haben ja nie Geld. Wenn ich nur die Prämie noch hätte, aber die ist längst beim Teufel. Ich könnte ja beim Juden dort oben ein paar Sattelriemen gegen Schnaps eintauschen, aber der Adjutant brächte mich vor Kriegsgericht. Vielleicht wär's besser. Aber der Capitaine würde mich sicher nur in die Disziplinkompagnie schicken. Und das wäre nicht gut.« Er sah ganz deutlich den Steinbruch in Colomb-Béchar, wo Senegalneger mit geladenem Gewehr und Gummiknütteln magere Legionäre zur Arbeit antrieben. Dann griff er in den Umschlag seines Bonnet de Police, fand darin eine aufgesparte Kippe vom vorigen Abend und begann zu rauchen. Aber nach einigen tiefen Zügen wurde ihm schwindlig. Er drückte den kleinen Stummel aus und versorgte ihn am gewohnten Platz.

Wieder flimmerten Farben, und ein leichter Schwindel ließ die Luft vor seinen Augen zittern. Dumpfe Glocken dröhnten vor seinen Ohren, ganz nahe, unterbrochen von gellendem Schellengeklingel. Und wieder fielen Worte tropfenweise durch seinen Kopf: »Komisch, wie das Chinin wirkt. Und letzte Nacht habe ich vom großen Krieg geträumt. Vielleicht war die Kälte dran schuld. Ich hab von Rußland geträumt und von einem dicken polnischen Mädchen… ›Vergiß Maruschka nicht, das Polenkind!‹« Er summte die Melodie vor sich hin. »Aber die Araberdirnen. – Schmutzig sind sie und stinken. Pfui.« Ekel schüttelte ihn. »Der Krieg ist wohl an allem schuld. Was haben wir eigentlich vom Leben gehabt? Fünf Jahre bin ich Soldat gewesen, in Deutschland. Dann sollte es Frieden geben. Ich hab wohl auch das Recht gehabt, ein wenig Glück zu finden. Und sie haben uns den Frieden versprochen und ein neues Leben. Ja. Dafür sollten wir noch einmal kämpfen. Ich hab's geglaubt. Es waren nur die Großen und Reichen an unserm Unglück schuld. Und dann der Sturm auf den Bahnhof. Warum gerade auf den Bahnhof? Im Bahnhof hat es doch nur alte Waggons und keine Großen, Reichen. Im Grunde habe ich nichts getan, als wieder andern zu folgen, die wieder kommandiert haben, wie die Offiziere früher. Und das war wieder falsch und sie haben mich einsperren wollen. Da bin ich dann durch die Lappen. Lieber die Fremdenlegion, hab ich gedacht. Wenn ich damals gewußt hätte, was ich heute weiß! Jetzt soll ich noch drei Jahre aushalten. Drei Jahre!« Ein Schauer ging durch seinen Körper, eine unsichtbare Hand zog seinen Kopf an den Haaren nach hinten. Ganz klar, plötzlich, dachte er: »Sterben. Ganz leicht. Den Lauf des Gewehres in den Mund stecken und mit der großen Zehe abdrücken. Das geht gut.« Er lächelte freudig und still.

In weitem Bogen schwang sich der Sergeant Schützendorf auf die Erde. Die Wickelgamaschen waren auf die Schuhe gerutscht. Er blickte mit schläfrigen Augen um sich, dann rief er: »Absitzen.«

Durch die Schlucht lief ein Bach, der weiter unten im Erdreich träge versickerte. Rechts und links stiegen graue Felsen auf, büschelweise bewachsen mit verhutzelten Nadelhölzern. Ein Rudel Gazellen verschwand, lautlos hastend, fern in der Ebene.

Mühsam stieg der kleine Schneider ab. Als er sich bückte, drehten sich die Grasbüschel in grünen Wirbeln.

An der Araba teilte Stefan Minierstangen und Pickel aus. Schützendorf hatte sich nahe an den Bach in den glitzernden Sand gelegt und blinzelte in den Himmel. Der kleine Schneider berührte ihn an der Schulter: »Ich bin krank, Sergeant, und kann nicht arbeiten.« Schützendorf räkelte sich und gähnte, blickte dann teilnahmslos auf die wankende Gestalt und brüllte: »Achtung steht!« in deutscher Sprache. Der kleine Schneider stand stramm. Er fühlte das Schlottern in seinen gestreckten Knieen schmerzhaft und deutlich. Im rechten Schenkel klopfte ein Hammer. »Na, Ruhen«, sagte Schützendorf gemütlich. Er zog ein Paket Cigaretten aus der Tasche, Schneider blickte mit hungrigen Augen darauf.

»Gib mir dann die Kippe, Schützendorf, ich habe nichts mehr zu rauchen«, bettelte er demütig.

»Da nimm ein paar.« Der Sergeant hielt ihm das Päckchen hin. »Weißt du, ich bin ja eigentlich kein schlechter Kerl. Hab früher auch meinen Wein für Cigaretten verkauft. Tabak ist wichtiger als Brot und Wein.« Er versuchte ein tiefsinniges Gesicht zu machen. »Also krank bist du. Dann kannst du dort oben Wache stehen, wenn du noch hinauf kommst.«

Dem kleinen Schneider tat es wohl, daß man deutsch zu ihm sprach. Und Schützendorf kannte er schon lange. Er war mit ihm in Bel-Abbés in der gleichen Sektion gewesen.

Nun hing er sein Gewehr um, wog die vollen Patronentaschen in den Händen und stapfte bergauf.

Oben setzte er sich auf einen großen Stein, den die Sonne erhitzt hatte. Er legte das Gewehr auf die Knie und blickte um sich, das Tal vor ihm war weit und grau, zierliche Hügel standen darauf. In schwarzem Schatten lagen die Berge zu seiner Rechten. Der Wind schliff die Spitzen der Gräser mit Sand. Fliegen zogen klingende Kurven durch die Luft und über den fernen Schneebergen sonnten sich weiße Wolken.

Der kleine Schneider schlief ein. Vom Dom der Heimatstadt am Rhein läuteten Glocken den Krieg ein, läuteten stärker und verfolgten die vielen Männer, die zur Kaserne zogen. Er marschierte mit. Dann brannte die Uniform auf seinem Körper, ihm war so elend zu Mute. Irgendwo weinte die Mutter. Nun verfolgte ihn ein Feldwebel mit Fußtritten. Alles ging entsetzlich langsam vor sich, als halte eine unbekannte Macht alle Bewegungen auf.

Der kleine Schneider fuhr auf und stürzte vornüber. »Wer hat mich geschlagen?« dachte er und sah sich um. Da stand der Adjutant mit geschwungener Reitpeitsche, die er langsam sinken ließ, als er des andern Gesicht sah. Er schien auch gar nicht böse zu sein, eher belustigt.

»Mein Gaul hätte den Schlag kaum gespürt und du fällst gleich um. Das sind mir Soldaten!« Er schnupfte feucht. »Auf Wache geschlafen. Darauf steht Kriegsgericht.« Er brüllte sich in Wut. »Ja, vors Kriegsgericht sollte ich dich schicken. Dort würde man vielleicht ein Mittel finden, aus dir einen Soldaten zu machen.«

Der kleine Schneider lächelte traurig. Er dachte an das eiserne Kreuz, das er in der Sommeschlacht verdient hatte. Er wollte etwas erwidern, aber der Mund war ihm ausgetrocknet, und die Zunge hing darin wie ein hölzerner Klöppel.

»Du gehst jetzt zu Fuß heim«, des Adjutanten Stimme wurde sachlich, »und baust dein Grab auf. Weißt du was das heißt? Du nimmst dein Zelttuch und machst ein einzelnes ganz niederes Zelt, so daß du gerade darunter liegen kannst. Keine Decken verstanden? Legst dich darunter und kriechst nicht heraus, bis ich dir die Erlaubnis gebe. Abtreten.«

Der kleine Schneider stand vor dem dicken Mann und betrachtete ihn, wie man ein böses Tier beschaut.

»Aber ich bin doch krank«, sagte er weinerlich.

»Krank, krank!« grölte Cattaneo. »Ich kann dir nicht helfen. Soll ich vielleicht den Arzt spielen? Und der Major kommt doch nie zu uns.«

Als er Tränen sah in des anderen Augen, schien er sich zu freuen, daß er imstande war, soviel Furcht einzuflößen. Plötzlich schlug er um und ganz freundlich sagte er: »Also Fieber hast du, dann geh ins Lager zurück und leg dich hin. Ich bring dir Chinin.«

Lächelnd zottelte der kleine Schneider den Berg hinab. In ihm war nur eine Sehnsucht: sich niederzulegen und zu schlafen, lange, lange… Tage hindurch, und womöglich nicht mehr aufzuwachen.

Jacob rupfte Grasbüschel aus, die er verzehrte, samt der daran hängenden Erde. Als ihm der kleine Schneider die offene Hand hinhielt, kam er mißtrauisch näher, ließ sich aber dann packen. Doch schüttelte er unzufrieden den Kopf, als Schneider aufstieg.

In der Ebene begann Jacob zu traben, dann schlug er einen langgezogenen Galopp an. Der kleine Schneider hatte die Zügel über den Hals fallen lassen und hielt sich am Sattelknauf. Jacob kannte den Weg. Der Reiter hatte den Helm abgenommen und freute sich über den Luftzug, der hart und kühl war, wie eine pflegende Hand. Der kleine Schneider dachte an Lös: »Ein anständiger Kerl«, murmelte er laut, und nickte mit dem Kopf.

Ein wenig später lag er unter dem Zelt und sah der Sonne zu, die winzige Löcher durch das braune Tuch bohrte. Draußen hörte er die Gamellen klappern; es war Essenszeit.

»Willst du etwas, Schneider?« fragte Korporal Claus vorne am Zelteingang, und rollte das letzte R im Gaumen.

»Nur meinen Wein, sonst nichts.«

Korporal Claus versteckte, glücklich lächelnd, die Gamelle, die er für den Kranken hatte füllen lassen, unter einer Decke, um sie später in Ruhe zu verzehren. Er litt an chronischem Hunger.

Dann brachte der Adjutant ein paar Chinintabletten, die der Schneider mit dem Wein hinunterspülte.

»Laß dir's besser gehen«, sagte der Adjutant freundlich.

Den ganzen Nachmittag lag der kleine Schneider regungslos im Halbschlummer. Ihm war wohlig warm. Und auch die Erinnerungen, die zerrissen vorbeiflogen, waren mild und beruhigend. Er schwamm im Rhein, das Wasser war lau. Erst zwölfjährig war er und trug blaugestreifte Schwimmhosen. Große grüne Bäume standen an den Ufern und Motorboote fuhren tutend vorbei. Er legte sich auf den Rücken und die Sonnenstrahlen machten die Wimpern seiner halbgeschlossenen Augen farbig. Dann war er daheim, und die Mutter strich über seine Stirne. Nein, nicht die Mutter, der Korporal Lös war es, und der Adjutant stand daneben und lachte. Da erwachte der kleine Schneider. Das Hemd klebte am Rücken und die Arme waren so schwach, daß sie nicht die Decken abschütteln konnten, die allzuheiß gaben. So leer war der Kopf, daß die Augen sich von selber schlossen.

Da war er plötzlich in einem Granattrichter. Und Schnee fiel herab, durchnäßte ihn. Deutlich hörte er dumpfes Trommelfeuer. Dann fuhr ein Zug durchs Land, und ein rotbärtiger Mann predigte von der Befreiung des Proletariats. Dann mußte er auf einer Straße fliehen, die durch eine dicke Nacht führte. Immer war hinter ihm eine unsichtbare Hand, die ihn greifen wollte.

Wieder erwachte er. Es war kein richtiges Wachsein. Eher ein Hindämmern, in dem er seinen Traum weiter verfolgte.

Nun diente er bei jenen, auf die er geschossen hatte. Er hatte sich verkauft – für fünfhundert Franken und 75 Centimes täglich Lohn. Auf fünf Jahre. Wie viele Fünfen es in dieser Rechnung gab. Er lächelte. Doch die ihn gekauft hatten, brauchten ihn nicht zu schonen. Täglich wurden Neue angeworben. Nun mußte er Straßen bauen und Kalk brennen. Und war doch als Soldat eingetreten.

Plötzlich war er ganz wach. Eine Melodie summte in seinem Kopf, die er in den Revolutionstagen oft gehört und mitgesungen hatte. Aber nicht die deutschen Worte suchte er, die zu diesem Liede paßten. Er wollte von allen verstanden werden, besonders vom Adjutanten. Und er fand auch die französischen Worte. Mit lauter Stimme sang der kleine Schneider das Lied, das auszudrücken schien, was in ihm war:

»C'est la lutte finale
Tous en rang et demain…«

Da stand schon der Adjutant am Zelteingang und brüllte:

»Was, du singst bolschewistische Lieder? Ich will dir helfen. Ein Bolschewik ist nicht krank. Du ziehst heut abend auf Wache.«

Aber hinten beim Kalkofen griff eine verrostete Stimme die Melodie auf:

»C'est l'Internationa-a-ale…«

Stefans Stimme verstieg sich auf dem »In-« zu hohem Kreischen. Das störte den Adjutanten wenig. Er lächelte bloß: nur den deutschen Spartakisten war nicht zu trauen. Die konnten aus Patriotismus eine Revolte anzetteln.

Um sechs Uhr wurde zu Nacht gegessen. Der alte Guy schleppte nacheinander zwei große Kessel in die Mitte des Zeltvierecks, gerade vor des Adjutanten Zelt. Um die Kessel standen die Gamellen in konzentrischen Kreisen, und diese wieder wurden umschlossen von einem dreifachen Ring starrer gelber Gestalten. Alles überwachte die Austeilung. Korporal Dunoyer klatschte mit Schwung zuerst das Fleischragout und dann den Käsereis in die Eßschalen.

Zwei Stunden war die Sonne nur eine blinde Messingscheibe, die langsam hinter den Bergen verschwand. Der Oued schimmerte kupfern. Dann waren auf dem grünen Himmel zwei Sterne. Ein kalter Wind ließ den Hund des Adjutanten zittern und winseln. Oben hinter den Mauern des Postens (auch sie schimmerten metallen-grünlich) wimmerte es eintönig zu klappernder Zupftrommel:

»Ay, ay, ay, la moulay djiroua…«

Aus dem Kalkofen drang scharfduftender Rauch und einzelne blasse Flämmchen. Unten im langen Gang, der zur Feuerstelle führte, stand Stefan und stieß frisches Holz in die Glut. Im Gang saß die Sektion beisammen und ließ die Feldflasche kreisen. Der Adjutant hatte eine doppelte Ration Wein austeilen lassen. Das feuchte Holz summte mannigfache Töne, die zusammenklangen zu einem sonderbaren Akkord.

»Drei Lilien, drei Lilien,
die pflanzt ich auf ein Grab, fallera
da kam ein stolzer Reiter
und brach sie a-a-ab.«

Die Deutschen sangen, zaghaft und leise. Korporal Claus' Fistelstimme stach ab, wie der Ton einer Kinderflöte.

Dann sang der Russe Petroff mit hohem, sehr gleichmäßigem Tenor, ein wenig durch die Nase, und seine Landsleute fielen ein. Es klang traurig und ein bißchen verzweifelt.

Ganz am Ende des Ganges, die Brust noch warm beschienen, doch den Rücken im kalten Abendwind, saß in voller Ausrüstung, einsam, der kleine Schneider. Die grüne Capotte fiel herab bis zur Mitte der Waden. Der Tropenhelm verdeckte schier die Hälfte des Gesichts und ließ nur den Mund sehen, der weinerlich geschürzt war.

»Appell!« Veyres Stimme zerriß die Dunkelheit.

Der Gesang am Feuer verstummte. Schneider erhob sich, hing das Gewehr über die rechte Schulter und begann mit unsicheren Schritten das Zeltviereck abzuschreiten. Er mußte den Helm halten. Der Wind wehte stark.

In seinem Zelt saß der Adjutant. Auf dem niederen Klapptisch brannte eine Stallaterne. Neben ihr, halbvoll, stand eine Flasche Rum. Als Schneider am Eingang vorbeiging, sah er die bunte Etikette leuchten: ›Negritos‹ stand darauf und ein Negergesicht grinste daneben.

»Mir ist kalt«, flüsterte der kleine Schneider. Cattaneo rührte sich nicht. Lauter wiederholte Schneider die Worte.

»Schnaps willst du? Na, komm.« Der Adjutant goß eine Tasse voll und schob sie Schneider hin…

Cattaneo saß hemdärmelig auf dem Feldbett, dessen Latten sich unter dem Gewicht seines Körpers bogen. Die offenen Breeches wehten um die Waden.

»Merci mon adjudant«, sagte der kleine Schneider und stand ganz stramm.

»So ist's besser«, lobte der Adjutant, wie man einen gelehrigen Hund belobt, und winkte gönnerhaft mit der Hand. »Schnaps ist die beste Medizin.«

Und weiter schritt der kleine Schneider, während ein großes Glücksgefühl seinen Körper ergriff und frohe Bilder in seinem Kopfe tanzten.

Der Mond war aufgegangen. Eine Wolke glänzte wie ein rundlicher wächserner Gott auf dem Altar des Berges.

»Ich werde sicher noch Korporal«, dachte der kleine Schneider, »ich werde einfach verlangen, nach Fez in die Unteroffiziersschule zu gehen.« Alles schien leicht durchführbar. »Oder ich finde dort einen Major, der mich auf Reform schickt.«

Ein ganz neues Leben stieg vor ihm auf bei dem Gedanken an die Reform: Rückkehr zu Menschen, die seine Sprache sprachen, zu blonden Mädchen, die sauber waren und gesund. Es würde vielleicht schwer sein, Arbeit zu finden, aber doch nicht unmöglich. Man konnte auch wandern. Und in Deutschland hatte es wohl inzwischen eine Amnestie gegeben.

Drüben schimmerte die Straße weiß zwischen schwarzschraffierten Feldern, auf denen einzelne Grasbüschel wehende Straußenfedern waren. Stumm lagen die Zelte da, bisweilen nur drang aus ihnen ersticktes Schnarchen, das sich jäh unterbrach, als erschräke der Schläfer vor seinem eigenen Lärm. Die Maulesel klirrten unruhig mit ihren Ketten. Nun löschte der Adjutant die Laterne aus. Seinen großen schwarzen Schatten hatte die Nacht verschluckt. Der Wind mischte den Petroleumgeruch mit dem würzigen Rauch des Kalkofens. Die Einsamkeit war sehr groß.

Der kleine Schneider setzte sich an eine Ecke des Zeltvierecks. Dort fiel der Abhang steil zum kaltrauschenden Oued ab. Die Luft war nun still. Aus dem Posten näselte es noch, müde: »Ay, ay, ay la moulay djiroua…«

Da plötzlich schüttelte den kleinen Schneider die große Verzweiflung. Sie brach in seinen Kopf ein, peitschte Schauer durch den müden schmerzenden Körper, zerrte so heftig an allen Muskeln, daß die Beine schlotterten. Zitternd öffnete die rechte Hand die Patronentasche und legte eine Patrone auf die Erde. Dann nahmen die beiden Hände das Gewehr auf und entriegelten den Verschluß. Das Klappern klang wie ein lauter Knall in der Stille. Und zitternd schob die Rechte die Patrone ein. Das Gewehr fiel zu Boden. Die beiden Hände rissen die Wickelgamasche vom rechten Bein, lösten zitternd die Schuhriemen, um den Fuß zu befreien. Bei einer heftigen Bewegung des rechten Armes entlud sich das Gewehr, dessen Mündung in den Falten der Capotte lag. Der Knall erstickte im dicken Stoff. Der kleine Schneider fühlte einen heftigen Schlag am linken Schenkel. Und dieser Schlag gab ihm das Gefühl seines Körpers zurück: nicht mehr losgelöst von seinem Willen waren die Glieder. Dann rollte er den Abhang hinab. Der Mond drehte sich rasend schnell. Die Hände des kleinen Schneider waren feucht und ein warmer Strom floß an seinem Schenkel herab. Er fühlte noch eine kalte Hundeschnauze, die an seine Wange stieß. Dann wurde die Nacht purpurn.

Um Mitternacht machte der Adjutant die Runde und fand den Toten. Er drehte den Körper mit der Fußspitze um, zuckte die Achseln und ließ ihn liegen. Am Morgen suchte er einen alten Sack, preßte selbst den Körper hinein und ließ ihn verscharren. Gegen Sonnenaufgang hatte es leicht geregnet. Die lehmige Erde war feucht. Er beaufsichtigte das Zuschaufeln des Grabes. Eine Erdscholle blieb an seinem Stiefelabsatz kleben.

»Merde«, sagte er und schleuderte unwillig den Fuß nach vorne.


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