Glauser, Friedrich
Gourrama
Glauser, Friedrich

 << zurück weiter >> 

11. Kapitel

Die Verzweiflung

Der Nachthimmel hat alles Licht aufgesogen. So dunkel ist es zwischen den Schuppen, daß Lös nur Mauriot an der weißen Uniform erkennt. Doch zwei andere begleiten den Leutnant. Die eine Gestalt gleicht einem Bauernweib, mit ihren weitausladenden Hüften, mit ihrem schwingenden Gang: der Chef. Aber die andere? Lös strengt seine Augen an, die Gestalt ist breiter als Mehmed, schmäler als Smith; noch will Lös sie nicht erkennen… Und doch, zweifellos: Baskakoff. Lös fühlt, daß er rot wird, er schämt sich und preist die Dunkelheit, die seine Scham verbirgt. Er seufzt schwer auf und ruft: »Türk!« leise und zaghaft, als sei auch dieser Hilferuf schon Verbotenes. Der Hund ist neben ihm und stößt ihn mit der Schnauze.

»Lassen Sie Ihren Hund in Ruhe. Sie werden wohl wissen, wohin Sie jetzt geführt werden. Geben Sie mir den Schlüssel zu Ihrem Koffer… und dann führen Sie den Korporal«, das Wort klingt höhnisch, der Leutnant rahmt es in unsichtbare Anführungszeichen ein, wiederholt es, »den Korporal in seine Zelle, Chef.«

Der Chef nickt, er winkt Baskakoff, die beiden nehmen Lös in die Mitte. Dieser kehrt sich noch einmal um, ruft sehr laut:

»Schlüssel besitze ich keine. Es ist alles offen. Und wenn etwas nicht klar sein sollte, in den Büchern oder sonst, so lassen Sie mich rufen, mein Leutnant.« Lös ist selbst verwundert, daß seine Stimme so fest klingt, und er freut sich, daß er doch Überlegenheit zeigen kann. »Pschsch«, machte der Chef, »kein Grund zum Übermut.« Aber Leutnant Mauriot hat wohl die Worte nicht gehört, denn er ist schon in der kleinen Hütte verschwunden; das Licht darin flackert unruhig zuerst, dann dringt's als ein stilles Leuchten aus dem Fenster…

Zwischen seinen beiden Wächtern geht Lös und schweigt. Er denkt an nichts, denn den ganzen Tag hat die Sonne auf das Wellblech geschienen. Nun ist endlich die Angst verschwunden, und eine stille Befriedigung hat ihr den Platz geräumt, eine Freude auch, daß man nun bald allein sein wird; keine Verantwortung mehr hat man zu tragen, man braucht sich nur noch schieben zu lassen. Lös erinnert sich an den Frieden – damals, in Bel-Abbés, nachdem er sich engagiert hatte. Da war diese tiefe Ruhe in ihm, wie ein Aufatmen war sie, nach all den Verwirrungen vorher. Und auch jetzt atmet Lös die laue Luft gierig ein, leicht ist sie, nicht schwer mehr und schwül, wie vor kurzer Zeit noch. Vor kurzer Zeit? Ein breiter Spalt trennt ihn von dem Augenblick, da Baskakoff ihn festgenommen hat.

Vor der niederen Zellentür bleiben die drei stehen. Der Chef schiebt den verrosteten Riegel zurück – er quietscht. Baskakoff schnauft, er lacht wohl im stillen, Lös kann es nicht feststellen, denn der Küchenkorporal hält den Kopf gesenkt. Aus der Zelle dringt ein muffiger Geruch, der Chef läßt seine Taschenlampe aufflammen und beleuchtet das Innere: ein rechteckiger Raum, drei Meter auf zwei, schätzt Lös, in der einen Ecke ein Betonsockel; Lös stellt sich vor diesen Block, der ihm gerade bis an die Hüften reicht, und fragt – »Darauf soll ich schlafen?« Der Chef bejaht höflich, aber er bekomme natürlich eine Matratze und mehrere Kissen, er sei Untersuchungsgefangener, und als solcher habe er das Recht, sein Bettzeug zu benutzen. Nur die Taschen müsse er leeren. Während dieser Zeit werde Baskakoff so freundlich sein, in die Administration zu laufen, um das Nötige für den Korporal zu besorgen. Also Matratze, zwei Decken, zwei Kissen, Leintücher und… ein Handtuch.

Baskakoff ist mißtrauisch, er zögert einen Augenblick, denn er merkt, daß der Chef mit dem Verhafteten allein sein will. Aber dann zuckte er die Achseln: was geht es schließlich ihn an? Und er schlurft davon, ohne sich ein einziges Mal umzublicken.

»Schnell«, sagt der Chef. Lös zögert; natürlich, das Geld darf nicht bei ihm gefunden werden. Dumm, daß er nicht daran gedacht hat, es irgendwo zu verstecken. Nun steckt es der Chef ein, und wird es wohl behalten. »Schnell«, drängt der Chef noch einmal, »das Geld! – Ich heb dir's auf! – Du wirst es brauchen können, wenn sie dich vors Kriegsgericht schicken. Weißt du, wieviel von einem guten Verteidiger abhängt? Der kann dich herausreißen, ohne weiteres, wenn er zu reden versteht.« Lös zieht die Brieftasche, der Chef reißt sie ihm aus der Hand, untersucht die Fächer, murmelt: »Zweihundert, und fünfzig und zwanzig. Ja, das wird gerade langen. Ich heb' dir das Geld auf. Du hast doch Vertrauen zu mir?« Lös bringt ein zögerndes ›ja‹ hervor, aber der Chef lacht nur. »Weißt du«, fährt er eifrig fort, »zwanzig geben wir ab, das macht sich gut, siehst du, ich tu sie wieder in das eine Fach. Den Rest behalte ich und steck ihn dir wieder zu, wenn du nach Fez transportiert wirst. Ehrenwort!« sagt er und bemüht sich, eine biedere Miene zu zeigen.

»Ja, glaubst du wirklich, daß sie mich vors Kriegsgericht stellen?« fragt Lös schüchtern. Da lacht der Chef ein leises kollerndes Lachen, das in seiner festen Brust hüpft. »Ja, glaubst du, daß du eingesperrt wirst, in diese Zelle eingesperrt wirst, weil du heute abend versucht hast, den Posten zu verlassen? Mein Lieber, du bist allzu naiv. Seit Tagen paßt man dir auf; ›man‹ – das heißt Mauriot –, er hat nämlich erfahren, daß du viel Geld ausgibst. Der Kleinen im Ksar hast du zweihundert Franken gegeben, im Kloster hast du Geld verputzt, du hast dir Bücher kommen lassen, Baguelin hat dir eine Uhr verkauft. Der Leutnant, weißt du, hat die Summen zusammengestellt, auch mit mir über die Sache gesprochen. Ich habe versucht, dich zu verteidigen, und behauptet, das Geld sei dir von deinem Vater geschickt worden… Aber das kannst du nicht beweisen und der Leutnant glaubt dir's doch nicht. Die Mandate wären durch Baguelins Hände gegangen – und der weiß von nichts. Er hat dich zwar in Schutz genommen und erzählt, du habest einmal einen rekommandierten Brief erhalten. Ja, so steht die Sache; nicht gerade günstig. Aber du hast immerhin Waffen… Die Kartoffeln! Verstehst du? Damit hältst du den Leutnant. Still jetzt. Also! Vertrauen! Ich lasse niemanden fallen, der mir einmal geholfen hat.« Baskakoff taucht an der Ecke auf, mit einer hohen Last auf dem Rücken.»Ich halte dich auf dem laufenden. Und wenn es schiefgehen sollte, so rate ich dir: mach Schluß! Verstehst du? Travaux Publics oder Cayenne hältst du nicht aus.«

Keuchend legt Baskakoff die Matratze auf den Betonblock und schnuppert, als könne er die Worte riechen, die er durch seine Abwesenheit verpaßt hat. Aber der Chef bleibt undurchdringlich, er hat seine Taschenlampe gelöscht – und bösartig kauern die Baracken nebeneinander.

Narcisse zieht seinen Ledergurt um zwei Löcher enger; diese Geste gibt ihm den nötigen Halt und er fährt fort – abstandhaltend, dienstlich:

»Ich muß Sie jetzt einschließen, Korporal! Gehen Sie in die Zelle. Vielleicht läßt Sie der Leutnant diese Nacht noch rufen. Seien Sie bereit, ihm Auskunft zu geben. Er will vollständig orientiert sein, um dem Capitaine bei seiner Rückkehr einen genauen Rapport abstatten zu können. Sie können gehen, Baskakoff, ich brauche Sie nicht mehr.« Baskakoff wird von der Nacht verschluckt. »Da«, sagt der Chef und drückt Lös eine Schachtel in die Hand, »aber laß dich nicht erwischen.« Es sind Zigaretten, englische Zigaretten, ohne Zweifel, sie sind rund und hart, ein wenig feucht, nicht zu verwechseln mit den algerischen ›Job‹, die in der Cooperative verkauft werden. Lös hat nicht Zeit zu danken. Die Tür fällt zu, der Riegel knirscht und weiche Tritte entfernen sich.

Da kommt es Lös in den Sinn, daß er Durst hat. Er will zur Tür gehen und sie öffnen; in seiner Kammer hat er noch schwarzen Kaffee, oder nein, der Brunnen im Hof ist näher. Er prallt mit dem Kopf gegen das dicke Holz und tastet nach der Klinke. Die Bretter sind rauh, ein Splitter bleibt unter dem Nagel seines Zeigefingers stecken. Aber keine Klinke ist zu finden, kein tröstlicher Vorsprung, nicht einmal ein Loch, ein Schlüsselloch!

»Eingesperrt«, denkt Lös; die Dunkelheit ist zu greifen und der Durst wird unerträglich. Lös will auf und ab gehen, aber er stößt das Knie schmerzhaft gegen den Zementblock und fällt vornüber. Er überlegt, ob er liegen bleiben soll, dann setzt er sich auf, erhebt sich noch einmal, um die schiefe Matratze zurechtzuschieben, setzt sich, zieht die Beine an und lehnt den Kopf gegen die kühle Mauer.

Kein Laut dringt von draußen in die Zelle. Die Mauern sind dick, durch eine Ritze der Tür schimmert ein wenig helle Dunkelheit: der Ausdruck gefällt ihm. Jetzt knirschen draußen Schritte. Werden sie halten? Holt man ihn zum Leutnant?… Die Schritte gehen vorüber.

Das Starren in die Finsternis mit weit offenen Augen begünstigt das Austreten der Tränen. Lös klappt mit den Lidern. Nun muß er gähnen, das Gähnen zerreißt ihm schier die Mundwinkel, er dehnt die Arme, die Gelenke knacken, – ein Geräusch, das die Stille erschreckt, das Gähnen wird zum Krampf, und die Tränen rinnen über seine Backen. In der Dunkelheit ist es, als senke sich die Decke langsam herab wie eine schwere Grabplatte, die ihn erdrücken will. Aber all die Bewegungen, die er ausführt, wie unter einem Zwang, werden von einem Fremden ohne Erregung festgestellt, einem Fremden, der all dies wahrnimmt, ohne daß er davon bedrückt ist, weil sie für ihn nur die Begleiterscheinungen eines Experimentes sind, dessen Ausgang noch ungewiß ist.

Schritte kommen aus der Ferne, sie hallen wider zwischen den leeren Baracken und füllen die Zelle mit ihrem Dröhnen. Unten an der Tür ein leises Scharren. »Türk«, ruft Lös. Aber nun stehen auch die Schritte still, der helle Streif, der die Türe teilt, verschwindet, und eine flüsternde Stimme spricht: »Korporal, schläfst schon Korporal?«

»Nein!« Es scheint Lös, als sei seine Antwort ein lauter Schrei. Aber gedämpft fragt der alte Kainz weiter: »Ich hab dich nur fragen wollen, ob du noch Zigaretten hast.« Türk heult laut, ein Klaps beruhigt ihn.

Ärgerlich antwortet Lös, er brauche nichts.

»So, so«, sagt der alte Kainz draußen. »Das macht nix. Ich hab noch eins, das ich net brauch. Wart, i schieb dir's unter der Tür durch.« Lös bückt sich, er hält das Paket, da greifen Finger nach den seinen, umspannen sie mit festem Druck. Der alte Kainz will sein Mitgefühl zeigen. »Korporal, wenn ich dir helfen kann, dann sag's nur. I b'schwör alles, was du willst! Daß es dich hat nehmen müssen!« Pause. Kainz räuspert sich. »Was ich hab fragen wollen. Wo hast du das Geld, das dir der Jud heut nachmittag gegeben hat? Ist das in Sicherheit? Sonst sag mir, wo du's versteckt hast, ich hol's dann und heb dir's auf. Gern heb I dir's auf.«

Wie schade, daß ich das Gesicht des Alten nicht sehen kann, denkt Lös. Meint er's ehrlich? »Nein«, sagt er laut, »das Geld ist in Sicherheit.«

»Is mir eh lieber so« – nach der Stimme zu urteilen, ist der alte Kainz wirklich zufrieden. Er kauert noch immer am Boden und läßt die Hand nicht los, die er gepackt hält. – Es sei verboten, kreischt eine Stimme auf (Baskakoff hat sich nähergeschlichen), mit einem Untersuchungsgefangenen zu reden, er werde es dem Leutnant melden. Lös' Hand ist frei. Aber die Ritze in der Tür ist noch immer dunkel. Der alte Kainz beeilt sich nicht. »Halt die Pappen«, sagt er mit Nachdruck; pfeifend geht er davon.

Wieder Stille.

»Nun will ich schlafen«, sagt Lös laut, legt sich nieder, zieht die Decke bis unters Kinn und schließt die Augen. Drückend ist die Hitze, und er wirft die Decke wieder von sich. Doch nach einiger Zeit friert er dermaßen, daß er mit den Zähnen klappert. Er muß die Decke vom Boden aufheben – und sie ist voll Staub. Er wickelt sich ein, friert immer noch, sucht die zweite. Ein Zementblock liegt auf seinen Füßen, er vermag ihn nicht fortzuwälzen. Fieber, denkt er; hart, schnell klopft es in seinem Kopf, und ein Dornenreif liegt auf seiner Stirne…

Pullmann weckt ihn. Die Tür der Zelle steht weit offen, aber draußen ist noch Dunkelheit. Lös solle zum Leutnant kommen.

Mauriot sitzt vor dem Tisch, auf dem Hefte und die breiten losen Blätter der Buchhaltung verstreut herumliegen… »Ein paar Fragen…«, sagt der Leutnant, ohne auf zublicken. – Wo die eingekauften Schafe vermerkt seien? Der Zettel liegt in einer Schublade. Lös muß sie aufreißen und stößt mit der Ecke in Mauriots Seite. »Hier!« – »Gut. Dann fehlen verschiedene Posten für Nahrungsmittellieferung an durchziehende Truppen. Wo sind diese eingetragen?« Lös ist so verschlafen, daß er keine Mühe hat, den Dummen zu spielen. Welche durchziehenden Truppen? Er erinnert sich nicht. Der Leutnant sieht überwach aus; aber Lös gähnt. Über dem tannenen Tisch, der wohl aus Frankreich stammt, hängt ein Karabiner. Das Magazin ist voll, und Lös muß trotz seiner Müdigkeit gegen den Wunsch ankämpfen, die Waffe von der Wand zu reißen und den Leutnant niederzuschießen. Die Aufregung läßt ihn zittern, er klappert mit den Zähnen, der Leutnant sieht ihn verwundert an: »Haben Sie Fieber?« »Ich weiß nicht«, antwortet Lös. Es klingt mürrisch. Die Frage hat den Wunsch zersplittert. »Sie können gehen!«

Pullmann ist schweigsam. Ein paarmal räuspert er sich, blickt Lös prüfend von der Seite an und will offenbar einen Vorschlag machen. Aber dann verriegelt er die Tür der Zelle, ohne den Mund aufgetan zu haben.

Während Lös unruhig weiter schläft, faßt Pullmann einen Entschluß. Einfach ist der Entschluß für Leute, die alle vierzehn Tage zehn Franken erhalten, mit denen sie ihren Bedarf an Wein, Liebe und Zigaretten decken müssen. Nicht zu vergessen, daß diese Leute manchmal auch hungrig sind und der amerikanische Speck in der Militärcooperative zwei Franken das Viertelpfund kostet.

Pullmann hatte noch eine Stunde Wache; vorsichtig schlich er über den Hof. Im Büro der Verpflegung brannte noch immer das stille Licht. Pullmann stellte sein Gewehr vor der Türe ab und betrat ruhig Leutnant Mauriots Zimmer. Leise gehen? Wozu? Alles schlief. Pullmann tappte zur Wand, nahm die Kassette unter den Arm, ging hinaus, durchquerte die Höfe auf den Fußspitzen und kam endlich zitternd im Park der Maultiere an. Seine Hände bebten dermaßen, daß er Mühe hatte, den Sattel zu heben. Doch seine Muskeln waren kräftig, sie warfen den Sattel mit Schwung über den Rücken des Tieres, das erst bei dieser Berührung erwachte. Die Stahlkassette war nicht groß, sie ließ sich gut in eine der Satteltaschen schieben. Und so, mit wenig Lebensmitteln, mit einem alten Zelttuch, ritt der dicke Pullmann davon – in der Ferne sah er die Lampe des Leutnants leuchten, hielt noch vor Lös' verschlossener Zelle an: »Soll ich ihn mitnehmen?« murmelte er. »Er kann französisch… Ach, der macht noch lange Geschichten. Waschlappen!« Er spuckte aus. »Eine Stunde werde ich wohl Vorsprung haben.«

Die Verzweiflung hat viele Masken.

Der Posten schläft wieder. Ein leiser Sandalenschritt läßt den Kies kaum hörbar knirschen. Sonst ist nur der Morgenwind wach, der noch nicht kräftig genug ist, um den Sand vom Boden aufzuwirbeln; niemand hört ihn, wenn er zögernd über die Wellblechdächer streicht. Der Leutnant geht müde in sein Zimmer. Die schwache Dämmerung des Morgens ist hell genug, er braucht kein Licht, um Toilette zu machen. An die Kassette denkt er gar nicht. Er zieht ein helles Pyjama an, zerreibt ein paar Tropfen Eau de Cologne auf seiner Stirn und legt sich dann ins Bett. Zahlen wirbeln um ihn und füllen das Zimmer aus; um sie nicht mehr zu sehen, schließt er die Augen. Noch einmal läßt ihn eine schwere Wut gegen diesen Lös auffahren. Dann sinkt er zurück und schläft ein.

Aber er schläft nicht lange, da weckt ihn ein lautes Schreien, draußen vor seinen Fenstern. Eine heisere Stimme brüllt seinen Namen. Zuerst erkennt Mauriot diese Stimme nicht. Dann murmelt er: »Der Capitaine«, und denkt beruhigt, »der kann ein wenig warten.« Gemütlich fährt er in die Hosen, zieht seinen Scheitel, glättet mit ein wenig Brillantine die widerspenstigen Haare auf dem Wirbel und bindet eine frische Reitkrawatte um; er bindet sie sorgfältig, so daß sie nur zwei Millimeter über den Kragen des Waffenrocks ragt, knöpft frische Manschetten an die Ärmel seines Waffenrocks und nickt manchmal, wenn die Stimme draußen sich überschlägt. Es klopft. Mehmed schiebt sich durch die Türe, sein Chinesengesicht drückt keine Erregung aus, er spielt mit der Zunge im Mundwinkel und schielt in die Ecke, wo die Geldkassette stehen sollte, lächelt und zeigt mit dem Finger auf die leere Stelle. Der Leutnant will zuerst auffahren, eine fremde Ordonnanz, noch dazu die Ordonnanz eines Unteroffiziers. Dann aber folgt er der Richtung des Fingers, wird ein wenig bleich, seine Angst zeigt sich an der Ungeschicklichkeit der Finger, die sich in den Knopflöchern verheddern.

Mehmed hebt beruhigend die Hand. »Schon wieder da, Kassette«, tröstet er. Mauriot versteht nicht. Er will auch keine Erklärung von einem Untergebenen. Er reißt die Türe auf, tritt über die Schwelle und…

Das erste, was er sieht, ist ein Gesicht, rot wie Bordeauxwein, und ein blonder Schnurrbart leuchtet auf ihm. Die letzte Silbe seines Namens klatscht dem Leutnant wie eine Ohrfeige auf die Wange. Dann schließt sich der Mund, der diesen Laut ausgestoßen hat. Mauriot sieht fuchtelnde Arme, die sich plötzlich verschränken, er sieht eine schmutzige Khakiuniform, an der Knöpfe fehlen – und Blutflecke mustern die Hose. Aber hinter dem Capitaine, ihn um Haupteslänge überragend, steht der dicke Pullmann (unter seinem Korkhelm blühen wie immer gelbe Pusteln zwischen seinen Bartstoppeln) und trägt die Kassette auf den Händen, vorsichtig und verlegen, als sei sie ein zarter Säugling.

Nach dem Augenblick der Stille, die notwendig war, um das Verschränken der Arme majestätisch zu gestalten, überschwemmt Chabert den erstaunten Leutnant mit einer Sturzflut von Flüchen, Beleidigungen, höhnischen Anzüglichkeiten, Fragen. Vor der versammelten Mannschaft tut er dies, die abgerissen und blutig gemustert, wie ihr Capitaine, grinsend zuhört; auch die Maulesel sind anwesend, noch schwerer bepackt, und auch sie lachen mitleidig und verachtungsvoll, wenn sie die Oberlippe mutwillig nach vorne strecken und ihre Zähne entblößen.

Die Sturzflut ist vorbei; ihr folgt eine sanft plätschernde Rede: Ob während der ganzen Zeit seiner Abwesenheit keine Wache aufgestellt worden sei? Daß der Wachtposten sogar in das Zimmer des Herrn Leutnants eingebrochen sei und dort eine Kassette geholt habe, davon spreche man lieber gar nicht. Es sei nur gut, daß die Kompagnie auf ihrem Rückwege eine Abkürzung genommen habe: darum sei der Ausreißer ihr geradewegs in die Hände gelaufen. Ob man so etwas schon erlebt habe! Der Mann habe fast keine Lebensmittel bei sich gehabt, nur sein Gewehr, und statt der Patronen Zigaretten. Dafür müsse er eigentlich gestraft werden, denn dies sei unerhört: jeder Mensch müsse doch, das sei genügend bekannt, seine Patronentaschen stets gefüllt haben mit 120 Patronen, das sei die Vorschrift, und wegen Nichtbefolgung dieser Vorschrift diktiere er, der Capitaine, diesem jungen Mann da zwei Tage Prison zu. (Sobald von Pullmann die Rede ist, verliert die Stimme des Capitaines jegliche Schärfe, väterlich und milde klingt sie, und ein wenig Triumph schwingt in ihr.) Denn diese andere Kinderei wolle man doch nicht ernst nehmen! »Un coup de cafard«, sagt der Capitaine und zuckt mit den Achseln. An der ganzen Sache sei er, Chabert, eigentlich selbst schuld. Warum habe er diesen starken Mann, der nichts lieber täte als kämpfen, »hä, mein Kleiner, hab ich nicht recht?« hier im Posten zurückgelassen und noch dazu als Ordonnanz? Als Ordonnanz!! Zweimal wiederholt Chabert das Wort und betont es verachtungsvoll. Diesen armen Teufel vor Kriegsgericht schicken? Niemals! Aber… Kriegsgericht! Da sei ja noch so eine schöne Geschichte? Mit dem Korporal der Verpflegung, nicht wahr? Unterschlagung? Betrügerei? Weibergeschichten? Immer höher klettert des Capitaines gereizte Stimme. Schwindeleien, um einer arabischen Hure Kleider zu kaufen? Und er habe gerade diesem Korporal so viel Vertrauen geschenkt! Immer seien die Weiber an diesen Sachen schuld. Aber doch müsse hier energisch eingeschritten werden. Lausbubereien wie diese da (und er deutet mit dem Daumen auf die Kassette) sei er immer bereit zu entschuldigen. Denn es liege doch noch Mut in solch einer Tat. Aber Betrügerei? Fi donc! Das sei feige und gemein. Vertrauen mißbrauchen! Des Capitaines Vertrauen mißbrauchen! Chabert ist so ehrlich entrüstet, daß ihn wieder rote Wut überfällt. Er verlange einen strengen Rapport von Leutnant Mauriot über diesen Fall Lös. Niemand könne ihm vorwerfen, daß er Leute grundlos vor Kriegsgericht schicke. Aber was zuviel sei, sei zuviel. Und mit breiten Schritten geht er auf die Zellentür los, drohend schwingt er die dicke Reitpeitsche; plötzlich schreit er nach dem Chef, weil er den rostigen Riegel nicht aufbringen kann, er meint, die Türe sei versperrt. Doch ehe Narcisse herbeieilen kann, fährt der Riegel aus seiner Öse, schnellt zur Seite, die Tür kracht auf, weiter tobt der Capitaine in der Zelle. Die Matratze fliegt ins Freie, die Kopfkissen, die Decken, das Eßgeschirr. Fuchtelnd und weiter schreiend, aber schon so heiser, daß man die Worte nicht deutlich versteht, kommt Chabert wieder zum Vorschein; im Kompagniebüro geht ein neuer Wolkenbruch über den Chef nieder…

Dann fliegt die Bürotür auf, zur Küche geht der Weg –, dort wütet der Sturm weiter. Veitl entflieht in Sprüngen, sein Gesicht ist wieder von grünlicher Blässe. Durch die Schluchten der Baracken schreitet der Capitaine, sein rotes Gesicht trieft, alle, die ihm begegnen, drücken sich gegen die Mauern oder verschwinden durch offene Türen. Chabert sieht nichts mehr, er hat die Lider gesenkt, damit seine Augen nicht vom beißenden Schweiß überschwemmt werden. Er stapft die Stufen zum Turm empor; einige Zeit noch schallt seine wütende Stimme durch das offene Fenster, dann wird sie sanfter, weinerlich schier, tränenfeucht, er scheint Samotadji sein großes Leid zu klagen.

Leutnant Mauriot schleicht bleich durch die Höfe: er sucht Bergeret, zweimal schon hat er mit sanfter Stimme einen Vorübergehenden angehalten, um ihn nach dem Arzt zu fragen. Endlich sieht er ihn. Er kommt, ausgeruht und freundlich, aus der Messe der Offiziere und hebt erstaunt die Arme, sobald er Mauriot sieht; dieser schleppt ihn in sein Zimmer.

»Es ist unmöglich, direkt unmöglich, daß es so weitergeht.« Mauriots Stimme ist nicht mehr näselnd, sie ist hoch und schrill, fast wie die eines Mädchens, das einen hysterischen Wutanfall hat. »Mich vor der ganzen Mannschaft zu beschimpfen und abzukanzeln. Er, ein Mann, der nicht fähig ist, seine Kompagnie anständig zu führen! Diese Schmach! Nein, nein, nein. Ich lasse mir das nicht gefallen!« Bergeret hat es sich in einer Ecke bequem gemacht, der Ellbogen ruht auf dem Knie des übergeschlagenen Beins, und die Hand hält die kurze hölzerne Pfeife. Er nickt, während er den Aufgeregten durch den Rauch wissenschaftlich interessiert beobachtet. Mauriot hat sich in die andere Ecke gestellt und spricht dort weiter, er gleicht einem Volksredner, der eine Wahlrede herunterrasselt, unterstützt von Verrenkungen und eckig geschwungenen Händen. – Im Grunde, sagt er, sei dieser Lös ganz unschuldig, einzig schuld sei nur der Capitaine, und zwar wegen des schlechten Beispiels, das er seiner Mannschaft gebe: Laxheit, sogenannte Milde, Bequemlichkeit und jenes Achselzucken über Disziplin, Ordnung, Hierarchie, das Anarchisten heranzüchte. Dieser Lös, angeregt durch das Beispiel seines Capitaines, betrachte seine Vorgesetzten als Menschen, sehe ihre Fehler und Lächerlichkeiten, empöre sich nicht einmal gegen deren Befehle, nein, befolge sie manchmal sogar, wenn sie ihm paßten, und ignoriere sie einfach, wenn sie ihn störten… Und wer habe ihm dieses Beispiel gegeben? Der Capitaine. Oh, er (Mauriot) wisse Bescheid. Wie oft seien Befehle vom Kommandanten des Sektors gekommen: Chabert habe sie einfach in den Papierkorb geworfen. Dieser Geist der Disziplinlosigkeit! Dieser perniziöse Einfluß! – Kein Wunder, daß er die ganze Truppe vergifte. Aber nun wisse er (Mauriot), was zu tun sei. Er werde sich erkundigen, wie dieser Kampf verlaufen sei, er werde den Spion spielen, denn es sei eine gute Sache, die er zu verfechten habe. Und dann werde er seinem Vater, dem General (es klang, als halte sich Mauriot mindestens für einen Kronprinzen), berichten. Sein Vater sei einflußreich, ein guter Freund des Kardinal-Erzbischofs von Paris und gehöre zur »Action française«, er selbst Mauriot, sei bei seinem letzten Besuch in Frankreich mit seinem Vater nach Belgien gefahren und dort Monseigneur, dem Duc d'Orléans, vorgestellt worden. »Glauben Sie mir, Bergeret, die Zeit ist nahe, wo all dies Parlamentariervolk mit einem eisernen Besen ausgekehrt wird, wo wieder das angestammte Königshaus regiert; dann wird man Leute brauchen wie mich, die noch Disziplin im Leibe haben und Sinn für Hierarchie.«

Leutnant Mauriot schweigt, und sein Kindermund entspannt sich in einem Lächeln. So gleicht er einem Knaben, der den schönen Traum träumt, endlich erwachsen zu sein und Macht ausüben zu dürfen. Er sieht sich in schwarzseidenen Culottes, Escarpins mit roten Stöckeln an den zierlichen Füßen, in einem schweren Brokatrock, der mit Ordenssternen besetzt ist, vor seiner Majestät, dem König, stolz das Knie beugen und für die Eroberung zweier Provinzen außer dem Titel eines Marschalls noch ein Herzogtum empfangen.

Bergeret in seiner Ecke hat sich nicht bewegt, jetzt geht er zum Fenster und klopft auf dem Sims seine Pfeife aus. »Sehr interessant«, sagt er, nickt dem Leutnant zu und geht aus der Tür. Er ist ein Mensch, der stets weiß, was er zu tun hat. Gewissenskämpfe kennt er nicht.

Leise, auf den weichen Sohlen seiner Reitstiefel, steigt er über die Treppe des Turms, tritt ohne anzuklopfen bei Chabert ein und sagt mit seiner ruhigen Stimme: »Mauriot will Dummheiten machen, mein Alter, an deiner Stelle würde ich mich offiziell bei ihm entschuldigen.« Der Capitaine sieht ihn mit müden Augen an: »Will er seinem Vater schreiben?« Bergeret nickt. Er hat Mitleid mit dem alten Manne, der vor ihm sitzt und dessen Haut nun, da die Erregung abgeklungen ist, sonderbar scheckig ist. Der Arzt sagt noch: »Er will die Sergeanten über den Kampf ausholen: das wird dir wohl nicht recht sein.«

Ein resigniertes Achselzucken.

»Soll er doch. Mir ist alles gleich. Ich danke dir. Übrigens solltest du nach Rich zurück. Ich habe die Verwundeten hinschaffen lassen. Morgen werden sie dort sein. Vorläufig liegen sie noch in Midelt, um verbunden zu werden. Aber das Lazarett dort ist überfüllt, so daß sie weitertransportiert werden müssen.«

»Gut«, sagt Bergeret, »ich bleibe heute noch hier, wir werden eine allgemeine Visite auf heut nachmittag festsetzen. Ich will sehen, wie der Gesundheitszustand der Truppe ist, denn ich muß in den nächsten Tagen meinen Rapport abgeben. Morgen früh reite ich dann ab. Soll ich nach Lös sehen?« Da springt der Capitaine auf und ist wieder wütend, er stapft im Zimmer umher. Ein Hemdzipfel ist ihm aus der Hose gerutscht und weht beim Schreiten hin und her.

»Sprich nicht von dem Lumpen, vor Kriegsgericht muß er mir. Keine Schonung!« Er keucht. Bergeret zuckt die Achseln und geht wieder, nach kurzem Gruß.

Lös ist durch den Besuch des Capitaines unsanft geweckt worden. Der schwere Schlaf der Nacht hat ihm einen dumpfen Kopf zurückgelassen, den auch das wütende Eindringen Chaberts nicht ganz hat klären können. Er versucht auf dem nackten Betonblock zu liegen: aber kleine Kiesel sind in ihn eingebacken, die sowohl das Liegen als auch das Sitzen schier unmöglich machen. Der Morgen schleicht langsam vorbei und läßt den Hunger wachsen. Es wird zum Mittagessen geblasen. Lös wartet, die Tür bleibt verriegelt. Er klopft. Korporal Dunoyer ist mit vier Mann auf Wache gezogen, Lös sieht ihn durch den Spalt der Tür. »Ah, die Kalkbrenner von Atchana sind auch zurück«, denkt er. Dunoyer kommt auf den ersten Anruf. Es tue ihm leid, aber er habe strengen Befehl vom Capitaine, Lös hungern zu lassen. Er hat die Tür geöffnet und spricht ganz kameradschaftlich. – Aber, meint Lös, Dunoyer erinnere sich doch an die verschiedenen Bidons Wein, die er in der Verpflegung geholt habe. Dunoyer lacht, natürlich erinnere er sich, aber jetzt hätten sich die Zeiten geändert. Ein Stück Brot werde er dem Gefangenen gerne geben. Aber sonst nichts. Er geht es holen, es ist hart und staubig. Dunoyer spricht tröstende Worte; er scheint sich an eigene Erlebnisse zu erinnern, denn er sagt: das werde alles vorübergehen, Gott, wenn er nachrechne, wieviel Tage Prison er habe machen müssen. Stolz schwingt in seiner Stimme. Zweimal vor Kriegsgericht – und die Zeit in Tunis! Von der wolle er gar nicht sprechen… Offenbar freut es ihn, den anderen am Beginn seiner Laufbahn zu sehen, die er schon längst und endgültig hinter sich hat.

»Du mußt dir nicht einbilden, daß mit deiner Verurteilung alles erledigt ist. Nehmen wir an, du bekommst, wenn alles gut geht, fünf Jahre, dann mußt du den Rest der Dienstzeit, also drei Jahre, wenn ich rechnen kann, nachdienen, denn zwei hast du ja schon gemacht; das wird nicht leicht sein, mußt du wissen. Denn du bist durch die drei Jahre Travaux so verdorben, daß du dich nur schwer an Garnisonsdienst gewöhnen kannst. Du kriegst leichter den ›Cafard‹, gehst gern auf Pump, zwei Tage, drei Tage, bleibst eine Nacht draußen und so. Du hast nicht mehr den nötigen Respekt vor den Sergeanten und verbringst die Hälfte der Zeit in Prison, desertierst vielleicht wieder einmal… Drei Jahre. Ich kann dir sagen, du kannst von Glück reden, wenn du deine Tage nicht in Cayenne beschließest.«

Es macht Dunoyer großes Vergnügen, die schwarze Farbe möglichst dick aufzutragen.

Nun sitzt Lös wieder in seiner Zelle, auf der Kante des Zementblocks. Ein langer Nachmittag dehnt sich vor ihm aus, eine lange Nacht, endlose Tage, Monate. – Trotz will in ihm aufsteigen: als Untersuchungsgefangener darf man ihn eigentlich nicht so behandeln. Er hat Anrecht auf volle Verpflegung, auf Wein, auf einen täglichen Spaziergang. Er gilt noch nicht als Verurteilter, man hat ihn mit Schonung zu behandeln! Aber was nützt der Protest? Lös ist dem Willen des Capitaines ausgeliefert.

Alles ist quälend: die Geräusche, die in die Zelle dringen, die Worte Dunoyers, die nun in der Einsamkeit weiterklingen. Zäh ist die Hitze in dem kleinen Raum… Und doch friert Lös. Wieviel Zeit ist seit gestern abend vergangen? Achtzehn Stunden – nur achtzehn Stunden! Es schmerzt, daß sich die einfachsten Wünsche nicht befriedigen lassen! Lös möchte oben auf der hellen Terrasse sitzen und Zeno neben sich fühlen! Er möchte Gewehrgriffe klopfen in stechender Sonne… Ein Genuß wäre dies, verglichen mit dem Herumsitzen auf dem harten Block. Lös stöbert in der Zelle. Grauer Staub auf dem Boden, breite und schmale Ritzen zwischen den Lehmziegeln, in einer Ecke ein Blechgefäß, mit einem schmutzigen Papier beklebt, das den Ruhm des Pflanzenfettes verkündet, das es einmal enthalten hat. Ein Stück des Deckels läßt sich abreißen; eine der Kanten ist scharf. Und weil Lös nichts zu tun hat, beginnt er diese Kante zuerst gerade zu klopfen mit einem Stein, der sich im Staub versteckt hat, und dann beginnt er sie an der einen Seite des Betonblocks zu schleifen. Während dieser stumpfsinnigen Arbeit denkt Lös an nichts. Das eintönige Scharren des Blechs gegen den Stein wirkt beruhigend; dazu kommt das Summen vieler Fliegen, die ihre Schleifen um das übelriechende Blechgefäß in der Ecke ziehen. Es sind die Fliegen, die Lös' Blick von der Beschäftigung abziehen; das ist nicht gut, denn die Kante ist inzwischen scharf geworden und zerschneidet die Haut des Daumens. Lös saugt das Blut auf. »Ein widerlicher Geschmack«, denkt er und spuckt aus.

Lös schärft weiter. Aber seine Versunkenheit ist nicht tief genug, er lauscht auf das Geräusch der Schritte, die draußen vorübergehen. Der schwere Tritt, der sich eben nähert, gilt ihm, er weiß es, bevor noch der Riegel zurückgeschlagen wird. Das Blechstück verschwindet in der Hosentasche und geblendet schließt er die Augen.

In der Türe steht der Adjutant. Lös erkennt ihn zuerst an den hohen Schnürstiefeln, die bis an die Knie reichen. Aber während Lös noch zu Boden blickt, schiebt sich ein schwarzer walzenförmiger Körper dicht an den Füßen des Adjutanten vorbei, drückt sich hinter den Kübel, preßt sich an die Mauer und bleibt regungslos liegen. Der Adjutant hat nichts gemerkt, er ist zu sehr damit beschäftigt, seine Augen furchterregend rollen zu lassen. Lös wirft einen kurzen Blick zur Seite, Türks ergebene braune Augen schauen zu ihm empor.

Der Adjutant tobt und läßt seine Faust vor Lös' Gesicht wippen. Er rächt sich für das Gläschen Schnaps, das ihm am Morgen verweigert worden ist. Er schreit und schreit. Endlich ist er von seiner Autorität genügend überzeugt, spuckt aus zum Zeichen seiner Verachtung, schmettert die Türe zu und muß sich noch eine Zeitlang mit dem widerspenstigen Riegel quälen.

Während der Anwesenheit des Adjutanten hat Türk die Ohren hängen lassen. Aber sobald die Schritte verhallt sind, stellen sich die Ohren auf, eins nach dem andern, in kleinen Rucken. Und dann kriecht Türk aus seiner Ecke, setzt sich umständlich und blickt seinen Herrn an. Lös beugt sich nieder, das schwarze Fell ist rauh und ungepflegt, nur auf der Brust, zwischen den Vorderpfoten, fühlt es sich angenehm weich an. Türk rollt sich auf den Rücken, wälzt sich ein paarmal im dicken Staub, während er bedächtig und mit gesättigter Befriedigung die Pfoten schüttelt. Dann liegt er wieder auf dem Bauch – und grunzend sucht er nach einem Floh, der ihn am rechten Hinterbein sticht; hernach liegt er aufatmend still.

Es dämmert. Vor der Zellentür klatschen Kommandos: Die Wache wird abgelöst. Lös preßt das Auge an den Spalt – wer kommandiert die Wache? – Und er erkennt Baskakoff, der gerade mit offenem Munde auf die Zelle starrt. »Von dem ist nichts zu erwarten«, denkt Lös, und setzt sich wieder auf die steinerne Kante. Er zieht das geschärfte Blechstück aus der Tasche und versucht die Schneide dicht unter dem Handgelenk. Er zerschneidet mühelos die Haut.

Während er das primitive Messer betrachtet, überkommt ihn die Lust nach Zigaretten. Seinen Vorrat hat der Capitaine mitgenommen. Auf dem Boden liegt ein dünnes Hölzchen, er nimmt es in den Mund, um daran zu saugen. Es ist porös, die Luft zieht hindurch mit einem leicht zischenden Geräusch. Als ob sie Rauch wäre, saugt Lös die Luft tief in die Lungen. Aber der Selbstbetrug will nicht gelingen. Er wirft das Hölzchen weg. Dann quält ihn die Sehnsucht nach einem Rausch: einen Liter Schnaps zu haben, ihn unverdünnt hinunterzuschlucken und dann das schnelle Gefrieren der Unruhe zu spüren. Aber gerade diese Vorstellung steigert noch seine Schwäche. »Feig bin ich«, denkt er, »wenn ich nicht feig wäre, würde ich Schluß machen.«

Aber auch der Wunsch nach Schnaps flaut ab, sobald er einen schier unerträglichen Höhepunkt erreicht hat. Der Durst bleibt zurück. Brunnen sieht Lös, zuerst den Brunnen im Hof, mit der Kurbel, die man drehen muß, lange, bis endlich das Wasser kommt. Dann andere Brunnen, Dorfbrunnen drüben, die in mondhellen Nächten plätschern. Und Bäche sieht er, die über weiße Kiesel rinnen; Erlen stehen an den Ufern, und ihre Blätter rascheln wie ferner Applaus. ›Sommer‹, denkt Lös. Doch kein bestimmter Sommer taucht vor ihm auf, er sieht nur ein gelbes Ährenfeld, Mohn- und Kornblumen blühen darin und violette Kornraden.

Wie eine große Helle ist es plötzlich, aber die Helle weckt ihn, und er fühlt wieder, daß er Durst hat. Die Haut seiner Hände ist heiß und trocken. Er geht zur Tür und trommelt mit den Fäusten gegen das stumme Holz. Schleichende Tritte kommen näher. Mit ärgerlicher Stimme fragt Baskakoff, was los sei. Wasser wolle er, ruft Lös, er habe Durst. Aber Baskakoff lacht. »Verboten, streng verboten!« Er geht wieder und läßt Lös allein.

Und die Zeit vergeht. Durch die Ritze der Tür dringt die helle Dämmerung der Nacht, aber die Finsternis der Zelle, ein zäher Pechklumpen, nimmt sie nicht auf.

Draußen pfeift es zum Appell, später noch einmal: Lichterlöschen. Türk schläft.

Da kratzt es an der Türe; Lös hat keine Schritte gehört, auch Türk fährt auf, knurrt leise, besinnt sich aber, wo er ist, und schleicht zur Türe.

Es ist nur der alte Kainz, der Zigaretten und Zündhölzer bringt; er schiebt sie durch den Spalt unter der Tür und entschuldigt sich, daß er nicht hat früher kommen können. Aber alles gehe drunter und drüber in der Verpflegung. Pierrard habe die Stelle erhalten, der Belgier, der immer so ›gebüldet‹ tue. Den Leutnant habe man nur kurze Zeit gesehen, er habe den ganzen Nachmittag mit den Sergeanten in seinem Zimmer gesoffen und sie über den Kampf ausgeholt. Jetzt sei Baskakoff schlafen gegangen, und man habe Ruhe bis zur nächsten Ablösung – zwei Stunden. »Und wenn du willst, Korporal, kann ich dir die Tür aufmachen, du kannst dann dein Geld holen gehn, wenn du's versteckt hast, ich heb dir's dann sicher auf.«

Aber Los will nicht, er will dem alten Kainz nicht sagen, daß der Chef es schon lange hat. Damit würde er sein letztes Machtmittel aus der Hand geben. Er dankt und bittet um ein wenig Wasser, Kainz könne ja den Schnabel des Bidons in die Ritze der Türe stecken, das sei besser, als die Türe zu öffnen: der rostige Riegel mache soviel Lärm. Der alte Kainz brummelt, und plötzlich ist er lautlos verschwunden. Nur für kurze Zeit… Der Schnabel des Bidons ist gerade so lang, daß Lös das Ende mit den Lippen packen kann. Die Luft zischt leise am Korken vorbei, der die große Öffnung schließt. »Ah«, sagt Lös laut. »Und überleg' dir's wegen dem Geld«, sagt Kainz noch, aber in der Zelle bleibt es still.

In der Baracke der Mitrailleusenabteilung ist noch Licht. Frank hockt mit Pierrard zusammen, und die beiden unterhalten sich eifrig. Ein wenig abseits sitzt Korporal Koribout und bewundert seinen schön gescheitelten Bart in einem kleinen Taschenspiegel. Neben ihm spricht Sitnikoff eifrig auf Pausanker ein.

»Ist's erlaubt?« fragt der alte Kainz höflich. Pierrard nickt gnädig, im Hochgefühl seiner neuen Wichtigkeit. Sitnikoff läßt sich nicht stören.

»Sie wissen«, sagt er, »daß ich mich damals für Sie eingesetzt habe, um Ihnen diese Schmach zu ersparen. Sie haben es anders gewollt. Aber jetzt fühlen Sie selbst, wie Sie mir sagen, das Unmögliche Ihrer Stellung. Das zeigt, daß Sie nicht alles Gefühl für Sauberkeit verloren haben… Wir alle von der Mitrailleusensektion werden Ihnen beistehen. Das Wichtigste scheint mir jetzt, daß Sie so bald als möglich nach Rich kommen. Farny hat Sie angesteckt, das war vorauszusehen. Aber Sie müssen sich jetzt gesund pflegen lassen, verstehen Sie, und der giftigen Atmosphäre entfliehen, die diesen Farny umgibt…« Pausanker hört verständnislos zu, und sein Mund steht offen… Reden kann dieser Sergeant! »Ich will nicht«, sagt er trotzig, »ich will bei meinem Sergeanten bleiben.« Sitnikoff stößt einen Seufzer aus. Da sagt der alte Kainz: »Ich war bei Lös.«

Schweigen. Korporal Koribout steckt den Spiegel in die Tasche, Pierrard räuspert sich verlegen. »Man sollte ihn besuchen gehen oder etwas für ihn tun«, meint er ohne rechte Überzeugung.

»Die Hilfsaktion müßte vor allem richtig organisiert werden«, stellt Sitnikoff energisch fest. »Wenn man so ins Blaue hinein etwas tut, getrieben von einer vagen Sentimentalität, hat das gar keine Wirkung.«

»Ich werde für ihn übersetzen eins von meinen Gedichten aus dem Russischen, das wird ein Trost sein für ihn«, sagt Koribout mit seiner leisen, preziösen Stimme.

»Morgen kann er einen Bidon Wein haben«, verspricht Pierrard und massiert seine mageren Wangen. »War immer anständig zu mir, der Lös, und ich weiß schon, daß ich sein Nachfolger sein werde, auch in der Zelle.«

Einige Stimmen verlangen aus dem Dunkel heraus, die Kerze solle endlich gelöscht werden. Sitnikoff bläst das Licht aus. Der alte Kainz zieht Frank aus der Türe.

»Weißt jetzt, wo er sein Geld hat?« fragt Frank. Er ist noch ein wenig blaß, aber geht ganz sicher auf seinen Beinen.

Kainz zuckt mit den Achseln: »Er hat mir's nicht sagen wollen.« Sie gehen schweigend über den Hof. »Vielleicht hat er's irgendwem gegeben?« schlägt Frank als Lösung vor. »Red' net so dumm!« verweist ihn Kainz. »Es war doch niemand bei ihm, zu dem er hätt' Vertrauen haben können… Und i hab' mich so schön bei ihm eing'schmeichelt, mir hätt' er's sicher geben. Aber weißt, der Chef hat ihn sicher durchsucht, und der Lös is net grad der G'scheitest und hat das Geld bei sich g'habt. Dann hat's also der Chef. Na, i geh morgen noch einmal zur Prison und bring ihm Zigaretten, vielleicht sagt er mir's dann.«

Aber Frank schüttelt nur den Kopf. Während er in Lös' Kammer gelegen ist, hat er ein paar Ritzen in der Mauer bemerkt. Vielleicht liegt das Geld dort. Und er trennt sich vom alten Kainz, geht in die Bäckerei und wartet dort vor der Tür, die er aufgemacht und wieder geschlossen hat, für den Fall, daß Kainz mißtrauisch ist. Dann schleicht er sich in Lös' verlassene Hütte. Pierrard wird wohl nicht so bald heimkommen. Nach einer Stunde kommt Frank enttäuscht heraus…

Am anderen Morgen pfeift es wie sonst zum Reveil. Verschlafen gehen Abgesandte der Gruppen Kaffee holen und schleppen bei ihrer Rückkehr lange Streifen Kaffeegeruch hinter sich her. Der alte Hirt treibt die Schafe durch den Posten, über den Trommelwirbel ihres Laufens klingt laut ihr helles ›Bäh‹. Und wie sonst trägt auch heute der ›Schibany‹ ein neugeborenes Lamm auf dem Arm. Der dürre Sergeant Veyre schießt durch den Posten, steif, als stecke sein Rumpf in einem Gipsverband; zwischen die Lippen hat er ein rostiges Signalpfeifchen gesteckt, auf dem er andauernd trillert. Aus der Unteroffiziersmesse kollert das Lachen des Adjutanten; Sergeant Hassa hat einen Witz erzählt. Plötzlich wird es still dort drinnen. Die Treppe des Turmes, die über das Dach der Messe führt, dröhnt. Capitaine Chabert schreitet schwer in die Tiefe. Unten empfängt ihn der Chef. Eifrig schwatzend gehen die beiden ins Büro. Noch einmal schrillt die Pfeife einen endlosen, bösartigen Triller. Die Maultiere schreien schon hoch und quietschend, weil sie Hunger haben. Angeführt von ihren Korporälen, gehen die Titulaires zum Füttern; im Takt der Schritte schlenkern sie die schwarzen, ledernen Futtersäcke. Alle sehen müde aus und blinzeln mißmutig…

Als die erste Gruppe der Mitrailleusensektion, angeführt von Korporal Koribout, am Wachtlokal vorbeikam, drang aus der Einzelzelle ein heiseres Gebrüll, und die dicke Tür zitterte von den Schlägen, die von innen gegen sie geführt wurden. Die Gruppe geriet in Unordnung. »Lös hat sich aufgehängt«, hieß es. – »Der Schlüssel, der Schlüssel!« Man rief nach Baskakoff. Koribout allein blieb ruhig, ging zur Türe, schob den Riegel zurück. Aber die Türe ging nicht auf, etwas drückte von innen gegen sie. Inzwischen war das Geschrei in der Zelle verstummt; endlich ließ sich die Türe öffnen, zur Hälfte nur, und zwei Mann mußten helfen. Türk sprang durch die Spalte, seine Schnauze war mit Blut besudelt, er biß wütend um sich, durchbrach den Kreis, ein Fußtritt erreichte ihn noch. Bellend jetzt, in höchster Angst, floh er aus dem Tor des Postens, beschrieb auf dem Platz davor einen Kreis, noch einen; setzte sich dann und schnappte nach Luft, während seine Zunge, mit Schaum bedeckt, ihm aus dem Maul hing. Dann begann er von neuem um den Platz zu rasen, bog wieder in den Posten ein, kam vor die Zelle, die nun leer war, und schnupperte einer Blutspur nach, die quer über den Hof führte und vor dem Krankenzimmer endete.

Vor der geschlossenen Tür winselte der Hund, kratzte am Holz, bellte kurz und atemlos ein paarmal. Dann beruhigte er sich und begann seine Schnauze vom Blut zu reinigen. Das Blut schien ihm zu schmecken. Er vergaß einen Augenblick seinen Kummer und schmatzte gesättigt. Major Bergeret, der eilig herankam, unordentlich noch, mit offenem Rock und wirrem Haar, schob ihn sanft beiseite und schloß die Türe, bevor ihm Türk folgen konnte.


 << zurück weiter >>