Glauser, Friedrich
Gourrama
Glauser, Friedrich

 << zurück weiter >> 

9. Kapitel

Das Kloster

Fernab von den wenigen Häusern, die im Schutze des Postens hocken, steht ein sonderbarer Bau, den eine drei Meter hohe Mauer beschützt. Viele haben vergeblich versucht, die Mauer zu übersteigen, Senegalneger und algerische Tirailleurs, Spahls und Gums; selbst wenn ein Mann auf die Schultern seines Kameraden klettert und sich am First anklammern will, um sich hochzuziehen, gleiten seine Hände von der schief nach außen abfallenden Fläche ab, und seine Finger schneiden sich an den Flaschenscherben, die zackig-glitzernde Ornamente bilden.

Tagsüber herrscht hinter diesen Mauern tiefes Schweigen. Am Abend jedoch und bisweilen an den Löhnungstagen, die Nacht hindurch, rötet ein schwacher Schein die Luft über dem dachlosen Viereck, ein Summen dringt aus dem Bau, das bei aufmerksamem Lauschen in wüste Schreie und schrillen Gesang zerfällt. Aber die Töne verlieren ihre Kraft, bevor sie noch die dicken Mauern durchdrungen haben, nach oben jedoch sind sie ein riesiges Megaphon, das den verworrenen Lärm in einen stummen Himmel sendet.

An einer Ecke ist die Mauer in Form eines romanischen Bogens durchbrochen, in der Nische, die durch die Türe gebildet wird, kann man die Dicke der Mauern messen; ein Mann kann sich dort bequem verstecken. Die Türe, die den Eingang ins Innere versperrt, ist aus viereckigen, spanndicken Bohlen gefügt; diese werden noch von drei Bändern aus geschmiedetem Eisen zusammengehalten. Die Tür ist ganz glatt, kein Schlüsselloch ist an ihr zu sehen. Innen aber sind drei Riegel angebracht, oben, in der Mitte und unten; richtige Gefängnisriegel, die sich noch durch Vorlegeschlösser sichern lassen.

Im Hof liegen, links vom Eingang, sieben niedere Zellen in einer Reihe; auch deren Türen tragen Riegel und Ringe zum Anbringen von Schlössern.

Der Zellenreihe gegenüber, und von ihr geschieden durch einen breiten gepflasterten Hof, öffnen sich zwei große Räume, deren niedriges Dach von der Umfassungsmauer noch um einen Meter überragt wird. Diese Räume sind kahl, in dem einen stehen zwei tönerne Schalen, die, gefüllt mit glühenden Holzkohlen, als Kochherde dienen. Der Fußboden des anderen Raumes ist mit zerschlissenen Alfamatten belegt. In einer Ecke erhebt sich, zusammenhängend mit der Mauer und aus dem gleichen Stoff wie diese, ein länglicher Block, das Bett darstellend. Eine dünne Matratze liegt darauf.

Vor der schweren Türe wurde der Chef ungeduldig. Seine Fäuste vermochten den Bohlen keinen Laut zu entlocken. So entschloß er sich endlich zu einem gedämpften Rufen: »He, Fatma Aroua mna.« Und ebenso gedämpft wiederholte der Chor: »Aroua mna!« »Viens ici!« rief der Chef. »Come on«, krächzte Smith. Da auch dies Rufen erfolglos blieb, wurde der alte Kainz vorgeschickt, der einzige, der genagelte Schuhe trug. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und schlug mit einem Absatz gegen das Holz. Obwohl der Ton, den er hervorbrachte, kaum lauter war als das Klopfen der Fäuste, schien sich doch innen etwas zu regen. Der Chef antwortete einer ängstlichen Frauenstimme in arabischer Sprache. Lange dauerten die Verhandlungen. Der Chef erklärte den anderen, die Alte wolle nicht öffnen, sie habe Angst vor dem Capitaine Materne, der verboten habe, Legionäre nach Mitternacht einzulassen. Der Chef schien aber endlich doch ein unwiderstehliches Argument gefunden zu haben, denn innen schlugen die Riegel kreischend zurück; ein dickes altes Weib wollte sich dem Andrang entgegenstemmen (sie schien nicht auf eine zahlreiche Gesellschaft gefaßt zu sein), wurde aber beiseite gedrückt, und watschelte, mit den Armen schlagend, gackernd davon. Sie glich einem alten weißen Huhn, das schon Federn gelassen hat, so daß die rauhe, entzündete Haut an den kahlen Stellen zu sehen ist; denn die Alte trug ein zerschlissenes Gewand, das sich zwischen ihrem qualligen Körper und den schlenkernden Armen wie Flügel spannte. Das Haar, von schmutzig grauer Farbe, war auf dem Scheitel des Kopfes aufgesteckt und ähnelte dem Kamm einer alten kranken Henne…

Kainz hatte die Türe als letzter mit einem Fußtritt geschlossen. Zu einem dunklen Klumpen geballt, standen die andern verlegen da. Die Alte hatte in einem der beiden Räume rechts Zuflucht gesucht, und durch die offene Tür drang ein Lichtschein. Die Zellenreihe aber lag da, stumm, finster. – Nicht lange ließ der Chef die Verlegenheit dauern. Vorerst prüfte er die Riegel des Eingangstors, schob sie vor, nickte dem alten Kainz anerkennend zu: »Sicherung gegen außen!« erklärte er. Dann packte er wieder den Arm des stummen Lös, schritt wiegend vorwärts, während er über die Schultern anfeuernde Flüche rief und mit der Hand zum Folgen einlud. Pullmann gehorchte gern der Aufforderung. Er stapfte vorwärts, wie zu einem Angriff, den Kopf gesenkt, die Hände schienen ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett zu halten. Smith neben ihm ballte die Fäuste vor der Brust, als gelte es, zu einem Boxkampf anzutreten. Seine Augen schossen unruhig hin und her, und seine Zunge klemmte sich zwischen die Zahnreihen.

Kainz marschierte als letzter und prüfte mißtrauisch den heftigen Tiergeruch, der den Hof füllte.

Der Chef prallte gegen die Öffnung des Raumes, wie gegen ein Hindernis; und doch versperrte nicht einmal ein Vorhang den Eingang. Dies Zurückprallen suchte er sofort mit der Breite seiner Schultern zu entschuldigen, für welche die Türe zu eng sei. Er nahm seine Mütze ab, stieß scherzhaft mit der Stirne gegen den niederen Balken, als wolle er sagen: ›Für Riesen sind sie hier nicht eingerichtet.‹

Der Raum wurde von der Glut der beiden Kohlenbecken erhellt. Auf dem Lehmblock in der Ecke lag die Alte flach auf dem Rücken. Das eine Bein, entblößt bis über das Knie, baumelte herab, seine Gelenke waren geschwollen und die Krampfadern an den Waden wirkten wie phantastische Tätowierungen. Aber der Eintritt des Chefs ließ die Liegende auffahren, sie schnatterte durchdringend und stürzte sich wütend auf die Eindringlinge. Pullmann stellte sich vor den Chef und packte die Alte an den Handgelenken. Noch lauter wollte sie kreischen, aber der Chef beruhigte sie, indem er ihr mit einer Banknote das Gesicht fächelte. Da klatschte sie in die Hände, stieß ein schrilles Kreischen der Freude aus und wollte vor dem Chef die Knie beugen. Narcisse verhinderte dies und stellte Lös als ›Caporal Administration‹ vor. Liebliche Bilder schienen diese Worte im Kopfe der Alten auszulösen; denn sie lallte zurück, mit nach oben gedrehten Augen, holte aus ihrem Kleide eine bunte Ansichtskarte, die einen Hafen darstellte, mit dem Aufdruck: »Souvenir de Marseille«. Adressiert war sie an Madame Fatma B. M. C. Gourrama. »Gros baisers pour mutatchou guelbi«, stand neben der Adresse. Pullmann, der auch die Karte beäugte, wollte wissen, was B. M. C. bedeute. »Bordel militaire de Campagne«, sagte der Chef, im Tonfall eines Botanikprofessors, der eine Pflanze vor seinen Schülern bestimmt. Und als müsse er noch die besonderen Kennzeichen der Pflanze erläutern, fuhr er fort. »Steht unter der Aufsicht der Intendanz in Bou-Denib, die bei schlechtem Geschäftsgang für die Verpflegung der Frauen aufzukommen hat. Alle zwei Monate muß diese alte Dame ihre Rechnungen vorlegen. Begibt sich die Kompagnie auf Kolonne, so werden die Frauen mitgeführt. Die Verwaltung hat in diesem Falle für jede Frau ein Maultier zu stellen und außerdem zwei Lasttiere zum Transport des Zeltes und der Bagage. Der Major ist verpflichtet, alle vier Wochen eine Visite zu machen und die Kranken unnachsichtlich zu konsignieren. Das ist natürlich nutzlos… Aber Lös, mein Alter, was ist mit dir los?«

Lös hatte seit der Szene am Tor kein Wort gesprochen. Auch jetzt blickte er mit steifen Gesichtszügen auf die Postkarte, die der Chef hielt, vorsichtig, zwischen den Fingerspitzen, als fürchte er, sich zu beschmutzen. »Komm Alter, komm!« sagte der Chef in väterlichem Tonfall, führte seinen Freund in eine Ecke, hieß ihn sich setzen und sprach eifrig auf ihn ein: Er solle sich doch aufraffen, die Frauen kämen gleich, die dumme Geschichte von vorhin sei doch vergessen, und die Angst vor dem Kriegsgericht sei doch einfach lächerlich. Sieh, sieh da kommen die Frauen schon!

Und wirklich, gefolgt von einem Trupp bunter Kleider, nahte die Alte und klapperte mit einem Bund rostiger Schlüssel wie mit Kastagnetten. Bei dem Wort ›Frauen‹, das der Chef mit einiger Betonung ausgesprochen hatte, zerbrach Lös' Starrheit. Ein trockenes Aufschlucken zuckte durch seinen Körper, seine Augen füllten sich mit Wasser, er warf die Hand auf die Schulter des Chefs, die Stirne darauf und schluchzte ein hohes Wimmern, das kindlich klang. Der Chef zeigte sich auch dieser Situation gewachsen. Als wisse er, daß mitleidiges Bedauern die Sache nur verschlimmern könne, stellte er in belehrendem Tonfall die Tatsache einer großen Überreizung fest, bot eine englische Zigarette an und einen Schluck aus seiner Whiskyflasche. Lös mußte lachen, dies Lachen ließ er in ein Husten übergehen, sogleich begriff der Chef die Absicht, er klopfte mit seiner weichen Hand des anderen noch zuckende Schulterblätter. Auf diese Weise fiel es den übrigen nicht auf, daß Lös' Augen voll Tränen standen: »Er hat sich verschluckt«, bestätigte der Chef noch mit lauter Stimme. Alle, mit einer Ausnahme nur, waren viel zu sehr mit den erschienenen Frauen beschäftigt, um auf Lös zu achten. Allein der alte Kainz, der einsam auf der Kante des Lehmbettes saß, schüttelte bedauernd den grauen Kopf, während er unverständliche, doch sicher tröstende Worte murmelte und seine Hand zu einer segnenden Gebärde erhob.

Nach Erledigung dieser Angelegenheit dämpfte der Chef den flackernden Lärm durch ein Zischen. Er winkte die Alte herbei, bestellte Tee, erhob sich schwerfällig, schritt tänzelnd die Front der Frauen ab. Eine kleine Negerin, mit kurzen wolligen Haaren und dem schlanken Körper eines Knaben, schien ihm besonders zu gefallen. Er winkte ihr, mit lässig pendelnder Hand, sie gehorchte sogleich, und beide verschwanden im Nebenraum, wo der Schein des anderen Kohlenbeckens die beiden als riesige Schatten an die Wand warf. Dann blieb die Wand lange Zeit leer.

Pullmann mußte seine Auserwählte zuerst einfangen. Lange lief sie rund um das Zimmer, an den Wänden entlang, neckte ihn, indem sie einen Augenblick anhielt, um ihm dann mit einer brüsken Wendung zu entkommen. Pullmann war außer Atem und seine Stirne feucht. Endlich hielt er seine Beute. Sie hatte eine gedrungene Gestalt, dicke Backen wölbten sich in ihrem Gesicht, und ihre leeren Augen glitzerten wie Tau. Eigentlich sah sie aus wie eine saubere, lebenslustige Köchin.

Korporal Smith spielte den Gentleman und glich einem Knaben, der das Gebaren der Erwachsenen nachahmt. Er ging auf und ab, fuhr gern mit dem Zeigefinger an die Nase, wenn er eine tiefsinnige Bemerkung machte. Über dem Doppelkinn, das beim Nicken vorquoll wie ein roter Ballon, der von Kinderhänden zusammengepreßt wird, legte sich der Mund in ernste Falten. Er wandte sich mit Verbeugungen und einem gelispelten Französisch an das magere Geschöpf, das geduldig neben ihm herlief und aus leerem Gesicht stumpfsinnig glotzte. Das Mädchen hatte auf der Nasenwurzel sechs eintätowierte Punkte, die in Form eines unregelmäßigen St. Georgs-Kreuzes angeordnet waren. Und diese Punkte fixierte Smith mit aller ihm verbliebenen Aufmerksamkeit, denn er fürchtete sich insgeheim vor der Öde, die in den Augen seiner Begleiterin lag.

Sergeant Baguelin war sogleich bei der Ankunft der Frauen zur Tür gestürzt. Wahllos hatte er eine aus dem Haufen am Arm ergriffen, der Alten zugerufen, sie möge ihm den Tee erst in einer halben Stunde bringen, und war dann mit seinem Raub verschwunden.

Obwohl noch drei Frauen müßig herumhockten, wagte sich keine an den alten Kainz. Mit verknöcherter Mißachtung sog er an seiner Pfeife und spuckte regelmäßig aus; damit verschaffte er sich die gewünschte Ruhe. Er starrte dem Rauche nach, nickte zu seinem Murmeln und nahm die Pfeife nur dann aus dem Munde, wenn er seinem Korporal drüben an der Wand ein mildes, aufmunterndes Lächeln zusandte.

Die Alte brachte den Tee und setzte vor jeden ein dickwandiges Glas, dessen Inhalt nach Whisky und Minze roch. (Der Chef war freigebig gewesen.) Dann ließ sie sich vor Kainz nieder, kümmerte sich nicht um die Mißbilligung, die auf sie niedertröpfelte, sondern erzählte in gebrochenem Französisch von ihrem Liebsten, dem Sergeanten, der sie zwei Jahre lang, während seines ganzen Aufenthaltes in Gourrama Abend für Abend besucht habe. Nun aber sei er entlassen worden und arbeite in Marseille. Und wenn er genug verdient habe, so wolle er sie kommen lassen und mit ihr ein kleines Haus halten mit jungen Araberinnen, und sie würden reich werden und angesehen leben. Ihre Sprache ähnelte stark derjenigen, die der alte Kainz sprach, darum verstanden die beiden sich ganz gut. Zwar beschränkte sich Kainz auf kurze Einwürfe wie »Bon! Trés bon! Oui, oui!«, aber das genügte, um der Alten weiter zu helfen. Nun fragte sie, ob der ›Schibany‹ (der Alte) ihr nicht einen Brief ›machen‹ wolle…

»Ja, alte Schachtel«, sagte Kainz wienerisch, »das geht scho, aber Caporal Administration là bas besser écrire.«

»Ah, Caporal Administration, mlech, mlech.« Die Alte nickte begeistert, was den welken Hahnenkamm zum Wippen brachte. »Aber weißt«, fuhr Kainz fort, »non tout de suite, aprés.« Er winkte in die Ferne. Wieder nickte die Alte, sie hatte sich mit den Augen am Munde des Sprechenden festgesehen, und die gespannte Aufmerksamkeit gab ihrem Gesicht einen tierhaft weisen Ausdruck. Als Kainz schwieg, legte sie den schmierigen Kopf an dessen Knie. »Bist a guter Kerl.« Kainz' Lider flatterten heftig. Er tätschelte ihre Schulter, und Fatma gluckste leise unter dieser Berührung wie ein zahmes Huhn.

Nach dem Verschwinden des Chefs blieb Lös allein. Das Stechen im Kopfe hatte sich wieder eingestellt, es beherrschte jetzt die ganze Stirn, und auch im Hinterkopf war es zu fühlen. Noch etwas störte ihn, doch es gelang ihm nicht sogleich, die Ursache dieser Störung festzustellen. Bisweilen schüttelte er seinen Kopf, als müsse er eine lästige Fliege verscheuchen, fuhr wohl auch mit der Hand über seine Wange. Aber die Störung blieb. Die Kohlenglut warf durch das dicke Glas rötliche Striche auf die Oberfläche des Tees, und die Flüssigkeit selbst schien zu glühen wie helles Gold.

Als er den Blick hob, um endlich die Belästigung festzustellen, traf er auf zwei Augen, die ihn aus einer Ecke heraus anstarrten. Zwingend waren diese Augen, doch ohne eigenes Leben, und eine aufreizende Forderung lag in ihnen. ›Eins von den Mädchen, das noch keinen eingefangen hat‹, dachte Lös und wollte sich wieder abwenden. Da aber stiegen die Augen langsam in die Höhe, kamen näher und hielten dicht vor ihm an, senkten sich langsam, tiefer und tiefer, bis sie über dem Boden stillstanden. Plötzlich wurden sie von einer dünnen Haut überdeckt. Weißes Licht erfüllte den Raum (die alte Fatma hatte eine Karbidlampe angesteckt), und grellbeleuchtet saß neben Lös eine Frau. Sehr dünn war ihr Mund, und in seiner Magerkeit wirkte ihr Gesicht hölzern. Hölzern waren auch die Falten ihres violetten Gewandes. Doch die Schultern, deren Rundung sich deutlich unter dem Stoff abzeichneten, ließen weiche Glieder vermuten. Nun stand sie wieder auf, um für Lös das leere Glas zu füllen. Ihr Schreiten war schwer, wie das eines beladenen Tragtieres.

Sie kehrte zurück, stellte das Glas ab, indem sie sich behutsam niederbeugte, als fürchte sie, vornüberzufallen, richtete sich wieder auf, den Blick nach oben gewandt. Dann ließ sie sich unerwartet zu Boden gleiten und blickte Lös an, ausdruckslos.

Aufreizend wirkte dieses schier leblose Gesicht. Nun öffnete ein unerwartetes Lächeln den Mund der Frau. Ein schmutziges Grinsen erschien, das gelbe, angefressene Zähne zeigte; auch die Augen machten die Veränderung mit, ein feuchtes Glimmen erhellte die Pupillen. Die Frau streckte die Hand aus, eine grobe, schmierige Hand mit rissigen Nägeln, die bis zu den Fingerbeeren abgeknabbert waren.

»Warum immer so zimperlich tun?« fragte er sich. »Ist es nicht besser, die Einladung einfach anzunehmen?« Aber dennoch fühlte er, wie unwahr seine Überlegenheit war, der freie Entschluß lag nicht mehr bei ihm, ein Zwang gebot ihm, der Frau zu folgen, ein Zwang, den er zu leugnen versuchte und der ihn dennoch trieb, das Lächeln der Frau zu erwidern.

Die Frau trank in kleinen Schlucken ihr Glas leer und blickte ihn spöttisch an. Ihre Erfahrung sagte ihr wohl, daß es gut sei, den Mann warten zu lassen. Lös sah den Raum, die Kameraden, er verstand die Satzfetzen, die seine Ohren trafen. »Come on«, sagte Smith, und die Geste, mit der er die Worte begleitete, war so deutlich, daß die Kleine, die wie eine Köchin aussah, ihm folgsam wie ein Hündchen nachtrippelte. Die Nacht des Hofes verschluckte auch diese beiden.

Kainz bemühte sich verzweifelt, Lös' Blicke zu fangen, stand auf, verdrehte den Kopf und fuchtelte mit den Händen. Aber Fatma hielt ihn zurück, ihr geblähter Körper ließ ihn nicht durch, und ihre Arme umklammerten die Beine des Fortstrebenden. Lös sah den Alten endlich und winkte ab. »Wo ist der Chef?« rief er hinüber, und Kainz deutete auf die Tür, die in den Nebenraum führte. Aber kaum war Lös ein paar Schritte in dieser Richtung gegangen, wurden seine Hüften von schwammigen Händen gepackt. Fatma stand hinter ihm, erregt und beleidigt. Der Chef dürfe nicht gestört werden, stotterte sie. Kainz befreite seinen Korporal aus der Umklammerung, puffte Fatma an ihren Platz zurück (sie ließ es sich kichernd gefallen) und sprach dann Lös zu, bedächtig, wie ein weiser Arzt, dem alle menschlichen Schwächen wohlbekannt sind:

»Weißt Korporal, die Traurigkeit und die Angst, das kommt alles nur vom Blut. Weil nämlich das Blut dann zu dick is. Geh, tu di erleichtern. Glaub mir, morgen bist du dann a ganz anderer Mensch. Und die dort, die is ganz recht. Net grad scheen, aber a weichs Hascherl. Die reinste Medizin, sag i dir. Viel besser als das magere G'stell, das du dir dort draußen ang'schafft hast.« Er schwieg bedächtig und nahm die Pfeife aus dem Mund, um den folgenden Worten Platz zu schaffen. Sogar zu hochdeutsch verstieg er sich und unterstrich außerdem noch die Worte mit dem feuchten Mundstück. »Glaub mir doch, Korporal, das dicke Blut ist an allem schuld. Ich weiß es aus Erfahrung, vierzig Jahr Erfahrung hab' ich…« Um jeden Widerspruch unmöglich zu machen, drehte er sich um und schritt, mehrfach nickend, auf seinen Platz zurück.

Lös winkte der Frau und ging voran.

Über die Mauer, die das Dach der sieben Zellen überragte, blickte ein riesiges weißbeleuchtetes Gesicht: der Mond. Die Nacht war kühl und hart, voll verächtlicher Ruhe. Nur Tiere klagten von ferne über die Unerbittlichkeit des Dunkels. Der Raum über dem Schacht der Mauern war leer.

Vor der Eingangspforte wimmerte es leise, viel leiser als die fernen Tiere. Lös öffnete und Türk sprang begeistert an ihm hoch, sprang zurück, stellte sich auf die gestreckten Hinterbeine und bearbeitete die Luft mit den Vorderpfoten, wie ein Pianist sein Instrument. Dann fand er, es sei genug der Höflichkeiten, beschnüffelte mißtrauisch die Frau, die hinter Lös stand. Sie kreischte auf. Türk nieste verachtungsvoll, dehnte sich, die Schnauze auf die gestreckten Vorderpfoten gelegt, während sein Hinterteil sich in steilem Bogen wölbte. Er gähnte noch und folgte dann seinem Herrn, der auf eine Zelle zuschritt. Es war die falsche, das Mädchen zog ihn weiter bis zur letzten, sie war vom Eingang am weitesten entfernt.

Eine kahle Zelle, zweifellos. Auf dem erhöhten Kopfende der Bettstatt aus getrocknetem Lehm brannte ein Kerzenstumpf. Das Mädchen holte aus einer Ecke eine frische Kerze, weichte das Stearin an der Flamme auf und klebte das tropfende Ende neben die verlöschende. Das Licht der flachen Flamme umspielte den weißen Stab, den der Mond durch die Luke der Hinterwand trieb.

O das harte Bett! Nur eine dünne Matte war darüber gebreitet.

Wie ein großes Sausen war die Stille im Raum. Immer noch stand die Frau regungslos. Sie schien zu warten und zu träumen und stach den Blick in die Dunkelheit, die wie zerzupfte schwarze Wolle den oberen Teil des Raumes füllte.

Türk schnaufte laut; die Frau erschrak, mit einer heftigen Bewegung des verhüllten Arms verlöschte sie fast die Kerze. Da glühte der Mondstab heller auf und brannte sein weißes Siegel auf die Mauer.

Schützend legte das Mädchen die hohle Hand um die Flamme; als sie wieder das Gesicht hob, hatte sie ihr Lächeln vorgebunden.

»Viens«, sagte sie. Es war das erste Wort, das sie mit heiserer Stimme formte.

»Viens, petit chéri«, sagte sie nochmals und winkte mit deutlicher Gebärde.

Lös kam langsam näher und blieb vor der Frau stehen, die sich auf die Kante des harten Bettes gesetzt hatte. Das Licht lag auf ihren Füßen, die breit und nackt auf dem Boden klebten. Die Zehen bewegten sich wie braune Käfer.

Sie verlangte Geld, der Korporal solle ihr Geld geben, sie sei arm, Fatma gebe nichts, sie habe Hunger, oh, so viel Hunger. Denn sie nehme nicht viel ein. Sie sei alt und oft krank. Schon dreimal habe sie der Major konsigniert. Ihr Reden ging in ein Heulen über, ein hilflos weiches Heulen, in dem einige arabische Flüche wie harte Klötze schwammen.

Lös leerte seine Taschen: Münzen waren es nur, dann kam eine Fünffrankennote, ein Douro. Den nahm die Frau eilig und stopfte ihn ins Haar. Das Kleingeld jedoch ließ sie in den hohlen, aufeinandergelegten Händen klimpern, hielt das Spielzeug ans Ohr, heulte wieder los, höher jetzt und freudiger. Sie verschluckte sich und erstickte schier. Dann schlich sie mit lächerlich geheimnisvollen Bewegungen zur Wand, kratzte ein kleines Loch frei und versteckte das Geld darin. Die herabgefallene Erde befeuchtete sie mit Speichel, knetete sie und verschmierte gewissenhaft das Loch. Als sie sich umwandte, war ihr Lächeln greisenhaft, und in ihren Augen lag eine satte Fröhlichkeit.

Nun wollte sie das Kleid abwerfen, besann sich aber. Mühsam erklärte sie, sie sei noch konsigniert, Korporal sei ihr gewesen, Korporal nicht krank werden! Sie nicht gut zu böse Frau, gute Frau, Korporal müde, sich hinlegen. Sie übertrieb ihr spärliches Französisch ins Kindliche. Ungeschickt umfaßte Lös das Handgelenk der Frau – dann glitt seine Hand ab, bis er nur noch den Zeigefinger hielt. Auch diesen ließ er los, und es war ihm, als lasse er eine Kornähre durch die Finger gleiten: denn hart und kühl war der Finger mit seinen kleinen Rissen.

Sie solle sich nun niederlegen, forderte Lös. Gehorsam tat sie es, drückte sich gegen die Wand, um Platz zu lassen für ihn.

Als er sich ausstreckte, stieß er gegen die Kerze, die mit einem Zischen verlöschte. Lös schloß die Augen.

Ihm träumte wirr, und die Zeit verging…

Plötzlich sagte er laut: »Nun bin ich wach«, und stieß sich von der Wand ab. »Nicht gut Angst haben«, sagte eine rauhe Stimme neben ihm. An seiner Schulter lag eine warme Kugel. Er griff nach ihr, sie war ein Kopf. Langsam ließ er das Haar los, das er gepackt hielt. Es fühlte sich grob und trocken an, wie die Mähne eines Pferdes. Er schloß wieder die Augen, schlief aber nicht ein.

Heftige Schläge polterten an der Tür. Der Chef rief unterdrückt: »Komm schnell, Materne will eine Runde machen, er ist mit den Gums schon unterwegs. Der Jehudi, der die Schafe verkauft, ist vorausgelaufen, weil er gewußt hat, daß du hier bist, und er hat uns gewarnt.«

Als Lös hinaustrat, waren die anderen mit ängstlichen Gesichtern um den Chef versammelt. Nur der alte Kainz bewahrte seine Ruhe, er empfing Lös mit einem lauten: »Gelt, jetzt is dir besser?« Aber Narcisse wollte kein Wort hören. Schweigen befahl er. Von ihm angeführt, lief der Trupp zum Eingangstor, Fatma stand wartend dort, hinter dem letzten warf sie die Tür zu. Gedämpft klang das Kreischen der Riegel hinter den Enteilenden, wie ein boshaftes, unterdrücktes Gelächter.

Durch dunkle Gassen liefen sie zum Posten, umgingen ihn, langsam und vorsichtig, bis sie zu jener Stelle beim Maultierpark gelangten, wo der Stacheldraht eine Öffnung hatte. Dann erteilte der Chef mit lässiger Stimme seine letzten Weisungen. Er werde vorne zum Tor gehen und dort, ohne sich zu verbergen, eintreten. Entweder schlafe die Wache oder sie sei wach. »Ohne Zweifel«, sagte Lös und lachte keuchend. Der Chef sah ihn böse an. Er liebte es nicht, in Anwesenheit anderer verhöhnt zu werden. Und mit grobem Geschütz schoß er auf Lös: der Korporal täte besser, seinen Geist zu sparen, er habe ihn nötig. Es sei nicht alles in der Administration so, wie es sein solle, er, der Chef, könne davon ein Lied singen. Und wenn man wegen jeder Kleinigkeit wie ein Kind heule, so habe man weiß Gott keinen Grund, sich über andere lustig zu machen. Doch er beruhigte sich gleich wieder. – »Nichts für ungut«, schloß er mit seinem milden Lächeln.

Er ist doch gemein, dachte Lös, aber er konnte dem versöhnenden Lächeln nicht widerstehen. Er entschuldigte sich und streckte dem Chef die Hand hin. Der ergriff sie, sah Lös prüfend an, seine Augen wurden scharf, dann senkte er die Lider darüber und lächelte mild, während er die dargebotene Hand kräftig schüttelte. Also es bleibe dabei, er, der Chef, der jeden Abend Permission bis Mitternacht habe, werde durchs Tor gehen. Es sei ja jetzt schon halb zwei Uhr. Nun, wenn es irgendeinen Anstand gebe, so habe er sich verspätet. Die anderen sollten hier über die Mauer und ruhig den Posten durchqueren. Sammlung in zehn Minuten in der Verpflegung, wo Korporal Lös noch einen Trunk spenden werde. Und über die Achsel sagte er dann leise zu Lös, daß die anderen seine Worte nicht verstehen konnten: »Ich habe für alle bezahlt, wir teilen dann die Kosten, mein Alter.«

»He, Chef, ich komme mit Ihnen«, rief Baguelin hinter ihm drein.

»Verzeihen Sie bitte, verzeihen Sie. Ich habe gar nicht an Sie gedacht. Natürlich, Sie sind ja auch ein Freier, Ihnen hat niemand etwas zu sagen.« Und eifrig auf den Begleiter einredend, verschwand der Chef endgültig.


 << zurück weiter >>