Gustav Frenssen
Peter Moors Fahrt nach Südwest
Gustav Frenssen

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Kapitel V.

Am andern Morgen, als es noch dunkel war, brachen wir auf. Wir sollten in einem großen Bogen nach Nordost den Feind umgehn, daß er nicht samt all seinen Viehherden, eigenen und gestohlenen, nach Osten hin ins englische Gebiet entliefe. Es marschierte vorläufig nur etwa eine Kompanie mit vier kleinen Kanonen; die andern sollten in einigen Tagen nachkommen.

Voran zogen unsre Führer, die Schutztruppler, auf ziemlich guten, zottigen Pferden, das Gewehr im Lederschuh rechts auf dem Bein. Es waren meist alte Afrikaner, Farmer, die als Landwehrmänner zur Fahne gerufen waren. Dann ritt der Hauptmann mit den Offizieren. Dann kam die lange Reihe der Wagen und der Geschütze.

Schwerfällig, von den langen Ochsenreihen gezogen, rumpelten die großen Wagen dahin. Bald mahlten die hohen, schweren Räder im tiefen Sand; bald kletterte ein Rad über einen in der Spur liegenden Stein; in allen Teilen krachend und knirschend fiel der Wagen wieder in seine Lage. Schwarze Treiber liefen neben her, schrien jeden Ochsen mit Namen an und klatschten mit der ungeheuren Peitsche, die sie mit beiden Händen angefaßt hatten. Hinter jedem Wagen, der mit seinem Gespann wohl fünfzig Meter lang war, marschierte eine Sektion in Staub und Sand, möglichst eben außerhalb der Wagenspur, das Gewehr über die Schulter gehängt, den Patronengurt um den Leib. Einzelne Reiter, Offiziere, zogen hier und da neben uns her. Zuletzt kam die sogenannte Nachspitze, ein halber Zug. Das Gelände war meistens mit mannshohem Busch bestanden, der bald lichter, bald dichter war. So zogen wir in unendlich langem Zug auf einem Weg dahin, der durch nichts als durch alte und neue Wagenspuren bezeichnet wurde. Bald stockte hier ein Wagen, weil das Geschirr der Ochsen in Unordnung gekommen war, bald da, weil ein Rad zu tief in ein Loch gefallen war, bald da, weil ein Ochse schlapp wurde und ausgespannt werden mußte.

Die Sonne glühte gleich an diesem ersten Tag trocken und heiß. Der Weg war ziemlich hügelig. Dazu voll von großen Unebenheiten. Um elf Uhr, als die Hitze unerträglich wurde, kamen wir zum Glück an einen schönen schattigen Platz und machten da Rast. Unfern davon war ein schönes, stattliches Farmhaus von den Schwarzen ganz und gar zerstört worden: die Fenster waren herausgerissen, die Stuben ausgebrannt; die schweren, sauber gearbeiteten Möbel lagen zerschlagen durcheinander; viele Bücher lagen verschmutzt und zerrissen umher. Wir kochten uns, jede Backschaft für sich, ein wenig Reis zu Mittag und legten uns dann zur Rast in den Schatten der Wagen. Am Nachmittag zogen wir weiter bis in den späten Abend hinein.

In einer Lichtung machten wir dann ein Lager und befestigten es, indem wir die Wagen im Viereck rund um uns aufstellten. Dazu machten wir noch ungefähr fünfzig Meter außerhalb der Wagen, an allen vier Himmelsrichtungen, je einen kleinen Dornverhau, der mit seiner halbmondförmigen Rundung nach draußen wies, und legten in jeden einen Unteroffizier und drei Mann hinein. Der Unteroffizier mußte in der Mitte des Verhaus stehn und überweg sehn; zwei der Leute mußten seitwärts hinter ihm liegen; der vierte aber mußte bis zum nächsten Verhau, ungefähr vierhundert Meter weit, zwischen die Büsche durch, hin und her gehen. Es war bekannt, daß feindliche Haufen in der Nähe wären.

Ich gehörte in dieser Nacht zum Posten Nummer zwei, lag bis acht Uhr hinter dem Unteroffizier auf der Erde und lugte und horchte in die Nacht hinaus, das Gewehr zur Hand. Von fern her aus dem Busch kam das Geheul fremder, wilder Tiere; leise und niedrig setzte es an und wurde dann höher und heiser. Dazwischen klang ein anderes Geheul, gröber und stoßweise. Dann und wann krachte ein dürrer Ast. Ist es der Posten, der vom andern Verhau zurückkehrt? Ist es der Feind? Ist es ein Tier? Da kommt der Posten langsam und vorsichtig heran. Er beugt sich ein wenig vor und meldet in den Verhau leise: »Von Patrouille zurück. Alles klar.« Es war eine sehr dunkle Nacht.

Kurz darauf kam an mich die Reihe, unterwegs zu gehen, bis an den Morgen. Ich machte mich auf und tappte vorsichtig los und stand oft still und horchte in die dunklen Büsche hinein, die rings um mich standen, und kam zum nächsten Verhau, meldete und ging ebenso wieder zurück. Oft meinte ich deutlich, daß ein dunkler Körper da irgendwo an einem Busch im Grase kauerte. Das Herz klopfte mir wild. Nun brach hinter mir ein Ast. Ich trat mit einem leisen, vorsichtigen Schritt zurück, daß ich einen Busch im Rücken hatte, und spähte nach allen Seiten. Als alles wieder still war, ging ich vorsichtig weiter. Meine Augen gingen eilig hin und her, wie Mäuse in einer Falle.

Da, beim dritten Gang, fiel vor mir, nach dem nächsten Posten zu, ein Schuß. Er schlug knallend durch das stille Dunkel der Nacht. Ich stürzte auf das Knie, riß mein Gewehr hoch und wartete, ob ich ein Ziel sähe. Ich lag eben, da drangen sie auch schon aus der Wagenburg, dem Posten zur Hilfe. Ich hörte ihre Stimmen; dann blitzten ihre Schüsse seitwärts vor mir. Das ganze Lager kam in Bewegung; ich hörte Kommandos; sie schossen eifrig. Ich lag und wartete wohl eine halbe Stunde oder mehr und schoß nicht; denn ich sah kein Ziel. Dann wurde es still.

Da erhob ich mich und ging weiter, langsam und vorsichtig, damit ich nicht unversehens für einen Feind gehalten und beschossen würde. Ich kam glücklich zum Verhau und machte Meldung. Da war dort nur ein Mann. Ich fragte ihn leise, wo die andern wären. Er sagte ebenso leise, sie wären auf den ersten Schuß hinausgegangen, den Angegriffenen zu helfen, und wären noch nicht zurückgekehrt. Da ging ich also wieder zurück.

So wanderte ich in der stillen Nacht hin und her, wie mir gesagt war, und jedesmal, wenn ich zu dem andern Posten kam, beugte ich mich vor und sah in den Verhau und fand immer nur den einen, der stand aufrecht, das Gewehr im Arm und sah ins Dunkle. Und wenn ich leise fragte: »Die andern?« wandte er den Kopf rasch zu mir und hob die linke Hand abwehrend und spähte weiter in die Nacht und sagte kein Wort. Da dachte ich daran, daß es ein Unglück gegeben hätte.

So ging ich hin und her, bis das Dunkel langsam grau und grauer wurde und die kleinen Stimmen in den Büschen zirpten und im Osten in fünf rosigen Streifen das Morgenlicht aufstieg. Da kam die Ablösung.

Und da, als ich ins Lager gekommen und auf meine Backschaft zuging, die um ihr Feuerloch saß, und ich mich so von ungefähr umsah – denn das ganze Bild war mir neu: die großen, schweren Wagen rundum, die alten Afrikaner in ihren hohen Stiefeln hemdärmlig um ihre Feuerlöcher, die beiden Zelte der Offiziere, die schwarzen Treiber in der Ecke in hockender Stellung schwatzend und lachend – und ich gerade den Mund auftun und ganz munter und großprahlig fragen wollte: »Was war das für 'ne Schießerei diese Nacht?« da stand das ganze Lager plötzlich auf und blickte mit großen, ernsten Augen nach dem einen Ende, wo viele zusammenliefen und vor sich auf die Erde sahen. Und einer sagte: »Siehst Du? Da ist es.«

Da wußte ich, was geschehen war. Ich ging mit ihnen zu dem Haufen – die Füße waren mir ganz schwer – und sah drei Kameraden auf der Erde liegend, die ganze Brust blutig, mit offenem Mund und starren, trüben Augen. Ein Unteroffizier, der neben mir hinzugetreten war, sagte: »Es sind die vom Posten drei.« Wir standen und sahen auf sie nieder. Immer mehr kamen hinzu. Wir sagten kein Wort. Ein Offizier trat hinzu, und schickte uns fort.

Einige Stunden später wurden die Toten, in ihre Wolldecken gehüllt, an einer sanften Anhöhe begraben. Acht Mann schossen über ihrem offenen Grab schräg hinauf in die Luft, zu ihrer Ehre. Der Hauptmann sprach ein Vaterunser. Dann saßen wir still und bedrückt an unsern Kochlöchern.

Wir blieben drei oder vier Tage an dieser Stelle. Denn es war Befehl gekommen, daß wir hier den Major erwarten sollten, der mit der andern Kompanie nachkam. Wir mußten viel Dienst machen: Gewehrappelle, Gefechtsübungen im Busch und dergleichen.

Daneben machte uns das Kochen viel Arbeit. Aber wir machten auch viel unnötige Umstände dabei und Ungeschicklichkeiten. Jede Backschaft – das waren meist sechs Mann – machte sich ein Kochloch, so schön, wie es nur möglich war, und machte mit viel Kunst und noch mehr Gerede in einem Kreis eine Rinne darum, knietief, darin ein jeder seine Beine stecken konnte, so daß wir recht behaglich herum saßen. Einige Backschaften prahlten mächtig mit solchen Erdarbeiten. Dann mußte einer, und zwar einer mit gutem Griff und Mundwerk, Proviant vom Wagen holen: Reis, Fleisch, Weizenmehl, Salz, Kaffee. Andere mußten aus dem Busch ums Lager trockenes Holz zusammensuchen. Andere mußten aus den steilen, schwarzen Klippen aus tiefen Wasserlöchern Wasser holen. So hatte jeder seine Arbeit.

Eine schwierige Sache war das Brotbacken. Der eine erinnerte dies, der andere das. Jeder wußte etwas. Einige sahen in Gedanken auf die Erde und hatten dann glücklich eine Erinnerung wie ein Gesicht und sprudelten heraus, was ihnen im Geist erschienen war. Einer, ein Holsteiner aus der Gegend von Neumünster, schien die größte Zeit seiner Kindheit neben seiner Mutter vor dem Backofen gestanden zu haben, der in der Ecke des Gartens am Wall gestanden hatte; er behauptete sogar, seine Mutter hätte ihn mehrmals aus Versehen auf die Schaufel gesetzt und hineingeschoben, er wüßte also nicht allein wie einem Brotbäcker, sondern auch, wie einem Brote zumute sei. Er war ein Schelm, und wir hörten nicht auf ihn. Wir waren sehr neugierig. Besonders machte der Sauerteig uns viel Gedanken. Nach langen, hitzigen Reden und nach viel Gelauf hin und her zu andern Backschaften machten wir ihn aus Rum und Mehl. Einige standen schon lange mit aufgekrempelten Ärmeln bereit zum Kneten. Einer schlug vor, daß sie sich vorher die Hände waschen sollten. Er bekam aber einen scharfen Verweis, daß er einen Vorschlag mache, der lächerlich wäre. Es gab kein Wasser zum Händewaschen. Sie kneteten den Teig fleißig. Sie legten ihn vorsichtig ins Kochgeschirr auf das gelinde Kohlenfeuer. Er ging auch ein wenig in die Höhe. Er bräunte sich auch ein wenig. Aber er war dann doch klitschig und klebrig.

Abends saßen wir um das verglimmende Feuer und sprachen von der Stellung der Feinde und dem Verlauf des Feldzuges – es liefen viele wilde und auch wunderliche Gerüchte hin und her – und kamen auf das letzte Gefecht: daß wir keinen einzigen toten Feind gefunden hatten, und ob die drei vielleicht von uns selbst erschossen wären, und schüttelten sehr die Köpfe und sahen in die Glut, und einer beugte sich vor und half dem Feuer ein wenig auf. Dann kamen wir auf Kiel zu sprechen und auf die Heimat. Und jeder erzählte von seinem Leben und seiner Kindheit und lobte sie. Und besonders die Schwaben redeten viele und große Worte, was sie da alles hätten und könnten. Dann legten wir uns so, wie wir saßen, im Kreis um das Kochloch, legten die Decke über uns und schliefen.

Am vierten Abend, als es schon dunkel war und wir um die Feuer saßen, sahen wir im Osten Lichter blitzen. Bald darauf blitzte es auch im Westen. Wir kamen sehr in Aufregung; wir meinten, es wären Signale, welche die Feinde sich gäben, uns anzugreifen. Es stellte sich einen Augenblick wie ein weißer Stern am Horizont, und verschwand, und erschien gleich wieder. Es schien ganz nahe. Aber am andern Morgen erzählte mir Gehlsen, daß es Lichtsignale der Unsrigen gewesen wären, die fern im Osten, mitten unter den Feinden, in einer Feste saßen. Sie hatten über uns weg nach Westen hin, der Hauptstadt zu, ihre Meldung gemacht und von da Antwort bekommen.

Am andern, dem fünften Morgen, in aller Frühe, sahen unsere Posten den Major heranziehen. Da stiegen viele auf die Wagen und sahen den langen, langen Zug, der langsam aus den Schluchten der Berge herauf kam, und wir redeten, als wären wir schon alte Afrikaner, obgleich wir ihnen doch bloß um vier Tage und drei Tote voraus waren, und sagten einer zum andern: »Na, der Alte wundert sich! Das ist ein anderes Marschieren als in Kiel!« So standen wir und sahen, wie sie zu uns heraufzogen, und freuten uns besonders, als wir den Alten erkannten. Wir waren ihm zum erstenmal überlegen.


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