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Kapitel 27.


Und der Mond, die Sterne sagen's,
Und in Träumen rauscht's der Hain,
Und die Nachtigallen schlagen's:
Sie ist Deine, – sie ist Dein!

Eichendorff.

 

Eine ungeheure Aufregung bemächtigte sich aller Anwesenden. Gräfin Fränzchen war ein Junge! Die Tochter des Majoratsherrn war ein Sohn! –

Grenzt das nicht an Wahnwitz? Ist solch ein Ungeheuerliches überhaupt zu glauben?

Graf Rüdiger hatte das Haupt erhoben und mit gläsernem Blick die überraschende Erscheinung des neuen Neffen angestarrt, dann griff er nach der Stirn und preßte sekundenlang die kalte Hand dagegen, als müßte er seine Gedanken gewaltsam sammeln. Seine Lippen zucken, – aber er spricht nicht.

Seine Gemahlin war in dem ersten fassungslosen Schrecken bis in die Lippen erbleicht. Voll Entsetzen hafteten ihre weit aufgerissenen Augen auf »dem Sohn Fränzchen«, welcher wie ein junger Theatergott aus der Versenkung gestiegen, um die schönsten, goldensten, sichersten Pläne und Hoffnungen einer Familie zu Schanden zu machen!

Willibald hat einen Sohn! Das Majorat fällt nicht an Wulff-Dietrich? Ja, du großer Gott, was soll alsdann aus ihnen werden, die durch Hartwigs Schulden vor der Zeit an den Bettelstab gebracht sind? Eine hülflose Angst, ein Gefühl rettungsloser Verlassenheit überkommt die verwöhnte, siegesbewußte Frau! Sie blickt auf ihren Gatten, welcher noch mehr denn zuvor in sich zusammengesunken ist und mit blödem Blick ins Leere stiert.

Er sieht nicht aus, als ob er guten Rat für Hülfe wüßte! Frau Melanie hat das Gefühl, als müsse sie gleich einem Kind laut aufweinen und in ratloser Verzweiflung die Hände ringen, – da sieht sie, wie die Angerwieser sie forschend anstarren, wie die Augen aller mit gar wunderlichem Ausdruck auf sie gerichtet sind! Noch einmal hebt sich der alte Trotz und Hochmut in ihr. Sie beißt die Zähne zusammen und wendet sich wie eine Marionette an Johanna. »Welch eine Überraschung, liebe Cousine! und so lange haben Sie das stolze Glück, einen Sohn zu besitzen, verheimlicht?«

Ihre Stimme klingt heiser. Johanna drückt ihr herzlich die Hand und weist stumm auf ihren Gatten, welcher, den Sohn neben sich winkend, abermals die Stufe besteigt.

»Meine Herrschaften!« ruft er mit strahlenden Augen, »ich habe Ihnen soeben in meinem Sohn ein Rätsel präsentiert, dessen Auflösung ich umgehend folgen lassen möchte. Falls irgend jemand der hier Anwesenden das »Indignat« – er lächelte – »und die »Echtheit« meines Sohnes anzweifeln möchte, so erlaube ich mir auf etliche Zeugen aufmerksam zu machen, welche jeden gewünschten Nachweis führen können!« Der Sprecher wies mit kurzer Verneigung auf drei Herren, welche dem jungen Franz durch die Kapellenthüre gefolgt waren. »Da ich darauf gefaßt sein mußte, daß mir seinerzeit große Schwierigkeiten erwachsen würden, wenn ich eines schönen Tages meine Tochter in einen Sohn umwandeln wollte, habe ich bei der Geburt meines Kindes alle Schritte gethan, um seine Succession zu sichern. Die Herren Rechtsanwälte hier stehen zur Verfügung!«

Eine kurze Pause tiefen Schweigens, die genannten Herren drehten die Aktenrollen in den Händen.

Graf Rüdiger hob mit müdem Lächeln den Kopf. »Dein Sohn ist Dein sprechendes Ebenbild, lieber Willibald, und weist andererseits auch so viel Ähnlichkeit mit der Mutter auf, daß jeder Zweifel bei seinem Anblick ausgeschlossen ist!«

»Ich danke Dir, Rüdiger! Franz Johann Borwin, Reichsgraf von Niedeck, ist mir am 20. Juni 18.. von meiner Gemahlin Johanna, Freiin von Nördlingen, zu Wiesbaden geboren und daselbst im Register und Kirchenbuch eingetragen. Was mich veranlaßte, den so heißersehnten Sohn und Erben lange Jahre hindurch unter der Maske einer Tochter zu ›verheimlichen‹, möchte ich mit kurzen Worten erläutern. Ich muß da leider auf eine schwere, traurige Zeit zurückkommen, deren sich wohl alle Anwesenden noch entsinnen. Ich meine jene Tage, in welchen der Entmündigungsantrag gegen meine Person gestellt wurde. Daß mich derselbe namenlos erbitterte und mich auf das äußerste mißtrauisch machte, bedarf wohl keiner Versicherung, ich hielt in jener Unglückszeit die Majoratsherren von Niedeck für vogelfreies Wild, welches an keinem Ort seines Lebens und seiner Freiheit sicher war. Ich bitte um Vergebung, wenn ich in meiner grenzenlosen Erbitterung mit diesem Verdacht zu weit ging. Ehe mein Kind geboren ward, gelobte ich mir, alles zu thun, um es gegen böse Nachstellung zu sichern, falls es der künftige Majoratsherr sein solle, – und er war es! Da deuchte mir kein Mittel sicherer, mein Kleinod zu schützen, als das, vor der Welt den Knaben – zum Mädchen zu machen. Nur wenige treu erprobte Personen unserer Umgebung wußten um das Geheimnis. Da dasselbe hier auf Niedeck nie zu wahren gewesen wäre, entschlossen wir uns, auf Reisen zu gehen, um den Knaben ohne Sorge als echten Knaben erziehen zu können. Wir lebten unter falschem Namen im Auslande, und Franz ist wie jeder andere Junge in Hosen aufgewachsen! nur die kurze Zeit, welche wir in den letzten Jahren hier verlebten, waren wir gezwungen, unseren wilden Schlingel in Mädchenkleider zu stecken, eine Komödie, welche ihn, seinem Alter entsprechend, königlich ergötzte und meine Frau und mich oft derart amüsierte, daß wir fürchteten, unsere eigenen Verräter zu werden. Ich hatte eigentlich die Absicht, das Geheimnis erst bei der Volljährigkeitserklärung meines Sohnes zu lüften, und dieser Tag sollte der Triumph meiner Rache sein. – Gottes Wege aber sind unerforschlich, wundersame Schicksalswirren haben mich bestimmt, den Zeitpunkt zu verfrühen, und es ist wohl in jeder Weise besser so; Gott sei Lob und Dank erweist sich mein Sohn als militärtüchtig und hegt außerdem den Wunsch, zu studieren, – da wird es hohe Zeit, daß seine Hauslehrer das Feld räumen! – Für meinen lieben Neffen Wulff-Dietrich, welcher meinem Herzen aufrichtig teuer geworden, würde mir dieser Wechsel der Dinge unsagbar leid thun, wenn ich nicht wüßte, daß gerade der Verlust des Majorats ihm in hohem Grade willkommen wäre. Seine pekuniären Verluste auf das möglichste zu beschränken, soll mir eine liebe Pflicht und Sorge sein. Du aber, lieber Vetter Rüdiger, sollst dieses Tages auch nicht im Groll gedenken! – Ich habe Dir von Herzen verziehen und das Vergangene soll vergessen sein. Über Deine Zukunft möchte ich nachher mit Dir verhandeln, – dieselbe sorgenfrei zu gestalten, soll die schöne Rache sein, welche ich an Dir nehme, und ich denke, Du bist in Zukunft nicht allein mein Vetter, – sondern auch mein Freund!«

Der Sprecher verließ seinen Platz, streckte Wulff-Dietrich und dessen Vater voll inniger Herzlichkeit beide Hände entgegen und zog den Kammerherrn, welcher so laut, als es seine schwache Stimme gestattete, sprach: »Du hast mir vergeben, Willibald! Gott segne Dich dafür!« ergriffen an die Brust, und während die Stimmen der Anwesenden laut und erregt durcheinander schwirrten, blickte Willibald dem Vetter in die Augen und fuhr leise, voll nervöser Hast, fort: »Ich will in dieser Stunde ehrlich zu Dir sein, Rüdiger, ganz ehrlich und offen! Sieh, ich habe Dich gehaßt, so lange ich denken kann, so lange wie ich Dich kenne! Ich hatte Dir Rache geschworen und übte sie aus; nicht allein aus Vorsicht und Mißtrauen verheimlichte ich Dir die Existenz meines Sohnes, – noch ein anderer Grund war es, welcher mich dazu bestimmte. Du wolltest mich an Geld und Gut zum Bettler machen und in ein Irrenhaus sperren, – dafür wollte ich Dich wieder zu Grunde richten; in der Hoffnung auf das Majorat verpraßtest Du Dein Vermögen und Hartwig machte Schulden. An dem Tage aber, wo ich Euch, die zu Bettlern geworden, den Erben von Niedeck vorstellen wollte, sollte auch meine Rache ihren Triumph feiern. Gottes Wege sind aber wunderbar und er spricht: Ich will vergelten! – Seit Wulff-Dietrich meinen Weg kreuzte und ich den braven, edlen Mann in ihm achten lernte, ist es anders in mir geworden. Mein prächtiger Franz hat redlich das Seine gethan, meinen Haß in Liebe zu kehren, und wenn ich Dir heute sage, Rüdiger, daß ich Dir vergeben habe, so ist es kein leeres Wort. – Nun soll fortan auch die Vergangenheit begraben und vergessen sein; um Wulff-Dietrichs willen!« –

Der Kammerherr wollte sprechen, aber seine Lippen, die schmalen, farblosen, bebten nur, und über das abgemagerte Gesicht lief ein krampfhaftes Zucken. Er drückte die Hände des Sprechers und nickte ihm stumm zu, und dann traf sein Blick Wulff-Dietrich, welcher, den Arm innig um Fränzchen geschlungen, dem lebhaft plaudernden jungen Vetter zuhörte.

»Nun verstehe ich meinen Sohn! nun weiß ich, warum er nicht in den Tag hineinleben und von dem Majorat abhängen wollte! Er steht auf eigenen Füßen! – O, Gott im Himmel, wie dank ich Dir jetzt dafür!«

»Und er beklagt den Verlust nicht, Rüdiger!« nickte Willibald mit strahlendem Blick. »Er hat sich aus eigener Kraft zu dem gemacht, was er ist, und er wird seinen Weg auch fernerhin in Stolz und Ehren gehen, zu einem höheren Ziel, als wie jener mühelos ererbte Reichtum es ist! Hut ab vor einem Mann, welcher sich nicht zum Spielball des launischen Schicksals macht, sondern dasselbe sich und seiner Thatkraft unterthan macht! Gebe Gott, daß Franz sich ein Beispiel an ihm nimmt; – noch degeneriert kein Geschlecht, an dessen Stammbaum zwei solche markig kerngesunde Reiser sprossen!«

*

Noch hatte Wulff-Dietrich kein Wort mit Pia gewechselt. Ja, erst ein einziges Mal hatten sich ihre Blicke begegnet, als das junge Mädchen voll höchster Überraschung und Betroffenheit den Namen »Fränzchen!« gerufen.

Fränzchen war ein Franz!

Da hatte Pia in unbewußter Erregung ihr Antlitz dem Nachbar zugewandt und die Blicke trafen sich, heiß aufglühend, in unaussprechlichem Gefühl!

Sekundenlang ruhten sie ineinander und sagten sich, so stumm sie waren, dennoch tausend Worte namenloser Seligkeit!

Und dann stürmte Franz herzu, die Arme um sie zu schlingen und ihre Hände in den seinen zu vereinigen, – wie zuckten sie empor! Wie schlugen glühendheiße Flammen von ihnen hinauf zum Herzen! und dann begann das allgemeine Durcheinander, der Bann war gebrochen und die Aufregung suchte nach Worten!

Onkel Willibald zog den Neffen von ihrer Seite fort in die Arme, und Tante Johanna trat an sie heran und blickte mit thränenglänzenden Augen zu ihr auf.

»Pia!« flüsterte sie, »vergiß es nie in Deinem Leben, was mein Sohn in dieser Stunde für Dich that; ahnst Du nun, wie es in seinem Herzen aussah? Merkst Du nun, welch ein liebes Geheimnis wir für Dich hüteten? Ach, Pia – wie innig, wie mit ganzer Seele hat Franz Dich geliebt! Du warst das süße, weihevolle Ideal seiner Jugend, und wir Eltern sahen in Dir, trotz des Altersunterschieds, dennoch seine künftige Gemahlin! – O, blick mich nicht so staunend an, Pia! Du bist vier Jahre nur älter wie er, – was bedeutet das in unserer heutigen Zeit? – und Du warst ja die einzige Tochter des Landes, welche ein Niedeckscher Majoratsherr heiraten konnte! Als Franz seine Liebe dem Vetter opferte, als er Dich selber in seine Arme führen wollte, verzichtete er für sich selbst auf die Erbfolge von Niedeck, denn entweder mußte er unvermählt bleiben oder eine nicht vollgiltige Frau heiraten, wodurch seinen Kindern das Erbe verloren war, falls Wulff-Dietrichs Ehe durch einen Sohn gesegnet ward! Und dennoch brachte Franz Dir dieses große, große Opfer, Pia, weil sein goldgetreues Herz Dich nicht leiden sehen konnte! Gott sei gelobt, daß sein Edelsinn nicht auf alles verzichten muß; in dem Fräulein von Runow finden wir nun vielleicht doch noch die passende Frau für ihn, welche ihn, so Gott will, auch glücklich macht. Er ist jung und in der Jugend verwindet man den Schmerz und den Verlust der ersten Liebe leichter, wie in gereifteren Jahren! Nun aber wollen wir froh und zuversichtlich in die Zukunft schauen, und Du wirst dieser Stunde eingedenk bleiben, Pia, und, wie es auch im Leben noch kommen möge, unseres Sohnes treue Freundin sein!«

Fassungslos errötend und erbleichend hatte das junge Mädchen den leise geflüsterten Worten gelauscht; wie dichte Schleier zerriß es vor ihren Augen, – ja, nun verstand sie das eifersüchtige, verliebte, wunderliche Fränzchen! Nun wußte sie, auf wen sie hatte warten sollen, was Tante Johanna für Wünsche und Pläne hegte, und warum sie anfangs ihrer Verbindung mit Wulff-Dietrich nicht günstig gesonnen war! Armer, armer Franz! – Thränen stürzten aus ihren Augen, sie schlang die Arme um den Hals der Gräfin und schluchzte leise auf, – es war zu viel des Aufregenden, welches so plötzlich auf sie einstürmte. Johanna küßte zärtlich die zarten Wangen.

»Laß es Freudenthränen sein, die Du weinst,« lächelte sie, »das Glück schwebt ja über Dir, und mein braver Junge ist Gottlob kein sentimentaler Kopfhänger! Da, sieh nur, wie er sich mit Gert neckt! Ich glaube wirklich, der Schlingel will noch immer mit ihm kokettieren!«

Pia drückte das Spitzentuch gegen die feuchten Wimpern und mußte trotz ihrer schmerzlichen Erregung lächeln. Nein, Gott sei Dank, Fränzchen nimmt es nicht mehr tragisch mit seiner ersten Liebe, oder krönt er nur sein edles Werk der Entsagung, indem er diese ausgelassene Heiterkeit zur Schau trägt?

Musikklänge ertönen aus der Rüsthalle. Der Krönungsmarsch, welcher auf stolzen, majestätischen Klangwellen daherbraust.

Noch einmal ergreift Willibald das Wort, um der Versammlung mitzuteilen, daß er am heutigen Tage noch darauf verzichte, seinen Sohn Franz aufschwören zu lassen und diesen feierlichen Akt bis zur Volljährigkeit des jungen Grafen hinauszuschieben gedenke. Der Zweck der heutigen Zusammenkunft sei erreicht, da die Anwesenden nunmehr den künftigen Majoratsherrn von Niedeck kennen gelernt hätten. Ihn auch lieben zu lernen, sei hoffentlich die erfreuliche Folge des ersteren, und somit bitte er seine verehrten Gäste, ihm zu folgen, das Wohl des jungen Erbherrn mit klingenden Gläsern auszubringen!

*

Pia sitzt während der Tafel an Wulff-Dietrichs Seite. Zum erstenmal tauschen sie ein paar Worte miteinander, ruhige, höfliche, gleichgültige Worte, denn ringsum giebt es neugierige Augen und Ohren, welche sich für die Unterhaltung interessieren.

Und doch empfinden die beiden jungen Leute diesen zeremoniellen Verkehr nicht als Qual; er deucht ihnen vielmehr in wohlthuender Weise die Brücke, welche gütige Feenhände vermittelnd von dem Ehemals zum Jetzt herübergeschlagen.

Ihnen gegenüber sitzen Fränzchen und Gert. Der junge Marineoffizier sieht gar nicht aus wie einer, welchem die zärtlichsten Hoffnungen und Wünsche zu Wasser geworden sind! Im Gegenteil! das hübsche junge Gesicht strahlt wie eitel Sonnenschein und die Laune ist die denkbar rosigste, – sie wetteifert mit derjenigen des jungen Erbherrn! –

Pia kann sich gar nicht sattsehen an der so jäh verwandelten Cousine! wie war es nur möglich, daß sie sich so lange täuschen ließ!? Jetzt, nachdem das gelöste Rätsel in Kniehosen vor ihr sitzt, begreift sie es selber nicht mehr, daß Fränzchen jemals ein Mädchen gewesen sein sollte! – Dieses ausgesprochene Knabengesicht, all diese Manieren, – diese Bewegungen!

Was in Mädchenkleidern so unbeschreiblich tölpelhaft und ungraziös aussah, wirkt in dem eleganten Pagenanzug äußerst sympathisch und angenehm! – Das unschöne Mädchen ist ein außerordentlich netter, frischer und ansehnlicher junger Mann geworden! –

Aber Fränzchen gefällt sich auch jetzt noch ganz ausnehmend gut in ihrer Mädchenrolle, nachdem sie die Umsitzenden voll überzeugender Lebhaftigkeit versichert hat: »Ganz famos habe ich mich in den Mädchenkleidern amüsiert! Über die Maßen gut! So ein bißchen verkleiden und maskieren mochte ich mich immer gern! Es war jedesmal mein Hauptulk, wenn es nach Deutschland ging und Papa sagte: »So, mein Junge, nun wirst Du wieder als Komtesse frisiert!!« – – Die ersten Tage mußte ich dann Gehübungen in den langen Schlumperkleidern machen, und die Eltern und mein Hauslehrer lagen dabei auf dem Rücken vor Lachen! – O – und wie nun gar erst die Pia ins Haus kam! die erste Zeit fand ich es prachtvoll, als liebe Cousine von ihr verhätschelt zu werden, – alle Donner, wie habe ich sie abgeküßt!! – Feste! – Alle fünf Minuten einen Schmatz, bis es leider Mama sehr beschränkte! Und dann Wulff-Dietrich! wie höflich und galant er zu mir war, – und die Studenten und Reisenden, was sie immer für dämliche Gesichter machten, wenn ich mit ihnen kokettierte! –

Aber am allerfidelsten war es doch mit Gert! – ja, Du! wie ein verliebter Schäfer hast Du mir die Cour gemacht, und in der Grotte ... hm ... sag mal, alter Freund, war es nicht uranständig von mir, daß ich Dich absolut nicht zu Worte kommen ließ? Na, Prost! – armer Kerl, es ist Dir verteufelt sauer geworden, mir die Schleppe zu tragen, und darum trinke ich auf Dein ganz Spezielles! Hoch! Du und das blonde Gretelein, dessen schöne Photographie Du in der Brusttasche trägst! ihr beiden sollt leben ... zusammen nämlich – vivat hoch!« –

Gert war ein wenig verdutzt, aber er machte sich keine Skrupel über die Wissenschaft des Vetters, sondern stieß mit ihm an, daß die Gläser klirrten! – Als aber Fränzchen sich schmachtend an ihn lehnte und abermals die Hand zum Kuß bot – da klappte er den Schlingel doch auf die Finger, sagte »Pfui Deiwel!« und wischte sich den Mund. »Infamer Bengel! ich glaube gar, Du willst Dir noch immer den Hof machen lassen!« –

Der junge Graf verdrehte gefühlvoll die Augen und seufzte: »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht –!«

»Das weiß Gott! ich bin mächtig über ihn gestolpert!« –

»Leider nicht vor meine Füße! höre Gert, eigentlich ist's doch schade, daß ich kein Mädel bin, wir würden ein sehr glückliches Paar geworden sein! hattest Du nicht vielleicht schon ein paar lyrische Gedichte auf mich gemacht?« –

Der junge Offizier nickte ernsthaft: »Dir holden Maid im Linnenmieder – Dir klingen meine Minnelieder! Oh, Tante, gieb den Mutterkuß – bevor ich auf den Kutter muß! – denn zweimal sieben ist ›verzehn‹ – und die Liebe brennt im Herzehn!«–

Fränzchen jubelte derart auf, daß die ganze Tafelrunde teils erschreckt, teils amüsiert die Köpfe hob, er schlang den linken Arm um den Dichter von Gottesgnaden und hob mit der rechten Hand das Sektglas. »Ha, welche Lust! ha welche Lust! ha, welche Lust, ein Mädchen sein!« – sang er mit schallender Stimme. Dann aber huschte sein Blick plötzlich wieder zu Pia hinüber und er leerte das Glas hastig bis zum Grunde. »Lilian!« rief er aufgeregt: »Ich kann die weißen Rosen nicht ausstehen! sie passen gar nicht zu Dir! weg damit, hier sind bessere!« – und er griff mit übermütigem Lachen in den großen Strauß Purpurrosen, welcher vor ihm die Tafel schmückte und streute die Blüten über den Tisch herüber auf Pias Platz.

Das junge Mädchen war bei dem Namen »Lilian« heiß errötet, und sie neigte das Haupt tief zur Brust, um Wulff-Dietrichs Blick nicht zu begegnen. Dieser aber nahm die schönsten der Rosen und fügte sie zusammen, und dann neigte er sich ganz nahe zu ihr hin und flüsterte mit weicher Stimme: »Lilian – ist die Zeit der weißen Rosen noch nicht um? –«

Da blickte sie zu ihm auf, lächelnd, wie verklärt, nahm die Rosen aus seiner Hand und steckte sie an die Brust ...

»Merkwürdig!« sagte der Bürgermeister von Angerwies just zu seinem Nachbar: »Dem Graf Wulff-Dietrich scheint der Verlust von Niedeck nicht nahe zu gehen! seht nur wie er dreinschaut! nicht, als habe ihm der heutige Tag ein Majorat genommen, sondern ihm eine Königskrone in den Schoß geworfen!« –

»Seltsam, sehr seltsam!« nickte der andere und schnitt mit dem goldenen Vorlegelöffel eifrig in die warme Pastete, welche just serviert wurde.

*

Die Tafel war aufgehoben, und in dem Augenblick, wo die Diener die breiten Flügelthüren zu der Terrasse öffneten, knatterte und zischte und sprühte es draußen in buntleuchtenden pot au feu's auf, – die Angerwieser Bürger brannten endlich das schon lange projektierte Feuerwerk ab.

Wie ein Bienenschwarm surrte und summte es im Schloßhof und auf der breiten Fahrstraße des Burgbergs, und der Graf Willibald bot seiner Tischgenossin lachend den Arm, um sie zum Anblick der pyrotechnischen Kunstleistung in die köstlich frische Abendluft hinauszuführen.

Die anderen Paare schlossen sich an, und auch Wulff-Dietrich bot seiner holden Nachbarin den Arm. Er fühlte wie ihre kleine Hand bebte, und drückte sie fester, leidenschaftlicher an die Brust.

Da, wo die Terrasse in breiter Rundung nach dem alten Gemäuer der Ruine zu vorspringt, wo die aufgehängten Lampions nur ein mildes, träumerisches Dämmerlicht verbreiten und das Stimmengewirr der jubelnden Menge verklingt, – dahin führte Wulff-Dietrich die Geliebte. Schweigend schritten sie nebeneinander her, beide fühlten und empfanden, daß jedes Wort zu arm sei, um ihres Herzens Überfülle auszudrücken.

Dann aber blieb Wulff-Dietrich plötzlich stehen, nahm beide Hände des jungen Mädchens voll leidenschaftlicher Erregung in die seine und zog die schlanke Gestalt zu sich heran.

»Pia,« murmelte er mit halberstickter Stimme: »Der barmherzige Herrgott im Himmel erhört noch das Gebet der Seinen! ich bin nicht mehr der Majoratsherr von Niedeck – ich bin ein selbstständiger freier Mann, über dessen Herz und Hand keine Macht der Welt mehr bestimmen kann, es sei denn die der Liebe! – Nur sie allein! Den Freier, welcher Dir Reichtum und Pracht bieten wollte, wiesest Du ehedem stolz zurück, – nun stehe ich – bar aller dieser Herrlichkeit vor Dir, arm und schlicht, nur das mein eigen nennend, was meiner Hände Fleiß für uns erwirbt! Es ist kein glänzendes Loos mehr, welches ich Dir bieten kann, kein Ahnenschloß wie dieses hier, aber es ist ein Nestchen, welches die Liebe baut, – weich und warm ...«

Er vollendete nicht, zwei weiße Arme schlangen sich in zitternder Aufregung um seinen Nacken, ein thränenbetautes Antlitz schmiegte sich voll heißer Zärtlichkeit an seine Wange.

»Wulff-Dietrich!« klang es wie ein leiser Aufschrei unaussprechlicher Wonne zu ihm auf.

Und hinter ihnen, über die dunklen Platanenwipfel sprühte ein Funkenregen, tausende von bläulich flimmernden Sternchen schwirrten durch die dunkle Nacht, just, als sei des Himmels funkelnde Herrlichkeit auf die Welt herabgesunken. Dann leuchteten die Buntfeuer, Raketen stiegen zischend auf und farbige Leuchtkugeln schwebten leis und graziös zwischen den flüsternden Wipfeln empor.

»Und jener andere, Pia – welchen Du liebtest und von dem Du mir im ersten Briefe schriebst, jener unbekannte Gott, um dessentwillen ich auf Dich verzichten sollte?« – lächelt der junge Graf.

»Er hieß Forstassessor Karl Hellmuth!« antwortete sie mit strahlendem Blick in seine Augen: »Ich hatte ihn im Traume gesehen und liebte ihn – wie Elsa ihren Retter liebte!« –

Er küßte ihr voll trunkener Seligkeit die Worte von den Lippen. –

Aus dem Schatten des Treppenpfeilers löst sich eine zierliche Pagengestalt, einen Augenblick steht Fränzchen und preßt die bebenden Lippen zusammen wie ein Kind, welches energisch gegen die Thränen kämpft, noch einmal zuckt sein Herz unter brennendem Schmerz empor und die sonst so keck blitzenden Augen haften mit umflortem Blick auf der lieblichen Mädchengestalt. – Wie sehr hat er sie geliebt! mit der vollen, heißen Inbrunst seiner jungen Seele, – mit der schwärmerischen Glut einer ersten Jugendliebe! – Nun ist sie die Braut eines anderen, seines besten Freundes! – Ja, er hat ihm die Freundschaft gehalten, treu und redlich, er hat dem Wahlspruch seines alten Geschlechts Ehre gemacht; er ist ein ritterlicher Sprosse seines Geschlechts, ein echter Niedeck, und wenn auch das Schwert des Ahnherrn heute noch nicht seinen Scheitel segnend berührte, dieser Tag hat ihm dennoch den Ritterschlag gegeben, in ernster, stiller Herzensweihe. Wulff-Dietrich hält die Braut im Arm und küßt sie, und Fränzchens wild pochendes Herz wird ruhig; – voll stolzer Genugthuung blickt er auf sein Werk und hebt den Kopf frisch und energisch in den Nacken. Sein Opfer würde nicht vollkommen sein, wenn jene beiden glückseligen Menschen merkten, was ihm diese Stunde gekostet! Also frisch auf! das tolle, lustige, übermütige Fränzchen von ehedem zu sein! – ihnen zuliebe! –

Voll stummer Innigkeit breitet der Page noch einmal die Arme nach dem Brautpaar aus, – sein Segensgruß! und dann verschwindet die dunkle Gestalt ebenso unbemerkt, wie sie aufgetaucht ist. –

*

An der Terrassenbrüstung steht Graf Willibald, neben ihm sein Sohn Franz. Er spricht zu den Bürgern von Angerwies, dankt für die freundliche Ovation, erwähnt das Vergangene, die Untreue, welche Strafe verdiente, und gedenkt der neuen Sinnesänderung, welche Verzeihung erwirkt habe. – Dann kündigt er an, daß alle Privilegien, welche er vor siebzehn Jahren dem Städtchen entzogen, demselben neuerdings wieder zuerteilt werden sollen. »Auf Wunsch meines Sohnes Franz habe ich den jetzigen günstigen Zeitpunkt wahrgenommen, für die Stadt Angerwies zu wirken, daß dieselbe mit Militär belegt werden soll! Den Bau einer Kaserne wünscht mein Sohn aus eigenen Mitteln zu bestreiten und werden wir in den nächsten Tagen mit einer Kommission das Nähere besprechen und das notwendige Terrain in Augenschein nehmen!!«

Der Sprecher muß eine Pause machen, denn ein tobendes, jauchzendes Hurrahgeschrei verschlingt seine Worte, ein grenzenloser, nicht endenwollender Jubel schallt und hallt durch die stille Nacht, der stets von neuem gipfelt in dem brausenden Ruf: »Es lebe Graf Franz, der künftige Majoratsherr von Niedeck!« –

*

Jahre waren vergangen.

Wulff-Dietrich ist schnell zu Rang und Würden emporgestiegen und lebt mit seiner angebeteten jungen Frau in glücklichsten Verhältnissen in der Residenz. Vetter Franz, welcher sein Jahr bei den Dragonern abdient, ist täglicher Gast in ihrem Hause; wie man sich erzählt, ist Frau Pia seine Vertraute und unterstützt seine Werbung bei der reizenden Mercedes von Runow, welche nicht allein für Schloß Niedeck, sondern in erster Linie für den so sehr lustigen, natürlichen und herzensguten, allgemein so außerordentlich beliebten Majoratsherrn schwärmt.

»Wie werden sie so glücklich werden!« lächelt Pia oft strahlenden Auges und Wulff-Dietrich antwortet zärtlich: »So glücklich wie wir! das gebe Gott!« – –

Lieutenant Gert beabsichtigte thatsächlich auf den Kapitänlieutenant zu warten, um sein blondes Gretelein heimzuführen, um so mehr überraschte eines Tages seine Verlobung mit ihr. – Wie war das möglich? Je nun, man munkelte so mancherlei und erzählte es sich schließlich als Faktum, daß Graf Franz in seiner Freundschaft für den Vetter die pekuniären Hindernisse aus dem Wege geräumt habe. Zum Polterabend sei er in recht origineller Aufführung erschienen – als Reif in der Frühlingsnacht, welchen man furchtbar habe hinplumpsen hören!

Graf Willibald lebt mit seiner Johanna nun dauernd auf Niedeck, alljährlich die ganze Familie um sich versammelnd, – eine lustige, glückselig belebte Zeit, auf welche sich Jung und Alt das ganze Jahr über freut.

Graf Rüdiger bewohnte mit seiner Gemahlin zwei Jahre lang das Gut Sonnenhof, welches Willibald ihnen zum Wohnsitz samt seinen Renten überwiesen hatte. Aber das schwere Nervenleiden, welches seit dem Tode Hartwigs mit erschreckender Schnelle um sich griff, benötigte seine Überführung nach einer Nervenheilanstalt, woselbst er nach kurzer Zeit verstarb. Seine Witwe lebt mit ihrer, ebenfalls verwitweten, sehr wohlhabenden Schwester auf Reisen, und Sonnenhof ist als Patengeschenk Willibalds an das älteste Söhnchen Wulff-Dietrichs übergegangen.

Nun jubelt und jauchzt es auf Niedeck von frohen Kinderstimmchen; auch Fränzchen ist verheiratet und der Klapperstorch ist Niedeckscher Hoflieferant geworden. Der alte Stammbaum blüht frisch auf, von »degeneriert sein« ist nichts bei den jungen Sprossen zu merken. Dennoch geht das Gerücht um, die Gnade des Herzogs habe den Bann der sechzehn Ahnen gelöst, und mit ihm die gekettete Hand des künftigen Majoratsherrn.


Druck von A. Rietz & Sohn, Naumburg a. S.

 


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