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Kapitel 22.


Drücke den Pfeil zu schnell nicht ab, der nimmer zurückkehrt;
Glück zu rauben, ist leicht, es wieder zu geben – so schwer!

Herder.

 

Eine halbe Stunde später klopfte es an Pias Zimmerthüre.

»Kann ich hereinkommen, Bäschen? bitte, schließe doch mal auf!« –

»Laß mich bitte noch ein Weilchen in Frieden,« antwortete nach abermaligem Klopfen eine heisere Stimme: »Ich bin vom Regen durchnäßt und ziehe mich um!«

»Gut! ich komme später wieder! nicht wahr, Du beeilst Dich recht sehr?« –

»Ja, Fränzchen, ich beeile mich.«

Und abermals blieb das junge Mädchen allein. Es war still um sie her, nur die Regentropfen schlugen eintönig gegen die Scheiben, der Wind sauste wie leises Klagen und ab und zu klang ein Schiffssignal durch den Nebel.

Eine Stunde verstrich.

Da klopfte es wiederum energisch, sehr laut. Fränzchen nannte es »Pauken!« –

»Bist Du nun endlich fertig? ich langweile mich zu Tode bei dem Schandwetter! außerdem habe ich Dir unbändig viel interessante, hochwichtige Dinge zu erzählen!«

Da sprang der Schlüssel knarrend herum und Fräulein von Nördlingen öffnete, aber sie schritt sofort zurück und setzte sich auf einen Sessel nieder, welcher im dunkelsten Winkelchen des Zimmers stand. Da sie dem Fenster den Rücken kehrte, blieb ihr Antlitz beschattet. Sie nahm eine kleine Stickerei zur Hand und zog mechanisch die bunten Fäden durch den weißen Seidenstoff. Fränzchen trat geräuschvoll und lebhaft, wie immer, ein, warf sich in einen Schaukelstuhl und streckte die Beine von sich. Obwohl sie sich die erdenklichste Mühe gab, recht harmlos zu erscheinen, hingen ihre Blicke dennoch recht indiskret forschend an dem halbabgewandten, bleichen Gesicht der Cousine.

»Gott sei Dank, daß Du endlich zu sprechen bist,« begann Fränzchen mit einem Stoßseufzer. »Den ganzen Morgen verpuppst Du Dich hier in Deinem Bau und ahnst gar nicht, was für ein Kapitel Weltgeschichte sich drunten im Salon abspielt! Gucke mal her.« – Sie blies die Backen auf wie ein Posaunenengel. – »So platzevoll sitze ich an Neuigkeiten, – und wenn ich sie nicht von mir geben kann, explodiere ich!« –

»Neuigkeiten?? – – Hier in Aßmannshausen?« sagte Pia mit müder Stimme, ohne den Kopf zu heben, und doch zitterte die Hand, welche die Nadel führte.

Den Falkenaugen des Backfischchens entging es nicht, aber sie blieb völlig unbefangen. »Daß Hellmuth abgereist ist, weißt Du?« –

Pia wollte sich ein Wort des Staunens abringen, aber Fränzchen schwang die Fugen des Stuhles mit doppelter Vehemenz und lachte leise auf. »Na, Diskretion Ehrensache! – Daß etwas zwischen Euch vorgefallen ist, merkte ich ihm augenblicklich an, und daß er nicht mal einen Abschiedsknix machte, bestätigt mir die Chose! Ein bißchen zanken thut sich ja wohl jeder mal! ... Pack schlägt sich, Pack verträgt sich! Ich mache es ja ebenso, aber nach ein paar Stunden ist dann aller Groll vergessen und ich freue mich jedesmal hinterher, daß ich dem Gegenstand meines Hasses nicht alle Backzähne operiert habe, wie ich das in der ersten Wut beabsichtigt!«

Keine Antwort.

Fränzchen fuhr mit gespreizten Fingern durch die Haare und lachte verschmitzt: »Sicherlich hat der arme Kerl sein Incognito vor Miß Lilian gelüftet, und anstatt, daß Hold-Amerika anbetend vor seiner Grafenkrone in die Knie sank, hagelte die Entrüstung knüppeldick auf ihn nieder. Du hast ihn wohl feste angeblasen, hm??!«

Pia machte eine ungeduldige Bewegung mit den Schultern, ihre Lippen zuckten wie unter physischem Schmerz. –

»Weißt Du, wer der Forstassessor Hellmuth ist?«

»Ja!« –

»Mein Vetter Wulff-Dietrich!« – Fränzchen sprang lebhaft auf die Füße und fuchtelte mit den Armen durch die Luft. »Du scheinst zwar wütend auf ihn zu sein, Bäschen, aber ich versichere Dich, er ist trotz allem ein Prachtmensch, und ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich über diesen neuen Vetter freue! rasend! ungeheuer! die ganze Welt möchte ich in meiner Fröhlichkeit umarmen! – Erst hatte ich eine Todesangst, daß Vater ihm auch siedesackgrob kommen würde, aber Gott sei Dank hat sich alles in schönster Harmonie aufgelöst! Sie haben sich umarmt, sich dauernde, treue Freundschaft gelobt – aber zum Schluß ... hm ... na, man konnte es ja auch kaum vom Vater anders verlangen.« – – –

»Zum Schluß ... was geschah zum Schluß?«

»Na, der Alte sagte ihm ehrlich heraus, Wulff-Dietrich sei zwar ein vortrefflicher, liebenswerter Mensch, aber sein Vater bleibe ihm nach wie vor in den Tod verhaßt. Er könne nicht über das Attentat hinaus kommen, welches Onkel Rüdiger ehemals gegen ihn geplant habe – – na, und was so dergleichen mehr war. Aber Wulff sprach ganz famos – ohne seine Eltern entschuldigen zu wollen – daß er sich bestreben werde, durch doppelte Liebe und Treue alles gut zu machen, was die Seinen an Papa verschuldet hätten, und dann bat er, daß wir seinem Bruder keinen Groll nachtragen möchten – sein jäher Tod habe ihm die Möglichkeit genommen, sich noch mit uns auszusöhnen.« – –

»Hartwig ... ist wirklich tot?« – Pia legte die schmale Hand leise aufstöhnend über die Augen. »Wie ist das Entsetzliche geschehen?« –

Fränzchen rückte sich einen Stuhl dicht an die Seite des jungen Mädchens, legte zärtlich den Arm um sie und erzählte von der Depesche, und der übermütig harmlose Ton, welchen sie zuvor erzwungen, wich plötzlich einem tiefen Ernst.

In angstvollem Forschen haftete ihr Blick auf dem so sehr veränderten Antlitz Pias. Fester und fester drückte sie die schlanke Gestalt an sich, und als plötzlich wieder große, leuchtende Thränen über Pias Wangen rollten, da biß sie wie in wildem, leidenschaftlichem Schmerz die Zähne zusammen, ließ jählings die Arme sinken und sprang auf.

»Ich soll mit Papa Billard spielen, – kommst Du mit?« fragte sie ganz unvermittelt.

Pia schüttelte stumm den Kopf, sie konnte nicht sprechen.

Fränzchen blickte sekundenlang auf sie nieder, ein Ausdruck hilflosen Kummers lag auf ihrem Gesicht, dann faßte sie mit krampfhaftem Druck ihren Arm. »Weine doch nicht, Pia! – Du wirst alles überwinden und vergessen,« stieß sie beinah rauh hervor. »Wir reisen morgen weiter ... und wenn Du Neues hörst und siehst, kommst Du auf andere Gedanken! Die Zeit heilt alles. – Nun, und die kurze Begegnung mit Wulff-Dietrich und Euer Streit zum Schluß hat Dir, so Gott will, keine tiefe Wunde geschlagen?« –

Wieder flammte es wie heiße Eifersucht in den dunklen Augen, als das Backfischchen sich neigte und einen Blick in Pias Antlitz erzwingen wollte. Sie sah nur die leise bebenden Hände, welche es verhüllten.

»Nachher komme ich wieder! ... Dies gemeine, abscheuliche Wetter! Gerade heute in der Stube sitzen! das taugt am wenigsten für Dich! – Na, ich bring etwas Lustiges mit, die Fliegenden Blätter, dann lachen wir zusammen! nicht wahr? – Adieu!« und die derben englischen Schuhe polterten davon und die Thüre schlug krachend hinter Komteßchen zu. – Draußen auf dem Flur wischte Fränzchen mit dem Handrücken über die Stirn und seufzte tief und schmerzlich auf.

»Ich fürchte, sie liebt ihn und wird nicht von ihm lassen!« murmelte sie aufgeregt, »und es lange mit anzusehen, daß sie weint, – nein, das kann ich nicht!« –

Mechanisch schritt sie den Korridor entlang, was sollte sie thun? – Eine entsetzliche Unruhe quälte sie, die engen Zimmer deuchten ihr erdrückend und erstickend. Hinaus! auf die Berge klettern! Frei aufatmen! sich austoben und abschütteln, was quält und ängstigt! ja, das muß sie. Ihr Vater scheut auch kein Regenwetter, – er wird sie begleiten. Fränzchen reckte und streckte die Arme und schüttelte die Haare in den Nacken, scheu, ungeduldig und aufgeregt wie ein Füllen, welches zum erstenmal gegen Zaum und Halfter aufbäumt.

Auch sie fühlt unbekannte, feine geheimnisvolle Fädchen, welche sie fest und fester umstricken, sie kämpft an dagegen, sie will sie zerreißen, – aber sie greift tollpatschig in die leere Luft, und weiß noch nicht, wo finden und fassen! – Hinaus! – sie stürmt hinaus!

*

Tage waren vergangen, das Wetter hatte sich wieder gebessert, und wenn auch kein strahlender Sonnenschein wie zuvor die Welt vergoldete und die Temperatur kühl und windig blieb, so waren die Regenwolken doch verzogen und verhinderten keine Ausflüge in das Freie.

Zu Pias dankbarer Beruhigung hatten weder Onkel noch Tante eine Silbe von ihren Beziehungen zu Wulff-Dietrich und der unglückseligen Aussprache mit ihm erwähnt.

Daß sie zu ihrer großen Freude den Vetter in ihm gefunden, bekannten sie indessen oft und gern, wenngleich die ganze Familie bemüht schien, die Erinnerung an ihn nicht allzu frisch zu erhalten.

Man setzte die Reise fort, und Fränzchen war ehrlich genug, der Cousine gegenüber die Hoffnung auszusprechen, daß eine andere Umgebung und neue Eindrücke ihr über den »Aßmannshäuser Ärger« hinweghelfen würden.

Mit schmerzlichem Lächeln beobachtete Pia, wie man voll rührender Güte alles aufbot, um sie zu zerstreuen und zu amüsieren! Fränzchen überhäufte sie mit den erdenklichsten Aufmerksamkeiten, und wenn ihre Zärtlichkeiten sich zumeist auch in ein etwas derbes Gewand hüllten und der Rüpelhaftigkeit nicht ganz entbehrten, so kamen sie doch aus treuem und liebevollstem Herzen, das bewies der Ausdruck der großen, dunklen Augen, in welchen Pia oft noch eine flehende Angst entdeckte, welche ihnen sonst fremd gewesen. Voll ausgelassenster Laune und Heiterkeit suchte das Backfischchen die heitere Stimmung zurück zu zaubern, welche vordem in dem kleinen Kreise geherrscht hatte, und wenn es ihr gelang, um Pias ernste Lippen ein Lächeln zu locken, oder das bleiche Antlitz durch einen besonders »tollen Witz« zu röten, dann strahlten ihre Augen vor Wonne und ihr Blick flog voll seligen Triumphes zu der Mutter hinüber, als wolle sie sagen: »Siehst Du? ich zwinge es doch!« –

Pia bemerkte diese Anstrengungen wohl, und sie wußte blutenden Herzens auch, aus welchem Grunde sie gemacht wurden. Es widerstrebte Fränzchens ehrlich gradem Sinn, aus dem Unglück der Freundin Nutzen zu ziehen. Sie wollte in ihrer Liebe zu Wulff-Dietrich nicht glücklich sein, so lange Pia heiße Thränen um ihn vergoß.

Darum bemühte sie sich, erst die Wunde heilen zu lassen, ehe sie als Rivalin auftrat.

Daß Fränzchen oft mit allen Gedanken bei dem Vetter weilte, daß sie seiner im geheimen voll glühender Sehnsucht gedachte, war zweifellos.

Oft, wenn Pia überraschend in das Zimmer trat, verstummte jählings eine sehr lebhafte Unterhaltung, bei welcher manchmal noch der Name des Geliebten zu ihr herüberklang.

Eine tiefe Betroffenheit malte sich zumeist auf den Gesichtern und die Blicke forschten beinah ängstlich, ob Pia wohl den Sinn der Reden erfaßt haben könne.

Der Graf schien besonders lebhaft von dem Töchterchen »bearbeitet« zu werden, und ihren Wünschen einen wohl gerechtfertigten Widerstand entgegenzusetzen.

Wenn Wulff-Dietrich auch nicht allzu nah mit der Kleinen verwandt war, so mußte doch eine Heirat zwischen ihnen mit Besorgnis erfüllen, da sich bei der Familie so wie so schon die ersten Spuren zur Degeneration zeigten.

Aber was half das Grübeln? die Notwendigkeit stand als zwingende Macht hinter ihnen, denn so, wie die Statuten der Erbfolge abgefaßt waren, mußten die Niedecks eine Frau mit sechzehn Ahnen heimführen, oder der ganze Grundbesitz fiel der Krone zu.

Daß unter solchen Umständen nicht darauf zu rechnen war, des Landesherrn Macht und Gnade möge jene bedeutungsschwere Klausel ändern, war klar. wo aber sollte Wulff-Dietrich unter den Töchtern des kleinen Ländchens die vorschriftsmäßige Gattin finden, da Pia, die einzig passende, voll kindischen Trotzes jede Möglichkeit abgeschnitten hatte? – Nun waren die Niedecks auf sich selber angewiesen, und wenn Graf Willibald sich zuerst auch noch sträubte, den Sohn seines Todfeindes als Eidam in die Arme zu schließen, so mußte es ihm unter obwaltenden Verhältnissen dennoch zur Pflicht werden, den gefährdeten Familienbesitz zu erhalten, auch konnte ihm der Gedanke, sein einziges Kind als Herrin alles dessen zu sehen, was ihm bisher zu eigen gewesen, nur hoch erfreulich sein. Ob also früher oder später, Fränzchen wird siegen und die glückselige Gemahlin des geliebten Vetters werden. –

Pia litt unbeschreibliche Qualen bei dieser Ansicht, welche mehr und mehr zu ihrer Überzeugung ward. Wenn sie in langen einsamen Nächten Thränen der Verzweiflung weinte und unter bittersten Selbstanklagen und Vorwürfen die Hände rang, dann gab es nur eins, was sie momentan trösten konnte, der alte Trotz und die alte Erbitterung!

Dann hob wieder und wieder das Mißtrauen sein schillernd Natternhaupt und flüsterte ihr zu: »Er liebt Dich ja doch nicht! Er spielte Dir ja doch nur eine listige Komödie vor! Er wußte genau, wer Lilian Luxor war und warb nicht um sie, sondern auf jesuitischem Wege um die sechzehn Ahnen!« –

An diesen Wahn klammerte sie sich fest mit der blinden Beharrlichkeit eines Ertrinkenden, der auch zum zweitenmal noch nach dem Strohhalm greift, welcher ihm schon einmal unter den Händen fortgeglitten!

Man hatte Koblenz erreicht und in einem der ersten Hotels Wohnung genommen.

Pia wußte noch nicht genau mit den Zimmern Bescheid und öffnete eine Thür, in der Meinung, den kleinen Salon der Gräfin zu betreten.

Sie wich erschrocken zurück, als sie ein Schlafzimmer vor sich sah, – aber in demselben Augenblick erkannte sie Fränzchen, welche auf dem Fensterbrett saß und mit wahrhaft verklärtem Gesicht einen Brief las.

Bei Pias Anblick ward sie blutrot und fuhr hastig mit Hand und Brief hinter den Rücken.

Fräulein von Nördlingen schloß die Thür wieder, aber schon trabte Komteßchen durch die Stube, schlug in ihrer lauten Weise hart auf die Klinke und lief der Cousine nach.

»Wolltest Du mich abholen, Pia?« lachte sie verlegen. »Warum wartest Du nicht auf mich?«

»Ich sah, daß Du beschäftigt warst!«

Fränzchen folgte ihr in den Salon, die Eltern waren nicht anwesend.

»Bah – das war doch nichts wichtiges! Du weißt doch, daß Deine Gesellschaft mir vor allen Dingen das beste, liebste und interessanteste ist!«

Sie warf sich in einen Sessel und sah immer noch sehr rot aus.

Fräulein von Nördlingen trat schweigend zum Fenster, das Herz that ihr weh, – sie lehnte sich stumm gegen die glatte Scheibe und starrte mit brennenden Augen grad aus.

»Pia?!« –

»Fränzchen?« –

»Warum frägst Du mich nicht, von wem der Brief war?« klang es beinah rauh von dem Sessel herüber.

»Weil es mich nichts angeht.«

»So, ist Dir alles so gleichgültig, was mich betrifft?«

»Gewiß nicht; aber darum darf man doch nicht indiskret sein.«

»Zwischen uns giebt es keine Indiskretion! Der Brief ist von Wulff-Dietrich!« –

Keine Antwort. –

»Interessiert er Dich gar nicht?« –

Pia atmete schwer auf. »Es genügt doch, wenn sich eine von uns dafür begeistert, und das thust Du ja!«

»Wußtest Du denn schon, daß wir korrespondieren? Du bist so gar nicht überrascht!«

»Nein, ich wußte es nicht!«

»Aber Du bist mir sehr böse deswegen?« Fränzchen sprang auf und blickte mit seltsam unruhigem, angsterfülltem Blick in das ernste, farblose Antlitz. »O, Pia –!« rief sie leidenschaftlich, »ich könnte es nicht ertragen, wenn Du falsch von mir dächtest! Nur das nicht! Dahier – da lies den Brief – – eigentlich solltest Du jetzt noch nichts wissen, aber wenn Du mich mit solch kaltem, fremdem Blick ansiehst – ach, liebe, liebe Pia – – ich kann ja doch nicht für mein selbstsüchtiges, dummes Herz!« –

Wie ein Eiseshauch wehte es über die heißen, thränenlosen Augen. – Noch sollte sie nichts wissen? Jetzt schon tröstete sich der Majoratsherr und greift voll ungestümer Hast nach dem letzten Rettungsanker, welcher sechzehn Ahnen bietet!

Sie möchte auflachen, laut und gellend, aber sie kann es nicht. Eine starre, marmorkühle Ruhe kommt über sie.

Sie schiebt die Hand, welche den Brief beinahe trotzig darbietet, zurück und will wortlos an der Kleinen vorüberschreiten. Da blickt sie in die Augen, die redlichen, klaren Kinderaugen, in welchen sich das ganze Herz spiegelt.

Trägt Fränzchen die Schuld an seiner Untreue?

»Nein! tausendmal nein!« Wie ein Aufschluchzen ringt es sich von Pias Lippen, sie schlingt die Arme um die eckige Figur des Backfischchens und birgt das Antlitz an ihrer Schulter. »Laß gut sein, Fränzchen, erspare mir die Qual! Es muß ja so kommen zwischen Euch, ob früher oder später, und das soll mein Trost sein, daß Du glücklich wirst, – Du liebst ihn ja!«

Keine Antwort; auf das höchste betroffen, wie gelähmt vor Überraschung starrt Fränzchen auf die Sprecherin, ja, sie ist so perplex, daß sie sogar vergißt, diese Weichheit der Cousine auszunutzen, um sie mit bekanntem Ungestüm abzuküssen.

»Ich ... liebe ... ihn? ...« wiederholte sie mit weit aufgerissenen Augen, »Du meinst, daß ich ihn ... daß ich ihn heiraten werde? ...«

Und dann ereignet sich etwas sehr Überraschendes. Fränzchen preßt die Lippen zusammen und plustert die Backen auf, daß sie kirschrot wird, sie will nicht lachen, absolut nicht, aber sie kann es nicht, es geht über ihre Kräfte! Mit einem unartikulierten Laut, halb erstickt im Pruschten und Gurgeln, reißt sie sich los, wirft sich auf einen Sessel, daß die Füße hoch in die Luft fliegen, preßt die Arme über dem Magen zusammen, daß sie sich krümmt, und bricht in ein Gelächter aus, so unbändig, so schreiend und herzaufquellend, als wollte sie ersticken an ihrer eigenen Fröhlichkeit.

Beinahe entsetzt weicht Pia zurück und preßt die Hände gegen die Ohren. Ist die Kleine verrückt geworden?!

Nein, sie ist bei völlig gesunden Sinnen, sie wälzt sich nur vor Lachen!

Und das in dieser Minute!

Auf das tiefste verletzt wendet sich Pia ab. Welch ein kindisches, albernes Benehmen! und solch ein thörichtes, kleines Wesen soll die Gemahlin eines Wulff-Dietrich werden!

Ja, sie möchte auch lachen, voll wilden Zornes aber, mit blitzenden Thränen in den Augen!

Da verstummt Fränzchen plötzlich, springt auf und schlingt die Arme ungestüm um den Nacken der Cousine. »Verzeih mir, Liebste!« keucht sie, »aber ... aber ... ich mußte wahrhaftig lachen ... ich meine es nicht böse, wirklich nicht ... es kam nur so unerwartet ... und es war so komisch ... ach ... liebe, süße Pia, bitte, zürne mir nicht!« und dann trotz alles Widerstrebens ein schallender Kuß auf die Wangen, und wie ein Wirbelwind saust das Backfischchen davon, glühend und dunkelrot.

Fräulein von Nördlingen aber sinkt müde auf einen Stuhl am Fenster nieder und stützt die schmerzende Stirn in die Hand. Ein Zug tiefer Wehmut liegt um ihre Lippen und verscheucht den ärgerlichen Ausdruck, welcher zuvor ihr Antlitz beherrscht. Nein, sie will nicht ungerecht sein.

Sie weiß, daß die Verlegenheit sich oft in sonderbarster Weise bei jungen Menschenkindern äußert, und Fränzchen war fassungslos und totverlegen in diesem Augenblick.

Ihr süßes Geheimnis, welches sie so wohl behütet geglaubt, plötzlich von Pias Lippen zu hören, hatte sie erschreckt und verwirrt, und weil sie nicht wußte, was zu antworten, nahm sie ihre Zuflucht zu einer übertriebenen Heiterkeit, welche nichts leugnete und nichts zugab!

Kleine Närrin, gerade dieses sinnlose Gelächter verriet sie am meisten, und Pia zürnt ihr gewiß nicht darum; sie weiß, daß sie mit dem Unverstand und den unaufgeklärten Empfindungen eines Kindes rechnen muß.

Wohin sie sich wohl geflüchtet hat? –

Horch ... gedämpft ... aus dem Zimmer der Gräfin herüber schallt abermals ihr Gelächter, jetzt verstummt es, als habe sich jählings eine Hand auf ihren Mund gelegt.

Sicherlich beißt sie in irgend ein Sofakissen, um ihr Organ zu zügeln.

Pias Blick schweift thränenglänzend durch das Zimmer und haftet jählings auf etwas Weißem, Zerknittertem, welches vor Fränzchens Sessel liegt. Sie erbebt. – Sein Brief! –

Was gäbe sie darum, könnte sie einen einzigen Blick in diese Zeilen thun!

Fränzchen hat es ihr ja erlaubt und angeboten! Sie begeht keine Indiskretion, wenn sie das Schreiben aufhebt und liest! Aber nein, – nein! – wozu das? Sie hat es ja aus seinem eigenen Munde gehört, daß zwischen ihnen für ewige Zeit ein Abgrund aufgerissen ist, der Majoratsherr von Niedeck kann und wird nie wieder um ihre Liebe werben, nie wieder! Zwischen ihnen braust ein breiter, tiefer, tiefer Strom, und die Brücke, welche sich mit strahlendem Bogen von hüben nach drüben spannt, hat Pia selbst voll sündhaften Trotzes, voll unseliger Heftigkeit hinter sich abgebrochen.

Soll sie nun mit der Verzweiflung im Herzen einsam am steilen Ufer stehen, und sehen wie drüben die Hochzeit gerüstet wird? Nein, nein! es würde zu viel des Leides sein, und doch nur einen Blick auf die Zeilen, welche seine Hand geschrieben, auf welche sein liebes Auge geblickt, – nur einmal zärtlich mit der Hand darüber greifen, seine geliebte Nähe wie im Traum zu empfinden!

Soll sie es? Sie erhebt sich mechanisch, – sie wankt dem hellen Schein nach – – und dann zuckt sie zusammen, legt aufstöhnend die Hände vor das Antlitz und schrickt zurück, als ob glühende Flammen aus dem weißen Papier emporschlügen, welche sie verderben wollen.

Soll sie es? – Darf sie es?

Und wenn ein Fremder dieses Zimmer betritt? Wenn die Dienstboten diesen Brief finden und ihn durch ihre Neugier profanieren?

Mit jähem Ruck neigt sich Pia und reißt ihn von der Erde empor. – Sie muß es!

Und dann blickt sie auf das Blatt nieder, welches ihre bebenden Finger kaum zu fassen vermögen. Es ist nur der Briefumschlag! Gott sei Lob und Dank, an diesem begeht sie keinen Raub! Ihre Blicke suchen voll leidenschaftlichen Entzückens seine Schriftzüge.

Groß, klar und edel sind sie, ein Grapholog würde sie wohl zu den harmonischesten zählen.

Pia hat in Holland graphologische Werke auf des Onkels Schreibtisch gesehen und darin geblättert, sie entsinnt sich sehr wohl der einzelnen Merkmale. Ist in Wulff-Dietrichs Schrift ein einziger Zug, welcher auf Falschheit, Verstellung, Heuchelei weist?

Keiner! – Kein einziger!

Und doch, ist die Graphologie wirklich eine verbürgte Wissenschaft? Redet sie Wahrheit?

Nein, sie thut es nicht! Pia will nicht an sie glauben, ihre Zweifel in des Geliebten Aufrichtigkeit sind ja die einzigen Rettungsgedanken, an welche sie sich anklammert, wenn die Hochflut von Qual, Reue und Herzeleid sie verschlingen will!

Ein Schritt nähert sich der Thür, hastig schiebt Pia das Couvert in ihr Kleid und eilt hochklopfenden Herzens zu dem Fenster zurück.

Onkel Willibald tritt ein.

Er trägt eine Hand voll Postsachen und wirft die Briefe und Zeitungen auf den Tisch.

»O, liebe Pia! welch glücklicher Zufall, daß ich Dich treffe! Bist Du beschäftigt?«

»Nein, lieber Onkel, wenn Du eine Arbeit für mich wüßtest, wäre ich Dir von Herzen dankbar!«

»Und ob ich welche für Dich weiß! Johanna und Fränzchen sind nirgends zu finden, ich vermute sie im Garten und bin, ehrlich gestanden, zu müde, um ihnen zu folgen. Da wäre es sehr lieb und freundlich von Dir, wenn Du sie ersetzen und einmal mein vortragender Rat sein wolltest! Du weißt, daß mir bei der Packerei mein Augenglas abhanden gekommen ist und noch immer nicht durch den Optikus ersetzt wurde; da bin ich blind und hülflos diesen Postsachen gegenüber und bitte Dich inständigst, mir den Inhalt der Briefe vorzulesen.«

Fräulein von Nördlingen zwang sich zu einem müden Lächeln. »Aber, Onkelchen, – wenn nun Geheimnisse darin stehen?!«

Der Graf ließ sich behaglich in einer Sofaecke nieder und entzündete eine Cigarette.

»Unbesorgt, Darling,« scherzte er, »meine Liebesbriefe lasse ich mir von Johanna direkt in die Ohren flüstern! Also los! Bitte, lies die Briefe erst einmal für Dich durch, damit Du mir alsdann ihren Inhalt klar und fließend vortragen kannst; – so macht es meine Frau auch.«

»Wie Du befiehlst!« Mechanisch griff das junge Mädchen nach den Schreiben und ließ sie flüchtig durch die Hand gleiten.

»Hier ist ein Brief, welcher ganz mit Postbemerkungen beschrieben ist; er scheint viele Umwege gemacht zu haben, soll ich ihn zuerst öffnen?«

»Wenn ich bitten darf.«

Gleichgültig, ohne näher hinzusehen, öffnete Pia das steife Couvert und schaute mit ihren thränenheißen Augen darauf nieder, sie stutzte. »Meine lieben, teuren Eltern? –« was bedeutet das? Ihr Blick überflog hastig die erste Seite – und haftete auf ihrem eigenen Namen, – »Miß Lilian Luxor ...« Was bedeutet das? Sie tritt näher an das Fenster, neigt sich und liest – und das Papier knistert wunderlich zwischen ihren eiskalten Fingern, und ihr Atem geht schwer und keuchend, wie bei einer Sterbenden. Sie liest, – liest den Brief Wulff-Dietrichs, welchen er an jenem unglückseligen Morgen an seine Eltern richtete, den Brief, in welchem er zu Gunsten seines Bruders Hartwig auf die Erbfolge von Niedeck verzichten will, weil er im Begriff steht, sich mit einer Amerikanerin, Lilian Luxor, zu verloben! Und wie berichtet er den Eltern von seiner Braut und seiner Liebe! Alle Innigkeit, alle Glut seines treuen Herzens schüttet er in diesen Zeilen aus, himmelhoch jauchzend als glückseligster Mann, obwohl er sich durch diese Liebe zum Bettler macht!

Pia blickt auf die Zeilen nieder, bleich wie der Tod wird ihr Antlitz, ihr Auge starr und gläsern, ein Frösteln und Zittern geht durch ihre schlanke Gestalt, blutrote Nebel wallen um sie her, mit leisem Wehschrei greift sie tastend um sich – –

»Pia – allmächtiger Gott, was ficht Dich an?« Der Graf springt entsetzt auf und eilt zu ihr hin, aber noch ehe er sie erreicht, bricht Pia lautlos, wie von einem Blitzstrahl gefällt, vor ihm nieder auf den Teppich. –


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