Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Kapitel 15.


Was reitest Du einsam durch den Wald?
Der Wald ist lang! – Du bist allein – –
Du schöne Braut, ich führe Dich heim!

Eichendorff.

 

Als sich das Grauschimmelchen so überraschend in Bewegung setzte, glaubte Pia es mit einem gewohnheitsmäßigen Durchgänger zu thun zu haben, welcher erst eine tüchtige Extrapromenade machen muß, ehe es ihn wohlgesittet in den Reihen seiner Genossen duldet.

Da der Esel keine Lust zu besonderen Extravaganzen zeigte, weder ausschlug, noch den Kours seitwärts in den Rhein oder Feld und Wald nahm, sondern mit zurückgelegten Ohren nur pfeilgeschwind auf ebener Chaussee gradaus jagte, wollte Pia ihn nicht in dieser Belustigung stören, sondern berechnete bereits voll Humor, wieviel früher sie in Rüdesheim eintreffen würde, als ihre Reisegenossen.

Sie hielt sich, so gut es gehen wollte, im Sattel, riß den Hut, welcher verschiedentlich zu fliegen drohte, vom Kopf und hielt ihn mit den Zügeln fest in der Hand.

Die blonden Löckchen wehten im Luftzug wie ein Glorienschein, und der Haarknoten am Hinterkopf, welcher auf so ein Wettrennen nicht berechnet war, löste sich mehr und mehr und sank immer schwerer in den Nacken, bis die großen hellgelben Hornnadeln herausflogen und das Haar gleich einem schimmernden Goldmantel über den Rücken herabrollte.

Das junge Mädchen konnte es nicht verhindern. Ihre Hände waren in Anspruch genommen und ein Toilettemachen bei diesem Tempo nicht möglich. Ein paar Weinbergarbeiter, welche ihr entgegenkamen, blieben mit weit aufgerissenen Augen stehen und starrten die seltsame Erscheinung an.

Da aber die Reiterin weder um Hilfe schrie, noch ein ängstliches Gesicht machte, so glaubten sie sich nicht berechtigt, diese wilde Jagd aufzuhalten.

Ein paar Wagen rollten ihr entgegen.

Kutscher und Insassen wandten überrascht die Köpfe und starrten der Amazone nach, welche wie ein Märchenbild an ihnen vorübersauste. Und nun sah Pia dicht vor sich ein anderes Eselchen, welches langsam und geduldig ein wenig Handgepäck schleppte, dessen Eigentümer sicherlich der große, schlanke Herr war, welcher leichtfüßig zur Seite schritt.

Ein halbwüchsiger Junge, der Treiber, trottete gemächlich hinterher, sich damit amüsierend, einen ersten Maikäfer am Schwanze des Grauschimmelchens auf und ab klettern zu lassen.

Dazu pfiff er vergnügt ein kleines Lied und wandte sich erst neugierig um, als der harte, eilige Aufschlag dicht hinter ihm erklang.

»Hurrah! Der Hans!!« schrie er mit schallendem Gelächter auf, und der Herr, welcher vor ihm schritt, wandte nun ebenfalls überrascht den Kopf. Schon sauste Pia heran. – Zu ihrem Staunen ging es aber diesmal nicht wieder in voller Fahrt an dem Trio vorüber.

Der Esel stoppte plötzlich ab, – stieß einen heiseren Schrei triumphierender Freude aus und drängte sich im nächsten Moment so gefühlsinnig an den anderen, langohrigen Genossen an, daß Pia bei dem jähen Ruck doch noch das Gleichgewicht verloren hätte und aus dem Sattel geschleudert worden wäre, wenn der fremde Herr nicht mit schnellem Sprung an ihrer Seite gestanden und sie schützend in den Armen aufgefangen hätte.

Dieser unerwartete Wechsel des Tempos hatte die junge Dame unangenehmer berührt, wie der ganze Ritt.

Einen Augenblick drehte sich alles im Kreise vor ihren Blicken, – nach Atem ringend, preßte sie die Hände momentan gegen die Schläfen und ihr Köpfchen sank schwer gegen die Schulter des Fremden zurück.

Aber nur sekundenlang währte die Betäubung, dann richtete sie sich hastig empor und blickte voll reizender Verwirrung zu ihrem Beschützer auf.

Auge ruhte in Auge und es war, als läge eine unsichtbare, geheimnisvolle Macht in diesem Blick, welcher so fest und aufleuchtend haftete, als habe er in ganz Fremdem plötzlich etwas nahe Verwandtes, längst Bekanntes entdeckt.

Pia ward dunkelrot und stammelte sehr verlegen ein paar Worte des Dankes, der Fremde aber zog höflich den Hut und lächelte.

»Ich erachte es als einen ganz besonderen Vorzug, mein gnädigstes Fräulein, Ihnen dienen zu können! Sie hatten das Mißgeschick, einen sehr ehrgeizigen Vollblüter zu besteigen, welcher seinen kleinen Kollegen hier nicht vor sich sehen wollte! Wie bedaure ich, die unschuldige Veranlassung zu Ihrem beschleunigten Ritt durch meinen Gepäckträger gegeben zu haben!«

Pia strich noch immer etwas fassungslos die verwehten Goldlöckchen glatt. – »Ah, nun begreife ich erst die Ursache meines Wettrittes und fürchte, es wird schwer halten, den Esel zur Umkehr zu bewegen, so lange er in seinem Gefährten hier einen Rivalen erblickt.«

»Ihre Angehörigen sind zurückgeblieben?«

»Leider so weit, daß man sie kaum noch erkennen kann! Ich hätte nie geglaubt, daß ein Esel so fabelhaft laufen kann!«

»Jetzt ist er die Sanftmut und Trägheit selbst! sehen Sie nur dieses Stillleben! ich glaube, wir haben es hier mit guten Freunden à la Castor und Pollux zu thun!«

Der Fremde wies mit amüsiertem Gesicht auf die beiden Esel, welche dicht voreinander, Stirn gegen Stirn gelehnt, regungslos standen.

»Gewiß, mein Herr! die beiden gehören ja auch zusammen!« lachte der Eseltreiber so fröhlich, daß seine weißen Zähne blinkten: »Hans und Grete stehen in einem Stall und machen auch meist alle Partien zusammen! Wenn sie getrennt werden, faßt sie gleich der Jammer an, und ein paarmal ist der Hans schon ganz weite Strecken zurückgaloppiert, um wieder bei seiner Alten zu sein!«

Man lachte, und der fremde Herr trat zu dem Genannten heran, ihm anerkennend den Rücken zu klopfen.

»Das ist brav! Auch ein Esel muß beweisen, daß es ein schönes Ding um die Treue ist! – – Sie befehlen wieder aufzusteigen, mein gnädiges Fräulein?«

Pia hatte prüfend nach dem Sattel gefaßt: »Ich muß doch meine Angehörigen wieder erreichen!« sagte sie, mit besorgtem Blick die große Entfernung messend, welche zwischen ihr und den Niedecks lag. Der Treiber grinste: »Der Hans dreht alleine nicht wieder um, Fräuleinchen! Daraufhin kenne ich den Satan schon!«

Pia blickte hilflos zu dem fremden Herrn empor und erglühte abermals unter dem Blick, welchen er auf sie richtete.

»Befehlen Sie, mein gnädiges Fräulein, daß wir mit Ihnen umkehren?« –

»O, das wäre unbeschreiblich liebenswürdig!«

»Nee, nee – da wollen wir nur erst gar nicht den Versuch machen!« wehrte der Treiber mit resignierter Geste. »Die Grete drängt nach dem Stall – hat den Weg zweimal heute gemacht und ist müde. Zu Hause giebt's Futter, das weiß sie.«

»Nun, versuchen wir's wenigstens! Wollen Sie wieder dem getreuen Hans die Ehre anthun und aufsteigen, gnädiges Fräulein?«

Pia schüttelte hastig das Köpfchen, ohne die Hand, welche der Sprecher ihr hilfreich darbot, zu berühren.

»Ich bin so weidlich durchgeschüttelt, daß ich vorziehe, ein Stückchen Wegs zu gehen!« –

»Wie Sie befehlen! Nun vorwärts, – kehrt!«

Wohl ließen sich die Esel zwei Schritte zurückführen, dann machten Sie jedoch energisch Halt und strebten ihrer Heimat Rüdesheim zu.

»Die Kanaillen thun's nicht, – und wenn wir sie tot schlagen! So ein Vieh hat auch Charakter!« schmunzelte der Junge.

»Ich fürchte allerdings auch, meine Gnädigste, daß gegen diese Halsstarrigkeit selbst Götter vergebens kämpfen! Ich erlaube mir aber vorzuschlagen, daß wir ganz langsam unseren Weg fortsetzen und der Hoffnung leben, daß Ihre verehrten Reisegenossen etwas flotter zureiten und uns einholen!«

Pia sah ein, daß ihr nichts anderes zu thun übrig blieb. »Wenn Sie gestatten, mein Herr, daß ich mich unter Ihren liebenswürdigen Schutz stelle, mache ich gern von Ihrem Anerbieten Gebrauch!« – sagte sie, sich gewaltsam zu der sicheren Ruhe zwingend, welche sonst ihrem Wesen eigen war. –

Der Fremde verneigte sich mit vollendeter Eleganz. Einen Augenblick schien er zu zögern, – dann zog er mit schneller Bewegung abermals den Hut und klappte die Zacken zusammen.

»Forstassessor Karl Hellmuth –!« stellte er sich vor. Fräulein von Nördlingen neigte lächelnd wie eine Königin, welche eine Ovation entgegennimmt, das Köpfchen, aber sie errötete abermals bis auf den weißen Hals herab, als sie in seine fragenden Augen sah.

Erwartete er auch ihren Namen zu hören? Der Hals war ihr wie zugeschnürt, – Lilian Luxor – wollte nicht über ihre Lippen. Der Assessor trat an ihre Seite und beide schritten langsam aus.

»Ein Eselsritt gehört meiner Ansicht nach nie zu den Annehmlichkeiten –« begann er die Unterhaltung, »und ein Galopp auf solchem Renner muß geradezu fürchterlich sein! Ich bedaure lebhaft, daß ich Ihnen keinen Wagen zur Verfügung stellen kann! Sie sind gewiß aufs höchste ermüdet!« –

»Das schließen Sie nach meinem desolaten Äußeren?« lächelte sie, hastig nach ihren Haaren fassend, mit dem Versuch, sie wieder aufzunesteln; sie hatte gesehen, wie sein Blick, während er zu ihr sprach, wie gebannt an der gelösten, goldschimmernden Pracht hing: »ich kann mich in dieser Verfassung gar nicht in anständiger Gesellschaft sehen lassen, und doch weiß ich nicht, wie ich dem Schaden abhelfen soll, da ich zu meinem Schrecken sehe, daß ich sämtliche Nadeln verloren habe!«

Ihr Begleiter nickte mechanisch vor sich hin.

»Wie freundlich von dem Schicksal, daß es Ihnen diese kleinen Verbündeten raubte! Wie schön ist dieses lange, offene Frauenhaar, und wie selten wird uns die Freude seines Anblickes! Ich versichere Sie, daß Ihre Frisur für jedermann nur erquicklich sein kann!« – Er sprach sehr ruhig, ohne im mindesten zu markieren, daß er ihr eine Eloge sagen wollte. Dann fuhr er unvermittelt fort: »Sie stehen gleich mir im Begriff, eine Rheinreise zu machen?«

»Wir haben dieselbe heute in Castell begonnen!«

»Und Sie sehen den herrlichsten und königlichsten aller Ströme auch zum erstenmal?« –

Sie schüttelte verneinend, ohne ihn anzusehen, den Kopf. »Ich kenne den Rhein zu allen Jahreszeiten, allerdings nur von dem Schiff oder dem Eisenbahncoupé aus; ihn aber gründlich zu Fuß und Esel zu studieren, beabsichtigen wir jetzt zum ersten Male.«

»Und wann gefiel er ihnen bisher am besten?« –

Sie sah mit sinnendem Blick an ihm vorüber, in die maienhelle, jubelnde, farbenbunte Pracht der Landschaft hinaus.

»Das ist schwer zu sagen, weil alle Schönheit nur Geschmackssache ist! Ich für meine Person werde dem Winter stets den Vorzug geben.«

»Ah – thatsächlich? Sie überraschen mich. Ich bildete mir ein, grade das frische Blühen, Leben und Treiben gäbe dem Rhein und seiner Umgebung das charakteristische Gepräge! Ehrlich gestanden, kann ich mir dieses reizende Bild kaum unter starrendem Eis und Schnee vorstellen!« –

»Und dennoch hat es mich entzückt. Die wunderbar feierliche Ruhe gestaltet alles, was jetzt nur lieblich erscheint, im Winter geradezu majestätisch. Das, was am Rheinufer einzig häßlich ist, die unbelaubten Rebengelände mit ihren unpoetisch starrenden Spalieren und Stäben, welche den Bergen im Frühling und Spätherbst das Aussehen von Stachelschweinen geben« – er lachte leise auf – »die hüllen sich im Winter in schimmernde Schneedecken und thun dem Auge nicht mehr weh durch die praktischen Gebilde von Menschenhand! Der Fluß selber wogt in gewaltiger Schöne still und einsam dahin, oder er gleicht einem schimmernden Spiegel von fleckenlosem Krystall – oder bietet gar das unbeschreiblich großartige Schauspiel eines Eisganges, dieser unvergleichlichen Illustration aller wild entfesselten Leidenschaft! – und darüber thronen wie funkelnde Märchengebilde die Ruinen und Schlösser, – weiß in weiß – geheimnisvoll, unerreichbar und zauberhaft, die Träume, welche eines Dichters Phantasie in die Wolken malt!« –

Sie hatte schnell und lebhaft gesprochen, sie fühlte, daß sein Blick unverwandt an ihrem Antlitz hing und darum sprach sie immer weiter, um einer gewissen Verlegenheit Herr zu werden. Noch hatte sie außer dem ersten schnellen Blick keine Gelegenheit gefunden, sein Antlitz genau zu sehen, jetzt blieb er plötzlich stehen und wandte sich, um rheinab zu schauen.

»Alles Ungewohnte übt einen besonderen Reiz auf den Beschauer« – sagte er ernst: »Und wenn die stille, verschneite Wintereinsamkeit Sie entzückt, so beweist es mir, daß Sie dazu verurteilt sind, Ihr Leben in großen Städten in rauschender, wechselvoller Geselligkeit zu verbringen. Bei mir ist es umgekehrt der Fall, ich komme aus dem Gebirge, wo monatelang die Krähen am Himmel meine einzige Gesellschaft waren. Ich habe gelitten unter der trostlosen Stille und Verlassenheit, unter den Gefängnismauern von Eis und Schnee, welche mich umgaben! Nun mutet mich dieses frisch pulsierende, glückselige Getreibe hier an, wie einen Menschen, welcher neugeboren in die Welt tritt und mit vollen Zügen ihren Lebens- und Liebesodem einatmet!« –

Und er atmete auch tief – tief auf, als er sprach, und zog den Hut vom Kopf und strich die Haare aus der heißen Stirn. –

Pia sah ihn an; welch ein interessantes, einnehmendes Gesicht! Vornehm edle Züge, – ernst, ruhig, wettergebräunt wie das Profil einer antiken Broncestatue.

Ein Zug herber Energie lag um die Lippen, welche von dunklem Schnurrbart beschattet wurden. Das Jagdcivil hob die kraftvolle, elastische Gestalt, welche trotz der anspruchslosen Kleidung einen so distinguierten und eleganten Eindruck machte, als sei ihr Träger gewohnt, im Tressenkleid und Ordensband über das Parkett zu schreiten, nicht aber als Einsiedler in weltfernen Bergen zu hausen.

Mit einem Interesse, welches ihr sonst den Herren gegenüber fremd war, blickte Pia zu ihm auf. »Leben Sie denn ganz allein im Wald?« – fragte sie, weil ihr keine bessere Antwort einfallen wollte. Er drückte den weichen Filzhut wieder in die Stirn und schritt an ihrer Seite weiter.

»Ganz allein, – wenn Sie mein Forstpersonal und eine alte Wirtschafterin abrechnen.«

»Liegt denn keine Stadt in der Nähe, welche Ihnen zeitweise Abwechselung bieten könnte?« –

»Das wohl, aber dieselbe ist oft monatelang unerreichbar für mich; wenn wir in den hohen Bergen eingeschneit sind, leben wir unter ähnlichen Verhältnissen, wie einst Robinson auf seiner Insel, – ihn trennte das Weltmeer von der Heimat, uns der Schnee und sein Wasser. Solche Zustände können Sie sich gewiß gar nicht vorstellen, mein gnädiges Fräulein, sie leben stets in großen Städten?« –

»Ja, das Landleben ist mir völlig fremd.«

Eine kleine Pause entstand und sein Blick hing wie in fragender Erwartung an ihren Lippen, wohl in der Hoffnung, daß auch sie ein wenig von daheim erzählen werde.

Feines Rot stieg abermals in die Wangen des jungen Mädchens. Sie wandte den Kopf und blickte zurück.

»Wie weit sie immer noch entfernt sind! sicherlich wollen ihre Esel durch Saumseligkeit wieder gut machen, was der meine an Voreiligkeit sündigte!« –

»Sie reisen mit Ihren Eltern?« – fragte er, ebenfalls dem fernen Reiterpärchen entgegenschauend.

Pia zögerte mit der Antwort; die kleine Komödie, welche man ihr zumutete, fiel ihr so schwer. Unnötige Lügen wollte sie keinesfalls sagen: »Ich stehe unter dem Schutz von Onkel und Tante, die Reiterin, welche Sie dort sehen, ist jedoch meine Cousine, deren Mutter im Wagen noch folgen wird. Die Kleine liebt es sehr, mich Schwester zu nennen, um sich dadurch einen heißen Wunsch in der Einbildung wenigstens zu erfüllen. Sie hat leider nie Geschwister besessen und wird von den Eltern in weitgehendster Weise verwöhnt; auf ihren Wunsch mußten wir diese fatale Eselpartie unternehmen und unser behagliches Stillleben auf dem Dampfschiff unterbrechen.«

Er lächelte und sah die Sprecherin mit seltsamem Blicke an.

»So bin ich dem kleinen Fräulein zu besonderem Dank verpflichtet, denn ohne den treuen Hans würde ich wohl nicht die Freude gehabt haben, Sie kennen zu lernen!« –

»Die Freude dürfte wohl eine sehr geteilte sein. Sie kommen um meinetwillen nur sehr langsam vom Fleck!« –

»Ich habe nichts zu versäumen und sagte Ihnen bereits, gnädiges Fräulein, daß ich armer Einsiedler für jede Minute, welche ich in so liebenswürdiger Gesellschaft verleben darf, dankbar bin!«

»Es wäre doch wohl besser, ich kehrte um und ginge den Meinen entgegen!! Hans kommt wohl in Begleitung seiner Grete sicher in Rüdesheim an!«

Der Assessor blieb abermals stehen und faltete mit düsterem Blick die Brauen. »Ihr Wille ist Befehl!« antwortete er resigniert: »So waren diese Minuten der Freude gar kurz und gezählt!«

»Aber, Fräuleinchen, warum wollen Sie sich denn so müd machen und zu Fuß laufen!« – mischte sich der Eseltreiber in das Gespräch, – »in zehn Minuten sind die anderen Herrschaften bei uns und dann können Sie allesamt bequem im Sattel sitzen!«

Pia nickte. »Sie haben recht, – also zählen wir die Minuten weiter, Herr Assessor.«

Sein Blick leuchtete auf, – unwillkürlich schritt er schneller aus, als wolle er die Entfernung zwischen dort und hier vergrößern, anstatt verringern.

»Werden Sie in Rüdesheim bleiben, gnädiges Fräulein?« –

»Wohl nur heute Nacht, um morgen in aller Bequemlichkeit die Partie nach dem Niederwald machen zu können. Wir verschmähen die Bergbahn und hoffen mehr Genuß von einer Wagenpartie zu haben, welche in Aßmannshausen endigen soll.« –

»Just so lautet auch mein Plan, – nur mit dem Unterschied, daß ich die Tour zu Fuß machen wollte! Sie ist ja nicht im mindesten anstrengend und würde auch Ihnen sicherlich zusagen!«

»Ohne Zweifel! ich wandere außerordentlich gern durch Gottes schöne Welt! Fränzchen und Onkel würden wohl auch meiner Ansicht sein, aber die arme Tante ist sehr schlecht zu Fuß und gezwungen, Wagen oder Reittier zu benutzen. Werden Sie längeren Aufenthalt in Aßmannshausen nehmen? das dortige Kurhaus soll eine der herrlichsten Sommerfrischen sein, welche man aufsuchen kann!« –

Er schüttelte langsam den Kopf: »Dazu fehlt mir die Zeit! Ich habe mir vorgenommen, gar viel schönes zu sehen, wollte, wenn irgend möglich, noch einen Abstecher nach der Mosel machen und vielleicht auch Ems ansehen, – der Urlaub aber ist nicht allzulang bemessen, und da heißt es, rüstig ausschreiten, um alles genießen und ausnutzen zu können!« –

Ein paar Landleute kamen singend des Weges daher.

»Und die Welt so offen – und das Herr so weit!
Ach wie wunderschön ist die Frühlingszeit!« –

»Ja, wie wunderschön ist sie, die Jugend- und die Frühlingszeit!« atmete der Assessor tief auf, und sein Blick schweifte wie trunken über Strom und Gelände und haftete an dem wallenden Blondhaar seiner Nachbarin, welches der Wind leicht und duftig wie einen goldenen Schleier hob. »Singen Sie auch?« – fragte er plötzlich. Sie schüttelte sehr energisch das Köpfchen: »Nur dann, wenn es mir danach zu Sinne ist! Ich bedarf einer besonderen Stimmung zum Singen.«

»Und ist die glückselig jubelnde Lenzesstimmung nicht da? liegt sie nicht zauberhaft in der Luft und lockt die Lieder über die Lippe?«

Sie lächelte: »Diese Stimmung – so sehr sie mich auch in jedem Lufthauch umgiebt, ist mir doch zu fremd, um mich derart beeinflussen zu können! Nur was mir selber aus tiefinnerstem Herzen quillt, wird zu Sang und Klang! Der Frühling entzückt mich wohl, aber er bewegt mich nicht so tief, daß er mir Lieder giebt!« –

»O wie gerne möchte ich Sie einmal singen hören!« sagte er leise: »Ein Lied von Ihnen ist gleich einem Blick in Ihr Herz.« –

Sie strich jählings die wehenden Goldlöckchen hinter das rosige Ohr und wandte sich so weit zur Seite, daß er nur ihr zartes Profil gegen den funkelnden Wasserspiegel sah.

»Sie sind gewiß selber sehr musikalisch, daß Sie sich sogar lebhaft für Leistungen interessieren, welche gar keine Garantie für irgend welche Schönheit oder Vollkommenheit bieten! – Welches Instrument meistern Sie?« –

Sie versuchte zu scherzen und er stimmte heiter in ihren Ton ein: »Dasjenige, welches hier am Rhein ganz besondere Existenzberechtigung hat! Zwar bin ich kein Trompeter von Säckingen, habe auch noch keiner Margarete ein Ständchen gebracht und keinen Hidigeigei in seinen edelsten Empfindungen verletzt, – aber ›Hirsch tot‹ – und ›Wasserfanfare‹ und was sonst das edele Gejaid noch für Sang und Klang mit sich bringt, das blase ich mit großer Virtuosität!«

»Wie gern würde ich Sie blasen hören!« – persiflierte sie ihn voll feiner Ironie: »Solch ein Hornsignal würde einen Blick in die schönste Treibjagd bedeuten!«

»Auch Amor hält ein fröhliches Jagen mit Pfeil und Bogen, und bei ihm herrscht umgekehrte Welt! Da bläst der Jäger nicht, wenn er den Hirsch im Feuer fallen sah, sondern wenn er selbst das tödliche Geschoß im Herzen trägt!« –

»So viel ich weiß, haben aber die Herzen jetzt noch Schonzeit!« lachte sie mit schelmischem Seitenblick.

Er machte ein desto ernsteres Gesicht: »Sie irren, mein gnädiges Fräulein! grade der Lenz öffnet dem Morden Thür und Thor! Amors Übermut ist nie so groß, als wie jetzt, wo die Menschen ihre einsamen, sicheren Stübchen verlassen und sich im goldenen Sonnenschein ahnungslos zu seinen Zielscheiben machen! – Wenn der Fuchs im Bau sitzt, hält es schwer, ihn zur Strecke zu bringen, wenn er aber – von milder Frühlingsluft bethört, – ein sehnsüchtig Wandern anhebt, kann es ihm leicht passieren, daß eine ›Jägerin – schlau im Sinn‹ – weiß in Eil – Pfeil auf Pfeil – aus dem Aug' zu schicken!« –

»Solche Pfeile ritzen nur ein wenig die Haut und lassen sich sehr bequem wieder abschütteln! Die Frauen studieren heutzutage allerdings alles Mögliche und Unmögliche, daß sich aber schon eine zur Scharfschützin ausbildete, hörte ich noch nie!«

»Weil das überflüssig sein würde. Auf diesem Gebiet wird jede Dame als Meisterin geboren!«

»Ich bedanke mich bestens im Namen aller meiner Mitschwestern. Wenn Sie aber die Gefahren des Lenzes so gut kennen, warum fordern Sie Ihr Schicksal so leichtsinnig heraus?« –

»Ja, leichtsinnig, das ist das rechte Wort, es liegt wohl so in der Natur des Mannes, daß er gern der Gefahr in das Auge sieht. Ich habe mir, ehe ich diese Reise antrat, sehr oft klar gemacht, daß die ›Warnung vor dem Rhein‹ sehr gerechtfertigt sei. Ich sagte mir, daß ich möglicherweise der Zauberin Lorelei begegnen könne, welche schon so manch armen Bursch zu Grunde gerichtet – – und doch ... trotz dieser Befürchtung zog ich dennoch an den Rhein!«

»Dieser Mut imponiert mir nicht, denn jeder ›arme Bursch‹ weiß es heutzutage, daß die Hexe Lorelei nur ein schönes Märchen ist!«

»Wahrlich ein Märchen?« Ein wunderliches Lächeln huschte um seine Lippen, er bog den Kopf zurück und schaute auf ihr Haar. »Ich habe nie so sehr an holde Märchen geglaubt, wie heute!«

Pia empfand, daß ihr das Blut abermals in die Wangen stieg, sie war so leichtsinnig gewesen, den Sprecher anzusehen, und nun brannte sein Blick in ihrem Auge und sprach von soviel glückseligem Lenzesjubel, von soviel wonniger, sonniger Jugendlust! –

»Zieh nicht an den Rhein, zieh nicht an den Rhein, mein Sohn, ich rate Dir gut!« klang es wie ein Echo vom Fluß herüber, wo ein weißes Segel langsam durch den Sonnenglanz zog.

»Jetzt kommen die Herrschaften aber plötzlich im Trabe an!« rief der Eseltreiber hinter ihnen mit hellem Jauchzer. »Jetzt wittern die Langohren auch schon die Nähe vom Rüdesheimer Stall!«

Pia atmete auf wie erlöst. Sie wandte sich hastig zurück und schwenkte das Taschentuch durch die Luft.

Klipp-Klapp! Klipp-Klapp! klang der harte Hufschlag der herantrabenden Eselchen auf der Chaussee und Hans und Grete machten fröhlich Halt und begrüßten die nahenden Kollegen mit kräftiger Stimme.

»Werden Sie die Güte haben, mich Ihren Verwandten vorzustellen?« bat der Assessor, »wir haben uns so oft bei den Minuten verzählt, daß wir noch einmal von vorn anfangen müssen!«

Pia nickte fröhlich. Die Nähe ihrer Angehörigen gab ihr die alte Sicherheit und Ruhe wieder und sie hatte keine Zeit, über das Seltsame nachzudenken.

Ja, sie, die spröde, abweisende Pia, fand es plötzlich ganz selbstverständlich, daß dieser fremde Assessor mit den Ihren bekannt werde und sich bis Rüdesheim zu ihnen geselle.

»Aber, Lilian, was sind denn das für alberne Witze, die Du mit Deinem verrückten Hans machst!« rief Fränzchen schon aus der Ferne und hob drohend die derbe Faust. »Ich sage es ja, Esel bleibt Esel! Ein dämlicheres Vieh giebt es auf Gottes weiter Welt nicht!«

Überrascht blickte der Assessor auf die Sprecherin, und Pia, welche ihn mit schnellem Seitenblick beobachtete, konnte kaum das Lachen unterdrücken.

»Ihre Fräulein Cousine?« flüsterte er mit einem Gesichtsausdruck, in welchem Amüsement und Betroffenheit um die Oberhand stritten.

Das junge Mädchen nickte. »Machen Sie sich auf alles gefaßt, Fräulein Fränzchen ist ein Original!«

Das schien in der That so.

Ihr Grauchen machte neben dem treuen Hans Halt, und die junge Gräfin schwang sich mit der Grazie eines Kartoffelsackes mit beiden Füßen zugleich auf die Erde, versetzte dem armen Esel noch einen Gertenhieb auf seinen nicht gerade edelsten Körperteil und wandte sich dann mit ausgebreiteten Armen zu Pia, um sie vor unbändiger Wiedersehensfreude zu umarmen. Dann traf ihr Blick in stummer aber sehr energischer Sprache den Fremden.

»Wen hast Du Dir denn da angebändigt, Lilian?«

»Darf ich bitten, gnädiges Fräulein, mich der jungen Dame bekannt zu machen?«

»Liebe Franziska, gestatte, Herr Forstassessor Hellwaldt!« –

»Hellmuth – wenn ich bitten darf!« lächelte der Vorgestellte höflich.

Fränzchen machte einen unbeschreiblich spaßhaften Diener, mehr vornüber wie nach unten, so daß es aussah, als persifliere sie das Kompliment des jungen Mannes.

»Muth oder Waldt, das ist ganz Wurscht, wenn's man bloß helle ist!« lächelte sie herablassend und belachte dann selber ihren Witz recht herzlich. »Haben Sie das Biest da vielleicht aufgehalten, als es an Ihnen vorbeipreschen wollte?« Sie versetzte zur näheren Bezeichnung dem guten Hans einen Nasenstüber, daß er mit klappernden Hufen zurückprallte.

»Der Herr Assessor hat noch mehr gethan,« sagte Pia mit mühsam erkämpftem Ernst, »er hat mir das Leben gerettet und mich rechtzeitig aufgefangen, als mein Durchgänger mich zu Boden schleudern wollte!«

In Fränzchens Gesicht spiegelte sich momentan ein hohes Entsetzen, sie faßte den Arm der Cousine so ungestüm, als wolle sie selber jetzt noch rettend zugreifen, dann hob ein tiefer Atemzug ihre Brust, und mit treuherzigstem Gesicht, welches in Dankbarkeit erstrahlte, streckte sie dem Assessor die große, derbknochige Hand entgegen.

»Sie sind ein Prachtkerl, ich danke Ihnen! Sie haben das Beste und Edelste gethan, was je ein Mensch thun konnte und was ich Ihnen immer neiden werde!«

Der Assessor lachte: »Sie beschämen mich, mein gnädigstes Fräulein, und beloben etwas Selbstverständliches über Gebühr! Dennoch hoffe ich, daß Ihre so wohlwollenden Gesinnungen unsere flüchtige Bekanntschaft zu einer dauernden gestalten werden!«

Fränzchen nickte sehr gönnerhaft und schüttelte die Hand des jungen Forstmannes, daß die Gelenke knackten. »Verlassen Sie sich darauf,« sagte sie pathetisch, »Sie sollen sich nicht in mir getäuscht haben!« –

Abermals klang Hufschlag neben ihnen; Graf Willibald gelangte zwar später, wie seine Tochter, aber doch glücklich und wohlbehalten neben dem »durchgebrannten« Pflegekinde an.


 << zurück weiter >>