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Kapitel 18.


Jetzt wird es Frühling! Der Himmel ist blau,
Die Wege sind trocken, die Lüfte sind lau –
Jetzt kommt der Frühling! die Vöglein im Wald
Zwitschern und locken ihr Weibchen wohl bald!
Jetzt wird es Frühling, die Bäume schlagen aus
Und ich bring' meim' Schatzerl ein' Veilchenstrauß.

Schwäbisches Lied.

 

Obwohl man auf dem Dampfschiff für den nächstfolgenden Tag Regen prophezeit hatte, stieg die Sonne dennoch voll strahlender Pracht hinter den Bergen empor, und der Rhein glitzerte mit eiligen Wellen dahin wie ein Strom geschmolzenen Goldes.

Pia ward durch besonders lebhaftes Sprechen und Rufen auf dem Korridor geweckt. Leises Lachen und Flüstern folgte und dann hörte sie die Stimme des Hausmädchens, welche einem Reisenden entschuldigend zuflüsterte: »Das hat gewiß die kleine Amerikanerin gethan, die macht ja gern mal einen Scherz!« –

Einen Scherz, welchen Fränzchen in Scene gesetzt hatte? Pia konnte sich eines gelinden Schreckens nicht erwehren. Was hatte der kleine Unband wieder verbrochen? Sie sah nach der Uhr, es war noch ziemlich früh, nebenan in dem kleinen Salon hörte sie Tante Johannas Kammerfrau hantieren.

»Dorette!« –

Die Thür ward ein wenig geöffnet und die Alte schaute vorsichtig herein. »Haben das gnädige Fräulein gerufen?!«

»Ja, Dorette. Was ist für ein Lärm im Korridor, was hat Komtesse pexiert?«

Die Gefragte lachte ebenso entzückt und nachsichtig, wie die verblendeten Eltern.

»Ach, der alte Witz, gnädiges Fräulein! Sie hat nur die Stiefel und Schuhe vor den Zimmerthüren vertauscht!«

»Meine auch?« –

»Gewiß, aber die hatte sie glücklicherweise nur dem Herrn Assessor hingestellt!«

Fräulein von Nördlingen ward dunkelrot: »Sie haben sie hoffentlich wieder zurückgeholt, ehe Herr Hellmuth erwachte?« –

Die Alte schüttelte lachend den Kopf.

»So ein Jägersmann ist bei Zeiten aus den Federn, gnädiges Fräulein, ich kam aber dazu, wie er die Schühchen in der Hand hielt und sie anstarrte wie ein Wunder, und konnte den Irrtum gleich aufklären! Was doch ein junger Herr leicht begeistert ist! Du meine Zeit, wenn ich an sein Gesicht denke! Grad, als wenn ein Katholischer eine Reliquie sieht und anbetend auf die Knie sinken möchte!

›Verzeihen, Herr Assessor, die Schuhe gehören Miß Lilian!‹ sage ich.

›Miß Lilian?‹

›Ja, sie hat das wahre Kinderfüßchen!‹ nicke ich, weil ich ihm ansehe, daß er das auch denkt.«

»Aber, Dorette!!« –

»›Miß Lilian!!‹ wiederholt er nur leise und hält die Schühchen in der Hand und streichelt mit der anderen darüber hin, so recht behutsam und andächtig.

›Dürft ich wohl bitten?‹ sage ich höflich.

›Gleich, gleich,‹ sagt er hastig und bekommt einen ganz roten Kopf: ›Ich behalte sie als Unterpfand, bis ich die meinen habe und dann stelle ich sie selber hin!‹ sagt's, lacht mich freundlich an und klapp ist die Thüre zu!«

»Und meine Schuhe?!!« –

»Die nahm er mit, gnädiges Fräulein!« –

»Um Gotteswillen, ich muß ...«

Die Alte machte eine beruhigende Handbewegung. »Sie stehen schon längst wieder an ihrem Platz! soll ich sie hereinholen?«

»Ja, bitte, sogleich!«

Dorette eilte zur Thür, öffnete sie, neigte sich und stieß einen Laut der Überraschung aus: »I, das nenne ich aber galant!« lachte sie, die Schühchen mit spitzen Fingern anfassend und herzutragend: »Darum hat er sie in Haft behalten! – hm ... das muß ich sagen, ein höflicher Herr!« –

Sie hielt der jungen Dame die zierliche Fußbekleidung entgegen, und eine Woge süßen Duftes strömte zu Pia empor.

Die Schuhe waren bis zum Rand mit blühenden Veilchen gefüllt. Regungslos, ohne ein Wort zu sagen, hielt Fräulein von Nördlingen die reizende Überraschung in der Hand. »O, wie liebenswürdig,« flüsterte sie halb erstickt. »Aber es ist mir dennoch peinlich, liebe Dorette, ich bitte Sie inständigst, sagen Sie zu niemand, auch zu Komtesse kein Wort darüber, es würde mir sehr fatal sein!« –

»I wo werde ich wohl, gnädiges Fräulein!« schmunzelte die Alte beruhigend: »Wenn ein Herr mal solch einen Frühlingsgruß schickt! das braucht ja nicht gleich an die große Glocke gehängt zu werden. Nein, da seien Sie nur ganz beruhigt. – Darf ich dem gnädigen Fräulein bei der Toilette behilflich sein? Frau Gräfin haben noch nicht geschellt!«

»Danke, Dorette, es ist noch so früh ... ich möchte noch ein Viertelstündchen warten ...«

»Ei versteht sich! Bitte, rufen Sie mich aber später, wenn das gnädige Fräulein Hilfe brauchen!«

Sie ging, und Pia wartete voll Ungeduld, bis sich die Thüre hinter ihr geschlossen.

Und als sie allein war, drückte sie Augen und Lippen auf die Veilchen und atmete lächelnd den süßen Duft!

Von ihm! ...

Welch ein Träumen mit offenen Augen! und welch süße rätselhafte Scheu und Bangigkeit! Sie sehnt sich nach einem Blick aus seinem Auge und zittert dennoch vor dem Wiedersehen!

Wenn sie ihm doch entfliehen könnte! Was soll sie sagen, wenn er ihr gegenübersteht? Ihre unglückselige Beanlagung, welche es ihr seit jeher so schwer gemacht, sich zu beherrschen oder gar zu verstellen! Wenn sie nur nicht so lebhaft erröten wollte! Wenn ihre Blicke sie nicht verraten möchten! Der Gedanke, daß er ihr Empfinden und Fühlen durchschauen könnte, ist unerträglich! Sie würde vergehen vor Scham und Verlegenheit! Nein, sie kann und darf ihn nicht wieder sehen, um alles nicht! Vielleicht läßt es sich ermöglichen.

Wenn sie zum Niederwald-Denkmal fahren, müssen sie sich ja von ihm trennen.

Trennen! – wie weh ihr das Herz bei diesem Gedanken thut, trennen! in wenig Stunden vielleicht schon, ohne daß ihre Wege jemals wieder zusammenführen! –

Wie die Veilchen so betäubend duften, wie sie die Köpfchen gegen ihre heiße Wange neigen!

Der Duft ist die Sprache der Blumen, – was wollen diese ihr so dringlich und leidenschaftlich zuflüstern? hat auch er sie vielleicht an die Lippen gedrückt, ehe er sie zum trauten Gruß gesandt? –

Ein süßer Schauer durchfliegt sie.

Nun weiß und versteht sie, was die Veilchen ihr sagen wollen. – Sie neigt das Haupt zurück und schließt die Augen, sie schläft nicht und träumt dennoch einen unbeschreiblich holden Traum. – Eine Stimme läßt sie aufschrecken.

Drunten vor dem Fenster erklingt Fränzchens unverkennbares Organ.

»Assessor! Assessorchen! – zum Kuckuck noch eins, schlafen Sie etwa noch?«

Und dann klingt ein Fenster. »Grüß Euch Gott, Frau Königin!« scherzt er: »Haben Sie schon Befehle für mich?«

»Und ob! ich langweile mich! wie die Marmotten schlafen sie noch bei uns! Allein darf ich nicht fort und mit Friedrich durch Rüdesheim zu bummeln, ist weiß Gott kein aufregendes Vergnügen! Was thun Sie? Haben Sie sich schon rasiert? Haben Sie schon gebreakfastet? Na, dann raus mit der wilden Katze! Kommen Sie runter, wir bummeln zusammen!«

Ein unterdrücktes Lachen. »Aber mein gnädiges Fräulein, fragen Sie bitte zuvor Ihre Frau Mama!« –

»Unsinn! Glauben Sie, daß Mutter Sie für gefährlich hält? Sie mit Ihren sieben Kindern? Irrtum, sanfte Negerrasse. – Also los!!« –

Wieder ein sonores Lachen. »Wie wär's, wenn wir uns ein wenig im ›Häschenwerfen‹ übten? hier vor den Fenstern eignet sich der Fluß brillant dazu!«

»Ich möchte lieber mit Ihnen auf die Brömserburg!« –

»Das geht nicht, Miß Francis – wirklich nicht!«

»Mein Gott, so kommen Sie doch nur, ich will ja das Entree berappen!«

Nun schallte ein unauslöschliches Gelächter durch den frischen Maienmorgen! und wohl oder übel – Pia lachte mit.

Gleichzeitig rührte sie heftig die Klingel und Dorette trat eilig ein.

»Dorette, bitte melden Sie mal dem Herrn Grafen, daß Komtesse Fränzchen allein vor dem Hause ist, und den Assessor zu einem Spaziergang auffordert!«

Die Alte sah gar nicht so entsetzt aus, wie Pia erwartete. Sie lächelte nur gelassen: »Das wäre ja nicht so schlimm! der Assessor ist ein feiner Herr, und als Amerikanerin ist es mit der Komtesse nicht so ängstlich!« – Aber sie eilte dennoch davon, das Ereignis bei den Herrschaften zu rapportieren. »Unglaublich,« schüttelte Pia den Kopf: »Ich habe noch nie eine derartig harmlose Erziehung einer jungen Dame – einer jungen Gräfin gar! – erlebt; und sie steht mit den Ansichten ihrer Eltern in so grellem Widerspruch. Tante Johanna, die vornehmste, weiblichste und decenteste Frau, welche man sich denken kann, Onkel Willibald, der Strengdenkende, in allen anderen Dingen so peinlich korrekte Aristokrat, welchem alles Unpassende ein Greul ist, – und Fränzchen gegenüber? – rätselhaft!«

*

Die Equipage stand bereit, welche Mr. Luxor für die Niederwaldsfahrt bestellt hatte.

Dorette und Friedrich besorgten das Gepäck direkt nach Aßmannshausen und hatten Befehl erhalten, die Herrschaft gegen Abend am Kurhaus des kleinen Quellbades zu erwarten.

Pia stand an Tante Johannas Seite neben dem Wagen und erwartete den Onkel, Fränzchen und Hellmuth, welche langsam von dem Flußufer herzu wandelten. Sie sah einen Schein bleicher aus, wie sonst.

Die Trennung von dem jungen Forstmann, welche ihr zuvor wie eine Erlösung erschienen, stand plötzlich wie ein Gespenst vor ihrer Seele.

Scheiden! –

Wer weiß, ob er ihnen folgt, ob sie sich noch einmal zusammenfinden!

Fränzchens Launen und Einfälle sind unberechenbar, – sie wünscht gleich Tante Johanna längere Zeit in Aßmannshausen und seiner idealen Kuranstalt Aufenthalt zu nehmen, während der Assessor von seinem knappen Urlaub abhängt, und genötigt ist, die Reise nach Möglichkeit zu beschleunigen. –

Vielleicht wandert er nur im flüchtigen Schauen in Aßmannshausen hindurch und dann sind ihre Wege getrennt für immerdar. – Man sagt, die Männer erachten oft nur als kleine Episode, was bei einem Mädchen das Lebensschicksal bedeutet und wie oft hört man nicht von der Ungebundenheit und Leichtlebigkeit, welche den meisten Herren auf der Reise eigen ist!

Man schließt flüchtig Bekanntschaften und Freundschaften, um sie ebenso flüchtig, fast noch schneller zu vergessen!

Pias Herz thut weh bei diesem Gedanken.

Lachend und scherzend nahen die drei.

Fränzchen strahlt vor Vergnügen.

»Wo haben Sie denn Ihr Gepäck, Amico?« frägt sie just, als sie sich auf Hörweite genähert.

»Es steht fix und fertig in meinem Zimmer und wandert heute Nachmittag per Schiff weiter mit mir nach Aßmannshausen. –

»Na, Sie kommen doch mit uns auf den Niederwald?« frägt die Kleine überrascht.

»Ich hoffe Sie droben noch anzutreffen, wenn ich mit dem Zug komme!«

»Mit dem Zug wollen Sie –?« Sie starrt ihn an, als verstehe sie nicht recht.

»Allerdings, Miß Francis, – mit der Bergbahn herauf und wieder hierher zurück, das ist die einzige Möglichkeit, Ihnen rechtzeitig nach Aßmannshausen zu folgen – und trotzdem noch das Denkmal sehen zu können.«

»Na, so ein Unfug!« erbost sich das Backfischchen. »Wozu haben wir denn einen Wagen?«

Hellmuth lacht. »Der Wagen weist nur vier Plätze auf, ungnädigste kleine Königin!«

»So? – und mein Platz – der Kutscherbock?«

»Um alles in der Welt – mein gnädiges Fräulein!!« Ganz erschrocken ist der Assessor zurückgewichen. Fränzchen faßt ihn ungeniert am Arm und zieht ihn triumphierend zu dem Wagen heran.

»Mama, sag's ihm mal, befiehl's ihm mal! er will nicht mit! und ohne ihn fahre ich auch nicht! oder ich will auch mit ihm per Bahn nach dem Denkmal und abends mit dem Schiff nach Aßmannshausen! Er ist mein Freund! ich liebe ihn gradezu! und ich habe an der ganzen Reise keinen Spaß mehr, wenn er nicht von A bis Z bei uns bleibt, da ist doch noch Platz im Wagen – den muß er nehmen!« –

»Gewiß, bester Herr Assessor!« lächelte die Gräfin in ihrer gewinnend liebenswürdigen Weise. »Ich muß Ihnen gestehen, daß ich mich selber sehr freuen würde, in Ihrer Begleitung die Fahrt zu machen! Fränzchens ganze Laune würde unwiederbringlich dahin sein, wenn sie ihren neuerworbenen Freund scheiden sehen müßte!«

»Versteht sich, Sie fahren mit uns!« schnitt Papa Willibald dem jungen Forstmann jede Erwiderung ab: »Friedrich besorgt Ihr Gepäck mit dem unseren an Ort und Stelle, und unser Wildfang hier verhilft uns allen zu einer sehr vergnügten Fahrt! Das Schicksal hat Sie nun einmal zu unserem Reisegefährten gemacht und ich finde, es hat selten ein so schlaues und sympathisches Spiel getrieben! Also bitte! – Friedrich! – Holen Sie das Gepäck des Herrn Assessors ab und bringen Sie es mit nach Aßmannshausen!« –

Hellmuths aufleuchtender Blick hatte Pia getroffen, stumme Glückseligkeit strahlte auf beider Angesicht; dann neigte sich der Assessor mit verbindlichsten Worten über die Hand der Gräfin, sie voll dankbarer Verehrung an die Lippen zu ziehen. Ein kurzes Hin und Her. Fränzchen stand stolz und siegesbewußt und klimperte mit der Hand in der Rocktasche, woselbst eine Ansammlung blanker Rheinkiesel auf Vorrat lagerte und sich durch einen unförmigen Auswuchs an dem Kleiderrock bemerklich machte.

Dann eilte Hellmuth mit Friedrich in das Hotel zurück, seine Angelegenheiten vor dieser beschleunigten Abreise zu regeln. Pias lächelndes Antlitz schien in Rosenglut getaucht. Sie trat neben die Cousine, legte den Arm in einer Aufwallung dankbarster und zärtlichster Empfindung um die ungeschickte, dicke Taille des Backfischchens und sah ihr mit strahlendem Blick in die Augen. »Welch ein herrlicher Morgen, Fränzchen! Wir werden eine unvergeßliche Fahrt haben!« sagte sie leise.

Komteßchen war beinahe verblüfft über diese freiwillige Zärtlichkeit der sonst so kühlen jungen Dame. Sie lachte, daß die weißen Zähne blinkten, faßte mit beiden Händen jählings das Köpfchen der Sprechenden und küßte sie stürmisch ab.

»Piachen,« flüsterte sie, »Dich und den Assessor, Euch beide liebe ich, aber Dich doch am allermeisten!«

Fräulein von Nördlingen drohte ihr schelmisch mit dem Finger. »Na, na! es ist ein Segen, daß Herr Hellmuth verheiratet ist, sonst erlebten wir noch eine Verlobung am Rhein!«

Fränzchen starrte sie einen Augenblick überrascht an, dann drückte sie beide Fäuste vor den Mund und pruschtete in unbändigem Gelächter los.

Mit voller Wucht warf sie sich an die Brust der kleinen gebrechlichen Mama, welche diesem Anprall kaum standhalten konnte.

»Mütterchen! Muttelinchen! ich soll mich mit dem Assessor verloben, sagt sie!« klang es beinahe johlend vor Übermut von ihren Lippen.

Die Gräfin ward wieder ein klein wenig verlegen und wehrte dem Töchterlein energisch ab. »Bist Du denn ganz von Sinnen, kleiner Unband!« schalt sie. »Allerdings ist ja der Gedanke, daß Du Dich verloben solltest, ein ungeheuer komischer.«

Fränzchen schnellt zurück. »Oha!« sagte sie beinahe gekränkt. »Ich verlobe mich sobald, sobald, o, Du sollst schon sehen, wann und mit wem ich mich verlobe!«

Zwischen Pias Brauen senkte sich eine feine Linie. »Ist Dir Herr Hellmuth nicht vornehm genug, daß Du so über eine Verlobung mit ihm spottest?«

Fränzchens große Augen blickten sie beinahe verständnislos an. »Nicht vornehm genug? – mir? – ich finde ihn zum Auffressen nett, und jedes Mädchen könnte sich zu so einem Mann nur gratulieren, wenn er man bloß noch zu haben wäre! – nee, süße Lilian, auf alles andere pfeif ich 'was! Wenn die sechzehn Ahnen sich glücklicherweise dazu finden, na, dann habe ich auch nichts dagegen, und das thun sie, hurrah, das thun sie!!«

»Franziska, laß Pia los! Du sollst sie nicht immer mit Deinen Zärtlichkeiten belästigen!« schalt Tante Johanna nervös und unterbrach dadurch eine erneute stürmische Liebkosung.

Fränzchen trat mit seltsamem Lächeln gehorsam zurück. »Weil wir nun gerade beim Heiraten sind, möchte ich sie nun noch etwas fragen!«

»Thorheit! Deine Fragen sind sehr kindisch!«

»Na bon – fragen wir also kindisch: Pia, muß Dein Mann 'mal sehr hübsch sein?«

Die Gefragte lächelte, ihr Blick schweifte wie in träumerischen Gedanken weit hin über den sonnefunkelnden Fluß.

»Schönheit ist Geschmacksache; er muß nur mir gefallen, ob er anderen gefällt, ist mir gleichgültig.«

Fränzchen nickte triumphierend. »Muß er reich sein?«

»Namen und Vermögen sind mir gleichgültig.«

»Darf er ein paar Jahre jünger sein wie Du?«

Sie blickte die Sprecherin überrascht an, jählings schoß ihr der Gedanke durch den Kopf: Wie alt mag Karl Hellmuth sein? Zögernd, etwas unsicher, zuckte sie die Achseln. »Auch das dürfte wahrer Liebe gleichgültig sein, es ist ja heutzutage so oft der Fall, daß die Männer Frauen heimführen, welche an Jahren älter sind, im high life ist es beinahe Modesache geworden und ich glaube – –«

Ein lauter Juchzer ließ sie beinahe erschrocken verstummen. Mit einer unverständlichen, triumphierenden Geste gegen die Mama warf Fränzchen ihren breitrandigen Strohhut in die Luft und begleitete dieses Manöver mit besagtem Jubelschrei, welcher sicherlich am anderen Rheinufer den Leuten noch in den Ohren gellte.

»Kind – um Himmelswillen!« wehrte Tante Johanna, im gleichen Moment erschien der fröhlich lachende Papa nebst dem Assessor in der Thür des Hotels.

»Schreihals, wir kommen ja schon!« winkte der Graf und beide näherten sich im Sturmschritt. Abermals entbrannte ein kurzer Kampf der Großmut, wer auf dem Kutscherbock sitzen solle. Der junge Forstmann weigerte sich energisch, den Platz im Wagen einzunehmen, dieweil eine junge Dame kutschieren solle. Fränzchen aber schwang sich wie der geschickteste Turner gelassen aus den Bock, nahm die Peitsche zur Hand und hob sie drohend. »Einsteigen, Majestät befehlen!«

»Kommen Sie nur, Verehrtester,« half der Graf energisch nach. »Sie sitzt mit ganz besonderer Vorliebe immer da oben! Reiten und Fahren sind auch Passionen, welchen sie seit Kindesbeinen huldigt!«

»Zügel her!« kommandierte das Backfischchen, doch der Kutscher wehrte erschrocken.

»Hier in den Bergen, Fräuleinchen? Um Gotteswillen nicht!«

Lautes Gelächter.

»Mit den Hunkepunken, welche Sie eingespannt haben, fahre ich im Galopp auf den Blocksberg!« höhnte Fränzchen und Mr. Luxor klopfte den Kutscher auf die Schulter: »Lassen Sie das Fräulein fahren, sie ist sehr sicher und geschickt, ich gebe Ihnen ein Trinkgeld extra!«

»Los dafür!« Fränzchen piekte den sehr devot dienernden Oberkellner flugs noch mit der Peitsche in den Nacken, daß er im Schrecken vollends vornüber flog, ruckte lachend die Zügel, und heidi ging die Fahrt.

Pia sah reizender aus wie je.

Der Zug kühler Gleichgültigkeit, welcher sonst ihr Antlitz beherrschte und höchstens von einem formellen liebenswürdigen Lächeln für kurze Minuten verdrängt wurde, war einer strahlenden Heiterkeit gewichen.

Der Blick der blauen Augen war weich und seelenvoll und die Wangen schimmerten unter dem weißen Gazeschleier wie rosig überhauchter Marmor.

Dabei war sie lebhaft und sehr heiter, eine Stimmung, welche Onkel Willibald besonders in seiner Umgebung liebte, und welche er durch seine eigene vortreffliche Laune aufs beste unterstützte. Die Unterhaltung war allgemein, hie und da außerordentlich animiert durch Fränzchens hastige Einwürfe und Bemerkungen.

Zum Entsetzen des biederen Rosselenkers saß die junge Dame meist halb zurückgewandt auf dem Bock, um nichts von dem Gespräch im Wagen zu verlieren, dennoch regierten ihre Fäuste die Pferde meisterlich, und selbst an schwierigen Wegstellen bedurfte es seiner eingreifenden Hülfe nicht.

Als er das erste Mal, bei einer schwungvollen Körperwendung der kleinen Miß nach rückwärts, erschrocken nach den Zügeln greifen wollte, fühlte er jählings einen Peitschenklapps auf der Hand: »Pfoten weg! Glauben Sie etwa, ich fahre zum ersten Mal auf solch einem Katzenbuckel von einem Berg spazieren?«

Der stolze Rheinländer fühlte sich im ersten Moment ein wenig verletzt, aber er gedachte des versprochenen Trinkgeldes der feinen Herrschaft, und im nächsten Moment war das kleine Fräulein auch wieder so kameradschaftlich vertraut und innig mit ihm, daß Genugthuung seine Brust schwellte.

Welch eine köstliche Fahrt durch den taufrischen, sonnedurchleuchteten Morgen!

Je höher man kam, desto malerischer breitete sich die Rheinebene unten aus, belebt durch den majestätischen Fluß! Seine wechselvollen Uferstädte und Dörfchen lagen malerisch in das erste Grün des Lenzes hingeschmiegt, über die Bergketten wehte ein smaragdener Schleier und Schlösser und Ruinen träumten dazwischen wie verkörperte märchenhafte Poesie!

Dann rauschte der Wald zu beiden Seiten des Weges und spannte seinen Zauber um Herz und Seele.

All die tausend holden, jubelnden Frühlingsstimmen, all der geheimnisvolle Duft verborgen blühender Blumen, all das Flüstern, Raunen und Säuseln schmolz zusammen zu wonnevoller Harmonie, zu einem Waldweben, wie es schon Jung Siegfrieds Herz mit Sehnen ahnungsvoller Lust erfüllt.

In der Nähe des Denkmals stieg man aus.

Der Graf führte seine Gemahlin langsam voraus und Fränzchen hing sich als zärtliche Klette wieder an Pias Arm und fesselte ihren Freund Hellmuth voll sprudelnder Laune an ihre andere Seite.

Sie trug allein die Kosten der Unterhaltung und bemerkte es in ihrer Lebhaftigkeit gar nicht, wie schweigsam ihre Nachbarn waren.

Wenn die beiden jungen Leute auch kein Wort fanden und finden durften, um ihre übervollen Herzen auszuschütten, so sprachen die Augen um so beredter, wenn sich verstohlen, voll heimlicher Scheu die Blicke trafen.

Komteßchen musterte mit blitzenden Augen die wundervolle heldenhafte Gestalt der Germania.

»Ja, das kann mich ewig ärgern, daß ich anno siebzig nicht mit erlebt habe!« plauderte sie, ihren Hut mit kühnem Stoß in den Nacken schiebend, »wenn man da hätte mit kämpfen können! alle Donner ja, ohne das eiserne Kreuz wäre ich nicht heimgekommen, na, das nächste Mal, wenn es wieder losgeht, gehe ich mit!«

Der Assessor sah die kleine Renommistin amüsiert an: »Als barmherzige Schwester oder mit dem Marketenderwagen?«

Ein entrüsteter Blick sprühte zu ihm auf. »Nette Zumutung! Pfui Deiwel, das fehlte mir grade, nein, feste mit in die Reihen will ich!! Papa hat es auch schon erlaubt, daß ich bei den Husaren ...«

»Kantinenjuste werde!!« spottete die Stimme des Grafen dazwischen. Die Eltern blieben stehen und ein beinahe zorniger Blick der Mama traf das wilde Töchterchen.

»Bitte, Herr Assessor, machen Sie es dem emanzipierten Fräulein doch einmal klar, wie widerwärtig es ist, wenn junge Mädchen in ihrer Sportpassion kein Maß und Ziel wissen! Die Zeiten einer Prohaska sind vorüber, heutzutage werden die Mädchen, trotz größter Begeisterung, nicht mehr in die Reihen der Krieger eingestellt!«

»Gut, dann gehe ich mit der Ambulance!« grollte Fränzchen, sah dunkelrot aus und machte kurz auf den Hacken kehrt, um sich die Aussicht von der anderen Seite zu betrachten.

Ein alter Invalide trat mit höflichem Gruße näher, und Graf Willibald redete ihn jovial an, sich diese und jene Auskunft von dem biederen Veteran zu erbitten.

Pia und Karl Hellmuth schritten mechanisch weiter, und als sie das blühende, sonnige, wonnige Rheinland zu ihren Füßen schauten, standen sie still und genossen trunkenen Blickes die Schönheit dieser Stunde.

»Wie schön bist Du, mein Vaterland!
Wie schön bist Du zu schauen!
Es glänzt des Flusses Silberband
Durch frühlingsgrüne Auen.«

Lächelnd sah er sie an. »Möchten Sie es singen?«

Sie schüttelte das Köpfchen und versuchte zu scherzen. »Der Anblick dieser schönen Gotteswelt ist herrlich und würde wohl jede andere fühlende Seele zu einem Lied begeistern, ich verstockte Sünderin bedarf aber noch mehr des himmelhoch Jauchzenden, um mein Herzensglück hinaus zu singen.«

»Wie gern möchte ich ein einziges Lied von Ihnen hören!« Sein Blick traf aufleuchtend den Veilchenstrauß, welchen sie an der Brust trug, und sie errötete.

»Würden Sie auch mit in den Krieg ziehen, wie Ihr Fräulein Cousine?« fragte er unvermittelt.

»Nein, ich würde überhaupt nichts thun, was einem weiblichen Wesen nicht zukommt.«

»So hat die Frauenbewegung nicht auf Ihre Unterstützung zu rechnen.«

»Nein. Ich sehe an Fränzchen zur Genüge, wie häßlich es ist, wenn ein Mädchen den Männern in das Handwerk pfuscht!«

»Und doch hat es seit langer Zeit keinen so freundlichen Engel gegeben, wie Miß Francis.«

Pia lachte. »Ein Engel auf dem Kutscherbock!?«

»Ja, gerade da! ein rettender Engel! Ohne ihr energisches Eingreifen in mein Schicksal würde ich den heutigen Tag nicht so glücklich verleben, wie ich es jetzt thue!«

»Sie haben recht, auch die Emanzipation kann ihr Gutes haben, ich will sie nicht mehr schelten.«

»Ohne darum ihre Anhängerin zu werden? Sie würden ja doch kein Glück als Ärztin haben, Miß Lilian!«

»Bezweifeln Sie, daß ich etwas leisten würde?«

»O ja, leisten würden Sie viel, ob aber grade das Richtige?«

»Ich verstehe Sie nicht?« –

Da sah er sie wieder mit einem unaussprechlichen Blick an und atmete tief auf. »Sie machen die Menschen krank, Miß Lilian, – aber nicht gesund!«

Sie schwieg überrascht, ihre großen Augen blickten, ohne zu verstehen, in die seinen.

Er lächelte und sagte leise: »Herzkrank, Miß Lilian!« – – –

Man schritt zu dem Wagen zurück.

Fränzchen hatte zuvor voll Neugierde die Bergbahn, welche just eine fröhliche Studentenschar zum Denkmal beförderte, besichtigt, und mochte das Außergewöhnliche ihrer Erscheinung wohl das Interesse der jungen Herren erweckt haben. Sie schienen den Frühschoppen bereits hinter sich zu haben, hakten sich in langen Reihen unter und folgten dem jungen Mädchen.

Fränzchen kokettierte ersichtlich und schien sich über die Masse der Kußhändchen zu freuen, die man ihr zuwarf. Sie trat zu ihrem Vater und stieß ihn fröhlich an. »Sieh doch! sieh doch! wie ich ihnen gefalle, sie verlieben sich sämtlich in mich!« flüsterte sie mit funkelnden Äuglein. Der Graf ward unbegreiflicherweise nicht böse, sondern lachte.

Indem nahten Pia und der Assessor, ihr Anblick schien die Studenten zu überraschen, – sie hoben galant die Spazierstöcke und salutierten der Schönheit des jungen Mädchens und dann hub plötzlich eine tiefe Baßstimme an zu singen: »Jetzt kommt der Frühling! die Bäume schlagen aus, und ich bring meim' Schatzerl einen Veilchenstrauß.«

Pia ward dunkelrot, sie sah auf den Veilchenstrauß an ihrer Brust nieder und fühlte Hellmuths Blick auf sich ruhen, als er leise, wie für sich wiederholte: »Ja! jetzt wird es Frühling! die Bäume schlagen aus! und ich bring meim' Schatzerl einen Veilchenstrauß!«


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