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Kapitel 24.


Hoch ragt aus schattigen Gehegen ein schimmerndes Schloß hervor –
Ich kenne die Türme, die Zinnen, die steinerne Brücke, das Thor! –

Chamisso.

»Eine wunderliche Sorte von Mädchen! braun und wild,
flink wie eine Katz, unstät wie ein Irrlicht, – nur
Allotria im Kopf! Ich warn' Euch, Herr! Sie hält Euch
zum Narren!« –

John Guild.

 

Von dem Wartturm der Burg Niedeck wehte die Flagge mit dem farbiggestickten, weithin leuchtenden Wappen der Grafen, ein ungewohnt festliches Zeichen, nach welchem die Bürger von Angerwies ungläubig staunend empor blickten.

Gäste im Hause des Grafen Willibald?

Je nun, das muß entweder ein Irrtum sein, oder Rudolf Falb hat recht prophezeit, wenn er den Untergang der Welt für die nächste Zeit voraussagte!

Freilich hatte ja die Baroneß von Nördlingen vor der letzten Reise der Herrschaft auch schon auf Niedeck zu Besuch geweilt, und wie man behauptet, war sie auch jetzt mit der gräflichen Familie zurückgekehrt. – Und die Welt ging doch nicht aus den Fugen darüber, warum sollte sich der alte Geizhals, seiner jungen Tochter zu Liebe, nicht doch einmal aufraffen und sich auf die Pflichten besinnen, welche ihm sein Titel und sein Reichtum auferlegen? –

Gäste auf Niedeck!

In der »Stadt Hamburg« hatte man bereits am Stammtisch gewettet, ob und wer wohl kommen könnte? –

Der Name des Grafen Rüdiger war seit langen Jahren nicht mehr in dem Städtchen genannt worden, und geschah es, so war es voll Groll und Erbitterung, denn daß man diesem Herrn allein das klägliche Mißverhältnis, welches zwischen den Bürgern und dem Majoratsherrn bestand, zu verdanken hatte, war ehemals selbst dem Thörichtesten klar geworden.

Anstatt vorwärts war in der langen Zeit alles nur zurück gegangen in Angerwies. Die Frau Bürgermeisterin saß mit drei alten Jungfern im Hause noch immer am Fenster und schaute nach Freiern aus, aber die verheißenen Lieutenants waren nicht erschienen, und weil der junge Rentmeister und der Administrator von Niedeck auf Befehl des Grafen nicht mit den »Meuterern« von Angerwies verkehren durften, so holten sie sich ihre Frauen von auswärts.

So war's auch in dieser Beziehung schlimmer geworden, anstatt besser.

Manch alter Hitzkopf, welcher ehemals gehorsam die Hände in das Feuer gesteckt hatte, um für Graf Rüdiger die Kastanien heraus zu holen, war in das Grab gesunken, eine neue Generation wuchs heran, welche den Sonderling Willibald kaum von Angesicht kannte, denn seit seiner Vermählung hatte der Graf ja fast immer auf Reisen gelebt, und war nur zu sehr kurzem, beinahe flüchtigem Aufenthalt in Niedeck eingetroffen.

Während die Burg droben in ihrem tiefen Schlaf der Vergessenheit lag, ward sie von den Angerwiesern völlig ignoriert, wie man sich an das Dasein von Sonne, Mond und Sternen gewöhnt, welche als unbekannte Welten auf die Köpfe der ehrsamen Bürger herabschauen und durch unermeßliche Entfernung jeden Verkehr mit ihnen abgeschnitten haben.

Man gab sich weder dort noch hier die Mühe, Unmögliches möglich zu machen und Unerreichbares zu erreichen, – weder bei dem Mond noch bei Burg Niedeck.

Wenn aber der Majoratsherr ganz plötzlich auftauchte und mit seiner Familie so schnell wie die Pferde laufen wollten durch Angerwies hindurchsauste, – zweimal nur, wenn er von der Bahn kam, oder wenn er zur Bahn fuhr –, dann erwachte bei den Alten die Erinnerung dennoch wie ein schwerer, fataler Traum, und sie steckten die Köpfe zusammen und gedachten grollend der besseren Zeiten, welche sie gesehen, ehe Graf Rüdiger kam, die Unzufriedenheit und Rebellion unter ihnen zu schüren.

So auch jetzt; das Banner, welches so friedlich und freundlich vom Schloßturm wehte, ward zu einem Alarmsignal, welches das träumende Angerwies für etliche Zeit aus seiner Lethargie emporriß und den Weg zum Bahnhof zu einer der belebtesten Promenaden machte, selbst bei Regenwetter! – aber glücklicherweise ließ es der Himmel bei einem tüchtigen Gewitter bewenden und zeigte Tag für Tag die sonnigste Bläue, welche so ganz besonders dazu angethan war, der stolzen Pracht des alten Turmbaues ein Relief zu geben! – Nie war Niedeck so schön, als in sommerlicher Rosenzeit, wo seine bemoosten Gemäuer von duftigem Blütenregen überflutet schienen, wo die Kletterrosen durch den Epheu lachten und das graue Felsgestein einen golddurchwirkten Königsmantel gelber Mauerblumen überwarf.

Feld und Wald strotzten voll Segen, hier die wogende Saat in allen Farbentönen, vom lichten Gelb bis zum gesättigten buntgetupften Wiesengrün, und dort das rauschende Wipfelmeer des Waldes hochragend im wundervollen, alten Bestand, wechselnd zwischen Laub- und Nadelholz, reizend geschmückt von weißblühenden Akazien, durch welche die Blutbuche ihre tiefroten Zweige flicht. –

Voll unbeschreiblichen Entzückens stand Pia wieder und immer wieder auf dem Söller, um die zauberhafte Schönheit dieses Landschaftsbildes zu genießen.

Ja, die alten Ritter wußten gar wohl, was Poesie und Schöne war, darum bauten sie sich ihr Heim droben auf die Berge, wo die Freiheit wohnt, und wo die Welt es dem trunkenen Blick erst zeigt, wie herrlich und wunderbar sie der gütige Gott geschaffen!

Und heute stand Pia mit doppelt frohem und erregtem Herzen an der Mauerbrüstung und spähte hinab zu Thal, wo der weiße Rauchstreif der Lokomotive kräuselte, wo der Schnellzug wie eine dunkle, pfeilschnell daherschießende Schlange sich durch das bergige Terrain wand.

Nun wird es noch eine halbe Stunde währen, und sie hält die Eltern und den Bruder in den Armen, die Eltern, nach welchen sie sich in ihrer Herzensnot doppelt gesehnt hat, den Bruder, welcher ihr durch lange, lange Jahre hindurch fern gewesen, welchen sie stets besonders geliebt, und dessen Briefe ihr das teuerste Band mit der Heimat gewesen, ihr lieber, lustiger Gert, an welchen ihr Herz im geheimen die heißesten und sehnlichsten Wünsche knüpft!

Auf der grauen Steintreppe taucht eine Gestalt auf und springt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, zu dem Söller empor, – Fränzchen.

»Richtig! Dachte ich es doch, daß Du hier wieder auf dem ›Lug ins Land‹ steckst, brauchtest gar nicht so hoch zu klettern, ich habe den Zug schon seit zehn Minuten von dem Erkerfenster drunten beobachtet!«

Pia schaute auf. Ihr Blick überflog voll beinahe ängstlich prüfenden Interesses die eckige, ungraziöse Mädchengestalt, welche, vom hellen Sonnenlicht bestrahlt, mit großen Schritten auf sie zukam. Es war ja schrecklich! Gerade heute sah Fränzchen unvorteilhafter wie je aus!

Sie trug selbst als großes Mädchen meist noch Hängekleider von vollendetster Kinderfaçon, welche durch eine Schärpe um die Taille herum zusammen gefaßt wurden.

Dennoch konnte die merkwürdig gedrungene, plumpe Figur kaum verdeckt werden. Die Taille war eigentlich nur dem Namen nach vorhanden, von irgend welcher weiblichen Üppigkeit keine Rede, ja, Bülow hätte bei dem Anblick der Komtesse sicher sein berühmtes Wort noch einmal wiederholt: Ich liebe es nicht, wenn die Damen den Rücken vorne haben!!

Obwohl Fränzchen nicht übermäßig groß war, sah sie doch lang aufgeschossen aus, namentlich in diesem Augenblick, wo sie so lebhaft mit den spitzknochigen Armen gestikulierte und das elegante, weißgestickte Kleid unbeschreiblich schlampig um die großen Füße schlug.

Pia hatte diese Betrachtungen ja schon oft gemacht und sich manchmal kopfschüttelnd eingestanden: »sie ist die wahre Karrikatur von einem Mädchen;« heute, wo sie die Erscheinung der Cousine voll ganz besonderer Sorge musterte, fiel ihr das Unschöne und Lächerliche besonders daran auf! –

Ach, was wird Gert, dieser verwöhnte, was Geschmack anbelangt, so fein beanlagte Mann dazu sagen! – Wie jähe Verzagtheit will es das junge Mädchen überkommen, da blickt sie in die strahlenden Augen des Bäschens, diese wunderschönen großen Augen, in das freudegerötete lebhafte Gesicht, und sie atmet tief auf und denkt: »Seltsam, trotz aller Häßlichkeit kann sie doch so herzgewinnend hübsch aussehen!« –

Fränzchen bleibt hochatmend vor ihr stehen.

»In einer halben Stunde sind sie da!« lacht sie, daß die ganzen Zähne sichtbar werden, »ich habe soeben mit Friedrich und ein paar anderen Dienstbolzen die Feldschlangen vor dem Thor geladen; – wenn der Wagen an der Wegbiegung in Sicht kommt, donnern wir los! – Famose Idee, was?« –

»Aber ich bitte Dich, liebstes Herz, wenn die alten Dinger platzen! Bedenke, wie lange nicht daraus geschossen ist, es kann ein Unglück geben!«

»I wo! Der Doktor und ich haben sie heute morgen selber mit putzen helfen!«

»Der Doktor! Was versteht ein Erzieher von Geschützen!«

»O bitte, er hat sein Jahr bei der Artillerie abgedient und ist in militärischen Dingen ein ganz fixer Kerl! Als ob sie mir einen anderen hätten geben dürfen!! – Sein Dienstjahr imponiert mir mehr, wie alles Latein, alle Mathematik und alles Vokabelpauken!«

»Du bist nicht recht gescheit, Fränzchen! Was wird Gert zu solchen Ansichten sagen!« –

»Na, als braver Lieutenant kann er sich höchstens darüber freuen!«

»Und ... Herr des Himmels! wie sehen denn Deine Hände aus?!«

Komteßchen sah mit flüchtigem Blick auf die Genannten nieder und strich sie ungeniert am Kleid ab. »Donner ja! ich muß mich noch waschen!«

»Wo hast Du Dich denn so furchtbar zugerichtet?«

Fränzchen lachte harmlos wie ein Engel. »Es sind ja nur Bickbeeren! Die neue Mamsell hatte mir gestern kein Eis, wie sie versprochen, sondern elenden Aprikosenauflauf als Nachtisch vorgeworfen, da mußte ich mich doch rächen, um die Disziplin aufrecht zu erhalten!«

»Rächen? mit Blaubeeren?«

»Hm! ich habe ihr ein paar Hände voll Saft in den Waschkessel gedrückt, worin sie unsere feine weiße Wäsche hat.« –

»Fränzchen!!!« –

»Die Wut von ihr! es wird prachtvoll! neulich hat sie schon Mord und Tod geschimpft, sie hätte den ganzen Nachmittag stehen müssen, um die Grasflecken aus meinen Kleidern zu machen.« –

»Die ganze Wäsche wird verloren sein!« rang Pia entsetzt die Hände, »und solchen Unfug stellt eine sechzehnjährige junge Dame an!« –

»I wo! verloren! – Der alte Drachen muß sie nur wieder säubern, voilà tout! und jetzt will ich mir flink noch die Finger abspülen.« –

»Das bekommst Du ja im Leben nicht wieder herunter! die blauen Flecke haften tagelang!« –

»Schnack! ich nehme Sand!« –

»Zeig her, ob Dein Kleid etwas abbekommen hat?«

»Keine Spur! ich hatte wohlweislich Mamsells Schürze vorgebunden, die hat allerdings die schwarzen Pocken bekommen!« –

»Und Dein Haar, es starrt wieder in alle Winde! komm schnell mit mir in mein Zimmer!«

»Nein, das hat Mama verboten!« –

»Ich werde sie um Verzeihung bitten! ich muß Dir mal die Haare ein wenig brennen.«

»Brennen?! Mir?!!« – Fränzchen sah sehr verdutzt aus.

»Gewiß! es wird Dir allerliebst stehen! überhaupt muß ich Dich noch ein wenig herausputzen! Gert legt so viel Wert auf guten Anzug, und wirst Du ihm doppelt gefallen, wenn Du ein bißchen hübsch aussiehst!«

Fränzchen machte ein undefinierbares Gesicht. Teils pfiffig, teils schmunzelnd, aber sie sagte kein Wort weiter, sondern raste der Cousine voraus, nach dem Fremdenzimmer.

Die Sonne leuchtete durch die mächtigen Bogenfenster und weckte blitzende Lichter in dem eleganten Krystall, welches den spitzenverhängten Toilettentisch verzierte.

Vor vielen, langen Jahren mochte hier eine schöne Ahnfrau ihrem Antlitz in dem Rokokospiegel, dessen goldenen Blätterrahmen schwebende Englein trugen, zugelächelt, mochte mit weißen Händchen zwischen all den Flacons, Döschen und Krüglein gewählt und blitzende Edelsteine in die Schmuckschalen geworfen haben! – Noch war das Zimmer in seiner vergilbten Pracht genau wie ehemals erhalten, und nur der ausgestopfte weiße Seidenspitz, welcher mit starren Glasaugen auf der Bronzekonsole des Kamins saß, war entfernt worden, weil die Motten ihm gar zu schonungslos zugesetzt hatten.

Wo ehemals die kokette Gräfin Niedeck das rosenbekränzte Schäferhütchen auf das Lockentoupet gedrückt und auf spitzen Stöckelschuhen zierlich wie ein Bachstelzchen über das Parkett wippte, trappsten jetzt die derben Schuhe ihrer späten Enkelin, und Fränzchen pflanzte sich breitbeinig, die Hände mit gespreizten Fingern auf die Knie gestützt, vor dem Toilettentisch auf, um mit dem komischsten Gesichtsausdruck, welchen man jemals an ihr wahrgenommen, der Brennschere zu harren. Pia hing ihr den eigenen gestickten Frisiermantel um die Schultern und entzündete voll fliegender Eile die Spiritusflamme.

»Es ist mir unbegreiflich, daß Tante Johanna Dich nicht täglich von Dorette frisieren läßt!« schüttelte sie den Kopf. »Willst Du denn die Haare immer abgeschnitten haben?« –

Fränzchen grunzte etwas Unverständliches und hielt den Kopf kerzengrade.

»Nun, dann müssen die rebellischen Strüppe zum mindesten zu zierlichen Tituslöckchen gewellt werden. Bist Du denn nur gar nicht im mindesten eitel, petite? Jedes Mädchen hegt doch ein gewisses Interesse für seinen äußeren Menschen!« –

»Hm, schon möglich ... aber ich? ... nee, ich bin nicht eitel!« und zur Bestätigung schnitt sie ihrem Spiegelbild eine furchtbare Grimasse.

»Aber, Fränzchen, wie kann man sein Gesicht so verzerren!!« –

»Oh, ich kann noch viel tollere Fratzen schneiden! Als wir letztes Jahr in Montreux an der table d'hôte speisten, saßen wir drei holländischen Kindern gegenüber, famose Bälge, welche aber dämlicherweise stets das Futter verweigerten. Ihre Mama rang die Hände, aber alles Bitten und Drohen half nichts. Da hatte ich eine gute Idee. Ich schnitt den Kindern ein paar Schauervisagen prima Qualität! Siehste so, Pia, mit rollenden Augen, gefletschten Zähnen, dann ein bißchen geschielt.« – –

»Pfui, hör auf! es ist ja haarsträubend!!«

»Na, ja, das fanden die Bälge wohl auch, denn sie bekamen einen solch blödsinnigen Schreck, daß sie dasaßen wie gelähmt und mich anstarrten.

›Wenn Ihr nicht sofort essen werdet, dann fresse ich Euch!‹ heulte ich sie an wie ein Deuwel, und faktisch es nutzte! Wie besessen fuhren sie auf ihre Teller los und löffelten! Na, später wurden wir gute Freunde und dann änderte sich die Methode. Weil sie sich nämlich großartig über meine Fratzen zu amüsieren begannen, schnitt ich ihnen nach Tisch zur Belohnung für gutes Essen jedesmal eine nette, kleine Kollektion vor! – Willst Du mal Deuwels Großmutter sehen?!« –

»Nein, – danke verbindlichst!« – Pias Hände bebten schon vor Nervosität: »und wenn ich Dich um eine Gefälligkeit bitten dürfte, Fränzchen, beglücke Gert nicht etwa mit solchen Grimassen! Er haßt alles, was nicht ladylike ist! So; ein paar hübsche Wellen habe ich Dir nun auf die Stirn gelegt, – nun noch die Strüppe an den beiden Kopfwirbeln ein wenig beilegen ... wie verändert Du aussiehst! Ganz allerliebst! findest Du nicht auch?«

Fränzchen grinste sich wohlgefällig an: »Na, na, wenn der Vetter man bloß nicht das Verlieben kriegt!«

Pia wandte den Kopf seitwärts. »Wäre das denn so schlimm?« fragte sie mit unsicherer Stimme. »Gert ist ein prächtiger Mensch, kein Mädchen könnte sich einen schöneren Schatz wünschen!« –

Fränzchen schnellte herum und starrte die Sprecherin mit offenem Munde ganz verblüfft an, plötzlich aber zuckte und arbeitete es in ihrem Gesicht, flammende Röte stieg in ihre Wangen und die dunklen Augen blitzten auf.

Ein scharf prüfender Blick traf das verlegene Gesicht der schönen Base.

»Hm ...« sagte sie gedehnt, »würdest Du mich denn zur Schwägerin wollen?« –

»Mein liebes, liebes Fränzchen!« Pia schlang jählings die Arme um Komteßchen und küßte sie auf die Stirn.

Fränzchen machte sich ungestüm los. »Donnerwetter! – Puh, ist mir heiß ... also Du meinst ... hm ... famoser Gedanke ... so was fehlte mir grade hier in der Einsamkeit! – Na ja, wenn ich Dir vielleicht einen Gefallen damit thue, nehme ich ihn!«

»Fränzchen, bestes, einziges Herz ... bemühe Dich recht, ihm zu gefallen! sei recht, recht nett zu ihm ...«

Das Backfischchen stand breitspurig vor dem Waschtisch und schäumte sich die Hände ein. Wie Wetterleuchten flammte es über ihr Gesicht, wie ein tolles, jubelndes Gelächter, welches kaum noch unterdrückt werden kann und sie zu ersticken droht. Aber diesmal bezwingt sie sich. –

»Ich werde ihn zu berücken suchen!« flötet sie schwärmerisch, und fügt ärgerlich hinzu: »Verdammte Bickbeerenbrühe! unter den Nägeln kriege ich sie nicht weg!«

Pia seufzt. »Wie fatal! aber es ist keine Zeit mehr, länger zu bürsten, man ruft schon nach uns!«

»Alle Donner – meine Böllerschüsse!« und das Backfischchen spritzt den Seifenschaum um sich, – fährt mit den Händen flüchtig über das Handtuch, und nickt der Cousine noch einmal tröstlich zu. »Ja, ja, verlaß Dich drauf, den Gert, den heirate ich!« – und dann fliegen rechts und links die zierlichen Sesselchen mit dem verblaßten blumigen Atlasbezug zur Seite und Gräfin Fränzchen stürmt wie die wilde Jagd in den Hof zurück.

Pia nimmt schnell die Rosen, welche sie dem Wildfang noch in den Gürtel stecken wollte, von dem Tisch und folgt hochklopfenden Herzens. Sie ist so konfus und zerstreut, – war es recht, daß sie an Fränzchen ihre geheimsten Wünsche verriet?

Die Kleine ist seit ihrer Rückkehr ausgelassener und kindischer wie je, – oft scheint ihre tolle Laune krampfhaft, zeigt sie sich Gert als gesitteteres und vernünftigeres Wesen, so thut sie es einzig der Cousine zu Liebe, welche sie darum gebeten.

Fränzchen steht neben den alten Feldgeschützen und gestikuliert lebhaft mit ihrem Erzieher und den beiden Dienern, welche die Lunte halten.

Sie reißt sich aber gehorsam von der interessanten Spielerei los, als Fräulein von Nördlingen sie ruft und läßt sich geduldig, mit lustigem Augenzwinkern, die Rosen in den Gürtel stecken.

»Nun fahre nicht so heftig mit den Armen dagegen, sonst brechen die Blüten ab!« ermahnt Pia noch einmal sorgenvoll, und dann führt sie die Kleine an der Hand den Eltern entgegen, welche soeben auch in das Schloßportal treten.

»Sieh doch, Tante Johanna! wie gefällt Dir Dein Töchterlein heute?«

Die Gräfin sieht ganz perplex aus. »Oh, welch eine Überraschung! Fränzchen als Dame frisiert! Oh – – sieh doch, Willibald!« – – und dann bekommt sie einen Husten, sehr heftig und andauernd, so daß sie das Taschentuch vor den Mund pressen muß.

Aber es ist keine Zeit mehr zu näherer Besichtigung, ein Hornsignal schmettert von dem Lug ins Land. Mit unheimlichem Krach entlädt sich die erste der Feldschlangen und enttäuscht Fränzchen durch ihr schwachatmiges Organ.

Der Doktor und die Diener sind sicherheitshalber hinter eine Mauerböschung gesprungen; da aber das Geschütz höflicherweise nicht geplatzt ist, eilen sie kühn und mutig zu dem zweiten, auch hier die festliche Detonation in Scene zu setzen.

Auch hier ein dumpfer Schlag.

»Jämmerlich, wie ein Knallbonbon!« ärgert sich Fränzchen; im nächsten Moment aber schwenkt sie mit rauhkehligem Hurrah das Taschentuch – es zeigt so viel Heidelbeerflecken, daß man es für eine Trauerflagge halten könnte! – in der Hand und winkt stürmischen Willkommen.

Vor dem Burgthor klingt Hufschlag und Räderrollen und im nächsten Augenblick hält die elegante Equipage, von vier Rappen gezogen, in dem Schloßhofe. – –

Herr und Frau von Nördlingen breiten grüßend die Arme aus, und ein schlanker, bildhübscher Marinelieutenant greift salutierend an die Mütze.

*

Tage sind vergangen.

Pias bleiche Wangen blühen wieder wie ehedem in rosiger Frische und ihre Augen leuchten so glücklich und zuversichtlich wie diejenigen eines Kindes, welches durch die Thürspalte den verheißungsvollen Glanz des Christbaumes strahlen sieht! –

Wie wunderbar gut haben sich Gert und Fränzchen angefreundet! Die Kleine erfaßt ja einen neuen Gedanken meist sehr passioniert, ihre Neigung für Gert scheint jedoch mit Sturmesschnelligkeit zu wachsen und sein Sieg prima vista entschieden.

Sie macht auch nicht den mindesten Hehl daraus, daß der neue Vetter ihr über die Maßen gut gefällt, und die Naivität, mit welcher sie ihr Entzücken zur Schau trägt, wirkt viel zu originell und kindlich, um abstoßend zu sein!

Gert selber ist während der ersten Tage oft blutrot geworden vor Verlegenheit, wenn das junge Bäschen voll andächtiger Bewunderung sein »famoses Schnurrwichschen« anstaunt, wenn sie ungeniert bekennt: »Höre, Gert, Du hast grade so bildschöne Augen wie Pia!« oder wenn sie nachdenklich seine Hand zwischen die ihre nimmt und frägt: »Wie machst Du das nur, daß Du als Mann so schöne weiße Hände hast? Du bist doch gar nicht so sehr viel älter wie ich und mußt doch gewiß auf dem Schiff tüchtig zugreifen, – sicherlich noch mehr als wie ich hier in Haus und Hof herumhantiere, – und doch sehen Deine Finger aus, wie von Marmor gemeißelt!« –

Der elegante Gert, welcher auf seine tadellosen Hände besonders eitel ist, lächelt voll Wohlgefallen und findet die Kleine »immer charmanter!« und Frau von Nördlingen, welche ja keine Mutter sein müßte, wenn sie nicht jedwede Tochter des Landes auf ihre Eigenschaft als brauchbare Schwiegertochter prüfte, schaut immer überraschter und aufmerksamer drein, je deutlicher Fräulein Fränzchen ihre Sympathien für den Herrlichsten von allen bekundet.

Der Hauslehrer ist noch an demselben Tage, wo die Gäste auf Niedeck eingetroffen, zu seiner eigenen großen Überraschung abgereist. Graf Willibald liebt ja die Überraschungen. Nach Tisch hat er ein Weilchen heimlich mit dem Doktor getuschelt, hat es unverantwortlich gefunden, daß der junge Gelehrte die Schweiz noch nicht kenne, und ihm mit verständnisinnigem Lächeln ein paar Goldrollen in die Hand gedrückt: »Machen Sie bei der Hitze noch Ferien und reisen Sie mit Gott, mein wackerer, junger Freund!« –

Der Doktor war sprachlos vor Freude. Zwar sandte er noch einen wehmütigen Blick nach Pias goldlockigem Köpfchen hinüber, raffte sich dann aber energisch zusammen und stürmte auf sein Zimmer, das Kofferchen zu packen.

Mit dem Abendschnellzug dampfte er bereits nach Straßburg ab, und anläßlich seines Abschieds ward Fränzchen zum ersten Mal sehr zärtlich gegen Vetter Gert, – sie warf sich an seine Brust und drehte ihn wie einen Brummkreisel umher: »Gott sei Dank – nun hat's mit dem Geochse für ein Weilchen wieder ein Ende!« – Und dann genoß sie die köstliche Freiheit so recht in vollen Zügen.

Ihre kleine, sehr kostbare Büchse über der Schulter, zog sie mit dem Vetter und dem Rentmeister schon in aller Morgenfrüh auf die Jagd hinaus, denn zu beiderseitigem innigen Entzücken war konstatiert, daß Gert ein passionierter Jäger sei.

»Wie gefällt es Dir eigentlich, daß Fränzchen der Diana so sehr in das Handwerk pfuscht?« forschte Pia ein wenig sorgenvoll bei dem Bruder, dieser aber strich das Bärtchen flott in die Höhe und sagte: »Brillant! sie ist ein Mordsfrauenzimmer! schießt besser wie wir anderen zusammen! Es ist uramüsant, mit dem lustigen Mädel zu jagen, sie gönnt mir die besten Schüsse, ist absolut nicht zimperlich und stiefelt mit uns durch Dick und Dünn! Mit der kann man zur Not ein Pferd stehlen!« –

»Findest Du sie hübsch?« –

Gert lachte. »Na, das ist nicht gut möglich, das arme Ding sieht aus wie ein Nußknacker! Aber was liegt daran!? bei einem guten Kameraden ist das doch gleichgültig!« –

»Nur ein guter Kamerad?!« –

Der Marinelieutenant hob erstaunt den Kopf: »Na, denkst Du etwa, ich wollte sie heiraten?«

Pia hob tiefatmend die Theerosen, welche sie in der Hand hielt, und neigte das erglühende Antlitz darauf nieder.

»Ich glaube, Fränzchen ist auf dem besten Weg, sich sterblich in Dich zu verlieben, – das arme Kind!« –

»Ah ... faktisch? – glaubst Du?!« – So überrascht auch die Stimme klang, so geschmeichelt sah dennoch das hübsche Gesicht des jungen Offiziers aus. »Das sollte mir riesig leid thun, – sie ist wirklich ein sehr nettes Mädchen!«

»Sie hat wunderbar schöne Augen – und ein so herzliches frisches Wesen! warum solltest Du nicht auch sie lieb gewinnen können!?«

Gert machte eine jähe Bewegung. »Ich bitte Dich, Pia, – daran ist doch kaum zu denken –! Hast Du nicht selber an Mama geschrieben, daß sie für Wulff-Dietrich bestimmt sei?«

Das junge Mädchen blickte angestrengt zur Seite. »Daran ist wohl kein Gedanke mehr, – sie liebt ihn nicht – und ... und ...«

»Ja, wen soll denn der arme Majoratsherr aber sonst heimführen, da es zwischen Euch beiden absolut nichts zu werden scheint?«

Pia senkte das Köpfchen tief zur Brust.

»Das laß Deine geringste Sorge sein, – in der Not lernen die Menschen fürlieb nehmen!« sprach's und eilte hastig in das Nebenzimmer, um ihres Amtes an dem Frühstückstisch zu walten.

Gert blickte ihr starren Auges nach. Ein blitzähnlicher Gedanke durchzuckte ihn.

War seine schöne Schwester nicht umsonst im Hause des Diplomaten erzogen?

So übel ist der Plan nicht, welchen sie zu verfolgen scheint. Wer Schloß Niedeck kennen gelernt hat, muß wohl oder übel für den Gedanken schwärmen, es einstmals besitzen zu können. Wulff-Dietrich hat sich, wie er von seinen Eltern hörte, nie bemüht, Pia kennen zu lernen; die reiche Cousine Franziska scheint ihm mehr begehrenswerter zu sein, wenn aber Fränzchen einem anderen die Hand reicht, so bleibt Wulff-Dietrich keine Wahl, er muß Pia heimführen, will er seinen Söhnen das Majorat erhalten. Die Heirat mit einer andern enterbt seine Kinder und liefert den wundervollen Besitz an die Krone. –

Gedankenverloren sinkt sein Kopf zur Brust und die Cigarre zwischen den Fingern verlöscht.

Fraglos, Pia hofft durch ihn dennoch Gräfin Niedeck zu werden.

Gert hat seine reizende Schwester seit jeher abgöttisch geliebt, sie gut und glänzend verheiratet zu sehen, würde ihn unbeschreiblich beglücken.

Er weiß auch, daß man in der Residenz darüber spottet, daß Wulff-Dietrich sich so ostensibel fern hält, obwohl sein Vater schon vor Jahren für ihn um Pia angehalten. Die Familie Nördlingen hat die spätere Heirat für selbstverständlich erachtet und man hat wohl zu siegesgewiß darüber gesprochen, – nun ist es doppelt empfindlich für das junge Mädchen, verschmäht zu werden.

Gert sieht das alles ein, und der kleine diplomatische Schachzug der Schwester deucht ihm geistreich und zweckmäßig, wenn ... ja, wenn er es nur nicht wäre, welcher sein Herz dafür auf den Opferaltar niederlegen muß!

Fränzchen ist ein liebes, herzensgutes Kind, – aber sie lieben? Gert seufzt tief und schmerzlich auf.

Er denkt zurück an ein Ballfest in Kiel, an ein süßes blauäugiges Engelsangesicht, welches unter zartem Vergißmeinnichtkranz zu ihm auflächelte, so strahlend glücklich, so scheu und innig, so heimlich flehend: – Vergiß – mein – nicht! –

Nein, er hat sie nicht vergessen, er hat an jenem Abend sogar stolz entschlossen den Kopf zurückgeworfen und den blitzenden Sternen am Himmel zugejauchzt: »Und wenn ich warten muß bis zum Korvettenkapitän! ich liebe das blonde Gretelein und führe sie heim!« und er hatte seit jener Zeit öfters ein heiteres Liedchen gepfiffen: »Mein Schatzerl ist hübsch, aber Geld hat es nit! was nützt mir der Reichtum, das Geld küß i nit!« Nein – das Geld küßt man nicht – und doch ... »geht das Feuer auf dem Herde aus, – flieget die Liebe zum Schornstein hinaus!« – das ist auch ein wahres, ein bitter wahres Wort!

Gert streicht nachdenklich über die Stirn. Er ist ein blutjunger Lieutenant und bis zum Korvettenkapitän hat's noch gute Wege, das blonde Gretelein dürfte wohl kaum so lange warten wollen, – und Fränzchen, das wilde, derbe, häßliche Mädchen?? – Der junge Mann springt erregt empor und schüttelt erschreckt den Kopf: »Nein, nein! sie heiraten? undenkbar!« –


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