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Kapitel 25.


Und sprich: woher kommt Liebe?
»Sie kommt und sie ist da!« –
Und sprich – wie schwindet Liebe?
»Die war's nicht, der's geschah!« –

Friedrich Halm.

Kann bei solchem Kinderlärmen
Wohl ein Mensch vernünftig sein?

Ernst Schulze.

 

Als der junge Herr von Nördlingen nach Tisch in der Buchenlaube des kleinen Burggartens sitzt, erknirscht vor ihm der gelbe Kies, welcher die schmalen Wege deckt, und seine Mutter taucht jählings vor ihm auf.

»Ah, mein Herzensjunge, wie nett, daß ich Dich hier finde!« – lächelt sie ihm zärtlich zu: »Ich sage es ja immer, wir beiden haben einen geradezu lächerlich gleichen Geschmack! hier dieses weltvergessene Plätzchen mit dem herrlichen Blick in die Thalebene hat es mir auch vom ersten Augenblick angethan!«

Gert zieht die Hand der noch immer sehr interessanten und jugendlichen Mama galant an die Lippen und schlingt den Arm um sie, als Frau von Nördlingen an seiner Seite Platz nimmt.

»Kannst Du es mir verdenken, Mütterchen, wenn es mir ein besonderer Genuß ist, abwechslungshalber mal auf ein Meer von grünrauschenden Wäldern herab zu blicken und mich an dem Anblick wogender Kornfelder zu freuen? solch ein Idyll träumt der Seefahrer selten, und darum liebt er es, wie den Christbaum, welcher auch nur einmal im Jahre brennt!«

»Ja, es ist schön hier! so schön, wie ich mir das sagenumwobene Niedeck niemals vorgestellt habe! Dieses wunderbar großartige Schloß, – diese Pracht der Einrichtung, dieser fürstliche Besitz, welcher es umgiebt!«

Die Baronin seufzt wehmütig auf: »Würde Pia nicht die geborene Burgfrau dafür sein? mir thut das Herz weh, wenn ich ihre schlanke Gestalt durch die Hallen und Säle schreiten sehe, und denke, dieselben können ihre Heimat, ihr Eigentum werden, – wenn ... ja, wenn dieses fatale ›wenn‹ nicht wäre!«

Gert zwirbelte das blonde Schnurrbärtchen und kaute nervös an der Lippe: »Ja, es ist kein übel Ding, die Gemahlin des Majoratsherrn von Niedeck zu sein! Tante Johanna hat doch damals auch noch das große Los gezogen, als kein Mensch mehr daran glaubte und dachte, – wer weiß, wie Pias Schicksal sich noch gestalten wird, – vorläufig ist Wulff-Dietrich noch frei!« –

Frau von Nördlingen zuckte ungeduldig die Achseln, »was man bei ihm ›frei‹ nennen kann! Pia schrieb doch, wir sollten jeden Gedanken an ihn aufgeben, er sei für Fränzchen bestimmt!«

»So wie ich Cousine Fränzchen kennen lernte, ist sie energisch und eigenwillig genug, um sich ihre Zukunft selber zu gestalten!« –

Ein lebhafter Blick aus den Augen der Mutter flammte zu dem Sprecher auf. »Macht es Dir auch so den Eindruck?« flüsterte sie hastig.

Gert wiegte nachdenklich den Kopf, ein siegesgewisses Lächeln spielte um seine frischen Lippen.

»Fränzchen macht zum mindesten nicht den Eindruck, als ob sie sterblich in Wulff-Dietrich verliebt sei!« –

»Nicht wahr!? das findest Du auch? je nun, Gert, wir können ja offen darüber reden! ich finde, das allerliebste kleine Ding ist geradezu vernarrt in Dich!«

»Allerliebste kleine Ding??« –

Die Baronin rückte eifrig näher: »findest Du das etwa nicht? mein Gott, sie sieht ja dem Vater leider sprechend ähnlich, aber die Augen hat sie von Johanna, – was für Prachtaugen! und dann mußt Du bedenken, sie ist erst sechzehn Jahre alt, – die unvorteilhafteste Werdezeit für ein junges Mädchen! Da ist alles noch eckig, ungraziös, derb! aber warte noch ein oder zwei Jahre, dann sollst Du sehen, wie sie sich entwickeln wird! Ich wette darauf, sie wird eine fabelhaft aparte Erscheinung! Oh, und dieses herzige, naive, lustige, amüsante Wesen! ich könnte mich oft totlachen über ihre drastische Art und Weise, über ihren schlagfertigen Humor! – Sie wird mit dieser Göttergabe alle Herzen erobern! Nun ... und ... last not least – – welch ein Vermögen! ihre Großmutter hinterließ ihr die wundervollen Güter Seesenwalde und Sonnenhof, – absolut schuldenfrei, – ihre Großtante brachte auch tüchtig Kapital ins Haus, nun, und dann Willibalds Privatvermögen – welches ja in den langen Jahren seiner »Majoratsherrschaft« lawinenartig angewachsen sein muß! Bedenke, daß er die zwanzig Jahre vor seiner Verheiratung doch alle Revenüen Zins auf Zins zurückgelegt hat! und bei Johannas Anspruchslosigkeit und ihrem praktischen Sinn haben sie auch während der Ehe sicherlich kaum ein Drittel ihrer riesigen Einkünfte verbraucht! Da rechne einmal nach, was für ein gewichtiges Goldfischchen dieses einzige Kind ist!«

»Hm ... da mag es wohl nach Millionen gehen ...« murmelte Gert mit beklommenem Aufatmen: »Solch ein Reichtum ist ja sehr schön – aber mit weniger Geld kann man auch glücklich sein ... und ...« er sprang erregt auf und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das lockige Haar: »Weiß der Teufel, was für ein undefinierbares Etwas in Fränzchens Erscheinung liegt! Etwas so unwiderstehlich Komisches – zum Lachen Reizendes! man kann sie beim besten Willen nicht ernst nehmen!!« –

Frau von Nördlingen zwang ihr Gesicht ernst, erstaunt auszusehen.

»Ah ... findest Du? merkwürdig ... das habe ich noch nicht bemerkt! oder meinst Du nur ihren Anzug? ja! – da allerdings muß ich Dir recht geben, Johanna zieht das arme Wurm unter aller Kritik schlecht an! Was helfen die echten Spitzen und seidenen Bänder, wenn sie absolut geschmacklos arrangiert sind! Ich habe mich überzeugt, das große Mädel trägt noch gestrickte Unterleibchen!! – Wo soll da eine Taille herkommen? gesund mag es ja sein, das gebe ich zu, und Johanna thut recht, wenn sie ihr einzigstes Kind ohne jeden körperlichen Zwang frisch und frei aufwachsen läßt, aber diese Gleichgültigkeit gegen jede Toilettenfrage muß doch mit der Zeit ein Ende nehmen! und sie nimmt es auch sicher, wenn das Vöglein flügge wird! Je nun und trägt Fränzchen auch als Braut noch kein Korsett, so besorgst Du ihr als Frau eine perfekte Pariser Jungfer, und Du wirst Wunder erleben! Aus dem häßlichen, jungen Entlein mausert sich ein Schwan mit blendendem Gefieder heraus!«

Gert sank resigniert auf die Bank zurück: »Sie ist ja sonst ein liebes, herzensgutes Mädel!« murmelte er mit starrem Blick.

Frau von Nördlingen schlang voll flehender Innigkeit beide Arme um ihn. »Gert – mein Herzensjunge, schmiede das Eisen, so lange es heiß ist! welch ein Segen könnte daraus erwachsen, nicht nur für uns alle, sondern auch für Pia! welch ein Goldregen würde auf uns niederträufeln – ach, und wie unsagbar wohl würde es mir thun, einmal noch frei aufatmen zu können, nachdem ich mein ganzes Leben hindurch mit Not und Sorge kämpfte, nachdem ich auf alles verzichten mußte, was mein Herz sich wünschte! Sieh, Gert, wie köstlich könnte sich Dein Leben gestalten! in Kiel baut ihr Euch ein Palais – Du schaffst Dir eine eigene Jacht an, mit welcher Du in königlicher Freiheit manövrierst, Du wünschtest es Dir ja so brennend, an den Wettfahrten in Cowes teilzunehmen – –«

Gert hob mit leuchtenden Augen den Kopf: »Cowes! – – eine eigene Jacht!« – flüsterte er wie verklärt.

Seine Mutter küßte ihn schier feierlich auf die Stirne.

»Du wirst sie haben, wenn Du das Eisen schmiedest, so lange es heiß ist!«

Ein Hornsignal erschallte vom Turm.

»Es ist Essenszeit!« fuhr die Baronin fort: »Sieh, dort blühen rote Rosen am Stock, lege sie Fränzchen auf den Teller!«

Mechanisch erhob sich der junge Marineoffizier, trat zu dem schlanken Stämmchen und bog die purpurnen Blüten herab.

Wie heiß und grell sie in der Sonne flammten! Sie blendeten ihm die Augen, er pflückte sie mit energischem Griff, unbekümmert, daß die scharfen Dornen seine Finger blutig ritzten. Vor seinen Augen gaukelte ein märchenhaftes, wundervolles Bild, – eine schmucke, elegante Jacht, die als Gallionsbild den aufrechtschreitenden Löwen der Nördlingen trägt, umrauscht von dem Wappenbanner; – auf blaukräuselnden Wogen zieht sie stolz daher, und der junge Offizier, welcher sie befehligt, sagt nicht mehr, »Seiner Majestät Schiff«, sondern lächelt blitzenden Auges: »Mein Schiff!«

Gert fühlt, wie ihm das Blut glühend in die Wangen schießt, wie ein leidenschaftliches Wünschen und Verlangen seine Seele erfaßt.

Die roten Rosen duften schwül zu ihm empor und neben ihnen verblaßt die Erinnerung an zarte Blaublümlein mehr und mehr, bis sie haltlos zerrinnen, wie Nebel und Dunst!

Der Wind streicht flüsternd durch die Gebüsche und die Äolsharfe in der Ruine, welche seitwärts an dem alten Burgberg emporragt, hebt ein leises, wehmutsvolles Summen an.

Gert lauscht empor, beinahe deucht es ihm wie eine bekannte Melodie.

»Mein Schatzerl ist hübsch, aber Geld hat es nicht ...« Nein diese Weise ist verklungen.

Geisterstimmen hallen aus dem zerfallenen Gemäuer herüber, die wollen den Freier in Schloß Niedeck begrüßen!

Klingt es wie Jubel und Becherklang, wie Glockenläuten und süße Liebesworte?

Der Wind saust stärker daher. Über ihnen an einem Fenster des Schlosses tickt die kleine Kette einer Jalousie gegen die Scheibe.

»Kling, kling, kling« ... so tönen Goldstücke, welche man hastig und habgierig zählt ...

Gert macht eine jähe nervöse Bewegung, wendet mit starrem Blick den Kopf und stürmt, die Rosen in der Hand, dem Speisesaal zu.

*

Pia beobachtete es bei Tisch mit hochklopfendem Herzen, wie ihr Bruder Gert begann, der kleinen Cousine recht auffallend die Cour zu machen.

Er überreichte ihr ein paar rote Rosen mit sehr vielsagendem Blick, und Fränzchen antwortete mit einem derart schmachtenden Gesicht, daß man es hätte outriert finden können, wenn dem naiven Kind dergleichen Ironie zuzutrauen wäre.

Die Rosen schienen ihr kolossale Freude zu bereiten, sie roch unablässig daran, und zwar so geräuschvoll, daß auch diese zarte Anerkennung seiner Huldigung etwas außerordentlich Komisches bekam.

Nach kurzer Zeit, während die Unterhaltung einmal sehr lebhaft gewesen, hielt Komteßchen mit innig wohlwollender Miene eine der Rosen dem ältlichen Fräulein Aurelie, welche die Stelle einer Hausdame auf Niedeck bekleidete und einer Offiziersfamilie entstammte, über den Tisch herüber hin.

»So wundervoll wie Gerts Rose duftete noch nie eine andere« – sagte sie mit beinahe schmachtender Miene: »Riechen Sie mal, Fräulein Aurelie, es ist zauberhaft!« –

Die also Ausgezeichnete lächelte sehr geschmeichelt und nahm mit graziös gespreizten Fingern die Blüte entgegen, um die spitze Nase andächtig in ihren Kelch zu versenken.

Kaum aber, daß sie daran gerochen, fuhr sie mit allen Zeichen des Entsetzens zurück, riß ihr Taschentuch aus dem Kleid, starrte mit blöden Augen nach dem hellen Fenster – und hazie, hazie ertönte eine kolossale Niesexplosion.

»Prosit, prosit, Aurelchen!« schrie die kleine Gräfin mit wahrhafter Galgenphysiognomie, und als der Nieskrampf immer ärger ward und das alte Fräulein mit unverständlich gegurgelten Entschuldigungen aufsprang und nach der Thüre stürzte, ward Fränzchen kirschrot vor Vergnügen, warf sich aufjohlend, ohne alle Prüderie an Gerts Brust und schluchzte vor Lachen.

»Um Gottes willen! was ist denn geschehen?« rief die Gräfin betroffen, während die ganze Tischgesellschaft sprachlos vor Überraschung auf das erregte Backfischchen und den recht verlegen dasitzenden Gert starrte.

Fränzchen wischte sich mit dem Handrücken die Thränen aus den Augen. »Ach du liebe Zeit ... ach du beste Zeit ... oh du ewige Bekümmernis ...!« stöhnte sie.

»Bitte, erkläre uns doch –!«

»Na, was ist denn da noch zu erklären? ich hatte für die liebe Aurelie ein bißchen Paprikapulver aus dem Pfefferständer in die Rose gestreut! – warum bohrt sie denn ihren Rüssel bis auf den Grund?!«

Ob man will oder nicht, man muß lachen! Ja Vetter Gert amüsiert sich unbändig und in seinen lustigen Augen blitzt etwas auf, was bedenklich an seine eigene Jugendzeit erinnert!

Pia, welche zuerst wie gelähmt vor Schreck dagesessen, bemerkte zu ihrer großen Beruhigung, daß ihr Bruder den Scherzen der Cousine mehr Verständnis und Anerkennung entgegen bringt wie sie, und daß ihm ihr Übermut entschieden sympathischer ist, wie ihre Sentimentalität. Das trifft sich außerordentlich günstig, Fränzchen ist Feuer und Flamme, daß der Vetter ihren Witz so stürmisch belacht, sie rückt ihren Stuhl noch näher zu ihm heran und hakt sich sogar während der kurzen Pause zwischen Braten und Nachtisch bei ihm ein.

Dabei flüstert und tuschelt sie unaufhörlich und Gert prustet ein paarmal laut auf vor Lachen und nickt lebhaft Beifall, sicher sucht ihn die liebe Zukünftige als Associé für einen neuen Gaunerstreich zu gewinnen.

Erst bei dem Erscheinen eines köstlichen Vanille-Eiskegels ändert sich das Bild.

Nun konzentriert sich ihr Interesse auf einen anderen Punkt. Die schwarzen Äuglein flimmern vor Wonne und Genugthuung. Sie blinzt Pia eifrig zu. »Siehst Du wohl, die Bickbeeren haben sie zahm gemacht! schon drei Tage nacheinander Eis! – hm ... man muß sich nur Respekt verschaffen!«

Und dann tritt für den um die Tafel wandernden Eiskegel eine lange Ruhepause ein, – er ist bei Gräfin Fränzchen angelangt und kommt so bald nicht wieder von ihr fort.

Noch einen! immer noch einen Löffel! Dem servierenden Friedrich sträuben sich die Haare vor Angst.

Endlich ist der Teller des Backfischchens nach ihrer eigenen wohlig aufgeseufzten Versicherung »schwuppevoll!« – und der geduldig wartende Gert kommt auch an die Reihe.

Die Cousine stößt ihn mit dem Ellenbogen an: »Du ißt doch auch gerne Eis, wenn Du mich lieb hast, mußt Du es gerne essen!!«

»Rasend gern! – gradezu leidenschaftlich gern!« versichert der junge Offizier eifrig.

»Na, dann rechne Du mit dem Rest auf der Schüssel ab! Aurelie bedarf heute keines! Die ist leidend, – hat den Schnuppen! ... ich höre sie niest immer noch!«

Gert weigert sich entschieden, mehr wie drei Löffel zu nehmen, – da fährt Komteßchen energisch herum und lädt ihm den Teller voll. »Ich gönne es Dir ja! – ich finde es entzückend, wenn ein Mensch tüchtig losfuttert! Komm! wir essen um die Wette!«

Pia konstatiert, daß ihr Bruder auch diesen Verkehrston nicht unästhetisch findet, sondern seelenvergnügt um die Wette ißt!

»Es ist gradezu wunderbar, wie die beiden so himmlisch harmonieren!« lächelt Baronin Nördlingen mit wahrhaft verklärtem Blick nach dem Pärchen und sie drückt dabei die Hand Johannas. Die Gräfin nickt ihr herzlich zu, aber sie sieht ein wenig verlegen dabei aus.

»Willibalds Geburtstag soll diesmal in ganz besonders feierlicher Weise begangen werden!« sagt sie ziemlich unvermittelt. »Und obwohl es für Euch alle eine Überraschung werden sollte, halte ich es doch für besser, Euch ein wenig vorzubereiten. Wir haben Gäste geladen!«

»Gäste? O, das ist ja herrlich! das ist ja ganz reizend! Leute aus der Umgegend, liebe Tante?«

»Nein, nur Verwandtschaft!«

»Verwandtschaft?« Herr von Nördlingen blickt erstaunt auf. »Außer den Rüdigers habt Ihr doch gar keine näheren Verwandten!«

Kurze Pause. Dann nickt Willibald hastig. »Du hast recht, darum habe ich den Vetter mit Frau und Sohn hierher gebeten.«

Atemlose Stille.

Pia wird so weiß wie das Tafeltuch vor ihr und dann flammt es purpurheiß in ihre Wangen empor. Ihre Mutter wirft Gert einen Blick des Schreckens zu.

»O ... Du überraschest mich in hohem Grade, Willibald! Seid ihr denn wieder ausgesöhnt?«

Fränzchen ißt unbekümmert weiter, ihr Blick huscht aber über den Teller hinweg und beobachtet Pias Antlitz und dann wandert er voll Interesses weiter, von einem Gesicht zum anderen.

Graf Willibald zerdrückt etwas nervös die Serviette zwischen den Händen.

»Nein, was man so nennt, ›ausgesöhnt‹ bin ich noch nicht mit ihm, und abgerechnet habe ich auch noch nicht mit ihm wegen damals ... aber es wird wohl Zeit dazu. Der künftige Majoratsherr von Niedeck muß anerkannt werden. Ich feiere meinen sechzigsten Geburtstag; das biblische Alter ist bald erreicht, da weiß man nie, was der nächste Tag bringen kann, denn ich bin nicht mehr der Stärkste und Rüstigste!«

»Na, na! Darüber laß uns erst einmal streiten, mein lieber, guter Willibald! – Prost! – auf daß wir hier noch Deinen neunzigsten Geburtstag feiern!« –

Der Graf faßte sein Glas und that dem Freiherrn Bescheid. Er lächelte mit resigniertem Blick: »Ich lebe noch! ja! aber meine Rolle als nützlicher, notwendiger Mann ist ausgespielt, auch dürfte der Vorhang bald fallen! Mir eilt es gewiß nicht damit, denn ich kann es hinter den Coulissen noch gut abwarten, finde es gar behaglich und liebeswarm, und eine Genugthuung ist es mir auch gewesen, daß meine Rolle einen Fünfakter gedauert und daß Weib und Kind darin mitgespielt haben! Aber man darf nicht den rechten Moment zum ›Dramatischen Abgang‹ versäumen. Ich selber hatte ihn feierlich bis zum Nachspiel zurückhalten wollen, aber Fränzchen hat mich überzeugt, daß jetzt der rechte Moment gekommen sei! – Mag denn der Würfel fallen!«

»Ist bereits Antwort von Onkel Rüdiger da?« fragte Komteßchen mit vollen Backen, ohne das mindeste lyrische Interesse an einem Wiedersehen mit Wulff-Dietrich an den Tag zu legen.

Der Graf nickte. »Heute morgen traf ein sehr charmantes Schreiben von ihm ein, ebenso ein Brief von Wulff-Dietrich, der gute Junge ist so erfüllt von inniger Dankbarkeit, daß ich seinem Vater zuerst die Hand zur Versöhnung biete. Er schreibt, daß Rüdiger sich seit dem Tode seines Lieblings Hartwig bis zur Unkenntlichkeit verändert habe. Ein Herzleiden, welches ihn schon seit Jahren geplagt, sei durch die furchtbare Aufregung und den Schreck bis zu den bedenklichsten Symptomen gesteigert, sein Haar sei ergraut. Auch Melanie sei eine alte Frau geworden und namentlich in ihrem Wesen völlig verändert. Sie, die Lebenslustigste von allen, habe anscheinend ganz und gar mit der Welt abgeschlossen. Daß die Eltern die Residenz für immer verlassen wollten, stände fest, nur sei fürerst die Wahl eines neuen Wohnortes noch unentschieden.«

»Und sonst schreibt er nichts?« Fränzchens Blick huschte wieder zu Pias tiefgeneigtem Antlitz.

»Was soll er sonst noch schreiben?« zuckte Willibald die Achseln. »Er kommt ja übermorgen her und kann sich mündlich aussprechen.«

Herr und Frau von Nördlingen hatten einen schnellen Blick des Einverständnisses gewechselt. »Liebe Johanna, wäre es nicht besser, wenn wir diesen neuen Gästen das Feld räumten? Es ist Euch doch ungewohnt, so viele Menschen um Euch zu sehen, und ehrlich gestanden ... es ist nicht sehr angenehm für uns, jenem anderen Niedecker hier zu begegnen!« –

Graf Willibald fuhr jählings auf und legte die Hand auf den Arm des Schwagers: »Unter keinen Umständen dürft Ihr weg, – unter keinen Umständen!« und Johanna schlang aufs höchste erschrocken den Arm um die Baronin und sagte sehr bestimmt: »Das würde den ganzen Tag und das ganze Fest verderben! Das würden wir Euch nie verzeihen! Es ist gar kein Grund vorhanden, daß Ihr dem Vetter aus dem Wege geht, – Pia hat es ja lange genug gethan und ihre Würde mehr wie völlig gewahrt!«

Fränzchen kreuzte behaglich die Arme und lachte pfiffig auf: »Seht doch zu, wie Ihr ohne Wagen und Pferde von hier fortkommt! Wir stellen Euch keinen Karrenhund, geschweige vier Rappen!« –

»Und die Zugbrücke bleibt oben!« scherzte Willibald.

»Teufel, ja, – dann erklären wir uns gefangen!« lachte Gert.

Man erhob sich.

»Mahlzeit!« stöhnte Fränzchen, die Arme dehnend, und dann reichte sie Gert die Hand.

»Mahlzeit, Bäschen!« sagte dieser, sah die Kleine mit den tiefsten, unwiderstehlichsten Augen an, hob ihre Hand und drückte seine Lippen darauf.

»Alle Donner!« schrie Fränzchen ganz entsetzt und riß sie zurück, und dann stand sie wie versteinert und starrte auf die heidelbeergebläute Rechte nieder, auf welcher der erste Handkuß eines Lieutenants brannte! –

»Aber, Gert, um alles in der Welt!« rief auch Tante Johanna ganz verblüfft und machte Miene, als wolle sie noch nachträglich die kleine Galanterie verhindern: »Ich bitte Dich, verwöhne doch das Kücken nicht so!«

Graf Willibald aber stand und hielt sich die Seiten vor Lachen!

Fränzchen sah blutrot aus und machte ein Gesicht, als schnappe sie nach Luft, und dann schlenkerte sie mit Händen und Füßen, wie ein Zappelmann, stieß ein undefinierbares Grunzen aus und stürmte aus dem Saal, daß rechts und links die Stühle und Diener beiseite flogen.

»Mein Gott, wie totverlegen das süße, kleine Ding wurde!« rief Frau von Nördlingen mit zärtlichem Ton. »Sie hat doch etwas ganz außerordentlich Weibliches bei all ihrem Übermut!«

Da drückte auch die Gräfin das Taschentuch vor das Gesicht und lachte Thränen.

Gert aber zwirbelte stolz über solchen Erfolg sein Schnurrbärtchen und Papa Nördlingen klopfte ihn wohlwollend auf die Schulter und neckte: »Na, na! Bilde Dir 'mal nicht zu große Lorbeeren ein, Du kleiner Schwerenöter!«

Die Baronin umarmte ihren Mahlzeit wünschenden Sohn sehr herzlich und dabei flüsterte sie ihm unbemerkt zu: »Losschießen, Jungchen! so bald als möglich! Es ist die höchste Zeit!« –

*

Die Damen hatten sich zu einer kleinen Siesta zurückgezogen, ebenso die beiden Väter, welche über »den Dienst nachdenkend« in stiller Beschaulichkeit eine Tasse Kaffee trinken wollten.

Es war sehr heiß.

Unter den hohen Ulmenwipfeln brütete drückende Schwüle und Gert wandte sich mechanisch der kleinen Felsgrotte zu, in welcher gewiß eine angenehmere Temperatur herrschte.

Er hielt die Cigarette zwischen den Zähnen und starrte nachdenklich vor sich hin auf den Parkweg, welcher ziemlich steil abfiel, da die Gartenanlagen sich den Burgberg hinab erstreckten.

Ein unbehagliches Gefühl wollte ihn nicht verlassen. Wie ein Alp lastete die bevorstehende Liebeserklärung auf ihm, und wenn auch vor seinen Augen noch das Bild der »eigenen Jacht« wie eine lockende Fata Morgana schwebte, so fand er den Weg bis zu ihr hin doch reichlich so sauer, wie das Wandern durch den glühenden Wüstensand.

Ja, wenn das Herz nicht dabei ist!

Damals mußte er gewaltsam die Lippen schließen, um dem süßen, blonden Gretelein nicht voll überströmender Liebeswonne Herz und Hand allsogleich zu Füßen zu legen, und heute ...?

Gert stöhnte schwer auf; wie sollte er diesem unreifen, kindischen, übermutstollen Mädel wohl ein ernstes Wort von Liebe reden?

Manchmal war ja Fränzchen höchst sentimental und schwärmerisch, verdrehte die Augen und drückte die Hand auf das Herz, aber das waren nur momentane Stimmungen und ... Potz Anker und Pumpstock ... gerade diese Anwandlungen liebte er am wenigsten an ihr! Es kam ihm immer vor, als ob eine ausgelassene Schauspielerin vor ihm stünde, um unter innerlichem, schluchzendem Gelächter ein wenig Komödie zu spielen! Ihre Rüpelhaftigkeit mutete ihn »echter« und darum bedeutend wohlthuender an!

Und diesem erschrecklichen kleinen Goldfisch eine Liebeserklärung machen!

Es war furchtbar.

Aber was hilft alles Sträuben und Schaudern, er muß! Um Pias und um der Mutter willen! – An die Millionen und die eigene Jacht denkt er schon gar nicht mehr.

Übermorgen kommt Wulff-Dietrich hier an; findet er Fränzchen als Braut eines anderen, so ist Pias Schicksal wohl entschieden, und der unentschlossene Graf Dietrich entschließt sich dennoch, sie dem Antrag des Vaters gemäß zu seiner Gräfin zu machen.

Wird es ein so großes Glück für die Schwester sein, einen Mann zu heiraten, welcher sich so sehr gegen eine Verbindung mit ihr sträubte? Unbegreiflich genug war es von ihm; – je nun, er liebt vielleicht auch ein blaues Vergißmeinnicht, dem er schwer entsagen kann. Und Pia? Der Besitz von Niedeck reizt sie wohl an und blendet sie, – sonst wäre das Handeln des sonst so starren, spröden Mädchens wohl unbegreiflich!

O, Gold, du teuflisches rotes Gold, welch eine Macht hast Du selbst über die besten!

Die Zeit drängt, wie soll er es nur anfangen, Cousine Fränzchen eine regelrechte Liebeserklärung zu machen! Humoristisch? Nein, dazu ist ihr Wesen oft zu sentimental und auch die kindischsten Backfische haben von Liebeserklärungen stets eine außerordentlich poetische Vorstellung!

Nachdenklich, mit sorgenschwerem Herzen biegt Gert um die zackigen Granitfelsen, welche die »blaue Grotte« zu beiden Seiten einfassen, und als er in das milde, kühle Dämmerlicht eintritt, schrickt er jählings zusammen bei dem Anblick der » Lupa in fabula«, welche gleich ihm in die schützenden Felsen geflüchtet ist.

Fränzchen liegt längelang auf der Bank, die Hände unter den Kopf geschoben, eine qualmende Cigarette in dem Mund. Sie rührt sich nicht bei seinem Erscheinen, nur die großen Augen rollen momentan nach ihm herüber. »Ick bin allda, sprak der Swinegel!« citiert sie, ohne die mindeste Spur von Eitelkeit, und als Gert betroffen zögert, näher zu treten, fährt sie wohlwollend fort: »Da drüben ist noch eine Steinpritsche, liegen Sie gefälligst Platz!«

Sollte ihm das freundliche Schicksal zu Hülfe kommen, sollte er vielleicht jetzt? – – –

Los dafür! Mit Gott für König und Vaterland.

» Merci, holdes Bäschen, Platz zu knieen wäre mir allerdings lieber!« sagt er mit bedeutsamem Lächeln und Fränzchen pafft eine dicke Wolke und sagt voll verblüffenden Scharfsinns: »Dann breite erst das Schnupptuch unter! die Erde ist feucht und Deine Buchsen sind nagelneu!«

Er lacht und setzt sich seitwärts auf die Bank.

»Willst Du Feuer oder brennst Du noch?«

Gert seufzt. »Ich brenne lichterloh, Bäschen!«

Die kleine Gräfin musterte ihn von oben bis unten. »Majestät sollte seine Lieutenants imprägnieren lassen!« meint sie trocken.

Gert fällt aus der Rolle und lacht schallend auf: »Famoser Witz!«

Dann schweigen beide.

Fränzchen gähnt. »Erzähl mir eine forsche Geschichte, boy! irgend so was von Chinesen und Seeräubern, die liebe ich besonders. Hast Du mal so einen Kerl zu Gesicht bekommen? Hast Du mal an einem Stinkpott gerochen? Ich glaube nämlich nicht so recht an dessen Effekt!« –

Gert steckte sich eine neue Cigarette an. Gewaltsam rafft er sich zusammen. Er muß die nötige Stimmung schaffen.

»Eine Seeräubergeschichte?« – schwärmerisch schüttelt er den Kopf. »Ach, Fränzchen, danach ist mir momentan wahrhaftig nicht zu Sinnen! Ich bin in so ganz anderer Stimmung, – so freudvoll und leidvoll ... grade so ... na, Teufel ja, als ob man nur lyrische Gedichte recitieren könnte! soll ich?«

Sie wischt sich nicht gerade schmeichelhaft über den Mund. »Danke, mir ist schon übel! d. h. pardon, wenn es Dir Freude macht, schieß los! Kannst Du denn überhaupt solch Zeug auswendig?«

»Aber, Fränzchen! das gehört doch zu einem verliebten Menschen! z. B. so ein Heine-Gedicht! was liegt da für Musik drin! wenn einem so träumerisch weh um das Herz ist, man immer an die Geliebte denkt, – hangend und bangend in schwebender Pein, – welch ein Trost ist dann solch ein stimmungsvolles Gedicht!«

»Na, sag mal eins auf!« –

Gert kommt in Verlegenheit. Eigentlich fällt ihm kein einziges ein, die »Wacht am Rhein« und »Heil Dir im Siegerkranz« passen nicht in die Situation. Doch – Heine! wie fängt es nur gleich an? – Er hat ein so miserables Gedächtnis! – Oh, Triumph! Das ist furchtbar sentimental! Er legt das Gesicht in düstere Falten und beginnt mit viel Pathos:

»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht!«

– – »Hab ihn hören plumpsen!!« – fährt Fränzchen ebenso schwärmerisch fort, – und dann brechen beide in ein dröhnendes Gelächter aus, nein, es ist absolut keine Stimmung zu erzielen! Eine Weile necken sie sich in gewohnter Weise hin und her.

Fränzchen wirft ihm den Cigarettenstummel an den Kopf und ruft: »Play!«

Er antwortet prompt mit dem seinen: »Aut! Wollen wir Tennis spielen?« –

»Nein, ich spiele fürerst Klapperschlange!«

»Alle Wetter, wie ist das?« –

Sie dehnt die Arme. »Das ist realistische Nachahmung der Natur. Nach Tisch ringelt man sich zusammen und verdaut!« –

» All right!«

»Nachher fahre ich die neuen Füchse ein. Kommst Du mit?«

Gert erschrickt, er vertrödelt die beste Zeit. Noch einen Ansturm, es muß gesiegt werden! –

»Ach, Fränzchen!« seufzt er, aber es ist schon mehr ein Stöhnen.

Sie blickt erstaunt auf.

»Was fehlt Dir?«

»Fränzchen!« er faßt wie beschwörend ihre Hand: »Ach, wenn Du wüßtest, wie es mir zu Mute ist!«

Da richtet sie sich hoch auf und sieht ihm – sich dicht zu ihm neigend – in die Augen, forschend, prüfend, mit ernstem Blick.

»Du auch?« flüstert sie.

Er wird kühner und preßt ihre Hand zwischen den seinen, sie zu küssen wagt er nicht wieder. »Bestes, teuerstes Fränzchen, ahnst Du, wie es um mich Allerärmsten steht?« fleht er mit der Miene eines Sterbenden.

Sie legt die Hand auf seine Stirn und nickt hastig. »Ganz genau ebenso wie ich! mir ist es nämlich furchtbar zu Mute!« –

»Furchtbar?!« –

Ihre Miene ist sehr düster. Sie lehnt den Kopf an seine Schulter. »Ach, Gert, wir haben uns beide verfuttert! es war zu viel Eis ... nun ist einem zu Mute, als sollte der ganze Magen platzen! Lieber, armer Gert, mein Leidensgenosse! Komm mit, wir holen uns bei Muttern ein Brausepulver, – das hilft!« –

Gert steht sprachlos, wie unter einem Sturzbad kalten Wassers, – dann aber lacht er abermals, lacht wie einer, der aus schweren Ängsten erlöst ist! Nein, beim besten Willen, es ist unmöglich, ihr eine Liebeserklärung zu machen, – – Gott sei Dank! – –

»Famos! – Hurrah, ein Brausepulver!« jubelt er, und Fränzchen ist auch wieder ganz fidel, hakt ihn unter den Arm, und beide wandern innig verbündet aber völlig unverlobt nach dem Schloß zurück.

Über ihnen schlägt die kleine Jalousiekette wieder gegen die Fensterscheiben.

»Kling–kling–kling.« –

Gert blickt triumphierend empor und singt lachend: »Mein Schatzerl ist hübsch, aber Geld hat es nit! was nutzt mir der Reichtum – das Geld küß i nit!« –

Aus voller Kehle stimmt Fränzchen ein.


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