Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Kapitel 17.


Nun wandl' ich im Dämmerlicht blühender Bäume,
Ich fasse der Nachtigall Jubel und Schmerz –
Ich zähle die Sterne! ich wache und träume –
Ein schwebender Stern ist mein selige« Herz!

Alfred Meißner.

Darf ich etwa Euer Gnaden
S' nächste Mal zum Schießen laden?
Er gönnt doch andern was, Mosje?
Nun er kommt doch? he, he, he?

Freischütz.

 

Man hatte Rüdesheim erreicht und war in der »Krone« abgestiegen. Kammerfrau und Diener besorgten das Gepäck und die kleine Gesellschaft trennte sich, um kurze Zeit auf den Zimmern der Ruhe zu pflegen.

Mrs. Luxor war sehr erfreut, die Wohnung ganz nach ihrem Geschmack zu finden. Auf die Schlafzimmer legte sie besonderen Wert. Sie mußten groß und luftig und durch eine Thüre verbunden sein, in dem einen schlief sie und Fränzchen, in dem anderen ihr Gatte. Pia wohnte zur anderen Seite des kleinen Salons, welchen der Wirt schnell herrichten ließ, da die Herrschaften nicht an der Wirtstafel soupieren und auch sonstige Mahlzeiten apart serviert haben wollten.

Fränzchen empfand durchaus nicht das Bedürfnis nach Ruhe und schloß sofort Freundschaft mit dem Wirt, welcher mit größtem Vergnügen bereit war, einen kleinen Scheibenstand im Rebengang arrangieren zu lassen.

»Es ist noch früh in der Saison und trotz des köstlichen Wetters der Verkehr noch nicht sehr lebhaft, da können die Herrschaften unbeschadet ein wenig Pistole oder Teschin schießen. Ich will für alles Nötige sorgen und dem gnädigen Fräulein sofort Bescheid sagen lassen!«

Das Backfischchen fand es jedoch bedeutend amüsanter, die Vorbereitungen persönlich zu überwachen, und oft verkündeten helle Lachsalven aus dem noch laublosen Rebengang, daß Kellner und Hausknecht ganz entzückt von den Bemerkungen der jungen Amerikanerin waren. Nach kaum einer Viertelstunde erscholl unter den Fenstern Hellmuths die eigenartig rauhe Stimme Fränzchens:

»Herr Assessor! – Assessor Hellmuth!!«

»Sie befehlen, mein gnädiges Fräulein?«

»Die Scheibe ist fertig! Es kann losgehen!«

»Charmant! – Ich stehe zur Verfügung!«

Die Kleine rieb sich glückselig die Hände und trabte auf ihren hackenlosen, hellledernen Schuhen nach dem Rebengang zurück.

Der Graf hatte sich behaglich in einen Sessel gesetzt, rauchte eine Cigarre und wartete des Beginnens. Kellner und Hausknecht wurden als Sicherheitswachen ausgestellt, und dann erschien Hellmuth und das Schießen begann.

Ganz überrascht blickte der Assessor auf seine originelle Partnerin, welche die Waffen mit außerordentlichem Geschick handhabte und lud. »Fangen Sie mal an!« gebot sie, »es ist mir lieb, Ihnen erst ein wenig auf den Zahn zu fühlen!« –

Hellmuth warf noch einen schnellen Blick zurück, Miß Lilian kam noch nicht.

Gleichmütig hob er das Teschin, zielte kurz und drückte ab.

»Hm ... eine Neune ... na, macht sich für den Anfang!« lobte Fränzchen gönnerhaft und dann hob sie ihrerseits die Waffe, kniff mit einer sehr spaßhaften Grimasse das linke Auge zu, zielte sehr ruhig und scharf und schoß.

»Alle Achtung!«

»Na, was hat der Racker getroffen?« forschte der Vater, sichtlich sehr stolz und dennoch, ohne den Kopf zu drehen, im Bambussessel liegen bleibend.

Der Assessor kam hastigen Schrittes von der Scheibe zurück: »Elf! Es ist fabelhaft! Hut ab, mein gnädiges Fräulein!«

Fränzchen trabte an seiner Seite, sie sah sehr ärgerlich aus. »Eine Schande! Jammervoll! Die Schweinerei! Elfe! Was will elfe besagen, noch 'mal her mit dem Schießprügel ... da soll doch!« –

Sie schoß abermals, und voll lebhaften Interesses eilten beide zur Scheibe.

»Hurrah! Centrum!«

»Es ist enorm, welche Sicherheit Sie haben, Miß Francis! Ich bin ja ganz starr!«

Das Backfischchen zuckte gelassen die Achseln und doch flimmerten die dunklen Äuglein vor Freude. »Nu los! Jetzt kommen Sie wieder an die Ramme!«

Eine gewisse Erregung hatte Hellmuth ergriffen, sein Jägerblut wallte auf.

Diesmal sah er nicht hinter sich, sondern nahm sich ernsthaft zusammen.

Ein schwacher Knall, ein kleines blaukräuselndes Wölkchen, und dann flog Fränzchen mit ihren grotesken, ungraziösen Bewegungen über den Kies und der Assessor folgte eiligen Schrittes. Die Kleine erwartete ihn, legte militärisch grüßend die Hand an die Schläfe und stand stramm.

»Gut gebrüllt, Löwe!«

»Centrum?«

»Mitten hinein! Famos!«

Der Jägersmann freute sich, als habe er einen Meisterschuß um den Königspreis gethan; es wäre ihm greulich gewesen, sich vor diesem Mädel zu blamieren.

Fränzchen strich ungeniert die Hände an dem eleganten Lodenkleid ab und rief lebhaft: »Und nun zeichnen wir an! und wer bei zwölf Schüssen die meisten Ringe hat, ist König!«

»Respektive Königin!«

»Bon; – Es liegt eine Krone im tiefen Rhein, gezaubert aus Gold und Edelstein!« sang sie mit kühnen Gesten und schassierte zum Scheibenstand zurück. »Er hat auch Centrum, Papa! Jetzt wird es Ehrensache, – wir schießen wett!« –

Ein unverständliches Murmeln und Grunzen; der Pseudo-Mr. Luxor nickte nur in bester Laune mit dem dicken Kopf und rauchte weiter.

»Und wer zumeist trifft in's schwarze Rund,
Den krönt man in Aachen zu selbiger Stund!«

improvisierte der Assessor lachend, griff hastig nach der Waffe und lud.

Fränzchens Passionen hatten etwas Ansteckendes, ein heißer Kampf um die Königswürde entbrannte. Beide schossen gut, – sehr gut sogar, und jeder hohe Treffer steigerte den Eifer. Hellmuth hatte noch nie eine Dame so ausgezeichnet schießen sehen; er selber galt daheim für einen ausgezeichneten, sicheren Schützen, aber neben Francis Luxor hatte er große Mühe, sich zu behaupten.

»Haben Sie Ihre Studien mit Pulver und Blei auch in den Steppen und Urwäldern gemacht?« fragte er mit geröteter Stirn, und das Backfischchen machte hinter ihrem soeben abgegebenen Schuß eine Geste her, wie ein Kegelschieber, welcher der Kugel noch par distance nachhelfen will. –

»Das versteht sich, immer vom Gaul herunter und wehe! wenn man dem Herrn Grisly-Bär nur die Nase kratzte! Donner ja! weißt Du noch, Vater, wie wir einmal mit den Sioux-Indianern nach dem Blackriver geritten waren, um die verdeiwelten Bestien aufzuspüren?« –

Der Papa horchte auf.

»Nee – weiß ich nicht mehr, aber erzähl' mal, wie's war!« sagte er und paffte schmunzelnd dicke Wolken.

»Heute Abend – jetzt ist keine Zeit! Wenn wir dann zur Erholung beim Wein sitzen ... nicht wahr, Alterchen, den Rüdesheimer kosten wir doch energisch?« – und ohne Antwort abzuwarten, sprang sie abermals mit langen Sätzen davon, dem Assessor wieder ein Zentrum zu notieren.

»Brillant schießt er! ganz großartig schießt er!« jubelte sie, ohne die mindeste Spur von Künstlerneid oder Ruhmesgier, »Sie sind ein reizender Mensch, Assessorchen, der erste, den ich hier in Deutschland so gut schießen sehe! In Genf war ein Franzose, mit dem schossen wir alle Tage Glaskugeln, der war auch ein Patentkerl! Großartig, sage ich Ihnen! Hätte sich gleich beim ›wilden Westen‹ als Pistolenschütz anwerben lassen können!« und während sie so lebhaft schwatzend neben ihm herschritt, schob sie harmlos ihre Hand in seinen Arm und behandelte ihn mit so kameradschaftlicher Zuneigung, als wären sie die ältesten Freunde und durch alle Gefahren der brennenden Prairieen und Giftpfeil-durchwirrten Urwälder for ever verbündet. Dann schoß sie wieder, auch Centrum, und mit blitzenden Augen griff Hellmuth zum siebenten Male zur Waffe.

»Bis jetzt sind wir so ziemlich egal! ich habe nur zwei Ringe mehr, also kalt Blut! mit diesem Schuß können Sie mich schon schlagen!«

»Nun denn, mit Gott für König und Vaterland!« lachte Hellmuth, hob die Waffe und zielte. Plötzlich wandte er den Kopf, als ob eine magnetische Gewalt ihn zöge, eine schlanke Mädchengestalt war in den Rebengang getreten und näherte sich langsam den Herren.

Das Abendrot, welches den Himmel in Flammen von Gold und Purpur tauchte, goß seinen Glanz über das blonde Köpfchen, hinter ihr flimmerte der Rhein, und das junge, kaum der Knospe entsprossene Reblaub wiegte sich in graziösen Gewinden über ihr. Fränzchen stand, die Hände auf dem Rücken, und blickte voll lebhaftester Spannung nach der Scheibe.

»Na los! worauf warten Sie denn?« drängte sie ungeduldig.

Der junge Forstmann schrak zusammen, wie ein Kind, welches bei verbotenen Früchten ertappt wird. Hastig wandte er sich wieder um, zielte und schoß.

Das Herz schlug ihm hoch auf dabei, er dachte an alles andere, nur nicht mehr an die »Königswürde«, welche auf dem Spiel stand.

Fränzchen streckte den Kopf weit vor. »Na nu!« sagte sie überrascht, »wo sitzt denn die Kugel?« und dann schoß sie, wie ein Pfeil, ihm voran zu dem Ziel.

Hellmuth folgte ihr nicht, er trat mit schnellen Schritten der jungen Dame entgegen.

»Guten Abend, Miß Lilian! ›Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt!‹ Sie haben wirklich viel versäumt, Ihre Fräulein Cousine hat mich geradezu verblüfft! Ich habe noch nie eine Dame derart schießen sehen!«

Pia reichte dem Sprecher die Hand entgegen, er hielt sie momentan in der Seinen.

»Ich hörte den Jubel bereits!« lächelte sie, »und konnte der Versuchung nicht widerstehen, die fabelhaften Resultate mit Augen zu schauen!«

»Beinahe immer Centrum! Sie haben schon das Schwarze beinahe herausgelochert,« nickte der Graf, sich erhebend und behaglich herzuwuchtend. »Ein herrlicher Abend heute, das reine Idyll. Wenn die Schießerei zu Ende ist, schlage ich vor, wir bestellen uns das Nachtessen, und machen noch eine kleine Gondelpartie im Mondenschein, wollen 'mal hören, was meine Frau dazu sagt! und wenn – –«

Er verstummte erschrocken, denn von der Scheibe her ertönte ein wahrhaft indianisches Triumphgeheul.

Fränzchen erging sich in ein paar grotesken Sprüngen und dann stellte sie sich hin und krümmte sich in schallendem Gelächter.

»Ratze! Ratze!!« – schrie sie ihrem Gegner zu, und Pia eilte ganz erschrocken zu ihr hin: »aber Kind, bist Du rein von Sinnen?«

Fränzchen patschte, außer sich vor Freude, dem Assessor mit beiden Händen auf die Schulter. »Süßer Mensch – Sie haben da hinten am Berge eine Reblaus getroffen!« – schluchzte sie vor Vergnügen.

»Was habe ich?« Hellmuth sah ganz verdutzt darein.

»Na, Sie haben gefehlt, radikal gefehlt! dahier, den Rand der Scheibe haben Sie ein ganz klein wenig angesengelt – – und das nennen Sie, mich in die Pfanne schießen??«

Der Forstassessor lachte hell auf, sah aber doch ein wenig verlegen aus.

»Trösten wir uns, dem Max im Freischütz ist es auch nicht besser ergangen!« –

»Erlauben Sie mal!« – zuckte Fränzchen geringschätzend die Achseln! »Mit dem können Sie sich doch nicht auf eine Stufe stellen, der Narr war ja verliebt!« –

»So, und können andere Leute nicht auch verliebt sein?«

Hellmuth fragt es mit gedämpfter Stimme und Pia neigte sich jählings um eine kleine Weinranke recht genau zu besehen.

»Haha! – in seine Frau und seine sieben Kinder! nee, Assessorchen, – machen Sie mir nicht etwa weiß, daß Ihre Hand aus Sehnsucht gebebt hätte!« Allgemeine Heiterkeit: »Und nun marsch – marsch – Hurrah! wir müssen unsere zwölf Schuß heraus haben, ehe es zu dämmerig wird!« das Backfischchen schoß wieder brillant, aber auch der nächste Schuß des Assessors brachte nur acht Ringe.

»Armer Max!!« höhnte die Kleine.

»Ich gebe das Rennen verloren! – lassen Sie es genug sein, Miß Francis, wir wollen Sie zur Königin krönen!«

»Nichts da, geschossen wird! ich will Ihnen erst mit Fug und Recht die schwarze Brille aufsetzen können! avanti! –«

Und sie schoß abermals vortrefflich.

Hellmuth trat einen Schritt von Pia zurück und blickte starr gerade aus, aber er fühlte, daß ihre Augen auf ihm ruhten und seine Hand bebte abermals, als er zielte.

»Aber Mensch!« rief Fränzchen, jählings seinen Arm haltend: »Haben Sie denn plötzlich den Tatterich, daß Sie so wackeln? ruhig Blut und dann los!« und doch schoß er auch diesmal schlecht.

Das Backfischchen stampfte mit dem Fuße auf. »Wenn ich's nicht wüßte, daß Sie es besser können! aber das ist ja plötzlich wie verhext mit Ihnen. Seit Lilian in den Rebengang trat, haben Sie kein Glück mehr! – Du – Lilian – hast Du ihn etwa behext wie ein altes Weib, – daß er nicht mehr trifft?«

Fränzchen hatte es in ihrer Naivetät und Erregung herausgesprudelt und sah auch nicht die Wirkung ihrer Worte, welche dem Betreffenden das Blut in die Wangen trieb, – sie eilte im Triumph an die Scheibe, um unter Assistenz des Papas die Resultate zu verzeichnen.

Hellmuth legte die Waffe langsam aus der Hand, er stand neben Pia, aber keines sprach ein Wort.

»Max schieß nicht, ich bin die weiße Taube!« – lachte Fränzchen par distance: »Bitte, vergessen Sie im Eifer nicht, daß ich jetzt die blauen Bohnen auffangen würde!« –

»Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein! Der Max muß erst Freikugeln schießen, ehe er wieder Centrum trifft!«

Pia lachte und zwang sich gewaltsam zu einem harmlos heiteren Ton: »Nun, hier am Rhein, wo Drachenfels, Höllengrund und Teufelsbrücken zu Hause sind, wäre das Terrain für ein Freikugelgießen wohl gegeben! – Haben Sie schon eine Postkarte an Caspar geschrieben?« –

Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Wenn man das Bild eines Engels anbetet, mag man keine gemeinsame Sache mehr mit dem Teufel machen!«

»Mehr? das klingt ja grade, als ob Sie früher gute Freundschaft mit ihm gehabt hätten?«

Er stieß mit der Fußspitze die kleinen Kiesel hin und her.

»Ich bin mir dessen nicht bewußt, und doch ist es mir zu Sinnen, als sei mir jetzt ganz plötzlich erst der Himmel aufgethan!« –

Sie blickte hinaus in die zauberhafte Flußlandschaft, über welcher die ersten Dämmerschleier mit den letzten Sonnenlichtern rangen. Die bunte Lebhaftigkeit des Tages war verhallt, ein feierlicher Abendfrieden ruhte auf der lenzesduftigen Welt und die Glockenklänge der Rochuskapelle zogen melodisch über das Wasser, wie ein grüßendes Gebet.

»Das begreife ich!« antwortete Pia schlicht, »und möchte wohl behaupten, daß es mir ähnlich ergeht. Ich habe schon so viel von der Welt gesehen, so viel erhabene Pracht und so viel liebliche Schönheit, und doch empfinde ich hier erst ihren vollen Zauber, welcher Herz und Seele erfüllt und andächtig stimmt.«

»Ich las einmal in einem Buche, welches sich durch viel Tiefe und Wahrheit des Gedankens auszeichnete, daß der Mensch glücklich sein müsse, wenn er die ganze Schönheit der Natur empfinden und sich ihrer voll bewußt werden wolle! nur der Glückliche könne Schönheit genießen, nur derjenige, in dessen Seele es harmonisch und licht, warm und wonnevoll geworden sei.«

»Und doch ist die Schönheit der Natur der einzige Trost für Trauernde!« –

»Nicht der wahre Trost, weil er ein Leid vergrößert, anstatt es von ihnen zu nehmen! Menschen aber, welche einen tiefen Schmerz in die Einsamkeit der schönen Gotteswelt tragen, empfinden es als Wohlthat und Linderung, diesen Schmerz unter dem Einfluß ihrer Umgebung ausströmen zu lassen! Dem Unglücklichen sind bei dem Anblick landschaftlicher Schönheit die Thränen der Wehmut stets näher, wie das tiefe, wonnevolle Aufatmen hohen Genusses, – aber grade die Thränen bekunden seine Ergriffenheit und thun ihm wohl, und doch glaube ich, daß die Schönheit durch die Schleier von Thränen gesehen – nur halbe Schönheit ist.« –

Das junge Mädchen wandte ihm das Antlitz zu, ein Aufleuchten ging durch ihr Auge. »Diese Ansicht würde mir also versichern, daß Sie zur Zeit sehr glücklich sind, weil Ihnen die Welt als Paradies erscheint?« –

»Sehr glücklich!« – nickte er, »so glücklich wie ein Kind, welches holde Märchen träumt.« –

Er sagte es leise, und doch drang der Klang seiner Stimme bis in ihr Herz. –

Fränzchens überlaute Heiterkeit unterbrach sie. Sie schwenkte den Papierzettel triumphierend über dem Kopfe und sang übermütig: »Schau der Herr mich an als König! dünkt ihm meine Macht so wenig? Gleich zieh er den Hut, Mosje! wird er, frag' ich? – he, he, he? he – was schoß denn er? – he, he? –«

Der Assessor lachte: »Sie verspotten mich wieder, wie den armen Max im Freischütz, und vergessen ganz, daß der arme, verhöhnte Bursch dennoch besser als alle Anderen geschossen, – ja, sogar in Agathes Herz mit Pfeil und Bogen den Meisterschuß gethan hatte!« –

»Ja wohl ja! vor Anno Toback!! – heißt Ihre Frau Herzallerliebste daheim auch Agathe?« –

»Nein!« –

»Na, also! Und wenn Sie sich vor so und so vielen Jahren mal in eine holde Schöne verschossen haben, so soll das jetzt noch diese klägliche Niederlage auf der Scheibe dort entschuldigen? – Nein, Assessorchen, einem ganz frisch und jung Verliebten mag schon mal die Hand zittern, aber so einem alten Ehekrüppel wie Ihnen? – hahaha! Also das sind faule Fische und Sie sind besiegt. – Zugegeben?« –

Der Assessor verneigte sich tief, abermals zuckte das verhaltene Lachen um seine Lippen, und auch Pia kämpfte gegen die Heiterkeit, während ihr abermals das Blut in die Wangen stieg.

»Ich bin in Ihren Augen ein toter Mann, Miß Francis, – wolle die gestrenge Schützenkönigin mir eine gnädige Richterin sein.« –

»Ich bin Königin, – Sie sind mein Leibeigener!« –

»Oha!« lachte der Graf und Hellmut kreuzte zerknirscht die Arme über der Brust.

»Oder sagen wir – Sie sind mir tributpflichtig!« –

»Zu Befehl, Majestät!« –

»Sie müssen mir gehorchen?!«

»Ich bin Wachs in Ihren Händen!«

»Gut.« Fränzchen richtete sich auf, hob arrogant die Nase in die Luft und sagte herablassend: »Der Wirt meldet, daß das Abendbrot serviert ist, – führen Sie mich zu Tisch!« – Sie reichte ihm gnädig, von oben herab, die Fingerspitzen, während Hellmuth einen Augenblick betroffen zögerte –

»Gehorsam ist des Christen Schmuck, mein verehrter Assessor!« lachte der Graf Willibald in bester Laune, »Majestät haben befohlen – und ich bitte.« –

Er machte eine heitere Geste nach dem Hotel und bot Pia chevaleresk den Arm, »meine Frau erwartet die Scharfschützen!« –

Der junge Forstmann war dunkelrot geworden. Sein strahlender Blick traf Fräulein von Nördlingen, und sich galant vor Mr. Luxor und Fränzchen verneigend, und ihre derbe kleine Hand auf seinen Arm legend, sprach er laut, mit beinah jubelndem Klang in der Stimme: »Und wenn ich auch besiegt bin – das Leben ist doch schön, o Königin!« –

» All right!« persiflierte das Backfischchen, und schritt an seiner Seite feierlich und würdevoll der »Krone am tiefen Rhein« entgegen!

*

Es war doch Frühling! Frische, erquickende Nachtluft strömte balsamisch durch das offene Fenster, und doch hatte Pia das Gefühl, als müsse sie in der Glut des Zimmers ersticken! Sie konnte noch nicht schlafen, – warum sich schon zu Bette legen?

Hinter ihrer Stirn hämmerte und klopfte es, – sie schritt langsam, die Hände verschlungen und das Haupt leicht zurückgelehnt, in der Stube auf und ab.

Noch nie im Leben hatte sie eine derartige Unruhe gequält, wie heute. Noch nie hatte sie die Begegnung mit einem Menschen so völlig aus allem Gleichgewicht gerissen, wie die mit Assessor Hellmuth. Ein unbegreifliches Fühlen und Empfinden stürmte auf sie ein.

Himmelhoch jauchzend! – zu Tode betrübt.

Der Gedanke an ihn verließ sie nicht.

Es hätte ihr so gleichgültig sein sollen, ob der Fremde mit ihnen soupierte oder nicht, – und dennoch schlug ihr Herz wie beseligt auf, als Fränzchen ihre neue Königinwürde durch die originelle Tischeinladung bestätigte.

Und als sie an seiner Seite gesessen, und Fränzchens übermütige Laune die kleine Tischgesellschaft ansteckte, so daß Scherzen, Lachen und Becherklang harmonisch durch die Lenzesluft tönte, da fanden sich die Blicke immer häufiger und sprachen unbewußt aus, was die Lippen wohl nie gewagt hätten, zu bekennen!

Und Pias Herz erzitterte, – die Glücksschauer von Liebe und Sehnsucht wehten darüber hin, und was seit Jahren den reichen, eleganten und vornehmen Kavalieren des high life nicht geglückt war, dieses Herz durch langes, dringendes Werben zu gewinnen, das war einem fremden Wandersmann in wenig Stunden geglückt. Ist das lebhafte Interesse, welches sie an ihm nimmt, wirklich mehr wie freundschaftliche Sympathie? Das junge Mädchen preßt die Hände gegen die Schläfen, und ihr Blick irrt wie in angstvoller Hilflosigkeit zu der silbernen Mondscheibe empor, welche ihr träumerisches Licht durch das Fenster gießt. – Sie weiß es nicht, – ihr klares Urteil ist getrübt, – wie rosige Schleier wallt es vor ihren Augen, wenn sie an ihn denkt. –

Und dennoch, wäre es nicht Thorheit? nicht Wahnsinn? wie oft hat sie spöttisch die Lippen gekräuselt wenn sie in Romanen las, wie schnell die Liebe und Leidenschaft Macht über Menschenherzen gewinnt. Es schien ihr unfaßlich, und sie lächelte darüber und war überzeugt, daß wohl nur krankhafte und überspannte Phantasie solch ein »Prima vista-Lieben« sich ausdenken könne!

Und nun? –

Wie eine Krankheit ist es über sie gekommen! Wenn sie sich frägt: »Warum gefällt er Dir so gut?« weiß sie keine Antwort, keine andere als jenen unbestimmten Begriff: »weil er mir gefallen muß! ist er so schön?« –

Sie findet: mehr noch wie schön! – Sein Antlitz ist geistvoll, energisch, stolz, vornehm, und dabei drückt es doch so viel warmherziges und edles Empfinden aus, wie kein anderes je zuvor.

Sein Blick fesselt sie, – es liegt eine Macht darin, welche sie sich nicht erklären kann.

Aber sie entsinnt sich, daß einst eine geistreiche Dame im Salon ihrer Verwandten sehr interessant über diese geheimnisvolle Macht des Auges gesprochen hat. Der Blick ist der Träger eines Geistesfunkens, welcher da zündet, wo er verwandte Seelen trifft. Man entdeckt ja neuerdings so viel wunderbare Naturkräfte – man photographiert sogar die Hände und ihre elektrischen Ausstrahlungen und zeigt, wie Haß und Liebe an sich denselben bildlich darstellen läßt.

Und solch ein geheimnisvoller glühender Strom geht von seinem Auge und von seiner Hand aus, und setzt rettungslos ihr ganzes Wesen und Sein in Flammen!

Und dies soll ja die wahre und echte Liebe sein.

Dieser Sturmlauf der Leidenschaft, welcher sieht und siegt!

Alles andere ist nur »sich an einander gewöhnen«, ein allmähliches Abstumpfen und Resignieren, welches den Widerstand lähmt und die Vernunft über das Herz siegen läßt. Dieses laue Gefühl der Duldung, welches aus längerem Verkehr entspringt, hat nie das Herz, sondern nur der Verstand geboren. Man lernt die guten Eigenschaften, den vortrefflichen Charakter, das engelhaft treue und offenmütige Wesen eines Menschen kennen, und wenn man früher auch noch so kalt und gleichmütig an ihm vorüber ging, so bewirkt dieses »Kennenlernen« doch allmählich ein Interesse, welches sich mehr und mehr erwärmt, bis es in der ruhigen, leidenschaftlichen Überzeugung gipfelt: »Dieses Wesen gefällt Dir doch recht gut und paßt vortrefflich für Dich, sprechen wir das entscheidende Wort!« –

Und das soll Liebe sein? –

Pia schüttelt plötzlich erregt den Kopf. Nein! tausendmal nein! all diese vermeintlich Liebenden – lieben nicht! Sie kennen nicht diesen heiligen Sabbath im Herzen, diese Weihestunde süßer Herzensqual! Sie ahnen nicht, was dies Hoffen – Wähnen, Bangen und Jauchzen, – dieses Sinnen und Träumen mit offenen Augen besagen will! Sie haben nie vor ihrem eigenen Empfinden wie vor einem süßen Rätsel gestanden, sie haben nie die zauberische Gewalt empfunden, welche stärker ist als jeder Wille, welche besiegt und zum willenlosen Sklaven macht und doch das ganze Sein mit jubelnden, berauschenden Wonnen erfüllt! –

Pia fühlt, wie ihr Thränen über die Wangen rinnen. Thränen! weint sie denn? nein! ihre Lippen lächeln ja doch und ihre Seele atmet Glückseligkeit! – Sie will gern ruhig nachdenken, – sie kann es nicht. All ihre Gedanken kreisen wie leuchtende Strahlen um eine Sonne.

Darf sie ihn denn lieben? –

»Und ob ich Dich liebe – was geht's Dich an?!« – –

Wer will der Liebe wehren? sie spottet jedes Verbotes, und er? – begehrt er ihrer? –

Ja, sein Auge ruft sie mit jedem Blick! Sein Auge wirbt heiß und flehentlich um Liebe, – mit jedem Blick.

Und sie hört und versteht diesen Schrei der Sehnsucht, darf sie ihm folgen? – –

Muß sie fliehen, solange es noch Zeit ist?

Pia schließt die Augen und bleibt hochatmend stehen. Warum vor dem Glück fliehen? Sie sieht ja, wie es in blendender Schöne ihr entgegen leuchtet, wie eine Sonne, welche sich nach dunkler Nacht am Himmel hebt. –

Liebessonne! Licht der Gnade und des Glückes!

Nein, sie flieht nicht vor ihm.

Sie breitet selig lächelnd die Arme aus und harrt seiner!

Und wenn schwarze Schatten dazwischen treten wollen, die Eltern? – Tante Johanna und Fränzchen? Wenn der Freier ihnen nicht reich genug und vornehm scheint für die schöne Erbin von sechzehn Ahnen? Wird Karl Hellmuth ihren Eltern einen Schwiegersohn wie den Majoratsherrn von Niedeck ersetzen? – Pia preßt die Lippen zusammen und hebt voll stolzer, herber Entschlossenheit das Haupt: »Ja, denn Karl Hellmuth wird ihr Kind glücklich machen!« –

Horch ... eine Nachtigall hebt vor dem Fenster drunten ihr süßes Liebeslied an! –

Wie oft hat Pia solchem Klang gelauscht, ruhig, heitern, kühlen Herzens, verständnislos.

Heute faßt und begreift sie den Jubel und Schmerz, welcher die kleine Brust zu zersprengen droht. Langsam tritt sie an das Fenster.

Der Mond taucht die ganze Gegend in Silberglanz und: ruhig hin fließet der Rhein ...

Sie atmet in tiefen, wonnigen Zügen die frische Nachtluft und blickt voll schwärmerischer Sehnsucht nach den Bergen hinaus, wo feine, weiße Nebel wie wallender Duft um die Ruinen wehen.

Sie ahnt nicht, wie reizend ihr mondbeschienenes Antlitz, das lächelnde, liebverklärte, aussieht. Sie sieht nicht, wie eine hohe dunkle Männergestalt jählings einen Schritt aus dem Schatten vortritt, als wolle sie voll leidenschaftlichen Entzückens die Arme zu der Geliebten heben. –

Die jung erschlossenen Fliederdolden duften schwül – und die Flußwellen rauschen leise, träumerisch gegen das Ufer. –


 << zurück weiter >>