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Kapitel 16.


Lauten klangen! Buben sangen, wunderbare Fröhlichkeit!
Und der Himmel wurde blauer und die Seele wurde weit!
Märchenhaft vorüber zogen Berg und Burgen, Wald und Au; –
Und das alles sah ich glänzen in dem Aug' der schönsten Frau!

Heine.

 

Der Assessor zog abermals den Hut und wandte sich mit bittendem Blick zu Pia und diese begegnete seinem Wunsch mit dem liebenswürdigsten Lächeln. Diesmal nannte sie seinen Namen ganz richtig, ja, sie sagte sogar mit einer gewissen Betonung »Herr Forstassessor Karl Hellmuth!«

Er bemerkte es, sein Blick leuchtete auf. Onkel Willibald grüßte in bester Laune von seinem Maultier herab.

»Freut mich sehr, Verehrtester! Habe den Vorzug, mich Ihnen ebenfalls bekannt zu machen, Mr. Reginald Luxor! Schwergeprüfter Vater jener schönen Ausreißerin – –«

»Pflegevater meinst Du, Onkelchen! Offiziell darfst Du Dich wirklich nicht mit falschen Federn schmücken!«

Der Graf lachte ein wenig betroffen, faßte sich aber schnell: »Hexe Du, wollte gern ein wenig mit der großen Tochter renommieren! Na, ›Onkel‹ ist auch eine schöne Würde, nicht wahr, mein bester Assessor? Sie tauschten gewiß sofort mit mir! Aber nun bitte ich dringend, Kinder, helft mir von diesem elenden Marterrosse hier herab. Ich fühle kaum noch meine Knochen, so hat der Schinder mich durcheinander geschüttelt! Ah, Gott sei Dank, wieder festen Boden unter den Füßen, und Rüdesheim glücklicherweise in Sicht, na, da soll mich Gott bewahren, daß ich noch einmal aufsteige! Vorwärts, Ihr Mädels, jetzt wollen wir stolz zu Fuß gehen, und Sie, mein verehrtester Herr Assessor, nehmen Sie nochmals besten Dank, daß Sie sich unserer Lilian so gütig angenommen haben! War ja eine ganz romantische Geschichte mit dem Hans, und ein Desertieren aus Liebe darf nicht bestraft werden. Aber die arme Lilian hat keinen üblen Zauberritt gemacht, kam wohl ganz desolat bei Ihnen an, was?«

»Na, das siehst Du doch schon an ihrem Haar!« unterbrach Fränzchen. »Übrigens mußt Du meinem Freund Hellmuth noch viel inniger danken, denn wenn er unsere Amazone nicht rechtzeitig aufgefangen hätte, hätte Lilian recht unliebsam am Chausseestaub gerochen!«

»Was der Tausend?!« erschrak der Pseudo-Mr. Luxor, mit etwas steifen Beinen an Hellmuths Seite weiter humpelnd und ihn in seiner jovialen Weise schnell in ein Gespräch verwickelnd, während Fränzchen sich abermals an Pias Arm hängte und gemächlich mit ihr den Herren folgte. –

Sie zog die Cousine näher an sich und blickte mit großen, lebhaften Augen zu ihr empor.

»Wie viel Rangen hat er denn?« fragte sie.

»Rangen? ... Wer?!« –

»Na, da vorne Dein Beschützer im Jägerhut!«

»Rangen ... was meinst Du damit?« stammelte Pia betroffen.

»Na, junge Hunde nicht, sondern Kinder! Kinder, wie sie eben alle Familienväter mehr oder weniger aufzuzählen haben!« –

Fräulein von Nördlingen blickte starr zu der Sprecherin herab. »Der Assessor ... verheiratet?!« –

»Na natürlich, hat er es etwa verheimlicht?« fuhr Fränzchen mit flimmernden Äuglein auf.

»Nein ... gewiß nicht ... im Gegenteil ...« stotterte Pia vorsichtig: »Aber woher weißt Du denn das?« –

»Woher wohl! – habe eben meine Beziehungen, und weißt Du, so ein Eseltreiber besitzt Menschenkenntnis, der sieht täglich so und so viele Visagen an sich vorüberziehen, da macht er eben seine Studien!«

»Ah, so?! der Junge hat es Dir verraten?!« lachte Pia leise, und es war, als atmete sie dabei recht tief und erleichtert auf. »Womit begründete er seine Ansicht?«

»Mit den allgemeinen Merkmalen! er hatte den Assessor wohl beobachtet und schloß von seinem ernsten, gesetzten Wesen auf den Familienvater, na – und wie Du ja zugiebst, nicht mit unrecht. Es wäre ja auch gar zu toll gewesen, wenn Du mit einem unverheirateten Jüngling so mutterseelenallein und solo auf der Chaussee herumgebummelt wärest!«

Aha! das war wieder der eifersüchtige Klang in der Stimme!

Pia wollte scherzend entgegnen, aber ein leises Platschen im Wasser, welches hinter ihnen ertönte, nahm Fränzchens Aufmerksamkeit bereits in Anspruch.

Sie schnellte herum und sah voll höchsten Interesses, daß einer der Eseltreiber sich damit amüsierte, Steine zu sammeln, um auf dem Wasser »Häschen« zu werfen.

Das schien just etwas für Fränzchens Geschmack.

Ihr Arm, welcher die Cousine so eifersüchtig an sich drückte, lockerte sich merklich und, halb rückwärts gehend, beobachtete die Komtesse das Spiel, bis sie schließlich von der Passion übermannt wurde, Pia hastig losließ und mit wenigen Schritten an der Seite des Eseltreibers stand.

»Viel flacher werfen – sonst springt er im Leben nicht!« –

Der Junge grinste ein Gemisch von Hochachtung und Vergnügen.

»Das ist mal nicht so leicht, wies aussehen thut!« renommierte er. »Auf drei Würfe kann man nur einen als sicher rechnen! –«

Fränzchen hatte die Hände rückwärts zusammen gelegt und lächelte geringschätzig: »Na, noch mal und dann komme ich dran!« –

»Aber, Kind!« entsetzte sich Pia, und Vater Willibald drehte sich herum, brach jählings sein Gespräch ab und lachte fröhlich vor sich hin: »Na, da muß der Wildfang wieder mitmachen! Natürlich! Haha – in Lugano war dies ›Häschenwerfen‹ allgemeiner Sport und Francis, welche überhaupt sehr sportlich passioniert ist, hat diesem Vergnügen ehrlich gefröhnt!«

Wohlgefällig schmunzelnd versenkte er die Hände in die Taschen seines weiten Beinkleides und trat den Leistungen einen Schritt näher.

Der Assessor benutzte den Augenblick und kehrte an Pias Seite zurück. Man blieb stehen und ergötzte sich an den eifrigen, meist vergeblichen Anstrengungen der Treiber.

»Na – nun mal her mit einem Geschoß!« – fuhr die Komtesse schließlich voll Ungeduld dazwischen, überflog mit scharfem Blick die umliegenden Steine des Ufergerölls und wählte einen recht flachen, glatt gewaschenen Kiesel.

»Hm – gut!« nickte der Papa Beifall.

Und Fränzchen bog sich kunstgerecht in der Taille, holte weit und energisch aus, und – hopp – hopp – hopp – saust der Stein über den kräuselnden Wasserspiegel.

Ein Hurrah der Treiber und ein unverständliches Grunzen des Grafen belohnte die Leistung.

»Brillant, mein gnädiges Fräulein!« nickte auch der Assessor überrascht und dann wandte er sich im Flüsterton an seine Nachbarin.

»Es ist ganz merkwürdig, wie Ihre Fräulein Cousine die Sache handhabt! noch nie im Leben sah ich eine Dame, welche derartig, möchte sagen – ›jungenhaft‹ – die Steine wirft! Beobachten Sie einmal! diese Armbewegung ist ausgesprochene Eigenart der Knaben! Fräulein Fränzchen ist die erste junge Dame, welche ich derart werfen sehe!«

»Die Kleine ist ja in all ihren Bewegungen und Manieren leider sehr derb, ich möchte sagen, etwas verwildert! Sie ahmt nach, was ihr imponiert und fragt nicht, ob es sich für sie paßt oder nicht!«

»Die Kleine? Ich dächte, Ihre Fräulein Cousine wäre auffallend stramm und groß für ihr Alter!« lächelte Hellmuth.

»Das allerdings! es sieht alles so ungeschickt und tollpatschig an ihr aus, und mit dem Diminutivum ›klein‹ will ich auch mehr den Begriff ›jung‹ ausdrücken!«

»Ich würde Mr. Luxor sowohl wie seine Tochter nie für Engländer gehalten haben, – auch Sie nicht, Miß Lilian!«

Pia wandte sich sehr weit zur Seite, um einer vorüberschreitenden Winzerin nachzusehen.

»Nicht Engländer, – Deutsch-Amerikaner!« verbesserte sie schnell: »Sie wundern sich über unser korrektes Deutsch?«

»Ich habe das Deutsch nie so fließend und gut von Ausländern sprechen hören!« –

»Wir verdienen diese Bezeichnung eigentlich auch nicht, denn meine Verwandten leben seit langen Jahren in Deutschland. – Übrigens,« Pia brach kurz ab und trat mit reizend vertraulichem Lächeln einen Schritt näher zu ihm heran: »Ich habe vorhin einen spaßhaften Irrtum bemerkt! Fränzchen bildet sich ein, in Ihnen einen verheirateten Mann und Familienvater zu sehen, und wollen wir uns doch den Scherz machen, sie in diesem Glauben zu erhalten!«

»Verheiratet, ich?« – Der Assessor lachte leise auf. »Noch vor vier Wochen war es mein sehnlichster Wunsch, und heute möchte ich es als höchstes Glück preisen, daß ich noch frei bin!« –

»Solche traurige Erfahrungen haben Sie seit jener Zeit an dem ewig Weiblichen gemacht?«

Welch ein Blick, der wiederum ihr Auge traf!

»Sie mißverstehen mich, mein gnädiges Fräulein! ich preise darum das Glück, ›mein Herz noch zu besitzen,‹ weil es mir dadurch möglich ist, es rettungslos noch verlieren zu können!« Lauter Jubel unterbrach ihn.

Fränzchen hatte ein ganz phänomenales Häschen springen lassen und freute sich selbst über diese Kunstleistung so innig, daß sie einen Siegestanz ausführte, welcher den Zuckungen eines Hampelmannes am Bindfaden verzweifelt ähnlich sah.

Und dann wurde den stalleslüsternen Eselein das Warten zu langweilig.

Sie setzten sich sanftmütig aber konsequent in Bewegung und nötigten ihre Gebieter, wohl oder übel des grausamen Spiels genug sein zu lassen und ihnen zu folgen.

Fränzchens Wangen glühten, sie sah sehr animiert aus und war vortrefflicher Laune, was dem Assessor besonders zu statten kam. Sie belegte zwar Pias Arm wieder mit Beschlag, kommandierte aber den neuen Freund an ihre andere Seite und unterhielt ihn so vortrefflich von den feinen Nüancen des Sportes »Häschen werfen«, daß Hellmuth gar nicht dankbar genug für die Belehrung sein konnte.

»Haben Sie zu Hause bei sich auch Wasser in der Nähe?« –

»Leider nur einen kleinen Karpfenteich!«

»Genügt ja vollkommen! Wenn Sie also wieder heim kommen, können Sie Ihren Kindern die Sache beibringen. Wieviel Stück haben Sie eigentlich?«

»Karpfenteiche?«

»Unsinn! Nachwuchs meine ich!« –

Der Assessor hielt die Hand schattend über die Augen, er schien von der Sonne geblendet und mit dem Nießen zu kämpfen.

»In meinem Hause atmen sieben Seelen!« sagte er endlich feierlich.

»Donnerwetter! da können Sie ja bald Kegel schieben mit den Rangen,« erwiderte Fränzchen und machte ein sehr anerkennendes Gesicht. »Warum haben Sie denn Ihre Frau und die ganze Lämmerherde nicht mit auf die Reise genommen?«

Hellmuth zuckte sehr ernst die Achseln. »Das war aus verschiedenen Gründen absolut unmöglich.« Komteßchen blinzte ihn verständnisinnig an: »Aha, weil das Kleingeld nicht langte?« nickte sie mit unumwundenster Offenheit, und als der Assessor und Pia in ein schallendes Gelächter ausbrachen und Vater Willibald aus seinem Nachdenken emporfuhr und nach der Ursache forschte, fühlte sein Töchterchen sich sehr geschmeichelt, wie stets, wenn man einen Witz von ihr belachte, wandte sich zu dem Grafen und erzählte ihm die schöne Unterhaltung.

»Diese unverdiente Würde lastet entsetzlich auf mir, mein gnädiges Fräulein!« flüsterte Hellmuth, »muß ich sie thatsächlich weitertragen?«

Pia sah ihn an, noch die volle, frische Erregung des Lachens in dem schönen Antlitz.

»Wenn Sie ritterlich sein und mir eine große Strafpredigt ersparen wollen, thun Sie es, bitte! Tante Luxor huldigt sehr strengen Ansichten, sie würde es höchst unpassend finden, wenn ich mit einem fremden jungen Herrn allein auf der Landstraße gewandert wäre!«

Er neigte das Haupt ein wenig und sah ihr forschend in die Augen. »Not kennt kein Gebot!« sagte er leise: »Ihre Begegnung mit mir war keine freiwillige Wahl, das Schicksal führte uns zusammen, wie der Sturm zwei Blumenblätter vereinigt, von denen das eine auf dem Berg, das andere fern im Thal entsprossen! Sie in diesem Punkt völlig zu entschuldigen, würde ich Ihrer Frau Tante gegenüber zuversichtlich wagen! – Aber ein anderes! Unsere Reise führt uns denselben Weg! Ich würde es als hohes Glück erachten, dürfte ich mich Ihnen fernerhin anschließen. Würde ich als unverheirateter Mann nicht so sehr auf die freundliche Genehmigung Ihrer Frau Tante zu rechnen haben, wie als würdiger Gatte und Vater?« –

Pia blickte zu Boden, ihre langen Wimpern lagen wie dunkle Schatten auf den rosigen Wangen, eine reizende Verwirrung bemächtigte sich ihrer. »Fränzchen ist so sehr eifersüchtig beanlagt und würde ärgerlich sein, wenn ich nicht ganz allein zu ihrer Unterhaltung da wäre; – Tante ist leicht von ihr beeinflußt, so daß es jedenfalls ein viel fröhlicheres und harmloseres Verkehren sein würde, wenn jener Grund, welcher eventuell beanstandet werden könnte, wegfiele!«

»Ich danke Ihnen,« antwortete er mit leuchtenden Augen. »Ich werde alles thun, um Fräulein Fränzchen gnädig zu stimmen!«

Es lag ein so jubelnder Klang in seiner Stimme, daß Pia erschrak. Hatte sie recht gethan, ihn zu der kleinen Komödie zu bestimmen? Sie glaubte, er werde die Sache nur als heiteren Scherz, als Neckerei für Fränzchen auffassen, und nun mit einem Mal, ehe sie es selber recht wußte und wollte, hat sie ihm verraten, daß die kleine List für ihren Verkehr notwendig sei.

Sie gestand ihm unbewußt ein, daß sie bereits die Möglichkeit einer gemeinsamen Reise erwogen hatte! Sie gab es zu, daß sie ihm Hindernisse aus dem Weg räumen und ihm behilflich sein wollte, die kleine Gegnerin Fränzchen zu gewinnen!

Das Blut stieg ihr bei diesen Gedanken in die Wangen, sie begriff sich selber nicht! Sie, die stolze, zurückhaltende Pia! War sie von Sinnen, diesen fremden Mann ohne klingenden Namen, ohne hervorragende Stellung, vielleicht ebensowenig bemittelt wie sie selber, in ihre Nähe zu fesseln? – Sie sah und empfand es, daß sie starken Eindruck auf ihn machte, daß es wie Spuk und Zauber über ihn gekommen war, als habe er thatsächlich die Hexe Lorelei im Arm gehalten, und doch ist sie nicht vernünftig und stolz genug, diesen Zauberbann so schnell wie möglich zu brechen und ihn ziehen zu lassen, ehe es zu spät ist! Gewiß, sie muß es sein! sie hat sich thöricht benommen, sie hat sich momentan hinreißen lassen ... wovon?! – Wüßte sie es selber nur! – er gefällt ihr so gut, – so gut, wie noch keiner je zuvor, – es liegt ein Ausdruck in seinem ernsten und doch wieder so liebenswürdigen Gesicht, welcher sie wunderbar anzieht und fesselt.

Sie las es manchmal in Romanen, daß das Auge eines Mannes eine große, rätselhafte Gewalt auf die Mädchenherzen ausüben könne, und sie lachte solcher Phantasterei und glaubte es nicht! und nun stand sie selber vor diesem Rätsel und suchte vergeblich nach seiner Lösung. Er gefiel ihr so gut! – nichts weiter!

Es durchrieselte sie so warm und wonnig, wenn er sie ansah, wenn es sein Blick verriet, daß sie ihn entzücke. – Warum? Es war ihr doch sonst so gleichgültig gewesen, ob sie den Männern gefiel oder nicht! –

Und als er sie im Arm gehalten und Auge in Auge ruhte im ersten Sehen, da hatte sie das Gefühl, das dunkle, ahnungsvolle gehabt: – »Du kennst ihn! wer ist es aber? er ist Dir nicht fremd und doch weißt Du seinen Namen nicht!«

»Zieh nicht an den Rhein – zieh nicht an den Rhein, mein Sohn, ich rate dir gut!« klang es abermals dicht bei ihnen von dem Strom herüber: »Dich bezaubert der Laut – dich bethört der Schein – Entzücken faßt dich und Graus.« –

Ja. Bethört! – das ist es, nicht der blinkende Strom, nicht die kosend weiche Luft, nicht der Hall und Schall ringsum bezaubert die Seele, – man bildet es sich lediglich ein, daß man am Rhein etwas ganz besonderes erleben muß, und diese Einbildung bethört die Menschen und läßt sie Gespenster am hellen Tage sehen!

Gehört sie etwa auch zu den sentimentalen, bleichsüchtigen Mädchen, welche sich in Empfindungen und Schwärmereien hineinzwingen, welche ihnen im Grunde genommen ganz fern liegen, welche nur krankhaft sind? –

Die willensstarke, kühlherzige Pia, welche sich noch für keinen Mann begeistert, wird diesem traditionellen Rheinzauber gewiß nicht zum Opfer fallen.

Sie reißt mit energischer Hand die Dunstschleier entzwei und sieht – sieht einen jungen, eleganten, liebenswürdigen Mann, welcher ihr gefällt und mit welchem sie gern plaudert. – Weiter nichts.

Nein, – nicht sentimental werden; es wär lächerlich. Mit frohem Herzen will sie seine Gesellschaft genießen und sich durch ihn die Reise amüsant und wechselreich gestalten, – ebenso wie er den Genuß dankbar empfinden wird, diese schöne Natur im Kreise heiterer Menschen zu schauen. Harmlos! ganz harmlos! sie müssen sich beide ruhig kommen und ruhig gehen sehen – und so wird es auch sein.

Pia atmet hoch auf und streicht mit der Hand über die Stirn, als wolle sie alles wegwischen, was die gefährliche Rheinluft ihr an thörichtem Empfinden eingeblasen hat. –

Nun sieht sie klar und ist einig mit sich, das wird ihr die alte Ruhe und kühle Gelassenheit zurückgeben.

»Und im Strome, da tauchet die Nix' aus dem Grund,
Und hast du ihr Lächeln gesehen,
Und sang dir die Lurlei mit bleichem Mund,
Mein Sohn, so ist es geschehen!«

Fränzchen blieb lachend stehen und winkte übermütig nach dem Schiffchen hinüber, Hellmuth aber wandte jählings den Kopf und blickte Pia an. Sie zuckte zusammen – und wieder, doch wieder allen guten Vorsätzen zum Trotz wallte es heiß nach ihrem Herzen. Warum sieht er sie so an?

Was flimmert und flirrt vor ihren Blicken? Ist es doch vielleicht die süße, lichte, schwüle Luft ...

Wagenrollen ertönt hinter ihnen in der Ferne, sie atmet erleichtert auf.

Tante Johanna! – Nun kann sie vielleicht allzu große Ermüdung vorschützen und die letzte kleine Strecke bis Rüdesheim fahren.

Dann ist sie einer Unterhaltung mit ihm enthoben und sein Blick kann sie nicht mehr verfolgen wie bisher.

Wie er mit Fränzchen plaudert und lacht! Welch ein Wohlklang in der sonoren Stimme. Er scheint sich in der That sehr zu bemühen, die Kleine für sich zu gewinnen, und das Backfischchen strahlt vor Vergnügen über diesen ersten Verehrer. Es wird nicht lange dauern, dann hängt sie sich in ihrer ungenierten Weise an seinen Arm und Onkel Willibald, der sonst so vornehm denkende Mann, wird absolut nichts bei diesem Benehmen finden, wie er ja alles gutheißt, was der Übermut seiner Einzigen in Scene setzt! –

Der Assessor hat gefragt, ob die Kleine viel an die amerikanische Heimat zurückdenkt, und ob sie dieselbe sehr geliebt hat. –

Und nun beginnt Fränzchen in einer Art und Weise aufzuschneiden, die geradezu unerhört ist.

Alle Abenteuer des Lederstrumpfs und sonstiger Indianerlitteratur verarbeitet sie voll kühner Phantasie als eigene Erlebnisse, und der unnatürliche Vater geht schmunzelnd zur Seite und lacht heimlich in sich hinein, daß [es] seine korpulente kleine Gestalt schüttelt!

Ob der Assessor diese himmelschreienden Lügengeschichten glaubt? – Er thut so, – wohl auch aus kluger Höflichkeit.

Hier und da, wenn Fränzchen es gar zu bunt treibt, zittern die Spitzen seines dunklen Schnurrbarts wie unter verhaltenem Lachen.

Im großen ganzen scheint er sich aber himmlisch zu amüsieren, denn das Backfischchen ist animierter, wie je, und ihre drastische, drollige Art und Weise wirkt auch auf ihn im hohen Grade erheiternd.

Sie scheint sich geradezu Mühe zu geben, ihn an ihrer Seite zu fesseln und bestens zu unterhalten, und jetzt wird sich das Thema auf Jagdgeschichten hinüber spielen.

Fränzchens Augen blitzen auf, – und in seiner Lebhaftigkeit sieht das häßliche Gesicht beinahe hübsch aus. –

Sie verspricht ihm, unglaubliche Jagdabenteuer aus den Prairien und Urwäldern zu erzählen, und derweil sie sich anscheinend auf bluttriefende Büffel-, Bären- und Antilopen-Massenmorde besinnt und präpariert, muß er ihr von den Hirschjagden und Sauhatzen der heimatlichen Gebirgswälder berichten.

»Wieviel Hirsche haben Sie schon zur Strecke gebracht?«

Er nennt eine Zahl, welche ihr zu imponieren scheint.

»Und wie viele Sauen?«

Abermals scheint Sie mit seiner Antwort zufrieden.

»Sie schießen wohl sehr gut?« –

»Ich schmeichle mir wenigstens, nicht gerade schlecht zu schießen!«

»Famos; – wir passen ja großartig zusammen! Ich schieße nämlich auch wie das Donnerwetter und für mein Leben gern! Wissen Sie was? wenn wir jetzt nach Rüdesheim kommen, haben wir ja massig Zeit, – und lange Promenaden machen wir heute doch nicht mehr! da sehen wir zu, daß uns der Hotelwirt einen kleinen Scheibenstand einrichtet und uns irgend ein paar Schießprügel zur Stelle schafft, und dann knallen wir mal um die Wette drauf los! – Ja? einverstanden?« –

Er ist entzückt, und Fränzchen jodelt vor Freude so kräftig los, daß die Grete erschreckt einen kleinen Satz zur Seite macht.

»Esel du! wenn man dich mit deinem Vatersnamen nennt, haste es redlich verdient!« wendet sich Komteßchen nach dem nervösen Grauschimmel zurück, und die beiden Herren belachen den Witz nach Gebühr.

»Lilian, legst Du Dich in Rüdesheim erst eine Weile zum Ausruhen hin, oder kommst Du mit uns auf den Scheibenstand?« fragt die Kleine plötzlich, sich an die schweigsame Freundin, welche einen Schritt hinter ihr geht, wendend.

Es deucht Pia, als liege keine allzu dringende Aufforderung in dem Klang ihrer Stimme.

»Natürlich muß Ihre Fräulein Cousine zugegen sein!« – fällt Hellmuth hastig ein: »Wir müssen doch kritisches Publikum haben und wenn wir uns mal wegen eines Meisterschusses zanken sollten, bedürfen wir eines unparteiischen Schiedsrichters!«

»Kann ja zur Not auch Papa sein!« –

»Traust Du mir kein Urteil zu, Fränzchen?«

Das Backfischchen wirft eine Kußhand zurück: »Ich thäte Dich erwürgen, wenn Du etwa nicht mir, sondern dem Assessor Recht gäbest!« –

»Dann überlaß ich Dir diesen Ehrenposten, Onkel!« –

»Danke schön, will schon mit der Hexe fertig werden!«

»Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein, ich bin überzeugt, daß Fräulein Francis mir jeden Zug neidlos gönnt und Ihr Urteil sogar in diesem Sinne beeinflussen wird!« –

Fränzchen schneidet eine kleine Grimasse, Hellmuth aber fährt scherzend fort, sich abermals an Pia wendend: »Oder machen Sie uns etwa gar Konkurrenz und beteiligen sich selber an dem Preisschießen?«

Fräulein von Nördlingen sieht beinahe erschrocken aus. »Nein!« antwortet sie kurz, »ich habe noch nie ein Gewehr oder eine Pistole in der Hand gehabt!«

Er macht eine heftige Bewegung mit dem Kopf, als wolle er sagen: »Bravo! ich freue mich dessen!«

Und Fränzchen nickt ebenfalls wohlwollend und sagt: »Wozu auch? Schießgewehre sind kein Spielzeug für Mädchen!«

Lautes Gelächter.

»Und das sagen Sie, gute Schützin, die doch selber eine junge Dame ist?«

Die Kleine lacht auch, aber ein wenig verlegen und ihr Blick huscht momentan zu dem Vater hinüber, der Graf aber hat es nicht gehört, er ist stehen geblieben und erwartet den heranrollenden Wagen.

»Unsinn! ist ja bei mir etwas ganz anderes!« sagt sie mit wegwerfender Geste. »Sehen Sie mich an und dann die Lilian! Sehe ich aus, wie ein zartes Jungferchen? An mir verwilderten Range ist nichts mehr zu verderben, ich sehe ja doch nicht danach aus, als ob ich bei lebenden Bildern einen Engel stellen könne, aber Lilian, was ist die goldweiß-rosige Lilian gegen mich schwarze Hexe für ein Zuckerpüppchen! In mich wird sich nie ein Mann verlieben!«

»Aber, mein gnädiges Fräulein, wie können Sie uns Männern einen so schlechten Geschmack zutrauen?«

Das Backfischchen warf übermütig den Kopf zurück und lachte, daß die weißen Zähne blinkten: »Wenn Sie noch keine Frau hätten, würden Sie sich etwa in mich verlieben?«

»Fränzchen!!«

Der Assessor machte einen tiefen Diener und legte die Hand auf das Herz. »Fraglos! – allen Rivalen zum Trotz!«

»Ach, Sie reizender Mensch!« beinahe hätte sie ihn in ihrem tollen Jubel umarmt, glücklicherweise unterbrach Tante Johannas Ankunft die kleine Scene.

Fränzchen stürmte der Mutter entgegen und stellte ihren »neuen Freund« vor, mit übersprudelnder Lebhaftigkeit alles Geschehene erzählend. Pia stand schweigend beiseite. Sie hatte sich über Fränzchen geärgert; zu solchen Naivetäten war sie denn doch zu alt.

Tante Johanna wandte sich voll Bedauern an sie: »Arme Lilian, dieser Dauerritt hat Dich sicherlich sehr angestrengt, willst Du nicht lieber einsteigen und mit mir fahren?«

Pia senkte das Köpfchen, sie sah den Assessor nicht an und atmete schwer und tief. Dann blickte sie sehr ruhig auf und antwortete: »Danke tausendmal, liebe Tante, das Gehen ist mir sehr angenehm, mit Deiner gütigen Erlaubnis bleibe ich zu Fuß!«


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