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Kapitel 21.


Fahr wohl! ich kann nicht zweimal knie'n –
Um alles Heil der Welt! -

Strachwitz.

 

Das Gewitter war nicht heraufgekommen. Fern hinter den Bergen verklang das leise Rollen des Donners und die Blitze zuckten nur selten, wie matter Flackerschein am Himmel auf. Die vordem so düstere Wolkenwand hatte sich zerteilt und hing nun als einförmig grauer Schleier auf die Berghäupter nieder, in feinen Streifen floß der Regen, langsam aber unaufhörlich, jeden Blick in die Ferne hemmend und das strahlende Landschaftsbild der letzten Tage in schmutzig-düstere Nebel tauchend, daß es bis zur Unkenntlichkeit verändert schien.

»Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter! grau wie der Himmel liegt vor mir die Welt!« – Wie der leise, wehmutsvolle Klang dieser Worte hallte es durch das Rieseln und Rauschen, und wo gestern Nacht die silberglänzenden Fluten des Rheins ein Schifflein geschaukelt, darin der »glückseligste Mann des römischen Reiches« alle Gluten seiner jungen Liebe in die stille Welt hinausgeschmettert, wo sie die duftenden Blüten gewiegt, welche die weiße Mädchenhand dem Geliebten zu treu-innigem Gruß hinabgestreut, – da wälzten sich heute bleifarbene trübe Wassermassen einem fernen Ziele zu, – so schwermütig und düster, als habe nie ein Mondesstrahl hier zu süßem Liebesglück geleuchtet. –

Fränzchen war atemlos vor Erregung in das Zimmer ihrer Mutter gestürmt.

»Ist Pia hier?« –

»Nein, mein Liebling, sie macht wohl noch Toilette.«

»Ist Papa nebenan?« –

»Jawohl, – was hast Du, Kind, Du glühst ja wie im Fieber!« –

Fränzchen legte hastig den Finger an die Lippen. »Ich habe Euch etwas Hochinteressantes zu erzählen,« flüsterte sie: »ich will erst die Thüre abschließen, und dann kommst Du mit nebenan zu Papa!«

Die Gräfin erhob sich sehr überrascht und sah, wie ihr Töchterchen mit ein paar tollpatschigen Sprüngen nach der Flügelthür eilte, sie kraftvoll zu verriegeln. Die Dielen zitterten, als sie zurückeilte. »So nun komm, Mama, – es ist furchtbar wichtig!«

Graf Willibald saß im Schaukelstuhl und las Zeitungen. Er hob befremdet den Kopf, als Fränzchen an ihm vorübersauste, um auch in diesem Zimmer die Thüre zu verschließen.

»Aber, Kind, was soll denn das ...?«

»Bst! – Damit uns niemand behorchen kann! komm her, Mütterchen! – ganz nah – setz Dich hier dicht neben uns,« und mit derbem Schwung ließ sich Komteßchen auf die Knie des verblüfften Vaters nieder und stieß hochatmend durch die Zähne: – »Eben kam die Bombe zum Platzen!«

»Welche Bombe?!!« –

»Na – zwischen Pia – – – und ... Herrn Forstassessor Hellmuth!« –

»Ah wahrhaftig? – also doch?!« –

»Ja; ich stak im Gebüsch und hörte von A bis Z zu – ach Du liebe Zeit« – Fränzchen breitete mit eckiger Bewegung die langen Arme aus und seufzte schwärmerisch: »Es ist doch etwas schönes um so eine Liebeserklärung, furchtbar rührend! es ging mir so auf die Nerven, daß mir ganz schwach wurde – –«

»Eine Liebeserklärung, jetzt – um diese frühe Stunde – – und bei solchem Wetter im Garten?«

»I wo werden sie denn! – mit dem Parapluie einen Kniefall machen bei dem Dreck!! – nein, das ganze Drama spielte sich vor dem Regen ab!« –

»Und Du wußtest davon?« –

»Ich weiß alles! seitdem ich gesehen, daß er keinen Trauring trug, traute ich ihm alles zu!« –

»Na – hat Pia denn etwa ›Ja‹ gesagt?« – runzelte der Graf ungeduldig die Stirn.

»Feste! – ohne sich im mindesten zu sperren! gleich ein dick unterstrichenes Ja mit endlosen Küssen!«

»Um Himmelswillen, – was werden ihre Eltern sagen!« – wollte Willibald entsetzt aufspringen, aber er vergaß die geliebte Last auf seinen Knieen und sank kraftlos in den Sessel zurück. –

Die Gräfin aber faßte aufs höchste betroffen Fränzchens Hände und wollte sie voll innigen Mitleids an sich ziehen. »Ich fürchtete es! O du armes, armes, geliebtes Kind!« –

Das Backfischchen machte eine resolute Bewegung. »Hört doch erst weiter! – der Krach kam ja doch hinterher!« –

»O ... inwiefern?« –

»Das ist ja eben das Unfaßliche ... Märchenhafte ... Unglaubliche ...! Faktisch, in einem Roman kann es gar nicht toller passieren! also zugehört!«

Die Sprecherin versetzte dem Papa, welcher sich nach seiner niederfallenden Zeitung bücken wollte, einen ungeduldigen kleinen Hieb mit der Stiefelhacke. »Es war beinah wie Elsa und Lohengrin! Nur umgekehrt. – Als sie nämlich lange genug geküßt hatten« – Fränzchens Gesicht färbte sich noch in Gedanken daran mit Zornesröte – »sagte Hellmuth plötzlich, er müsse ihr eine Beichte ablegen, – er sei nicht derjenige, für den sie ihn halte« – –

»Fränzchen – um alles in der Welt« – –

»Na, na, Mamachen, brauchst nicht so furchtbar zu erschrecken! daß er kein Schuster oder Schneider war, merkte man ihm doch an! – Nein, etwas ganz anderes war er! – ratet mal! Ratet doch mal, wer dieser Hellmuth ist!!« – Und das Backfischchen hopste so lebhaft auf dem selbstgewählten Sitz, daß Graf Willibald mit schmerzlicher Geberde zufaßte, um den Liebling festzuhalten.

»Aber, Kind, wie können wir so etwas raten!!«

»Nun dann hört's und bleibt Eurer Sinne Meister! Hellmuth ist kein anderer, als Vetter Wulff-Dietrich!« –

Nun sprang der Graf dennoch auf – und zwar so heftig, daß Fränzchen ein paar Schritte in das Zimmer stolperte; – aber sie war nicht übelnehmisch, sondern wandte sich den Eltern hastig wieder zu, legte die Hände auf den Rücken und beobachtete mit blitzenden Äuglein die Wirkung dieser unvermuteten Nachricht. –

»Dieser Assessor ... dieser Hellmuth ... er ist Wulff-Dietrich? Er ist ein Niedeck?« stieß der Graf atemlos hervor: »Das ist unmöglich! solch einen Sohn kann Rüdiger nicht haben, es wäre undenkbar!« –

Die Gräfin wechselte die Farbe und blickte angstvoll zu ihrem Mann auf. »Gott sei Lob und Dank, daß er unser Kind als Franziska Luxor kennen lernte!« –

Fränzchen lachte. »Den Irrtum habe ich ihm genommen.« –

Mit leisem Aufschrei faßte Johanna die Arme der Sprecherin: »Du – Du hast« – –

»Ihm gesagt, daß ich Franziska, seine Cousine bin! – Natürlich! wäre es ihm etwa ein Geheimnis geblieben? Pia gab sich ihm in ihrer furchtbaren Erregung zu erkennen! Sie schleuderte ihm die herbsten Anschuldigungen entgegen, sie sagte ihm auf den Kopf zu, er habe ein unwürdiges Spiel getrieben, um sich ihrer sechzehn Ahnen auf krummem Wege zu versichern, – na, es war nicht lappich, was sie dem armen Kerl alles vorwarf! – – daß Pia mit uns reist, kann sich Wulff-Dietrich an den Fingern abzählen, also wäre es ja albern gewesen, wenn ich hätte hinter dem Berg halten wollen! Warum soll er mich nicht als Cousine Franziska kennen lernen, ich sage Dir, Mama, ich habe ihn gern, furchtbar gern! nach der heutigen Scene noch viel lieber wie früher! er ist ein uranständiger Mensch, ein echter Niedeck! und er hat nicht gewußt, daß er sich in Pia verliebte, dafür lege ich beide Hände ins Feuer, es war ein wunderlicher Zufall, weiter nichts. – Nicht wahr, Papa, Du magst ihn auch gut leiden? er hat Dir als Hellmuth sehr gut gefallen, das sagtest Du selbst, und wenn Du ein Mann von Konsequenz und Charakter bist, dann wirst Du Deine Ansicht nicht ändern, bloß aus dem Grunde, weil er Onkel Rüdigers Sohn ist!« –

Der Graf schritt erregt im Zimmer auf und nieder. Hohe Betroffenheit und Unruhe malten sich in seinem Gesicht. – »Fatal, – ungeheuer fatal!« murmelte er.

Fränzchen stellte sich ihm energisch in den Weg und hielt ihn am Arm fest. »Papa, wirst Du etwa schwenken? wirst Du ihn ungerecht verurteilen? wirst Du gegen Deine Überzeugung sprechen?« –

Willibald schüttelte gedankenvoll den Kopf. »Nein, das kann und werde ich nicht thun, – und darum verdrießt mich die Sache doppelt!«

Fränzchen lachte nervös: »Warum nicht gar! es hat so sein sollen. Ich freue mich, daß es Gott sei Lob und Dank noch einen so vortrefflichen Niedeck giebt. – In meinem ganzen Leben habe ich mich noch nicht so gefreut, wie heute! – Die Liebe zu meinem Geschlecht ist mir angeboren, sie liegt mir im Blut. Es war mir ein gräßlicher Gedanke, daß die einzigen Verwandten, welche wir noch haben, des Namens so unwürdig sein sollten! ich habe mich geschämt, wenn ich an die Rüdigers dachte. – Nun habe ich mich überzeugt, daß ich doch nicht einsam und verlassen stehe, daß es noch einen Niedeck giebt, auf den ich zählen und auf den ich stolz sein kann!«

Willibald zuckte mißtrauisch die Achseln. »Und wenn Du Dich irrst? Wenn er dennoch in geschickter Weise unsere Reisepläne erforschte und sich Pias unter der Maske vergewissern wollte?« –

Fränzchen warf mit blitzenden Augen den Kopf in den Nacken. »Nein! tausendmal nein! und dieses ›Nein!‹ kann ich Dir beweisen!« –

»Beweisen? – Ah, da wäre ich doch gespannt!«

»Wulff-Dietrich hat auf das Majorat verzichtet, weil er der Meinung war, daß seine Braut Lilian Luxor heiße!«

»Undenkbar! – sagte er das?« –

»Ja, das sagte er.«

»Je nun, – nicht nur Papier – sondern auch die Sprache ist geduldig. Solch ein Ungeheueres glaube ich erst dann, wenn man es mir schwarz auf weiß vorlegt, und das müßte ja geschehen, wenn er zu Gunsten Hartwigs verzichten wollte!«

»Hartwig ist tot!« –

»Hartwig – tot? – unmöglich!!« – fuhr der Graf beinahe entsetzt auf.

Fränzchen aber nickte ernsthaft vor sich hin: »Grade, als wir darüber sprachen, daß sein Verzicht vielleicht das einzige Mittel sei, Pia von der Aufrichtigkeit seiner Liebe zu überzeugen, kam die Depesche, daß Hartwig beim Rennen gestürzt und soeben verschieden sei. – Ich las die Nachricht selbst.« –

Mit weitoffenen Augen starrte Willibald die Sprecherin an, – dann sank sein Kopf tief auf die Brust, und langsam, wie im Traum nahm er seine Promenade durch die Stube wieder auf.

Minutenlang herrschte tiefes Schweigen, nur Johanna seufzte leise auf: »Wie entsetzlich – ein Kind so jählings, – so grausam zu verlieren!« – und sie breitete die Arme in aufwallendem Gefühl nach Fränzchen aus und zog sie fest und innig an die Brust. »Was soll nun werden?« – flüsterte sie. »Glaubst Du, daß Pia ihn wahrlich liebt?« –

Das Backfischchen strich sich schweratmend die Haare aus der Stirn. »Ja, sie liebt ihn!«

»Die Zeit heilt manche Wunde, – ich hoffe, Pias Stolz und Trotz wird die Neigung überwinden!« –

Fränzchen drückte das Gesicht gegen die Schulter der Mutter und antwortete nicht.

»Wird Wulff-Dietrich sogleich abreisen?«

Die Komtesse nickte. – »Als mein Freund!« – klang es von ihren Lippen.

»Es ist gut, daß Pia ihn nicht wiedersehen wird. Jede Gelegenheit dazu ist nun wohl genommen, und die Entfernung wirkt auf die Liebe wie der Sturm auf das Feuer, – er entfacht das große, aber das kleine löscht er aus. – Und Pias Liebe war noch nicht groß, – sie hatte ja kaum Wurzel geschlagen.« Fränzchen hob das Gesicht. Es lag ein fremder Zug von stolzer Energie darin. Die dunklen Augen blickten so feucht verschleiert und doch so trotzig, wie bei einem Kind, welches weinen möchte und sich dennoch seiner Thränen schämt.

»Wir wollen's abwarten, Mama!« – nickte sie kurz, und dann richtete sie sich hoch auf und wandte sich zu dem Vater: »Pia ahnt nicht, daß ich sie belauscht habe, – und weiß es auch nicht, daß ich mit Wulff-Dietrich einen Freundschaftspakt als Vetter und Cousine geschlossen. Sie soll es auch nicht wissen, denn sie wäre in ihrem großen Mißtrauen und ihrer Erregung im stande, uns für Verbündete des Vetters zu erachten. Ich bitte Euch, bleibt völlig harmlos vor ihr, und laßt Euch nicht das mindeste merken, daß wir wissen, wer Assessor Hellmuth ist, – ich bitte Euch darum.«

Der Graf nickte mechanisch. »Gewiß, gewiß! es ist mir sehr lieb, wenn ich diese unerquickliche Angelegenheit nicht zu erörtern brauche!« und dann schritt er auf dem weichen Teppich abermals auf und nieder und murmelte: »Er wollte auf das Majorat verzichten? – unmöglich!! – es kann nicht wahr sein! wie sollte Rüdigers Sohn so aus der Art schlagen?« – und nach kurzer Pause fuhr er wie im Selbstgespräch fort: »Hartwig tot. – Es war wohl ein Glück für ihn. – Wir Menschen spinnen unsere Pläne, – aber der liebe Herrgott spricht nur allzu oft: Mein ist die Rache!« –

Und der Majoratsherr von Niedeck sank schwerfällig in den Sessel zurück, stützte den Kopf in die Hand und starrte sinnend vor sich nieder.

Die Gräfin legte den Arm um ihr Töchterchen und zog sie in das Nebenzimmer.

»Laß uns plaudern, Fränzchen, – Du weißt, wie mir dies alles – und wohl mehr noch die Zukunft, das Herz bewegt!«

Da warf die Kleine den Kopf frisch in den Nacken. »Nein, Mütterchen! wir wollen keine Pläne mehr machen! Hörtest Du es nicht soeben vom Papa, daß der liebe Gott nichts danach frägt, sondern seine eignen, wunderbaren Wege geht? – Darum fort jetzt mit allem Grübeln und aller Menschenklugheit. Es wird schon alles gut werden, und der grade Weg bleibt immer der beste! – Lies ein hübsches Buch, Mamachen, und zerstreue Dich! und ich –«

»Und Du?!« –

»Ich gehe einmal zu Pia und sehe, ob sie mich wohl einläßt!« –

Die Gräfin nickte trübselig vor sich hin.

Der Regen rauschte gegen die Scheiben und die Welt sah so grau und trübe aus, wie sie vor den Augen eines Menschen liegt, welcher aus rosigen, hoffnungsfrohen Träumen zur traurigen Wirklichkeit erwacht.

Sie konnte jetzt nicht allein sein.

Sie schritt zurück nach dem Nebenzimmer, setzte sich an die Seite ihres Gatten nieder und nahm seine Hand in die ihre. So hatten sie manch liebe Stunde daheim am Erkerfenster in Niedeck gesessen und jenen großen, geheimnisvollen Plan ihres Lebens ausgesponnen, welchen Gottes Hand am heutigen Tage so wunderbar zu durchkreuzen schien. – – –

*

Pia saß in ihrem kleinen Turmzimmer und starrte thränenlos auf die grau in grau verschwimmende Rheinlandschaft hinaus.

Noch hatte sich der Sturm, welcher ihr Inneres durchtobte, nicht gelegt, noch war sie kaum im stande, die ganze Größe ihres Elends zu fassen und zu begreifen. Wie eine dumpfe, bleierne, unheimliche Schwere lastete es auf ihr und benahm ihr das Denken, und während ihre Pulse wie in Fieberschauern flogen und ihr Herzschlag sie zu ersticken drohte, empfand sie eine Eiseskälte, welche sie durchschauerte.

Nur eine einzige Wahnvorstellung beherrschte sie. »Du bist auf das Schändlichste hintergangen und betrogen, – von ihm, den du geliebt hast, mehr wie je einen Menschen auf der Welt!« –

Und sie preßte die Lippen, auf welchen seine Küsse noch brannten, in herber Qual zusammen und starrte voll wilder Sehnsucht nach dem Fluß hernieder. – »Möchte er doch heute mich selbst in kühlen Wogen betten, so wie er gestern meinen blühenden Liebesgruß auf schimmernden Fluten wiegte!« –

Und dann preßte sie die kalten Hände gegen die Stirn und dachte voll bitteren Wehs: – »Was ist noch echt und wahr auf der Welt, wenn selbst seine Liebe erlogen ist?« –

Draußen sauste der Wind, der Treulose, als einzige Antwort auf ihre Frage.

Tante Johanna wußte von Wulff-Dietrichs listigem Anschlag und begünstigte ihn, – das deuchte Pia sonder Zweifel.

Warum hätte sie sonst den freundschaftlichen Verkehr mit einem Assessor Hellmuth geduldet, selbst dann noch geduldet, als sie sah, wie Fränzchen mit vollen Segeln in eine schwärmerische Liebe zu ihm hineinsteuerte?

Und darum redete sie auch der Nichte so lebhaft und eindringlich ab, die Gemahlin des künftigen Majoratsherrn zu werden, um jeden Schein einer Begünstigung zu vermeiden, um Pia völlig sicher und harmlos zu machen, und Wulff-Dietrich den Sieg dadurch noch zu erleichtern.

Eine grenzenlose Erbitterung erfaßte sie bei dem Gedanken und ein wilder Trotz, nun erst recht alle hinterlistigen Pläne der Verbündeten zu vereiteln.

Und dieses Gefühl von Haß und Empörung ließ fürerst den Verlust ihrer Liebe völlig in den Hintergrund treten; ihr spröder Stolz schien ihr mehr noch verletzt, wie ihr Herz, und solange es noch wirr und wüst in ihrem Innern nach Klarheit rang, verblaßte die Erinnerung an ihr junges Liebesglück, wie die Welt plötzlich in Nacht und Dunkel versinkt, wenn die Sonne von schwarzen Wetterwolken verschlungen wird.

Nicht ein Gedanke der Entschuldigung oder des Zweifels an Wulff-Dietrichs Schuld tauchte in ihr auf, ihre Heftigkeit riß sie mit sich fort, in planlose, grund- und haltlose Vorstellungen hinein, und das Wahngebilde, welches ihr das Mißtrauen im ersten Augenblick blitzartig vorgespiegelt, verfolgte sie und gewann immer mehr Gestalt und Farbe, je leidenschaftlicher sie sich in ihren Schmerz versenkte.

Dorette hatte schon zum zweitenmal geklopft und gemeldet, daß das Frühstück serviert sei und die Herrschaften auf das gnädige Fräulein warteten.

Pia erhob sich blitzenden Auges. Sie brauchte kein rotgeweintes Antlitz zu kühlen, ehe sie sich vor Menschen zeigte, – ihre marmorkühle Blässe fiel kaum auf.

Sie scheut die forschenden Blicke nicht, im Gegenteil, es wird ihr eine stolze Genugthuung gewähren, sich vor ihnen zu zeigen, ungebeugter, ungedemütigter wie je; – sie haßt die Niedecks! sie alle! – Onkel und Tante Johanna vielleicht mehr wie jenen egoistischen Komödianten, für welchen sie gefällig die Coulissen zurecht schoben und ihm das Stichwort zuflüsterten.

Sie sollen sehen, daß ihre Falschheit keine Wunde schlug, daß Pia von Nördlingen viel zu stolz ist, um jenem Verächtlichen eine Thräne nachzuweinen, um kraft- und mutlos zusammen zu brechen, wenn ihr Lebensglück von frevelnden Händen in Trümmer geschlagen wird.

Mechanisch strich sie über die lockigen Haare, sie zu glätten, richtete sich hoch auf und schritt starren Blicks, beinahe unheimlich in dieser Ruhe anzusehen, die teppichbelegte Treppe hinab.

Der eilige Schritt eines Kellners tönte ihr von der Treppe entgegen, als sie die Hand auf die Klinke der Eßzimmerthüre legte und geräuschlos eintrat.

Ein Blick auf den Frühstückstisch zeigte ihr, daß die gräfliche Familie nicht länger auf sie gewartet hatte. Das Zimmer war leer.

Gleichzeitig klopfte es hastig an der Thür des kleinen Nebensalons.

Die Stimme des Onkels rief: »Herein.«

»Der Herr Forstassessor Hellmuth bittet um die Ehre, sich vor seiner Abreise von der gnädigen Herrschaft verabschieden zu dürfen.«

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, und Pia, welche jählings einen Schritt vortrat, sah, wie Onkel und Tante, welche zusammen am Fenster saßen, einen sehr betroffenen Blick wechselten.

Dann nickte die Gräfin mit bittendem Ausdruck in den sanften Rehaugen und ihr Gatte sagte mit etwas heiserer Stimme: »ich lasse bitten!«

Ein spöttisches Lächeln kräuselte die Lippen des jungen Mädchens. Wie triumphierend flammte es in den starren Augen auf.

Welch ein Abschied wird das werden! Wie höchst gedemütigt werden die ausgepfiffenen Akteurs sich jetzt kondolierend die Hände drücken!

Ist es unrecht oder unedel, zu lauschen?

In diesem Falle sicher nicht, wo sie ja selber der Pelz ist, um welchen man verhandelt, der Pelz, welchen man so zuversichtlich verkaufte, ehe man den Bären hatte!

Pia kreuzt gelassen die Arme über der Brust und lehnt sich wartend gegen den Thürpfosten; seitlich von ihr befindet sich der Salon, durch dessen halb geöffnete Thüre man zwar nur einen kleinen Raum des Zimmers überblicken, wohl aber jedes Wort verstehen kann, welches darin gewechselt wird.

Sie empfindet es als Genugthuung, als eine Gerechtigkeit des Schicksals, daß sie sich von seiner Schuld, seiner Verächtlichkeit überzeugen kann; keinen besseren Balsam giebt es wohl für die Wunde, welche man ihr geschlagen.

Schritte auf dem Flur, – sein fester, stolzer Schritt, nur schwerer, nicht so elastisch wie sonst.

Das gräfliche Ehepaar verharrt im Nebenzimmer regungslos, in tiefem Schweigen, – es ist so still, daß Pia vermeint, sie höre ihr Herz klopfen, unruhiger, schneller, seit sein Schritt erklingt.

Ein kurzes Klopfen, – der Kellner reißt die Thüre auf, – Wulff-Dietrich tritt ein.

Das junge Mädchen lehnt sich fester gegen den Thürpfosten, eine jähe Schwäche überkommt sie, wie Schatten wallt es vor ihren Augen; – sie beißt die Zähne aufeinander und richtet sich gewaltsam auf.

»Ich höre zu meinem größten Bedauern und Befremden, daß Sie abreisen wollen, mein lieber Assessor« – stottert Onkel Willibald und schreitet seinem Besuch mit unsicheren Schritten entgegen, – »und wie ich durch Fränzchen hörte, ist der Grund Ihrer Abreise ein ganz besonders trauriger; – wir nehmen herzlichen Anteil an dem schweren Verlust, welcher Sie betroffen; – Ihr Herr Bruder starb sehr plötzlich.«

Eine kleine, verlegene Pause, – man hört die feinen Goldketten der Manschettenknöpfe, an welchen der Sprecher hängende Kugeln trägt, leise erklingen, sie schütteln sich die Hand.

Seltsam – warum nennt er ihn unter vier Augen noch »Assessor?!«

»Fräulein Fränzchen hat Ihnen bereits von unserm Zusammentreffen im Garten erzählt – – Mister ... Mister Luxor?«

Wie seltsam verändert klingt seine Stimme! Pia fühlt, daß ein finsterer, qualvoller Schauer sie bei diesem Klang durchrieselt.

Sie neigt sich mechanisch vor – sie sieht just in Onkel Willibalds Gesicht, und sieht, daß es heiß errötet. Er macht eine hastige Geste, als schleudere er etwas Unsichtbares von sich fort, – tritt schnell einen Schritt näher und breitet voll herzlicher Empfindung die Arme aus. »Wulff-Dietrich! – nein, bei Gott, ich kann und will es nicht leugnen, daß ich durch Fränzchen erfuhr, wer Du bist! – und weil ich Dich als Forstassessor Hellmuth lieb gewann, so will ich Dich als meinen Neffen ehrlich weiterlieben, – denn Du – wahrlich, Wulff-Dietrich! – Du verdienst es!« –

»Onkel – mein bester, gütigster Onkel!« – Seine Stimme bebt vor Erregung, er wirft sich in die Arme des alten Herrn und fährt voll warmer Innigkeit fort: »Gott sei gelobt für diese Stunde! – der heutige Tag hat mir wohl alles genommen, was eines Menschen Glück bedingt, aber er schenkte mir dafür dennoch eins, – die Erfüllung meines sehnlichsten Wunsches, Frieden zu sehen zwischen Dir und mir!«

Tante Johanna, welche noch immer am Fenster gestanden, drückte unvermerkt das Taschentuch an die Augen und trat leise an die Seite ihres Gatten. –

»Wulff-Dietrich – wie wunderbar sind Gottes Wege! wie unvermutet hat er uns zusammen geführt und wie hat er es in seiner Gnade gefügt, daß Willibald Dich trotz aller Vorurteile und allen Hasses nun doch noch so lieb gewinnen mußte!«

Pia fühlt es, wie ihre Knie zittern, sie hört es nicht mehr, was die Stimmen neben ihr sprechen, es saust und braust vor ihren Ohren wie die Regenschauer, welche der Wind gegen die Fenster peitscht.

Die Hände vor das Antlitz schlagend, sinkt sie auf den Stuhl, welcher neben ihr steht, nieder.

Finden sich die Menschen neben ihr wirklich erst in diesem Augenblick? that sie Onkel und Tante Unrecht mit ihrem Verdacht? – Vielleicht – ach vielleicht auch ihm? –

Seine Worte lügen in diesem Augenblick nicht, nein, beim Himmel nicht! sie fühlt es! ihr Herz schreit plötzlich wild auf in Scham und Reue.

Und dann hört sie es wie im Traum, – fern, ganz fern her, wie Onkel Willibald sagt: »Ja, Fränzchen hat uns alles erzählt, alles, mein armer Junge, und beklage ich es doppelt, daß Dich die unselige Trauernachricht grade jetzt nach Hause ruft! Das Mißverständnis, welches zwischen Dich und Pia getreten ist, muß sich aufklären, und wenn auch nicht augenblicklich – sodann doch später!«

»Nein, augenblicklich!« will Pia voll alles vergessender Leidenschaft rufen, will jählings aufspringen und zu dem Geliebten eilen, ihm die Hände entgegen zu strecken und zu rufen: »verzeih mir, – vergieb mir – ich ...« – – sie will sich wankend erheben, ihre Augen leuchten wie im Fieber.

»Nein, Onkel, nicht jetzt, nicht später!« klingt Wulff-Dietrichs Antwort tonlos, aber sehr bestimmt, »zwischen Pia und mir ist alles aus, – für jetzt und immerdar.« –

»Aber, bester Junge, welch ein Pessimismus! Eine Mädchenlaune! – Du weißt, daß die Ansichten der schönen Frauen wie Aprilwetter wechseln!«

Er schüttelt finster das Haupt. »Die ihren vielleicht; die meinen nicht. Glaubst Du, Onkel, daß mein Stolz weniger empfindlich ist, wie der ihre? Die Anklage, welche Pia mir entgegen schleuderte, die ungeheure Verdächtigung, durch welche sie mich kränkte, kann ich nicht entkräften; wodurch? da ist kein Beweis, den ich ihr entgegen stellen könnte, und meinen Worten allein glaubt sie nicht. Solange wie ich der Majoratserbe von Niedeck bin, kann und darf ich Pia nicht wieder von Liebe reden, ohne meine Ehre unter die Füße zu treten! Und Hartwigs Tod bürdet mir rettungslos die Last des Erbes auf, welches sechzehn Ahnen von meiner Gemahlin verlangt. – Du bist selber ein Niedeck, Onkel, Du kennst unsere Devise, welche keinen Hauch auf blankem Schilde duldet. – Pias Mißtrauen würde aber Flecken auf dem Schilde sehen, welche keine Macht der Welt je löschen kann. Konnte sie in dieser Stunde selbst an der Wahrheit meiner Liebe zweifeln, so wird sie es ewig thun, solange der Majoratserbe um ihre Hand wirbt. Wollte ich auch – ich könnte es nicht. – Sie selber hat mir den Weg zu ihrem Herzen abgeschnitten und Hartwigs Tod hat vollends eine Kluft zwischen uns aufgerissen, welche alle Liebe der Welt nicht mehr überbrücken kann!«

Pia war auf ihren Platz zurück gesunken. Ein Zittern rann durch ihren Körper und wie eine Schlange, kalt, eiskalt, kroch es nach ihrem Herzen.

Sie wollte aufschreien in unaussprechlicher Qual, sie konnte es nicht, – sie wollte die Hände auf die Lippen des Geliebten pressen, damit sie das Entsetzliche nicht aussprechen möchten, – umsonst, wie gelähmt, bleischwer, versagten ihre Glieder den Dienst.

Und drinnen sprachen sie weiter; – Tante Johannas weiche Stimme tröstete mit wunderbaren Fügungen Gottes, – und Onkel Willibald kam auf Hartwigs Tod und Wulff-Dietrichs Abreise zurück.

Freunde wollten sie bleiben! Der Neffe sollte als lieber Gast nach Niedeck kommen, – im Herbst, wenn Willibald noch einmal auf kurze Zeit nach dort zurückkehrt, – und während der junge Graf voll herzlicher Dankbarkeit verspricht, der Einladung zu folgen, wird die Thüre aufgestoßen und Fränzchen stürmt herein. –

»Wulff-Dietrich! Gott sei Dank, daß ich Dich noch finde, – ich suchte das ganze Kurhaus nach Dir ab! Hast Du Dich den Eltern zu erkennen gegeben? – Ach ich sehe es ja Euern Gesichtern an, daß hier Frieden geschlossen wurde! – Ach wie bin ich so glücklich darüber, Wulff – so glücklich!« – Sie wirft sich in ihrer stürmischen Weise an seine Brust, – Pia starrt totenbleich in den Spiegel, welcher der Thüre gegenüber hängt und das Bild zurück wirft.

Er blickt ihr beinahe zärtlich in die Augen, trotz des schwermütigen Ernstes, welcher sein Antlitz beschattet. »Und wem verdanke ich diesen gesegneten Frieden? Dir, Fränzchen, Dir ganz allein. –«

Wie ein Stich zuckte es durch Pias Herz. Fränzchen in seinem Arm, – Fränzchen, die ihn liebt und sechzehn Ahnen aufzählen kann – und Tante Johannas strahlender Blick, – ihr Lächeln, welches den ungestümen Zärtlichkeiten der Tochter keine Schranke zieht – mit zitternden Knieen rafft sich die Lauscherin empor und entflieht lautlos wie ein Schatten, – unbemerkt wie sie gekommen! – und droben in ihrem Zimmerchen bricht sie mit leisem Klagelaut auf die Knie und neigt das Antlitz auf die gerungenen Hände, Thränen stürzen aus ihren Augen, heiße, brennende Thränen hoffnungsloser Liebe und verzweifelnder Reue!


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