Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Die Friedensstadt

In einem kleinen Dörfchen in der Nähe von Windermere oder genauer: im Lande Wordsworths, ist ein Häuschen, und in diesem wird der Besucher herzlich, wenn auch etwas geräuschvoll von einem alten Manne mit roten Backen und kurzem weißem Barte willkommen geheißen und wird ziemlich bald mit dem Angebot überrascht, sich seinen Vater anzusehen, einen noch älter aussehenden Mann mit einem noch längeren weißen Barte, aber sonst noch wohl und rüstig. Und dann wird der ahnungslose Neuling von den beiden Alten in die Freuden eingeführt, die sie selbst in der Gesellschaft des noch älteren Großvaters genießen, der mehr als hundert Jahre alt ist, worauf alle drei ganz besonders stolz sind. Und sie werden ihm dartun, daß dieses Wunder ganz allein durch Milch gewirkt worden sei. Der älteste von den dreien wird nicht aufhören, diese Tatsache durch eine Menge von Einzelheiten zu beweisen. Im ganzen und großen aber sind die Freuden, die er aufzählt, rein arithmetischer Natur. Es gibt Menschen, die ihre Jahre mit Schrecken zählen, der Alte aber zählt die seinen mit der Eitelkeit eines Jünglings. Es gibt Menschen, die Briefmarken oder Münzen sammeln, der Alte sammelt Tage. Zeitungsreporter haben versucht, ihn auszufragen über die Zeitgeschehnisse, die er in seinen jungen Jahren miterlebt hat, aber sie konnten aus ihm nichts anderes herausbringen, als nur das eine, daß er in einem Alter, in dem die meisten andern dieses Leben verlassen, angefangen hat, ausschließlich von Milch zu leben. Wenn er gefragt wurde, ob er das Jahr 1815 miterlebt habe, sagte er, daß damals die Menschen noch nichts von der Gebirgsmilch des Dr. Wiesen wußten. Bei seiner rechnerischen Betrachtungsweise des Lebens würde er nicht einmal die Worte verstehen, wenn ihm einer sagte, daß auf der Ebene in der Nähe von Brüssel Jünglinge, die damals im gleichen Alter waren wie er, als Lieblinge der Götter jung starben.

Es war natürlich der Menschenfreund Dr. Wiesen, der diese Familie entdeckte, die augenscheinlich der Tod übersehen hatte. Und auf diesem sichtbaren Unterbau errichtete er seine große diätische Philosophie, auf der wiederum Friedensstadt mit all seinen Häusern und Milchwirtschaften errichtet war. Er hatte natürlich auch andere Mithelfer, reiche und einflußreiche Leute, und als Jünger allerhand Menschen, die sich auf ein ungewöhnlich hohes Alter vorbereiteten, kindische alte Leute und minderjährige Embryonen. Es würde vielleicht etwas zu viel gesagt sein, wenn ich behauptete, ihre Hauptbeschäftigung bestünde in der Freude, mit der sie ihr erstes weißes Haar erwarteten.

Friedensstadt ist in den wesentlichen Grundzügen das, was wir eine Gartenstadt nennen: rings um freie Plätze herum stehen Häuser, in denen die werktätige Bevölkerung arbeitet, die draußen in einem noch offener gebauten Teil der Stadt wohnt. Ohne Zweifel ist das weit gesünder als das Fabriksystem in den großen Städten, und der heitere zufriedene Ausdruck auf den Gesichtern der Untertanen Dr. Wiesens muß wohl zumeist auf die Rechnung dieses Umstandes gesetzt werden, wenn auch die Vorzüge der Gebirgsmilch dadurch nicht herabgesetzt werden sollen.

Der Ort selbst liegt weit ab vom großen Verkehr, und seine Bewohner erfreuten sich in einer fast niemals gestörten friedlichen Ruhe der Segnungen der Lehre des Dr. Wiesen bis zu dem Tage, an dem ein kleines Auto sich dem Städtchen näherte. Bevor es in Friedensstadt Einzug hielt, machte es an dem raschfließenden Gebirgsbache Halt, und zwei Männer in Autoausrüstung, der eine sehr groß, der andere klein, aßen ein wenig Brot und tranken Wasser aus dem Bache.

Ich glaube, ich fange an, für das Wasser eine Wertschätzung zu fühlen, sagte der größere der beiden Ritter, ich hatte bisher immer geglaubt, daß es ein höchst gefährliches Getränk sei. Theoretisch sollte man es natürlich nur auf ärztliche Verordnung an Ohnmächtige geben, für solche ist es sehr gut, viel besser als Whisky. Es würde übrigens auch eine Verschwendung sein, guten Whisky Ohnmächtigen einzuschänken. Aber ich will nicht einmal so weit gehen und eine ärztliche Verordnung verlangen, bevor die Menschen Wasser trinken dürfen, ich fange an, die guten Seiten des Wassertrinkens einzusehen. Wie prächtig ist es, wenn man ganz durstig ist, wie es glitzert und gurgelt, und wie lebendig ist es! Es ist vielleicht das beste Getränk nächst einem – – – Wahrhaftig meiner Seele, es schmeckt gut. Was für ein Jahrgang mag es wohl sein? Er schmeckt wie 81er, sagte er und schnalzte schmeckend und prüfend.

Am Geschmack kann man das nicht erkennen, erwiderte der kleinere, der alte Jack hatte einmal seinen Gästen Wasser in kleinen Likörgläsern angeboten, und alle schworen, daß es ein ausgezeichneter Schnaps wäre, und wollten wissen, wo man ihn bekommen könnte. Nur der alte Admiral Guffin sagte nachdenklich, daß der Schnaps etwas zu stark nach Oliven schmecke. Aber Wasser ist wirklich das beste für uns in unserer Lage.

Patrick nickte und sagte dann: Ich weiß nicht, ob ich es werde durchführen können, wenn ich das Ding da – vor mir sehe, und dabei stieß er mit dem Fuße an das Rumfäßchen. Wir leben wie in einem Märchen, schleppen Rum mit uns herum wie einen Seeräuberschatz und sparen ihn auf, um damit mit anderen Leuten Spaß zu treiben.

Übrigens was war das für ein Spaß heute Morgen! – – Wo ist die Milchkanne?

Für die nächsten zwanzig Minuten beschäftigte er sich mit der Milchkanne und dem Tönnchen. Pump sah ihm mit steigender Anteilnahme zu, die zuletzt bis zur Ängstlichkeit wuchs.

Endlich hob der Kapitän Dalroy den Kopf, zog die Augenbrauen zusammen und sagte: Was mag das dort sein?

Was? fragte der andere.

Das dort, sagte Dalroy und zeigte auf ein Wesen, das auf einem Wege dem Flusse näher kam.

Dieses Wesen hatte einen ziemlich länglichen Bart, sehr lange Haare, die weit über die Schultern herabfielen, und einen ernsten und ganz unveränderten Gesichtsausdruck. Seine Kleidung hatte der unerfahrene Pump zuerst für einen Nachtanzug gehalten, erst später machte er die Entdeckung, daß es eine lange Tunika aus Ziegenfellen mit den Haaren nach außen war. Es trug keine Schuhe und ging ziemlich eilig bis zu einem bestimmten Punkte des Weges und machte dann eine scharfe Wendung, um wieder nach der Stadt der Vollendung zurückzukehren.

Ich vermute, es ist einer von der Milchwirtschaft, sagte Pump gütig, aber sie scheinen mir etwas geistesabwesend zu sein.

Ich will das nicht sagen, sagte Dalroy, ich bin auch manchmal etwas geistesabwesend, aber ein Geistesabwesender hat einen großen Vorzug: er ist das letzte Glied der Kette zwischen den Menschen und Gott. Ein Geistesabwesender ist immer ganz logisch. Aber welcher logische Zusammenhang besteht zwischen Milch und langen Haaren. Die meisten von uns haben von Milch gelebt, als sie überhaupt noch keine Haare hatten. Wie bringen sie das beides zusammen? Mit welcher Begriffsfolge kommen sie dazu? Vielleicht: Milch – Wasser – Waschwasser – Rasiermesser – Rasieren – Haarschneiden –.

Oder welche Assoziation ist zwischen langen Haaren und bloßen Füßen? Vieleicht: Haare – Hut – Hutkoffer – Lederkoffer – Lederschuhe. Oder: Haar – Bart – Austernbart – Strandaustern – Seebad – barfuß. Der Mensch ist zwar zum Irrtum geboren, aber er nennt jeden Fehler, den er macht, einen Schritt weiter in der Entwicklung. Nur eines begreife ich nicht: warum leben alle diese Verrückten auf einem Haufen beieinander?

Weil die Verrückten immer beisammen leben sollten, sagte Humphrey, du hättest erst die Verrückten sehen sollen, die in Crampton eine Landwirtschaft betreiben wollten!

Bringe mich dorthin, wo diese Leute leben, rief Patrick und packte das Fäßchen und die Milchkanne in den Wagen.

Sie folgten dem Wesen mit den langen Haaren und dem Ziegenfell und hielten vor einem der ersten Häuser der seltsamen Stadt, in dem der Mann verschwunden war. Zu ihrer Verwunderung sahen sie den Mann schon nach wenigen Augenblicken wieder herauskommen, er hatte anscheinend seine Angelegenheit in einer ganz unverhältnismäßig kurzen Zeit besorgt. Bei näherem Zusehen merkten sie indes, daß es nicht derselbe Mann war, sondern ein ganz anderer, der ganz ähnlich gekleidet war. Und im Verlaufe von wenigen Minuten sahen sie in dieses bevorzugte Haus immer einen nach dem andern hineingehen und wieder herauskommen, jeder in dem gleichen Unschuldskleide.

Das muß ein Tempel oder eine Kapelle sein, murmelte Patrick, vielleicht opfern sie hier einer heiligen Kuh jeder ein Glas Milch, ich muß der Sache auf den Grund sehen, ich will aber warten, bis der Ansturm etwas nachgelassen hat.

Als das letzte langhaarige Gespenst am Ende des Weges verschwunden war, sprang Dalroy in den Wagen, trieb den Pfahl des Schildes mit fast unmenschlicher Gewalt in den Rasen vor dem Hause und klopfte dann ganz ruhig an die Tür.

Der Besitzer des Hauses öffnete, aber seine Kleidung stach von seiner Umgebung höchst befremdlich ab. Pump und Dalroy erinnerten sich nicht, je in ihrem Leben ein so unfreundliches Gesicht gesehen zu haben. Es war rötlich, was aber nicht von einer guten Gesundheit herrührte, sondern eher von einem ungesunden Blutandrang nach dem Kopfe. Sein dunkler Schnurrbart hing herunter, und seine dunklen Augenbrauen hingen noch mehr herunter. Nur auf Bildern, auf denen die Gesichter von Unterworfenen und in Knechtschaft Geschleppten dargestellt waren, erinnerte sich Dalroy etwas so Niederdrückendes gesehen zu haben, aber er konnte dieses Gesicht nicht mit den Vollkommenheiten von Friedensstadt zusammenreimen, und das war ihm um so verwunderlicher, als es jenem anscheinend sehr gut ging: sein Anzug war von gutem Schnitt und hatte etwas Sportmäßiges, von innen war das Haus wenigstens viermal so prächtig als von außen. Aber was ihm ganz besonders auffiel war, daß er nicht die übliche fragende Neugier hatte, die der Besitzer eines Hauses fast jedem fremden Eindringling entgegenbringt, er war im Gegenteil etwas verlegen und irgendwie betroffen. Während Dalroy sich höflich entschuldigte und nach dem Wege und einer Unterkunft in der Friedensstadt fragte, wanderten die Augen dieses Mannes, die so blöde aussahen wie gekochte Stachelbeeren, immer wieder zum Fenster, schließlich stand er auf und sah durch das Fenster auf den Weg hinaus.

O ja, es ist ein sehr gesunder Ort, unsere Friedensstadt, sagte er und sah beständig hinaus durch das Fenstergitter, o ja, sehr gesund – natürlich, die Leute hier haben ihre kleinen Besonderheiten – –

Und trinken nur reine Milch? fragte Dalroy –

Der Hauswirt sah ihn mit einem unsicheren Ausdruck an und grunzte: Ja, sie sagen so – und ging dann wieder zum Fenster.

Ich habe etwas Milch mitgebracht, sagte Patrick und schlug dabei auf die Milchkanne, die er fest im Arm hielt, wie wenn er sich von der Firmenbezeichnung des Dr. Wiesen nicht trennen könnte, wollen Sie ein Glas?

Die gekochten Stachelbeeraugen des andern traten heraus, wie wenn er große Angst hätte oder sonst eine heftige Gemütsbewegung verspürte.

Was wollen Sie, stotterte er, wer sind Sie?

Reisender für Dr. Wiesens Gebirgsmilch, sagte der Kapitän mit ziemlichem Stolz, wollen Sie nicht versuchen?

Der Inhaber des Hauses nahm wie betäubt ein Glas von dieser untadeligen Flüssigkeit und nippte daran, aber auf seinem Gesichte war eine außerordentliche Veränderung zu sehen.

Verdammt noch einmal, sagte er mit einem breiten und gemeinen Grinsen auf seinem Gesicht, – guter Witz – Sie sind guter Laune, Herr, wie ich sehe.

Dann ging er unruhig wieder zum Fenster und fügte hinzu:

Warum zum Teufel kommen die anderen nicht? Ich habe noch niemals einen so schlechten Tag gehabt.

Welche anderen, fragte Pump?

Oh, nur die Leute von Friedensstadt, sagte jener, sie kommen gewöhnlich herein, ehe sie an ihre Arbeit gehen. Dr. Wiesen läßt sie sich nicht überarbeiten, das wäre nicht gesund, meint er, aber er hält sehr auf Pünktlichkeit.

Dann öffnete er die Haustür und rief ungeduldig, aber nicht allzulaut: Nur herein, wenn ihr herein wollt, oder macht Euch fort und haltet nicht Maulaffen feil.

Patrick sah ebenfalls hinaus, aber was er auf dem Wege erblickte, sah sicherlich sonderbar genug aus. Vor dem Hause standen große und kleine Gruppen von Menschen, neue bildeten sich und starrten das Schild zum Alten Schiff mit Staunen und Bewunderung an. Nur auf dem Wege gingen etwa zwanzig oder dreißig Leute in Ziegenfellen vorüber, offenbar blind gegen die Außenvorgänge wie Somnambulisten, sie hatten anscheinend das neue Zeichen nicht gesehen, sie blickten nach der andern Seite des Weges, nach dem Himmel und nach der Sonne; nur vereinzelt sah einer herüber und flüsterte etwas zu seinem Begleiter. Endlich sahen auch die Stachelbeeraugen das Schild, aber die Wirkung war eine fast niederschmetternde.

Was zum Henker haben Sie an meinem Hause gemacht? fragte er, natürlich kommen sie nicht herein, wenn das Ding hier steht.

Dann will ich es wieder wegnehmen, wenn es Ihnen so wenig gefällt, sagte Dalroy und stapfte hinaus, und wie wenn es eine Blume im Vorgarten wäre, die man abpflückt, hob er den Pfahl wieder heraus – aber ich möchte zum Teufel nun auch wissen, was das alles zu bedeuten hat?

Warten Sie, bis ich diese Leute abgefertigt habe, versetzte der Hausvater. Die Leute in den Ziegenfellen kamen nun einer nach dem andern wie Schafe oder wie Ziegen in das Haus herein, das jetzt ohne Wirtsschild war, und wurden nun in möglichster Eile mit Rohspiritus versorgt, der, wie Pump bemerkte, nicht sehr gut war.

Als der letzte behaarte Gast fortgegangen war, sagte Dalroy: Das alles kommt mir etwas wirr vor, ich habe das Gesetz bisher so verstanden, daß Alkohol nur da verkauft werden darf, wo ein Schild ist, und nicht verkauft werden darf, wo kein Schild ist.

Das Gesetz – sagte der Mann mit einer vor Wut fast erstickten Stimme, diese armen Geschöpfe haben mehr Angst vor dem Doktor als vor dem Gesetz.

Warum sollten sie vor dem Doktor Angst haben? fragte Dalroy ganz unschuldig, ich habe doch immer hören sagen, daß Friedensstadt ein auf Selbstverwaltung aufgebautes Gemeinwesen ist.

Verfluchte Selbstverwaltung das, rief der andere mit Verachtung, er besitzt alle Häuser und kann sie alle hinausjagen. Und wie schundig bezahlt er sie – geht mir weg mit dem Gesetz!

Dann stützte er sich mit den Ellenbogen auf den Tisch und fuhr fort: Ich hatte eine Brauerei hier in der Nähe, und es war die größte in der ganzen Umgegend. Es gab nur zwei Häuser, die mir nicht gehörten. Plötzlich nahmen mir die Behörden alle Schankgerechtigkeit weg. Vor zehn Jahren konnten Sie unter jedem Wirtsschild im Lande den Namen Hugby-Bier lesen. Dann kamen die dreimal verfluchten Radikalen, und unser Führer Ivywood ging über auf ihre Seite und ließ den Doktor alles Land hier aufkaufen auf Grund irgend eines neuen Gesetzes, damit es überhaupt keine Wirtshäuser mehr geben sollte. Und so ruinierte er mein Geschäft, um seine Milch zu verkaufen. Glücklicherweise hatte ich vorher mein Schäfchen ins Trockne gebracht, und ich mache selbstverständlich auch heute noch mein Geschäft, wie Sie gesehen haben, aber Sie begreifen, daß es nicht halb so groß mehr ist wie früher, denn sie haben Angst, daß der alte Dr. Wiesen dahinter kommt, der alte Schnüffler.

Und dann spuckte der gutangezogene Gentleman auf den Teppich.

Ich bin auch ein Radikaler, sagte der Irländer ziemlich kalt, doch wenn Sie etwas über die Konservativen wissen wollen, so müssen Sie sich an meinen Freund Pump wenden, der gute Beziehungen zu ihren Führern hat. Es scheint mir indes eine sehr wunderliche Art von Radikalismus zu sein, nach den Vorschriften eines Herrn und Meisters zu essen und zu trinken, der verrückt ist, wenn auch nebenbei Millionär. – Oh, Freiheit, wie gewunden und unbefriedigend sind die Wege der sozialen Entwicklung, die deinen Namen trägt! Warum jagen Sie den alten Esel nicht ein wenig um die Stadt herum? Warum ziehen diese Leute keine Schuhe an? Erlaubt er es ihnen nicht? Sie sollten den Verrückten in eine Milchkanne stopfen und den Hügel hinunter rollen lassen.

Mit Christians Tante wollten sie es auch einmal so machen, warf Pump ein, aber sie sträubte sich lange dagegen. Frauen sind natürlich etwas heikel.

Aber hören Sie mal, rief Dalroy ziemlich erregt dem ehemaligen Brauer zu, wenn ich das Schild hier draußen aufstelle und Ihnen helfe beim Ausschänken, so würden Sie ganz gesetzlich verfahren, und niemand könnte etwas dagegen haben, Sie würden offen wie ein Mann handeln und in der Geschichte Englands als Befreier dastehen.

Der ehemalige Besitzer der Hugby-Brauerei sah trübsinnig auf den Tisch.

Aber, fuhr der Kapitän fort, wollen Sie nicht mit mir kommen und wenigstens »hört, hört« rufen, oder »sehr richtig«, wenn ich auf dem Marktplatze eine Rede halte! Kommen Sie mit, es ist noch Platz in unserm Wagen.

Ich will mitkommen, gab Mr. Hugby schwerfällig zurück, es ist richtig, wenn Ihr Schild in Ordnung ist, so könnten wir das alte Geschäft wieder aufnehmen.

Und er setzte seinen Zylinderhut auf und folgte den beiden nach dem Wagen. Der Zylinderhut war allerdings nicht das Richtige für Friedensstadt und stand etwas im Gegensatz zu der Umgebung.

Es war ein herrlicher Vormittag, die Häuser leuchteten so weiß wie die Wolken, diese wiederum sahen aus wie Häuser, die durch die Luft fliegen, aber hie und da hatten die Gebäude orangefarbene Verzierungen oder zitronenfarbene Linienführungen, wie von Kinderhand gezeichnet. Sie hatten keine Strohdächer, vielleicht weil Strohdächer nicht hygienisch sind, sondern waren mit pfauengrünen Dachziegeln gedeckt, die in einem präraphaelitischen Bazar gekauft zu sein schienen. Hie und da war die Bedachung von Terrakotta. Die Häuser waren nicht englisch und nicht anheimelnd und paßten auch nicht in die Landschaft, denn sie waren nicht von freien Menschen für sich selbst erbaut, sondern von einem verrückten Lord hingesetzt worden. Es war ein sehr malerischer Hintergrund für ein Märchen-Freilufttheater. Und ich fürchte, Dalroys Treiben war eine solche Aufführung.

Er legte seine Autoüberkleidung ab und stellte sich in seiner weißgrünen Uniform auf einen Rasenplatz an einer Weggabelung und sah mit Überlegenheit in die Gegend. Dann nahm er höchst behutsam die Milchkanne und stellte sie beinahe ehrfürchtig vor sich hin auf das Gras. Er stand daneben wie Napoleon neben einer Kanone, mit einem Ausdruck von auffallendem Ernst, beinahe von Strenge. Dann zog er seinen Degen und schlug mit der flachen Klinge auf die Blechkanne. Hugby kroch aus dem Wagen und hielt sich von dem Lärm die Ohren zu. Nur Pump blieb auf dem Führersitz in dem dunklen Gefühl, daß es vielleicht notwendig werden könne, eiligst wieder von dannen zu fahren.

Immer heran, meine Herrschaften, Bewohner von Friedensstadt, brüllte Dalroy und schlug dabei auf die Milchkanne, wir sind friedliche Leute.

Zwei oder drei Ziegenfellbehaarte kamen mit größter Vorsicht näher und sahen sehr schuldbewußt auf Mr. Hugby. Und der Kapitän donnerte sie an, wie wenn er eine Ansprache an ein ganzes Heer richten wollte: Bürger, kostet von dieser unverfälschten Gebirgsmilch, der einzig echten Milch des Landes, wo Milch und Honig fließt, sie ist so vorzüglich, daß ich nicht weiß, womit ich sie vergleichen könnte. Kostet sie nur – es gibt keine echtere als diese. – Wer kann leben ohne Milch? Nicht einmal Walfische können ohne Milch leben – wenn jemand unter den anwesenden Damen oder Herren einen zahmen Walfisch zu Hause hat, der gebe ihm von dieser Milch – auch der kleinste Walfisch nimmt diese Milch gern. – Wenn Ihr sagen wollt, daß ihr die Milch nicht sehen könnt, weil sie in der Kanne ist, nun, so seht euch die Kanne an. Ja, seht diese Kanne an. – Es ist eure Pflicht, die höchste Pflicht liegt in den Worten: Du mußt – Und wenn die Pflicht ruft: Du mußt, so antwortet die Jugend: ich kann. Und in dieser Kanne liegt das größte »kann« – – – –

Bei dem »kann« schlug er wieder kräftig mit der Klinge auf die Kanne, und es klang, wie wenn Teufel mit Stahlglocken läuteten. Die Rede hatte, wie der gewissenhafte Berichterstatter verzeichnen müßte, Erfolg. Ein großer Teil der Bewohner von Friedensstadt wurde durch den Lärm herbeigelockt. Es gibt Menschenmassen, die nicht zu einer Revolution aufgelegt sind, aber es gibt keine Menschenansammlungen, die nicht den Wunsch haben, daß ein anderer etwas für sie selber tue, und in dieser Tatsache ist das Geheimnis der Oligarchie begründet.

Dalroys Triumph am Schlusse seiner Rede war, daß die Zunächststehenden seiner Zuhörer eine Kostprobe von seiner beispielslos guten Gebirgsmilch nahmen. Der Erfolg war überwältigend. Die meisten waren starr vor Erstaunen, einige brachen in lautes Lachen aus, einige schüttelten sich, einige riefen nach mehr, alle sahen mit leuchtenden Augen zu dem Redner hinauf, der ebenfalls vergnügt lachte.

Aber die Freude erstarb bald und wich von allen Gesichtern, nur deswegen, weil ein kleiner alter Mann unter die Menge trat, ein Mann in langem leinenen Gewände, mit weißmeliertem Bart und einem weißen Wollwirrwarr auf dem Kopfe wie eine abgeblühte Distel, ein Mann, den jeder von den Anwesenden mit der linken Hand hätte niederschlagen können.



 << zurück weiter >>