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Die sieben Launen Dorians

Die zeitlose Uhr, die in jener Nacht so hell am Himmel leuchtete, hatte etwas Magisches wie ein Teufelsgroschen. Sie verleitete nicht nur Hibbs zu einem dionysischen Rausch und Bullrose dazu, in die Gewohnheiten seiner vermenschlichten Ahnen zurückzufallen, sondern sie verursachte in Dorian Wimpole, dem Vogeldichter, eine sehr bemerkenswerte und ziemlich wertvolle Wandlung. Er war sonst nicht verrückter als Shelley, das ziellose und unaufrichtige Weltleben hatte ihn nur ein wenig steril gemacht. Er hatte natürlich nicht im geringsten die Absicht, seinen Fahrer hungern zu lassen, doch kam es ihm gar nicht in den Sinn, daß er eine schwere Schuld auf sich lud, weil er ihn gänzlich vergessen hatte.

Als Stunde um Stunde verging, und er nur mit dem Mond und dem Esel allein dastand, machte er in schnellem Wechsel eine Reihe von Gemütsbewegungen durch, die seine Freunde aus der guten Gesellschaft Launen genannt haben würden.

Die erste Laune war – es tut mir leid, daß ich sie nicht anders nennen kann: schwarze, zähneknirschende Wut. Er wußte nicht, daß der Fahrer aus Verärgerung gehandelt hatte. Dorian konnte nur annehmen, er sei von den dämonischen Eselschindern bestochen oder eingeschüchtert worden. Aber Wimpole war in diesem Augenblicke viel eher geneigt, seinen Fahrer zu schinden, als Pump es je über sich gebracht hätte, einem Esel zuviel zuzumuten, denn kein Mensch mit gesunden Sinnen kann ein Tier hassen. Mit dem Fuße spritzte er Steinchen vom Wege in den Wald und dachte lebhaft an den Fahrer. Er riß das Farnkraut am Wegrande mit der Wurzel aus und fand dabei eine Ähnlichkeit mit den Haaren des Fahrers. Er packte mit der Faust die Waldbäume an, doch gab er den Kampf gegen die Stärkeren bald wieder auf. Der ganze Wald und die ganze Welt waren voll von lauter Abbildern des allgegenwärtigen Fahrers, und überall versuchte er ihm zu Leibe zu gehen.

Der denkende Leser wird längst begriffen haben, daß Wimpole bereits eine beträchtliche Strecke des Weges zurückgelegt hatte, der hinauf zum Kosmischen führt. Neben der Liebe, die man wirklich für ein Wesen auf Erden fühlt, steht als nächstes der Haß, besonders wenn dieses Wesen ein armer Mensch ist, der von einem durch mehr als bloße gesellschaftliche Abgrenzungen getrennt ist. Der Wunsch, ihn zu ermorden, ist wenigstens eine Anerkenntnis, daß er überhaupt vorhanden ist. So mancher verdankt die ersten helleuchtenden Strahlen, die in seiner Seele das Erwachen eines Gefühls für Demokratie hervorrufen, dem Wunsch, einen Stock zu haben und damit den Tafeldecker zu verprügeln.

Wimpoles Wut tat ihm auch sonst wohl und war ihm eine wahre Erleichterung. Bald trat er in einen zweiten und mehr positiveren Zustand seiner Überlegungen ein. Diese verdammten Affen, murmelte er grimmig, die dort fahren, nennen den Esel ein niederes Tier. Der will auf einem Esel reiten? Ich möchte einmal den Esel auf ihm reiten sehen!

Der geduldige Esel wandte seine gutmütigen Augen nach ihm, als Dorian mit der flachen Hand ihm wohlwollend auf das Fell geklatscht hatte, und Dorian entdeckte mit einigem unbewußten Erstaunen, daß er wirklich etwas für den Esel übrig hatte. In seinem tieferen und feineren Selbst wußte er auf einmal, daß er nie zuvor eine Liebe für irgend ein Tier gehabt hatte. Seine früheren Gedichte über die Tiere seiner Einbildungskraft waren bis zu einem gewissen Grade echt, aber auch bis zu einem gewissen Grade kalt. Wenn er früher gesagt hatte, er liebe den Haifisch, so meinte er damit nur, daß er keinen Grund hatte, den Haifisch zu hassen. Und es gibt in der Tat keinen Grund, einen Haifisch zu hassen, höchstens ihm aus dem Wege zu gehen.

Aber bald fühlte er auch, daß seine Liebe für die Tiere immer reiner wurde und auch eine Rückwirkung ausübte. Der Esel war ihm ein Gesellschafter geworden und war nicht mehr ein bloßes Tier. Er war ihm lieb geworden, weil er ihm nahe war. Die Auster hatte ihn früher angezogen, weil sie so gänzlich unähnlich war dem Menschen. Doch in dieser tollen durchwachten Nacht fühlte er sich immer mehr zu dem Esel hingezogen, weil er noch am meisten von allen Dingen um ihn herum einem Menschen ähnelte – weil er Augen hatte, um zu sehen und Ohren um zu hören, sogar größere als vielleicht nötig sind.

Wer Ohren hat zu hören, der höre, sagte er und streichelte ihm die großen grauen herunterhängenden Lappen mit einer gewissen Zärtlichkeit, hast du sie jemals zum Himmel emporgerichtet, und wirst du auch die Trompete des letzten Gerichtes hören?

Der Esel rieb seine Nase an Dorian mit einer Zutraulichkeit, die Dorian fast menschlich vorkam. Er dachte daran, wie eine Auster ihm ihre Zuneigung ausgedrückt hätte. Alles um ihn herum schien ihm schön, aber nicht menschlich. In dem ersten Aufbrausen seiner Wut hatte er in einem großen Fichtenbaum seinen verschwundenen Fahrer wiedererkennen wollen. Aber Bäume und Farnkräuter konnten keine Ohren bewegen und keine Augen auf ihn richten. Und dafür streichelte er wieder den Esel.

Der Esel versöhnte ihn mit seiner Umgebung, und er begann zu begreifen, wie schön sie war. Damit trat er in die dritte Veränderung seines Gemütes ein. Er fand bei näherer Betrachtung, daß sie durchaus nicht so bar aller Menschlichkeit war, die Schönheit zum mindesten hatte etwas Menschliches: der Glanz des untergehenden Mondes sah aus wie der zartfarbene Glanz um das Haupt eines frühitalienischen Heiligen, und die jungen Bäume erschienen ihm so vornehm, weil sie ihr Haupt so hoch trugen wie die Jungfrauen. Sein Hirn füllte sich mit Ideen, mit denen er nur unvollkommen vertraut war, besonders mit der Idee vom Ebenbild Gottes. Immer deutlicher wurde ihm der Gedanke, daß alle Dinge, Esel und Farn, eine Art Würde und Heiligkeit besitzen dadurch, daß sie das Abbild sind von irgend etwas außer uns. Sie erschienen ihm wie Kinderzeichnungen, wie rohe Striche, die die Natur in ihr erstes Skizzenbuch auf Stein gezeichnet hat.

Er hatte sich auf einen Haufen Fichtennadeln geworfen, um sich der schummerigen Dämmerung zu freuen, die sich über den Wald senkte, als der Mond hinter den Bäumen verschwand. Es gibt nichts tieferes und wunderbareres als ganz undurchdringliche Fichtenwälder, wo die näherstehenden Bäume vor den dahinterstehenden sich abheben wie eine Silberfarbe auf grau oder wie grau auf schwarz. In diesem einen Genusse griff er nach einer einzelnen Fichtennadel und fing an darüber zu philosophieren.

Ich sitze auf Nadeln, sagte er, aber von der Art, wie sie Eva im Paradiese gebrauchte nach der Legende. Ja, die alte Legende hat recht. Wenn ich auf allen Nadeln von London sitzen würde, oder auf allen Nadeln von Sheffield! O ja, die alte Legende hat schon ihre Richtigkeit: die Nadeln Gottes sind weicher als Teppiche von Menschenhänden.

Er begann ein Vergnügen an der Beobachtung der kleinen seltsamen Waldtierchen zu finden, die aus dem weichen Waldboden hervorkrochen. Er erinnerte sich, in einer alten Legende gelesen zu haben, daß sie einmal so zahm waren zum Menschen wie der Esel, und daß Adam sie zu sich rief und jedem seinen Namen gab. Die Schnecken machten ihm viel Vergnügen und auch die Würmer. Er fühlte ein neues und wirkliches Interesse an diesen Tierchen, das er nie zuvor gespürt hatte. Wie ein angeschmiedeter Gefangener, der eine Spinne zähmt, betrachtete er die Welt um sich herum. Geduldig sah er stundenlang zu, welchen Weg die Würmer auf ihrer langsamen Wanderung nahmen. Einen beobachtete er mit besonderem Interesse, weil er um ein weniges länger war als die meisten andern Würmer, und weil er seinen Weg in der Richtung nach dem linken Vorderfuß des Esels nahm; dann hatte dieser Wurm auch einen Kopf, etwas, was die anderen Würmer nicht hatten.

Dorian Wimpole hatte nur geringe Kenntnisse in der ziemlich umfangreichen Naturwissenschaft, er wußte nur soviel, was er im Universallexikon gefunden hatte, das er nachschlug, wenn er einen Reim suchte. Aber dieses wenige war nicht genug, sich in dieser kleinen Tierwelt zurechtzufinden. Nur soviel wußte er, daß ein Wurm keinen erkennbaren Kopf hat, auch keinen abgeflachten oder spitzzulaufenden wie eine Messerspitze oder ein Meißel. Er wußte auch so viel, daß ein solches kriechendes Gewürm auf dem Lande zuweilen vorkommt, aber in England nicht gewöhnlich ist. Kurz, er wußte genug, daß er aufstand und mit seinem Stiefelabsatz heftig und gutgezielt auf Kopf und Rücken dieses Gewürms trat, daß es in drei Stücke zerbrach, die sich noch einige Zeit krümmten, bevor sie steif und leblos dalagen.

Dann stieß er einen lauten Triumphschrei aus. Der Esel, dessen Bein eben noch in solcher Gefahr gestanden hatte, sah auf die tote Natter mit Augen, die nichts von ihrer Milde verloren hatten. Auch Dorian sah lange auf die Natter mit einem Gefühl, das er weder bewältigen noch verstehen konnte. Dann erinnerte er sich, daß er den kleinen Wald mit dem Garten Eden verglichen hatte.

Auch in Eden war – –, sagte er endlich, und ein Vers von Fitzgerald kam ihm auf die Lippen.

Und während er so mit Worten und Gefühlen rang, geschah etwas um ihn und hinter ihm, etwas, was er hundertmal schon selbst geschrieben und schon tausendmal gelesen, aber noch niemals zuvor erlebt hatte. Etwas Geheimnisvolles kroch bleich und grausilbern über das Blättergewirr, das noch gespenstischer war als das verschwundene Mondlicht. Es erfüllte allen Raum zwischen den Bäumen, schien dann Gewänder anzuziehen von Gold und Purpur, und sein Name war: der Morgen. Früher, wenn der Vogeldichter einen Morgenanbruch schilderte, so sangen ihn alle Vögel ein mit ihrem Gesange, als aber jetzt der Dichter einen wirklichen Tagesanbruch sah, erschien ihm der Vorgang und dessen Wirkung auf ihn etwas befremdlich. Er stand starr da und sah staunend zu, wie das Licht begann und sich in seiner ganzen Fülle ausbreitete. Die kegelförmigen Fichten, die krausen Farne und der lebendige Esel erschienen ihm wie auf einem präraphaelitischen Bilde. Und damit trat er in die vierte Gemütswandlung ein, die ihn überfiel wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und er rief mit einer Stimme, die so froh und mutig klang wie das Krähen eines Hahnes: Wer hat schon eine Schlange getötet? Ich wette, der Dr. Glück noch nicht!

Dann trat er auf den Esel zu und ergriff ihn beim Zaum, um ihn weiterzuführen: Komm, Esel, rief er, komm, wir werden noch ganz ungewöhnliche Dinge erleben!

Die Auffindung und Niederkämpfung eines offensichtlichen Übels in der Welt ist immer der Anstoß eines guten Witzes und der Gegenstand jedes guten Lustspiels. Es ist nur eine der Täuschungen der Literaturklique, daß alle natürlichen Gemütsbewegungen literarische Bezeichnungen bekommen haben. Der ganze Wald sah jetzt Dorian ganz anders aus, nachdem die Schlange getötet war. Er log sich in diesem Augenblicke nichts vor, sein Drang nach dem Ungewöhnlichen war ganz echt, allein es war sein Mißgeschick, daß er diesen Drang hatte an einer ganz gewöhnlichen englischen Landstraße.

Der bleiche Morgen war bereits in ein helles Blau übergegangen, im Grase zirpte es so lustig, daß es sich anhörte, wie tausend geschwätzige Zungen. Am Horizont wurden einzelne Gegenstände schon erkennbar: eine Windmühle, ein Kirchturm, und weiter auf Pebblewick zu zwei Balkenstümpfe, die von den Vergnügungsreisenden für die Überreste eines alten Galgens gehalten werden. Bei solcher Lebendigkeit der Umgebung ist es kein Wunder, wenn Dorian mit dem Esel nur langsam vorwärts kam. Er wachte aus seiner Träumerei erst auf, als er eine Autohupe tuten hörte und der Boden von dem plötzlichen Anhalten eines Autos kreischte, nicht zuletzt davon, daß sich eine menschliche Hand schwer und fest zupackend auf seine Schultern legte. Er hob seine Augen auf und sah einen Polizeiinspektor in voller Ausrüstung vor sich.

Dorian war bei diesem Anblick nicht ängstlich, aber doch kam eine Gemütsbewegung über ihn, die in der Reihe die fünfte war, und die man gemeinhin Erstaunen nennt. Verwundert sah er auf den Wagen, der so plötzlich gehalten hatte. Am Führersitz saß ein Mann mit so unerbittlichen Augen, daß Dorian instinktiv fühlte, es müsse auch einer von der Polizei sein. Aber hinter diesem saß einer, der kein Polizist zu sein schien, den er auch schon irgendwo einmal gesehen haben mußte. Er hatte gelbes Haar, und eine Locke stand aufgerichtet wie ein kleines Horn. Ein anderes Haarbüschel hatte sich vor das linke Auge gelegt und sah aus wie die wirkliche Verkörperung von dem Balken im Auge. Beständig versuchte er nervös, an seinem Kragen irgend etwas in Ordnung zu bringen. Dieser Mann war Hibbs, der kürzlich erst wieder zum völligen Bewußtsein gekommen war.

Was um Himmelswillen wollen Sie von mir? fragte Wimpole den Polizisten.

Das unschuldige und erstaunte Gesicht, vielleicht auch noch andere Äußerlichkeiten waren der Grund, daß der Polizist ein wenig unsicher wurde.

Ich frage wegen des Esels, sagte der Polizist.

Glauben Sie vielleicht, daß ich ihn gestohlen habe, rief der Aristokrat empört aus, ist denn die ganze Welt verrückt geworden? Ein Diebsgesindel hat mir mein Auto gestohlen, ich habe das Leben dieses Esels unter Gefahr meines eigenen gerettet, und nun soll ich als Dieb verhaftet werden?

Der Anzug des aufgebrachten Aristokraten sprach wohl deutlicher als seine Zunge, denn der Polizist ließ seinen Arm sinken, und nachdem er ein wenig in seinen Papieren gelesen, ging er zu dem Auto und schien sich Rat zu holen bei dem ungekämmten Herrn im Wagen.

Das scheint mir zwar ein ähnliches Gefährt mit Esel zu sein, hörte ihn Dorian sagen, aber der Anzug scheint nicht zu der Beschreibung der Männer zu passen, die Sie gesehen haben.

Nun hatte Hibbs nur äußerst dürftige und ganz verworrene Erinnerungen von den Männern, die er gesehen. Er konnte nicht einmal genau sagen, was wirklich geschehen war, und was er nur geträumt hatte. Wenn er hätte aufrichtig die Wahrheit sagen müssen, so hätte seine Beschreibung nur auf ein nächtliches Waldgespenst von etwa zwei Fuß Höhe und purpurnen Flammen im Haar und in einer Art Räubergewandung passen können. Aber sein langes philosophisches Studium hatte ihn gelehrt, jedes Ding in seine Teile zu zerlegen, und nicht verlauten zu lassen, was er wirklich über eine Sache dachte. Er hatte im Augenblicke nur drei Motive und feste Entschlüsse: erstens nicht zuzugeben, daß er betrunken gewesen, zweitens niemanden entkommen zu lassen, an den Lord Ivywood eine Frage richten könnte, und drittens alles zu tun, um seinen Ruf als kluger und taktvoller Mann zu behalten.

Der Verdächtige hat einen braunen Samtanzug und einen pelzgefütterten Überzieher, sagte der Polizist wie auswendig gelernt her, aber nach den Notizen, die ich von Ihnen habe, soll der Mann eine Uniform getragen haben.

Wenn wir sagen Uniform, gab Hibbs mit intellektuellem Stirnrunzeln zurück, wenn wir sagen Uniform, so müssen wir natürlich unterscheiden. Einige von unsern Freunden, und dabei lächelte er herablassend, würden sein Äußeres vielleicht nicht eine Uniform nennen, aber natürlich war es keine Polizeiuniform – –

Ich möchte es nicht hoffen, sagte der Beamte kurz.

Sozusagen – indessen, sagte Hibbs, es kann auch brauner Samt gewesen sein, es war dunkel.

Der Polizist zeigte bei dieser Aussage einiges Verwundern und sagte sachlich: Es war heller Mondschein.

Es war nachts, rief Hibbs mit hoher Quetschstimme aus, in der Nacht sehen alle Farben verändert aus.

Aber Sie sagten doch, daß das Haar des Hauptübeltäters rot war, warf der Inspektor ein.

Ein blonder Typ, sagte Hibbs mit feierlicher Erleuchtung, ein blonder Typ kann ins rötliche, gelbliche oder bräunliche spielende Haare haben, wie Sie wissen. Dann sagte er mit der ernstesten Feierlichkeit, die das Wort eben noch tragen konnte: Deutscher – rein deutscher Typus.

Der Polizist begann jetzt einiges Befremden zu empfinden über die Nothilfe dieses ihm besonders beigegebenen Führers. Levyson, der seine eigene Furcht unter einer vorlauten Hurrastimmung und einer vordringlichen Spürertätigkeit zu verdecken suchte, hatte den guten Hibbs an einem Tische bei einem offenen Fenster wiedergefunden, wie er sich mit irgend einer Art Medizin wieder auf die Beine zu bringen versuchte und schon auf dem besten Wege dazu war. Er hatte infolgedessen kein Bedenken getragen, ihn der Polizei bei ihrer Verfolgung der ersten Spur mitzugeben, denn er glaubte, daß man einem, wenn auch nur Halbnüchternen schon zutrauen dürfte, eine so unverkennbare Persönlichkeit wie den Kapitän wiederzuerkennen. Aber obgleich die Benommenheit gänzlich verschwunden war, so waren doch Furcht und Vorsicht ziemlich fühlbar zurückgeblieben. Deshalb glaubte er gewiß annehmen zu dürfen, daß ein Mensch in einem pelzgefütterten Überzieher etwas mit dieser ganzen geheimnisvollen Sache zu tun haben müsse, da im allgemeinen Leute in Pelzen nicht mit Eseln auf der Landstraße einherzuziehen pflegen. Er wollte allen Wünschen Lord Ivywoods nachkommen, aber zu gleicher Zeit sich nicht vor dem Polizisten bloßstellen.

Sie haben ja wohl weitgehende Vollmacht, sagte er mit gewichtigem Ernst, ganz unzweifelhaft dürfen Sie sich im Interesse der öffentlichen Sicherheit für hinlänglich berechtigt halten, wenigstens auf kurze Zeit die Flucht dieses Mannes zu verhindern,

Und der andere, fragte der Beamte mit zusammengezogenen Augenbrauen, glauben Sie, daß er bereits entkommen ist?

Der andere? wiederholte Hibbs und sah nach einer Windmühle, die in einiger Entfernung stand, wie wenn er von dorther ein Orakelzeichen erwartete. –

Der Teufel soll gehängt sein, sagte der Polizeibeamte, Sie müssen doch wissen, ob es zwei waren oder nur einer. –

Aber allmählich kam ihm zum Bewußtsein, daß er sich darüber klar sein müsse, welche Vorstellungen im Gehirn des Hibbs als zuverlässig angenommen werden dürften und welche nicht. Er hatte immer gehört und es auch in den Witzblättern gelesen, das Betrunkene immer doppelt sehen, und daß von zwei gesehenen Laternenpfählen einer immer nur in der Einbildung vorhanden war. Vielleicht hatte er im Rausche von zwei Männern geträumt, während in Wirklichkeit nur einer da war.

Zwei Männer, oder wie Sie glauben, nur einer, sagte er mit einer überlegenen Gelassenheit, wir können in die Frage über die Anzahl ja später noch eintreten, die ja auch nur von untergeordneter Bedeutung ist – und bei diesen Worten schüttelte er seinen Kopf sehr bestimmt – der verstorbene Lord Goschen pflegte zu sagen, daß man mit der Statistik alles beweisen könne.

In diese Überlegungen kam eine Unterbrechung von der anderen Seite des Weges: Und wie lange soll ich hier denn noch warten auf Sie und Ihren Lord Goschen, Sie dummer Ziegenbock, ich habe keine Lust, mir das alles noch länger anzusehen. Komm weiter, Esel, vielleicht läßt uns das Schicksal ein besseres Abenteuer erleben, das hier war nur eine Sache für Geschöpfe deines Schlages.

Und mit diesen wenig gesetzten Worten ergriff der Vogeldichter wieder den Esel und brachte ihn langsam wieder in Gang, er versuchte sogar ihn in Galopp zu bringen.

Unseligerweise war dieser hochfahrende Versuch loszukommen eben gerade das, was noch fehlte, um die Wage der Überlegung im Gehirn des Polizisten auf die falsche Seite herunterzudrücken. Wenn Wimpole noch eine Minute oder zwei länger ruhig dagestanden hätte, so hätte das Mißtrauen des Polizisten, der kein Esel war, in die Erzählung von Hibbs den Ausschlag gegeben. Nun stand die Sache zum wenigsten fraglich. Nun mußten Dorian Wimpole, der Esel und die übrigen einen Marsch nach der nächsten Ortschaft antreten, wo eine Polizeistation war und ein Gewahrsam für vorübergehende Haft, in welcher sich die sechste Gemütsveränderung entlud.

Dorians Proteste wurden indes so bestimmt vorgebracht und waren so überzeugend, dann war auch sein Überrock mit einem so unzweifelhaft guten Pelz besetzt, daß nach einigen Kreuzfragen beschlossen wurde, am Nachmittage den Verhafteten zu Lord Ivywood zu bringen, der in diesem Falle die nächstvorgesetzte Behörde war. Sie fanden den Lord auf einer purpurgedeckten Ottomane in seinem orientalischen Zimmer liegend. Er sah nicht nach der Tür, als sie eintraten, wie wenn er mit römischer Ruhe die Begegnung mit seinem Feinde erwartete. Doch Lady Enid Wimpole, die den Verwundeten pflegte, stieß einen Schrei der Überraschung aus, und im nächsten Augenblick sahen die drei Verwandten einander an. Man mußte es sofort sehen, daß sie verwandt waren, denn sie waren alle von einem blonden Typus, den auch Hibbs bereits festgestellt hatte. Aber nur zwei blonde Typen drückten Erstaunen aus, der dritte zeigte nur Wut.

Es tut mir leid, Dorian, sagte Ivywood, als er alles gehört hatte, diese Irrsinnigen sind zu allem fähig, ich fürchte, sie sind mit dem gestohlenen Wagen davon. Du und jeder rechtlich empfindende Mann muß diesen Diebstahl verabscheuen. –

Du irrst, Philipp, antwortete der Dichter emphantastisch, ich bedaure nicht im geringsten, daß sie in meinem Wagen davon sind, aber was ich bedaure, ist, daß auf Gottes Erde noch weiter solche Narren herumlaufen – und dabei zeigte er auf den ernst aussehenden Hibbs – und dieser Esel und dabei zeigte er auf den Inspektor – und ja auch zum Donnerwetter wie dieser Esel – und dabei zeigte er gerade auf Lord Ivywood – und ich sage dir ganz offen, wenn jene beiden, die dir immer in die Quere kommen und dein Leben, wie du sagst, zur Hölle machen, so ist es mir eine Befriedigung, daß sie jetzt meinen Wagen zu ihrem besseren Fortkommen haben. Und nun empfehle ich mich allen. – –

Willst du nicht zum Essen bleiben? fragte Ivywood mit kaltem Verzeihen.

Nein, ich danke, sagte der Dichter, ich werde in der Stadt essen. Die siebente Gemütsbewegung fand ein festliches Ende im Restaurant Royal, wo es gute Austern gab.



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