Abraham a Sancta Clara
Fabeln und Parabeln
Abraham a Sancta Clara

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Adler und Schildkröte

Stolzier nur, mein elender Tropf (von Mensch): du bist ein Garten, aber voller Disteln; du bist ein Buch, aber voller Eselohren; du bist ein Wein, aber voller Gleger und Bodensatz; du bist ein Apfel, aber voller Wurmstich; du bist ein Acker, aber voller Unkraut . . . Stolzier nur; aber sei versichert, daß Gott auch auf der Welt schon solche Feder- und Prahlhansen nit ungeropft lasse.

»Das hab ich erfahren«, sagt eine Schildkrott: diese hat auf eine Zeit der Vorwitz gestochen, daß sie doch gern möchte die Welt sehen; sie habe soviel gehört vom Papst zu Rom, vom Kaiser zu Wien, vom Sultan zu Konstantinopel, vom Zar zu Moskau, vom Mogol in Indien, vom Cham in der Tartarei, vom Kaiser in China und von andern großen Häuptern; also möchte sie gern dero Länder, Reich und Residenzen sehn. Sie sagt anbei, daß ihr solcher Vorwitz nit sei übel auszulegen; denn sie komme ja nirgends hin und müsse eine ganze Zeit zu Haus hocken, bittet demnach den Adler, diesen so majestätischen Sonnenvogel, er möcht sie in die Höh hinauftragen, damit ihr alle besagten Länder und Örter unter die Augen kämen. »Fiat! Sei's drum!« sagt der Adler, und wenn sie auch wolle zur Sonne hinauf, so woll er sie ganz sicher dahin liefern. »Bedank mich dessen aber!« sagt die Schildkrott. »Ich kann die Hitz gar nit leiden; sonst in die Höh über Berg und Tal wär mir eine sondre Gnad.« – Worauf sie gleich der Adler in beiden Klauen gefaßt und sich samt ihr alsobald in die Höh geschwungen. Er aber hätte schon längst gern ein solches Schnappbisserl gehabt; aber niemalen hat er können Zweck und Ziel erreichen, weil selbe sich allemal unter ihren Schild verborgen. Als er nun die Schildkrott in alle Höhen geführt und sie sich gewunschen, daß sie auch möcht Federn und Flügel haben, um in der Höhe zu schweben, da läßt er sie auf einen harten Felsen herunterfallen, wordurch ihr Schild oder Haus völlig zerschmettert und sie folglich dem Adler zum Raub worden.

 


 


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