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Dreizehntes Kapitel

Drüben im anderen Salon und schon vorher in Lydias Toilettenzimmer war es allerdings etwas lebhaft zugegangen.

Julie, eine ziemlich häßliche, aber gewandte Person, hatte den freien Abend benutzt, um ihrer Mutter einen Besuch zu machen.

Ihr Geliebter, als er, den Omnibus benutzend, sie nicht im Kaffeehause traf, wohin er beschieden worden, hatte dort erst noch einige Absinthe zu sich genommen und dann beschlossen, sie bei ihrer Mutter aufzusuchen, wo er sie sicher treffen mußte.

Er fand sie, und Julie empfing ihn mit den heftigsten Vorwürfen. Sie war außer sich. Ihre Herrin ohne Schutz da draußen! Wenn ihr irgendein Affront begegnete!

Robert berief sich auf den jungen Mann, durch den sie ihm habe sagen lassen, die Damen würden nicht kommen, er solle sie im Café treffen.

»Du warst betrunken! Ich rieche dir den Absinth an!« schrie Julie. »Welch ein Elend, einen solchen Trunkenbold zu haben, der mich um meine Stellung bringen wird.«

Robert war gereizt, um so mehr, als er wußte, daß er nüchtern gewesen, und wer dem Trunk huldigt, verzeiht so ungerechten Vorwurf nicht. Es entstand eine heftige Szene. Robert, im Bewußtsein der Unschuld, packte wütend die auf dem Tische stehende kleine Nähmaschine der Mutter und schleuderte sie auf den Boden.

Julie bekam ihre fallenden Krämpfe. Sie mußte zu Bett gebracht werden. Die Mutter eilte zu ihrer Herrschaft, um sie zu entschuldigen, und Monsieur Robert ging zur nächsten Weinstube, um weiter zu trinken.

Am Morgen gegen neun Uhr trat Julie mit einem leichenblassen Gesicht in Lydias Schlafgemach, wo Fanny eben die ihr zustehenden Dienste verrichtete. Die Ärmste zitterte noch an allen Gliedern vor Erschöpfung und brach in einen Schwall von Bitten um Verzeihung aus; sie werde es ihrem Geliebten nie vergeben, daß er gerade gestern sich betrunken, daß er »ihre teure Miß« im Stich gelassen, um die sie in der Nacht, als sie wieder zu sich gekommen, in tausend Ängsten geschwebt.

Lydia, die im Peignoir dasaß, hörte sie mit wachsendem Staunen an, während Fanny die goldigen Locken durch Hand und Kamm gleiten ließ und heimliche Schadenfreude über das Malheur dieser Person empfand, die sie bei ihrer Herrin in den Hintergrund gedrängt, nur weil sie eine Französin war.

»Aber, liebe Julie,« sagte Lydia endlich gelassen und lächelnd, »ich verstehe Sie nicht! Ihr Monsieur Robert ist ein überaus galanter, liebenswürdiger junger Mann, auf den Sie stolz sein sollten! Ich versichere Sie, er hat sich wie der tadelloseste Gentleman gegen uns benommen.«

Julie stand da mit geöffnetem Munde und zitternden Lippen, als sei sie soeben ohne körperliche Beschädigung aus den Wolken gefallen.

»Robert war ...!« brachte sie hervor, während ihre mageren Hände gefaltet herabhingen.

»Er hat uns wohl eine Stunde lang umhergeführt!« versicherte Lydia, auch schon angesteckt durch ihr Erstarren. Julie schüttelte den Kopf, dann biß sie die Lippen zusammen.

»Der Gredin!« murmelte sie. »So hat er einen anderen geschickt!«

Lydia glaubte sie verstanden zu haben.

»Einen anderen? Unmöglich! Er ließ sich Robert nennen!« sagte sie besorgt und mißtrauisch. »Nicht wahr? Er ist ein hübscher junger Mann mit schwarzem, krausem Haar und Schnurrbart, schlank und ...«

Julie schüttelte noch ärger den Kopf. Die Schilderung paßte auf ihren Trunkenbold wie die Faust aufs Auge. Kein Zweifel, ihr Verdacht war begründet.

»Er soll's mir büßen!« rief sie, die eine Hand geballt erhebend. »Eine solche Unverschämtheit! Zwei so vornehme Damen dem ersten besten anzuvertrauen!«

»Julie! Es wäre auch mir höchst fatal, wenn dem so wäre«, sagte Lydia unangenehm berührt. »Ich erschrecke sogar vor dem Gedanken, vor der Gefahr, von der wir keine Ahnung hatten! Was aber den jungen Mann betrifft, muß ich der Wahrheit die Ehre geben, er benahm sich tadellos, sogar überraschend gentil für seinen Stand! Er sprach mit einer Bildung, einer Delikatesse ...«

Julie fuhr sich mit der Hand an den Kopf. Ihr war die Sache platterdings unbegreiflich. Sie überlegte, daß ihr Geliebter als Stukkateur in einem Hause des Montmartre drüben arbeitete – sie mußte Gewißheit haben!

Und ohne um Erlaubnis zu fragen, den Hut, den abzulegen sie keine Zeit und Besinnung gehabt, noch auf dem Kopfe, stürzte sie zur Tür hinaus.

»Wir werden sehen ... O, wir werden sehen!« ... rief sie an dem erstaunten Sam vorüberschnaubend und polterte die Treppe hinunter.

Lydia war es warm unter dem Peignoir; ungeduldig bewegte sich das Köpfchen, sie streckte die Arme aus; das Benehmen Juliens gefiel ihr nicht ... Wer war dieser junge Mann? ...

»Fanny, bist du denn noch nicht fertig!« rief sie, der Zofe die Locken entreißend, deren Arbeit während der Unterhaltung mit Julie nicht fortgeschritten war, obgleich sie wenig davon verstanden.

Und Fanny heftete erschreckt eben die letzten Locken auf, als Lydia mit hoch gerötetem Antlitze aufsprang, den Pudermantel von sich warf und in aller Eile nach ihrer Robe verlangte.

»Welche befehlen Sie, Miß?« fragte Fanny, denn es war ja am Abend keine Gelegenheit gewesen, diese wichtige Frage zu erörtern.

»Die erste beste! ... Dort das apfelblütige!« rief sie. »Gleichviel! Spute dich! ... Mein Gott, mein Gott, mich überfällt eine Angst! Wer kann dieser junge Mann gewesen sein! ... Ich schäme mich zu Tode!« ...

Das Gesicht mit beiden Händen verhüllend, stand sie da, während Fanny die Robe brachte, um sie ihr über die rosigen Schultern zu werfen.

Es pochte. Sams Stimme, gedämpft vom Respekt für die junge Herrin und eingeschüchtert durch das Fortstürmen der Französin, das ihm ungewöhnliche Vorgänge andeutete – Sams Stimme rief von draußen:

»Miß Eveline läßt sagen, sie werde Miß Markland in einer halben Stunde zur Promenade abholen.«

Lydia lauschte mit erhitztem Gesicht auf, aus dem jetzt plötzlich das schnelle Blut wieder zurücktrat. Sie blickte sinnend, aber unmutig zu Boden.

»Ich bin krank! – Ich will nicht auf die Promenade, laß ich ihr sagen!«

Ihr Ton war heftig, das kleine Füßchen stampfte den Boden. Sie lauschte wieder; sie hörte Sam forttrippeln.

»Himmel, was ist denn eigentlich vorgegangen!« seufzte Fanny leise, unbeweglich hinter sich die Robe haltend und den Zornausbruch ihrer Miß fürchtend, der zuweilen recht unangenehm sein konnte.

»So spute dich doch, Fanny! Wie du heute wieder linkisch bist!« rief Lydia. »Ich stehe schon seit einer Viertelstunde so da!«

Fanny wagte keinen Streit über diese Zeitrechnung. Sie schwieg und tat mit ihren fliegenden Händen ihre Schuldigkeit, ungeschickt wie immer, wenn etwas in der Hast geschieht und nicht ohne Verwickelung der Häkchen mit den blonden Locken.

In Lydia war inzwischen die Aufregung einer sanfteren Besorgnis gewichen. Wer war dieser junge Mann! Ihr selbst wollte es jetzt so erscheinen, als könne gestern abend nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein.

Seit Julie ihr gesagt, ihr Geliebter sei gar nicht auf dem Ball da draußen gewesen, sei es schon fast erwiesen, daß dieser sie nicht begleitet, war allen Vermutungen Tür und Tor geöffnet. Gestern abend, wo sie sich dem Schutze eines simplen, ehrenwerten Ouvriers empfohlen wußte, konnte Lydia wohl überrascht gewesen sein, in diesem Arbeiter einen jungen Mann zu erblicken, der sich mit so viel Anstand präsentierte, dessen Unterhaltung, ohne daß sie wesentlich dessen achthatte, oft über die Bildungssphäre dieses Standes hinausschweifte. Es war an sich nichts so Verwunderliches, daß er ein so schöner junger Mann, denn mancher Gentleman könnte sich gratulieren, wie zum Beispiel dieser James Bredson, wenn er die gesellschaftlichen Formen so manchen Arbeiters besäße, aber ...

Es tauchten jetzt, wo die Sache sich dem Rätselhaften zuneigte, in Lydias so frischer Erinnerung Momente auf, die unter diesem neuen Licht ganz verdächtig aussahen.

Wie, wenn sie sich ahnungslos beide einem ganz andern anvertraut hätten, gleichviel, wie das möglich gewesen, vielleicht sogar infolge einer Intrige dieser Julie! Und wenn dieser ganz andere Evelinens unbesonnene Worte über seine Person verstanden hätte! ...

Eine Purpurwelle übergoß ihr Gesicht. Um das Fanny zu verbergen, trat sie an das auf den Hof gehende Fenster. Sie lehnte die heiße Stirn an die Scheibe, die auch keine Kühlung gab. Ihr Herzschlag galoppierte, und je mehr das junge Herz tobte, desto beklommener ward's ihr um die Brust. Das Mieder war so eng, daß sie es hätte aufreißen können; aber Fanny durfte nichts merken.

Und wenn das war – sie, Lydia Markland, hatte sich mit so blindem Vertrauen schutzsuchend an diesen jungen Mann geschmiegt, gleichviel ob Eveline in ihrer Leichtfertigkeit nicht dasselbe, vielleicht noch mehr getan! Sie hatte, als er sie wie ein verschlagenes Täubchen weinend und schluchzend am Ausgange jenes verhängnisvollen Lokals wieder eingefangen, sich an ihn gehängt wie an einen intimen Freund, hatte ihm die Hand gereicht, hatte neben ihm gesessen, als sie nach Hause fuhren, hatte sich dort so herzlich von ihm getrennt, in ihrer Befangenheit – was ihr eben erst heiß auf die Seele fiel – ihn sogar den Fiaker ablohnen lassen! ... Großer Gott, welch eine Schmach! ... Und an all dem war Eveline schuld, Eveline, die jetzt noch die Unverfrorenheit hatte, sie zur Promenade abholen zu wollen!

Was war aus der übermütigen, eigenwilligen, sonst so selbständigen Lydia Markland geworden! ... Ja, was war aus ihr geworden!

Die Frage entrüstete sie über sich selbst. Sie biß die Lippen zusammen, sie zerknitterte das Taschentuch zwischen den Fingern. Sie wollte der Situation, die nun einmal nicht mehr zu ändern war, gerade ins Auge sehen; dem ganzen Vorfall sollte eine andere Physiognomie gegeben werden. Ein Maskenscherz sollte das alles nur sein, ja ein Scherz, den sie als Fremde sich erlauben konnte! Im Grunde war's äußerlich viel ehrenvoller für sie gewesen, daß sie sich dem Arm eines hübschen Burschen ... und eines wirklich sehr hübschen, interessanten Burschen anvertraut, als dem des Geliebten Juliens, der sich, pfui! gestern abend betrunken haben sollte! Welch ein Skandal hätte daraus entstehen können, wenn sie genötigt gewesen wäre, sich dem Schutz eines betrunkenen Menschen zu übergeben, der vielleicht ... Es war unberechenbar, was daraus hätte entstehen können, und so war's denn sicher am besten so, wie es eben – gewesen war.

Lydia schöpfte aus dieser Überlegung ihre Ruhe wieder. Sie war eben im Begriff, sich ins Zimmer zurückzuwenden, als sie eine laute, schreiende und tobende Männerstimme aus dem Salon des Vaters herüberdringen hörte.

Lauschend, wieder erschüttert in soeben erst gewonnener Ruhe, stand sie da. Fanny, schon durch Juliens Auftreten vorbereitet, daß heute morgen allerlei Ungewöhnliches vorgehen könne, machte sich etwas im Zimmer zu schaffen.


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