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Wie ich auf die Idee kam

aus: de.wikipedia.org

Ich ließ nun zunächst diese Zeit ruhig verstreichen und bemühte mich um einen neuen Arbeitsplatz.

Hinsichtlich dessen hatte ich mich nach auswärts gewandt. Pirmasens, Prag und Münchengrätz boten mir annähernd gleiche Offerten. Pirmasens sogar noch etwas höhere. Aber was nützte mir das, hatte ich doch zwei Ausweisungen im Deutschen Reiche erhalten, da konnte ich unmöglich erwarten, daß sich die bayerischen Behörden, einem preußischen Untertan gegenüber, in einem solchen Falle rücksichtsvoller erzeigen würden als die eigenen Landesbehörden. Für Böhmen kam nun noch hinzu, daß eine Niederlassung ohne gültigen Paß für einen Ausländer überhaupt gänzlich ausgeschlossen ist. Mein künftiges Wohl und Wehe knüpfte sich daran, daß ich mich in den Besitz eines Passes setzte.

Während meines Aufenthaltes hatte meine Schwester mich mit einer Frau bekannt gemacht, von der sie glaubte, es sei für mich zweckdienlich, wenn ich mich mit ihr verheiratete. Es wäre vielleicht möglich gewesen, wenn die Behörde mir damals freundlicher entgegengekommen wäre, daß diese geplante Heirat zustande kam.

Allerdings hätte ich eine schwere Last damit auf meine Schultern geladen. Zu der Familie gehörte nämlich ein fünfjähriger Knabe, der sozusagen auf der Straße aufgewachsen war, alle die Unarten eines Straßenjungen an sich hatte und den doch seine Mutter so verzog, daß schon ein harter Blick, mit dem man die Unarten ihres Lieblings rügte, sie auf das äußerste erregen und erbittern konnte. Hätte ich damals geheiratet oder täte ich es heute, so wären täglicher Hader und Streit die unausbleiblichen Folgen. Das ist ihr und auch mir zur Genüge klar geworden, und ich kann es nur tief beklagen, daß seinerzeit in einem Teil der Presse dahingehende Nachrichten verbreitet worden sind.

In jenen Tagen las ich in einer Zeitung einen Artikel, der die Ausweisungsklage behandelte. Darin wurde ausgeführt, daß selbst eine ganz geringe Vorstrafe der Polizeibehörde dazu dienen könnte, der bestraften Person den Aufenthalt in ihrem Ort zu erschweren oder ganz unmöglich zu machen. Wobei man gar nicht daran zu denken brauchte, daß ein Beamter pflichtwidrig das ihm amtlich zur Kenntnis Gekommene auf privatem Wege weiterverbreitet. Dieser Artikel ließ mich nicht wieder los. Und ich kam zu der Erkenntnis, daß ich mich auf jeden Fall in den Besitz einiger Paßformulare setzen müsse.

Nur ist mir hier ein großer Irrtum passiert.

Meinen ersten Paß hatte ich nicht von der Polizeibehörde erhalten, wie ich glaubte, sondern das Landratamt hatte ihn mir ausgestellt. Es schrieben damals zwei Brüder, Schulkameraden von mir, der eine im Bureau der Polizeiverwaltung, der andere im Sekretariat des Landratamtes.

Ich hatte mir damals von dem einen Bruder den Ausweis ausfüllen lassen, und der andere Bruder hatte mir den Paß ausgestellt, und das war mir im Laufe der Jahre entfallen. Ich glaubte, daß die Paßformulare in dem Sekretariat der Polizeiverwaltung aufbewahrt würden, und beschloß demgemäß, mir dieselben aus irgendeinem zugänglichen Bureau zu holen.

Die Frage drehte sich nur noch um das Wie und Wo.

Ich hatte zwei Möglichkeiten; entweder mittels nächtlichen Einbruchs mir Zugang in die Bureauräume zu verschaffen, um die Spinde und Fächer einer Durchsicht zu unterziehen, oder aber durch einen Gewaltakt, wie ich ihn schließlich ausgeführt habe, am hellen Tage die Behörde einfach festzulegen und dann das zu nehmen, was ich brauchte und was man mir versagte. Ich hatte mich bereits auf den Standpunkt gestellt, daß ich nun auch meinerseits gar keine Veranlassung hatte, den Behörden mit irgendwelcher Rücksicht zu begegnen. Auch über das Wie hatte ich mir meine Gedanken gemacht.

Der Plan meiner Köpenickiade begann in mir zu reifen!

Außerdem mußte ich mit Recht annehmen, daß, nachdem ich zwei Ausweisungen hinter mir hatte, auch die nachfolgenden Orte, die ich aufsuchte, mit der gleichen Rücksichtslosigkeit gegen mich verfahren würden.

Wenn vielleicht heute einer oder der andere sagen würde, »nein, das wäre nicht geschehen!«, so ist das wertlos, denn was mir damals widerfuhr, das ist schon vor Jahren Tausenden geboten worden, ohne daß sich je eine Hand oder ein Fuß zur Hilfe gerührt hätte. Und nun kommt die Frage: »Wie sind Sie nun eigentlich auf die Idee gekommen?« ihrer Beantwortung schon etwas näher.

Ich hatte analoge Vorgänge, wie sie der »Tag von Köpenick« bietet, schon aus der Geschichte kennengelernt.

Ich erinnere mich an den Großen Kurfürsten, der auch den Bürgermeister von Königsberg in der Nacht von seinen Trabanten aufheben und nach Brandenburg schaffen ließ, wo er, wenn ich nicht irre, 28 Jahre in der Gefangenschaft verbringen mußte. Auch an die Geschichte des Michael Kohlhaas dachte ich, der vielleicht den bekanntesten Typ des Rechtsbrechers aus gekränktem Gerechtigkeitsgefühl darstellt.

Genug, ich arbeitete meinen Plan aus und habe bewiesen, daß ich der Mann war, ihn auch durchzuführen. Was soll da all das Gerede, womit man an meinem Vorgehen, ja selbst an meiner Uniform herumkritisiert?! ... Beispielsweise, ich hätte keinen Helm getragen!

Der Helm stand ruhig in meiner Wohnung auf dem Tische. Ich hielt es aber der Sachlage nach nicht für nötig, 17 Stunden lang einen Helm auf dem Kopfe zu tragen zu einer Diensthandlung, die ich bequemer in der Mütze ausführen konnte und wollte.


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