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Bestraft und vernichtet

Meine Existenz war in ihren Vorbedingungen ruiniert.

Es blieb mir nichts weiter übrig, als die Schule, in der ich bis Obertertia aufgerückt war, zu verlassen und einen anderen Beruf zu ergreifen.

Es sind dort kleinstädtische Verhältnisse. Jedem war es bekannt, was mit mir geschehen. Ich entschloß mich zunächst, das Schuhmacherhandwerk zu erlernen, obgleich es mir klar war, daß dies einer der unglücklichsten Berufe ist, den ein junger Mensch ergreifen kann. Aus frühester Jugend her kannte ich das Elend des Handwerkerstandes, wie es damals in der Tat war und sich leider bis heute noch nicht gebessert hat.

In dieser Zeit hatte ich auch mit Familienmitgliedern, die in Rußland wohnten, Beziehungen angeknüpft. Da sie uns durch die Länge der Zeit entfremdet waren, besuchte ich sie in Rußland und lernte bei dieser Gelegenheit einen jungen russischen Edelmann kennen, der für mein späteres Leben noch von großer Bedeutung wurde. Er war ein Urenkel des Grafen Z., dessen Ahne bei der Ermordung des Kaisers Paul beteiligt war und der deshalb für mich ein großes Interesse hatte, weil mir in ihm zunächst der Sprosse eines Geschlechts entgegentrat, das sich in einem entscheidenden Augenblick an der Geschichte Rußlands in so ausschlaggebender Weise beteiligt hatte. Wir schlossen damals so eine Kinderfreundschaft. Er stellte mir während der Zeit, die ich dort weilte, seine Reitpferde zur Verfügung und beschäftigte sich mit meiner Person in der Weise, daß er mich auf meinen Ritten begleitete. So verlebte ich dort eine reizende Zeit in angenehmer Gesellschaft.

Als später bei den polnischen Aufständen die Einwohner der anliegenden russischen Gouvernements gegen die Ausschreitungen der Insurgenten bei uns Schutz suchten, traf ich unter den vielen Flüchtlingen, die den preußischen Boden und auch Tilsit betraten, zu meinem größten Erstaunen den jungen Grafen Z.

Sein Vater diente damals bei einem Kavallerieregiment und hatte seine Frau allein auf seinen Gütern gelassen. Weil aber die Lage der Gutsfamilien immer bedrohlicher wurde, so hatten sie es vorgezogen, statt nach Petersburg den Weg nach Tilsit zu nehmen zum vorläufigen Aufenthalte. War nun auch große Trauer in der Familie, so berührte uns beide das doch weniger. Wir erneuerten unsere frühere Bekanntschaft, und ich konnte dem Grafen Gelegenheit geben, seiner Reitlust Genüge zu tun.

Während meiner Jugend- und Schulzeit hatte ich mich, durch die Umstände begünstigt, zum tüchtigen Reiter ausgebildet, der schulgerecht zugerittene Pferde reiten und bewegen konnte, ohne sie zu verderben. Da ich unter den Unteroffizieren, die die Pferde der Offiziere zu reiten hatten, sehr intime Freunde besaß, so war ich ihnen beim Bewegen der Offizierspferde behilflich, was sie sehr gerne annahmen, da sie selbst dadurch manche freie Stunde erübrigten. Auch der junge Graf Z. nahm an diesem Vergnügen teil.

Da uns zufälligerweise einmal der Regimentskommandeur, Oberstleutnant von Bernhardi, auf seinem Pferde begegnet und ich ihm bei dieser Gelegenheit den Grafen Z. vorstellte, war er keineswegs ungehalten darüber, sondern stellte dem jungen Grafen Z. selbst eines seiner Pferde zur Verfügung, das er bei seinem unfreiwilligen Aufenthalte nach Belieben benutzen durfte.

In anderer Beziehung wirkte die Revolution in Polen und Russisch-Litauen auch sehr anregend auf mich.

Zunächst hatte ich Gelegenheit, das Treiben der Insurgenten und russischen Soldaten aus nächster Nähe zu beobachten. Solange die Grenze von unseren Mannschaften noch nicht militärisch besetzt war, hatten wir ja oft Scharmützel zwischen Insurgenten und Russen auf preußischem Boden mitangesehen. Und als zur Grenzsperre das Militär herangezogen wurde, gewährte es uns ein inniges Behagen, zu sehen, wie die Schmuggler unsere Grenzwachen überlisteten und Waffen und Munition aus den Lagern unserer Kaufleute den Polen zuführten. Wenn wir auch nicht direkt Polen waren, so konnten wir uns doch nicht verhehlen, daß die Zustände in Rußland so auf die Spitze getrieben waren, daß notwendigerweise einmal ein Gewitter losbrechen mußte. Es ist ganz naturgemäß, daß man immer zuerst die Partei der Schwächeren ergreift.

Etwas abgekühlt wurde unsere Teilnahme allerdings, als die ursprünglich vom Patriotismus beseelten Führer allmählich zu reinen Bandenhäuptlingen herabsanken. So mancher Edelmann, der seinem Vaterlande zur Zierde gereicht hätte, ist an diesem Treiben zugrunde gegangen.

Die Ausschreitungen der Insurgenten forderten aber wiederum die Rache der russischen Behörden heraus, und ich bin mehrere Male Zeuge gewesen, in welch schrecklicher Weise russische Justiz an den Insurgenten geübt wurde, wenn sie den Russen in die Hände fielen.

Kaum war der Aufruhr in Litauen gedämpft, da flammte schon der Krieg mit Schleswig-Holstein am Horizonte auf. Dieser fand – wie überall auch in meiner Heimat – die freudigste Zustimmung.

Ich erinnere mich noch lebhaft, mit welchem Jubel die Artillerie bei uns empfangen wurde, als sie unsere Stadt passierte, um die Werke in Memel mit ihren Geschützen zu besetzen. Damals sah ich zum ersten Male Gußstahlgeschütze neben Bronzegeschützen.

In dem Augenblick habe ich noch nicht daran gedacht, daß diese Geschütze mit allem, was drum und dran hängt, für mich noch ein Unterhaltungs- und Belehrungsmaterial für viele schwere und traurige Stunden abgeben würden.

Ich suchte mich über alles, soweit mein kindliches Verständnis es zuließ, zu informieren und den Ursachen der Dinge nachzuforschen, die sich vor meinem Geiste und vor meinen Augen abspielten.

Es ist unnötig, Einzelheiten aus diesen Jahren meines Lebens wiederzugeben, da sie weniger bestimmend auf meinen späteren Lebenswandel einwirkten.

Das, was in der Jugend gesät war, trug zunächst noch keine Früchte. Es schlummerte noch im Keime.

Meine Lehrzeit war indessen beendet. Meines Bleibens konnte in Tilsit nicht sein, da mein Geist mich in die Ferne trieb.

So zog ich denn, begleitet von den Tränen und Segenswünschen meiner guten Mutter, begleitet von meiner kleinen elfjährigen Schwester, zu den Toren der Stadt hinaus, mein weiteres Glück in der Ferne zu suchen, weil die Heimat es mir nicht bieten konnte.

War ich nun auch reif dafür?


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