Jules Verne
Die Eissphinx. Zweiter Band
Jules Verne

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XVI. Zwölf von Siebzigen!

Im Laufe des Nachmittags dieses Tages verließ die »Paracuta« die Küste von Sphinx-Land, die wir seit dem 21. Februar stets in Sicht gehabt hatten.

Noch waren gegen vierhundert Seemeilen bis zur Grenze des antarktischen Gebietes zurückzulegen. Doch, ich wiederhole es, würde uns, wenn wir bis zum Großen Ocean gelangten, das Glück soweit begünstigen, dort von einem Walfänger aufgenommen zu werden, der sich noch in den letzten Tagen der Fangzeit hier aufhielt, oder würden wir vielleicht gar mit einem auf einer Entdeckungsfahrt begriffenen Schiffe zusammentreffen?

Letztere Vermuthung hatte ja etwas für sich. Als die Goëlette noch bei den Falkland-Inseln vor Anker lag, war von einer Expedition des Lieutenant Wilkes von der amerikanischen Marine die Rede gewesen. Sein aus vier Schiffen, der »Vincennes«, dem »Peacock«, der »Pourpoise«, dem »Flying-Fish« und mehreren Begleitschiffen bestehendes Geschwader sollte ja im Februar 1839 von Feuerland absegeln, um eine Forschungsreise durch die tiefsüdlichen Meere zu unternehmen.

Was sich nun inzwischen ereignet hatte, wußten wir natürlich nicht. Wenn Wilkes aber unter den westlichen Meridianen vergeblich vorzudringen versucht hatte, warum sollte er nicht auf den Gedanken gekommen sein, einem freieren Wege unter östlichen Meridianen nachzuspüren?Das ist thatsächlich der Fall gewesen: Nachdem der Lieutenant James Wilkes dreizehnmal zum Umkehren genöthigt gewesen war, gelang es ihm, unter 105°20' östlicher Länge mit der »Vincennes« bis 65°57' südlicher Breite vorzudringen. – J. V. In diesem Falle wäre es möglich gewesen, daß die »Paracuta« einem seiner Schiffe begegnete.

Das Wichtigste und Schwierigste blieb für uns freilich immer, dem Winter dieser Gegenden rechtzeitig zu entfliehen und uns das noch offene Meer zu nutze zu machen, wo es nicht mehr lange währen konnte, bis jede Schifffahrt darauf unmöglich wurde.

Der Tod des Dirk Peters hatte die Zahl der Insassen der »Paracuta« auf zwölf vermindert. Das war also alles, was von den Besatzungen der beiden Goëletten noch übrig geblieben war. Dabei hatte die der einen achtunddreißig und die der andern zweiunddreißig – zusammen siebzig – Köpfe betragen. Die Fahrt der »Halbrane« war aber, wie wir wissen, zur Erfüllung einer Pflicht der Menschlichkeit unternommen worden, und dieser verdankten wirklich vier Ueberlebende von der »Jane« ihre Rettung.

Eilen wir nun zum Schlusse. Ueber die Rückfahrt, die fortdauernd von der Strömung und dem Winde begünstigt wurde, brauche ich mich kaum zu verbreiten. Die Aufzeichnungen, die zur Zusammenstellung meines Berichtes dienten, wurden weder in einer Flasche verschlossen ins Meer geworfen, noch zufällig irgendwo aus antarktischem Gewässer aufgefischt. Ich habe sie selbst mit heimgebracht, und obwohl der letzte Theil der Fahrt mit größter Anstrengung, mit trauriger Entbehrung und mannigfachen Gefahren verbunden war und uns stets in Angst und Unruhe schweben ließ, so endete die Reise doch mit unserer glücklichen Rettung.

Und dazu war anfangs, einige Tage nach der Abfahrt vom Sphinx-Lande, die Sonne nun unter dem Horizonte verschwunden, über dem sie den ganzen Winter hindurch nicht wieder auftauchen sollte.

Inmitten der Halbfinsterniß der südlichen Winternacht setzte die »Paracuta« also ihre eintönige Fahrt fort. Zum Glück erfreuten uns öfters glänzende Südlichter, die wundervollen Meteore, die Cook und Forster 1773 zum erstenmale beobachtet hatten. Welche Pracht bei der Entwicklung ihrer leuchtenden Bogen, ihrer Strahlenbündel, die sich einmal verkürzen und dann wieder verlängern, welcher Glanz der scheinbar reichgefalteten Draperie um diese, der mit überraschender Schnelligkeit zu- oder abnimmt, während die ganze Erscheinung nach dem Punkte des Himmels convergiert, nach dem die Nadel der Inclinationsboussole hinweist! Welche zauberische Wandelbarkeit auch in den vorspringenden und den zurücktretenden Lichtbüscheln, deren Färbung von Hellroth bis Smaragdgrün wechselt!

Ja . . . es war aber doch nicht die Sonne, nicht das unersetzbare Gestirn, das während der Monate des antarktischen Sommers uns den Horizont ununterbrochen beleuchtet hatte. Die lange Polarnacht übt auf Geist und Körper einen Einfluß aus, dem sich niemand zu entziehen vermag, sie bringt einen belästigenden, ja verderblichen Eindruck hervor, dem man nur schwer entgehen kann.

Von den Passagieren der »Paracuta« waren es nur der Hochbootsmann und Endicott, die, unempfänglich gegen jede Langeweile und gegen die Gefahren dieser Fahrt, ihren gewöhnlichen Humor behielten. Auch der sich immer gleichbleibende Jem West bildete eine Ausnahme; er blieb stets bereit, jeder Widerwärtigkeit entgegenzutreten, wie ein Mann, der immer zur Vertheidigung bereit ist. Die beiden Brüder Guy aber vergaßen über das Glück, sich wiedergefunden zu haben, manchmal alle Befürchtungen, die ihnen die nächste Zukunft doch einflößen mußte.

Wahrlich, ich kann dem wackeren Manne, unserm Hurliguerly, des Lobes gar nicht genug spenden; man erholte und verjüngte sich ordentlich, wenn er mit Vertrauen erweckender Stimme rief:

»O, wir kommen noch glücklich nach dem Hafen, liebe Freunde, wir kommen schon noch an! . . . Wenn Sie Alles gegeneinander abwägen, müssen Sie zugeben, daß wir während unserer Reise doch mehr Glück als Unglück gehabt haben! Ich weiß ja . . . wir haben unsere Goëlette eingebüßt! . . . Arme ›Halbrane‹, erst in die Luft emporgehoben wie ein Ballon und dann wie eine Lawine in die Tiefe gestürzt! Als Ersatz dafür hat uns aber der Eisberg bis an eine Küste getragen, und ist uns das tsalalische Boot mit dem Kapitän William Guy und seinen drei Gefährten zugetrieben worden. Vergessen Sie auch nicht die Strömung und die Brise, die uns bis hierher gebracht haben und noch weiter bringen werden! . . . Mir scheint es doch, daß die Bilanz für uns günstig liegt. Mit so viel Trumpf in der Karte kann man das Spiel nicht gut verlieren! . . . Das einzig Mißliche ist, daß wir in Australien oder Neuseeland landen werden und nicht gleich an den Kerguelen, neben dem Quai von Christmas-Harbour gegenüber dem ›Grünen Cormoran‹ vor Anker gehen können!«

Das war freilich verdrießlich für den Freund des Meister Atkins, ein ärgerlicher Ausgang der Fahrt, mit dem wir Uebrigen uns jedoch leicht abzufinden hofften.

Acht Tage lang ging die Fahrt in gleicher Richtung ohne jede Abweichung nach Westen oder Osten weiter, und erst am 21. März kam der »Paracuta« Halbrane-Land an Backbord außer Sicht.

Ich gebrauche für das Land noch immer diesen Namen, weil sich sein Ufer bis zur jetzt erreichten Breite ohne Unterbrechung fortsetzte und uns nicht zweifelhaft war, daß es einen der großen Continente des antarktischen Gebietes bildete.

Wenn die »Paracuta« dem Ufer später nicht mehr folgte, kam das daher, daß die Strömung weiter nach Norden zu verlief, während das Land mit einer Abrundung nach Nordosten hin immer weiter zurückwich.

War das Wasser dieses Theils des Meeres auch noch offen, so führte es doch schon eine wahre Flottille von Eisbergen und Eisfeldern mit sich, wovon letztere den Bruchstücken einer ungeheuern Glasscheibe glichen, erstere aber von bedeutender Oberfläche und recht beträchtlicher Höhe waren. Das verursachte sehr ernsthafte Schwierigkeiten und fortwährende Gefahren, vorzüglich bei den herrschenden dunkeln Nebeln, da wir gleichzeitig mit den beweglichen Massen fortrückten, und vorzüglich wenn wir einen Durchgang suchten und doch darauf achten mußten, daß unser Boot nicht wie ein Getreidekorn unter dem Mühlsteine zerdrückt wurde.

Zur Zeit konnte der Kapitän unsere Ortslage nach Länge und Breite gar nicht mehr feststellen. Bei dem Fehlen der Sonne und der allzugroßen Schwierigkeit der Berechnung nach Sternbeobachtungen, war jede Höhenmessung unmöglich und die »Paracuta« überließ sich also vollständig der Wirkung der Strömung, die, wie uns die Compaßnadel nun wieder zeigte, unabänderlich nach Norden verlief. Unter Zugrundelegung der mittleren Geschwindigkeit unseres Fahrzeugs konnten wir schätzungsweise jedoch annehmen, daß es sich am 27. März zwischen dem neunundsechzigsten und dem achtundsechzigsten Breitengrade, das heißt – ohne Berücksichtigung eines möglichen Irrthums – daß es sich nur noch einige siebzig Seemeilen von dem Polarkreise entfernt befinden werde.

Ach, wenn bei dieser gefährlichen Fahrt kein Hinderniß zu überwinden, wenn zwischen dem inneren Meere der Polarzone und dem Großen Ocean der Durchgang ganz frei gewesen wäre, dann hätte die »Paracuta« binnen wenigen Tagen die äußerste Grenze der tiefsüdlichen Meere erreichen können. Noch etwa einhundert Seemeilen aber, dann trafen wir auf den unbeweglichen Eiswall, und wenn sich hier keine benützbare Durchfahrt öffnete, mußten wir ihn von Osten nach Westen umschiffen. Hatten wir ihn freilich erst hinter uns, dann . . .

Nun, nach Ueberwindung des Eiswalls befänden wir uns in einem gebrechlichen Fahrzeuge auf dem schrecklichen Großen Ocean, und das zu einer Jahreszeit, wo sich die Wuth der Stürme verdoppelt und auch gute Schiffe seinem furchtbaren Wogenschlage nicht ungestraft trotzen.

Daran mochten wir gar nicht denken . . . Der Himmel würde uns schon zu Hilfe kommen . . . wir würden aufgenommen werden . . . ja . . . von einem Schiffe aufgenommen werden . . . Der Hochbootsmann versicherte das ja, und wir durften und wollten nur auf den Hochbootsmann hören!

Inzwischen fing die Meeresoberfläche an zu erstarren und schon mußte dann und wann eine größere Eisscholle zersprengt werden, um freien Weg zu bekommen. Der Thermometer zeigte nur noch vier Grad Fahrenheit (15,56° Celsius unter Null). Wir litten arg unter der Kälte und dem rauhen Winde in unserem verdecklosen Boote, obwohl wir genug Friesdecken zum Schutze hatten.

Zum Glücke besaßen wir noch eine für mehrere weitere Wochen ausreichende Menge conserviertes Fleisch, drei Säcke Schiffszwieback und zwei volle Fässer Gin. Süßwasser verschafften wir uns durch geschmolzenes Eis.

Nach sechs Tagen, am 2. April, gelangte die »Paracuta« allmählich nach dem eigentlichen Packeise, dessen oberer Rand oder Kamm bis zwischen sieben- und achthundert Fuß über die Meeresfläche emporragte. Weder nach Westen noch nach Osten hin vermochten wir ein Ende des riesigen Walls zu entdecken, und wenn unser Boot auf keine offene Durchfahrt traf, wußten wir augenblicklich nicht, wie über jenen hinauszukommen wäre.

Dank einem überaus glücklichen Zufalle fand sich eine solche an genanntem Tage und wir steuerten unter tausend Gefahren hinein. Jetzt bedurfte es wahrlich allen Eifers, aller Kühnheit und aller Gewandtheit unserer Leute und ihrer Vorgesetzten, um sich sozusagen aus der Schlinge zu ziehen. Den beiden Kapitänen Len und William Guy, dem Lieutenant Jem West und dem Hochbootsmann sind wir dafür zu ewigem Danke verpflichtet.

Endlich trieben wir auf dem Wasser des südlichen Großen Oceans. Während der langen und beschwerlichen Fahrt hatte unser Boot aber stark gelitten. Seine Kalfaterung war verletzt, die Seitenwände drohten fast auseinander zu fallen und durch mehr als eine Fuge drang schon Wasser ein. Immer hatten einige Leute mit dem Ausschöpfen desselben zu thun, und dazu herrschte noch ein genügend, ja ein schon gar zu hoher Seegang, der gelegentlich Sturzwellen über das Dahlbord wälzte.

Trotzdem stand nur eine schwache Brise, das Meer war immerhin noch ruhiger als wir es erwartet hatten, und die wirkliche Gefahr für uns lag also vorläufig nicht in den begleitenden Umständen der Fahrt.

Nein, sie lag darin, daß in diesen Gewässern kein Schiff zu erblicken war, daß sich kein Walfänger mehr in den Fischgründen hier aufzuhalten schien. In den ersten Tagen des April wurde diese Gegend schon verlassen – wir kamen um einige Wochen zu spät hierher!

Wie später verlautete, hätte es auch genügt, einige Wochen früher hier zu sein, um sogar die Schiffe der amerikanischen Expedition zu treffen.

In der That durchforschte noch am 21. Februar der Lieutenant Wilkes unter 95°50' der Länge und 64°17' der Breite diese Meere mit einem seiner Schiffe, der »Vincennes«, nachdem er eine Küstenstrecke aufgenommen hatte, die sich von Osten nach Westen über siebzig Längengrade hin ausdehnte. Da sich dann aber die schlechte Jahreszeit ankündigte, drehte er um und segelte nach Hobart-Town in Tasmanien zurück.

In demselben Jahre hatte die Expedition des französischen Kapitäns Dumont d'Urville, die 1838 aufgebrochen war, bei einem zweiten Versuche, bis zum Südpole zu gelangen, am 21. Januar unter 66°30' der Breite und 38°21' östlicher Länge Adelienland, ferner am 29. Januar unter 64°30' und 129°54' die Claireküste entdeckt. Nach Erlangung dieser wichtigen Ergebnisse hatten dann die »Astrolabe« und die »Zélée« den Antarktischen Ocean verlassen und waren ebenfalls nach Hobart-Town zurückgesegelt.

In der hiesigen Gegend befand sich von diesen Schiffen also keines mehr. Deshalb mußten wir wohl, als die »Paracuta«, diese Nußschale, allein jenseit des Packeises auf dem grenzenlosen öden Meere schwankte, glauben, daß uns keine Rettung bescheert sein werde.

Fünfzehnhundert Seemeilen trennten uns noch von den nächstgelegenen Ländern und obendrein hatte der Winter nun schon seit einem Monat seine Herrschaft angetreten.

Selbst Hurliguerly mußte wohl oder übel zugestehen, daß die letzte tröstliche Aussicht, auf die er gerechnet hatte, allmählich verblaßte.

Am 6. April waren wir am Ende unserer Hilfsmittel. Der Wind begann stark aufzufrischen und das heftig umhergeschleuderte Boot lief Gefahr, von jeder Woge verschlungen zu werden.

»Ein Schiff!«

Der Ausruf kam vom Hochbootsmann, und sofort bemerkten wir auch, etwa vier Seemeilen im Nordosten, ein Fahrzeug, das eben unter dem aufsteigenden Nebel sichtbar wurde.

Jetzt gaben wir augenblicklich, so gut es anging, Signale und diese wurden zum Glück wahrgenommen. Nachdem das Schiff gegengebraßt hatte, setzte es sein großes Boot ins Meer, um uns abzuholen.

Es war der »Tasman«, ein amerikanischer Dreimaster aus Charlestown, auf dem wir mit wohlthuender Herzlichkeit empfangen wurden. Der Kapitän desselben behandelte meine Gefährten, als ob es seine eigenen Landsleute gewesen wären.

Der »Tasman« kam von den Falkland-Inseln, wo er gehört hatte, daß die englische Goëlette »Halbrane« vor sieben Monaten zur Aufsuchung der Schiffbrüchigen von der »Jane« nach den südlichen Meeren abgesegelt sei. Als die Goëlette nun bei vorschreitender Jahreszeit nicht wieder erschien, hatte man angenommen, daß sie im Südpolargebiete mit Mann und Maus zugrunde gegangen wäre.

Der letzte Theil der Fahrt verlief nun ebenso schnell wie glücklich. Vierzehn Tage später landete der »Tasman« in Melbourne, in der Provinz Victoria von Neuholland, Alle, die von der Besatzung der beiden Goëletten lebend davon gekommen waren, und hier wurden an unsere Leute auch die Prämien ausgezahlt, die sie so reichlich verdient hatten.

Aus den Seekarten ersahen wir da, daß die »Paracuta« nach dem Großen Ocean zwischen Dumont d'Urville's Claire-Land und dem von Belleny 1838 entdeckten Fabricia-Land herausgekommen war.

So endete diese abenteuerliche und außergewöhnliche Fahrt, die leider gar zu viele Opfer an Menschenleben gekostet hatte. Und, um das nicht unerwähnt zu lassen, wenn der Zufall und der Zweck dieser Reise uns nach dem Südpole viel weiter als alle unsere Vorgänger hinaufführte, wenn wir sogar über den Endpunkt der Erdachse selbst tatsächlich hinweggekommen waren, so bleiben doch in jenen Gegenden noch viele der Lösung harrende Fragen übrig!

Arthur Pym, der von Edgar Poë so schwungvoll gefeierte Heldenjüngling, hat den Weg dorthin gezeigt. Andern kommt es nun zu, ihn aufzunehmen und der Eissphinx die letzten Geheimnisse der noch immer so wenig bekannten Südpolargebiete zu entreißen!

 

Ende.

 


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