Jules Verne
Die Eissphinx. Zweiter Band
Jules Verne

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XII. Gelagert

Kurz nach Mittag lag das Land nur noch eine Seemeile von uns entfernt. Die Frage war nur, ob die Strömung uns auch dahin führen würde.

Ich muß gestehen, wenn wir die Wahl gehabt hätten, diese Küste anzulaufen oder unsern Weg fortzusetzen, daß mir die Entscheidung schwer geworden wäre.

Ich sprach darüber mit dem Kapitän Len Guy und dem Lieutenant, als der letztere mir ins Wort fiel und sagte:

»Ich bitte Sie, Herr Jeorling, wozu kann die Erörterung dieser Frage nützen?«

»Gewiß, da wir in der Sache gar nichts thun können,« setzte der Kapitän Len Guy hinzu. »Es ist ebenso gut möglich, daß der Eisberg an diese Küste stößt, wie daß er, wenn er in der Strömung bleibt, um sie herum geht!«

»Das bestreite ich natürlich nicht,« erwiderte ich, »meine Frage bleibt deswegen aber doch bestehen. Bietet es uns mehr Vortheil ans Land zu gehen oder hier zu bleiben?«

»Hier auszuhalten!« erklärte Jem West.

Hätte freilich das Boot uns Alle nebst dem nöthigen Proviant für eine fünf- bis sechswöchentliche Fahrt aufzunehmen vermocht, so wäre dieses Auskunftsmittel gewiß ohne Zögern ergriffen worden, um mit dem Südwind im Rücken über das offene Meer hinauf nach Norden zu fahren. Da das Boot jedoch höchstens elf bis zwölf Mann tragen konnte, hätten wir loosen müssen. Die aber, die es dann nicht mit hinwegführte, waren so gut wie verurtheilt, wenn nicht durch Hunger, so doch durch Kälte auf einem Lande umzukommen, wo ein überaus strenger Winter seine Herrschaft sehr bald antreten mußte.

Trieb der Eisberg dagegen in der bisherigen Richtung weiter, so legten wir einen großen Theil unseres Weges unter recht annehmbaren Bedingungen zurück. Unser Fahrzeug aus Eis konnte freilich auch verloren gehen, konnte von neuem stranden, selbst noch einmal umstürzen oder in eine Gegenströmung gerathen, die es auf seinem Wege wieder rückwärts trieb, während das Boot, gegen den Wind anlaufend, wenn dieser ungünstig wurde, uns hätte bis ans Ziel bringen können, vorausgesetzt, daß es von schwerem Sturm verschont blieb und die Packeiswand ihm die Durchfahrt gestattete.

Doch, wie Jem West eben gesagt hatte, war es angezeigt, über jene Möglichkeiten lange zu verhandeln?

Nach dem Essen begab sich auch die Mannschaft nach dem höchsten Eisblocke, wo Dirk Peters noch immer stand. Bei unsrer Annäherung stieg der Mestize an der andern Seite des Abhangs hinab, und als ich oben ankam, konnte ich ihn nicht mehr erblicken.

Wir waren jetzt also Alle hier vereinigt, außer Endicott, der seinen Kochofen nicht gern verließ.

Das im Norden sichtbare Land zeigte, ein Zehntel des Horizonts einnehmend, ein Ufer mit flachem Strande, mehrfachen Einschnitten und hervortretenden Spitzen, während sich weiter nach rückwärts hohe, ziemlich entfernte Hügel vom Himmelsgrunde deutlich abhoben. Da lag vor uns also ein Festland oder wenigstens eine recht ausgedehnte Insel.

Nach Osten hin dehnte sich das Land über Sehweite hin aus und es schien mir nicht so, als ob seine äußerste Grenze nach dieser Seite hin läge.

Im Westen bildete ein spitzes Cap, überragt von einem Hügel, dessen Silhouette einem ungeheuern Robbenkopfe ähnelte, das letztsichtbare Ende. Darüber hinaus schien wieder das unbegrenzte Meer zu liegen.

Gewiß war jetzt keiner unter uns, der nicht über die augenblickliche Lage nachdachte. Dieses Land anzulaufen, das hing nur von der Strömung, nur von dieser allein ab; entweder führte sie den Eisberg nach einer Brandung, die ihn an der Küste fest hielt, oder sie trug ihn nach Norden weiter.

Welche Hypothese war nun annehmbarer?

Der Kapitän Len Guy, der Lieutenant, der Hochbootsmann und ich standen wieder im Gespräch bei einander, während die Mannschaften in einzelnen Gruppen ihre Ansichten über dieses Thema austauschten. Schließlich bemerkten wir, daß uns die Strömung nach dem Nordosten jenes Landes hinführte.

»Alles in Allem,« sagte der Kapitän Len Guy, »scheint mir das Land, wenn es auch die Sommerzeit hindurch bewohnbar sein mag, doch keine seßhaften Bewohner zu haben, da wir keinen Menschen am Uferlande sehen.«

»Vergessen wir nicht, Kapitän, daß der Eisberg natürlich nicht die Aufmerksamkeit so erregt, wie es unsere Goëlette gethan hätte.«

»Zugegeben, Herr Jeorling, die ›Halbrane‹ würde schon Eingeborene herangelockt haben . . . wenn es hier solche giebt!«

»Daraus, daß wir keine sehen, Kapitän, dürfen wir doch noch nicht schließen . . .«

»Nein, gewiß nicht,« unterbrach mich der Kapitän Len Guy. »Sie werden mir aber zugeben, Herr Jeorling, daß das Aussehen dieses Landes nicht dem der Insel Tsalal gleicht, als die »Jane« an dieser gelandet war. Dort zeigten sich grünende Hügel, dichte Wälder, blühende Bäume, ausgedehnte Weideflächen . . . hier sieht man auf den ersten Blick nichts als Verlassenheit und Unfruchtbarkeit.«

»Das bestreite ich nicht, Verlassenheit und Unfruchtbarkeit, weiter zeigt das Land nichts. Ich möchte aber doch fragen, Kapitän, ob es nicht Ihre Absicht ist, hier einmal ans Ufer zu gehen?«

»Etwa mit dem Boote?«

»Ja, mit dem Boote, wenn die Strömung unsern Eisberg wegführen sollte.«

»Wir haben keine Stunde zu verlieren, Herr Jeorling, und einige Tage Verzögerung könnten uns zu einer grausamen Ueberwinterung zwingen, wenn wir zu spät kommen, um die noch offenen Stellen des Packeises zu passieren . . .«

»Und da letzteres noch recht fern von uns liegt, haben wir jetzt keinen Vorsprung,« bemerkte Jem West.

»Das geb' ich zu,« erwiderte ich, an meiner Anregung festhaltend. »Sich aber von diesem Lande zu entfernen, ohne es zu betreten, ohne uns überzeugt zu haben, ob da noch Spuren von einem Lager vorhanden sind, wenn Ihr Bruder, Kapitän . . . wenn seine Gefährten . . .«

Der Kapitän Len Guy schüttelte verneinend den Kopf. Das Bild dieser öden, dürren Küste, ihre weiten unfruchtbaren Ebenen, ihre nackten Hügel und das von einem Kranze schwärzlicher Felsmassen eingerahmte Ufer waren nicht dazu angethan, ihm Hoffnung einzuflößen . . . Wie hätten die Schiffbrüchigen hier auch nur einige Monate lang leben können?

Uebrigens hatten wir die britische Flagge gehißt, die auf dem Gipfel des Eisbergs im Winde flatterte. Der Kapitän William Guy würde sie erkannt haben und wäre dann gewiß ans Ufer geeilt.

Doch niemand . . . niemand wurde sichtbar.

Da sagte Jem West, der sich der Orientierung wegen einige Merkzeichen eingeprägt hatte:

»Etwas Geduld, ehe wir einen Entschluß fassen! Vor Verlauf einer Stunde werden wir über diese Frage klar sein. Unsre Fortbewegung scheint sich zu verlangsamen und möglicherweise treibt uns ein Wirbel schräg gegen die Küste . . .«

»Das glaub' ich auch,« ließ sich der Hochbootsmann vernehmen, »und wenn unser Eisfahrzeug nicht schon still liegt, so fehlt doch nicht viel daran. Man möchte sagen, es drehe sich um sich selbst.«

Jem West und Hurliguerly täuschten sich nicht. Aus dem oder jenem Grunde schien der Eisberg aus der bis jetzt eingehaltenen Richtung gedrängt zu werden. Eine Spiralbewegung war an Stelle der Fortbewegung getreten, wohl infolge eines Wasserwirbels, der nach dem Ufer zu verlief.

Uebrigens lagen schon einige Eisberge, die vor uns gekommen waren, auf den Untiefen des Ufers gestrandet.

Es war also unnütz, zu erwägen, ob das Boot aufs Meer gesetzt werden sollte oder nicht.

Je näher wir herankamen, desto deutlicher trat die Trostlosigkeit dieses Landes zutage, und die Aussicht, hier eine sechsmonatliche Ueberwinterung durchzumachen, hätte auch das Herz der Entschlossensten mit Grauen erfüllt.

Kurz, um fünf Uhr nachmittags schob sich der Eisberg in einen tiefen Einschnitt der Küste ein. An dessen rechter Seite lag eine lange Spitze, gegen die er sich bald fest anlehnte.

»Ans Land! . . . Ans Land!«

Dieser Ausruf kam über Aller Lippen.

Die Mannschaft kletterte schon den Abhang des Eisbergs hinunter, als Jem West commandierte:

»Halt! Erst den Befehl abwarten!«

Man bemerkte einige Zögerung – vorzüglich seitens Hearne's und mehrerer seiner Kameraden. Dann gewann aber doch der Instinct der Disciplin die Oberhand, und schließlich sammelten sich alle um den Kapitän Len Guy.

Es war jetzt unnöthig, das Boot auszusetzen, da der Eisberg sich mit der Landspitze berührte.

Der Kapitän Len Guy, der Hochbootsmann und ich gingen den andern voraus, wir verließen also zuerst den Lagerplatz und unser Fuß betrat dieses neue Land, das ohne Zweifel noch keines Menschen Fuß betreten hatte.

Der vulcanische Boden erwies sich bestreut mit Geröll, mit Bruchstücken von Lava, Obsidianen, Bimssteinen und Schlacken. Jenseits des sandigen Strandstreifens erhob sich der Boden nach dem Fuße der rauhen Hügel hin, die eine halbe Meile von der Küste den Hintergrund bildeten.

Es erschien uns rathsam, einen der etwa zwölfhundert Fuß hohen Hügel zu besteigen. Von seinem Gipfel mußte sich nach allen Seiten ein weiter Ausblick über Land und Meer bieten.

Zwanzig Minuten lang hatten wir über rauhen und unebnen, jedes Pflanzenwuchses baren Erdboden zu gehen. Nichts erinnerte an die fruchtbaren Wiesengründe der Insel Tsalal, ehe das Erdbeben diese vernichtet hatte, nichts an die dichten Wälder, von denen Arthur Pym berichtet, an die Rios mit seltsamem Wasser oder an steile Böschungen aus seifiger Erde und an die Hügelmassen von Steatit, durch die das hieroglyphische Labyrinth sich hinzog. Ueberall Felsgebiete plutonischen Ursprungs, erhärtete Laven, in Staub zerfallende Schlacken und graue Aschenreste, doch nicht einmal so viel Humus, wie die anspruchslosesten wilden Gewächse nöthig gehabt hätten.

Nicht ohne Schwierigkeiten und Gefahren gelang es dem Kapitän Len Guy, dem Hochbootsmann und mir, den Hügel zu erklimmen, was übrigens eine gute Stunde in Anspruch nahm. Obgleich schon der Abend herangekommen war, hatte er doch kein Dunkelwerden zur Folge, denn die Sonne versank überhaupt noch nicht unter den Horizont des Polargebietes.

Vom Gipfel das Hügels hatte man eine dreißig bis fünfunddreißig Seemeilen weite Aussicht und dabei zeigte sich Folgendes:

Im Hintergrunde lag das offene Meer, bedeckt mit einer Anzahl andrer schwimmender Berge, von denen einige unlängst ans Ufer festgetrieben waren, wodurch dieses fast ganz unzugänglich wurde.

Nach Westen hin verlief ein stark wellenförmiges Land, dessen Ende man dort nicht sehen konnte, und das sich im Osten im unbegrenzten Meere badete.

Ob wir auf einer großen Insel oder auf dem antarktischen Festlande waren, ließ sich vorläufig nicht entscheiden.

Bei schärferer Besichtigung der Ostseite mittelst Fernrohres glaubte der Kapitän Len Guy einige unbestimmte Linien zu erkennen, die durch den leichten Dunst über dem Wasser schimmerten.

»Da, sehen Sie selbst!« sagte er.

Der Hochbootsmann und ich nahmen einer nach dem andern das Instrument und blickten aufmerksam hinaus.

»Mir sieht es so aus,« sagte Hurliguerly, »als zeigte sich da drüben eine Küste.«

»Das ist auch meine Ansicht, bestätigte ich.«

»Danach wär' es also eine Meerenge, durch die uns die Strömung getragen hat,« bemerkte der Kapitän Len Guy.

»Ja, eine Meerenge,« erklärte der Hochbootsmann, »die zum Theil von einer nordsüdlichen, zum Theil von einer südnördlichen Strömung durchflossen wird . . .«

»Danach würde dieser Sund das polare Festland also in zwei Theile scheiden?« fragte ich.

»Daran ist kein Zweifel,« antwortete der Kapitän Len Guy.

»Ach, wenn wir jetzt unsere ›Halbrane‹ hätten!« rief Hurliguerly.

Ja . . . an Bord der Goëlette, selbst auf dem Eisberg, der jetzt wie ein verunglücktes Schiff am Ufer lag, hätten wir noch einige Seemeilen weiter, vielleicht bis ans Packeis, den Polarkreis oder selbst zu dessen Nachbarländern gelangen können. Wir besaßen aber nur ein gebrechliches Boot mit Fassungsraum für ein Dutzend Personen, und wir waren dreiundzwanzig!

Es blieb also nichts weiter übrig, als wieder nach dem Ufer hinabzusteigen, nach unserm Lagerplatz zu gehen, die Zelte aufs Land zu schaffen und alle Maßregeln, wie die Umstände sie uns vorschrieben, für eine Ueberwinterung vorzubereiten.

Selbstverständlich zeigte der Erdboden hier keine Eindrücke eines menschlichen Fußes, keine Spur von Bewohntsein. Daß die Ueberlebenden von der »Jane« dieses Land, dieses unerforschte Gebiet, wie man noch auf den neuesten Karten lesen konnte, nicht betreten hatten, darüber sollten wir später Gewißheit erhalten. Ich füge hinzu, weder diese, noch überhaupt jemand, und das war die Küste noch nicht, wo Dirk Peters die Spuren Arthur Pym's wiederzufinden hoffen durfte.

Das ging auch aus dem ruhigen Verhalten der einzigen lebenden Wesen dieses Gebiets hervor, die über unser Erscheinen gar nicht erschraken. Weder Robben noch Walrosse flüchteten sich deshalb ins Wasser, die Sturmvögel und die Cormorans enteilten nicht hastigen Fluges, und die Pinguine blieben gelassen in langen Reihen sitzen; jedenfalls sahen sie in uns nur eine Vogelart besonderer Rasse. Ja . . . es war wohl zum ersten Male, daß ein Mensch vor ihnen auftauchte – ein Beweis, daß sie dieses Land niemals verließen, um nach niedrigeren Breiten zu ziehen.

Am Ufer angelangt, entdeckte der Hochbootsmann – nicht ohne eine gewisse Befriedigung – mehrere geräumige Höhlen am granitnen Steilufer, die groß genug waren, die einen uns Allen als Wohnung zu dienen, und die andern, um unterzubringen, was von der Ladung der »Halbrane« noch übrig war. Welchen Entschluß wir in Zukunft auch fassen sollten, vorläufig konnten wir nichts Besseres thun, als alle unsre Vorräthe hier niederzulegen und sofort die für uns nöthigen Einrichtungen zu treffen.

Nachdem wir den Abhang des Eisbergs bis zum Lagerplatze wieder erklommen hatten, ließ der Kapitän Len Guy seine Leute zusammentreten. Keiner fehlte – außer Dirk Peters, der das Tuch zwischen sich und der Mannschaft ganz zerschnitten zu haben schien. Was übrigens ihn anging, brauchten wir uns über seine Gemüthsstimmung und über seine Haltung bei einer etwaigen Meuterei nicht zu beunruhigen. Er würde gewiß unter den Treugebliebenen gegenüber den Empörern stehen, und auf ihn konnten wir unter allen Umständen rechnen.

Als sich Alle versammelt hatten, nahm der Kapitän Len Guy das Wort, ohne irgend ein Zeichen von Entmuthigung zu verrathen. Er erläuterte der Mannschaft die jetzige Sachlage . . . bis auf die Decimale genau, könnte man sagen. So wies er zunächst auf die Nothwendigkeit hin, die Ladung ans Land zu schaffen und in einer der Uferhöhlen geschützt zu lagern. Bezüglich der Nahrungsmittel hieß es, daß diese – Mehl, conserviertes Fleisch, getrocknete Gemüse u. s. w. – für einen Winter, mochte er auch noch so lang und noch so rauh sein, mehr als ausreichen würden. Auch Brennmaterial, vor allem Steinkohle, fehle nicht, wenn letztere nicht verschwendet würde, und es wäre möglich, damit sparsam umzugehen, da Leute, die überwintern müssen, unter einer Decke von Eis und Schnee selbst die strengste Kälte der Polarzone zu ertragen vermöchten.

Nach diesen beiden Seiten gab der Kapitän Len Guy also Versicherungen ab, die jede Beunruhigung zu bannen geeignet waren. Daß er hier mehr sagte, als er selbst glaubte, nahm ich nicht an, zumal da auch Jem West seinen Worten zustimmte.

Nun erübrigte noch eine dritte, sehr wichtige Frage, die mit ihrem Für und Wider die Eifersucht und den Unmuth der Mannschaft wohl erregen konnte, und die vom Segelmeister aufgeworfen wurde.

Sie betraf eine Entscheidung darüber, wie das einzige, uns verbliebene Boot benützt werden und ob man es für etwaige Bedürfnisse während der Ueberwinterung bereit halten oder sich seiner bedienen sollte, um nach dem Packeis hinaufzufahren.

Der Kapitän Len Guy wollte sich hierüber nicht gleich aussprechen; er verlangte nur, daß die Entscheidung um vierundzwanzig oder achtundvierzig Stunden verschoben würde. Man durfte ja nicht vergessen, daß das mit dem nöthigen Proviant für eine lange Fahrt belastete Boot nur elf bis zwölf Mann aufnehmen konnte. Es erschien also nöthig, erst alles für die auf dieser Küste Zurückbleibenden vorzukehren, wenn das Boot wirklich abfahren sollte, und für diesen Fall wollte man das Loos entscheiden lassen, wer darin aufgenommen würde.

Der Kapitän Len Guy erklärte darauf, daß weder Jem West, noch der Hochbootsmann, weder ich, noch er selbst Anspruch auf Bevorzugung machen würde, sondern, daß wir uns dem Zufall ebenfalls unterordneten, wie das alle thun müßten. Von den beiden Maaten der »Halbrane«, Martin Holt und Hardie, war einer so gut wie der andere befähigt, das Boot bis nach den Fischgründen zu führen, die die Walfänger jedenfalls noch nicht verlassen hätten.

Uebrigens dürften die, die dann wegfuhren, nicht die andern vergessen, die sie unter dem sechsundachtzigsten Breitengrade im Winterlager zurückließen, sondern sie mußten mit der Wiederkehr des Sommers ein Schiff hierherschicken, um ihre Gefährten abzuholen.

Alles das wurde, wie ich wiederhole, in ruhigem, doch festem Ton gesagt . . . Ich muß ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: Der Kapitän Len Guy wuchs gleichzeitig mit dem Ernste der Verhältnisse.

Als er geendet hatte, ohne jemals, nicht einmal von Hearne, unterbrochen zu werden, ließ niemand eine Gegenrede hören. Was hätte eine solche auch betreffen sollen, da die Aussichten im Nothfalle ja für Alle völlig die gleichen waren?

Mit Eintritt der gewöhnlichen Ruhestunde begab sich jeder nach dem Lager zurück, nahm sein von Endicott bereitetes Essen in Empfang und schlief heute zum letzten Male unter den Zelten.

Dirk Peters war noch nicht wieder erschienen und ich suchte auch vergeblich nach ihm.

Am nächsten Tage, dem 7. Februar, ging es nun eifrig an die Arbeit.

Das Wetter war schön, der Wind nur schwach und der Himmel leicht dunstig, während die Temperatur sich auf sechsundvierzig Grad (+7,78°C.) hielt.

Ganz zuerst wurde das Boot mit aller dabei nöthigen Vorsicht nach dem Fuße des Eisberges hinuntergeschafft. Von hier aus zogen es die Leute aufs Trockene und zwar auf eine sandige, gegen jede Brandung geschützte Strandfläche. Da es noch in vollkommen gutem Zustande war, konnten wir darauf rechnen, daß es im Bedarfsfalle gute Dienste leisten würde.

Der Hochbootsmann beschäftigte sich dann sofort mit der Ladung und dem noch von der »Halbrane« übrigen Material an Möbeln, Bettzeug, Segeln, Kleidungsstücken, Instrumenten und Werkzeugen. In einer Höhle waren diese Gegenstände dann nicht mehr von einem Kentern oder einer Zerstörung des Eisberges bedroht. Die Kisten mit Conserven, die Säcke mit Mehl und Gemüsen und die Fässer mit Wein, Gin, Whisky und Bier wurden mittelst Winden von der Seite des Eisberges, die nach dem Ostufer der Bucht vorsprang, herabgelassen und nach dem Ufer befördert.

Ich hatte hierbei ebenso mitgeholfen, wie der Kapitän Len Guy und Jem West, denn diese Arbeit der ersten Stunde duldete keine Verzögerung.

Ich muß auch erwähnen, daß Dirk Peters an diesem Tage wieder auftauchte und mit Hand anlegte; er sprach aber gegen niemand auch nur ein einziges Wort.

Hatte er auf die Hoffnung, Arthur Pym wiederzufinden, verzichtet oder nicht? . . . Ich wußte nicht, was ich darüber denken sollte.

Am 8., 9. und 10. Februar beschäftigte man sich mit der weiteren Einrichtung, die am Nachmittag des letzten Datums vollendet wurde. Die Ladung hatte im Innern einer geräumigen Grotte, in die man durch eine enge Oeffnung gelangte, Platz gefunden. Diese grenzte an die andere, die wir bewohnen sollten und worin Endicott auf den Rath des Hochbootsmannes auch seinen Kochofen aufstellte. Dadurch genossen wir auch etwas von der Hitze des Ofens, der zur Zubereitung und während der langen Tage, oder vielmehr während der langen Winternacht des Südpolargebiets, zur Erwärmung der Höhle dienen sollte.

Schon von acht Uhr abends an hatten wir von dieser Höhle mit trocknen Wänden und feinsandigem Fußboden Besitz genommen. Durch die vordere Oeffnung fand das Licht ausreichenden Zugang.

Neben einer Quelle nahe an der Spitze des Uferlandes gelegen, mußte sie ihrer Orientation nach gegen die schweren Stürme und das Schneetreiben in der schlechten Jahreszeit geschützt sein. Von größeren Raumverhältnissen als die Mannschaftswohnung und das Deckhaus der Goëlette solche boten, hatte sie neben den Lagerstätten auch verschiedene Möbel, Tische, Schränke und Schemel, also für einige Wintermonate hinreichendes Mobiliar, aufnehmen können.

Während an dieser Einrichtung gearbeitet wurde, konnte ich an der Haltung Hearne's und der falkländischen Matrosen nichts Verdächtiges wahrnehmen. Alle unterwarfen sich willig der gewohnten Disciplin und entwickelten eine lobenswerthe Thätigkeit. Trotzdem mußte der Mestize beim Boote, das vom Strande aus zu leicht in's Wasser zu setzen war, stets Wache halten.

Hurliguerly, der vor allem den Segelmeister und dessen Kameraden im Auge behielt, schien, angesichts des dermaligen Verhaltens derselben, beruhigter zu sein.

Jedenfalls durfte nicht gezögert werden, eine Entscheidung wegen der Abfahrt derjenigen – wenn eine Abfahrt überhaupt beschlossen wurde – zu treffen, die das Loos dafür bestimmen würde. Wir waren schon am 10. Februar. Noch einen Monat oder höchstens sechs Wochen, und die Fischerei in der Nähe des Polarkreises mußte beendigt sein. Unser Boot hätte sich aber, wenn es nach glücklicher Ueberschreitung der Packeiswand und des Polarkreises keinen Walfänger begegnete, unmöglich über den Stillen Ocean und bis zur Küste Australiens oder Neuseelands wagen dürfen.

An diesem Abend erklärte der Kapitän Len Guy nach Zusammenrufung der gesammten Mannschaft, daß diese Frage am nächsten Tage erörtert werden solle, und fügte auch hinzu, daß die Ausloosung sofort stattfinden werde, wenn jene im bejahenden Sinne entschieden worden wäre.

Diese Mittheilung blieb ohne Antwort, und meiner Ansicht nach konnte eine ernstere Verhandlung doch nur darüber stattfinden, ob es überhaupt zu einer Abfahrt käme oder nicht.

Es war schon spät und draußen halb dunkel, denn an diesem Datum streifte die Sonne bereits den Horizont, unter dem sie bald ganz verschwinden sollte.

Ich hatte mich völlig angekleidet aufs Lager geworfen und schlief schon seit mehreren Stunden, als ich durch Rufe, die aus geringer Entfernung herkamen, erweckt wurde.

Mit einem Sprunge erhob ich mich und eilte vor die Höhle gleichzeitig hinaus mit dem Lieutenant und dem Kapitän Len Guy, die wie ich aus dem Schlafe gestört worden waren.

»Das Boot! . . . Das Boot!« rief plötzlich Jem West.

Das Boot war an der Stelle, wo Dirk Peters es bewachte, nicht mehr vorhanden.

Nachdem es aufs Meer geschafft worden war, hatten drei Mann mit Fässern und Kisten darin Platz genommen, während zehn andre den Mestizen zu bändigen suchten.

Hearne war mit dabei und auch Martin Holt, der mir nicht eingreifen zu wollen schien, befand sich in der Nähe.

Die Elenden wollten sich also des Bootes bemächtigen und vor der geplanten Ausloosung abfahren. Sie gedachten uns einfach zu verlassen!

Thatsächlich war es ihnen gelungen, Dirk Peters zu überraschen, und sie hätten ihn wohl getödtet, wenn dieser sich nicht mit wahrem Löwenmuth wehrte.

Gegenüber dieser Meuterei und bei unserer Minderzahl, wo wir nicht einmal wußten, ob auf alle alten Mannschaften zu rechnen war, eilten der Kapitän Len Guy und der Lieutenant nach der Höhle zurück, um Waffen zu holen und Hearne nebst seinen Anhängern mit Gewalt zur Ordnung zu bringen.

Ich wollte ihnen eben nacheilen, als mich folgende Worte plötzlich an Ort und Stelle bannten.

Von zu vielen Gegnern übermannt, war der Mestize endlich zu Boden geworfen worden. Da, als Martin Holt aus Erkenntlichkeit gegen den Mann, der ihm das Leben gerettet hatte, ihm zu Hilfe springen wollte, rief Hearne:

»Ueberlass' ihn doch seinem Schicksal und komm' mit uns!«

Der Segelwerksmaat schien zu zaudern . . .

»Ja . . . laß' ihn,« wiederholte Hearne, »laß' Dirk Peters liegen . . . ihn, den Mörder Deines Bruders Ned!«

»Den Mörder meines Bruders?« rief Martin Holt entsetzt.

»Deines auf dem ›Grampus‹ erschlagenen Bruders . . .«

»Erschlagen . . . von Dirk Peters? . . .«

»Ja . . . ja . . . getödtet und gegessen!« wiederholte Hearne, der diese schrecklichen Worte mehr heulte als aussprach.

Auf einen Wink von ihm ergriffen zwei seiner Spießgesellen Martin Holt und schleppten ihn nach dem zum Abstoßen fertigen Boote.

Hearne sprang augenblicklich mit Allen, die er zu dieser Schandthat zu verführen gewußt hatte, hinein.

In diesem Augenblicke erhob sich Dirk Peters mit einem Satze, stürzte sich auf einen von den Falkländern, als dieser schon den Fuß auf den Bordrand des Bootes setzte. Er riß den Mann zurück, schwenkte ihn über seinem Kopfe und zerschmetterte ihm den Schädel an der Felswand.

Da krachte ein Pistolenschuß. Von einer Kugel Hearne's an der Schulter getroffen, sank Dirk Peters auf den Strand, während das Boot mit kräftigen Ruderschlägen hinausgetrieben wurde.

Der Kapitän Len Guy und Jem West erschienen eben wieder aus der Höhle – der Auftritt hatte kaum vierzig Secunden gedauert – und liefen gleichzeitig mit dem Hochbootsmann, dem Maat Hardie und den Matrosen Francis und Stern nach der Landspitze zu.

Das von der Strömung hinweggetragene Boot schwamm bereits in einer Kabellänge Entfernung, da es von der gerade einsetzenden Ebbe unterstützt wurde.

Jem West legte sein Gewehr an, gab Feuer, und einer der Matrosen stürzte im Boote zusammen.

Ein zweiter, vom Kapitän Len Guy abgegebener Schuß streifte die Brust des Segelmeisters und die Kugel schlug darauf an einen Felsblock an, grade als das Boot hinter dem Eisberg verschwand.

Nun galt es nach der andern Seite der Landspitze zu laufen, wo die Strömung die Schurken voraussichtlich wieder näher nach dem Ufer trieb, ehe sie davon nach Norden zu hinweggetrieben wurden. Kamen sie daselbst in Schußweite und traf eine Kugel den Segelmeister tödtlich oder brachte sie ihm eine schwere Verwundung bei, so entschlossen sich seine Anhänger doch vielleicht noch zur Umkehr.

Eine Viertelstunde verrann . . .

Als das Boot an der Rückseite der Landspitze sichtbar wurde, war es schon so weit draußen, daß unsere Kugeln es nicht mehr erreichen konnten.

Hearne hatte Segel beisetzen lassen, und von der Strömung wie von der Brise getrieben, war das kleine Fahrzeug bald nichts weiter als ein weißer Punkt, der am Horizont schnell ganz verschwinden mußte.

 


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