Jules Verne
Die Eissphinx. Zweiter Band
Jules Verne

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V. Ein Stück seitwärts

Angenommen, daß die alten Leute zu dem Hochbootsmann und dem Koch, zum Kapitän Len Guy und zu Jem West halten und für die Fortsetzung der Fahrt stimmen sollten, wären wir, wenn die neuen Leute auf der Rückkehr bestanden, doch nicht in der Lage gewesen, das zu verhindern. Vierzehn Mann, Dirk Peters eingerechnet, gegen achtzehn, das war zu wenig, und dabei durfte man vielleicht noch nicht einmal auf alle alten Leute zählen. Auch sie konnten ja davor zurückschrecken, in diesen fast außerhalb der Erde gelegenen Gewässern zu fahren. Daneben fragte es sich, ob sie der fortwährenden Verhetzung durch Hearne und seine Kameraden widerstanden und sich nicht etwa jenen anschlossen, um die Rückkehr nach dem Packeise zu fordern.

Mich beschlich ferner der Gedanke, daß der Kapitän Len Guy es selbst müde werden könnte, eine Fahrt fortzusetzen, die keinerlei Erfolg zeitigte. Würde er nicht bald auf die letzte Hoffnung verzichten, aus diesen weltfernen Gebieten die Matrosen der »Jane« retten zu können? Sollte er, bedroht von dem Herannahen des südlichen Winters, der unerträglichen Kälte, der furchtbaren Polarstürme, denen seine Goëlette nicht gewachsen war, nicht endlich den Befehl zur Umkehr ertheilen? . . . Welches Gewicht hätten dann meine Argumente, meine Beschwörungen und Bitten, wenn ich sie allein vorbrachte?

Allein? . . . Nein! . . . Dirk Peters würde mich gewiß unterstützt haben, doch wer hätte auf uns beide hören mögen?

Wenn der Kapitän Len Guy, dem gewiß das Herz bei dem Gedanken blutete, seinen Bruder und seine Landsleute im Stich zu lassen, jetzt auch noch widerstand, so fühlte ich doch, daß ihn die Entmuthigung schon übermannte. Nichtsdestoweniger wich die Goëlette nicht von der geraden Linie, der sie von der Insel Tsalal aus gefolgt war. Es schien, als würde sie von einem unterseeischen Magneten auf dem Meridian der »Jane« festgehalten – wenn es nur dem Himmel gefiel, sie nicht durch Strömungen und Winde davon abzutreiben. Der Macht der Natur hätten wir weichen müssen, gegen die von der Furcht geborene Beunruhigung konnten wir ankämpfen!

Ich muß hier noch einen Umstand hervorheben, der unsere Fahrt nach Süden zu begünstigte. Nachdem sich die Strömung einige Tage hindurch abgeschwächt hatte, trat sie jetzt aufs neue mit der Geschwindigkeit von drei bis vier Seemeilen in der Stunde hervor. Offenbar – so erklärte mir der Kapitän Len Guy – herrschte sie in diesen Meeren ganz allgemein und wurde nur dann und wann von Gegenströmungen überwunden, die man auf Karten kaum genau hätte einzeichnen können. Leider konnten wir, so wichtig das für uns gewesen wäre, nicht entscheiden, ob das Boot, das William Guy und seine Leute von der Insel Tsalal weggetragen hatte, von der einen oder der andern mitgenommen worden war, denn man darf nicht übersehen, daß die Strömung mächtiger als der Wind auf ein Boot einwirken mußte, das ebenso ohne Segelwerk war, wie alle Boote jener Inselbewohner, die nur mittelst Pagaien fortbewegt wurden.

Für uns lagen jetzt die Verhältnisse so, daß die beiden Naturkräfte die »Halbrane« vereint den Grenzen der Polarzone entgegenführten.

So verlief der 10., der 11. und der 12. Januar. Von diesen Tagen wäre gar nichts zu erwähnen, außer einer gewissen Erniedrigung der Temperatur; die der Luft fiel nämlich auf achtundvierzig Grad Fahrenheit (+8,89° Celsius) und die des Wassers auf 33 (+0,56) Grad.

Das war ein großer Unterschied gegenüber den Angaben Arthur Pym's, nach denen – wenn man ihm glauben darf – die Wasserwärme so hoch war, daß man sie an der Hand nicht ertragen konnte.

Wir waren übrigens erst in der zweiten Woche des Januar. Zwei Monate mußten noch verlaufen, ehe der Winter die Eisberge in Bewegung setzte, die Eisfelder und Triften formte, die ungeheuern Packeismassen aneinander löthete und die flüssigen Ebenen des Polargebietes erstarren machte. Auf jeden Fall darf als gewiß angenommen werden, daß es während des Sommers zwischen dem zweiundsiebzigsten und dem siebenundachtzigsten Breitengrade ein freies, bequem befahrbares Meer giebt.

Dieses Meer ist auch in verschiedenen Breiten mehrfach durchmessen worden, von den Schiffen Weddell's ebenso, wie von der »Jane« und der »Halbrane«, und warum sollte die südliche Halbkugel in dieser Beziehung nicht ebenso begünstigt sein, wie die nördliche?

Am 13. Januar hatte ich ein Gespräch mit dem Hochbootsmann, das meine Besorgnisse bezüglich der bedrohlichen Stimmung unserer Besatzung weiter bestätigte.

Die Leute frühstückten eben in ihrer Messe, mit Ausnahme von Drap und Stern, die augenblicklich auf dem Vorderdeck Wache hatten. Unter frischer Brise zertheilte die Goëlette mit allen obern und untern Segeln die mäßigen Wellen. Francis stand am Ruder und steuerte nach Südsüdosten.

Ich ging zwischen Fock- und Großmast auf und ab und beobachtete die Vogelschaaren, die uns mit betäubendem Geschrei umschwärmten und aus denen sich einzelne Sturmvögel dann und wann auf dem Ende der Raaen niederließen. Niemand versuchte es, sie einzufangen; denn sie zu schießen wäre unnütze Grausamkeit gewesen, da ihr zähes thraniges Fleisch ganz ungenießbar ist.

Da trat Hurliguerly, der sich auch nach den Vögeln umgesehen hatte, auf mich zu und sagte:

»Mir fällt hier etwas auf, Herr Jeorling.«

»Was denn, Hochbootsmann?«

»Diese Vögel ziehen nicht mehr wie früher so genau nach Süden. Einzelne scheinen sich sogar nach Norden hin wenden zu wollen.«

»Das hab' ich auch bemerkt, Hurliguerly!«

»Ich möchte auch behaupten, Herr Jeorling, daß die, die noch da unten sind, bald genug umkehren werden.«

»Und was schließen Sie daraus?«

»Ich denke, sie fühlen schon das Herannahen des Winters . . .«

»Des Winters, Hochbootsmann?«

»Ja, gewiß!«

»Das ist ein Irrthum; die Temperatur ist ja noch so hoch, daß es den Vögeln kaum einfallen kann, so vorzeitig nach minder kalten Gegenden abzuziehen.«

»Oh . . . vorzeitig, sagen Sie, Herr Jeorling.«

»Ich bitte Sie, Hochbootsmann, wissen wir denn nicht, daß die Seefahrer hier im Antarktischen Meere immer bis zum Monat März umhersegeln konnten?«

»Nicht in dieser Breite,« antwortete Hurliguerly, »nicht so hoch hier oben! Uebrigens giebt es frühzeitige Winter ebensogut wie frühzeitige Sommer. Die schöne Jahreszeit ist heuer zwei volle Monate eher als gewöhnlich eingetreten, und das läßt befürchten, daß es sich mit der schlechten Jahreszeit ebenso verhalten wird.«

»Wohl möglich,« erwiderte ich, »es kann uns aber gleichgiltig sein, da unsre Fahrt höchstens noch drei Wochen andauern wird.«

»Wenn sich uns inzwischen kein Hinderniß in den Weg stellt, Herr Jeorling.«

»Ein Hinderniß . . . welcher Art? . . .«

»Nun, zum Beispiel ein nach Süden zu ausgedehntes Festland, das uns den Weg versperrt.«

»Ein Festland . . . Hurliguerly? . . .«

»Wissen Sie, daß ich darüber nicht besonders erstaunen würde, Herr Jeorling?«

»Da ist auch nichts zum Erstaunen, Hochbootsmann.«

»An die Länder freilich, die Dirk Peters gesehen haben will,« fuhr Hurliguerly fort, »und wohin sich die Leute von der ›Jane‹ hätten flüchten können, kann ich nicht recht glauben.«

»Warum denn nicht?«

»Weil William Guy, dem doch nur ein gebrechliches Fahrzeug zur Verfügung stand, auf diesen Meeren kaum hätte so weit vordringen können.«

»Das möchte ich nicht mit der gleichen Sicherheit behaupten, wie Sie, Hochbootsmann.«

»Dennoch, Herr Jeorling . . .«

»Was wäre denn so Wunderbares daran,« rief ich, »daß William Guy, von der Meeresströmung fortgetragen, irgendwo hätte landen können? . . . Er wird doch nicht seit acht Monaten auf seinem Boote geblieben sein! Seine Gefährten und er werden auf einer Insel oder einem Festlande ans Land gegangen sein, und das wäre für uns Grund genug, unsere Nachsuchungen nicht aufzugeben . . .«

»Unter der Mannschaft sind nicht alle dieser Ansicht,« bemerkte Hurliguerly, mit den Achseln zuckend.

»Ich weiß es, Hochbootsmann, und das macht mir die meiste Sorge. Nimmt denn die schlechte Stimmung noch weiter zu?«

»Das fürchte ich, Herr Jeorling. Die Befriedigung über den Gewinn von einigen Hundert Dollars ist schon recht abgeschwächt, und die Aussicht, noch einige weitere Hundert zu verdienen, verhindert es nicht, daß Einsprüche laut werden. Die ausgesetzte Belohnung bleibt immerhin verlockend. Von der Insel Tsalal bis zum Pole – vorausgesetzt, daß wir diesen zu erreichen vermögen – sind es sechs Breitengrade. Nun, sechs Grade zu je zweitausend Dollars, das macht ein Dutzend tausend Dollars für neunundzwanzig, sagen wir dreißig Mann, das heißt vierhundert Dollars für jeden Mann! Das ist ein hübsches Stück Geld, bei der Rückkehr der ›Halbrane‹ in die Tasche zu stecken! . . . Trotzdem bearbeitet dieser verdammte Hearne seine Kameraden so übel, daß ich fürchte, sie werden versuchen, unsern Curs mit Gewalt zu ändern.«

»Von den neuen Leuten wäre das zuzugeben, Hochbootsmann, die alten aber . . .«

»Hm, unter denen fangen auch schon zwei oder drei an, die Sache zu überlegen . . . sie sehen unsere Fahrt nicht ohne eine gewisse Besorgniß fortsetzen . . .«

»Ich hoffe, der Kapitän Len Guy und sein Lieutenant werden sich doch schon Gehorsam zu verschaffen wissen . . .«

»Das fragt sich doch, Herr Jeorling. Wenn unser Kapitän nun etwa selbst den Muth verlöre . . . wenn ihn das Gefühl der Verantwortlichkeit übermannte und er darauf verzichtete, diese Fahrt noch weiter auszudehnen?«

Das fürchtete ich in der That auch selbst und dagegen sah ich kein Mittel.

»Was meinen Freund Endicott angeht, Herr Jeorling . . . für den stehe ich so gut ein, wie für mich. Wir gingen mit bis ans Ende der Welt – wenn die Welt überhaupt ein Ende hat – sobald der Kapitän dahin gehen wollte. Freilich, wir beide, Dirk Peters und Sie, das ist etwas wenig, den übrigen die Köpfe zurechtzusetzen.«

»Und was halten diese von dem Mestizen?« fragte ich.

»Meiner Treu! Grade ihm schieben die Leute die Schuld an der Fortsetzung der Fahrt zu! Sie, Herr Jeorling . . . nun ja, Sie stehen in besserem Ansehen. – Sie bezahlen und bezahlen gut . . . während dieser Querkopf Dirk Peters bei der Behauptung bleibt, sein armer Arthur Pym lebe noch, während dieser doch längst ertrunken, erfroren, zerschmettert . . . kurz, schon seit elf Jahren auf irgend eine Weise mit Tod abgegangen ist.«

Das entsprach meiner Ansicht so vollkommen, daß ich dem Mestizen gegenüber kein Wort mehr darüber verlor.

»Sehen Sie, Herr Jeorling,« fuhr der Hochbootsmann fort, »zu Anfang der Fahrt erregte Dirk Peters wohl einige Neugier, dann interessierte man sich für ihn, weil er Martin Holt gerettet hatte. Freilich wurde er deshalb nicht zugänglicher oder gesprächiger . . . Der Bär kam nicht aus seiner Höhle! . . . Jetzt weiß man, wer und was er ist, und das hat ihn den Andern wahrlich nicht sympathischer gemacht. Jedenfalls hat er durch seine Aeußerungen über das Vorkommen von Land im Süden der Insel Tsalal unsern Kapitän bestimmt, die Goëlette in dieser Richtung weiter zu führen, und wenn sie jetzt den achtzigsten Breitengrad überschritten hat, so verdanken wir das ihm allein . . .«

»Das geb' ich zu, Hochbootsmann.«

»Ferner, Herr Jeorling, fürchte ich immer, die Leute werden versuchen, ihm übel mitzuspielen . . .«

»Und Dirk Peters wird sich zu wehren wissen. Wehe dem, der unter seine Fäuste kommt!«

»Gewiß, Herr Jeorling, gewiß! Ein Bursche, der Eisenblech wie ein Stück Papier zusammenrollt! . . . Und doch, wenn Alle auf ihn losgehen, würden sie ihn zuletzt doch überwältigen und ihn wahrscheinlich in den Frachtraum sperren!«

»O, ich hoffe, da sind wir auch noch da, und ich zähle auf Sie, Hurliguerly, jede Gewaltthätigkeit gegen Dirk Peters möglichst zu verhindern! Bringen Sie den Leuten Vernunft bei! . . . Belehren Sie sie, daß wir Zeit genug haben, noch vor Ausgang der schönen Jahreszeit nach den Falklands zurückzukehren. Ihre Einwendungen dürfen unserm Kapitän keinen Vorwand geben, vor Erreichung des letzten Zieles umzukehren!«

»Verlassen Sie sich auf mich, Herr Jeorling! Ich thue blindlings, was Sie wünschen!«

»Und Sie sollen es auch nicht zu bereuen haben, Hochbootsmann! Es ist ja nichts leichter, als eine Null den vierhundert Dollars für jeden Mann hinzuzufügen, wenn der Betreffende mehr als ein einfacher Matrose ist . . . und wenn er auch nur den Dienst als Hochbootsmann an Bord der ›Halbrane‹ versähe!«

Damit packte ich Hurliguerly an seiner schwachen Seite und war seiner Unterstützung jedenfalls sicher. Er würde nun gewiß alles thun, die Umtriebe der Einen unschädlich zu machen, den Muth der Andern zu beleben und über Dirk Peters zu wachen. Doch ob es ihm wirklich gelingen sollte, den Ausbruch einer Meuterei an Bord zu verhindern? . . .

Am 13. und 14. trug sich nichts Bemerkenswerthes zu, nur kam es zu einer weiteren Erniedrigung der Temperatur. Der Kapitän machte mich selbst darauf aufmerksam, während er nach den zahlreichen Vogelschaaren hinwies, die in der Richtung nach Norden zogen.

Als er mit mir sprach, empfand ich, daß seine letzten Hoffnungen dem Erlöschen nahe waren. War das besonders zu verwundern? Die von dem Mestizen erwähnten Landmassen blieben noch immer unsichtbar, und wir befanden uns doch schon hundertachtzig Seemeilen jenseits der Insel Tsalal. Nach allen Richtungen des Compasses lag das Meer vor uns – nichts als das unbegrenzte Meer mit seinem verlassenen Horizonte, dem sich die Sonnenscheibe seit dem einundzwanzigsten December näherte und den sie am einundzwanzigsten März erreichen würde, um dann für die sechs Monate dauernde Polarnacht zu verschwinden. Konnte man nun wirklich glauben, daß William Guy und seine fünf Gefährten eine so große Strecke in ihrem kleinen Fahrzeuge zurückgelegt hätten und daß noch eine Aussicht bestände, sie von hier zu erlösen?

Am 15. Januar ergab eine sehr genaue Beobachtung 43°18' der Länge und 88°17' der Breite. Die »Halbrane« befand sich weniger als zwei Grade, weniger als hundertzwanzig Seemeilen entfernt vom Südpole.

Der Kapitän Len Guy suchte das Ergebniß dieser Beobachtung nicht zu verheimlichen, und die Matrosen waren mit den Navigationsberechnungen auch vertraut genug, um es zu verstehen. Hätte es sich darum gehandelt, sie darüber weiter aufzuklären, so hatten sie ja die Obermatrosen Martin Holt und Hardie bei der Hand, und daneben war Hearne noch da, sie zum äußersten zu reizen.

Im Laufe des Nachmittags konnte ich nicht mehr daran zweifeln, daß der Segelmeister alles gethan hatte, die Geister möglichst zu erregen. Um den Fockmast gedrängt, sprachen die Matrosen heimlich miteinander und warfen uns boshafte Blicke zu. Offenbar verhandelten sie noch über die zu thuenden Schritte. Zwei oder drei nach dem Vorderdeck zugewendete Matrosen machten sogar schon drohende Bewegungen. Endlich kam es zu einem so heftigen Murren, daß Jem West die Geduld ausging.

»Ruhe!« rief er laut.

Dann trat er auf die Leute zu.

»Der Erste, der den Mund wieder aufthut,« sagte er kurz und streng, »hat es mit mir zu thun!«

Der Kapitän Len Guy verweilte noch in seiner Cabine. Jeden Augenblick erwartete ich aber, daß er heraustreten und, nach einem letzten Blick auf das Meer vor uns, Befehl zum Umkehren geben würde.

Am folgenden Morgen steuerte die Goëlette jedoch noch immer in der gleichen Richtung. Der Steuermann hielt wie vorher einen Curs nach Süden ein. Leider erhoben sich jetzt – für uns konnte das sehr ernste Folgen haben – einige Dunstmassen am fernen Horizonte.

Ich gestehe gern, daß mich das ganz außer Fassung brachte. Meine Befürchtungen nahmen immer mehr zu. Offenbar wartete der Lieutenant nur auf den Befehl, mit dem Schiffe zu wenden, und ich begriff recht wohl, daß der Kapitän Len Guy, so schwer es ihm auch werden mochte, kaum zögern würde, diesen Befehl zu ertheilen.

Seit einigen Tagen hatte ich den Mestizen nicht gesehen oder wenigstens kein Wort mit ihm gewechselt. Als wäre er von der Mannschaft in Quarantaine gelegt, wichen die Leute, wenn er das Deck betrat, sofort scheu vor ihm zurück. Lehnte er sich über Backbord, so begaben sich die Andern nach Steuerbord. Nur der Hochbootsmann bemühte sich, eine Ausnahme zu machen, und richtete zuweilen eine Frage an ihn, die freilich meist ohne Antwort blieb.

Uebrigens muß ich sagen, daß sich Dirk Peters über diesen Zustand der Dinge gar nicht beunruhigte. Immer seinen Gedanken nachhängend, bemerkte er ihn vielleicht gar nicht. Ich glaube, hätte er Jem West rufen hören: »Wenden nach Norden!« er hätte sich zu sonst welcher Unüberlegtheit hinreißen lassen.

Da er mich offenbar zu meiden schien, fragte ich mich, ob darin nicht blos eine gewisse Zurückhaltung und die löbliche Absicht, »mich nicht weiter zu kompromittieren«, zu erblicken sei.

Am Nachmittag des 17. verrieth der Mestize jedoch deutlich den Wunsch, mit mir zu sprechen, und niemals – wahrlich niemals! – hätte ich mir träumen lassen, was ich bei dieser Gelegenheit hören sollte.

Es war gegen halb drei Uhr.

Etwas ermüdet und mißlaunig hatte ich mich in meine Cabine zurückgezogen, deren seitlicher Schiebladen offen stand, während der nach dem Hinterdeck zu geschlossen war.

Da klopfte es leicht an meine Thür, die nach dem Volkslogis zu lag.

»Wer da?« fragte ich.

»Dirk Peters.«

»Wollen Sie mit mir sprechen?«

»Ja.«

»Ich komme sofort heraus.«

»Nein . . . bitte . . . es wäre mir lieber . . . darf ich in Ihre Cabine eintreten?«

»Nun denn herein!«

Der Mestize öffnete die Thür und machte sie sorgsam wieder zu.

Ohne mich von dem Lager, worauf ich mich ausgestreckt hatte, zu erheben, bedeutete ich ihm durch ein Zeichen, Platz zu nehmen.

Dirk Peters blieb stehen.

Da er, verlegen wie gewöhnlich, den Mund nicht aufthat, fragte ich ihn:

»Nun, was wünschen Sie, Dirk Peters?«

»Ich möchte Ihnen etwas mittheilen . . . Verstehen Sie mich recht, Herr Jeorling, mir erscheint es besser, daß Sie es wissen . . . Sie sollen aber auch der einzige sein, der es erfährt. Die Mannschaft darf keine Ahnung davon bekommen . . .«

»Wenn es so ernster Natur ist und Sie eine Indiscretion fürchten, warum wollen Sie es mir anvertrauen?«

»Ja . . . es muß sein . . . es muß! Ich kann es nicht für mich behalten. Es drückt mich . . . hier . . . hier . . . drückt mich wie ein Felsblock!«

Dirk Peters schlug sich bei diesen Worten an die Brust.

Dann fuhr er fort:

»O, ich habe immer Angst gehabt, daß mir das Geheimniß einmal im Schlafe entführe . . . daß Andere es hörten . . . denn ich träume oft davon . . . und im Traume . . .«

»Sie träumen,« fiel ich ein, »und von wem?«

»Von ihm . . . von ihm . . . Deshalb schlaf ich auch immer in einsamen Winkeln . . . ganz allein . . . aus Furcht, daß man seinen wahren Namen erführe.«

Mir schien es jetzt, als werde der Mestize bereit sein, eine Frage zu beantworten, die ich noch nicht an ihn gerichtet hatte . . . eine Frage bezüglich des einen, mir noch dunkel gebliebenen Punktes, warum er nämlich nach dem Weggange von Illinois auf den Falklands unter dem Namen Hunt gelebt habe.

Als ich nun diese Frage stellte, antwortete er:

»O nein, davon war es nicht . . . davon wollt' ich Ihnen nicht sprechen . . .«

»Ich bleibe aber dabei, Dirk Peters, und wünsche zunächst zu wissen, warum Sie nicht in Amerika geblieben sind und sich nach den Falklands gewendet haben.«

»Warum, Herr Jeorling? . . . Weil ich näher bei Pym sein wollte, weil ich auf den Falklands Gelegenheit zu finden hoffte, mich auf ein Schiff zu verheuern, das nach den südlichen Meeren segelte . . .«

»Schön, doch der Name Hunt? . . .«

»Ich konnte den meinigen nicht mehr leiden . . . ich hatte ihn hassen gelernt, wegen des Vorfalls mit dem ›Grampus‹!«

Der Mestize spielte hier offenbar auf das Strohhalmziehen an Bord der amerikanischen Brigg an, als zwischen August Barnard, Arthur Pym, Dirk Peters und dem Matrosen Parker ausgemacht worden war, daß einer von den Vieren geopfert werden und den andern als Nahrung dienen sollte. Ich erinnerte mich des Widerspruchs Arthur Pym's und wie er sich doch schließlich fügen mußte, fügen zu jenem Loosen um Leben und Tod, zu der entsetzlichen That, deren grausame Erinnerung das Leben derjenigen vergiften mußte, die hinterher noch das Licht sahen . . .

Ja . . . jenes Strohhalmziehen . . . hier die Wahl unter vier ungleich langen Hölzchen, die Arthur Pym in der Hand hielt. Wer das kürzeste zog, sollte erschlagen werden. Er spricht dabei von der unwillkürlichen Wildheit, die ihn überkam, wie er seine Gefährten hatte betrügen – »ihnen einen ›Tric‹ spielen wollen«, so lauten seine Worte. Er that es aber nicht, und bittet um Verzeihung, einen solchen Gedanken gehabt zu haben. Wer ihn verurtheilen will, der versetze sich nur erst in eine Lage gleich der seinen!

Doch . . . er entschließt sich . . . Er hält die geschlossene Hand mit den vier Holzstücken hin . . .

Dirk Peters zieht zuerst . . . das Glück ist ihm hold . . . er hat nichts mehr zu fürchten.

Arthur Pym berechnet, daß sich damit die Aussicht für ihn verschlechtert.

Jetzt zieht August Barnard . . . gerettet . . . auch er ist gerettet!

Arthur Pym sagt sich, daß er und Parker jetzt die gleiche Aussicht haben.

In diesem Augenblick erfüllt seine Seele die ganze Wildheit des Tigers. Er empfindet gegen seinen armen Kameraden, gegen einen Mitmenschen, den schrecklichsten, teuflischsten Haß . . .

Fünf Minuten schleichen hin, ehe Parker zu ziehen wagt. Endlich fühlt Arthur Pym, der die Augen geschlossen hält und nicht weiß, ob das Schicksal für oder wider ihn entschieden hat, wie eine Hand die seinige ergreift . . .

Es war die Hand des Dirk Peters! . . . Arthur Pym war dem Tode entronnen.

Sofort stürzt sich der Mestize auf Parker, den er mit einem Schlage von rückwärts her zu Boden streckt. Dann folgt – und zwar sogleich – die entsetzliche Mahlzeit und »Worte vermögen nicht auszudrücken, welches Grausen dabei jeden Theilnehmer erfüllte.«

Ja . . . ich kannte sie, diese fürchterliche Geschichte, die nicht, wie ich lange Zeit glaubte, erfunden, sondern eine Thatsache war. Am 16. Juli 1827 hatte sie sich an Bord des »Grampus« zugetragen, vergeblich bemühte ich mich aber, zu ergründen, warum Dirk Peters mich jetzt daran erinnerte.

Nicht lange sollt' ich darüber im Unklaren bleiben.

»Nun, Dirk Peters,« sagte ich, »ich möchte doch fragen, warum Sie Ihren vorher geheim gehaltenen Namen überhaupt verrathen haben, als die ›Halbrane‹ vor der Insel Tsalal vor Anker lag . . . warum haben Sie den Namen Hunt nicht auch ferner beibehalten.«

»Ja . . . wissen Sie . . . Herr Jeorling . . . man zögerte hier, weiter zu fahren und wollte umkehren . . . das sah man an allem . . . und da dacht' ich . . . ja, wenn ich sagte, wer ich war . . . Dirk Peters . . . der Tauwerksmaat vom ›Grampus‹ . . . der Gefährte Arthur Pym's . . . man würde mich anhören . . . würde so wie ich glauben, daß er noch am Leben ist . . . würde versuchen, ihn aufzufinden. Und doch . . . es war ein bedenkliches Ding . . . denn zuzugestehen, daß ich Dirk Peters, daß ich es war, der Parker getödtet hatte . . . doch der Hunger . . . der verzehrende Hunger . . .«

»Ich bitte Sie, Dirk Peters,« fiel ich ein, »Sie übertreiben. Wenn das Todesloos auf Sie gefallen wäre, hätten Sie dasselbe Schicksal wie Parker erlitten. Nein, ein Verbrechen lastet nicht auf Ihnen!«

»Herr Jeorling . . . verstehen Sie mich recht . . . würde die Familie Parker's wohl ebenso sprechen, wie Sie?«

»Seine Familie? . . . Hatte er denn noch Eltern?«

»Ja wohl . . . und deshalb hatte Pym in seinem Berichte den Namen geändert . . . Parker hieß gar nicht Parker . . . sondern . . .«

»Arthur Pym hat recht daran gethan,« antwortete ich, »und für meinen Theil mag ich den wahren Namen Parker's gar nicht wissen. Behalten Sie dieses Geheimniß für sich . . .«

»Nein, ich muß es Ihnen mittheilen . . . es drückt mir das Herz ab . . . und es wird mir wohl leichter werden, Herr Jeorling, wenn ich Ihnen den Namen genannt habe . . .«

»Nein, Dirk Peters . . . nein!«

»Er nannte sich Holt . . . Ned Holt . . .«

»Holt,« rief ich erschreckt, »Holt . . . ebenso wie unser Segelwerksmaat . . .?«

»Der sein leiblicher Bruder ist. Herr . . .«

»Martin Holt . . . der Bruder Neds?«

»Ja . . . verstehen Sie mich recht . . . sein Bruder.«

»Dieser glaubt aber, daß Ned Holt beim Schiffbruche ebenso wie die übrigen umgekommen sei . . .«

»Das ist aber ein Irrthum . . . und wenn er wüßte, daß ich . . .«

In diesem Augenblicke warf mich ein ungemein heftiger Stoß vom Lager.

Die Goëlette neigte sich so stark über Steuerbord, daß ein Kentern zu befürchten war.

»Wer ist denn der Hundsfott am Ruder?«

Es war die Stimme Jem West's, und der, dem dieses Schimpfwort galt, war Hearne.

»Du hast das Ruder losgelassen?« wetterte Jem West, der Hearne schon am Kragen der Jacke gepackt hatte.

»Lieutenant . . . ich weiß wahrlich nicht . . .«

»Still geschwiegen, sag ich Dir! Du mußt es losgelassen haben . . . noch etwas mehr und die Goëlette lag mit allen Segeln im Wasser!«

Offenbar war Hearne aus dem einen oder andern Grunde einmal einen Augenblick vom Steuerruder weggegangen.

»Gratian,« rief Jem West einen der Matrosen, »übernimm das Ruder, und Du, Hearne, hinunter in den Schiffsraum!«

– Plötzlich ertönte der Ruf »Land!« und aller Blicke richteten sich nach Süden.

 


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