Jules Verne
Die Eissphinx. Zweiter Band
Jules Verne

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III. Die verschwundene Inselgruppe

Frühzeitig am Freitag, dem 27. December, ging die »Halbrane« nach Südwesten zu wieder in See.

Der Dienst an Bord vollzog sich wie gewöhnlich mit derselben Regelmäßigkeit und brachte auch weder Gefahren noch besondere Anstrengungen mit sich. Das Wetter blieb immer schön und das Meer ruhig. Wenn das so weiter ging, hoffte ich, daß die Keime der Insubordination nicht zur Entwicklung kommen und Schwierigkeiten von dieser Seite nicht zu befürchten sein würden. Bei gröber angelegten Naturen ist ja die Gehirnthätigkeit immer nur gering. Ungebildete und habgierige Menschen verlieren sich nicht leicht in Phantasien. Nur in der Gegenwart lebend, denken sie kaum an die Zukunft. Nur die brutale Thatsache, die ihnen die Wirklichkeit vor Augen rückt, vermag sie aus der Gedankenlosigkeit aufzurütteln.

Sollte es dazu kommen? . . .

Was Dirk Peters betrifft, so änderte dieser, auch nach Darlegung seiner Identität, an seinem Verhalten gewiß nichts und blieb so schweigsam wie zuvor. Es verdient hier bemerkt zu werden, daß ihm die Mannschaft, nach erhaltener Aufklärung über seine Person, wegen der Vorgänge nach dem Untergange des »Grampus« nicht mit dem befürchteten Abscheu begegnete; die gegebenen Verhältnisse ließen jene Vorgänge ja einigermaßen entschuldbar erscheinen, auch vergaß wohl niemand, daß der Mestize allein dem Martin Holt das Leben gerettet hatte. Immerhin hielt er sich mehr bei Seite, aß in dem einen Winkel, schlief in einem andern und »segelte getrennt von der Besatzung«. Hatte er für dieses Verhalten noch einen uns bisher unbekannten Grund, den wir erst in Zukunft kennen lernen sollten? . . .

Nördliche Winde, die einst die »Jane« bis zur Insel Tsalal und das Boot Arthur Pym's noch um einige Grade darüber hinaus getrieben hatten, begünstigten jetzt auch die Fahrt der Goëlette. Unter Backbordhalsen konnte Jem West alle Segel setzen lassen und bestens die frische, stetige Brise ausnützen. Schnell durchfurchte unser Kiel das klare – nicht milchige – Wasser, in dem ein langer weißer Streifen unserm Schiffe nachzog.

Nach dem gestrigen Auftritt hatte sich der Kapitän Len Guy einige Ruhe gegönnt. Doch welche auf ihn einstürmenden Gedanken mögen ihn dabei gestört haben – einerseits die sich an die neuen Nachsuchungen knüpfende Hoffnung, und andrerseits die Verantwortlichkeit für das Wagniß einer Fahrt durch das höchste Polarmeer!

Als ich ihm am andern Morgen auf dem Verdeck begegnete, während der Lieutenant das Hinterdeck auf und ab schritt, rief er uns Beide zu sich hin.

»Herr Jeorling,« begann er, »es hat mich die schwerste Ueberwindung gekostet, unsre Goëlette nicht nach Norden zurückzuführen. Wohl fühlte ich, daß ich nicht alles gethan hatte, unsere unglücklichen Landsleute zu retten, begriff aber auch, daß die Mehrzahl der Mannschaft sich gegen eine Fahrt weiter nach Süden als Tsalal auflehnen würde . . .«

»Ganz recht, Herr Kapitän,« antwortete ich, »es machten sich ja an Bord schon Anzeichen von Ungehorsam bemerkbar, der wohl zuletzt zur Meuterei ausgeartet wäre . . .«

»Eine Meuterei, die wir gewiß bald erstickt hätten,« erwiderte Jem West sehr kühl, »und hätt' ich Hearne, der die Widerwilligen immer aufreizt, auch den Schädel zertrümmern müssen . . .«

»Und zwar mit Recht,« erklärte der Kapitän Len Guy. »Doch was wäre nach einer solchen Bestrafung aus der Einigkeit geworden, die uns so nöthig ist?«

»Mag sein, Kapitän,« sagte der Lieutenant. »Es ist ja besser, daß die Geschichte ohne Gewaltthätigkeiten abgegangen ist. In Zukunft mag sich Hearne aber hüten!«

»Seine Kameraden,« bemerkte der Kapitän Len Guy, »sind jetzt durch die ihnen versprochene Belohnung geködert. Die Gewinnsucht wird sie ausdauernder und fügsamer machen. Herrn Jeorling's Freigebigkeit hat da gesiegt, wo unsere Bitten jedenfalls nichts ausgerichtet hätten. Ich danke ihm dafür.«

»Herr Kapitän,« entgegnete ich, »schon auf den Falklands-Inseln hatte ich Ihnen den Wunsch zu erkennen gegeben, mich an Ihrem Unternehmen mit einem gewissen Betrage zu betheiligen. Jetzt bot sich dazu eine Gelegenheit, ich habe sie ergriffen, und verdiene doch dafür keinen Dank. Das vorgesteckte Ziel zu erreichen, Ihren Bruder und die fünf Matrosen von der ›Jane‹ zu retten, das ist alles, wonach ich verlange.«

Der Kapitän Len Guy reichte mir die Hand, die ich herzlich drückte.

»Sie werden bemerkt haben, Herr Jeorling,« fuhr er fort, »daß wir nicht genau nach Süden steuern, obwohl die von Dirk Peters gesehenen Länder oder Spuren von Ländern doch gerade in dieser Richtung liegen sollen.«

»Das hab' ich bemerkt, Herr Kapitän.«

»Hierzu,« fiel Jem West ein, »gehört aber zu wissen, daß Arthur Pym's Bericht von im Süden gelegenen Ländern nichts erwähnt, und daß wir in dieser Beziehung allein auf die Aussagen des Mestizen beschränkt sind.«

»Das ist richtig, Herr Lieutenant,« antwortete ich, »doch liegt ein Grund vor, Dirk Peters zu mißtrauen? Haben Sie an dem Verhalten des Mannes seit seiner Einschiffung etwas auszusetzen gehabt?«

»Dienstlich hab' ich ihm unbedingt nichts vorzuwerfen,« versicherte Jem West.

»Und wir bezweifeln auch weder seinen Muth, noch seine Ehrlichkeit,« erklärte der Kapitän Len Guy. »Nicht allein die Art und Weise, wie er sich an Bord der ›Halbrane‹ geführt, sondern auch alles, was er an Bord des ›Grampus‹ gethan hat, berechtigen zu der guten Meinung . . .«

»Die er sicherlich verdient!« setzte ich hinzu.

Ich weiß nicht, warum ich mich für die Vertheidigung des Mestizen so leicht erwärmte. Vielleicht – so sagte mir eine Ahnung – war es ihm vorbehalten, im Laufe dieser Fahrt eine besondere Rolle zu spielen, weil er an eine Auffindung Arthur Pym's – eine Frage, die mich erstaunlich interessierte – mit solcher Sicherheit glaubte.

Immerhin geb' ich gern zu, daß die Gedanken des Dirk Peters, soweit es sich um seinen alten Gefährten handelte, manchmal fast sinnlos erschienen, und der Kapitän Len Guy wies auch wiederholt darauf hin.

»Wir dürfen nicht vergessen, Herr Jeorling,« sagte er, »daß der Mestize die Hoffnung bewahrt, Arthur Pym habe, nachdem er ins tiefsüdliche Meer verschlagen war, ein Landgebiet erreichen können, wo er noch heute lebte.«

»Noch lebte . . . nach elf Jahren! Hier in der Polarwüste!« rief Jem West dazwischen.

»Ich gestehe gern, daß das kaum annehmbar ist, Herr Kapitän,« antwortete ich. »Doch wäre es – recht überlegt – unmöglich, daß Arthur Pym weiter im Süden eine Insel, ähnlich wie Tsalal, angetroffen hätte, wo doch William Guy und seine Gefährten dieselbe Zeit hindurch hatten ihr Leben fristen können?«

»Unmöglich . . . nein, Herr Jeorling; wahrscheinlich . . . das glaub' ich nicht!«

»Und da wir uns einmal in Vermuthungen ergehen,« äußerte ich, »warum sollten Ihre Landsleute, als sie Tsalal verlassen und durch dieselbe Strömung fortgetragen worden waren, nicht Arthur Pym da angetroffen haben, wo vielleicht . . .«

Ich unterbrach mich; diese Unterschiebung wäre wohl, was ich auch anführen mochte, abgewiesen worden, und ich hatte keine Ursache, jetzt auf dem Verlangen zu bestehen, daß auch nach Arthur Pym gesucht werden sollte, wenn die Leute von der »Jane« – vorausgesetzt, daß das überhaupt gelang – gefunden worden wären.

Der Kapitän Len Guy kam jetzt auf den Anfang des Gesprächs zurück, das mehrfach abgeschweift war – »nicht übel laviert hatte«, wie der Hochbootsmann sagen würde – und sich nun seinem ersten Thema wieder zuwandte.

»Ich sagte also,« nahm der Kapitän Len Guy es wieder auf, »daß es, wenn ich nicht direct nach Süden ging, meine Absicht war, erst die Lage der Nachbarinseln von Tsalal, jener im Westen zu suchenden Gruppe, festzustellen.«

»Recht klug und weise!« stimmte ich bei. »Vielleicht gewinnen wir durch den Besuch dieser Inseln Beweise dafür, daß das Erdbeben erst in jüngster Zeit stattgefunden hat.«

»Daran ist wohl nicht zu zweifeln,« versicherte der Kapitän Len Guy, »und zwar nach dem Abgange Patterson's, da ja der zweite Officier der ›Jane‹ seine Landsleute auf der Insel zurückgelassen hatte!«

Der Leser weiß, aus welch ernsten Gründen unsere Meinung hierüber niemals geschwankt hatte.

»Ist in dem Berichte Arthur Pym's,« fragte Jem West, »nicht von im ganzen acht Inseln die Rede?«

»Von acht,« bestätigte ich, »mindestens hat das Dirk Peters von dem Wilden gehört, den das Boot mit seinem Genossen und ihm selbst davontrug. Dieser Nu-Nu hat sogar behauptet, daß der Archipel eine Art Oberhaupt habe, einen König namens Tsalemon, der seinen Sitz auf der kleinsten der Inseln hatte, und das würde uns der Mestize wohl auf Verlangen bestätigen.«

»Da es ferner möglich wäre,« fuhr der Kapitän Len Guy fort, »daß die Verheerungen des Erdbebens sich bis zu dieser Gruppe nicht erstreckt hätten und sie noch bewohnt wäre, werden wir beim Näherkommen auf unsrer Hut sein müssen.«

»Die Inseln können ja nicht weit entfernt liegen,« fügte ich hinzu. »Wer kann übrigens wissen, Herr Kapitän, ob Ihr Bruder und seine Matrosen sich nicht auf eine dieser Inseln geflüchtet haben?«

Ein möglicher, doch im Grunde wenig beruhigender Fall, denn die armen Leute wären damit wieder in die Hände der Wilden gefallen, denen sie bei ihrem Verweilen auf der Insel Tsalal glücklich entgangen waren. Und um sie aufzunehmen, wenn ihr Leben überhaupt geschont worden war, hätte die »Halbrane« wahrscheinlich Gewalt anwenden müssen, ohne doch des gewünschten Erfolges sicher zu sein.

»Laß scharf Ausguck halten, Jem,« mahnte der Kapitän Len Guy. »Wir machen jetzt acht bis neun Meilen, und binnen wenigen Stunden könnte Land in Sicht gemeldet werden.«

»Seien Sie außer Sorge, Kapitän!«

»Ist ein Mann im Elsternest?«

»Dirk Peters selbst, der sich dazu angeboten hatte.«

»Gut, Jem, auf seine Wachsamkeit können wir uns verlassen . . .«

»Und auf seine Augen auch,« setzte ich hinzu, »denn er hat einen besonders scharfen Gesichtssinn!«

Bis gegen zehn Uhr segelte die Goëlette nach Westen weiter, ohne daß sich die Stimme des Mestizen hätte vernehmen lassen. Ich fragte mich auch, ob es sich mit diesen Inseln nicht ebenso verhalten werde, wie mit den Auroras- oder Glaß-Inseln, die wir zwischen den Falklands und Neu-Georgia vergeblich gesucht hatten. Keine Anhöhe stieg aus dem Meere auf, keine Landlinie hob sich vom Horizonte ab. Vielleicht waren diese Inseln aber sehr niedrig und dann erst von zwei bis drei Seemeilen Entfernung aus sichtbar.

Im Laufe des Vormittags flaute die Brise auch merklich ab. Unsre Goëlette wurde mehr, als wir wünschten, von der Strömung nach Süden hin mitgenommen. Zum Glück sprang am Nachmittage wieder ein frischerer Wind auf, so daß Jem West unsre Abtrift wieder auszugleichen vermochte.

Zwei Stunden lang segelte die »Halbrane« noch mit sieben bis acht Seemeilen Schnelligkeit in gleicher Richtung weiter, am Horizonte zeigte sich aber nichts.

»Es ist kaum glaublich, daß wir die richtige Stelle noch nicht erreicht hätten,« sagte der Kapitän Len Guy zu mir, »denn nach Arthur Pym gehörte die Insel Tsalal zu einer sehr ausgedehnten Gruppe.«

»Er spricht aber nicht davon, diese selbst gesehen zu haben, während die ›Jane‹ vor Anker lag,« bemerkte ich dagegen.

»Ganz richtig, Herr Jeorling, da die ›Halbrane‹ aber seit heute früh meiner Schätzung nach mindestens fünfzig Meilen zurückgelegt hat und es sich doch um einander ziemlich nahe gelegene Inseln handeln soll . . .«

»So ist daraus zu schließen, Herr Kapitän,« fiel ich ein, »und zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit, daß die Inselgruppe, zu der Tsalal gehörte, bei dem Erdbeben vollständig untergegangen ist . . .«

»Vor Steuerbord Land in Sicht!« rief plötzlich Dirk Peters.

Alle Augen richteten sich nach dieser Seite, ohne auf der Fläche des Meeres etwas wahrzunehmen. Der Mestize auf dem Top des Fockmastes konnte freilich etwas schon erkennen, was für uns auf dem Verdeck noch unsichtbar war. Bei seinem scharfen Gesicht und seiner Gewohnheit an Beobachtungen auf dem Meere nahm ich nicht an, daß er sich getäuscht haben könne.

In der That konnten wir eine Viertelstunde später durch unsre Seefernrohre einige verstreute Eilande unterscheiden, die zwei bis drei Seemeilen weit im Westen von den schrägen Strahlen der Sonne getroffen wurden.

Der Lieutenant ließ die obern Segel einziehen, und die Goëlette trieb nur unter dem Groß- und einem Marssegel neben dem Klüversegel hin.

Man konnte wohl fragen, ob es jetzt schon angezeigt erschien, sich in Vertheidigungszustand zu setzen, die Deckgeschütze zu laden und die Enternetze vorzubereiten; der Kapitän Len Guy meinte aber, ohne besondere Gefahr dicht an den nächstgelegenen Eilanden hinsegeln zu können.

Doch wie viel mochte sich hier verändert haben! Da, wo nach Arthur Pym geräumige Inseln liegen sollten, fanden wir nur wenige – höchstens ein halbes Dutzend – winzige Eilande, die das Wasser kaum um zehn Toisen überragten.

»Nun, Dirk Peters,« fragte der Kapitän, »hast Du die Gruppe erkennen können?«

»Die Gruppe?« antwortete der Mestize kopfschüttelnd. »Nein, ich habe nur fünf bis sechs Spitzen von Eilanden gesehen . . . nur einige Kieselsteine . . . doch keine einzige Insel!«

In der That waren von dem Archipel, wenigstens von seinem westlichen Theile, nur einige Spitzen oder vielmehr kleine abgerundete Gipfel übrig. Immerhin blieb nicht ausgeschlossen, daß die Erderschütterung, wenn sich die Gruppe über mehrere Grade hinausdehnte, nur die nächsten, von uns im Westen gelegnen Inseln zerstört hatte.

Davon wollten wir uns überzeugen, wenn wir jedes Eiland besucht und bestimmt hätten, zu welcher früheren oder späteren Zeit die seismische Erschütterung stattgefunden habe, wovon die Insel Tsalal unverkennbare Spuren zeigte.

Bei weiterer Annäherung der Goëlette konnten wir deutlich die Brocken von der Gruppe erkennen, die in ihrem östlichen Theile fast ganz vernichtet war. Die Oberfläche der größten Eilande betrug nicht mehr als fünfzig bis sechzig Quadrattoisen, und die der kleinsten kaum drei bis vier. Die letzteren bildeten mehr eine Art Klippen, an denen das Meer leicht brandete.

Selbstverständlich konnte sich die »Halbrane« nicht durch die Klippen wagen, die ihren Kiel und ihre Seitenwände bedroht hätten. Sie mußte sich auf eine Rundfahrt beschränken, um zu erkennen, ob denn der ganze Archipel untergegangen sei. Daneben erschien es nöthig, an einzelnen Stellen zu landen, wo vielleicht da oder dort Spuren der letzten Ereignisse zu finden waren.

Etwa zehn Kabellängen vor dem größten Eiland angekommen, ließ der Kapitän Len Guy eine Sondierung vornehmen. Bei zwanzig Faden Tiefe fand sich Grund, jedenfalls der Boden einer versunkenen Insel, deren Mitteltheil das Meer noch um fünf bis sechs Toisen überragte.

Die Goëlette näherte sich noch mehr und ließ bei fünf Faden den Anker fallen.

Jem West hatte für die Dauer einer Besichtigung des Eilands gegenzubrassen gedacht. Die starke Strömung hätte die Goëlette dann aber weiter nach Süden hin getrieben. Es empfahl sich also mehr, in der Nähe der Gruppe vor Anker zu legen. Das Meer war hier fast still und der Zustand des Himmels ließ keine atmosphärische Störung befürchten.

Sobald der Anker in den Grund gegriffen hatte, bestiegen der Kapitän Len Guy, der Hochbootsmann, Dirk Peters, Martin Holt, noch zwei Mann und ich eines der Boote.

Nur eine Viertelseemeile trennte uns vom ersten Eiland. Diese wurde durch einige enge Wasserstraßen schnell zurückgelegt, die felsigen Spitzen verschwanden und tauchten in der Dünung wieder auf. Unausgesetzt überspült und abgewaschen, konnten sie keine Zeichen für die Zeit mehr aufweisen, in der das Erdbeben stattgefunden hatte. Daß ein solches vorhergegangen war, stand bei uns, wie gesagt, außer allem Zweifel.

Das Boot drang zwischen die Felsen ein. Im Hintertheile stehend und die Ruderpinne zwischen den Beinen haltend, suchte Dirk Peters die Spitzen der Klippen, die oft in gleicher Ebene mit dem Wasser lagen, zu vermeiden.

Das durchsichtige und ruhige Meer ließ nicht einen mit Muscheln bedeckten Grund, sondern schwärzliche, mit Landpflanzen überzogene Blöcke erkennen, Büschel von Gewächsen, die der Seeflora nicht angehörten und von denen einige an der Oberfläche schwammen.

Das war schon ein Beweis, daß der Boden, aus dem sie entsprungen waren, sich erst kürzlich gesenkt haben konnte.

Als das Boot den Rand des Eilands berührte, warf einer der Leute einen kleinen Anker hinaus, dessen Arme in einem Spalt haften blieben.

Nun zogen wir uns vollends heran und konnten ohne Schwierigkeit ans Land gehen.

An dieser Stelle lag also eine der größeren Inseln der Gruppe, die jetzt, zu einem unregelmäßigen Oval zusammengeschrumpft, etwa hundertfünfzig Toisen im Umfange maß und sich bis fünfundzwanzig oder dreißig Fuß über die Meeresfläche erhob.

»Steigt wohl die Fluth zuweilen bis zu diesen Höhen an?« fragte ich den Kapitän Len Guy.

»Niemals,« antwortete er, »und vielleicht entdecken wir in der Mitte des Eilands noch einige Reste seiner Pflanzenwelt, Trümmer von Wohnungen oder von einem Lager . . .«

»Jetzt können wir nichts besseres thun,« meldete sich der Hochbootsmann, »als Dirk Peters einzuholen, der uns schon ein Stück voraus ist. Dieser Teufelskerl von Mestize ist noch imstande zu sehen, was unsern Blicken entgeht!«

Binnen wenigen Minuten waren wir alle auf dem hervorragendsten Punkte des Eilands versammelt.

An gewissen Ueberresten fehlte es hier nicht – wahrscheinlich solchen von Hausthieren, deren das Tagebuch Arthur Pym's Erwähnung thut – von verschiedenem Geflügel, eigenthümlichen Enten und von Schweinen, deren hornartige Haut eine seidenweiche Behaarung aufwies. Hervorzuheben ist hierbei, daß zwischen diesen Thier- und Knochenresten und denen der Insel Tsalal der Unterschied zutage trat, daß die ersteren offenbar erst wenige Monate hier liegen konnten. Das stimmte mit unsrer Annahme eines neuerlichen Datums für das Erdbeben recht gut zusammen.

Da und dort grünte noch etwas Sellerie und Küchenschelle neben einzelnen frisch aussehenden Blumen.

»Und die stammen aus diesem Jahre!« rief ich. »Ueber sie ist noch kein südlicher Winter hingegangen.«

»Ganz meine Ansicht, Herr Jeorling,« bestätigte Hurliguerly. »Doch wäre es nicht möglich, daß sie erst nach der Verheerung der Gruppe aufgesproßt wären?«

»Das erscheint mir unannehmbar,« erwiderte ich nicht gewillt, von meiner Anschauung abzugehen.

An manchen Stellen erhoben sich auch dürftige Gebüsche, eine Art wilder Haselsträuche, wovon Dirk Peters einen noch ganz saftreichen Zweig abbrach.

An dem Zweige hingen Nüßchen – ähnlich denen, die er und sein Gefährte, als sie in den Schluchten des Hügels von Klock-Klock und in den von uns nicht aufgefundenen hieroglyphischen Höhlen eingeschlossen waren, vielfach gegessen hatten.

Dirk Peters trennte die grüne Hülle von einigen derselben und zerknackte sie zwischen seinen mächtigen Zähnen, denen auch eiserne Kugeln nicht widerstanden hätten.

Mit diesen Beweisen vor Augen konnte kein Zweifel mehr darüber aufkommen, daß die Erderschütterung erst nach Patterson's Abgange stattgefunden haben mußte. Diesem Naturereignis war also die Vernichtung des Theiles der tsalalischen Bevölkerung, deren Knochenreste in der Nähe des frühern Dorfes bleichten, unbedingt nicht zuzuschreiben. Für uns ergab sich aus jenem Funde ferner, daß William Guy und die fünf Matrosen von der »Jane« noch hatten rechtzeitig fliehen können, da sich keine Leiche von ihnen auf der Insel vorgefunden hatte.

Wohin aber mochten sie geflohen sein, als sie die Insel Tsalal verließen?

Diese Frage drängte sich uns immer und immer wieder auf, ohne daß sich eine Antwort darauf geben ließ. Meiner Ansicht nach war das jedoch keineswegs das Unerklärlichste von dem, was wir auf unsrer Fahrt erlebten.

Ich brauche mich bei der weitern Besichtigung der Gruppe nicht aufzuhalten. Sie beanspruchte sechsunddreißig Stunden, wobei die Goëlette sie völlig umkreiste. Auf den verschiedenen Eilanden wurden die nämlichen Spuren gefunden – Pflanzen- und Thierreste – die nur dieselben Schlüsse erlaubten. Bezüglich der Verwüstung, deren Schauplatz diese Gebiete gewesen waren, stimmten der Kapitän Len Guy, der Lieutenant, der Hochbootsmann und ich völlig darin überein, daß die Eingebornen dabei gänzlich vernichtet worden waren. Die »Halbrane« hatte keinen Ueberfall mehr zu befürchten, und diesem glücklichen Umstande konnte man schon Rechnung tragen.

Doch sollten wir nun zu dem Schlusse kommen, daß auch William Guy und seine fünf Matrosen nach Erreichung einer der Inseln bei dem Versinken des Archipels mit umgekommen seien?

Ich sprach meine Gedanken darüber in Folgendem aus:

»Meiner Ansicht nach – ich will mich kurz fassen –« sagte ich, »hat der künstlich hervorgebrachte Einsturz des Hügels von Klock-Klock eine gewisse Anzahl der Leute der ›Jane‹ verschont – mit Patterson wenigstens sieben Mann – und außerdem den Hund Tigre, dessen Ueberreste wir nahe bei dem Dorfe gefunden haben. Einige Zeit darauf und als ein Theil der tsalalischen Bevölkerung durch eine bisher unaufgeklärte Katastrophe zugrunde gegangen war, haben die Uebrigen Tsalal verlassen, um sich auf die andern Inseln der Gruppe zu flüchten. Allein und in völliger Sicherheit zurückbleibend, konnten sich der Kapitän William Guy und seine Gefährten leicht da ernähren, wo früher Tausende von Wilden gelebt hatten. So verstrich eine lange Zeit – zehn bis elf Jahre – ohne daß sie sich aus ihrem Gefängniß hätten befreien können, obgleich sie das ohne Zweifel versucht haben, ob sie nun noch ein Boot der Eingebornen vorfanden oder sich ein solches selbst zusammenzimmerten. Vor etwa sieben Monaten endlich und nach dem Verschwinden Patterson's erschütterte ein Erdbeben Tsalal und verschlang dessen Nachbarinseln. Damals nun mögen William Guy und seine Leute, von der ferneren Unbewohnbarkeit der Insel überzeugt, sich eingeschifft haben, um nach dem Polarkreis zurückzugelangen. Höchst wahrscheinlich ist ihnen das nicht gelungen, und schließlich sind sie, in Folge der südwärts verlaufenden Meeresströmung, nach den Landgebieten gekommen, die Arthur Pym und Dirk Peters noch jenseits des vierundachtzigsten Breitengrades gesehen hatten. In dieser Richtung müssen wir die »Halbrane« hinführen, Herr Kapitän. Noch zwei bis drei Breitengrade, dann winkt uns die Aussicht, die Verschollenen zu finden. Das Ziel liegt vor uns . . . sollten wir nicht selbst das Leben daran setzen, es zu erreichen?«

»Gott geb' uns das Geleite, Herr Jeorling,« antwortete der Kapitän Len Guy.

Als ich später mit dem Hochbootsmann allein war, glaubte dieser mir sagen zu müssen:

»Ich habe Ihnen aufmerksam zugehört, Herr Jeorling, und ich gestehe, Sie haben mich fast überzeugt . . .«

»Sie werden sich noch gänzlich überzeugen, Hurliguerly!«

»Doch wann? . . .«

»Vielleicht eher, als Sie glauben!«

Am nächsten Tage, dem 29. December, segelte die Goëlette bei leichtem Nordostwind wieder ab und nun steuerte sie geraden Wegs nach Süden.

 


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