Jules Verne
Die Eissphinx. Zweiter Band
Jules Verne

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XI. Inmitten des Nebels

»Nun, Herr Jeorling,« begann der Hochbootsmann, als wir uns am andern Tage trafen, »jetzt können wir uns Trauerkleidung machen lassen!«

»Trauerkleidung, Hurliguerly? Woraus denn?«

»Aus dem Südpol, dessen Spitze wir nicht einmal gesehen haben.«

»Ja, und der jetzt einige zwanzig Seemeilen hinter uns liegen mag!«

»Freilich und der Wind hat auf diese AustrallampeNicht wiederzugebendes Wortspiel, da »austral« auch südlich bedeutet. – d. Uebers. so geblasen, daß sie gerade ausgegangen ist, als wir darüber wegfuhren . . .«

»Eine Gelegenheit, die sich meiner Meinung nach nicht wieder bieten wird.«

»Gewiß nicht, Herr Jeorling, und wir können getrost darauf verzichten, das Ende des Erdenbratspießes sich in unseren Händen drehen zu fühlen.«

»Sie haben recht glückliche Vergleiche, Hochbootsmann!«

»Ich füge auch noch hinzu, daß unser Eisgefährt uns zum Teufel befördert, gewiß aber nicht in der Richtung nach dem ›Grünen Kormoran‹. Ach, gehen Sie mir . . . eine unnütze Fahrt, eine verfehlte Fahrt, die keiner so bald wieder unternehmen wird. Jedenfalls gilt es, der Sache ein Ende zu machen und nicht unterwegs zu zaudern, denn der Winter wird bald seine rothe Nase, seine rauhen Lippen und seine tief aufgesprungenen Hände zeigen! Eine Fahrt, bei der keiner gefunden hat, was er suchte, weder der Kapitän Len Guy seinen Bruder, noch wir unsere Landsleute oder Dirk Peters seinen armen Pym!«

Das war alles wahr . . . die Quintessenz unserer Mühsal und Beschwerden und unsrer Enttäuschungen! Ohne von der vernichteten »Halbrane« zu reden, hatte die Fahrt schon neun Opfer gekostet. Von zweiunddreißig Mann, die sich auf der Goëlette eingeschifft hatten, waren noch dreiundzwanzig übrig und wer weiß, wie weit sich diese Zahl ferner verringern sollte.

Vom Südpol bis zum Polarkreise rechnet man einige zwanzig Grade (genauer 23°27'), d. h. gegen zwölfhundert Seemeilen, die binnen eines Monats oder höchstens sechs Wochen zurückgelegt werden mußten, wenn sich das Packeis nicht vorher neu bilden und dessen Wall schließen sollte. Eine Ueberwinterung in diesem Theile des Polargebietes hätte wohl kaum einer von uns überlebt.

Uebrigens hatten wir jede Hoffnung verloren, die Ueberlebenden von der »Jane« wiederzufinden, und die Mannschaft legte nur das Gelübde ab, dieser entsetzlichen Einöde baldmöglichst zu entfliehen. Früher südlich, wie unsere Abtrift bis zum Pole gewesen, war sie jetzt zu einer nördlichen geworden, und im Falle, daß sie aushielt, winkten uns jetzt vielleicht für so viele schlechte, auch einmal wieder bessere Aussichten.

Auf jeden Fall mußten wir freilich – um einen familiären Ausdruck zu gebrauchen – »den Dingen einfach ihren Lauf lassen.«

Uns konnte es ja gleichgiltig sein, ob das Meer, dem unser Eisberg zutrieb, der Südatlantische oder der Stille Ocean war, ob die nächstgelegenen Länder statt der Südorkneys, der Falklands, des Cap Horn oder der Kerguelen vielleicht Australien oder Neuseeland waren. Deshalb hatte Hurliguerly auch ganz recht, wenn er – zu seinem lebhaften Bedauern – sagte, daß es nicht beim Gevatter Atkins und in der Gaststube des »Grünen Cormoran« sein werde, wo ihm bei der Heimkehr das erste Glas winken würde.

»Uebrigens, Herr Jeorling,» wiederholte er mir öfters, »giebt es auch vortreffliche Gasthäuser in Australien, wie in Hobart-Town, in Dunedin und anderswo. Es handelt sich nur darum, glücklich einen Hafen zu erreichen!«

Da der Nebel sich auch am 2., 3. und 4. Februar nicht gelichtet hatte, wäre es schwierig gewesen, die Lageveränderung unsers Eisbergs nach Ueberschreitung des Pols abzuschätzen. Der Kapitän Len Guy und Jem West glaubten sie indeß auf zweihundert Seemeilen veranschlagen zu dürfen.

Die Strömung schien sich in der That weder in der Schnelligkeit noch in der Richtung verändert zu haben. Da wir durch einen Meeresarm zwischen den zwei Hälften des vermuthlichen Festlandes – der einen im Osten, der andern Hälfte im Westen – die das weite Landgebiet des Südpols bilden, dahinglitten, erschien das nicht zweifelhaft. Ich bedauerte es auch lebhaft, nicht die eine oder die andre Küste dieses Sundes betreten zu können, dessen Oberfläche im bevorstehenden Winter bald erstarren sollte.

Bei einem darüber geführten Gespräch mit dem Kapitän Len Guy gab mir dieser darauf die logisch einzig richtige Antwort:

»Ich bitte Sie, Herr Jeorling, wir sind ja ganz machtlos! Hierbei ist nichts zu thun, und das, worin ich vor allem das Mißgeschick, das uns seit mehreren Tagen arg mitspielt, erkenne, das ist die Andauer dieser schweren Nebel. Ich weiß nicht mehr, wo wir sind. Ein Besteck zu machen, ist ganz unmöglich, und das gerade zur Zeit, wo die Sonne bald für lange Monate verschwinden wird.«

»Ich komme immer auf das Boot zurück,« erwiderte ich. »Sollte man nicht mit diesem . . .«

»Auf Entdeckungen ausziehen können? Was denken Sie! Das wäre eine Unbesonnenheit, die ich nicht begehen würde und die mich die Mannschaft gar nicht begehen ließe!«

Ich war nahe daran auszurufen:

»Und wenn nun Ihr Bruder William Guy, wenn sich Ihre Landsleute nach einem Punkte dieser Gebiete geflüchtet hätten? . . .«

Ich bezwang mich aber. Was konnte es nützen, den Schmerz unsers Kapitäns wieder zu erneuern? An jene Möglichkeit hatte er gewiß auch gedacht, und wenn er auf die Weiterverfolgung seiner Nachsuchungen verzichtete, so mußte er sich wohl auch von der Nutzlosigkeit eines letzten zu unternehmenden Versuchs überzeugt haben.

Uebrigens leitete ihn – und das eröffnete noch einen leichten Hoffnungsschimmer – vielleicht folgender Gedankengang, der nicht unberechtigt schien:

William Guy und seine Begleiter hatten die Insel Tsalal gleich mit Anfang des Sommers verlassen. Vor ihnen lag das eisfreie Meer, das sie mittelst derselben südöstlichen Strömung, die uns erst auf der »Halbrane«, dann auf dem Eisberg forttrug, passiert haben mochten. Außer den Strömungen mußten sie, ebenso wie wir, von der stetigen Brise aus Nordost begünstigt worden sein. Das erlaubte den Schluß, daß ihr Boot, wenn es nicht auf dem Meere verunglückt war, eine Richtung gleich der unserigen eingehalten haben werde und durch die Wasserstraße ebenfalls nach der Gegend, wo wir uns jetzt befanden, gelangt sei. War es nun unter Berücksichtigung des Umstandes, daß sie uns um mehrere Monate voraus waren, eine so unlogische Vermuthung, daß sie bei der Weiterfahrt nach Norden über das freie Meer hinweg und durch die Packeiswand gekommen wären, daß ihr Boot den Polarkreis glücklich überschritten hätte und daß William Guy und seine Gefährten schließlich ein Schiff getroffen hätten, das sie nach der Heimat zurückbeförderte? . . .

Angenommen, daß unser Kapitän sich an ähnliche Vermuthungen klammerte, die, wie ich zugebe, viele – sogar sehr viele! – gute Aussichten eröffneten, so hatte er gegen mich doch kein Wort davon gesprochen. Vielleicht – der Mensch liebt es ja, seine Selbsttäuschungen zu bewahren – fürchtete er, daß ihm jemand die schwachen Seiten seines Gedankenganges darlegte.

Eines Tags sprach ich in diesem Sinne mit Jem West.

Der Lieutenant, ein für Verführung durch die Phantasie wenig zugänglicher Mann, wollte sich meiner Ansicht nicht fügen. Die Annahme, daß wir die Leute von der »Jane« nicht wiedergefunden hätten, weil sie durch diese Seegebiete schon vor uns gekommen und bereits nach dem Stillen Ocean zurückgekehrt wären – das konnte ein so nüchterner Verstand wie der seinige nicht anerkennen.

Als ich mit dem Hochbootsmann über diese Möglichkeit plauderte, meinte er:

»Nun, Sie wissen ja, Herr Jeorling, es geschieht wohl mancherlei und ist alles möglich, wenigstens tröstet man sich gern damit, doch daß der Kapitän William Guy und seine Leute zur Stunde irgendwo in der Alten oder Neuen Welt vor einem Glase Branntwein, Gin oder Wisky im gemüthlichen Gasthause säßen . . . nein! nein! . . . das ist ebenso unmöglich, als daß wir Beide morgen an einem Tische des ›Grünen Cormoran‹ Platz nähmen!«

An den drei Nebeltagen hatte ich Dirk Peters nicht gesehen oder er hatte es mindestens nicht versucht, sich mir zu nähern, sondern nahm hartnäckig seinen Posten neben dem Boote ein. Die Fragen Martin Holt's über seinen Bruder Ned schienen anzudeuten, daß das Geheimniß des Mestizen wenigstens theilweise bekannt sei. Er hielt sich auch noch mehr abgesondert als früher, schlief einige Stunden, wenn Alle wach waren, und wachte, wenn Alle schliefen. Ich fragte mich gelegentlich, ob er es nicht bedauerte, sich mir anvertraut zu haben, ob er sich nicht vorstellte, daß ich dadurch einen gewissen Abscheu gegen ihn bekommen könnte. Das wäre freilich ein Irrthum gewesen, denn ich empfand für den armen Mestizen nur das wärmste Mitleid.

Ich kann gar nicht ausdrücken, wie traurig, einförmig und endlos uns die Stunden während dieses Nebels erschienen, dessen dichten Vorhang nicht einmal der Wind zerreißen konnte. Selbst bei peinlichster Aufmerksamkeit konnte man niemals erkennen, welchen Stand am Horizont die Sonne einnahm, deren spiralförmiger Lauf sich allmählich nach unten hin wandte. Die Lage des Eisbergs, der geographischen Länge und Breite nach, konnte also nicht festgestellt werden. Daß er nach Ueberschreitung des Poles nach Südosten, d. h. jetzt vielmehr nach Nordwesten weitertrieb, war zwar wahrscheinlich, doch nicht sicher. Da er bei der Strömung die gleiche Geschwindigkeit behielt, wie hätte der Kapitän Len Guy den von ihm zurückgelegten Weg bestimmen können, so lange ihm alle Vergleichungspunkte dafür fehlten? Selbst wenn er jetzt ganz still lag, wäre das uns kaum besonders aufgefallen, denn der Wind hatte sich gelegt – das nahmen wir wenigstens an – denn wir vermochten keine Luftbewegung zu fühlen. Die der Luft ausgesetzte Flamme einer Schiffslaterne flackerte ganz und gar nicht. Nur das Gekreisch von Vögeln, aber geschwächt in dieser watteähnlichen Atmosphäre, unterbrach die Grabesstille, die sonst um uns herrschte. Sturmvögel und Albatrosse schwebten dann und wann über den Gipfel hin, wo ich mich oft ausschauend aufhielt; ich konnte aber nicht entscheiden, ob die fliehenden Thiere vielleicht von dem herannahenden Südpolarwinter schon nach den Grenzen dieser Zone vertrieben wurden.

Eines Tags wurde der Hochbootsmann, der nicht ohne Gefahr, den Hals zu brechen, nach dem Gipfel emporgestiegen war, um selbst Umschau zu halten, von einem mächtigen Quebranta-Huesos, einem riesigen Sturmvogel mit zwölf Fuß Flügelspannweite, so heftig gegen die Brust gestoßen, daß er nach rückwärts umfiel.

»Verteufelte Bestie!« sagte er, am Lagerplatz wieder angelangt, zu mir, »da bin ich gerade noch mit blauem Auge davongekommen! Ein Stoß . . . paff! . . . die vier Eisen in der Luft, wie ein Pferd, das sich auf dem Rücken wälzt. Ich klammerte mich an, so gut es ging, sah aber doch kommen, daß ich bald allen Halt verlieren würde. Auf schiefen Eisflächen, das wissen Sie, da gleitet man so leicht hin, wie das Wasser durch die Finger. Ich habe dem Vogel auch zugerufen: Du Tölpel, kannst du dich denn nicht vorsehen? Und das verdammte Thier hat sich nicht einmal entschuldigt!«

In der That war der Hochbootsmann nahe daran gewesen, von Block zu Block bis ins Meer hinunter zu kollern.

Am Nachmittage dieses Tages wurden uns von einem furchtbaren Blöken, das von unten heraufdrang, fast die Ohren zerrissen. Hurliguerly bemerkte sogleich, daß, wenn keine Esel dieses Geschrei ausstießen, Pinguine da unten sitzen müßten. Bisher hatten sich diese zahllosen Bewohner der hohen Breiten noch nicht bemüßigt gefunden, uns auf der schwimmenden Insel zu begleiten, und so weit der Blick hinausreichte, hatten wir keinen derselben wahrgenommen – weder am Fuße des Eisbergs, noch auf dahintreibenden Schollen. Jetzt unterlag es keinem Zweifel, daß sie sich zu Hunderten oder Tausenden eingefunden hatten, denn das schreckliche Concert zeugte durch die Zunahme an Tonstärke für die Anzahl der Mitwirkenden.

Diese Vögel bewohnen nun mit Vorliebe entweder die Strandflächen von Ländern und Inseln der hohen Breiten oder die Eisfelder in deren Nähe. Ihre Anwesenheit deutete also vielleicht auf die Nachbarschaft eines Landes hin . . .

Ich weiß, wir befanden uns in der Gemüthsverfassung, wo man sich an den geringsten Hoffnungsstrahl hält, wie der Ertrinkende sich an jedes Brett, das ihm Rettung bringen könnte, anklammert. Doch wie häufig versinkt oder zerbricht dieses Brett, gerade wenn er es fassen will! War das nicht dasselbe Geschick, das unser in diesem entsetzlichen Klima harrte?

Ich fragte auch den Kapitän, was er aus der Anwesenheit jener Vögel schlösse.

»Dasselbe wie Sie, Herr Jeorling,« antwortete er. »Seitdem wir im Wegtreiben sind, hat noch keiner davon auf dem Eisberge Zuflucht gesucht, thatsächlich sind sie jetzt in Massen da, wenn man das nach ihrem betäubenden Geschrei beurtheilen kann. Daß sie von einem Lande gekommen sind, in dessen Nähe wir uns befinden mögen, ist gar nicht zu bezweifeln . . .«

»Ist das auch die Ansicht des Lieutenants?« fragte ich.

»Ja, Herr Jeorling, und Sie wissen, er ist derjenige, der keinen Chimären nachhängt!«

»Nein, gewiß nicht!«

»Dann ist ihm auch, so gut wie mir, noch etwas anderes aufgefallen, das Ihnen entgangen zu sein scheint.«

»Und das wäre . . .?«

»Die mehr klagenden Laute, die sich mit dem Geschrei der Pinguine mischen. Horchen Sie nur genau hin . . . Sie werden sie gleich selbst hören!«

Ich lauschte, und wirklich, das Orchester war voller besetzt, als ich vermuthet hatte.

»Ja, wahrhaftig,« sagte ich, »ich unterscheide auch diese Klagelaute. Danach wären also auch Seehunde oder Walrosse mit da unten . . .«

»Ohne Zweifel, Herr Jeorling, und ich schließe daraus, daß diese Thiere, Vögel und Säugethiere, die seit unserer Abfahrt von der Insel Tsalal so selten auftauchten, in der Gegend heimisch sind, nach der uns die Strömungen geführt haben. Ich meine, diese Annahme hat nichts Gewagtes an sich . . .«

»Nichts, Kapitän, nicht mehr als die des Vorhandenseins eines nahen Landes. O, welcher Unstern, von diesem undurchdringlichen Nebel umhüllt zu sein, der nicht erlaubt, auf eine Viertelmeile weit hinaus zu sehen . . .«

»Und der uns hindert, nach dem Fuße des Eisbergs hinabzusteigen!« fügte der Kapitän Len Guy hinzu. »Dort hätten wir uns überzeugen können, ob die Vögel etwa Salpas, Laminarien oder Tang mit sich führten, was uns weitere Schlüsse erlaubt hätte. Sie haben Recht, es ist ein Unstern!«

»Warum sollten wir keinen Abstieg versuchen, Kapitän?«

»Nein, Herr Jeorling, das hieße, sich Abstürzen aussetzen, und ich werde niemand gestatten, den Lagerplatz zu verlassen. Befindet sich Land in der Nähe, so wird unser Eisberg wohl allein daran anlaufen . . .«

»Wenn es aber nicht geschieht?« warf ich ein.

»Wenn es nicht geschieht, wie könnten wir es thun?«

Das Boot, das Boot, dachte ich, das sollte man sich doch zunutze machen. Der Kapitän zog es aber vor, zu warten, und vielleicht war das unter unsern Verhältnissen wirklich auch das Klügste!

Es wäre bei der Gestaltung des Eisbergs allerdings gefährlich gewesen, sich halb blind über den schlüpfrigen Abhang hinunter zu wagen. Der Gelenkigste und Kräftigste der Mannschaft, Dirk Peters, hätte das wohl auch nicht ohne ernsten Unfall zustande gebracht. Diese verderbenschwangere Fahrt hatte schon zu viele Opfer gekostet und wir durften deren Zahl nicht noch vergrößern.

Ich vermag gar keine Idee von dieser Anhäufung von Dünsten zu geben, die sich im Laufe des Abends noch verdichteten. Von fünf Uhr ab wurde es ganz unmöglich, auf dem Platze, wo die Zelte standen, nur einige Schritte weit etwas zu unterscheiden. Man mußte sich gegenseitig mit der Hand berühren, um zu wissen, daß man Einer vor dem Andern stand. Auf einander zu sprechen wäre unzulänglich gewesen, denn der Laut der Stimme verbreitete sich in diesem Gemisch von Luft und Wasserbläschen auch nicht weiter, als der Blick reichte. Eine angezündete Laterne verrieth sich nur in der Nähe durch einen dunkelrothen Schimmer, leuchtete eigentlich aber gar nicht. Ein Aufschrei drang nur ganz geschwächt zum Ohre und nur die Pinguine kreischten laut genug, um vernehmlich zu sein.

Ich bemerke hier, daß dieser Nebel nicht mit dem früher beobachteten frost-rime, dem Rauchfrost, zu verwechseln war. Der Rauchfrost hat eine höhere Lufttemperatur zur Voraussetzung, zeigt sich gewöhnlich nur dicht über der Meeresfläche und steigt auf etwa hundert Fuß unter dem Einflusse einer steifen Brise in die Höhe. Der Nebel reichte dagegen weit über diese Höhe hinaus, und ich glaube, man hätte sich über ihn nur erheben können, wenn man noch fünfzig Toisen über den Gipfel des Eisbergs hinauf gelangen konnte.

Gegen acht Uhr abends waren die halb condensierten Dunstmassen so compact, daß sie beim Gehen ein fühlbares Hinderniß bildeten. Es sah aus, als habe die Zusammensetzung der Luft sich geändert und sollte diese in festen Zustand übergehen. Unwillkürlich dachte ich dabei an die seltsamen Erscheinungen auf der Insel Tsalal, an das eigenthümliche Wasser, dessen Molecüle eine so merkwürdige Cohäsion zeigten.

Ob der Nebel irgendwelche Wirkung auf den Compaß ausübte, das war unmöglich zu erkennen. Ich wußte, daß die Meteorologen Studien hierüber gemacht hatten und behaupten zu können glaubten, daß diese Erscheinung keinerlei Einfluß auf die Magnetnadel hatte.

Hierzu gehört, daß wir nach Ueberschreitung des Südpols uns auf die Angaben des Compasses gar nicht mehr verlassen konnten, denn dieser wurde durch die Annäherung an den magnetischen Südpol, dem wir offenbar zutrieben, erheblich gestört. Nichts gestattete uns also, die Treibrichtung des Eisbergs zu bestimmen.

Um neun Uhr war die ganze Umgebung in tiefste Finsterniß versunken, obgleich die Sonne zur jetzigen Jahreszeit noch nicht unter den Horizont hinunterging.

Der Kapitän, der sich überzeugen wollte, ob alle Leute nach dem Lager zurückgekehrt waren, und der jede Unvorsichtigkeit verhindern wollte, ließ zum Sammeln rufen.

Jeder, der auf seinen Namensaufruf geantwortet hatte, mußte in die Zelte eintreten, wo die nebelumwallten Schiffslaternen sehr wenig oder gar kein Licht verbreiteten.

Als sein Name ertönte, den der Hochbootsmann mehrmals mit lautester Stimme wiederholte, war der Mestize der einzige, der nicht darauf reagierte.

Der Hochbootsmann wartete einige Minuten.

Dirk Peters erschien nicht.

War er beim Boote zurückgeblieben, was annehmbar erschien, so war das mindestens überflüssig, denn bei diesem Nebel dachte gewiß keiner an die Entführung desselben.

»Hat niemand im Laufe des Tages Dirk Peters gesehen?« fragte der Kapitän Len Guy.

»Niemand,« antwortete der Hochbootsmann.

»Nicht einmal beim Mittagessen?«

»Auch da nicht, Kapitän, und doch besaß er selbst keinen weiteren Mundvorrath.«

»Sollte ihm ein Unglück zugestoßen sein?«

»Beunruhigen Sie sich nicht!« rief der Hochbootsmann. »Hier ist Dirk Peters in seinem Element, wo er von dem Nebel nicht mehr belästigt wird, wie ein Polarbär! Er hat sich schon einmal aus schlimmster Lage gezogen, das wird ihm auch ein zweitesmal gelingen!«

Ich ließ Hurliguerly reden, obwohl ich recht gut wußte, daß der Mestize sich nur zur Seite hielt.

Obwohl Dirk Peters trotz der Rufe des Hochbootsmannes, die ihn hatten erreichen müssen, hartnäckig keine Antwort gab, war es zunächst doch unmöglich, nach ihm zu suchen.

Ich bin überzeugt, daß diese Nacht niemand – vielleicht mit Ausnahme Endicott's – schlafen konnte. Man erstickte fast unter dem Zeltdache, wo es am nöthigen Sauerstoff mangelte. Ferner empfanden mehr oder weniger alle einen seltsamen Eindruck, ein wunderliches Vorgefühl, als ob unsere Lage sich bald zum Bessern oder zum Schlechtem wenden müsse, wenn sie überhaupt noch schlechter werden konnte.

Die Nacht verlief ohne Störung und um sechs Uhr früh beeilte sich Jeder, draußen etwas wohlthätigere Luft einzusaugen.

Hier glichen die meteorologischen Verhältnisse denen des Vortags – noch immer herrschte der außerordentlich dichte Nebel. Der Barometer war zwar gestiegen, doch zu schnell, als daß man daraus hätte auf dauernde Besserung des Wetters schließen können. Die Quecksilbersäule stand auf dreißig und zwei Zehntel Zoll (767 Millimeter), der höchste Stand, den sie seit der Einfahrt der »Halbrane« über den Polarkreis je eingenommen hatte.

Auch andere Zeichen machten sich bemerkbar, die für uns beachtenswerth waren.

Der zunächst auffrischende Wind – ein Südwind, seit wir über den Südpol hinaus gekommen waren – verwandelte sich bald zur steifen Brise, zum Zweireefwind, wie die Seeleute sagen. Von außen her hörte man, seit die Atmosphäre sich wieder mehr bewegte, auch alle Geräusche leichter.

Um neun Uhr entledigte sich der Eisberg plötzlich seiner Nebelkappe.

Eine unbeschreibliche Veränderung der Decoration, die kein Zauberstab in kürzerer Zeit und mit größerem Erfolge hervorgebracht hätte.

In wenigen Augenblicken war der Himmel bis zur letzten Grenze des Horizonts klar geworden und das Meer erglänzte unter den schrägen Strahlen der Sonne, die nur um wenige Bogengrade über ihm stand. Eine schäumende Brandung brodelte am Fuße unsers Eisbergs, und dieser trieb mit einer Menge schwimmender Berge unter der Doppelwirkung der Strömung und des Windes in ostnordöstlicher Richtung dahin.

»Land! Land!«

Dieser Ruf erschallte vom Gipfel der beweglichen Insel, und unsern Blicken zeigte sich Dirk Peters, der, auf dem höchsten Blocke stehend, mit der Hand nach Norden wies.

Der Mestize täuschte sich nicht. Diesmal war es Land . . . ja . . . ein Land, das auf drei bis vier Seemeilen Länge seine entfernten, schwärzlich erscheinenden Höhen erkennen ließ.

Und als nach doppelter Beobachtung, um zehn Uhr und zu Mittag, ein Besteck gemacht war, ergab es:

Südliche Breite: 86°12',
Oestliche Länge: 114°17'.

Der Eisberg befand sich nahezu vier Grade jenseits des antarktischen Poles und aus der westlichen Länge, unter der wir früher dem Curse der »Jane« folgten, waren wir jetzt in die Grade östlicher Länge gekommen.

 


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