Jules Verne
Die Eissphinx. Zweiter Band
Jules Verne

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VIII. Der Gnadenstoß

»Ans Werk!« hatte der Kapitän Len Guy gerufen, und vom Nachmittage dieses Tages an, nahm jeder mit Eifer die Arbeit auf.

Hier war keine Stunde zu verlieren und niemand verkannte es, daß die Frage nach der Zeit jetzt allen andern voranging. Was Lebensmittel betraf, so war die Goëlette damit noch für achtzehn Monate ausreichend versehen. Der Hunger bedrohte sie also nicht . . . höchstens der Durst, da ihre bei dem Aufstoß geborstenen Wasserkästen ihren Inhalt durch die Sprünge der Bordwand hatten ausfließen lassen.

Zum Glück erwiesen sich die Fässer mit Gin, Wisky, Bier und Wein, die in dem Theile des Frachtraumes lagerten, der am wenigsten gelitten hatte, so gut wie unversehrt. Nach dieser Seite hatten wir also gar keine Verluste erlitten und Süßwasser konnte uns der Eisberg selbst liefern.

Bekanntlich enthält das Eis, ob es sich nun aus Süß- oder aus Salzwasser gebildet hatte, niemals mehr Salz. Durch die Umwandlung aus dem flüssigen in den festen Zustand wird das Chlornatrium vollständig ausgeschieden. Es ist also allem Anscheine nach von geringer Bedeutung, ob man Trinkwasser aus Eis von der einen oder der andern Herkunft gewinnt. Dennoch verdient den Vorzug entschieden das Wasser, das aus gewissen Eisblöcken herrührt, die sich durch ihre fast grünliche Färbung und eine fast vollständige Durchsichtigkeit auszeichnen. Diese bestehen aus gefrorenen Niederschlägen und eignen sich beiweitem besser zur Umwandlung in Trinkwasser.

Bei seiner Vertrautheit mit den Polarmeeren hätte unser Kapitän die Blöcke dieser Art mit Leichtigkeit erkannt, auf unserm Eisberge konnte er aber keinen solchen finden, weil es der früher untertauchende Theil desselben war, der jetzt nach dem Umsturz über das Meer emporragte.

Der Kapitän Len Guy und Jem West beschlossen, in der Absicht, die Goëlette zu erleichtern, in erster Linie, alles auszuladen, was sich an Bord derselben befand. Masten und Takelwerk mußten entfernt und nach dem Plateau geschafft werden. Es erschien wichtig, nichts, was irgend schwerer war, auf dem Fahrzeuge zurückzulassen, und sogar, im Hinblick auf die schwierige und gefährliche Aufgabe bei diesem »Stapellauf«, den Ballast einstweilen herauszuschaffen. Jedenfalls erschien es rathsamer, die Weiterfahrt um einige Tage zu verzögern, wenn die jetzt nöthige Operation unter günstigeren Umständen verlaufen konnte. Die Wiederbeladung konnte dann ohne große Schwierigkeiten erfolgen.

Nach dieser entscheidenden Erwägung drängte sich noch ein anderer Punkt zur Berücksichtigung auf. Es wäre eine unentschuldbare Unklugheit gewesen, den Proviant in den Kammern der »Halbrane« zurückzulassen, deren Lage nahe am Abhange des Eisbergs doch so wenig gesichert erschien. Schon eine Erschütterung konnte ja hinreichend sein, sie aus dieser zu werfen. Jeder Stützpunkt ging ihr ja verloren, wenn die Blöcke der Mulde, worin sie lag, ihren Platz veränderten. Dann verschwanden mit ihr aber alle Nahrungsmittel, die doch unsre Existenz sicherstellen sollten!

An diesem Tage beschäftigte man sich also damit, die Kisten und Fässer mit leicht gepökeltem Fleisch, trocknen Gemüsen, Mehl, Zwieback, Thee, Kaffee, Gin, Wisky, Wein und Bier in Sicherheit zu bringen, die aus dem Frachtraum und der Cambüse (Küche) geholt und dann in einspringenden Winkeln der Eiswand, doch möglichst in der Nähe der »Halbrane«, aufgestapelt wurden.

Gleichzeitig galt es aber, das Boot möglichst zu schützen . . . in der Hauptsache gegen den Anschlag Hearne's und einiger von seiner Rotte, die sich desselben gewiß gern bemächtigen und damit nach dem Packeis zu entfernen wollten.

Das große Boot mit seinem Satze von Riemen, seinem Steuerruder, Ankerhebetau, Wurfanker, seiner Bemastung und seinen Segeln wurde deshalb gegen dreißig Schritte links von der Goëlette in einer Aushöhlung, die leicht zu überwachen war, untergebracht. Während des Tages war ja nichts zu fürchten. Während der Nacht oder vielmehr während der Stunden des Schlafes aber sollte der Hochbootsmann oder einer der Schiffsmaate neben der Aushöhlung Wache halten und wir durften uns dann darauf verlassen, daß das Boot gegen jeden Handstreich gesichert war.

Der 19., 20. und 21. Januar wurden dazu benützt, sowohl die Fracht der »Halbrane« zu löschen, als auch ihre Masten auszuheben, was in der Weise geschah, daß man mehrere Raaen zu Stützmasten verwendete. Später sollte Jem West versuchen, die Bramstenge und das Bugspriet wieder anzubringen, doch waren diese ja, wenn wir nur die Untermasten hatten, nicht unbedingt nöthig, um nach den Falklands oder einem andern zur Ueberwinterung geeigneten Ort zurückzugelangen.

Es versteht sich von selbst, daß auf dem von mir erwähnten Plateau nahe der »Halbrane« eine Art Lager aufgeschlagen worden war. Mehrere aus Segeln hergestellte und über Spieren gespannte Zelte, die das Bettzeug aus den Cabinen und der Mannschaftswohnung bedeckten, boten hinreichenden Schutz gegen den Wechsel der Witterung, der sich zu dieser Jahreszeit schon recht häufig bemerkbar machte. Im Allgemeinen behielten wir jedoch gutes Wetter bei andauerndem Nordostwinde, und die Luftwärme war sogar auf sechsundvierzig Grad (7,78° Celsius) angestiegen. Die Küche Endicott's war auf dem hinteren Theile des Plateaus neben einem schräg abfallenden Eiswall aufgestellt worden, über den man bei sanfter Steigung den höchsten Punkt des Eisbergs erreichen konnte.

Ich muß anerkennen, daß im Laufe dieser drei Tage anstrengender Arbeit gegen Hearne's Verhalten nichts einzuwenden war. Der Segelmeister wußte, daß er besonders überwacht wurde, wie er auch wußte, daß der Kapitän Len Guy ganz rücksichtslos gegen ihn vorgehen würde, wenn er seine Kameraden etwa zum Ungehorsam zu verführen wagte. Es war bedauerlich, daß seine schlechte Neigung ihn dahin gebracht hatte, eine solche Rolle zu spielen, denn Kraft, Gewandtheit und Intelligenz machten ihn zu einem sehr schätzbaren Manne und niemals hatte er sich brauchbarer erwiesen, als unter den jetzigen Verhältnissen. War er allmählich bessern Sinnes geworden? Hatte er begriffen, daß die Rettung Aller nur von der allgemeinen Eintracht abhängig war? Ich weiß es zwar nicht, möchte darauf aber nicht vertrauen . . . ebensowenig wie Hurliguerly.

Ich brauche wohl den Eifer nicht hervorzuheben, womit der Mestize sich an der schweren Arbeit betheiligte, er, der immer der erste bei der Hand war, der so viel leistete, wie vier andre, und kaum einige Stunden schlief, sondern höchstens während der Mahlzeiten ausruhte, die er getrennt von den Uebrigen einnahm. Seit die Goëlette diesen schrecklichen Unfall erlitten, hatte er kaum ein Wort an mich gerichtet. Was hätte er mir auch sagen sollen? Wußte ich nicht so gut wie er, daß wir nun auf jede Hoffnung verzichten mußten, diese unglückliche Fahrt bis zu dem von ihm ersehnten Ziele fortzusetzen?

Manchmal bemerkte ich den Mestizen und Martin Holt nebeneinander, beide bemüht, eine besonders schwere Arbeit auszuführen. Unser Segelwerksmaat versäumte keine Gelegenheit, sich Dirk Peters zu nähern, der ihm aus den uns bekannten Gründen immer auswich. Und wenn ich an das mir gemachte Geständniß dachte, an den angeblichen Parker, den leiblichen Bruder Martin Holt's, und an die grausige Scene vom »Grampus«, da überlief mich stets ein Schaudern des Entsetzens. Ich bezweifle nicht, daß der Mestize, wenn dieses Geheimniß entschleiert wurde, zum Gegenstand allgemeinen Abscheus geworden wäre. Man hätte in ihm den Lebensretter des Segelwerksmaats vergessen, und dieser, wenn er erfuhr, daß sein eigener Bruder . . . Glücklicherweise waren Dirk Peters und ich die einzigen, die jenes Geheimnis kannten.

Während die Entladung der »Halbrane« vor sich ging, beriethen der Kapitän Len Guy und Jem West die Frage des »Vom Stapellassens«, die sicherlich recht große Schwierigkeiten bot. Galt es doch, eine Höhe von etwa hundert Fuß zu überwinden, die zwischen der Mulde, worin die Goëlette lag, und der Oberfläche des Meeres aufstieg, und das zwar durch Aushöhlung eines schräg zur Westseite des Eisbergs verlaufenden Bettes, das mindestens zwei- bis dreihundert Toisen lang werden mußte. Während sich also eine, vom Hochbootsmann geleitete Abtheilung mit der Entladung der Goëlette beschäftigte, begann eine andre unter dem Befehle Jem West's mit der Beseitigung oder Einebnung der Blöcke, die auf dieser Seite des schwimmenden Berges hervorragten.

Des schwimmenden? . . . ich weiß nicht, wie mir dieses Wort untergelaufen ist, denn der Berg schwamm ja tatsächlich nicht. Unbeweglich wie eine kleine Insel, berechtigte nichts zu der Annahme, daß er je wieder weitertreiben könnte. Andere und ziemlich zahlreiche Eisberge zogen draußen an uns vorüber und in der Richtung nach Süden hin, während der unserige, nach dem Ausdrucke Dirk Peters' »gegengebraßt« liegen blieb. Ob sein unterer Theil sich soweit verzehren würde, um sich vom Meeresgrunde loszulösen, oder ob eine andere Eismasse gegen ihn antrieb und unsern Berg durch einen Stoß wieder flott machen würde, darüber hatte niemand ein Urtheil, und wir konnten nur auf die »Halbrane« rechnen, um endgiltig aus dieser Gegend wegzukommen.

Die verschiedenen Arbeiten dauerten bis zum 24. Januar. Die Atmosphäre war ruhig, die Temperatur erniedrigte sich nicht, das Quecksilber des Thermometers war sogar um zwei bis drei Grad über den Gefrierpunkt gestiegen. Auch die Zahl der von Nordwesten herantreibenden Eisberge nahm weiter zu . . . wir sahen wohl gegen hundert, und der Zusammenprall mit einem davon konnte für uns die ernsthaftesten Folgen haben.

Der Kalfatermeister Hardie hatte zuerst die Ausbesserung des Schiffsrumpfes in Angriff genommen, wobei er Planken zu ersetzen, neue Pflöcke einzuschlagen und Fugen zu dichten hatte. Was er hierzu brauchte, war in den Vorräthen vorhanden und wir durften annehmen, daß die Arbeit schnell und gewissenhaft ausgeführt wurde. Durch die Grabesstille der eisigen Einöde schallten jetzt die Hammerschläge beim Eintreiben von Holzpflöcken, und die des Holzschlägels, mit dem die Hanfseile in die Fugen gedrängt wurden. Diesen Geräuschen mischte sich nicht selten das betäubende Geschrei von Möven zu, oder das von Trauerenten, Albatrossen und Sturmvögeln, die um den Gipfel des Eisberges flatterten.

Als ich mich mit dem Kapitän Len Guy und Jem West allein befand, drehte sich unser Gespräch in der Hauptsache begreiflicherweise um die gegenwärtige Lage, die Mittel, derselben zu entfliehen, und um die Aussichten auf endliche Rettung. Der Lieutenant war von bester Hoffnung beseelt und er glaubte auch, vorausgesetzt, daß sich bis dahin kein weiterer Unfall zutrug, das Schiff glücklich wieder ins Wasser setzen zu können. Der Kapitän Len Guy zeigte freilich weniger Zuversicht. Bei dem Gedanken, nun endgiltig auf die Auffindung seiner Landsleute von der »Jane« verzichten zu müssen, mochte ihm wohl das Herz fast brechen.

Würde er denn, wenn die »Halbrane« wieder imstande war, weiter zu segeln, wenn Jem West ihn um ein Segelordre anging, zu antworten wagen: »Nach Süden hin«? Nein, denn dieses Mal wäre ihm keiner von den neuen und gewiß nur wenige von den alten Leuten gefolgt. Die Nachforschungen in dieser Richtung fortzusetzen, über den Pol hinauszugehen, ohne die Gewißheit, nach dem Indischen, wenn nicht dem Atlantischen Ocean zu gelangen, das wäre eine Tollkühnheit gewesen, die sich kein Seefahrer erlauben konnte. Schloß ein Land das Meer nach dieser Seite hin ab, so kam die Goëlette in die größte Gefahr, von Eisbergen umlagert zu werden, und war nicht in der Lage, im südlichen Winter davon wieder frei zu kommen.

Unter solchen Umständen versuchen zu wollen, den Kapitän Len Guy zur Fortsetzung der Reise zu bestimmen, war von vornherein ganz aussichtslos. Man konnte es auch gar nicht vorschlagen gegenüber der zwingenden Nothwendigkeit, nach Norden zurückzukehren und keinen Tag länger im Antarktischen Meere zu zaudern. War ich auch entschlossen, dem Kapitän Len Guy gar nicht hiervon zu sprechen, so konnte ich es doch nicht unterlassen, den Hochbootsmann hierüber auszuhorchen.

Hurliguerly pflegte mich nach gethaner Arbeit gern aufzusuchen und wir plauderten und riefen unsere Erinnerungen von dieser Reise wieder wach.

Als wir so eines Tags, den Blick nach dem trügerischen Horizont gerichtet, ganz oben auf dem Eisberge saßen, rief der Hochbootsmann:

»Wer hätte jemals geglaubt, Herr Jeorling, als die ›Halbrane‹ vor sechs Monaten die Kerguelen verließ, daß sie sechs Monate später und in dieser Breite auf dem Abhange eines Eisbergs gefangen sitzen sollte!«

»Ja, und das ist um so bedauerlicher,« antwortete ich, »als wir ohne diesen Unfall unser Ziel jetzt schon erreicht gehabt hätten und auf der Rückfahrt begriffen wären.«

»Ich widerspreche dem nicht gänzlich,« entgegnete der Hochbootsmann, »doch Sie sagten, daß wir dann unser Ziel erreicht hätten. Wollen Sie damit sagen, daß unsere Landsleute aufgefunden worden wären?«

»Vielleicht, Hochbootsmann.«

»Na, ich kann es kaum glauben, Herr Jeorling, obgleich das der hauptsächlichste, sogar der einzige Zweck unserer Fahrt durch das Polarmeer war.«

»Der einzige . . . ja . . . wenigstens zu Anfang,« schaltete ich ein. »Doch seit den Mittheilungen des Mestizen über Arthur Pym . . .«

»Ah, das liegt Ihnen immer noch im Sinne, Herr Jeorling, ganz wie dem wackern Dirk Peters?«

»Noch immer, Hurliguerly, und es bedurfte eines so beklagenswerthen, so unwahrscheinlichen Unfalls, der uns fast im Hafen stranden ließ . . .«

»Ich lasse Ihnen Ihre Illusionen, Herr Jeorling, und da Sie meinen, daß wir so gut wie im Hafen gestrandet wären . . .«

»Warum das nicht?«

»Zugegeben, jedenfalls war das eine noch kaum dagewesene Strandung!« erklärte der Hochbootsmann. »Statt auf eine ehrliche Untiefe aufzulaufen, in der Luft auf die Küste zu gerathen! . . .«

»Ich bin doch auch zu sagen berechtigt, daß das ein sehr unglücklicher Zufall ist . . .«

»Unglücklich ohne Zweifel, meiner Ansicht nach läßt sich daraus aber eine Lehre ziehen . . .«

»Eine Lehre? . . . Welche denn?«

»Daß es nicht statthaft ist, sich soweit in diese Gebiete hineinzuwagen und daß der Schöpfer es seinen Creaturen verwehren wollte, bis auf die Pole zu kriechen.«

»Dieses Ziel liegt aber jetzt nur noch sechzig Meilen entfernt . . .«

»Gewiß, Herr Jeorling. Freilich sind diese sechzig Meilen so gut wie tausend, wenn man kein Mittel hat, sie zurückzulegen! . . . Und gelingt es nicht, die Goëlette zu Wasser zu bringen, so sind wir zu einer Ueberwinterung verurtheilt, an der auch die Polarbären keine Freude hätten!«

Ich antwortete nur mit einem Achselzucken, das Hurliguerly nicht mißverstehen konnte.

»Wissen Sie, woran ich am häufigsten denke, Herr Jeorling?« fragte er mich.

»Nun, woran denn, Hochbootsmann?«

»An die Kerguelen, wohin wir kaum wieder kommen werden! In der schlechten Jahreszeit war's ja dort recht anständig kalt; darin ist kein großer Unterschied zwischen diesem Archipel und den Inseln nahe der Grenze des Polarmeers! Doch immerhin, man befindet sich dort in der Nähe des Caps, und wenn man sich einmal die Beine wärmen will, liegt einem keine Packeiswand im Wege, während sich hier, inmitten des Eises, der Teufel zurechtfinden mag, und dann weiß man nicht einmal, ob auch die Thür offen ist.«

»Ich wiederhole Ihnen, Hochbootsmann, daß ohne den traurigen Zwischenfall jetzt alles auf die eine oder die andere Art ein Ende hätte. Uns blieben dann noch sechs Wochen, um aus den südlichen Meeren herauszukommen. Alles in Allem ist es gewiß sehr selten, daß ein Schiff in so mißliche Lage geräth, wie unsere Goëlette, und es ist das ein desto empfindlicheres Unglück, als wir früher von den Umständen so auffallend begünstigt wurden . . .«

»Das ist vorüber, Herr Jeorling,« rief der Hochbootsmann, »und ich fürchte sehr . . .«

»Wie? . . . Auch Sie, Hurliguerly . . . Sie, den ich als so zuversichtlich kannte . . .«

»Die Zuversicht, Herr Jeorling, nutzt sich ab, wie das Sitztheil einer Hose! Ueberlegen Sie sich nur! Wenn ich mich mit dem lustigen Kumpan, dem Atkins vergleiche, der warm in seinem guten Gasthof sitzt, wenn ich an den ›Grünen Cormoran‹ denke, an die große Gaststube im Erdgeschoß, an die kleinen Tische, wo man mit einem Freunde am Gin oder Wisky nippt, während der Ofen lauter prasselt als der Wetterhahn auf dem Dache . . . da fällt der Vergleich doch wahrlich nicht zu unsern Gunsten aus, und meiner Ansicht nach, hat Meister Atkins das bessere Theil zu wählen verstanden . . .«

»O, Sie werden ihn ja wiedersehen, den wackern Atkins, Hochbootsmann, und den ›Grünen Cormoran‹ und die Kerguelen auch! . . . Sapperment, nur nicht den Muth sinken lassen! . . . Wenn Sie freilich, als verständiger, entschlossener Mann, schon verzweifeln wollen . . .«

»Ach, wenn ich's allein wäre, Herr Jeorling, das hätte nicht soviel zu bedeuten!«

»Nun, und die Mannschaft?«

»Mit der steht's so oder so,« antwortete Hurliguerly, »ich weiß wenigstens, daß einzelne Leute sehr unzufrieden sind.«

»Hat Hearne etwa wieder mit seinen Hetzreden angefangen?«

»Oeffentlich wenigstens nicht, Herr Jeorling, denn seitdem ich ein Auge auf ihn habe, hab' ich nichts davon gesehen oder gehört. Er weiß ja, was ihm droht, und da zieht er die Krallen ein! Ich glaube auch nicht darin zu irren, daß der Spitzbube die Halsen gewechselt hat. Was mich von ihm kaum wundert, das wundert mich von unserem Segelwerksmaat, dem Martin Holt.«

»Was wollen Sie damit sagen, Hochbootsmann?«

»Daß beide jetzt auf recht gutem Fuße miteinander zu stehen scheinen. Passen Sie nur auf; Hearne drängt sich an Martin Holt heran, schwatzt häufig mit ihm und Martin Holt kommt ihm nicht unfreundlich entgegen.«

»Martin Holt ist nicht der Mann dazu, auf Hearne's Rathschläge zu hören oder gar sie zu befolgen, wenn jener versuchte, die Mannschaft zu einer Meuterei zu verführen.«

»Nein, gewiß nicht, Herr Jeorling. Es gefällt mir aber nicht, die Beiden so zusammen zu sehen. Der Hearne ist ein gefährlicher, gewissenloser Mensch, dem Martin Holt vielleicht noch nicht genug mißtraut!«

»Da thäte er unrecht daran, Hochbootsmann!«

»Ja, und wissen Sie denn, wovon zwischen beiden die Rede war, als ich kürzlich einige Brocken ihres Gesprächs aufschnappte?«

»Ich weiß alle Dinge nicht eher, als bis Sie sie mir mitgetheilt haben, Hurliguerly.«

»Nun, während sie hier auf dem Deck der ›Halbrane‹ plauderten, hörte ich, daß von Dirk Peters die Rede war, und Hearne sagte gerade: ›Sie dürfen dem Mestizen schon nicht böse sein, Maat, daß er Ihnen ausweicht und von Ihrem Dank nichts hören will. Wenn er auch nur ein grober Tölpel ist, so fehlt's ihm doch nicht an Muth, das hat er ja bewiesen, als er Sie mit eigener Lebensgefahr aus schlimmster Lage rettete. Uebrigens vergessen Sie nicht, daß er zur Mannschaft des 'Grampus' gehört hatte, zu der ja, wenn ich nicht irre, auch Ihr Bruder Ned‹ . . .«

»Das hat er gesagt, Hochbootsmann?« rief ich unwillkürlich. »Er hat vom ›Grampus‹ gesprochen?«

»Ja, vom ›Grampus‹.«

»Auch von Ned Holt? . . .«

»Gewiß, Herr Jeorling!«

»Und was hat Martin Holt darauf geantwortet?«

»Nun, er sagte: ›Ach, mein armer Bruder! Ich weiß nicht einmal, unter welchen Umständen er umgekommen ist! War es bei einer Meuterei an Bord, so hat er als braver Mensch gewiß an der Seite des Kapitäns gestanden, und vielleicht ist er niedergemetzelt worden‹ . . .«

»Ging Hearne noch weiter hierauf ein, Hochbootsmann?«

»Ja, er setzte wenigstens hinzu: ›Das ist recht traurig für Sie, Holt! . . . Der Kapitän des 'Grampus' wurde, soweit ich die Geschichte erfahren habe, mit zwei oder drei seiner Leute in einem Boote ausgesetzt, und wer weiß, ob Ihr Bruder nicht dabei war.‹«

»Und weiter . . . weiter . . .«

»Weiter, Herr Jeorling, setzte er hinzu: ›Wollen Sie den Dirk Peters nicht um Mittheilungen darüber angehen?‹ – ›Ja,‹ antwortete Martin Holt, ›einmal habe ich ihn wohl darüber gefragt, nie aber einen Menschen bestürzter gesehen, als den Mestizen, als er mir erwiderte: 'Ich weiß von nichts . . . weiß von gar nichts!'‹ Seine Stimme klang dabei so tonlos, daß ich ihn kaum verstehen konnte, und um nicht weiter behelligt zu werden, verhüllte er das Gesicht mit beiden Händen.«

»Das ist alles, was Sie von jenem Gespräche gehört haben, Hochbootsmann?«

»Alles, Herr Jeorling; es erschien mir aber immerhin seltsam genug, um es Ihnen nicht vorzuenthalten.«

»Was haben Sie denn daraus geschlossen?«

»Gar nichts, als daß ich den Segelmeister für einen Schurken erster Classe halte, der gewiß fähig ist, im Geheimen für irgend einen schlechten Streich zu arbeiten, bei dem er Martin Holt als Helfershelfer haben möchte.«

Ja, was bedeutete wohl diese neue Haltung Hearne's? Warum suchte er sich mit Martin Holt, einem unserer besten Leute, zu verbünden? . . . Warum erinnerte er in dieser Weise an die Vorgänge auf dem »Grampus«? . . . Wußte Hearne etwa mehr als die Andern über Dirk Peters und Ned Holt, mehr von dem Geheimnisse, das der Mestize und ich allein zu besitzen glaubten?

Die Ungewißheit hierüber beunruhigte mich ernstlich. Jedenfalls hütete ich mich, Dirk Peters etwas davon zu sagen. Wenn er zu der Vermuthung kam, daß Hearne immer von den Ereignissen auf dem »Grampus« spräche, wenn er hörte, daß dieser Schurke – wie ihn Hurliguerly gewiß mit Recht nannte – gegen Holt immer dessen Bruder Ned erwähne, weiß ich nicht, was geschehen wäre.

Doch welche Absichten Hearne auch haben mochte, jedenfalls blieb es beklagenswerth, daß unser Segelwerksmaat, auf den der Kapitän Len Guy bisher mit Recht zählte, mit jenem in nähere Berührung kam. Der Segelmeister hatte gewiß seine Gründe, in dieser Weise aufzutreten . . . welche – das konnte ich noch nicht durchschauen. Obgleich die Mannschaft jeden Gedanken an eine Meuterei aufgegeben zu haben schien, machte sich doch eine strenge Ueberwachung derselben, vorzüglich Hearne's, noch immer nöthig.

Unsere Lage mußte sich übrigens bald ändern, wenigstens soweit das die Goëlette anging.

Zwei Tage später waren die Arbeiten beendet, war der Rumpf des Schiffes ausgebessert und das Bett zum Abgleiten bis zum Fuße unseres schwimmenden Berges hergestellt.

Das Eis hatte sich in seinen äußern Schichten etwas erweicht, so daß letztere Arbeit mit Axt und Spitzhaue nicht zu viele Anstrengung erforderte. Das Bett verlief schräg am Westabhange des Eisbergs, um nicht zu steilen Fall zu haben. Mit Hilfe passend eingelegter Wurfanker versprach das Abgleiten ohne erneute Beschädigung der »Halbrane« vor sich zu gehen. Ich befürchtete vielmehr, daß die Erhöhung der Temperatur die Bewegung in der Eisrinne erschweren möchte.

Selbstverständlich waren Ladung, Masten, Anker, Ketten u. s. w. noch nicht wieder an Bord gebracht worden. Der Rumpf war an sich schon so schwer und unhandlich, daß es unumgänglich war, ihn möglichst zu erleichtern. Schwamm die Goëlette erst wieder in ihrem Element, so war ihre Wiederausrüstung ja die Sache nur weniger Tage.

Am Nachmittage des 28. wurden die letzten Maßregeln getroffen. An manchen Stellen, wo das Eis mehr geschmolzen war, mußte das Bett an der Seite etwas abgesteift werden. Dann wurde Allen von vier Uhr nachmittags ab eine wohlverdiente Ruhe bewilligt. Der Kapitän Len Guy ließ an seine Leute doppelte Rationen vertheilen, und diese Zugabe an Wisky und Gin bekam ihnen gewiß gut, denn sie hatten diese Woche angestrengt genug gearbeitet.

Ich wiederhole, daß jeder Keim von Ungehorsam erstickt zu sein schien, seit Hearne seine Kameraden nicht mehr aufreizte. Die ganze Mannschaft beschäftigte sich ausschließlich mit der wichtigen Aufgabe des Stapellaufs. Die »Halbrane« auf dem Meere . . . das war die Abreise . . . die Rückfahrt! Für Dirk Peters und für mich bedeutete es freilich den Verzicht auf die Rettung Arthur Pym's! . . .

Die Luftwärme der Nacht war höher, als wir sie bisher beobachtet hatten. Ich hatte wohl kaum geschlafen und ich glaube bestimmt, Dirk Peters wird bei dem bedauerlichen Gedanken an die Rückkehr auch keinen Schlummer gefunden haben.

Das Ablassen des Schiffes sollte um zehn Uhr beginnen. Unter Berücksichtigung etwaiger Verzögerungen und der peinlichsten Vorsichtsmaßregeln, die dabei zu beachten waren, hoffte der Kapitän Len Guy, daß das Vorhaben vor Ablauf des Tages vollendet sein würde. Niemand zweifelte auch daran, daß die Goëlette gegen Abend mindestens am Fuße des Eisbergs angelangt wäre.

Selbstverständlich mußten wir bei diesem schwierigen Manöver alle mit Hand anlegen. Jedem wurde seine Aufgabe angewiesen, die er unbedingt zu erfüllen hatte, der eine sollte das Abgleiten durch Unterschiebung von Holzrollen unterstützen, wenn das nöthig wurde, der andre dagegen es verhindern, wenn der Abstieg zu geschwind erfolgte und es rathsam schien, den Schiffsrumpf mittelst Wurfankern und starken Tauen, die zu diesem Zwecke schon bereit lagen, zeitweise zurückzuhalten.

Das Frühstück wurde um neun Uhr unter den Zelten verzehrt. Unsere jetzt ganz hoffnungsfrohen Matrosen konnten sich nicht enthalten, auf den Erfolg unseres Werkes zu trinken und wir ließen unsere etwas vorzeitigen Hurrahs mit den ihrigen ertönen. Uebrigens waren vom Kapitän Len Guy und vom Lieutenant alle Maßregeln so zweckmäßig getroffen, daß ein günstiger Ausgang des Ablaufs fast sicher zu erwarten war.

Endlich verließen wir das Lager und nahmen unsere Posten ein – einige Matrosen waren schon vorausgeeilt – als plötzlich laute Ausrufe des Staunens und Schreckens hörbar wurden.

Welch' entsetzliches Schauspiel, so kurz es auch war, und welch unverlöschlichen Eindruck des Schreckens hat es in uns zurückgelassen!

Einer der ungeheueren Blöcke, der die Böschung der Mulde bildete, worin die »Halbrane« lag, glitt, durch das Schmelzen seines Untergrundes aus dem Gleichgewicht gebracht, ab und rollte donnernd und in furchtbaren Sätzen über die andern Blöcke hinunter.

Einen Augenblick später schwankte die nicht mehr unterstützte Goëlette über dem Abhange . . .

An Bord auf dem Vorderdeck befanden sich eben zwei Mann, Rogers und Gratian. Vergeblich versuchten diese Unglücklichen noch seitwärts über die Schanzkleidung zu springen . . . sie gewannen aber nicht mehr die Zeit dazu und wurden bei dem entsetzlichen Sturz mit hinabgerissen . . .

Ja, ich habe das mit angesehen, habe gesehen, wie die Goëlette sich umwendend zuerst auf die linke Seite sank, einen der Neuangeworbenen zerschmetterte, der nicht zeitig genug davonlief, und dann von Block zu Block sprang, um zuletzt ins Leere hinaus zu stürzen . . .

Eingedrückt, zerschlagen, die Seitenwand offen und die Rippen gebrochen, versank die »Halbrane«, wobei eine ungeheure Wassergarbe am Fuße des Eisbergs aufbrodelte! . . .

 


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