Jules Verne
Die Eissphinx. Zweiter Band
Jules Verne

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X. Sinnestäuschungen

Unsere Lage hatte eine unerwartete Veränderung erfahren! Welche Folgen würde es haben, daß wir nicht mehr an dieser Stelle gestrandet lagen? Nach dem Festgehaltensein fast genau auf dem Schnittpunkte des neununddreißigsten Meridians und des neunundachtzigsten Breitengrades, entführte uns die Strömung wieder in der Richtung nach dem Pole. Auf die erste Empfindung von Freude folgte freilich schnell die Furcht vor dem Unbekannten . . . und welches Unbekannten!

Nur Dirk Peters empfand eine ungetrübte Genugthuung darüber, wieder auf dem Wege zu sein, wo er die Spuren seines armen Pym's zu entdecken hoffte. Welche andre Gedanken durchschwirrten dagegen den Kopf der Uebrigen?

Der Kapitän Len Guy hegte thatsächlich gar keine Hoffnung mehr, seine Landsleute erlösen zu können. Daß William Guy mit seinen fünf Matrosen die Insel Tsalal vor weniger als acht Monaten verlassen hatte, darüber bestand kein Zweifel, doch wohin hatten sie sich begeben? In fünfunddreißig Tagen hatten wir eine Strecke von etwa vierhundert Seemeilen zurückgelegt, ohne das Geringste zu entdecken. Selbst wenn sie das polare Festland erreicht hatten, dem mein Landsmann Maury in seinen geistvollen Hypothesen eine Breite von tausend (englischen) Meilen zuschreibt, so wußten wir doch nicht, auf welchem Theile desselben unsre Nachforschungen stattfinden sollten. War es aber ein Meer, das über der Erdachse fluthet, dann mochten die Ueberlebenden von der »Jane« jetzt wohl schon von den Tiefen verschlungen sein, die sich bald wieder mit einem Eispanzer bedecken sollten.

Mit dem Erlöschen jedes Hoffnungsstrahles hätte der Kapitän Len Guy es denn auch für seine Pflicht gehalten, seine Mannschaft nach Norden hin zurückzuführen, um über den Polarkreis hinauszugelangen, so lange die Jahreszeit das erlaubte . . . jetzt aber wurden wir nach Süden hinunter getragen . . .

Nach der ersten Empfindung, deren ich erwähnte, trat bei dem Gedanken, daß die Strömung den Eisberg in dieser Richtung mitnahm, der Schrecken bald wieder die Herrschaft an.

Der Leser wolle nur bedenken: Waren wir auch nicht mehr gestrandet, so mußten wir uns doch auf eine lange Ueberwinterung einrichten und darauf verzichten, einem der Walfänger zu begegnen, die ihrem Gewerbe zwischen den Orkneys, Neu-Georgien und den Sandwich-Inseln obliegen.

Infolge des Zusammenstoßes, der unsern Eisberg wieder flott gemacht hatte, waren eine Menge Gegenstände ins Meer geschleudert worden, darunter die Böller der »Halbrane«, ihre Anker, Ketten und ein Theil der Maste und Raaen. Bezüglich der eigentlichen Ladung aber erwiesen sich die Verluste, Dank der klugen Maßregel, dieselbe geschützt unterzubringen, nach vorgenommener Besichtigung als ganz unbedeutend. Was wäre aber aus uns geworden, wenn alle unsere Vorräthe bei jenem Anprall vernichtet wurden?

Eine Beobachtung im Laufe des Morgens lehrte dem Kapitän Len Guy, daß unser Eisberg nach Südosten hintrieb. In der Richtung der Strömung war also gar keine Veränderung eingetreten. Die andern treibenden Massen hatten eben auch die gleiche Zugrichtung beibehalten und eine davon stieß dabei an die Ostseite unsers Eisbergs an. Jetzt bildeten die beiden Eisberge einen einzigen, der sich mit der Geschwindigkeit von zwei Seemeilen in der Stunde fortbewegte.

Besondere Beachtung verdiente die Unveränderlichkeit dieser Strömung, die vom Packeise an das Wasser des freien Meeres nach dem Südpole hintrieb. Gab es nun, entsprechend der Ansicht Maury's, ein großes antarktisches Festland, so mußte die Strömung dieses entweder umkreisen oder das Land bot, durch eine breite Meeresstraße in zwei gleiche Theile geschieden, hinreichenden Durchzugsraum für diese Wassermassen und auch für die schwimmenden Massen, die jene auf ihrer Oberfläche trugen.

Meiner Ansicht nach mußten wir hierüber bald Klarheit erlangen. Bei der Geschwindigkeit unserer Fortbewegung – zwei Seemeilen in der Stunde – genügten ja dreißig Stunden, um den axialen Punkt der Erdkugel zu erreichen, an dem die Meridiane zusammenliefen.

Ob die Strömung freilich bis über den Pol selbst hinausging oder dort ein Land lag, das wir »anlaufen« konnten, das war eine andere Frage.

Bei einem Gespräche, das ich mit dem Hochbootsmann hatte, äußerte dieser:

»Ja, was zerbrechen Sie sich denn den Kopf darum, Herr Jeorling? Reicht die Strömung bis über den Pol hinaus, dann gehen wir mit, wenn nicht, na, dann eben nicht. Eine Eisscholle ist ja kein Schiff, und da sie weder Segel noch Steuerruder hat, treibt sie ebendahin, wie die Strömung selbst.«

»Das geb' ich gerne zu, Hurliguerly, deshalb kam mir eben der Gedanke, daß, wenn zwei oder drei sich einschifften . . . auf dem Boote . . .«

»Immer noch derselbe Gedanke! . . . Sie erwarten Alles von Ihrem Boote!«

»Gewiß, denn wenn irgendwo ein Land vorhanden ist, wäre es dann nicht möglich, daß die Leute von der ›Jane‹ . . .«

»Das angelaufen hätten, Herr Jeorling? . . . Vierhundert Meilen von der Insel Tsalal? . . .«

»Wer kann das wissen, Hochbootsmann?

»Zugegeben, doch erlauben Sie mir die Bemerkung, daß solche Erwägungen erst am Platze sind, wenn sich ein Land zeigt . . . vorausgesetzt, daß sich ein solches zeigen werde. Unser Kapitän wird dann schon sehen, was sich mit Rücksicht auf die Zeit, die uns nun drängt, noch thun läßt. Aufhalten dürfen wir uns in diesen Gegenden nicht, und da uns der Eisberg schwerlich nach der Seite der Falklands oder der Kerguelen tragen wird, was thut's, wenn wir auf einer andern Seite herauskommen? Das Wichtigste ist doch, den Polarkreis überschritten zu haben, ehe der Winter diesen absperrt.«

Ich muß zugestehen, daß der gesunde Menschenverstand dem Hurliguerly diese Worte eingab.

Während alle nöthigen Vorbereitungen entsprechend den Befehlen des Kapitän Len Guy in Angriff genommen und vom Lieutenant überwacht wurden, bestieg ich wiederholt den Gipfel unsers Eisbergs. Dort, auf der höchsten Spitze sitzend und das Fernrohr in der Hand, durchmusterte ich unablässig den Horizont. Von Zeit zu Zeit wurde seine Kreislinie durch einen vorübertreibenden Eisberg unterbrochen oder durch wallende Nebelmassen verhüllt.

Von dem Platze, den ich gegen hundertfünfzig Fuß über der Meeresfläche einnahm, schätzte ich meine Sehweite auf mehr als zwölf Seemeilen. Bis jetzt hatte sich noch keine Landlinie am Grunde des Himmels gezeigt.

Zweimal erklomm auch der Kapitän diese Höhe, um ein Besteck zu machen.

Das Ergebniß seiner Beobachtung an diesem Tage war:

Westliche Länge: 67°19'.
Südliche Breite: 89°21'.

Hieraus ließ sich ein zweifacher Schluß ableiten.

Der erste, daß die Strömung uns seit der letzten Aufnahme der Länge etwa um vierundzwanzig Grad nach Südosten verschlagen hatte.

Der zweite, daß der Eisberg sich nicht mehr weiter als vierzig Seemeilen vom Südpole entfernt befand.

Im Laufe dieses Tages wurde der größte Theil der Ladung ins Innere einer großen Aushöhlung geschafft, die der Hochbootsmann an der Ostseite des Eisbergs entdeckt hatte und wo, auch im Falle eines neuen Zusammenstoßes, Kisten und Fässer in Sicherheit waren. Dann halfen unsere Leute Endicott den Kochofen zwischen zwei Blöcken so aufzustellen, daß er sicher fest gehalten wurde, und sie schafften auch mehrere Tonnen Kohlen in dessen Nähe.

Diese verschiedenen Arbeiten vollzogen sich ohne Widerspruch und ohne Murren. Das Stillschweigen, das die Mannschaft bewahrte, war offenbar ein absichtliches. Wenn sie dem Kapitän Len Guy und dem Lieutenant jetzt gehorchte, geschah es, weil ihr nichts zugemuthet wurde, was nicht nothwendig und ohne Verzug auszuführen war. Doch würden unsere Leute auch mit der Zeit nicht wieder der Entmuthigung verfallen? Wenn die Autorität ihrer Vorgesetzten jetzt noch geachtet wurde, würde das nach einigen Tagen auch noch der Fall sein? Wir konnten wohl auf den Hochbootsmann – das war selbstverständlich –, auf den Maat Hardie, wenn nicht auf Martin Holt, und vielleicht auf noch zwei oder drei der alten Leute sicher rechnen; doch ob die andern, vorzüglich die Neuangeworbenen von den Falklands, die kein Ende dieser unglücklichen Reise sahen, wohl dem Verlangen widerstehen würden, sich des Bootes zu bemächtigen und damit zu entfliehen, wer konnte das wissen?

Meiner Ansicht nach war dieser Fall indeß nicht zu befürchten, so lange der Eisberg noch weiter trieb, denn das Boot hätte ihn an Geschwindigkeit nicht übertreffen können. Strandete er aber ein zweites Mal, stieß er an das Ufer eines Festlands oder einer Insel, was würden die Unglücklichen dann nicht wagen, um den Schrecknissen einer Ueberwinterung zu entgehen?

Ueber dieses Thema sprachen wir während des Mittagessens. Der Kapitän Len Guy und Jem West theilten die Anschauung, daß von dem Segelmeister und seinen Gefährten nichts unternommen werden würde, so lange die schwimmende Masse weitertrieb. Immerhin sollte die Aufmerksamkeit keine Stunde außer Augen gelassen werden, denn Hearne flößte zu arges Mißtrauen ein, als daß man ihn je hätte unbeobachtet lassen können.

Am Nachmittage, in der Zeit, wo der Mannschaft eine Ruhezeit vergönnt war, hatte ich wieder ein Zwiegespräch mit Dirk Peters.

Ich hatte eben meinen gewohnten Platz auf dem Gipfel eingenommen, während der Kapitän Len Guy und Jem West nach dem Fuße des Eisbergs hinabgestiegen waren, um gewisse Merkzeichen an dessen Schwimmlinie nachzusehen. Diese Zeichen mußten zweimal binnen vierundzwanzig Stunden besichtigt werden, um zu erfahren, ob die Eintauchung des Eisbergs zu- oder abnahm, d. h. ob eine Verlegung seines Schwerpunktes uns nicht mit einem erneuten Umsturz der ganzen Masse bedrohte.

Ich saß bereits eine halbe Stunde da oben, als ich den Mestizen erblickte, der raschen Schrittes den Eiswall emporkletterte.

Kam auch er hierher, um den Horizont so weit wie möglich zu überblicken, und mit der Hoffnung, ein Land zu entdecken, oder, was ich für wahrscheinlicher hielt, wünschte er mir einen Plan, der Arthur Pym betraf, mitzutheilen?

Seit der Weiterbewegung des Eisbergs hatten wir keine drei Worte gewechselt.

Als der Mestize an mich herangekommen war, blieb er stehen, ließ den Blick über das uns umgebende Meer schweifen, suchte da, was ich selbst suchte, und fand auch nicht, was ich nicht gefunden hatte.

Zwei bis drei Minuten verstrichen, ehe er das Wort an mich richtete, ja, er war vorher so mit sich selbst beschäftigt, daß ich mich fragte, ob er mich überhaupt gesehen hätte.

Endlich lehnte er sich gegen einen Eisblock und ich glaubte, er wollte zu mir von dem sprechen, wovon er immer sprach . . . ich täuschte mich.

»Herr Jeorling,« begann er, »Sie erinnern sich . . . in Ihrer Cabine auf der ›Halbrane‹ . . . habe ich Ihnen die Geschichte . . . die Geschichte vom ›Grampus‹ erzählt.«

Ob ich mich dessen erinnerte! Nichts von allem, was er mir über die entsetzlichen Vorkommnisse mitgetheilt hatte, war meinem Gedächtnis entschwunden.

»Ich hab' es Ihnen gesagt,« fuhr er fort, »Parker hieß nicht Parker . . . er hieß Ned Holt . . . es war der Bruder Martin Holt's . . .«

»Ja, ja, das weiß ich, Dirk Peters,« antwortete ich. »Warum aber auf diese traurige Geschichte zurückkommen?«

»Warum, Herr Jeorling? . . . Nicht wahr, Sie haben niemand davon etwas verrathen?«

»Keiner Seele!« versicherte ich. »Wie hätte ich denn so unklug sein können, Ihr Geheimniß zu entschleiern . . . ein Geheimniß, das nie über unsere Lippen kommen darf . . . das zwischen uns begraben ist?«

»Begraben . . . ja . . . begraben!« murmelte der Mestize. »Und doch . . . verstehen Sie mich recht . . . scheint es mir, daß man unter der Mannschaft . . . daß man etwas davon weiß . . .«

Sofort fiel mir ein, was mir der Hochbootsmann über ein von ihm belauschtes Gespräch mitgetheilt hatte, in dem Hearne den Martin Holt aufzustacheln suchte, daß er den Mestizen ausforschen möchte, unter welchen Umständen sein Bruder an Bord des »Grampus« umgekommen wäre. Sollte ein Theil des Geheimnisses doch sozusagen durchgesickert sein, oder bestand diese Vermuthung bei Dirk Peters nur in der Einbildung?

»Erklären Sie sich näher,« sagte ich.

»Verstehen Sie mich recht, Herr Jeorling . . . ich finde nicht die rechten Worte . . . Ja . . . gestern . . . seitdem hab' ich immer daran denken müssen . . . gestern hat mich Martin Holt mit zur Seite genommen . . . weit weg von den Andern – und sagte, daß er mit mir sprechen wollte . . .«

»Vom ›Grampus‹?«

»Vom ›Grampus‹ . . . ja . . . und von seinem Bruder Ned Holt. Zum ersten Male . . . hat er diesen Namen vor mir erwähnt . . . den Namen dessen, der . . . und doch . . . wir segeln nun doch schon drei Monate lang mit einander . . .«

Die Stimme des Mestizen veränderte sich, daß ich ihn kaum hörte.

»Verstehen Sie mich recht,« fuhr er fort, »mir schien es, daß in Martin Holt . . . nein, ich täusche mich darüber nicht . . . etwas wie ein Verdacht aufgestiegen sei . . .«

»So sprechen Sie sich doch aus, Dirk Peters!« rief ich. »Was hat Martin Holt Sie denn gefragt?«

Ich fühlte recht gut voraus, daß es eine Frage war, die Hearne dem Martin Holt eingegeben hatte. Da ich indessen Ursache hatte zu glauben, daß der Mestize von dieser Einmischung des Segelmeisters nichts wisse – einer Einmischung, die ebenso beunruhigend wie unerklärlich war – beschloß ich, ihm gegenüber davon zu schweigen.

»Was er mich gefragt hat, Herr Jeorling?« antwortete er. »Er fragte mich, ob ich mich vom ›Grampus‹ her nicht Ned Holt's erinnerte . . . ob dieser beim Kampfe gegen die Meuterer oder beim Schiffbruche umgekommen sei . . . ob er zu denen gehört habe, die mit dem Kapitän Bernard aufs Meer ausgesetzt worden waren . . . kurz, ob ich ihm sagen könne, wie sein Bruder das Leben verloren habe . . . Ach, wie . . . wie . . .«

Der Mestize stieß diese Worte mit einem Entsetzen in der Stimme hervor, das deutlich seinen Abscheu vor sich selbst erkennen ließ.

»Und was haben Sie Martin Holt geantwortet, Dirk Peters?«

»Nichts . . . gar nichts.«

»Sie hätten sagen sollen, daß Ned Holt beim Schiffbruche der Brigg umgekommen sei.«

»Ich konnte es nicht – verstehen Sie mich recht – ich konnte es nicht! . . . In Martin Holt . . . glaubte ich Ned Holt wiederzusehen! . . . Ich fürchtete mich . . . ich lief davon . . .«

Der Mestize hatte sich mit rascher Bewegung aufgerichtet und ich begann, den Kopf in die Hände gestützt, über die Sache nachzudenken. Jene so verspäteten Erkundigungen Martin Holt's über seinen Bruder hatte er offenbar auf Anregung Hearne's einzuziehen versucht. Vielleicht hatte der letztere das Geheimnis des Dirk Peters, wovon ich gegen niemand ein Wort gesprochen hatte, schon auf den Falklands zu erspähen gewußt . . .

Doch wenn er Martin Holt zum Befragen des Mestizen drängte, was bezweckte Hearne damit? Welches Ziel hatte er vor Augen? . . . Wollte er nur seinen Haß gegen Dirk Peters befriedigen, der als einziger von den falkländischen Matrosen immer auf Seiten des Kapitän Len Guy gestanden und seine Kameraden verhindert hatte, sich des Bootes zu bemächtigen? Hoffte er durch Aufreizung Martin Holt's diesen auch auf die Seite seiner unzufriedenen Genossen hinüberzuziehen? . . . Freilich, wenn es sich darum handelte, das Boot in diesen Meeren zu führen, konnte er Martin Holt, einen der besten Seeleute von der »Halbrane«, nicht entbehren, denn kein Anderer hätte das mit Erfolg zu thun vermocht, während Hearne und seine Gefährten, sich selbst überlassen, gewiß zugrunde gegangen wären.

Der freundliche Leser sieht hieraus, zu welcher Kette von Muthmaßungen ich mich verirrte und welch weitere Schwierigkeiten zu unserer ohnehin schwierigen Lage damit noch hinzutraten.

Als ich die Augen wieder erhob, war Dirk Peters nicht mehr bei mir. Er war verschwunden, ohne daß ich seinen Weggang bemerkte, nachdem er mir gesagt, was er sagen wollte, und sich überzeugt hatte, daß sein Geheimniß von mir nicht verrathen worden war. Bei der schon vorgeschrittenen Stunde warf ich noch einen letzten Blick auf den Horizont und stieg, tief erregt und wie immer von der Ungeduld verzehrt, schon am nächsten Tage zu sein, wieder hinunter.

Mit Anbruch des Abends wurden die gewohnten Vorsichtsmaßregeln getroffen. Niemand durfte außerhalb der Zelte bleiben, mit Ausnahme des Dirk Peters, dem die Bewachung des Bootes anvertraut blieb.

Ich war geistig und körperlich so ermüdet, daß ich neben dem Kapitän Len Guy gleich in Schlaf verfiel, während der Lieutenant draußen wachte, und dann weiter neben diesem, als der Kapitän ihn abgelöst hatte.

Am nächsten Tage, dem 31. Januar, schlug ich den Leinenvorhang unsers Zeltes auseinander.

Welche Enttäuschung!

Ueberall Nebelmassen . . . nicht solche, die sich bei den ersten Sonnenstrahlen aufzulösen und im leisen Windhauche zu verschwinden pflegen . . . nein, ein gelblicher, fast schimmelig riechender Dunst, als wenn der antarktische Januar der Nebelmond (November) der nördlichen Halbkugel gewesen wäre. Dazu beobachteten wir eine empfindliche Abnahme der Luftwärme, vielleicht einen Vorboten des südlichen Winters. Vom verdüsterten Himmel rieselten große Dunstbläschen nieder, unter denen der Gipfel unsers Eisbergs sich verlor. Es war aber ein Nebel, der sich nicht zu Regen verwandeln sollte, eine Art Wattenhülle, die den ganzen Horizont bedeckte.

»Ein verteufeltes Pech,« sagte der Hochbootsmann zu mir, »denn wenn wir auch nahe einem Lande vorüberkämen, könnten wir's nicht einmal sehen!«

»Und wie steht's mit dem Weitertreiben?« fragte ich.

»Das geht noch schneller vor sich als gestern, Herr Jeorling. Der Kapitän hat eine Art Log auswerfen lassen und schätzt die Geschwindigkeit nicht unter drei bis vier Meilen.«

»Und was schließen Sie daraus, Hurliguerly?«

»Ich glaube, wir müssen uns auf mehr eingeengtem Meere befinden, da die Strömung so an Kraft zunimmt. Mich sollte es gar nicht wundern, wenn wir auf Back- und auf Steuerbord Land in zehn bis zwölf Meilen Entfernung hätten.«

»So durchschnitte also eine breite Wasserstraße das antarktische Festland?«

»Ja . . . wenigstens unser Kapitän ist dieser Ansicht.«

»Und trotzdem, Hurliguerly, will er keinen Versuch machen lassen, das eine oder andere Ufer dieser Meerenge anlaufen zu lassen?«

»Ja, wie denn?«

»Nun mit dem Boote.«

»Das Boot aufs Spiel setzen . . . hier bei diesem Nebel!« rief der Hochbootsmann, die Arme kreuzend. »Denken Sie wirklich daran, Herr Jeorling? Können wir denn Anker werfen, um es zurückzuerwarten? Nein . . . nicht wahr? . . . Wir hätten nur die beste Aussicht, es nie wieder zu sehen. O, wenn wir jetzt die ›Halbrane‹ noch hätten!«

Ach, wir hatten die »Halbrane« nicht mehr!

Trotz der Schwierigkeiten, die der Aufstieg durch den halbcondensierten Nebel bereitete, erklomm ich doch den Gipfel des Eisbergs, da ja eine zufällige Lichtung im Dunste gestatten konnte, im Osten oder Westen Land zu erkennen.

Auf der Spitze stehend, erwies es sich mir leider vergeblich, mit dem Blicke den dichten grauen Mantel zu durchdringen, der die ganze Umgebung verhüllte.

Ich wartete, geschüttelt vom kalten Nordostwinde, der den Nebelschleier doch vielleicht einmal zerreißen konnte.

Leider wälzten sich, getrieben von der starken atmosphärischen Strömung über dem offenen Meere, immer neue Dunstmassen heran. Unter der doppelten Wirkung der Luft- und der Wasserströmung trieben wir mit zunehmender Schnelligkeit weiter und ich fühlte etwas, wie ein Erzittern des Eisbergs.

Da bemächtigte sich auch meiner eine Art Sinnestäuschung . . . eine jener seltsamen Hallucinationen, die gewiß auch den Geist Arthur Pym's getrübt hatten. Es schien mir, als verschmölze ich mit seiner außergewöhnlichen Persönlichkeit und glaubte schließlich wirklich zu sehen, was er gesehen haben wollte. Dieser unzerreißbare Nebel war der vor den Augen des Bethörten sich wegspannende Dunstvorhang. Ich suchte darin die Flammengarben leuchtender Streifen, die am Himmel von Osten bis Westen aufflackerten. Ich suchte darin den überirdischen Gluthschein seines Gipfels! Ich suchte das Lichtzucken im Luftraum ebenso wie das vom leuchtenden oceanischen Grunde erhellte Wasser. Ich suchte nach jenem unbegrenzten Katarakt, der geräuschlos von einem hohen, in der Tiefe des Zeniths verlornen Walle herniederfloß. Ich suchte die breiten Spalten, hinter denen sich unter mächtigen Luftwirbeln ein Chaos von schwimmenden, unbestimmten Bildern umherwälzte. Ich suchte auch den weißen Riesen . . . den Riesen des Poles! . . .

Endlich kehrte mir das klarere Bewußtsein zurück. Die visionäre Erregung, die bis zum äußersten getriebene Sinnesverwirrung verschwand allmählich und ich stieg wieder nach dem Lagerplatze hinunter.

Der ganze Tag verlief unter den gleichen Verhältnissen. Kein einziges Mal erhob sich der Vorhang vor unsern Augen, und wenn der Eisberg, der seit gestern wenigstens vierzig Seemeilen weiter getrieben, dabei über das Ende der Erdachse weggekommen war, so sollten wir das jedenfalls niemals wissen können!Achtundzwanzig Jahre später, was Herr Jeorling freilich nicht ahnen konnte, hatte ein Andrer den Pol gesehen, hatte ein Andrer, am 21. März 1868, den Fuß auf diesen Punkt der Erdkugel gesetzt. Die Jahreszeit war damals schon um sieben Wochen weiter vorgeschritten und die Spuren des südlichen Winters zeigten sich bereits in der trostlosen Wüstenei, die bald von sechsmonatlicher Finsterniß verhüllt werden sollte. Das kümmerte freilich den außerordentlichen Seefahrer, an den wir hier erinnern, sehr wenig. Mit seinem wunderbaren unterseeischen Fahrzeug konnte er der Kälte und den Stürmen trotzen. Nachdem er den Packeiswall hinter sich gelassen hatte und unter dem Eispanzer des antarktischen Oceans hingeglitten war, konnte er bis zum neunzigsten Grade hinaufdringen. Dort setzte ihn sein Boot an einem vulcanischen Boden ab, der mit Basalttrümmern, Schlacken, Asche und schwärzlichen Felsstücken überstreut war. Am Ufer tummelten sich Schwärme von Amphibien, Seehunde und Walrosse. Darüber flatterten zahllose Völker von Strandläufern, Chionis, Alcyons und riesigen Sturmvögeln, während Pinguine regungslose Reihen bildeten. Durch Moränenschutt und Bimssteinhaufen erstieg jene räthselhafte Persönlichkeit die steile Böschung eines halb aus Porphyr und halb aus Basalt bestehenden Spitzbergs genau auf dem Südpole. Und in dem Augenblicke, wo der Horizont im Norden die Scheibe der Sonne in zwei gleiche Theile zerschnitt, nahm der seltsame Mann unter seinem Namen Besitz von diesem Lande und entfaltete eine Flagge mit einem in Gold gestickten N. Auf dem Meere schaukelte sein unterseeisches Fahrzeug, das »Nautilus« hieß und dessen Führer sich Kapitän Nemo nannte. – J. V.

 


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