Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Fünfzehntes Kapitel

Immer dunkler und tiefer wurden die Farben des Sommers. Jeder Tag ließ neue Geschenke herabströmen, jede Stunde schien Seltsames zu bereiten. Überall rieselte die Kraft in dem feinen Gewebe des Alls. Die Bauern waren sich dessen nicht bewußt, sie lebten als ein Bestandteil der Natur dahin; die Städter fühlten die Erneuerung ihrer erschlaffenden Leiber, die Ersetzung der abgebrauchten Atome durch neue; aber sobald sie einmal über das erste frohe Erstaunen hinweg waren, hatten sie der ganzen Herrlichkeit wenig acht.

Nur ein Mensch war da, der jedem Tag und jeder Stunde immer dankbar war und der sein reines Genießen nicht abstumpfen ließ. Das war Frau Hedwig. Sie ließ sich vom Maurerwenzel überall hinführen, wohin es einem Rollstuhl möglich war zu gelangen, und staunte mit klaren Augen in die Sommerwelt hinein. Seit langer, langer Zeit war sie nicht so vollkommen glücklich gewesen. Sie ließ sich tragen und vergaß, daß sie mit gelähmten Gliedern in einem Rollstuhl saß. So stark war die Sommerfreude und das Tönen einer beständigen Heiterkeit. Ihr Gatte war mürrisch und verdrossen, wenn er mit ihr allein war, und überströmte sie mit Zärtlichkeit, wenn man zuschaute; aber es war ihr gleichgültig, sie ertrug seine schlechte Laune und seine milde Güte. Denn es kam jeden Tag eine Stunde, die ihr schon morgens nach dem Erwachen fröhlich entgegenleuchtete. Man traf nachmittags immer mit Ruprecht zusammen.

Unter der sommerlichen Gesellschaft hatte eine neue Kristallisation stattgefunden. Helmina und Ruprecht, Gegely und Frau Hedwig, Hugo und der Major Zichovic! Zwei schöne Frauen, deren eine das Begehren und die Bewunderung, deren andere das Mitleid der Sommergäste auf sich lenkte; Gegely hatte sich an Frau Helmina geschlossen, Ruprecht hatte sich still und innig zu Hedwig gesellt. Er blieb ruhig und fand wie sie in dem nachmittägigen Beisammensein die Verklärung von vierundzwanzig Stunden. Gegely aber entfaltete seine ganzen Prächte. Er beschenkte die ganze kleine Welt von Vorderschluder mit seinen Gnaden, er strahlte königlich, aber er versäumte nicht, Frau Helmina fühlen zu lassen, daß man ihrer Schönheit so viel Huld und Sonne verdanke.

Hugo und Zichovic waren in dem kleinen Verband die vermittelnden Glieder. Sie waren einander in einer Eifersucht auf den Meistbegünstigten benachbart. Hugo kämpfte mit spöttischer Überlegenheit. Sie war ehrlich erstrebt, aber gelang nicht immer. Der Major war harmloser. Es genügten ihm Bemerkungen und Wortverdrehungen, die er für gute Witze hielt. Aber manchmal ließ er sich doch zu kleinen boshaften Bündnissen bereitfinden. Gegely indessen ließ seinen Schild mit Pfeilen spicken, als halte er es nicht der Mühe wert, mit solchen Gegnern zu kämpfen.

Man hatte einen Ausflug nach der Rosenburg verabredet. Am frühen Morgen hatte Frau Helmina einen großen Verdruß erfahren. Kriegsgerüchte liefen um. Und eine gewagte Börsenspekulation, die von Helmina mit einiger Nervosität, ohne die sonstige Umsicht, begonnen worden war, hatte mit einem vollen Mißerfolg geendet. Es war ein empfindlicher Verlust für sie. Vor kurzer Zeit hatte sie sich gezwungen gesehen, in einem Vergleich auf ihre Ansprüche aus dem Testament des Barons Kastelli zu verzichten. Eine Niederlage folgte auf die andere. Und noch etwas trat ein, was ihr Selbstbewußtsein schwächte. Das Band der Sinne zwischen ihr und Ruprecht begann sich zu lockern. Sie stellte mit grimmigem Hohn fest: er begann sich an Hedwigs Rollstuhl zu »vergeistigen«. Er begehrte sie nicht mehr. Die Götterdämmerung ihrer Herrschaft war da. Zu allem übrigen bedrängte sie heute noch Lorenz, der wieder in Wien gewesen war. Anton Sykora ließ ihr sagen, sie solle bereit sein, mit ihnen zu gehen. Es war unmöglich, sich noch länger zu halten. Man hatte hier nichts mehr zu hoffen. Ruprecht hatte sich aller Gefahr entzogen, und nun hing es nur mehr von seinem guten Willen ab, nicht zum Angriff überzugehen. Und Herrn Diamants Zudringlichkeiten ließen sich kaum mehr abwehren. Das galizische Petroleum konnte nicht mehr verwertet werden. In der neuen Welt lagen neue Möglichkeiten im Dornröschenschlummer. Lorenz hatte den Auftrag erhalten, seinen Posten zu kündigen und sich als erster zurückzuziehen. Er war sehr froh darüber, denn schon längst ging er in diesem Schloß wie auf schwankendem Moorboden umher. Es war ihm, als könne er jeden Augenblick versinken. Seine schöne Zuversicht war dahin.

Vor der Abfahrt trat er vor Ruprecht hin und bat um seine Entlassung. Dabei war ihm ein wenig unheimlich zumute. Denn man wußte ja nicht, wieviel Ruprecht bekannt war und ob er einen seiner Feinde aus seiner Gewalt lassen würde.

Aber Ruprecht war voll Freude. Ein schöner Tag leuchtete vor ihm. Er sah Lorenz flüchtig ins Gesicht und bemerkte die Unsicherheit dieses Menschen. Der wollte also fort, seine Rolle war ausgespielt. Nun gut, er mochte gehen. Ruprecht hatte nicht im Sinn, der Polizei wieder seine Dienste zu leihen.

»Gut,« sagte er, »Sie können gehen, wann Sie wollen. Ich will Sie nicht halten. Wenn Sie einen besseren Posten gefunden haben, so brauchen Sie nicht einmal Ihre vierzehn Tage zu machen. Sie müssen natürlich auch die Erlaubnis der Frau Baronin einholen.«

Lorenz fühlte den Herrscher über sich. Eine Faust, eine Peitsche … ah, wenn er diesem Menschen hätte an den Hals fahren können, daß diese Anschläge alle mißlungen waren, das blieb eine unauslöschliche Schmach. Er hätte seine Riesenkräfte an Ruprecht in einem wütenden Ringen auslassen mögen. Aber es blieb nichts übrig, als sich zu verneigen und zu gehen.

Ruprecht nahm seine Handschuhe und lief die Treppe hinab. Zwei Wagen standen bereit. Man traf die anderen Teilnehmer am Ausflug unten an der Brücke. Frau Hedwig wandte ihren Blick von dem heiligen Johannes von Nepomuk, der ihr ein lieber Freund geworden war, ab und zu Ruprecht hin. Sie lachten einander an. Ruprecht freute sich über Hedwigs rote Wangen. Ihre Arme hoben sich nicht mehr so müde, wie in den ersten Tagen, sondern wie spielend, und ihre Hände hatten einen kräftigen Druck.

Ruprecht sagte es ihr: »Vielleicht werden Sie noch einmal ganz gesund«, fügte er mit einem fröhlichen Leuchten der Augen hinzu.

Aber sie schüttelte den Kopf. »Ich hoffe es nicht mehr,« sagte sie leise … »und ich weiß nicht einmal, ob ich es noch wünsche.«

Man hob sie in den Wagen, in dem Ruprecht und der Major mit ihr fahren sollten. Der Rollstuhl wurde hinten aufgepackt, und der Maurerwenzel kletterte auf den Bock. Er machte sich gar nichts mehr daraus, gesehen zu werden. Der Rauß und er hatten sich schon zerschlagen. Der General hatte seinen Adjutanten einen Sklaven des Kapitalismus genannt, und der Adjutant hatte dem General gesagt, er sei ein Volksbetrüger und lebe von Streikgeldern. Darauf hatte im Hotel Bellevue ein Zweikampf stattgefunden, bei dem der Maurerwenzel ein Büschel Haare über dem rechten Ohr und einen Eckzahn, aber nicht seine neue Überzeugung eingebüßt hatte. Die Arbeiter der Papierfabrik, die längst wieder in den Dienst eingetreten waren, hatten zugeschaut, ohne sich dreinzumischen, und dem Maurerwenzel blieb das erhebende Gefühl, als hätten sie eigentlich ihm den Sieg gewünscht.

Im zweiten Wagen saßen Helmina, Fritz Gegely und Ernst Hugo. Der Dichter der »Maria Antoinette« trug heute einen seltsamen sackartigen Rock aus einem gelben, karierten Stoff, ein Stück, das einst Dostojewski bekleidet hatte. Die Weste hatte einst Paul Verlaine gehört, und der Spazierstock mit dem Mohrenkopf, zwischen seinen Knien, war bei einem Pariser Trödler als ehemaliges Eigentum Balzacs erstanden. Dazu trug Gegely wie immer seine purpurroten Sammetpantoffeln. Denn diese Sammetpantoffeln waren seine persönliche Note, die in allem Wechsel bewahrt werden mußte. Gegely tat, als sehe er Ernst Hugos spöttische Blicke nicht, und wendete sich mit einem Exkurs über die Landschaft bei Gottfried Keller ausschließlich an Helmina.

Man fuhr die Windungen des Waldtales hin, die immer nur ein kleines Stückchen Welt überschauen ließen, und dann den langsamen Anstieg zur Ebene, wo der Blick jauchzend eine schäumende Freiheit genoß. Überall leuchteten die Dächer über den gelben Wellen reifenden Getreides empor, die steinernen Finger der Kirchen standen wie Leuchttürme in einem Meere von Fruchtbarkeit. Es war ein sonniger, windheller Tag. Man sah auf allen Gartenzäunen Betten der Luft und dem Licht preisgegeben. Es war, als ob sich die Gegend besprochen hätte, die Landschaft mit blauen und roten Decken und Polstern zu schmücken.

Ruprecht sah zu, wie Hedwigs Stirnhaare im Wind wehten. Sie tanzten unter der Hutkrempe hin und flatterten auf einmal lang nach rückwärts.

»Warum haben Sie die Kinder nicht mitgenommen?« fragte sie. »Es ist ein so schöner Tag heute.«

»Sie werden uns mit Miß Nelson nachkommen. Sie müssen vorher ihre Stunden abtun. Zuerst die Arbeit und dann das Vergnügen. Ich möchte nicht, daß sich andere Vorstellungen von der Ordnung der Dinge in ihnen festsetzen. Ich glaube, ein Mensch, der nicht um einer ernsthaften Arbeit willen imstande ist, ein Vergnügen etwas hinauszuschieben, kann nicht für voll genommen werden.«

Frau Hedwig sah Ruprecht an. Eine ernste Zärtlichkeit schaute aus seinen Augen. Hedwig war immer gerührt, wenn sie mit Ruprecht über die Kinder sprach. Sie waren nicht schutzlos, Ruprecht liebte sie wie ein Vater. Aber sie bedauerte sie dennoch, denn es war ihr, als fehlte ihnen die Mutter. Helmina spielte mit ihnen in seltenen Anwandlungen animalischer Launen wie eine Katze mit ihren Jungen. Man konnte sehen, es mache ihr Vergnügen, diese kleinen, runden, warmen Körper zu fühlen. Dafür hatte Hedwig einen scharfen Blick, denn ihre Welt war durch das Muttergefühl bestimmt und beherrscht, und das war ihre schwerste Entsagung, daß sie nach der Katastrophe alles Sehnen nach solchem Glück als unerfüllbar erkennen mußte. Das erschien ihr als das Tadelnswerteste an Helmina, daß auf dem Grund ihres Wesens ein Undank lag. So reich war sie, so glücklich und mit allem beschenkt, und es war keine Spur von Lebensfrömmigkeit in ihr, nichts von jener steten Andacht, mit der Hedwig jede Stunde und jedes Blitzen der Sonne, jede Blume und den schlanken Trab der Pferde bestaunte.

Sie lehnte sich im Wagen zurück und sah in den Himmel hinein. Der war ganz blau, und eine Schar von weißen Wölkchen zog hintereinander her, wie Papierschiffchen, die von spielenden Kindern auf einem Strom ausgesetzt worden sind.

Da Ruprecht und Hedwig nichts sprachen, stand dem Major ein weites Feld offen. Man hörte ihm freundlich zu, ohne ihn zu unterbrechen. Er bedauerte, daß er wegen der Kriegsgefahr gezwungen sein werde, bald abzureisen. Aber dann sprach er unter mutigem Trompetengeschmetter mit großer Zuversicht von Kampf und Sieg. Nur wäre es zu wünschen, daß der Frieden wenigstens im Jubiläumsjahr des Kaisers erhalten bliebe. So lange müßte die Diplomatie das Gewölk im Wetterwinkel schon zu zerstreuen trachten. Zuletzt begann er Anekdoten zu erzählen, deren jede er selbst mit einem zehnzölligen Lachen beschloß.

Die Rosenburg ist das Hauptstück des Kamptales. Wo der Taffabach in den Kamp fließt und dieser selbst seinen Lauf aus der östlichen in die südliche Richtung hinüberwendet, steht sie auf dem Zipfel der Hochebene. Sie ragt nicht und sie trotzt nicht, wie andere deutsche Burgen, sie steht einfach und ganz selbstverständlich da. Sie gipfelt sich nicht kühn auf, zu einem Lugaus, wie etwa Aggstein oder Götzens Raubritternest Hornberg. Sie ist nicht um den Kern eines Festsaales gebaut, wie die Wartburg, daß man diesen sogleich als den eigentlichen Sinn erkennt. Sie will gar nichts Besonderes und Eigentümliches sein, und so weitläufig und malerisch sie ist, so prahlt sie doch mit nichts und ist fern von jeder Pose. Und gerade dadurch wird sie zum vollkommenen Ausdruck des Wesens ihrer Landschaft, der auch nichts fremder ist als Eitelkeit und prahlerischer Prunk. Vom Kamptal aus gesehen, schaut sie mächtig drein. Von der Hochebene aber kann man auf einer breiten Fahrstraße bis in den Turnierhof gelangen.

»Das ist ganz österreichisch,« sagte Ruprecht, der für Hedwig eine Charakteristik der Burg entworfen hatte, »man glaubt manchmal, einer ist in sich abgeschlossen und bei aller Einfachheit wenig umgänglich, und dann entdeckt man, daß es sich mit ihm ganz gemütlich sprechen läßt. Unsere großen Männer haben alle hinten herum eine bequeme Fahrstraße, wo man das Offizielle vermeiden kann.«

Sie fuhren in den Turnierhof ein. Hedwig wurde aus dem Wagen gehoben und in den Rollstuhl gesetzt. Der Maurerwenzel trat seinen Dienst an. Hedwig wollte in dem weiten, freien Hof bleiben. Das Treppauf, Treppab einer Burgbesichtigung war nichts für sie, Ruprecht war bereit, ihr Gesellschaft zu leisten. Die anderen zogen ab, dem achteckigen Turm des Burgeinganges zu, nachdem Fritz Gegely noch zärtlichen Abschied genommen und einen Kuß auf Hedwigs Stirn gehaucht hatte.

Die Wagen fuhren hinaus, um in der Taverne vor dem Turnierhof einzustellen. Der Maurerwenzel sah ihnen neidvoll nach. Ruprecht hatte Verständnis für diesen Blick. »Sie können auch hinübergehen,« sagte er, »wenn Sie Durst haben. Da – trinken Sie ein Viertel Wein.« Der Maurerwenzel hielt die Hand wie ein Nest, um ein silbernes Ei in Empfang zu nehmen, zog die Mütze und schaukelte beim Tor hinaus, vermittels des »G'schwinden«, denn es ging dem Wirtshaus zu.

»Wollen Sie in den Schatten hinüber?« fragte Ruprecht, die Hände an der Lehne des Rollstuhls.

»Nein, bitte, wenn es Ihnen nichts ausmacht, so bleiben wir auf der Sonnenseite. Es ist nicht übermäßig heiß … und der Wind kühlt so schön. Mir ist die Sonne so lieb … ich glaube, sie ist mir freundlich gesinnt. Ich lasse mich gern von ihr durchdringen … ich fühle sie dann in allen Gliedern … wie eine neue Kraft …«

Ruprecht zog den Rollstuhl ganz an die Mauer zurück, daß noch die reflektierten Strahlen wirken könnten, und setzte sich neben Hedwig auf einen herabgebrochenen Stein. Der weite Hof mit seiner Doppelstellung von Bogen ringsum war einsam vor ihnen. Hedwig lag fast wagrecht ausgestreckt im vollen Sonnenschein. Sie rührte sich nicht. Ruprecht sah, wie ihr ganzer Körper das heiße Licht trank. Vor seinen halb geschlossenen Augen flimmerte es. Er versuchte durch den rieselnden Vorhang von Licht hindurch die Reste der Wandmalereien in den Arkaden zu enträtseln. Ein braunes Rot war übriggeblieben, da die anderen Farben längst erloschen waren. Das mochten einmal Embleme, Wappen, Allegorien gewesen sein, Sinnbilder der Geschlechter, die hier einst ihre Pferde in glänzendem Karussell getummelt hatten.

Und aus der Vergangenheit dieser Burg glitt er sachte in die seines Lebens hinüber. Er lächelte. »Erinnern Sie sich noch, Frau Hedwig,« sagte er, »wie wir einmal im Wald getanzt haben. Es war auf einem Schülerausflug unseres Gymnasiums. Ihre Töchterschule war auch da und … auf einmal hatten wir uns zusammengefunden. Jünglinge und Jungfrauen … zum Entsetzen der Lehrer und Lehrerinnen …«

Hedwig wandte ihm den Kopf zu. »Ja … mit dem Tanzen ist es vorbei«, sagte sie lächelnd.

Ruprecht schwieg bestürzt. Wie hatte er so gedankenlos und unvorsichtig sein können. Er hätte noch gern von jenen Tagen gesprochen. Wie sie einmal nachts über alle Mauern und Hintergärten weg in den Hof von Hedwigs Haus gedrungen waren, wie Diebe, und dann plötzlich vierstimmig losgebrochen waren: »Warum bist du so ferne, o mein Lieb!« Und dann am nächsten Tag die strengen Gesichter der Professoren und die Disziplinaruntersuchung wegen nächtlichen Unfugs. Da hatte alles auf der Kante gestanden … und dann zehn Stunden Karzer als Buße. Zehn köstliche Stunden, angefüllt von dem Bewußtsein, für sie zu leiden und sein Heldentum zu beweisen. Sie hatten sie damals Silvia genannt. Weil dieser Name so voll Melodie war, voll Waldduft und leichtem Blätterrauschen, und weil kein anderer so für sie zu passen schien. Da war ein wenig von Shakespeares flügelreichem Sommernachtstraum drin. Wie eine Eidechse war sie gewesen, schlank, beweglich und glänzend.

»Aber … Sie sind glücklich«, sagte Ruprecht sich zum Trost. »Es gibt wenige Menschen, die sich im Leben eine reine Heiterkeit bewahrt haben wie Sie …«

»Ja … ich bin glücklich,« sagte sie dankbar und reichte ihm die Hand, »es ist noch so vieles da, was ich mir nicht versagen muß.«

Ruprecht bezwang sein Herz: »Vor allem haben Sie das Glück der Liebe gefunden … Ihr Mann ist voll sanfter Aufmerksamkeit …«

Hedwig schloß wieder die Augen und lag ganz still. Die Sonne floß wie ein heißer Trank in sie. Die Sonne ist die Klarheit und die Wahrheit, dachte Hedwig, man soll nicht lügen, wenn man in der Sonne liegt. »Warum soll ich Sie um eine Genugtuung bringen, die ich Ihnen schuldig bin?« sagte sie nach einer Weile. »Sie täuschen sich, Ruprecht, die ganze Welt täuscht sich. Ich bin meinem Gatten eine Last. Meine Gebrechlichkeit erregt seinen Verdruß. Ja … er versteht es meisterlich, vor aller Welt seine Rolle durchzuführen. Ich weiß, wie weh ich Ihnen damals getan habe. Sie haben in Ihrem kräftigen Selbstbewußtsein auf den verzogenen Prinzen Gegely herabgesehen. Aber ich war voll von Eitelkeit … ja, lassen Sie mich nur beichten …« Sie unterbrach sich, und Ruprecht sah an dem zuckenden Spiel der Finger auf der Armlehne des Rollstuhles, daß sie erregt war.

Er neigte sich erschrocken vor, um ihr ins Gesicht zu sehen. Aber sie hatte die Augen geschlossen.

»Ich habe Ihnen weh getan. Ich weiß, daß Sie mich geliebt haben. Denken Sie, ich bin heute noch glücklich … wenn ich mir jene Zeit vorstelle. Und dennoch habe ich Fritz Gegely vorgezogen. Ich war ein dummes, eitles Mädchen. Er war ein Dichter, der Stolz des Gymnasiums, auf der Universität schon ein berühmter Mensch, von dem man wußte, daß er einmal Großes leisten würde.«

»Hören Sie auf, Hedwig, ich bitte Sie … ich will nichts mehr wissen. Machen Sie mich nicht unglücklich …«

»Sie brauchen es nicht zu sein. Denn ich bin über diese Enttäuschung hinweg. Nur manchmal noch denke ich, daß es hätte anders sein können. Ich war sehr bald dahintergekommen, daß er ein Ästhet war. Das heißt einer, der das Leben nicht unmittelbar nimmt, sondern immer durch ein farbiges Glas betrachtet, das ihm eine Stimmung vortäuscht. Dann noch eine Hoffnung: Das Kind. Aber sie sehen, was von dieser Hoffnung geblieben ist. Eine gelähmte Frau … Das war die schrecklichste Nacht meines Lebens. Nun … und von da an ging es wieder aufwärts: zur Helligkeit der Beschränkung. Ich kann es meinem Mann nicht einmal verdenken, daß er mürrisch und verdrossen ist. Ich bin ja wirklich eine Last geworden. Aber er zieht nach seiner Art doch einen Vorteil daraus. Er spielt vor der Welt mit mir ein zweites Ehepaar Browning. Wie er Westen und Röcke und Brieftaschen berühmter Dichter trägt, so bin ich vortrefflich zu brauchen als gelähmte Frau. Elizabeth Barrett Browning. Aber ich beklage mich nicht, ich bin dennoch glücklich …«

»Warum sagen Sie mir das … warum sagen Sie mir das?« stöhnte Ruprecht. »Warum? Ich bin jenseits von Gut und Böse der Leidenschaft. Ich bin außer aller Gefahr.«

»Aber ich nicht, Silvia, ich nicht …«

Da schlug Hedwig die Augen auf. Der Hut beschattete ihre Stirn, und ein blondes Strähnchen Haare wehte über sie hin. »Sie sagen mir Silvia, … wie damals … ich glaube, Sie haben den Namen erfunden …«

»Ja … ich glaube, ich habe ihn erfunden … aber vielmehr bloß gefunden: denn er war da, er umströmte Sie wie Gesang. Ich habe ihn bloß nachgesungen … Silvia …«

Eine Automobilhupe tutete auf der Waldstraße einen Dreiklang ab.

»Das sind die Kinder«, sagte Hedwig und richtete sich im Lehnstuhl auf, um ihnen entgegenzusehen. Dabei war es ihr, als habe der rechte Fuß einen ganz kleinen Ruck getan … aber sie mochte sich wohl getäuscht haben. Das Automobil fuhr beim Hoftor herein und blieb zitternd vor Hedwigs Rollstuhl stehen. Die Kinder sprangen heraus, stürzten auf Hedwig und Ruprecht los. Miß Nelson folgte, schlank, vornehm, schweigsam wie immer.

»Seid ihr schon da, ihr Racker?« schalt Ruprecht lachend, »na, euer Lernen heute … das ist wohl auch dafürgestanden!«

Lissy und Nelly hatten jede einen Strauß Wiesenblumen mitgebracht, den sie irgendwo auf dem Wege gepflückt hatten. Lissy gab den ihren an Frau Hedwig, Nelly beschenkte den Papa. Hedwig und Ruprecht sahen einander an. Es war wie eine Fortsetzung und ein symbolischer Abschluß des Gespräches. Zwei Tränen zögerten aus Hedwigs Augen. Da aber schüttelte sie lachend den Kopf, zog Lissy heran und küßte sie auf den kleinen roten Mund.

Indessen waren Helmina und ihre Begleiter in der Burg vorgedrungen, der Kastellan, der sie führte, war ein junger Mann, noch nicht in seinem Amt versteinert und aufgeweckt genug, um auf Fragen zu antworten, die außerhalb des Gewöhnlichen lagen. Ernst Hugo zeigte seine Stilkenntnisse, die er dem Kunstgewerbler am Kaffeehausstammtisch verdankte. Er sprach von Form und Material, von Linienführung und Ornamentik. Der Major spähte nach alten Schlössern und Schlüsseln aus. Er beschäftigte sich in seiner freien Zeit mit Schlosserarbeiten und war den Künsten der Büchsenmacherei sehr zugetan. »Jeder hat halt sein Steckenpferd,« sagte er, »die Schlosserei ist meine heimliche Neigung.«

Und das Witzeerzählen deine unheimliche, dachte der Gerichtssekretär. Aber er sagte es nicht, denn der Major stand mit ihm in der heiligen Allianz gegen Fritz Gegely.

Der Dichter der »Marie Antoinette« achtete nicht viel auf die verbündeten Feinde. Er ging neben Helmina und sprach vom Raumgefühl. »Sehen Sie, das ist etwas Eigentümliches … ein sechster Sinn sozusagen. Er bringt unerhörte Wonnen und Qualen … stellen Sie sich vor, ich trete in ein Zimmer und fühle seine Raumgestaltung sogleich wie einen körperlichen Eindruck. Ohne Meßband und Zollstab weiß ich augenblicklich, ob seine Verhältnisse wohl abgewogen oder vom Zufall bestimmt sind. Die Proportionen sind mir unmittelbare Gewißheit. Die Harmonie des Goldenen Schnittes ist mir ein herzliches, obwohl etwas spießbürgerliches Vergnügen. Wenn ich runde Wände um mich fühle, so werde ich atemlos und unruhig, ich gerate in einen Wirbel, Erker, merkwürdige Winkel, schiefe Wände, schräge Decken geben mir höchst seltsame, romantische Sensationen. Das alles macht mir alte Burgen so interessant, in denen jeder Raum anders ist. Und es verekelt mir die Mietskasernen unserer Städte mit ihrer Gleichmäßigkeit. Da ist alles nach einem Leisten, langweilig, kasernenhaft und nicht einmal von der gewöhnlichsten und natürlichsten Harmonie.«

Aber Frau Helmina war gar nicht aufmerksam. Sie sah zerstreut bei den Fenstern, an denen sie vorüberkamen, hinaus und ließ Gegelys Worte neben sich dahinrauschen. Säle und Korridore, gewölbte Zimmer, vererkerte Kammern folgten einander, ein Blick in den Binnenhof, dann einer auf den übergrünten Wallgraben und ein altes, graues Mauertürmchen.

Der Führer öffnete die Tür zu dem Altan über dem Kamptal. In diesem Augenblick rief ihn der Major zurück. Er hatte an einem mächtigen Renaissanceschrank ein kunstreiches Schloß entdeckt. Ein Schlüssel ließ sieben Riegel vor- und zurückspringen. Der Beschlag stellte den heiligen Georg im Drachenkampf vor. Es war ein kleines Wunder. Der Major begann den Kastellan eifrig zu befragen und hielt dabei Hugo fest.

Helmina und Gegely traten allein auf den Altan. Unten lagen die weißen Villen mit den grünen Fensterladen träge in der Sonne, jenseits der Wirrnis der Täler blinkte die Wallfahrtskirche von Dreieichen. Das Land atmete ruhig und hingegossen in starker Zuversicht.

»Sie sind heute bei schlechter Laune«, sagte der Dichter.

»Ah … ich habe Verdruß gehabt. Lauter dumme Geschichten. Man bekommt nur Kopfweh, wenn man darüber nachdenkt. Es sind Geldangelegenheiten, Verluste, die mich getroffen haben.«

Sie stützte die Arme auf die Brüstung und schaute in die Landschaft hinaus. Fritz Gegely wurde heiß erregt. Ihre Schönheit war leuchtend und tief wie ein Meer unter südlichen Himmeln. Es ging ihm wie immer, wenn er im Begriff war, sich an ein Begehren zu verlieren. War er nicht ein Dichter? War er nicht der Eigentümer aller Schönheit?

»Warum vertrauen Sie mir nicht?« fragte er, indem er bebend neben Helmina hintrat.

Sie sah ihn erstaunt an. »Warum wollen Sie ein besonderes Vertrauen für sich? Ich habe Ruprecht, dem ich es sagen könnte, wenn ich das Bedürfnis hätte, zu sprechen.«

Gegely wischte mit der Hand durch die Luft, als wolle er den Namen verlöschen, der eben genannt worden war: »Warum halten Sie mir das entgegen? Ich glaube es Ihnen doch nicht. Man ist Psychologe. Ich sehe doch, daß Sie und Ruprecht sich im Grunde fremd sind. Er ist ein Mensch der geraden Linien. Aber Sie sind vielfältig, Sie haben Schwung und sind nicht mit einem Wort auszudeuten.«

»Nun, wenn ich nicht Ruprecht ins Vertrauen ziehen wollte … ich habe ja noch Hugo und den Major. Zwei alte Bekannte. Glauben Sie nicht, daß die glücklich wären …?« Sie lächelte tief in Gegelys Blick.

»Ach was!« sagte er zornig: »Die zwei … kommen denn die überhaupt in Betracht? Ich beharre darauf, daß ich der einzige bin … sehen Sie denn das nicht? Welchen Beweis wollen Sie dafür …? Ich kenne Sie nicht so lange, wie Sie Ihre anderen Freunde kennen. Aber kommt es denn darauf an? Mancher ringt sein ganzes Leben lang um eine Erkenntnis. Und dem anderen fliegt sie ganz plötzlich an.«

Helmina strich mit der Hand über die Stirn. Etwas Neues stand auf einmal vor ihr. Sie sah ihre Macht über diesen Mann, den sie geringschätzte. Hier war ein fester Punkt, ein Haken für ein Seil. Noch wußte sie nicht, was sie wollte. Es war nötig, Zeit zu gewinnen.

»Schweigen Sie,« sagte sie hastig, »sie kommen. Wir sprechen noch darüber. Heute abend im Birkenwald hinter dem Schloß. Ich will sehen, ob ich Ihnen vertrauen kann.«

Man vereinigte sich nach der Besichtigung auf dem Turnierhof und nahm dann das Mittagsmahl im Freien ein. Der alte Johann hatte die Proviantkiste des Automobils bis obenhin vollgefüllt. Man hätte eine ganze Woche von diesen Vorräten leben können. Auch zwei Flaschen Sekt waren darunter. Die Stimmung der kleinen Gesellschaft klang nicht recht zusammen. Jeder hatte sein Stückchen Welt für sich und begrenzte es scharf gegen den Nachbarn. Frau Hedwig war stillglücklich versonnen und lächelte vor sich hin. Ruprecht war ernst und nachdenklich und ließ seinen Blick auf Hedwig ruhen, aber seine Unbefangenheit war dahin, und von Zeit zu Zeit schrak er auf und schaute dann herum, ob nirgends ein spöttisches oder mißgünstiges Begreifen zu sehen war. Auch Helmina schien nachdenklich, aber dabei unruhig und, in dem Bestreben, nichts merken zu lassen, launenhaft und anspruchsvoller als sonst. Fritz Gegely aber spielte den Dichterkollegen Browning nur recht mangelhaft und brüstete sich mit seiner Herrlichkeit vor Helmina, während Ernst Hugo mißtrauisch beobachtete, und das Gefühl nicht loswerden konnte, die beiden hätten sich schon irgendwie verständigt. Nur die Kinder und der Major tollten harmlos über alles hin und von einem zum andern. Miß Nelson saß dabei, schlank, diskret und schweigsam und rückte nur manchmal die Kleidchen der Kinder zurecht oder warf eine Mahnung ein.

Dann wurde der Sekt getrunken. Man wußte nicht, zu wessen Ehren, bis Ernst Hugo ausrief: »Was wir lieben, soll leben!«

»Der Trinkspruch ist nicht neu,« sagte Fritz Gegely, »aber immer gut. Stoßen wir an!«

Der Gerichtssekretär glaubte ein unmerkliches Blinzeln, ein flüchtiges Aufleuchten der Augen zu bemerken, eine optische Telegraphie zwischen Helmina und Gegely. Am liebsten wäre er hingegangen, hätte Ruprecht zur Seite genommen und ihn vor dem falschen Freund gewarnt. Aber das ging nicht an. Er hatte ja keinen Beweis als sein Neidgefühl. Hugo war überhaupt nicht zum besten aufgelegt. Seine Jubiläumsanthologie fand nicht die erwartete Beachtung. Sie verschwand hinter anderen Erscheinungen des Tages. Die lobenden Kritiken machten in ihrer Gesamtheit nur ein trübseliges Geflacker und durchaus nicht das erwartete lodernde Flammen des Ruhmes aus. Irgendwie verband sich die Enttäuschung darüber mit der Abneigung gegen Fritz Gegely, als ob dieser allein an dem Mißerfolg die Schuld hätte.

Der Nachmittag verlief geruhsam im Zeichen der Hängematte. Helmina und Hedwig lagen in den weichen, schaukelnden Netzen, und die Männer saßen neben ihnen. Die Zeit strömte dahin. Gegen Abend machte der Major den Vorschlag zur Bahnstation hinunterzugehen. »Geben Sie acht … es wird ein Spaß. Heute ist Samstag. Da kommen die Gatten aus Wien … Sie müssen sehen, wie sehnsüchtig sie erwartet werden. Es wäre vielleicht für manche Ehe, vielleicht überhaupt gut, wenn die Gatten nur einmal in der Woche zusammenkämen.«

Der Bahnhof Rosenburg war wirklich ungemein belebt. Die Frauen standen in Gruppen beisammen, die Kinder trieben sich zwischen ihnen herum. Endlich kam der Zug. Man hörte ihn schon von ferne gellend pfeifen. Es war ein Wechsel von lang hingezogenen Trillern, von kurzen, wilden Stößen, von schrillen, atemlosen Rufen. Die Dampfpfeife tobte. Mit einem wilden Geheul fuhr der Zug ein. Die wartenden Frauen lächelten und nickten einander zu. Der Major lachte aus vollem Halse. »Es ist noch immer so,« sagte er, »dieses Pfeifen ist nichts als eine Reihe von Signalen, einer lang und zweimal kurz – das bedeutet: Herr Meier kommt. Drei kurze Triller, daß Herr Freudenfeld im Zuge ist. Wenn Herr … was weiß ich: Kohne mitfährt, so muß der Lokomotivführer eine ganze Oper pfeifen. Dafür kriegt er von jedem ein Viertel Wein. Die Gattinnen wissen sofort, ob sie sich freuen dürfen. Ja, meine Gnädige, die Liebe ist erfinderisch.«

Auf der Lehne des Rollstuhles fanden sich zwei Hände. Ruprechts Blick fragte zaghaft. Hedwig lächelte ihm wehmütige Ruhe ins Herz.

Man fuhr heim, etwas müde von der Sonne und dem lauen Wind dieses Tages. Die Kinder schliefen, Lissy an der Schulter Hedwigs, Nelly auf dem Schoß Ruprechts. Es dämmerte.

»In einer Stunde wird es ganz finster sein«, sagte Helmina.

Fritz Gegely verstand sie.

Auf der Brücke trennte man sich.

Als Helmina in ihr Zimmer trat, fand sie Lorenz im Dunkeln, sie erwartend.

»Also morgen gehe ich fort«, sagte er.

»Morgen schon?«

»Ja … ich habe gekündigt, und dein Mann hat mir gesagt, ich kann gehen, wenn ich will, falls ich einen anderen guten Posten finde. Ich hätte ihm am liebsten die Faust in die Fresse geschlagen. Ich vergreife mich noch an ihm, wenn ich länger bleibe. Je eher ich gehe, desto besser … also morgen. Hier ist doch nichts mehr zu machen. Aber ich bleibe irgendwo in der Nähe, damit ich gleich bei der Hand bin, wenn uns Anton ruft. Ich hole dich dann …«

»Ihr traut mir also nicht …? Anton will mich eskortieren lassen.«

»Lächerlich! Aber es ist doch besser so.«

»Gib dir keine Mühe, mein Lieber. Ihr glaubt, daß ich mich nicht dazu entschließen werde, mit euch zu gehen. Aber ich habe genug davon. Ich verzichte auf Vorderschluder. Es lockt mich zu neuen Zielen.« Sie ging im Dunkeln zum großen Spiegel und versuchte in dem vom letzten Dämmerlicht blaß überhauchten Glas ihre Gestalt zu sehen.

Lorenz schwieg eine Weile. »Helmina,« sagte er, »du bist doch ein vernünftiges Frauenzimmer. Ich muß dir sagen, wir waren nicht so ganz sicher, daß du mitkommst. Ich gestehe, wir haben dich für so dumm gehalten … na, ich freue mich, daß wir uns geirrt haben.« Er machte Licht. Wenn jemand kam, so sollte er ihn mit Helmina nicht so vertraulich im finsteren Zimmer finden.

»Ich kann dir nicht sagen, wie mich Ruprecht langweilt. Er verdreht die Augen an dem Rollstuhl dieser Frau Hedwig wie ein abgestochenes Kalb. Jetzt vergleicht er sie mit mir, und da bin ich auf einmal der böse Geist und sie ist der lichte Engel. Donnerwetter, mir dreht sich der Magen um, wenn ich den zweien zusehe. Na – es dauert ja nicht mehr lange … also morgen willst du gehen?«

»Ja.«

»Da kannst du mir heute noch einen letzten Dienst leisten.«

»Was denn?«

Helmina lächelte sehr hold. »Du wirst mein Begleiter sein … oh, es ist eine romantische Geschichte, ein Liebesabenteuer, Lorenz! Was, du bist starr? Ich habe eine Zusammenkunft im Birkenwald. Du sollst der Wächter einer vertraulichen Stunde sein.«

»Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich dazu sagen soll. Du fängst dir eine neue Liebesgeschichte an. Was hast du denn an diesem Esel von Gerichtssekretär? Und dann … es ist gefährlich. Wenn dein Mann dahinter kommt, so vergißt er am Ende seine gute Erziehung und wird unangenehm.«

Aber Helmina faßte Lorenz unter dem glatten Kinn. »Du Schaf! Wer denkt denn an den Gerichtssekretär? Es ist ein anderer. Ja – staune nur gefälligst. Fritz Gegely, der Dichter, liegt zu meinen Füßen.«

»Der! Ich denke, der klebt doch am Rollstuhl seiner Frau.«

»Aber? Hast du dich auch täuschen lassen? Weiß Gott, ihr seid doch alle leicht zu betrügen. Nein, mein Lieber, der gute Fritz Gegely ist ein Adler im Käfig. Er möchte 'raus. Oder besser gesagt, er ist ein Pfau. Der Sinn seines Lebens ist, sich vor der Welt zu zeigen … mit rauschendem Gefieder. Es wird mir keine besondere Mühe machen … und er hat eine schwere Menge Gold. Weißt du, ich möchte nicht gerne mit leeren Händen kommen.«

Lorenz verfiel in ein weithin gedehntes Staunen: »Das ist unerhört … das ist vorzüglich,« murmelte er, »du bist ein geniales Weib, Helmina! Verzeih, daß wir dich so falsch beurteilt haben. Ich muß dir einen Kuß geben.«

»Nein, laß nur!« wehrte Helmina ab, »wozu? Schäme dich solcher Regungen unter Kollegen! Ich gehe jetzt zum Abendessen. In einer halben Stunde ziehe ich mich zurück. Du erwartest mich hinter dem Garten. Und dann – Weidmannsheil!«


 << zurück weiter >>