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Zweites Kapitel

Das Kaiserfest nahm einen geradezu glorreichen Verlauf. Es war ein märchenhafter Erfolg aller Mitwirkenden und des Anregers und Veranstalters, vor allem aber des Barons Boschan, der als Kunstschütze im doppelten Sinn einen Sieg erzielte.

Der große Festsaal des Hotel »Royal« war beinahe zu klein für die Gäste. Die schwarzen Fräcke der Herren und die bunten Toiletten der Damen waren so eng zusammengedrängt, daß es von der Galerie aussah, als wäre dieser Saal nur eine riesenhafte Schachtel voll feingemischter Bonbons – ein Wechsel von Schokolade und parfümiertem Zucker. Die Wände strahlten in Weiß, Gold und Rot. Die Spiegel waren frisch gewaschen, sogar den großen Kronleuchter hatte man von einer mehrjährigen Staubschicht befreit.

Vor diesem Publikum, den vornehmsten Herrschaften der ganzen Gesellschaft Abbazias, lief das Programm glatt ab. Alles war da, was Anspruch darauf erhob, etwas zu geben. Nur die Italiener hatten sich ferngehalten und am selben Abend ein Barkenpicknick auf dem Meer veranstaltet.

Nachdem eine junge Schauspielerin den von Bystritzky verfaßten Prolog gesprochen hatte, in dem der Zweck des heutigen Festes in fünffüßigen Jamben festgestellt war, folgten Musikstücke und Gesangsvorträge in bunter Reihe. Die Isolde Lenz sah entzückend aus und sang hinreißend. Der Konzertharfenist war ein König auf seinem Instrument. Richard Bergler sang wie ein Gott. Der General spielte die Flöte ganz hervorragend gut. Das Publikum war begeistert und klatschte wie rasend. Es war erhebend.

Ruprecht von Boschan eröffnete den zweiten Teil des Programmes. Er trug sein Inxaskostüm, breite Lederhosen mit Fransen an den Nähten, einen gewaltigen Gürtel, ein rotes Hemd und eine offene Jacke. Ein riesenhafter Sombrero saß auf seinem Kopf. Die Bretter der kleinen Bühne dröhnten unter den raschen Schritten, mit denen er nach vorn kam, um sich vor dem Publikum zu verneigen.

»Er schaut aus wie Roosevelt«, sagte die Hofrätin Kundersdorf zu Bystritzky.

»Ja, er ist so taktlos und geschmacklos wie ein Amerikaner«, bestätigte der Dichter des Prologs gehässig. »Das ist Stilfaxerei. Und er will zeigen, daß er weit herumgekommen ist. Roosevelt ist Trumpf. Also zeigt man sich als ›Rauher Reiter‹.« Bystritzky fühlte, daß jemand im Begriff war, ihn zu überholen.

»Er wird doch nicht schießen?« fragte ein kleines buckliges Fräulein aus einem adligen Damenstift den Statthaltereirat aus Graz, der ihr Nachbar war. Ihr gelbes, vertrocknetes Gesicht sah ganz verstört aus, wie eine geängstigte Mumie.

»Ja, er wird«, antwortete der Statthaltereirat grimmig. »Er wird schießen. Verlassen Sie sich darauf. Ich sehe nicht ein, wie er sich als Kunstschütze produzieren wollte, ohne zu schießen.«

»Lassen Sie mich hinaus«, zeterte das kleine Fräulein. Aber sie blieb sitzen und starrte den Inxaner an wie hypnotisiert.

Auf der anderen Seite des Statthaltereirats saß eine vollblonde Konservatoristin. Die fühlte ein angenehmes Grauen. »Ob das wohl Menschenhaare sind, diese Fransen?« flüsterte sie.

Der Statthaltereirat sah sie von oben an. Die war doch gar zu dumm. »Ich kann solche Zirkuskünste nicht leiden,« brummte er, »so was gehört doch nicht in ein anständiges Programm. Da sieht man wieder, wer das Ganze arrangiert hat.«

Aber diese kleinen Widerstände vermochten nichts gegen den großen Strom des Interesses. Bei den meisten Damen herrschte die Stimmung der rotblonden Konservatoristin vor. Ein exotischer Schimmer umgab den Helden.

Ruprecht von Boschan aber fühlte sich gar nicht wohl. Er war sehr verdrießlich. Was willst du hier oben? fragte er sich, was gehen dich diese Leute an? Was ist dir eingefallen, dich ihnen preiszugeben? Und wenn es noch möglich gewesen wäre, so hätte er am liebsten gleich wieder die Bühne verlassen. Er ärgerte sich vor allem darüber, daß er Hugos Drängen nachgegeben und ein Kostüm angelegt hatte. Nie wieder! gelobte er sich. Dann wandte er sich ab und nahm seine Waffe.

Er war so rücksichtsvoll, mit einer Windbüchse zu schießen, die keinen Lärm machte. Die nervösen Damen atmeten leichter. Und das kleine bucklige Fräulein fand, daß Boschan eine sehr gute Figur machte, wie er so dastand, straff aufgerichtet mit dem Gewehr an der Wange. Seine Haltung in ihrer ruhigen Selbstverständlichkeit, die vollkommene Sicherheit seiner Technik wirkten als ästhetische Werte. Man hatte das anziehende Schauspiel eines mit wunderbarer Präzision arbeitenden, von seinem Willen beherrschten Körpers vor sich. Die Schönheit, die in durch nichts gestörter Zweckmäßigkeit liegt, ergriff das Unbewußte der Zuschauer.

»Es ist außerordentlich«, sagte die Hofrätin Kundersdorf.

»Eine Geschicklichkeit, keine Kunst«, widersetzte sich Bystritzky. Er wollte seinen Standpunkt nicht aufgeben, dabei aber mußte er sich im geheimen gestehen, daß er an dieser, so ganz ohne besondere Verzierung ausgeübten Geschicklichkeit Gefallen fand. Er vermochte die Vorurteile des Kunstmenschen nicht festzuhalten. Es war etwas daran, wenn jemand seine Hand und seine Augen so vollkommen dem Willen dienstbar gemacht hatte, wenn jede Bewegung so zuversichtlich und kraftvoll, jede Stellung so ungezwungen und harmonisch war. Es war sozusagen Bildhauerkunst in lebendem Material.

Ruprecht von Boschan, der sehr verärgert begonnen hatte, schoß jetzt mit großem Vergnügen. Er dachte gar nicht mehr an das Publikum und das Kostüm, sondern freute sich darüber, daß ihm jeder Schuß gelang. Die angenehme Erregung des Sportes war über ihn gekommen, das Gefühl der Anspannung aller Kräfte und ihrer spielenden Auslösung. Hier konnte man den wundersamen Zauber der Gesundheit aller Säfte wahrnehmen, ihr rhythmisches Fluten, die Macht über alle Hemmungen der Materie.

Als er zu Ende war und die ganze vorher festgesetzte Reihe von Proben abgelegt hatte, erinnerte er sich erst an sein Publikum. Es war notwendig, sich zu verabschieden. Er trat vor und verneigte sich wieder kurz, eigentlich sehr verwundert über den Beifall, der ihm entgegendröhnte. Dann wurde er wieder ärgerlich, denn dieses Händeklatschen mahnte ihn, daß er sich und seine Fertigkeit als Programmnummer dargebracht hatte. Während er noch so dastand, verspürte er, wie sich aus der ungegliederten Menge da unten ein Blick loslöste, ihn umhüllte und Fragen an ihn stellte. Ruprecht sah schärfer zu und versuchte diesen Blick zu fassen. In der ersten Reihe saß jene Dame, von der ihm Hugo gesprochen hatte, die elegante Witwe, die an jenem Morgen an der Terrasse vorübergekommen war, die Frau, in die halb Abbazia verliebt war.

War dieser Blick feindselig oder freundlich?

Eine Sekunde hielt Ruprecht ihm stand. Dann wandte er sich ab. Er fühlte, daß ihn diese Augen, die so kalt und zugleich verheißend waren, verwirrt hatten.

Der Beifall war ehrlich und überzeugt.

Der Statthaltereirat aus Graz, der sarkastische Hanswurst, gab seine Sache verloren. Ernst Hugos Triumph war entschieden.

Nach dem großen Eindruck dieser Programmnummer vermochten die folgenden Darbietungen, mit denen sich ein liebenswürdiger Dilettantismus in den Dienst des Festes stellte, keinen besonderen Anteil zu erwecken. Man raffte sich auf, Beifall zu spenden, um Beleidigungen hintanzuhalten. Zum Schluß gab es die herkömmliche Apotheose. Die mit Lorbeer umkränzte und bengalisch beleuchtete Kaiserbüste war von einer Schar von Kindern in den Trachten der österreichischen Völker umgeben und wurde von einem Friedensengel in weißen, fließenden Gewändern, mit einem Palmenzweig in der Hand überragt.

Nachdem der Vorhang gefallen war, suchte der Gerichtssekretär seinen Freund. Aber Herr von Boschan war sogleich nach seinem Abtreten von der Bühne in das Hotel gefahren. Hugo verschob also die Abstattung seines Dankes auf den nächsten Tag. Aber da war zuerst eine Menge von anderen Besuchen zu erledigen. Die Künstlerinnen und Künstler sind ein empfindliches Volk und wollen, daß man ihnen überall die erste Stelle einräumt. Und besonders jene, die in der zweiten Abteilung mitgewirkt und unter dem Eindruck von Boschans Künsten gelitten hatten, mußten durch einen ganz außerordentlich warmen Dank entschädigt werden. Dann waren auch noch die offiziellen Persönlichkeiten da, die man nicht vernachlässigen durfte. Hier konnte Hugo den angenehmen Zoll des Lobes erheben, und er nahm ihn mit gebührender Bescheidenheit entgegen, indem er darauf hinwies, daß er ja nur seine Pflicht als Patriot getan habe. Erst am dritten Tage nach der Feier traf er mit Herrn von Boschan zusammen. Ruprecht lag am Strande im Sand und sah den Kindern zu, die Burgen bauten, sie mit Gräben umgaben und das Wasser des Meeres durch Kanäle in den Bereich ihrer Spiele lockten.

»Servus, Ruprecht!« rief der Gerichtssekretär den Freund an, »was machst du? Wie geht's?«

»Ich treibe Philosophie. Strandphilosophie. Diese Kinder spielen: so ist das Leben! Sie nennen ihr Spiel: Burgenbauen. Aber der Name macht nichts aus, wir nennen unsere Spiele auch anders und spielen doch nur dasselbe, wie die Kinder da. Die große Welle kommt und verwischt die Spuren unserer Tätigkeit.«

»Das ist eine resignierte Weisheit. Hast du die auch aus Inxas mitgebracht?«

»Ich bin aber gar nicht resigniert. Es fällt mir gar nicht ein. Dazu sind unsere Spiele viel zu hübsch und mannigfaltig. Ich beteilige mich aus Leibeskräften an unserem Burgenbauen und freue mich, wenn es mir besser gelingt, als anderen.«

Hugo ließ sich neben Ruprecht in einem Klappsessel nieder und streckte die Beine behaglich von sich. »Natürlich wäre ich schon längst zu dir gekommen, um dir zu danken, wenn ich nicht soviel zu tun gehabt hätte. Du kannst dir's ja denken, nicht wahr? Also, lieber Alter – herzlich, ergebenst, untertänigst und so weiter. Zu jedem Gegendienst stets und gerne bereit. Es war großartig. Wir haben einen netten Reingewinn für das Seemannsheim. Der Statthaltereirat ist mausetot. Er zuckt nicht mehr. Aber, alles was wahr ist – dieser Festabend: non plus ultra! Du hast die Sache ganz phänomenal geleimt. Ich habe ja leider nicht viel davon gesehen, weil ich immer hinter der Bühne war. Aber die Frauen sind ganz weg. Sie bewundern dich, du hast sie fasziniert. Die Hofrätin Kundersdorf sagt, so stellt sie sich Roosevelt vor.«

Ruprecht lachte und vergrub seine Hand in den weichen Sand: »Ja – der Erfolg, den du vorhergesagt hast, ist nicht ausgeblieben.«

»Du hast natürlich ein Schock begeisterter Briefe bekommen.«

»Nicht ganz soviel, aber immerhin etwa fünfundzwanzig.«

Der Gerichtssekretär zog die Beine an und richtete sich interessiert auf. »Rendezvous, was? Bitten um Autogramme, Versicherungen aufrichtiger Bewunderung.«

»Ja, eine ganze Menge von Rendezvous.«

»Nun … und … bist du hingegangen?«

»Ich habe meinen malaiischen Diener geschickt und habe den Damen sagen lassen, daß ich nicht zu Rendezvous zu kommen pflege.«

»Oh! Oh! das ist aber gar nicht taktvoll«, ereiferte sich Hugo. »Wie kann man nur! Unglücklicher, du hast jetzt fünfundzwanzig Gelegenheiten versäumt, mit schönen, liebenswürdigen, umgänglichen Frauen bekannt zu werden und hast dir fünfundzwanzig unbarmherzige Feindinnen gemacht. Du wirst einem Hagel von wütenden Blicken ausgesetzt sein, du wirst überall belauert werden, man wird dich beobachten, die Pfeile der Bosheit und der allgemeinen Verachtung werden wie eine Wolke über dir sein.«

»Um so besser, dann werde ich in ihrem Schatten Ruhe finden.«

»Unbegreiflich,« sagte Ernst Hugo kopfschüttelnd, »wenn mir so etwas geboten wäre …«

»Du wärest zu allen diesen Zusammenkünften gegangen.«

»Gewiß!« sagte der Gerichtssekretär mit einem Nachdruck, wie ein Mensch, der ein Grundgesetz seiner Weltanschauung gegenüber einem Zweifler bekräftigt.

Der Strand belebte sich immer mehr, so daß Ruprecht nach einer kurzen Fortsetzung des nun anderen Gegenständen sich zuwendenden Gespräches den Freund aufforderte, ihn auf einem Spaziergang zu begleiten.

Sie gingen noch ein Stück am Strande hin und wandten sich dann zwischen Villen und Hotels den Höhen zu. Himmel und See waren in einer unendlichen Klarheit. Die sinkende Sonne schien alles Gold des Meeres aus seinem blauen Abgrund heraufzuzaubern. Aus der Tiefe stieg eine erfrischende Kühle empor, gemischt mit den Düften dieser Massen von Blüten und Früchten, die sich, zu einem dichten Gewinde verflochten, um diese Küsten schlangen. Der Sommer war von einer so wunderbaren Schönheit, von stetem Sonnenschein gesegnet, und doch durch diesen immer lebendigen kühlen Hauch vor allzu großem Brand bewahrt, daß niemand diesen Strand verlassen wollte. Die Saison dehnte sich immer weiter aus, bis in eine Zeit, in der sonst schon alles geflohen war.

Ruprecht und der Gerichtssekretär hatten einen Felsenvorsprung erreicht, von dem aus man einen freien Blick auf die Küste und das Meer hatte. Vor der tiefstehenden Sonne lag eine schmale Wolke, wie ein Messer, das über einer Orange schwebt. Das Meer war ruhig und trug die Fischerboote mit einem willigen Lächeln.

»Dort drüben ist der Schauplatz deiner Heldentat«, sagte Hugo. Er wies auf die beiden weißen Steinwürfel zwischen den Weingärten, wo Ruprecht den Herrn Müller mit dem Lasso gefangen hatte. »Was hat dich eigentlich bewogen, dich in die Geschichte zu mischen … es war entschieden originell, aber ich meine … man hilft doch nicht so ohne weiteres der Polizei?«

»Du kannst dir denken, daß mir im Grunde dieser Herr Müller sympathischer war als der Polizeikommissär, der sich nicht zu helfen wußte. Na – und trotzdem! Warum? Das bißchen Gefahr, das an der Sache war, hat mich gereizt. Ich finde, daß die Gefahr einer der köstlichsten Genüsse ist, die uns in diesem Leben beschert sein können.«

»Du findest nur viel zuwenig davon in unserem guten, stillen Europa. Darum bummelst du durch die Welt und schlägst dich in die wilderen Bezirke. Herrgott, du hast es gut! Brauchst dich um niemanden zu kümmern, hast Geld wie Heu, kannst tun, was du willst. Ich wollte auch reisen können. Freilich nicht so wie du, sondern mit einer angenehmen Gesellschaft, in Cooks Obhut, daß ich nicht befürchten muß, eines Morgens im Magen eines Papuas zu erwachen.«

Ruprecht lächelte und sah schweigend auf das Meer hinaus. Dann beschrieb er mit dem Arm einen Halbkreis, der alles umfaßte, was da an Schönheit vor ihnen ausgebreitet lag: »Nur wer den Kampf kennt,« sagte er, »wird dem Frieden recht dankbar sein können. Wie herrlich das ist. Wie die Seele da so ganz einfach wird und wie ihr die Schwingen wachsen.«

Ein feiner Hall erhob sich über Meer und Land. Wie ein sehr dünnes, aber festes Gewebe spannten sich die Klänge der vielen Kirchenglocken, die den Abendsegen läuteten, durch die klare Luft. Noch eine Weile saßen die Freunde schweigend nebeneinander. Dann mahnte Hugo daran, daß sie aufbrechen müßten, um nicht die Abendmahlzeit im Hotel zu versäumen. Sie stiegen rasch durch die Dämmerung, zwischen Obstgärten und Weinbergen abwärts, und vor dem »Kaiser von Österreich« verließ der Gerichtssekretär den Freund mit dem Versprechen, ihn morgen wieder aufzusuchen.

Ruprecht begann sich, in seinem Zimmer angelangt, sogleich umzukleiden. Er war in guter Stimmung. Die Farben und Klänge des Abends waren in sein Inneres gesunken und machten ihn noch immer froh und glücklich. So fühlte er sich immer am Vorabend neuer Abenteuer, voll Erwartung, voll von Kräften, die nach Neuem drängten. Und er wußte doch, daß ihm nichts anderes bevorstand, als einige Monate der Ruhe, eines Landlebens irgendwo, wo es wenig Menschen und gar keine Ereignisse gab.

Als er eben den Smoking angelegt hatte, kam sein malaiischer Diener in das Ankleidezimmer und blieb gerade aufgerichtet neben der Tür stehen.

»Was gibt's?« fragte Ruprecht.

»Herr, es ist eine Frau da, die dich sprechen will. Sie wartet im Salon.«

Mit einigem Erstaunen folgte Ruprecht seinem Diener. Bevor er in den Salon trat, legte er seine Hand auf die Schulter des Malaien. »Halt! Ist diese Frau eine von denen, die du in meinem Namen aufgesucht hast?«

»Ja, Herr!«

Nun, bei allen Göttern Hindostans, die war hartnäckig! Das muß man sagen! Das war eine sonderbare Art, sich einem fremden Mann zu nähern. Lächelnd betrat Ruprecht den Salon.

Unter dem Lüster stand die junge Witwe, die alle Welt entzückte, die Frau, die bei der Kaiserfeier in der ersten Reihe gesessen hatte. Auch sie lächelte. Ruprecht verneigte sich.

Die junge Frau machte einige Schritte auf Ruprecht zu. Seidene Röcke rauschten, eine leichte, dünne Wolke von Parfüm wallte Ruprecht entgegen. Ein sonderbares Parfüm, eine Mischung der Gerüche von trockenem Obst, von Heu und noch etwas, das Ruprecht im Augenblick nicht bestimmen konnte.

»Auf dem Wege hierher haben Sie gedacht, daß ich hartnäckig bin,« sagte die Witwe, »Sie haben gefunden, daß es sonderbar ist, die Ablehnung einer Zusammenkunft durch einen Besuch zu beantworten.«

»Sie sind sehr scharfsinnig, gnädige Frau!« antwortete Ruprecht.

»Ach was, da gehört doch wahrhaftig kein Scharfsinn dazu, das war doch Ihrem Lächeln deutlich anzumerken. Nun, sehen Sie, ich lächle auch. Und wissen Sie, was dieses Lächeln zu sagen hat? Es drückt mein Vergnügen aus, Sie eines Irrtums zu überführen.«

Ruprecht sah in die Augen seiner Besucherin. Es waren grüne Augen mit schmalen Pupillen, Augen, die das Licht in sich zu saugen schienen und es dann wieder in tausend Strahlen zurückwarfen, als ob sie es in feine Bestandteile zerlegt hätten. Katzenaugen, dachte Ruprecht. Sie hatten wieder diesen unbestimmbaren Ausdruck, von dem er nicht sagen konnte, ob er freundlich oder feindselig war.

»Ich bin kein verschwärmter Backfisch«, fuhr die Witwe fort, »und keine abenteuerlustige Frau. Ich gehe nicht auf einen Flirt und nicht auf eine kleine Badebekanntschaft aus. Ich möchte Sie ganz einfach kennenlernen, ein paar Worte mit Ihnen sprechen, um zu wissen, was man von Ihnen zu halten hat.«

Das Parfüm, das aus den Spitzen dieser wunderbaren Toilette und aus dem weichen, braunen Haar der Frau zu strömen schien, machte Ruprecht unruhig. Es war ihm, der die feinen, aufreizenden, sonderbaren Wohlgerüche des Orients zum Gegenstand besonderer Studien gemacht hatte, unbehaglich, es nicht bestimmen zu können, dieses unbekannte Etwas darin vorzufinden, dem nicht beizukommen war.

»Verzeihen Sie,« sagte er langsam, »Ihr Brief war einer unter vielen. Er unterschied sich in nichts von den übrigen.«

Die junge Frau lachte. »Dann hat Sie Ihr Scharfsinn im Stich gelassen. Sie hätten sofort erkennen müssen, daß ich nicht die Absicht habe, mich Ihnen mit liebender Gebärde an den Hals zu werfen.«

Was will sie dann von mir, dachte Ruprecht. Denn der Blick, der diese Worte begleitete, stand mit ihnen nicht im Einklang. Er widersprach ihnen nicht gerade, aber er haftete doch an Ruprecht fest, wie eine Verheißung, die während des Gebens schon wieder zurückgenommen wird, wie ein Gewähren, das zugleich ein Rückzug ist.

»Ich könnte es zwar eher tun als andere,« sagte sie, »denn ich bin niemanden Rechenschaft schuldig. Sie hätten höchstens zwei oder drei Duelle mit meinen glühenden Verehrern auszufechten. Das macht Ihnen doch weiter keine Sorgen, nicht wahr? Aber es handelt sich mir wirklich nur darum, zu erfahren, ob Sie wirklich so eitel sind, wie man behauptet.«

Ruprecht fuhr zusammen. Dieses Wort hatte ihn getroffen. Nun richtete er sich ein wenig auf und sagte: »Gnädige Frau …«

Sie lächelte wieder: »Warten Sie doch … ich finde, es war unpassend, sich im Kostüm als wilder Mann vor ein verehrliches Publikum hinzustellen und Löcher in Kartenblätter zu schießen und Glaskugeln zu zersplittern. Ist das nicht eine viel ärgere Preisgabe der Persönlichkeit, als alle anderen Kunstausübungen, die doch wirklich schon genug arge Prostituierungen sind. Mein armer verstorbener Mann hat die indischen Philosophen studiert. Er hat die Künste immer die Silberstickerei auf dem Schleier der Maja genannt. Also etwas Besonderes und sehr Glänzendes im Gewebe der Täuschungen, aber dennoch im Grunde nur ein Bestandteil davon. Sie wissen, daß Schopenhauer anders darüber gedacht hat. Aber ich glaube, mein Mann hat recht gehabt.«

Ruprecht stand ganz verdutzt. Was wollte diese Frau eigentlich von ihm, mit dem sonderbaren Wirrwarr von »Persönlichkeit« und »Schleier der Maja« und Schopenhauer? War das eine originelle Weltanschauung oder eine Konfusion? Nur so viel verstand er im Augenblick, daß sich diese Frau ein Urteil über ihn anmaßte, daß sie so tat, als habe sie ein Recht, ihn zur Rede zu stellen, und das verdroß ihn um so mehr, als er noch keineswegs das unangenehme Gefühl der Beschämung ganz überwunden hatte.

»Verzeihen Sie,« sagte er mit dem besten Willen zu einer brutalen Abwehr, »ich glaube, ich habe Ihnen schon den Beweis gegeben, daß die Eitelkeit nichts über mich vermag.«

»Ja, gewiß,« lachte sie, »Sie sind nicht zum Rendezvous gekommen. Aber … ist das nicht ein Trick? Sie sind vielleicht verwöhnt. Was weiß ich? Man hat in meiner Gegenwart gewettet, daß Sie nicht eitel sind. Ich habe aus Ihrem Auftreten als Kunstschütze geschlossen und die Wette gehalten. Nun, ich muß gestehen … Sie sind nicht gekommen, und ich habe dem Anschein nach verloren. Und nun wüßte ich gern, ob ich nicht trotzdem und gerade deshalb gewonnen habe. Ich habe Sie im Verdacht, daß es Ihnen darum zu tun ist, sich auf besondere Art in Szene zu setzen.«

»Ich denke nicht daran,« sagte Ruprecht ärgerlich, »es war eine Gefälligkeit gegen meinen Freund. Ich habe mich überreden lassen. Und das vorher … diese Lassogeschichte war nur Vergnügen an der Sache selbst …«

In diesem Augenblick wurde unten in der Halle der Gong angeschlagen. Es war zuerst ein lange andauerndes, wildes Läuten, ein abscheuliches Geräusch, das in alle Räume des Hotels drang und auch durch die schweren Türvorhänge dieses Salons kam, in dem es sogleich jeden anderen Laut unterdrückte. Dann folgten drei einzelne Schläge.

»Sie werden zum Speisen gerufen,« sagte die Witwe, »ich gehe. Nun … ich muß also daran glauben, daß meine Wette verloren ist. Was bleibt mir übrig? Ich danke Ihnen, daß Sie mir so freundlich Gehör gegeben haben.«

Unbefangen reichte sie Ruprecht die schmale Hand, und unbefangen sah sie ihm in die Augen.

»Lassen Sie doch den Gong Spektakel machen«, sagte Ruprecht erregt. »Sie kommen hierher und beleidigen mich durch Ihren Verdacht … ja, verzeihen Sie, ich finde das beleidigend. Ich will Ihnen das erklären … es ist mir sehr verdrießlich gewesen, daß ich mich eingelassen habe. Nein … bitte, mir liegt nichts daran, zu spät zum Essen zu kommen.«

Aber die junge Witwe meinte, sie könne das nicht auf ihr Gewissen nehmen. Und übrigens wünsche sie selbst in ihrem Hotel nicht aufzufallen, indem sie zu spät zur Tafel käme. Dabei aber sprachen ihre Augen etwas ganz anderes. Sie sagten: o du dummer Mann, da steht das Glück, und du brauchst nur die Hand auszustrecken.

Sie hat nicht einen einzigen falschen Zahn, dachte Ruprecht, und wie anmutig sie ist, sie muß jünger sein als ich, ihre Wangen sind glatt und weich, das Grübchen in ihrem Kinn ist wie der Kelch einer Blume.

Dann sagte er entschlossen: »Nein, nein, ich will mit Ihnen über die Sache sprechen. Wollen Sie mir morgen das Vergnügen machen, sich von mir aufsuchen zu lassen?«

»Liegt Ihnen so sehr viel daran?«

»Ja!«

»Tagsüber habe ich wenig Zeit. Jede Stunde ist besetzt. Aber – abends, etwa um acht, wenn es dunkel wird, kommen Sie in den kleinen Park hinter dem Hotel Nordstern.«

Oh! – abends, wenn es dunkel wird, dachte Ruprecht. Sie lächelte noch einmal und ging. Wie schlank sie ist, und wie sie schreitet, klang es in Ruprecht. Das ist Musik der Bewegungen, das ist Harmonie des äußeren Menschen. Wenn sie über eine Grabplatte geht, so muß dem Toten unten das Herz klopfen.

Die Tür schnappte ins Schloß, Ruprecht starrte die Figuren an, mit denen ein wohlmeinender Anstreicher Verschönerungen ausgeübt hatte. Im Augenblick, in dem die Besucherin fort war, empfand er erst, wie sehr er die ganze Zeit über unter ihrem Einfluß gestanden hatte. Sie hatte ihn wahrhaftig ganz aus dem Gleichmut gebracht. Dieses Parfüm revolutionierte noch immer seine Sinne. Beim heiligen Pachomius! Jetzt fiel ihm auch auf einmal ein, woran ihn dieses unbekannte Etwas, dieser fremde Bestandteil in der Zusammensetzung ihres Parfüms, mahnte. Das war – mein Gott, welcher Einfall – es war Blutgeruch. Der Geruch getrockneten Blutes, vermischt mit dem fauligen Obstes und dampfenden Heues. Ja – solche Einfälle hat der Mensch manchmal. Jedenfalls aber war das ein seltsames Parfüm, das einen auf solche Gedanken brachte. Also morgen abend … im kleinen Park hinter dem Hotel Nordstern … Ah … diese Frau bedeutete eine Gefahr! Nun … da sie fort war, wurde dies erst ganz deutlich. Eine Gefahr … um so besser. Mochte sich immerhin an Stelle eines Flirtes ein Kampf entspinnen. Ruprecht freute sich darauf, seine Kräfte zu erproben. Herrgott – eine Gefahr, wie das durch alle Adern ging und über alle Muskeln hinspülte. Wir wollen also sehen, kleine Frau, was daraus wird … wir sind noch nie vor einer Gefahr davongelaufen, kleine Frau!

Es war für die Table d'hôte zu spät geworden. Ruprecht ließ sich auf seinem Zimmer servieren und trank eine ganze Flasche weißen Bordeaux. Dann ging er in den Hotelgarten, und weil er das Bedürfnis fühlte, sich noch irgendwie zu betätigen, stellte er sich vor eine dicke Platane, nahm seinen Spazierstock in Schlägerauslage und hieb nun mit Terzen, Quarten und Durchziehen auf den ächzenden Stamm los, bis von dem Spazierstock nicht viel mehr als der Griff übrig blieb.

Am nächsten Morgen erhielt Ruprecht einen anonymen Brief. In einer sehr kritzligen Schrift stand darin: »Nun sind Sie doch hereingefallen, Verehrtester! Sie haben sich gerade die Würdigste unter den Bewerberinnen um Ihre Gunst ausgesucht. Man hat gestern Frau Dankwardt zu Ihnen gehen gesehen. Frau Dankwardt ist also die Begnadete! Sie sind vielleicht zu kurze Zeit hier, um zu wissen, was man sich von Frau Hermina Dankwardt erzählt. Sie ist dreimal verheiratet gewesen, und man sagt ihr nach, daß sie ihre drei Männer umgebracht hat. Wir nennen sie deshalb nicht anders als Madame Blaubart. Sie ist die größte Kokette auf zwanzig Meilen im Umkreis. Sie hat immer zugleich zwanzig Männer am Faden, lauter solche Narren, wie Sie einer sind, und hält jeden von ihnen mit ihren Künsten hin. Wir wünschen Ihnen also gute Unterhaltung. Tanzen Sie nur recht fleißig am Faden. Drei Freundinnen, die es mit Ihnen gut meinen.«

Na ja! drei Freundinnen, dachte Ruprecht, indem er den Brief in den Papierkorb warf. Drei von denen, welchen Jana ausgerichtet hat, daß ich nicht kommen will. Man weiß also, daß sie bei mir war. Um so besser; wenn sie sich mit mir kompromittiert, so verbindet sie mir das noch mehr.

Ruprecht schwamm heute noch weiter als gewöhnlich in die See hinaus, ließ sich von den Wellen tragen, lag auf dem Rücken und sah den weißen Wolken zu, lief dann auf die Berge und kam am Abend erfrischt und geschmeidig zurück. Als es dunkel wurde, ging er in die kleine Parkanlage hinter dem Hotel Nordstern und setzte sich auf eine Bank. Er dachte an gar nichts. Er wartete ohne Ungeduld und fühlte das Verstreichen der Zeit nur wie ein leichtes Flügelwehen.

Kinderstimmen kamen durch die Dunkelheit … ein kleines Lachen. Ruprecht sah auf. Die Sterne standen über den Palmen, groß und blank, und zwischen den rauhen, behaarten Stämmen brach der Lichtschein der benachbarten Straßenlaternen und legte zackige, gelbe Flecke auf die dunklen Wege. Ruprecht erhob sich. Da kam Frau Dankwardt um die Ecke. Zwei kleine Mädchen und eine junge Dame kamen hinter ihr her. Die Kinder hielten sich an der Hand, die Gouvernante trug ihre Umhänge auf dem Arm.

Frau von Dankwardt begrüßte Ruprecht mit einem unbefangenen Händedruck. »Dies sind meine zwei kleinen Fräuleins  … Miß Nelson! Sie waren auf Arbe, heute abend sind sie erst gekommen.«

Nein – so hatte sich Ruprecht diese Zusammenkunft nicht gedacht. Sie gingen nebeneinander her, die Kinder plauderten ohne Scheu vor dem Fremden von ihren tausend kleinen Erlebnissen. Bald hing sich dieses, bald jenes der kleinen Mädchen an den Arm seiner schönen Mutter, und noch strömender als das unaufhörliche Gesprudel der Kinder war das gemessene Schweigen der Miß. Wenn Ruprecht nicht ein Kinderfreund gewesen wäre, so hätte er wütend werden können. Aber bald hatten ihn die Mädchen eingefangen und eingesponnen, und er wurde in ihre Geheimnisse eingeweiht. Nach einer Stunde schieden sie als die besten Freunde. Frau Helmina reichte Ruprecht die Hand und sah ihm mit demselben Ausdruck, den ihre Mädchen hatten, ins Gesicht. Ruprecht legte einen ganzen Schwarm von Gefühlen in seinen Händedruck. Frau Helmina erwiderte den Druck nicht, machte verwunderte Augen und entzog ihm ihre Finger.

Das war eine Enttäuschung gewesen, dachte Ruprecht, wo nicht gar eine Niederlage. Er lief in seinem Schlafzimmer auf und ab. Wo bleibt die Besonnenheit, mahnte etwas in ihm. Schweige! rief er sich selbst zu, ich erwarte einen Ringkampf, und es wird ein Idyll daraus. Was für eine Frau ist dies? Sie hat ein Parfüm mit Blutgeruch und ist Mutter von zwei kleinen, reizenden Mädchen. Ich werde sie morgen aufsuchen, ich muß mir über sie klar werden.

Gut – auf morgen also.

Am anderen Nachmittag ging Ruprecht in das Hotel Royal, wo Frau Dankwardt wohnte. Der Portier erklärte ihm im Tone höflichen Bedauerns, daß die Dame mit den zwei Mädchen mittags abgereist sei.


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