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Achtes Kapitel

Am Samstag hatte Frau Helmina in Wien zu tun. Eine Balltoilette sollte mit der Schneiderin beraten werden: ein Gedicht aus Seide, Tüll und Spitzen. Ein Jubel von Farbe und Licht. In Krems sollten den Frauen die Augen vor Neid aus dem Kopf springen. In Wien sollte sich Frau Helmina ebenbürtig neben den Schönsten und Elegantesten behaupten.

Ruprecht konnte nicht mitkommen. Er hatte für den Nachmittag eine Besprechung mit seinen Beamten angesetzt. Sie wagten nicht mehr Widerstand zu leisten. Und Ruprecht merkte mit Vergnügen, daß er sie daran gewöhnt hatte, zu gehorchen, daß sie seine Einsicht und seine Kenntnisse anerkannten. Er hatte ihnen den Zügel übergeworfen, nachdem er zwei oder drei Unbotmäßige, die auf entfernteren Meierhöfen saßen und sich als kleine Vasallenfürsten aufspielen wollten, nach kurzem Prozeß entfernt hatte.

Er war der Herr, nicht mehr bloß der Gatte seiner Frau.

Man hatte eingesehen, daß er ein uneigennütziger Verwalter war, dem kein persönlicher Vorteil den Blick verblendete, und daß ihm sein Wirken Notwendigkeit war, unerläßliche Äußerung gesunder Kräfte.

Abends saß er dann, nachdem die Kinder schlafen gegangen waren, bei einer halben Flasche Wein aus Helminas Weingarten und einem Buch über indische Philosophie. Jana kauerte in der Ecke neben einem bronzenen Buddha, ebenso unbeweglich wie dieser, und sah seinen Herrn unverwandt an. Ruprecht hatte dem Malaien gestattet, sich manchmal in dem indischen Zimmer aufzuhalten. Er verstand, was den Burschen zu seiner Bitte getrieben hatte. Es waren Heimatsgefühle, denen sich Jana hier hingeben konnte. Stundenlang konnte er so sitzen, ohne sich zu rühren. Ruprecht fand sich durch ihn nicht gestört.

Gegen elf Uhr erhob sich Ruprecht, um schlafen zu gehen. Die Vedantaphilosophie vermochte nichts mehr über die Müdigkeit.

Zugleich erhob sich auch Jana. »Herr,« sagte er, »willst du nicht mehr auf dem Schiff die Länder der aufgehenden Sonne besuchen?«

»Ich weiß es nicht, Jana«, antwortete Ruprecht mit einem kräftigen Gähnen. »Du möchtest gerne wieder nach Haus.«

»Es ist nicht gut hier!«

»Du hast Heimweh, Jana?«

»Es ist auch für dich nicht gut hier.«

Ruprecht war zu müde, um über Janas Worte besonders nachzudenken. Er sah ihn nur flüchtig an. Der Malaie stand unbeweglich, bronzen, im Licht der Ampel.

Mit schweren Schritten ging Ruprecht in das Schlafgemach. Jana begleitete ihn bis an die Schwelle. Dann wurde er von Lorenz abgelöst. Es war warm und behaglich in diesem Raum. Der große altväterische Ofen in der Ecke glühte. Wenn man hinausblickte und die Massen lastenden Schnees auf dem Hof und den Dächern sah, dann konnte man wohl mit der Wärme zufrieden sein.

Lorenz drehte die elektrische Flamme auf dem Nachttisch auf; die Papierfabrik gab dem Schloß von ihrem Strom ab, das war eine Einrichtung noch aus Dankwardts Zeiten. Dieser Dankwardt mußte nach allem, was man von ihm hörte, ein Mensch von reichem Wissen und gutem Willen gewesen sein. Warum sich Helmina nicht mit ihm vertragen hatte? Sie war schwer zu behandeln und neigte zur Empörung, gewiß, aber schließlich fand sich doch immer eine Brücke.

Ruprecht begann sich zu entkleiden und entließ Lorenz.

Er war zu müde, um heute noch nach seiner Gewohnheit im Bett zu lesen. Er warf einen Blick auf das stumme Bett zu seiner Linken. Helmina wird also erst morgen früh kommen. Sie ist nicht fertig geworden und muß in Wien übernachten. Das war vorauszusehen. Es ist die erste Nacht, die sie nicht neben mir schläft.

Ruprecht drehte das Licht ab und legte sich auf die rechte Seite. Er sah durch die Fenster ein paar große Sterne auf dem tiefschwarzen Himmel.

Eine Wildheit und Grausamkeit liegt tief in ihr versteckt, dachte er. Sie ist eine schöne, gefährliche Bestie, und ich liebe sie. Sie fehlt mir … ich merke, daß sie mir fehlt. Was weiß ich eigentlich von ihr. Ich kenne sie ja beinahe gar nicht. Ich glaube nicht, daß sie mir alles gezeigt hat, was sie ist und vermag. Nun gut, ich habe Zeit genug, sie gründlich kennenzulernen …

Dann kam der Schlaf.

Es gibt eine Art von Schlaf, in dem man fühlt, wie er immer tiefer und schwerer wird. So tief und schwer, daß er zuletzt ist wie eine Decke, ein Stein, ein Grabgewölbe. Man möchte sich ihm entziehen, man fühlt, daß dieser Schlaf gefährlich ist, man bäumt sich auf, um sich zu befreien. Aber der Schlaf entläßt sein Opfer nicht.

Da waren Felswände, an denen man abwärts glitt. Zuerst war es nur wie auf Schneeschuhen, dann war es ein Fallen. Ein Fallen ins Dunkle und Bodenlose. Und unten ist etwas. Das Grauen kauert im Dunkeln. Es ist ein Polyp mit hundert schleimigen Fangarmen, die sind wie dicke, blaue Schlangen, und die Saugnäpfe sind rot und schwellen immer mehr an. Zwei glühende Augen starren. Man fällt und saust durch endlose Klüfte … und im Kopf beginnt ein Surren und Summen, ein Brausen und Heulen … eine Windsbraut rast durch die Gehirnwindungen … immer wütender. Der Kopf schwillt an, als ob er bersten wollte … und an den Felswänden sind Gesichter, die aufwärts fliegen. Hanuman, der Affenkönig, und dann eine ganze Schar von Bajaderen mit flatternden Gewändern, ein Tigerkopf mit den Augen einer Frau – Helminas Augen … eine lange, blaue Schlange kriecht und züngelt hinauf … Das ist schon einer der Fangarme des Polypen … der unten kauert … und im Kopf dröhnt und rast es …

Und Ruprecht fiel noch immer … die Fratzen der Felswände wurden undeutlich, ein grauer Schleier flog über sie hin. –

Da gab es eine Erschütterung, einen Ruck, der schmerzhaft war und das Fallen beendete … etwas Kaltes legte sich über den Kopf hin … die Arme … ja, man hatte auch Arme, davon hatte man nichts gewußt, wurden nach vorn gezogen und zurückgestoßen. Dann drang etwas Kühles in die Brust … ein Ding klopfte, rasch und heftig wie eine erschütterte Uhr …

Ruprecht öffnete die Augen.

Das Licht brannte auf der Marmorplatte des Nachttischchens, und Jana war da. Auf dem Kopf lag ein nasses Tuch, und Jana zerrte an den Armen, zog sie vor und stieß sie zurück. Alle Fenster standen offen, die kalte Schneeluft drang in das Zimmer – aber es war ein unangenehmer Geruch da … so etwas wie …

Und der Kopf brummte, als ob er mit Hammerschlägen bearbeitet worden sei. So wie damals, als Ruprecht in den Anden abgestürzt war.

Ruprecht versuchte zu sprechen. Es ging nicht, die Zunge lag schwer im Munde. Jana reichte seinem Herrn ein Glas Wasser. Ah – jetzt konnte man lallen: »Was … ist … denn?« fragte er mühsam.

»Herr, du warst drüben,« sagte Jana mit ernstem Gesicht, »ich dachte nicht, daß du noch einmal zurückkehren würdest.«

»Drüben?« Ach so, in Indien, in Janas Heimat! Nein … nein, man hatte sich ja abends in dieses Bett gelegt. Ja – dieses Bett –! Und Helmina war in Wien. Es roch irgend etwas so sonderbar. Das war ein Ofengeruch von … von … von Kohlen … Kohlen …o …xyd …

Ruprecht hatte das Wort im Geist mühsam zusammenbuchstabiert. Er machte noch mit dem Zeigefinger der rechten Hand den Schnörkel des y auf der Bettdecke. Dann sah er Jana an: »Jana … Jana … ich war drüben?«

»Ja, Herr!« nickte der Malaie.

»So … so« – der Kopf brummte ganz gewaltig, es polterte darin, wie wenn ein Lastwagen über eine Brücke fährt, »ja, … na gut! Gib mir einmal die Aspirintube aus dem Kasten … rechts unten. Und … wie bist du dahinter gekommen? Daß ich hier … also … auf dem Weg hinüber war?« Ruprecht nahm das Wasserglas und die Aspirinpastille aus Janas Hand … wie diese Finger noch zitterten, und im Kopf war ein ganzer Maschinensaal voll sausender Schwungräder … und schluckte.

Der Malaie neigte sich ganz tief herab und flüsterte an Ruprechts Ohr: »Ich habe den andern in dein Schlafzimmer gehen sehen, Herr! Er ist ganz leise gegangen, damit ihn niemand sieht. Was hat der Lorenz nachts in deinem Schlafzimmer zu suchen, Herr?«

»Er kann etwas vergessen haben, Jana.«

»Ich habe das auch gedacht, Herr, und bin schlafen gegangen; aber es hat mir keine Ruhe gegeben. Wir teilen uns in viele Teile, Herr. Mein Körper ist im Bett gelegen, mein Geist war hier bei dir in diesem Zimmer und hat gesucht. Dann hat er mir befohlen, hierher zu gehen und nachzusehen. Ich habe das Zimmer voll Rauch und bösem Geruch gefunden. Der Ofen hat einen giftigen Atem. Da habe ich die Fenster aufgerissen …«

»Der Schieber am Ofen war zu …?«

»Ja, Herr, und der Ofen voll Glut, die den Tod ausgehaucht hat.«

»Du möchtest also so gerne fort von hier, Jana?«

»Ja, Herr!« Der Malaie hatte den aufmerksamen Blick eines Hundes, der von seinem Herrn die Wendung seines Schicksals erwartet. »Du siehst, es ist kein guter Ort.«

Ruprecht dachte nach. Dann sagte er, den Kopf auf den Arm stützend:

»Du darfst keiner Seele etwas davon sagen, daß du Lorenz gesehen hast.«

»Es ist gut, Herr!«

»Gib mir ein Glas Kognak, und dann kannst du gehen, Jana.«

Ein leises Klingen von Glas war irgendwo zu Häupten Ruprechts. Dann kam ein weicher Schritt ans Bett. Das köstliche Gelb des Kognaks brach aus braunen Fingern. »Ich werde über Nacht bei dir wachen, Herr.«

»Was fällt dir ein, Jana!« Ruprecht versuchte zu lachen. Aber das tat im Kopf weh. Und dann war der Magen auch wie umgestülpt. So – dieser Kognak mochte ihn wieder zurechtbringen. »Geh nur wieder schlafen … Die Fenster kannst du offen lassen. Ich werde nicht erfrieren, nachdem ich nicht erstickt bin.«

»Herr, versperre dir doch deine Türe.«

»Ach was … zweimal in einer Nacht gibt's keinen solchen Zufall … geh nur …«

Jana ging. Aber draußen vor der Türe kauerte er sich auf die kalten Fließen des Korridors, legte den Kopf auf die emporgezogenen Knie und saß so bis zum Morgen.

Ruprecht schlief lange. Als er am späten Vormittag erwachte und aufstand, fühlte er sich schwanken. Mit unsicheren Schritten ging er einige Male durch das Zimmer; der Kopf und der Magen schmerzten noch. Die Wirkungen des Giftes waren noch immer nicht ganz beseitigt.

Lorenz erschien mit einer unglücklichen und demütigen Miene: »Ich weiß nicht, wie mir das geschehen konnte, gnädiger Herr.«

»Sie müssen besser achtgeben, Lorenz, sonst muß ich Sie entlassen«, sagte Ruprecht ruhig.

Die Sache war also erledigt. Lorenz wandte sich um. Im Spiegel, in dem ihn Ruprecht beobachtete, war keine Veränderung in seiner unglücklichen Miene zu bemerken. Er sah wirklich aus wie ein Diener, der sich heftige Vorwürfe macht.

Es ist mein interessantestes Abenteuer, dachte Ruprecht, wir wollen sehen, welchen Fortgang es nimmt.

Als Frau Helmina gegen Mittag ankam und ihr Lorenz unten auf der Diele den Pelzmantel abnahm, belehrte sie ein hastiges Flüstern an ihrem Ohr über die Ereignisse der Nacht. Dann fügte der Kammerdiener laut hinzu, mit einem Ton, der für alle bestimmt war: »Heute nacht wäre beinahe ein großes Unglück geschehen. Der gnädige Herr wäre im Kohlendunst erstickt.«

Frau Helmina lief die Treppe hinan. Ruprecht saß mit den Kindern im Erkerzimmer und spielte »Wilhelm Tell«. Eben schoß der brave Schütze den Apfel vom Kopf seines Knaben. Der papierne Geßler sah so furchterregend aus, daß Nelly gar nicht hinschauen mochte. Ihre Liebe galt der schönen Bertha, die ein grünes Reitkleid anhatte, und dem freundlichen Jüngling Ulrich. Von diesen beiden hatte der Papa versprechen müssen, daß er ihnen nichts geschehen lassen werde.

»Wie ist denn das möglich?« rief Helmina, »wie hat denn das geschehen können? Ist es denn wirklich wahr? Ich hätte dich beinahe nicht mehr lebend getroffen?«

Ruprecht blickte auf. Er fand, daß Frau Helmina verstört aussah. Aber das kann weiter nicht wundernehmen, wenn eine Frau erfährt, daß ihr Mann in der Nacht fast erstickt wäre. War jedoch nicht ein Zuviel da – ein kleines Plus, das ihrem kalten und beherrschten Wesen nicht entsprach?

»Ach was,« sagte er lächelnd, »es ist nichts geschehen … Das ist die Hauptsache. Ich bin ganz froh darüber, daß ich dich nicht nach so kurzer Ehe schon verlassen mußte.«

»Wie hat so etwas nur geschehen können?« wiederholte Helmina aufgeregt, »und wie fühlst du dich jetzt?«

»Du siehst, gerade wohl genug, um Nelly und Lissy den Wilhelm Tell vorzuspielen. Meine Arbeit habe ich für heute an den Nagel hängen müssen …«

»Wenn dir nur nichts geschehen ist«, sagte Helmina und begann ruhiger zu atmen. Dann mußte Ruprecht erzählen, ganz genau, wie Jana zufällig am Schlafzimmer vorbeigegangen sei und den Geruch des Kohlenoxydgases verspürt hatte, und wie er durch ihn gerettet worden war. Frau Helmina hörte aufmerksam zu und betrachtete Ruprecht dabei genau. Sein Gesicht war hager und blaß, die Augen strahlten mit weitgeöffneten Pupillen, als ob sie Atropin empfangen hätten. Es mußte ihm recht nahe an den Kern des Lebens gekommen sein. Noch ein wenig tiefer und näher –

– oh, sie unterbrach sich selbst, es war ihr, als forsche er in ihren Gedanken. Die Kinder aber saßen ganz verschüchtert da; sie verstanden ja nicht viel davon, aber immerhin so viel, daß sie beinahe den Papa verloren hätten. Nelly kroch auf Ruprechts Knie und legte ihm die Arme um den Hals.

Dann fand Ruprecht einen raschen Übergang zu Helminas Wiener Fahrt und ihren Toiletteangelegenheiten. Seine Handbewegung sagte, er habe genug von einem Unfall gesprochen, dessen Bedeutung nicht weitreichend sei. Man könne von anderen Dingen beginnen.

Er scheint wirklich keine Furcht zu kennen, dachte Helmina, er ist der erste, der mir ebenbürtig ist. Ich sollte Zeit haben, mit ihm zu ringen.


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