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Viertes Kapitel

Nach dem Abendessen ging Ruprecht in den Schloßgarten. Frau Helmina war müde gewesen und hatte gebeten, sich bald zurückziehen zu dürfen. Aber Ruprecht dachte nicht ans Schlafen. Alles in ihm war wach, angespannt, in Erwartung.

Der Abend war herbstlich kühl, die ersten dürren Blätter raschelten auf den Wegen. Ach, dieses alte Schloß hatte seine Romantik. Es mußte einmal viel ausgedehnter gewesen sein, denn dieser Garten war auf einem Trümmerfeld angelegt. Zerbröckelnde Mauern umschlossen ihn, Reste von Wänden standen da und dort zwischen den Bäumen und Sträuchern; manchmal kam Ruprecht an einem spitzen Türbogen vorüber, oder an einem von mächtigen Steinen eingerahmten Fenster, das in einem Haufen von Trümmern aufrecht stand. Da war auch nahe dem einen Seitentrakt des Schloßgebäudes und durch einen gedeckten hölzernen Gang mit ihm verbunden ein dicker Turm, der weniger verfallen war, als das übrige. Er stand gedrungen und massiv in einem kleinen Wald von Birken, deren weiße Stämme wie frierende Skelette waren. Ruprecht drang bis an die runde Türmauer vor und entdeckte oben in beträchtlicher Höhe eine schwarze Öffnung, eine jener unzugänglichen Türen alter Türme, die man nur mit einer Leiter erreichen kann.

Es war nicht gerade behaglich hier. Das Licht des abnehmenden Mondes war fahl und traurig und schien sich vor den dunkleren Schatten scheu zurückzuziehen. Wenn man die Augen ein wenig zudrückte und nur einen schmalen Spalt offen ließ, dann war es, als schwimme dieses alles, Mauertrümmer und Bäume und Sträucher in einer phosphoreszierenden Atmosphäre, in der Luft eines anderen, von der Erde weit entfernten Sternes.

Ruprecht steckte die Hände in die Taschen, zog an seiner Zigarre und wandte sich wieder dem Schlosse zu. Dort wachten in einigen Fenstern gelbrötliche Lichter. Vielleicht war eines von ihnen in Helminas Schlafzimmer. Ja – es war Zeit, sich über alles klar zu werden. Ruprecht war kein Freund eines langen Zögerns. Soviel wußte er, daß ihn Helmina anzog, wie keine Frau seit jener, die ihn damals – ach was! Er wehrte sich gegen alte, quälende Erinnerungen. Was sollte das jetzt? Hier galt es, sich zu entscheiden.

Wir wollen aufrichtig sein, Schätzbarster, sagte er sich, wir haben uns bereits entschieden. Frau Helmina hat sich zurückgezogen, um dir Zeit zu lassen, darüber nachzudenken. Es ist im Grunde überflüssig. Ich werde morgen fragen, ob sie meine Frau werden will. Ach – wie schön sie ist und wie gefährlich. Ich glaube es recht gern, daß sie ihre drei ersten Männer umgebracht hat. Den Bergsteiger, den Schlagflußkandidaten und den Bücherwurm. Das sind Krüppel des Lebens gewesen, arme Teufel, die es mit dieser prächtigen Bestie nicht aufnehmen konnten. Aber wir, Frau Helmina, wir haben Fäuste und Zähne. Ich brenne darauf, sie Ihnen zu weisen, schöne Frau. Sie ist grausam wie eine Tigerin. Wie sie heute diesen armen Baron abgewunken hat. Eins, zwei, drei, – ein Stich ins Herz. Sentimentalitäten habe ich von ihr keine zu befürchten. Ich glaube, sie hat keine Tränendrüsen. Heute abend bei Tisch zum Beispiel. Ich frage: »Der Baron Kastelli ist Ihr Nachbar, nicht wahr?« Sie antwortet: »O, er vertreibt mir bisweilen die Zeit.« Dabei blitzten ihre Zähne wie die einer Reklamedame für ein Zahnpulver. Und in dieser Antwort liegt ein giftiger Hohn und ein grausames Abschlachten. O … ich glaube, in ihrer Seele gibt es Gegenden, wie … wie dieser Garten hier, so finster, erfüllt von Geheimnissen, raunenden Schatten und vielleicht auch von Trümmern der Vergangenheit. Wir wollen diesen Garten betreten … ah, es ist etwas Neues, das uns bevorsteht.

Die Zigarre war ausgegangen. Ruprecht entzündete ein Streichholz, sah einen Augenblick die hohlen Hände, die er zum Schutz der kleinen Flamme geschlossen hatte, rot beleuchtet, dann war es wieder finster. Nur die Zigarre glomm nahe seinem Mund. Langsam ging er dem Schloß zu, die schmale, gewundene Treppe in sein Zimmer hinauf und begann sich zu entkleiden. Die beiden Fenster standen offen. Eben wollte er sich niederlegen, als ein sonderbares Heulen begann. Es setzte tief unten an und zog sich bis ganz hoch hinauf, wo ein dünnes Vibrieren entstand, wie es nur aufs äußerste gespannte Stimmbänder hervorbringen können. Dann schloß sich ein leeres Plappern an; ein Gebet offenbar. Die Worte sprangen wie Erbsen auf einem Blech. Ruprecht schaute aus dem Fenster. Da unten in dem Flügel der Dienerschaft war noch ein beleuchteter Raum. Wenn man sich vorbeugte, konnte man ein Stück des Zimmers sehen. Vor einem Tisch kniete eine Frau mit grauem, verwirrtem Haar und hielt den Kopf gegen die Kante gedrückt. Auf das Plappern und Klappern folgte wieder das Heulen, das sich nun mit vielerlei Modulationen hinab und hinauf bewegte. Ruprecht fand die Veranstaltung interessant aber unangenehm. Indessen sollte sie nicht lange dauern. Schritte kamen über den Hof. Ein breiter Rücken schob sich vor das Fenster. »Geht das Gewinsel schon wieder an?« knurrte eine gedämpfte Bärenstimme. Das war der energische Lorenz, der Kammerdiener, der aussah wie eine Mischung von Seemann und Masseur. Dann wurde ein Fenster zugeschlagen, daß die Scheiben klirrten.

Ruprecht zog sich zurück. Nun war es im Schloß ganz still geworden, und von der Decke des Zimmers, aus den dicken persischen Gebetsteppichen an den Wänden rieselte der Schlaf.

Am Morgen traf Ruprecht die Schloßherrin im Frühstückszimmer. Die Balkontüre stand offen und ein köstlicher frischer Hauch kam von den dampfenden Wiesen rings um das Schloß. Der Nebel prickelte feucht auf der Haut. Vom Balkon aus sah man auf den Hof hinab, auf den alten Lindenbaum und dann jenseits der Burgmauer die Wipfel der Kastanienbäume, die in zwei Reihen den Schloßweg säumten.

Frau Helmina trug einen weiten Kimono von grüner Seide, der nicht reichlich, aber ungemein geschmackvoll mit Goldstickerei geziert war. Ruprecht liebte diese weiten, bequemen Gewänder. Er lächelte. Als ob sie es wüßte, dachte er.

»Wie haben Sie geschlafen?« fragte Helmina.

»So vortrefflich, daß ich wünschte, immer irgendwo schlafen zu können, wo ich nicht allzu weit von Ihnen entfernt bin.« Ruprecht sah Helmina gerade ins Gesicht. Sie schlug die Augen nieder, aber nicht schnell genug, daß er nicht noch einen Schimmer des Triumphes hätte erhaschen können, der in ihnen spielte. Ja – es war kein Zweifel, daß sie sich ihres Sieges freute.

»Ich höre,« sagte Helmina nach einem kurzen Schweigen, das sie eintreten ließ, um den Worten Ruprechts nichts von ihrer Bedeutung zu nehmen, »daß unsere alte Marianne gestern wieder einen Anfall gehabt hat. Hoffentlich hat Sie das nicht allzu lange gestört. Ich kann die Alte nicht aus dem Haus geben. Sie dient mir schon lange. Irgendein religiöser Wahn hat sie ergriffen. Sie muß für unsere Sünden Buße tun. Dann beginnt sie mitten in der Nacht zu beten und zu singen.«

»Es gibt nichts, was mir den Aufenthalt bei Ihnen verleiden könnte.«

Helmina hob den Kopf. Das Licht der Morgensonne, wie gedämpftes gelbliches Licht glitt über ihre Stirne: »Ich danke Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeiten, Herr von Boschan. Aber ich bitte Sie, nichts davon vor fremden Leuten. Man ist nur allzusehr geneigt, jungen Witwen Übles nachzureden.«

»Hören Sie, gnädige Frau, ich bin unabhängig und mein Vermögen gestattet mir, nach meinem Gefallen zu leben. Ich habe keine Verwandten und niemanden, der irgendeinen Anspruch auf mich hätte.«

Mit einigen weichen Schritten trat Helmina auf den Balkon. Ruprecht folgte ihr. Sie nahmen in zwei niedrigen, stark nach hinten geschweiften Korbstühlen Platz, einander gegenüber. Helmina lehnte sich zurück und kreuzte die Hände unter dem Kopf. »Wozu sagen Sie mir dies, Herr von Boschan?« fragte sie. Um ihren Mund war ein lebhaftes Spiel kleiner Muskeln, das seinen Ausdruck unaufhörlich veränderte.

»Können Sie das nicht erraten?«

»Ich will Ihnen etwas sagen: Ich war dreimal verheiratet.«

»Ich hoffe, daß Sie dies nicht abhält, es noch ein viertes Mal zu wagen.«

»Ich weiß, daß Sie ein ruheloser Mensch sind. Sie haben weite Reisen gemacht. Es wird in kurzer Zeit wieder über Sie kommen. Dann werden Sie hinaus wollen und unglücklich sein, wenn Sie es nicht können. Denn ich bin sehr bequem und großen Anstrengungen nicht geneigt.«

»Gerade das kann Ihnen eine Bürgschaft sein. Ich habe genug davon. Ich möchte endlich irgendwo festwachsen. Einen Beruf haben. Die Scholle will mich festhalten, Jetzt bedaure ich, daß ich meine Besitzungen verkauft habe, damals, als ich in die Welt wollte. Ich habe ein Schloß in Steiermark und ein Gut in Oberösterreich gehabt. Jetzt liegt mein ganzes Vermögen auf der Bank. Ich wäre sehr glücklich, wieder zum Bauern werden zu können.«

»Oh! … Sie müßten doch verzichten, auf Ihren Gütern zu wohnen. Ich kann mich von diesem alten Nest hier nicht trennen.«

Ruprecht ergriff Helminas Hand: »Das ist eine halbe Zusage, Helmina«, sagte er. »Nehmen Sie es als eine ganze, Ruprecht«, antwortete sie. Sie erhob sich aus ihrem Stuhl und Ruprecht stand gleichfalls auf. Sie standen Brust an Brust. »Ich bin jung. Ich bin es müde, Witwe zu sein.« Sie sah ihn mit heißen Augen an. Er hob die Arme, umschlang sie und küßte sie. Beide zitterten in einem wilden Begehren.

Zwei Kinderstimmen krähten unten auf dem Hof. »Mama!« rief Lissy.

Helmina beugte sich über die Brüstung des Balkons. »Kommt nur herauf,« sagte sie, »ihr findet hier den Papa, den ihr euch gewünscht habt.« –

Ruprecht fand sich mit glücklichem Behagen in seinen neuen Stand. Er stellte ohne Bedauern bei sich fest, daß er verlobt war. Manchmal lächelte er. Er dachte an seine Freunde und was die sagen würden, wenn sie davon erführen. Sie sollten bald genug mit dieser Nachricht überrascht werden. In einem Monat war Helminas Trauerjahr um. Dann würde die Hochzeit ohne Verzögerung vor sich gehen.

Helmina gestattete Ruprecht nur noch acht Tage auf dem Schloß zu verweilen. Der Anstand erforderte, daß man den Bräutigam aus der Nähe der Braut entfernte. Jana, der malaiische Diener, war von Ruprecht mit einigen Koffern aus Wien berufen worden. In diesen acht Tagen ritt er mit Helmina auf die Felder. Er fand, daß sie nicht eben im besten Stand waren. Hier gab es viel zu tun, und er nahm sich vor, selbst nach allem zu sehen. »Was willst du?« sagte Helmina lachend, »meine Beamten taugen nichts. Ich weiß es. Sie sind alle zu sehr in mich verliebt, um mein Gut ordentlich zu bewirtschaften.«

Helmina hatte recht. Ihre Beamten waren wütend, sie mit Ruprecht zusammen zu sehen, noch bevor sie wußten, daß er der Bräutigam ihrer Schloßherrin war. Auch die Beamten der Papierfabrik machten feindselige Gesichter. Ruprecht war der Eindringling, der eine ganze Schar von verzückten, schwärmerischen Hoffnungen vernichtete. Das Gerücht von Helminas Verlobung drang aber, obzwar sie seine Verbreitung untersagte, bald aus dem Schloß. Da wandelte sich die Wut in einen stillen, unterdrückten, neidvollen Haß.

Am Tage vor seiner Abreise fand Ruprecht, als er von einem Morgenspaziergang durch den Wald zurückkehrte, den Baron Kastelli bei Helmina. Sein Eintritt schnitt ein Gespräch glatt ab. Der Baron erhob sich, machte eine Verbeugung vor Ruprecht, und ging hinaus. Man konnte es ihm ansehen, daß es ihm unmöglich war, mit dem Bräutigam beisammen zu sein.

»Er muß sehr verliebt sein,« sagte Ruprecht, dem der junge Mann nicht so leid tat, daß er das angenehme Gefühl des Siegers hätte unterdrücken mögen, »er schaut aus, als ob man ihn gefoltert hätte. Und er kann sich nicht einmal beherrschen.«

»Er ist noch sehr jung,« antwortete Helmina nachlässig, indem sie mit einem winzigen Batisttaschentuch über die Lippen wischte, »und er ist sehr verliebt.«

Helmina und die Kinder begleiteten Ruprecht im Wagen zur Bahn. Es war etwa zwei Stunden bis zur nächsten Station. Aus dem Waldkessel, in dem Vorderschluder lag, wand sich die Straße zwischen Bergnasen zur Hochebene empor. Immer wieder kam eine neue Schleife, eine Wendung. Es war als hätte der Wald recht viele Hindernisse vorgeschoben, um der Straße den Aufstieg zur Höhe und der Welt den Weg nach dem abgelegenen Dorf zu erschweren.

Ruprecht schritt mit Helmina Arm in Arm über den Perron von Gars. Der Stationsvorstand in seiner roten Mütze kam vorüber, grüßte und schaute ihnen verstohlen nach. Dann ging er zum offenen Fenster des Telegraphisten und sprach leise mit ihm, worauf der junge Beamte den Kopf vorstreckte und mit den Augen rollte. Die Kinder hatten den alten Hund des Stationsvorstandes in einer Ecke entdeckt und zausten ihn an seinen langen, schwarzen Zotten. Aber sie kamen dazwischen alle Augenblicke zu Ruprecht gelaufen. »Du mußt aber sehr bald wiederkommen, Papa!« – »Was wirst du mir mitbringen, Papa?« – »Wirst du mit uns wieder den Schloßberg hinunter laufen, Papa?«

»Das ist er also. Er soll fabelhaft reich sein«, murmelte der Stationsvorstand. Vor seinen Augen stand die Vision eines gebratenen Pfaus und eines Automobils. Ein gebratener Pfau und ein Automobil waren ihm die Symbole fabelhaften Reichtums.

Der junge Telegraphist seufzte. Oh, er hatte in seinen Träumen diese junge Witwe umarmt. Sie gehörte ihm kraft des Rechtes des Lyrikers, in dessen Schreibtischlade ein halbes Kilo der zärtlichsten Verse lag. Aus! Fertig! Vorbei! Die Brutalität der Welt hatte gesiegt.

Jetzt kam der Zug heran. Der Stationsvorstand lief von einem Ende des Perrons zum anderen, als ob er eine rasende Menge zurückzuhalten hätte. Er war sehr glücklich, daß er seine neue Hose mit den Bügelfalten an hatte. Wenn nur seine Gattin ihren Beobachtungsposten am Fenster hätte verlassen wollen, dann hätte er Gelegenheit genommen, Frau Dankwardt, annoch Frau Dankwardt, einige ehrerbietige Huldigungen zu Füßen zu legen. Man mußte sich bemerkbar machen. Vielleicht wurde man dann zum Hochzeitsessen eingeladen …

Ruprecht nahm Abschied. Zwei Kinderküsse, dann ein roter, voller, duftender Mund! Einsteigen!

Ach was! Es war ja doch nur auf einige Tage … Ein abscheuliches Knirschen ging durch den ganzen Zug, daß man die Zähne in den Kiefern wackeln spürte. Dann Adieu!

Zwei Reiherfedern nickten. Ein kostbarer, blaugrauer Pelz schimmerte matt um die schönen Schultern … der Zug fuhr um den Burgberg herum …

Ruprecht von Boschan machte einen Kopfsprung in die Arbeit. Es gab genug zu tun. Zunächst mußten alle zur Trauung erforderlichen Papiere herbeigeschafft werden. Ruprecht hatte einen Widerwillen vor Behörden, Vorzimmern, Amtsdienern, Gesuchen und Stempeln. Er hatte lange so gelebt, als ob es nichts dergleichen auf der Welt gäbe. Nun bedurfte er auf einmal aller dieser Dinge, Einrichtungen und Menschen. Das war beschämend. Es war ihm, als müsse er zu Kreuze kriechen. Da waren vor solchen Gängen immer innere Widerstände zu überwinden.

Dann wollte er mit einer angefangenen Arbeit zu Ende kommen. Mit dem offenen, unbefangenen Blick des von keinerlei Theorien beeinflußten Beobachters hatte er sich auf seinen Reisen Urteile über volkswirtschaftliche Verhältnisse gebildet. Da war manches in vielen Punkten anders, als es gewöhnlich angenommen wurde. Es war von Vorteil, die Heimat darüber zu belehren und ihr zu zeigen, wo zu verlieren und wo zu gewinnen war. Ruprecht hatte begonnen, über diese Fragen ein Buch zu schreiben. Nun wollte er damit fertig werden. Er schrieb oft bis tief in die Nächte hinein. Wenn er dann von seinem Manuskript aufblickte, dann sah er zwei weiße nickende Reiherfedern und einen matt schimmernden blaugrauen Pelz.

Endlich mußten aber auch seine eigenen Vermögensangelegenheiten endgültig geregelt werden.

Er ging zu seiner Bank und bat den Direktor um eine Unterredung. In einen grauledernen Klubsessel versenkt, stellte er Herrn Siegl vor, wie er sich die Sache dachte. Herr Siegl saß ihm gegenüber. Seine kurzen, stämmigen, krummen Beine bildeten ein O, durch dessen Rund man hätte ein Faß durchschieben können. Ein schwarzgefaßter Zwicker zitterte nervös ganz vorne auf der dicken Nase. Wenn man den Zwicker so baumeln sah, wünschte man sich Glück dazu, daß er an einer Schnur befestigt war. Der vorquellende Bauch hatte in seiner weißen Weste eine regelmäßige Dünnung.

Über den Köpfen der beiden brannte das elektrische Licht in einer milchigen Tulpe, von der eiserne Ranken herabhingen. Draußen war heller Tag, hier aber brannte immer, jahraus, jahrein diese Flamme in der milchigen Tulpe. Man konnte glauben, in einem unterirdischen Raum zu sein. Diesem Raum mit seinen eisernen Fensterladen und den gepolsterten Türen war anzusehen, daß er Geheimnisse zu bewahren verstand. Nur ein leises Klingen war in ihm, wie von Metall, von Goldmünzen, die sich aneinander reiben, oder zu Rollen zusammengefügt werden.

»Ja … Herr von Boschan,« sagte der Direktor, nachdem Ruprecht seinen Finanzplan entwickelt hatte, »ich würde Ihnen empfehlen einen Heiratsvertrag aufzusetzen, in dem die vollkommene Gütertrennung ausgesprochen wird.«

»Warum? das sieht doch aus wie Mißtrauen, nicht? Haben Sie besondere Gründe, mir diesen Vorschlag zu machen?«

»Warum? Was soll ich Ihnen sagen, Herr von Boschan? Sicher ist sicher! Frau von Dankwardt spielt auf der Börse.«

»So! Sie spielt auf der Börse … nun und Sie meinen? Mit welchem Erfolg?«

Der Direktor wiegte den Kopf hin und her, daß der Zwicker zu tanzen begann und die Dünnung des weißen Bauches unterbrochen wurde.

»Na … wie man eben auf der Börse spielt. Man gewinnt! man verliert!«

»Sie haben vielleicht recht, Direktor!« sagte Ruprecht nachdenklich.

»Ob ich recht habe!!« bestätigte der Direktor eifrig. »Und dann«, er beugte sich vor und legte seine fette Hand auf Ruprechts Knie, »man hat sich bei uns nach Ihren Vermögensverhältnissen erkundigt. Zweimal, Herr von Boschan!«

»Wer hat sich erkundigt?«

»Ich weiß nicht, Herr von Boschan. Jedenfalls nicht der, der uns gefragt hat.«

»Und was haben Sie geantwortet?«

»Was wir geantwortet haben? Sind wir ein Auskunftsbureau über unsere Kommittenten? Der Mann ist gut, haben wir geantwortet. Was braucht er mehr zu wissen?« –

Ruprecht fand, daß er gut daran tue, den Rat des Direktors zu befolgen.

Aus Vorderschluder kam jeden zweiten Tag ein duftender Brief an ihn. Der Brief, der die Antwort auf seine Mitteilung brachte, daß er die Gütertrennung vertragssicher festgesetzt wünsche, duftete weit weniger. Die schöne Schreiberin war gekränkt und ungehalten. »Oh, das läßt einen Stachel zurück!« schrieb Helmina. Ruprecht wünschte keinen Stachel in der Seele seiner Braut. Er antwortete, daß er zwar auf Gütertrennung bestehen müsse, aber daß er bereit sei, in eine wechselseitige Erbeseinsetzung zu willigen.

»Wir wollen doch solchen Dingen keine allzu große Bedeutung beilegen,« schrieb Helmina hierauf, »es geschehe nach deinem Willen. Ich bin einverstanden. Der Termin ist nahe. Wir haben Wichtigeres zu tun.« –

Der Termin war da. Ruprecht traf am Abend vor der Hochzeit in Vorderschluder ein. Jana, der Malaie, leitete den Transport des Gepäcks. Die Dorfjugend stand herum und riß die Augen auf. So was hatte sie noch nie gesehen. Dieser Mensch in seiner fremdartigen Tracht war ein Wunder. »Ja – es gibt halt verschiedene Leut' auf der Welt«, sagte die freundliche Wirtin des »Roten Ochsen«, und sogar der Herr Oberlehrer mußte ihrer Weisheit beipflichten.

Der Polterabend wurde im engsten Kreis gefeiert. Der Gutsverwalter war da und der Oberförster, der Pfarrer, der Direktor und der Buchhalter der Papierfabrik. Und der Notar, in dessen Beisein man vorher den Ehevertrag unterschrieben hatte. Baron Kastelli, der gleichfalls geladen war, hatte sich entschuldigen lassen. Er würde aber zur Trauung kommen. Daß die Verwandten von Frau Helminas letztem Gatten nicht erschienen waren, fand man begreiflich.

Am nächsten Morgen kamen Ruprechts Trauzeugen. Der Gerichtssekretär Ernst Hugo und ein anderer Jugendfreund des Bräutigams, der Chemiker Wetzl, ein stiller, schwarzer Mensch, der einen Namen als erfolgreicher Experimentator mit Radium hatte.

Hugo breitete seine Arme wie Windmühlenflügel aus und schlug sie um Ruprecht zusammen. »Mensch,« schrie er, »ich sage nichts als dieses: wenn der Mensch Glück hat, so hat er Glück.«

Dann wandte er sich an Frau Helmina und sagte, mit der Hand auf dem linken Flügel seines tadellosen Fracks: »Wenn Sie wüßten, gnädige Frau … Ich habe Sie schon in Abbazia bewundert. Ich wollte Ihnen immer schon vorgestellt werden. Einer meiner Bekannten hat es mir für den nächsten Tag versprochen. Am nächsten Tag waren Sie fort.«

Frau Helmina stand in einem schlichten grauen Kleid vor ihm und sah ihn lächelnd an. Dann reichte sie ihm die Hand: »Die Freunde meines Mannes sind auch die meinen!« O Gott! dachte Hugo, dieser Blick. Ich bin verloren! Ich werde von ihr träumen.

Die Wagen standen im Hof. Man fuhr langsam mit knirschenden Bremsen zwischen den kahlen Kastanienbäumen den Schloßberg hinab. Es war kein freundliches Wetter. Ein kalter Novemberwind tobte in dem Waldkessel, stürzte sich wütend aus einem grauen Himmel und fegte bisweilen Regenschauer vor sich her. Alle Wetterfahnen des Schlosses kreischten und die nackten Bäume schlugen mit den Ästen gegeneinander.

Die Bauern standen vor den Häusern und versuchten in das Innere der geschlossenen Wagen zu sehen. Kein Zuruf, keine Begrüßung, nichts … sie machten finstere, feindselige Mienen.

»Du machst deine Hochzeitsreise selbstverständlich nach dem Süden«, sagte Hugo zu Ruprecht.

»Wir machen überhaupt keine Hochzeitsreise. Wir bleiben daheim.«

»Oh!« Hugo hatte eine Vorstellung von warmen, behaglichen Zimmern, Kaminfeuern, kreischenden Wetterfahnen, summenden Teekesseln und weichen, fließenden Schlafgewändern aus Seide und Spitzen. Himmelherrgott!

Ruprecht fühlte, daß ihn sein Freund beneidete. Er fühlte den Neid auch wie eine Wolke auf der Versammlung in der Kirche liegen. Die gezwungene Haltung der Gäste, ihre freundlichen Mienen waren ihm nur Grimassen, die ihm nichts verbergen konnten. Aber aus alledem zog er die Kraft des Überwindens. Ruhig und sicher lächelnd führte er Helmina zum Altar. Sie wandte ihm ihr Gesicht zu. Ihre Augen leuchteten in einem schillernden Glanz. Oh, diese Gefahr, diese wunderbare, selige, süße Gefahr des Liebeskampfes, dem er entgegenging! Was ist das Leben, wenn nicht diese Gefahr!

Der Pfarrer sprach seinen Spruch und verband sie zum unzertrennlichen Bund. Dann nahmen sie die Glückwünsche entgegen. Als erster trat der Baron Kastelli, der Helminas Trauzeuge gewesen war, an sie heran. Sein Gesicht war verzerrt. Er vermochte nichts zu sagen.


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