Autorenseite

 << zurück weiter >> 

52.

» E s muß sich Alles, Alles wenden!« – Wie oft sagte sich Wolfgang das tröstliche Wort, während der Frühling mit jedem Tage blauer und duftiger über der neuverjüngten Erde aufleuchtete und aufblühte; wie oft, ohne Trost zu finden, bis er zuletzt den Glauben an die frohe Botschaft verlor. Konnte der Frühling wenden, was unabänderlich war? konnte der Frühling, der die Bäume und Büsche wieder mit zartestem Laube schmückte, und den Vögeln die alten, ewig jungen Lieder wieder gab, das geliebte Wesen zurückbringen, das zwischen diesen Büschen, unter diesen Bäumen so gern gewandelt war? das diesen einfachen Weisen immer mit so inniger Freude, mit so rührender Andacht gelauscht hatte? Kann dieser rosige Blüthenschnee die Spur der Theuren verwischen? kann das Säuseln des Windes in den schwankenden Zweigen die Erinnerung der lieben sanften Stimme verwehen, die, wie einer Gottheit Stimme, in die Morgendämmerung seines Geistes die ersten Worte der Liebe sprach? Ist der Tod deshalb weniger furchtbar, weil er ein Räthsel ist, dessen Geheimniß zu begreifen unser Scharfsinn zu stumpf, dessen Schrecken auszumalen unsre Phantasie zu lahm, dessen Bild festzuhalten unser Gedächtniß zu matt ist? Sind wir heute weniger unglücklich, weil wir wissen, daß wir ein paar Jahre später lachen und scherzen werden, als wäre uns nie eine Mutter gestorben? oder sind wir nicht doppelt elend in dem kläglichen Bewußtsein, nur der Oberflächlichkeit unsres Wesens die Möglichkeit des Lebens zu verdanken? – Unselige Menschheit, die Du die Livree Deiner Erbärmlichkeit wie ein Ruhmeskleid trägst, aus der Noth eine Tugend und aus der Bedürftigkeit eine Religion machst! Resignation, Ergebung in das Schicksal, immer dieselbe Miene und immer dieselbe Stirn! – ja wohl! immer dieselbe Pharisäermiene, die zu den frivolen Regungen des eigenen Herzens heiligen Beifall lächelt! immer dieselbe eherne Stirn, die dem blauen Himmel gleicht, unter dem die Erde mit ihren Blumen verdurstet!…

Der Tod der geliebten Mutter war der erste große Schmerz, den Wolfgang erfuhr, und, wenn dies Ereigniß schon zu jeder Zeit von erschütternder Wirkung auf ihn gewesen wäre, so traf es ihn jetzt, wo sein Gemüth durch mancherlei Umstände ohnehin gedrückt und verdüstert war, mit doppelter Gewalt. Er war Tage lang in einem Seelenzustand, der Allen, welche die wechselseitige Liebe zwischen der Mutter und dem Sohne nicht gekannt hatten, unbegreiflich erschien; und auch als der erste brennende Schmerz sich ausgetobt hatte, war seine Schwermuth noch immer der Art, daß sie Denen, die ihn liebten, die ernstlichsten Besorgnisse einflößte. Aber die Welt mit ihren tausendfältigen Anforderungen siegte endlich doch über die Selbstvernichtungslust, mit welcher der unglückliche junge Mann in seinem Schmerze wühlte, und zwang ihn, der für sich selbst aller Freude am Leben, ja dem Leben selbst entsagt zu haben schien, theilnehmend an dem Leben der Andern, für die Andern zu leben.

Zuerst für seinen Vater, mit dem seit dem Tode Margarethen's eine merkwürdige Veränderung vorgegangen war. Dem Anscheine nach hatte sich freilich der Stadtrath mit seiner gewöhnlichen Elasticität schon nach wenigen Tagen von dem Schlage vollkommen erholt. Er ging wieder seinen alten Beschäftigungen nach; er besuchte wieder die alten Vergnügungsörter; er kleidete sich mit der alten Sorgfalt, ja fast noch sorgfältiger als zuvor; aber, wer ihn genauer beobachtete, konnte die Wahrnehmung machen, daß er dies und alles Andere ohne alle Theilnahme that, nur weil es schicklich und seiner Gewohnheit gemäß war. Es war, als ob seine Kraft nur eben noch so weit reiche, ihm die Aufrechterhaltung des schönen Scheines, dem er sein Leben lang gehuldigt hatte, möglich zu machen. Er sprach in den Magistratssitzungen noch so häufig wie sonst, aber ein Sieg bei der Abstimmung brachte ihn nicht mehr wie sonst in freudige Aufregung, so wenig, wie ihn eine Niederlage, die ihm früher äußerst empfindlich gewesen war, zu schmerzen schien. Er unterhielt sich beim Herausgehen aus der Sitzung in seiner verbindlichen Weise mit seinen Bekannten und Parteigenossen, dem Stadtrath Heydtmann u. Comp., dem Senator Westermeier und anderen Finsterlingen und mehr oder weniger fanatischen Reactionairen, aber seine Späße waren frostig und sein Lächeln war kalt wie seine Hände. »Ich weiß nicht,« sagte Herr Westermeier – ein etwas buckliger, rothhaariger Dandy, der sich auf seine Schönheit und Klugheit gewaltige Stücke einbildete, »der Hohenstein kommt mir vor, wie Jemand, der eine Partie, die er verloren hat, nur aus Gefälligkeit noch weiter spielt.« – Der Stadtrath Heydtmann u. Comp, sah sich scheu um und erwiderte: »Wissen Sie was, Werthgeschätzter, ich habe manchmal den Gedanken, Hohenstein sei in die gräuliche Affaire des alten Generals verwickelt; es wäre schrecklich, – schrecklich!«

Wenn nun auch nicht gerade alle Geschäftsfreunde dieselben Befürchtungen wie der Stadtrath Heydtmann u. Comp, hegen mochten, so war der Rückschlag der »gräulichen Affaire« auf die Angelegenheiten des Stadtraths doch noch immer bedeutend genug. Kapitale, die er angeliehen hatte, wurden ihm gekündigt; Gläubiger, die sonst länger gewartet haben würden, wollten durchaus bezahlt sein; die alten Verlegenheiten wurden drückender, neue kamen hinzu; – und der Stadtrath sprach darüber mit seinem Sohne, wie über Dinge, die sich von selbst verständen. »So etwas geht vorüber,« sagte er; »die Sache mit dem Großonkel kommt mir ein wenig ungelegen; man muß es eben tragen.«

Wolfgang hielt, trotz dieser Versicherungen, die Lage des Vaters jetzt für bedenklicher als im Frühling des vorigen Jahres, und sah in der Gelassenheit, mit welcher derselbe über seine Verhältnisse sprach, nur die Ruhe der Verzweiflung. Um so tiefer fühlte er die Verpflichtung, den Vater in dieser Noth nicht zu verlassen, vielmehr Alles zu thun, was in seinen Kräften stand, um denselben über diese schlimme Zeit hinwegzuhelfen. So entwickelte sich zwischen dem Vater und ihm ein vertraulicheres Verhältniß, als je zuvor. Das Unglück, das über die Familie hereingebrochen war, schien wenigstens das Gute gehabt zu haben, die einzelnen Glieder derselben fester aneinander zu knüpfen.

Dies Gefühl der – gleichviel ob freiwilligen oder unfreiwilligen – Gemeinsamkeit machte es Wolfgang auch unmöglich, die Ketten zu brechen, mit welchen ihn seine Verlobung und sein militairisches Verhältniß belastet hatten. Sollte er jetzt, wo der Name seiner Familie in Aller Munde war, noch seinerseits dazu beitragen, den Stoff der Klatschereien und Verläumdungen zu vermehren? Sollte er jetzt seiner Braut ihr Wort zurückgeben? Sollte er jetzt um seinen Abschied nachsuchen, und damit zu erkennen geben, daß er an der so schwer compromittirten Ehre der Familie verzweifle? Sollte er sich an Edelmuth von einem Willamowsky übertreffen lassen, der diese Zeit der Erniedrigung der Familie für die passendste gehalten hatte, um seinen altadligen Namen, auf den er so gewaltige Stücke hielt, mit dem Namen der Hohensteins zu verbinden? Sollte er Camilla, die das erste Mal, als er nach dem Tode der Mutter wieder in die Wohnung ihrer Eltern, kam, ihm um den Hals fiel und ihn bat, ihr wieder gut zu sein und ihr die Launen, mit denen sie ihn gequält habe, zu verzeihen– von sich zu stoßen? Sollte er der Präsidentin, die ihn unter einem Strom von Thränen an ihren Busen schloß und ihn »ihren lieben Sohn« nannte, sagen, daß er nicht ihr Sohn sein wolle? daß er sich nie als ihren Sohn gefühlt habe? – sollte er ihr das gerade jetzt sagen? – Wolfgang brachte das Wort, das seine Wahrheitsliebe gebieterisch von ihm forderte, nicht über seine Lippen. Er stammelte einige verwirrte Entschuldigungen, und war dankbar, daß man ihm keine Vorwürfe machte, als er in der Folge so selten als möglich kam, und auch dann nur immer, wenn er gewiß sein konnte, wenigstens den einen oder den andern Gast in dem jetzt beinahe verödeten Salon zu treffen.

Aber je unübersteiglicher die Verhältnisse sich vor ihm aufthürmten und ihm eine freie Bewegung unmöglich machten, desto mehr vertiefte sich der nach außen hin gehemmte Strom der Kraft, desto gewaltiger rang sein Geist, das Wie? und Warum? dieser Verhältnisse zu begreifen, die doch unmöglich blos deshalb, weil sie vorhanden waren, vernünftig sein konnten. Und nicht blos dieser Verhältnisse! Waren sie doch nur die nothwendige Folge einer Reihe von Ursachen und Wirkungen, die sich sämmtlich auf den unhaltbaren Zustand der Gesellschaft und des Staates zurückführen ließen! einer Gesellschaft, wo der Eine den Andern gewissenlos ausbeutet, um Zwecke zu erreichen, die, wenn sie erreicht sind, sich als werthlos ausweisen; eines Staates, dem mit freien Menschen, die dem Andern gern gewähren, was sie für sich selber fordern, nicht gedient ist, sondern der seine großen Mittel schmählich mißbraucht, um die Herrschaft der Einzelnen über die Vielen wo möglich zu verewigen. Hemmte dieselbe falsche Schaam, die ihn abhielt, auch äußerlich sich aus einem Zustande zu befreien, dem er sich innerlich vollständig entwachsen fühlte, nicht Millionen und aber Millionen Menschen an der naturgemäßen Entfaltung ihrer Kräfte? war es nicht unwürdig, unverzeihlich, frevelhaft, diese heiligen unwiederbringlichen Kräfte dem Moloch des Scheins sclavisch zu opfern? Warum durfte dieser Moloch überall in den Familien, in der Gesellschaft, im Staat sein scheußliches Haupt so frech erheben? Diesem Moloch war seine Mutter geopfert; diesem Moloch zu gefallen, hatte sein Vater sich der schlimmsten Undankbarkeit gegen Onkel Peter schuldig gemacht, hatte sich in Verlegenheiten über Verlegenheiten gestürzt, aus denen jetzt kein Entrinnen mehr schien; diesem Moloch zu gefallen, war er selbst aus einem Studium gerissen, das ihm Freude und Genugthuung gewährt hatte, um sein Leben in einem geschäftigen Müßiggange zu verdämmern; diesem Moloch zu gefallen, geschah, was nur immer in der Familie Hohenstein geschah; man intriguirte für ihn, man log für ihn, man betrog für ihn, man verkaufte seine Ueberzeugungen, seine Grundsätze, verrieth einander, heuchelte Liebe, verbarg den Haß, prahlte mit Tugenden, die man nicht hatte, bedeckte sich mit Schande bergehoch! – Diesem Moloch zu gefallen, mußte der Arme ein Leben führen, das ihn nie und in keinem Augenblick zum Gefühl der Menschenwürde kommen ließ; mußte der Vornehme in Lüsten schwelgen, die ihn unter das Thier erniedrigten; – diesem Moloch zu gefallen, mußte der Staat eine Domäne der Fürsten und ihres Anhangs sein; mußten sich die natürlichen Berufsarten in unnatürliche Kasten theilen, die sich möglichst von einander abschlossen, und von denen die Bevorzugten das Emporstreben der Jahrhunderte lang Unterdrückten achtungslos und grausam zurückwiesen! Diesem Moloch zu Liebe mußte das arme Vaterland, eine bequeme Beute für die mächtigen Feinde, hülflos daliegen und sich von den winzigsten Nachbarn verhöhnen, mußte im Innern sich von der Wuth der Parteien zerfleischen lassen. Diesem Moloch zu Liebe wurde das Blut seiner besten Söhne auf unrühmlichen Schlachtfeldern nutzlos vergossen; wurden in noch unrühmlicheren Straßenkämpfen so viele brave Herzen von brudermörderischen Kugeln durchbohrt …

Wolfgang hatte von jeher die Freiheit geliebt, weil er die Vernunft liebte; aber sein verwöhnter Geschmack hatte sich an den rauhen Formen gestoßen, in welchen die Freiheit in das Leben tritt. Jetzt hatte er in der fortwährenden Berührung mit der Welt, durch die Erkenntniß der Nothwendigkeit des Kampfes jene Scheu verloren. Er hatte begriffen, daß der Arbeiter sich der Flecken, welche ihm die Arbeit auf das Kleid spritzt, nicht zu schämen hat; daß, wer die Axt schwingt, und wäre er ein Gott, Schwielen in den Händen bekommen muß, und daß die rauhe Arbeit eine gewisse Rauhheit der Seele nicht nur entschuldigt, sondern geradezu fordert …

Der junge Mann sprach über alle diese Dinge sehr häufig mit Münzer und Degenfeld, von deren extremen Ansichten er sich in seiner jetzigen Stimmung mehr angezogen fühlte, als von seines Onkels ruhigerer Denkungsart. Er machte dem Onkel aus dieser seiner Vorliebe für die Ideen jener Männer kein Hehl, und Peter Schmitz war weit entfernt, ihn deswegen zu tadeln. »Ich finde es sehr begreiflich,« sagte Peter Schmitz, »daß Du in Deinem Alter noch nicht die Hoffnung aufgegeben hast, die spröde Wirklichkeit in die Form Deiner Ideale pressen zu können; ja, ich würde Dich weniger achten, wenn Du in Deinen Wünschen und Hoffnungen weniger ausschweifend wärest. Jeder von uns hat einmal die Schäden der Welt mit dem Zauberstabe des Socialismus und Communismus heilen zu können geglaubt; ja, wenn Du willst, haben sich noch alle Stifter humaner Religion in diesem Irrthum befunden. Aber, wenn die Welt durch jene Philanthropen geheilt werden könnte, wären wir schon lange im Paradiese. Nein, lieber Wolfgang! das Paradies ist ein Traum, das Paradies der primitiven Unschuld ebensowohl, als das der nachgeborenen allgemeinen Nächstenliebe. Wir müssen unsere Welt auf anderen Grundsätzen erbauen – auf den Grundsätzen des Rechtes, der Gerechtigkeit, der Solidarität der Interessen. Es ist die Ehre feuriger Herzen, für ein falsches Ideal, das den glänzenden Schein des Heroischen für sich hat, zu schwärmen; aber es gereicht dem nüchternen Verstande zur Unehre, über die Zeit hinaus in diesem Irrthum zu verharren. Dir rechne ich Deine Irrthümer zum Lobe an, Münzer und Degenfeld aber verzeihe ich die ihrigen nicht. Komm Du nur recht oft her und laß uns über diese Dinge gründlich sprechen, das wird uns Beide zerstreuen und aufklären.«

Wolfgang folgte dieser Einladung gern. Seit dem Tode der Mutter war ihm das väterliche Haus vollends verödet; hier, in der Gesellschaft dieser guten Menschen, fühlte er eine Linderung seines Kummers; hier durfte er reden, wie es ihm um's Herz war; hier durfte er die starre Maske abnehmen und sein wahres Antlitz zeigen. Wie er es vermied, über seine anderen Verhältnisse zu sprechen, so ging man von der andern Seite jeder Erwähnung derselben sorgfältig aus dem Wege; selbst Tante Bella, die am meisten kriegerisch Gesinnte, schien, nachdem sie am Begräbnißmorgen Margarethen's ihrem Herzen gegen »die Sippe« Luft gemacht, die Sache von nun an auf sich beruhen lassen zu wollen.

In seinem Verhältniß zu Ottilie war seit einiger Zeit eine für einen schärferen Beobachter nicht unmerkliche Veränderung eingetreten. Je öfter er mit dem schlanken Mädchen zusammenkam, je öfter er in ihre großen klugen blauen Augen schaute, je tiefer er sich ihre sanfte Stimme und ihr melodisches Lachen einprägte, je eingehender er mit ihr über eine Menge Dinge, die zum Theil dem Horizonte der Mädchen gewöhnlichen Schlages sehr fern liegen, sprach und dabei Gelegenheit hatte, die ruhige Sicherheit ihres Urtheils und die Zartheit ihrer Empfindung zu bewundern – desto seltsamer und unbegreiflicher kam ihm der vertrauliche Ton vor, den er sich von vornherein gegen dies bevorzugte Wesen erlaubt hatte, und desto mehr fühlte er sich doch zu gleicher Zeit zu dem lieben Mädchen hingezogen. Sie ihrerseits schien dieselbe geblieben, die sie war. Nur wollte Tante Bella bemerkt haben, daß ihre Augen einen tieferen Glanz bekommen hätten und daß sie lebhafter, theilnehmender, thatkräftiger – »schmitz'scher«, wie Tante Bella sagte – geworden sei. Aber Tante Bella sah freilich nicht, daß Ottilie, so oft sie allein war, halbe, ganze Stunden lang sitzen und träumen konnte, bis sie dann wohl, aus dem Traume erwachend, mit der Hand über die Augen strich und leise vor sich hin sagte: »Es muß sich Alles, Alles wenden.«



 << zurück weiter >>